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fühlte sich Stein innerlich je länger, je mehr entfernt. Er kannteeben nur einen Maßstab, die Menschen zu messen, denselben,mit dem Gott mißt: „Ihr sollt heilig sein, denn ich binheilig!" — Groll und persönliche Bitterkeit hat Stein niegekannt. „Warum", fragte er in Rom seinen Freund, den preu-ßischen Gesandten Niebuhr, „warum nehmen Sie nicht auch teilam heiligen Abendmahl?" „Ich bin", war die Antwort, „gar nichtin der Stimmung; man soll mit seinen Feinden versöhnt zumAbendmahl gehen, und das kann ich nicht!" „Ach was", sagt?da Stein, „das Evangelium befiehlt, man soll seinen Feind nichthassen!" Wenn er gleichwohl oft heftig und ungestüm aufgefah-ren ist und nicht selten damit Wunden geschlagen hat, so wußteer das und dankte dem, der seinen Brausegeist mit überlegenerRuhe zu zähmen wußte. „Glauben Sie denn", hat er einmalzu Scharnhorst gesagt, „ich weiß nicht, daß ich übereilt undheftig bin? Aber wenn ich das ablegen könnte, so wäre ich ein.altes Weib." Indes hat er es keineswegs für altweibisch gehalten,sein Unrecht vor Gott, Menschen und dem eigenen Gewissen ein-zugestehen. Sein langjähriger, treuer Begleiter, der alte Arudtversichert, daß Stein ihn wie andere, die er in der Eile gestoßenhatte, ehrlich um Verzeihung gebeten, und Näherstehenden dabeifreundlich über die Wangen gestrichen, oder wenn die „aller-^freundlichste Freundlichkeit" aus seinem Herzen gequollen sei/ihnen den Kopf herüberholend, sogar die Stirn geküßt habe.„Wenn unten", erzählt derselbe Arndt, „um Steins Wangen,Mund und Kinn heftige, empörte Triebe zuckten, die wohl aneinen Löwengrimm mahnen konnten, so wurde seine Stirn vondem Nebelgewölk des Verdrusses oder vollends von den düsternDonnerwolken des Zornes selten überzogen. Dort leuchtetefast immer der klare, heitere Himmel eines herrschenden, be-wußten Geistes!"
12. Steins Keieravend,
oder
Per Alle ist milder. (Luk. 5, 39.)
Seit 1831 bedeckte die Erde der einsamen Felseninsel St. Helenadie Gebeine Napoleons. Ueber seiner gestürzten Größe stand, geschriebenvon der Hand Gottes, das alte Wort: Sie transit xloria mulläi! soschwindet die Glorie der Welt. Auch Stein war gealtert. Aber seinLebensabend glich der Sonne, wenn sie nach dem Sturm unter licht-'