stereotypen Charakter ihrer Begleitung, dass er vor Alleinnur darauf bedacht gewesen ist, dem versammelten Kirchen-oder Concertpublikum durch Vorführung eines gesang-mässigen Musikstücks Genüge zu leisten. Der Chor, aufdem bis dahin die wesentliche Wirkung der Cantaten-Musik beruht hatte, war damals kaum in die Oper einge-führt, zwei- und dreistimmige Sätze wurden in ihr äusserstselten angewandt, das Ensemble von Solostimmen abersollte erst erfunden werden 1 ). Nun musste EmanuelBach von Leipzig her wohl die grosse Wirkung kennen,die in dem Kirchenchore lag, zumal in dessen kunst-mässiger Verbindung mit dem Choral. Aber es scheint,dass die Gewohnheit und die Hinneigung zu dem lyrischenTheile der Musik bei ihm stärker gewesen seien, als diekünstlerische Ueberzeugung von dem, was dauernd undnachhaltig wirken müsse. So suchte er den Schwerpunktseiner Kirchenmusiken eben da, wo er den Schwerpunktder Oper gefunden hatte, nämlich in der Arie, und zwarin der Arie in ihrer überkommenen Form, in dem SoloGesänge, der um seiner selbst willen geschrieben wurde.
An diesem Fehler kranken alle seine geistlichen Mu-siken. Ihm vorzugsweise ist es zuzuschreiben, dass die-selben bald vergessen worden sind. Er konnte oder wolltesich nicht dazu erheben, das Publikum, für welches erschrieb, zu sich empor zuziehen. Er bequemte sich seiner,ephemeren Geschmacksrichtung und stieg zu ihm herab.Bach sagt von sich selbst' 2 ): „Weil ich meine meisten Ar-beiten für gewisse Personen und für's Publikum habe machenmüssen, so bin ich dadurch Allezeit mehr gebunden gewesen,
1) Welch' grosser Werth zu jener Zeit auf die Arie gelegt wurde,ergiebt sich beispielsweise daraus, dass Friedrich II. mit eignerHand zu einer Arie aus der Oper Cleofide von Ilasse für den SängerPorporino Veränderungen (und zwar von unglaublicher Schwierigkeit) gesetzt hatte, deren Original - Handschrift (aus dem NachlasseCarl Philipp Emanuel Bach's herrührend und von ihm be-scheinigt) sich in der K. Bibliothek zu Berlin befindet.
2) Burney, Musik. Reisen. III. S. 208.