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Sommerabend selbst ist. Mit dem Sitzen verstummte gewöhnlich dasGespräch. Wie oft habe ich ihn da mit gefalteten Händen gesehen, mitstillen sanften Zügen, selbst wenn er von der Zeit und von ihren großenWechseln sprach, die wir mit einander erlebt hatten. In Sehnsucht nachdem Verlorenen oder durch Dummheit, Feigheit, Hinterlist Verspieltenund Verschwendeten von den großen Gaben Gottes, in dem Gedanken,was gewonnen gewesen nnd durch die Schlechtigkeit der Menschen nichtfestgehalten war, sprach er doch in Erinnerung des Elends und derSchande, woraus wir erlöst waren, und in dem Gefühl, daß wir wiederim Schatten eigener Bäume sitzen und beten konnten: „Lieber Frennd,wir haben doch viel gewonnen, Gott wird ja weiter helfen!" Dannauch wohl wieder in einem andern Sinne und nach einer andern Seitehin gewandt: „Diese Welt ist einmal eine böse Welt, wo die Schelmeoft oben schwimmen, mau sehnt sich oft dahin, wo es besser ist; ich hoffedoch dahin zu kommen, wo man immer in Gesellschaft von ehrlichenLeuten lebt und einem nicht so viele Schelme und feige Schurken be-gegnen, als einem hier oft den Weg versperren wollen." Wann wir aufunfern Spaziergängen einem armen, gebückten Alten, einem unglücklichenKrüppel oder irgend einem jämmerlichen Bettler begegneten, der nachdem gnädigen Freiherrn die Hände ausstreckte, so holte dieser Freiherr,der für solche Fälle fast immer etwas bei sich hatte, ihm die Gabe ausder Tasche und gab sie ihm still hin. Nie sprach er dabei ein Wort,sondern verlor vielmehr das Wort, wenn der Unglückliche nicht ebenein Bekannter war; es zog dann meistens eine sehr ernste Wolke übersein Gesicht und er stand wohl mehrere Minuten still: es war, als seidas Menschengeschick an uns vorübergegangen!"
Ein anderer und jüngerer Freund Steins war der spätere Ministervon Bodelschwingh, ein Westsale bester Art. Mit dem ging Stein imSommer 1830 fast allabendlich nach seiner lieben Einsiedlerhütte. DerWeg führte über die neue, schöne Kettenbrücke der Lahn. War dieSonne hinter die Berge gesunken, und glühte das Abendrot überihrem Scheitel mit dem dunkeln Hochwald, so fetzte er sich auf die Bamam Brückenpfeiler, um sich und sein braunes Hengstlein auszuruhen. Meistsaß er dann still, an dem herrlichen Anblick sich stärkend. Ehrsnrchts-/voll stand Bodelschwingh daneben. Doch oft ließ der Greis fein Her,Zauch in Worten ausströmen. „Wie prächtig schon hier", rief er aneinem solchen Abend aus, „wie viel schöner muß es erst drüben sein.Freuen Sie sich mit mir, daß ich dem Ziele so nahe bin!"
Doch mitten in dieser Ruhezeit hat der Greis noch rastlos gewirkt,Ganz besonders wichtig und lieb war ihm die Sammlung und Heraus-gäbe der Urkunden und Quellenschriften für die deutsche Geschichte, einGedanke, welcher, in seiner Brust entstanden, durch seinen Eifer vonProfessor Pertz zur Ausführung gebracht und durch große Geldopfe» ^von ihm unterstützt ist. Dies Friedenswerk Steins ist für uns Deutsch: jvon der tiefsten Bedeutung. Denn wie der Mensch nichts wert ist,noch wirken wird, der seine eigene Vergangenheit nicht kennt und bedenkt,!den Ernst und die Güte Gottes samt den eigenen Mängeln darin ^nicht schaut, so wird auch das Volk kraftlos hinsiechen, welches in derGeschichte seiner Bäter nicht zu Hause ist und nicht beachtet, wie Gottdarin gerichtet und gerettet hat.