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Erscheinungen des äußeren Lebens in verklärtem Bilde wiederstrahlcn zukönnen, fehlte der Kunst die Hauptbedingung ihrer naturgemäßen Entfal-faltung, die schönheitsvolle Wirklichkeit.
Die von Lessiug eingeleitete, in Schiller und Goethe zur glänzendstenBlüthe gelangte klassische Periode unsrer neueren Dichtung krankt an diesemgeheimen Fluche, der wie ein giftiger Mehlthau rasch wieder ihr hoffnungs-reiches Leben zerstört. Es war sicher eine rühmliche, nicht hoch genug zuschätzende GeisteSthat, wenn jene Heroen unsrer modernen Literatur in all'ihren Bestrebungen auf das goldene Zeitalter der griechischen Kunst zurück-gingen, und statt der gepuderten und geschminkten Aftermuse, die ans denbeschnittenen Taxusalleen der Hofgärten von Versailles nach Berlin undLechzig herüber promeniert war, der ewigen Schönheit huldigten, die unsans den Gesängen Homers heute so frisch wie vor zweitausend Jahrenanblickt. Nur wurde Eins dabei übersehen, oder mindestens nicht zur Ge-nüge beachtet. Es wurde übersehen, dass die mit Recht so hoch geprie-senen griechischen Kunstwerke, die man sich allerorten zum Muster nahm,eben desshalb so groß und herrlich waren, weil Form und Inhalt in ihnensich deckten, weil der Dichter sang, der Bildhauer formte, was in der le-bendigen Erinnerung seines Volkes lebte, weil die Blume der Kunst ihrefesten Wurzeln im Boden der Heimat schlug und der blaue Himmel vonHellas sich über ihr wölbte, die blinkenden Wellen des ägaischen Meeresihren Kelch umranschten. Wenn der Rhapsode die Schlachtscenen des tro-janischen Krieges vortrug, so horchten ihm die Enkel der Helden, die amMischen Thore gestritten; Äschylos hatte selber bei Marathon, Salamisund Platäa den Befreiungskampf Griechenlands mitgekämpft, den er inseinen „Persern" verherrlichte; und im Theater belächelte SokrateS als/ harmloser Zuschauer das dreiste Spottbild seiner Lehren, welches ihm Ari-stophanes von der Bühne herab in den „Wolken" vor allem Volke ent-gegen hielt. Der Künstler befand sich nicht im Gegensatze zu seiner Zeitund seiner Nation, sondern begeisterte sich an ihrem Tüchten und Trachten,die Kunst stand in inniger Wechselbeziehung zur Wirklichkeit die er-habensten Hymnen des Dichters feierten den Sieger in den olympischenSpielen, und Diesem wieder galt als der höchste Ruhm, dass er sich Werthgemacht, von einem Pindar besungen zu werden. So verklärte die Kunstdas schönheitsvolle Leben, und dieses rang nach dem Preise, solcher Ver-klärung würdig zu sein.