63
land, ein Vaterland selbst Demjenigen, dem Thorheit und Arglist einVaterland verweigern". Wie streng Heine, bei all seiner Vorliebe für dieKunstprincipien der Schlegel'schen Schule, auch damals schon die kirchlichund politisch reaktionären Gelüste derselben, ihr zweideutiges Kokettierenmit einer Nestauration mittelalterlicher Zustände, verurtheilte, sehen wiraus den Schlussworten seines Aufsatzes: „Viele aber, die bemerkt haben,welchen Ungeheuern Einsluss das Christenthum, und in dessen Folge dasRitterthum auf die romantische Poesie ausgeübt haben, vermeinen nunBeides in ihre Dichtungen einmischen zu müssen, um denselben den Cha-rakter der Romantik aufzudrücken. Doch glaube ich, Christenthum undRitterthum waren nur Mittel, um der Romantik Eingang zu verschaffen;die Flamme derselben leuchtet schon längst auf dem Altar unserer Poesie;kein Priester braucht noch geweihtes Öl hinzu zu gießen, und kein Ritterbraucht mehr bei ihr die Waffenwacht zu halten. Deutschland ist jetzt frei,kein Pfaffe vermag mehr die deutschen Geister einzukerkern; kein adeligerHerrscherling vermag mehr die deutschen Leiber zur Frohn zu peitschen, unddesshalb soll auch die deutsche Muse wieder ein freies, blühendes, unaffek-tiertes, ehrlich deutsches Mädchen sein, und kein schmachtendes Nönnchenund kein ahnenftolzes Ritterfräulein. Möchten doch Viele diese Ansichttheilen! dann gäbe es bald keinen Streit mehr zwischen Romantikern undPlastikern. Doch mancher Lorber muss welken, ehe wieder das Ölblattauf unserem Parnassus hervorgrünt".
Man sieht, der erste Aufsatz, mit welchem H. Heine das literarischeTurnierfeld betrat, war gewissermaßen ein Programm der ästhetischenGrundsätze, von denen sein künstlerisches Schaffen damals und währendder nächstfolgenden Jahre beherrscht ward. Ein überraschend hoher Gradkritischen Bewusstseins in einem Lebensalter, das sich bei anderen Dichterneher durch ein Vorwuchern sorgloser Produktionslust zu kennzeichnen Pflegt!Es lässt sich sogar nicht bestreiten, dass Heine, trotz seines späteren Ab-falls und leidenschaftlichen Kampfes gegen die romantische Schule, im We-sentlichen den in diesem jugendlichen Programm ausgesprochenen Princi-pien seine ganze Schriftstellerlaufbahn hindurch ziemlich treu geblieben ist.
Jndess ging die Zeit seines Bonner Aufenthalts auch in engeremSinne nicht der Muse verloren. Während Harry die vorhin erwähntenwissenschaftlichen Vorlesungen fleißig besuchte, seine Kollegienhefte in muster-hafter Ordnung erhielt, und daneben alle bedeutenderen neuen Erscheiuun-