Druckschrift 
Die Geschichte der Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

69

— hier wendete er sich spöttisch zum Minister, — „Sie habenauch wohl nicht immer wie Joseph gelebt!" Stolz erhob sichStein und sagte mit erhabener, niederschmetternder Ruhe: „Im-mer habe ich Abscheu vor schmutzigen Gesprächen gehabt undhalte es nicht für Passend, daß ein deutscher Fürst dergleichenvor jungen Offizieren ausführe!" Totenstille. Nach einigenMinuten führte der Großherzog das Gespräch in gewohnterAct weiter/ Als man aber nach Hause ging, sagte der Oberstvon Ende, damals Kommandant Cölns: er wolle lieber das <Feuer von zwei Batterien, als solche Reden aushalten, und derOberpräsident, Graf Solms, rief aus: „Nein, wie der mitFürsten umgeht! Mir ist noch ganz heiß davon." — So habennoch oftmals die Sturmesworte des steinernen Gastes die sitt-lich schwüle Luft der Gesellschaft gereinigt. Den Ruhm feiner,vornehmer Höflichkeit, die niemanden stößt, die allen genugtut, hat Stein nicht mit ins Grab genommen. Er hat ihnauch nicht begehrt. Die Wahrheit war die Königin und dieBraut, um die er warb. Aus Höflichkeit unwahr sein oder mitfalschem Schein sich verschleiern, galt ihm für Feigheit, für Ver-leugnung echten Mannesmutes, Es gibt eine Höflichkeit, diebeides Gottes Tochter und Gottes Dienerin ist. Sie hat deralte Reichsfreiherr ritterlich geübt. Aber die Formen nnd Ge-setze jener Höflichkeit, welche unsere Gesellschaftskreise mit einemLügennetz umspannt, in die hat er, wie kein zweiter, mit unbarm-herziger, eiserner Faust hinein gehauen. Es ist wahr, mankönnte solche unerbittliche Art, der Wahrheit die Ehre zu geben,grob nennen. Aber man muß dabei an den Ausspruch meinesseligen Freundes Hamann denken: „Lügen sind gedrechseltund poliert, die Wahrheit ist grob wie die Natur?"

Für Stein selbst war es stets ein bitterer Schmerz, wenner über Freunde den Donner der Wahrheit hinrollen lassen mußte.

So hat gewiß niemand so viel gelitten, wie er selbst, als erseinen, einst hochverdienten Mitarbeiter, den Staatskanzler FürstenHardenberg, vor dessen „schneeweißem Kopf" er so gerne Respektmhabt hätte, rundweg den „liederlichen" nennen und ausrufenmußte: „Dieser alte, eitle, entnervte Sünder, was gibt er demsittlichen, edlen Hofe gegenüber für ein Beispiel!" Sogar vonem vielgeliebten Kaiser Alexander, welcher trotz seines Wahl-Pruches: ,,Gottvertrauen, Beharrlichkeit!" als Zar über dasgöttliche Gesetz der Keuschheit und Treue erhaben zu sein meinte,