66
Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht;
Ich möcht' mich rüstig in die Höhe heben,
Doch kann ich's nicht, am Boden muss ich kleben,
Umkrächzt, umzischt von eklem Wurmgezücht.
Ich möchte gern mein heitres Lebenslicht,
Mein schönes Lieb, allüberall umschweben,
In ihrem selig süßen Hauche leben, —
Doch kann ich's nicht, mein krankes Herze bricht.
Ans dem gebrochnen Herzen fühl' ich fließenMein heißes Blut, ich fühle mich ermatten,
Und vor den Augen wird's mir trüb und trüber.
Und heimlich schauernd sehn ich mich hinüberNach jenem Rebelreich, wo stille SchattenMit weichen Armen liebend mich umschließen.
Einen ferneren Versuch, fein LiebeSlcid durch die Tröstungen derPoesie zu bewältigen, machte Harry in der Tragödie „Almansor". Hiererscheint der wilde Schmerz schon zur elegischen Klage abgedämpft, unddie melodischen Verse entflutheu der wunden Brust wie ein lindernderZährenstrom, durch welchen das Herz sich vom Alpdrücke seiner tödlichenLast befreien will. Gegen Ende des SommersemcsterS 1820 verließ Heineseine Stadtwohnnng in Bonn, und zog nach dem lieblichen DörfchenBeul am gegenüberliegenden Rheinufer, um dort während der Universitäts-ferien völlig ungestört an seiner Tragödie arbeiten zu können, deren erstesDritthcil im Augustmonat vollendet ward.
Aus welcherlei Gründen er im Herbste des Zahres den Entschlussfasste, den Aufenthalt in einer Universitätsstadt, die seinem geistigen Lebenso vielfache und werthvolle Anregungen bot, mit einer andern Hochschulezu vertauschen, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Vielleicht, dass dieVernachlässigung seines juristischen Brotstudiums seinen Verwandten zuOhren gekommen war, und dass sie einen Wechsel seiner Umgebung fürnützlich befanden; vielleicht auch, dass ihn selber die friedlose Unrast seinerSeele von dannen trieb — genug, im September 1820 packte er denTornister und ergriff den Reisestab, um, nach kurzem Besuch bei denEltern, über die Marken der „rothen Erde" nach Göttingen zu pilgern.Wie sehr diese mehrwöchentliche Fußreise durch Westfalen — der herrlicheAnblick des Ruhr- und Weserthals, die Wanderung über die einsame Heide