71
verklärten Wolken in großer, stiller Pracht niedergeht. Er suchte undfand Ruhe. Am Rande des stillen Mühltales bei Nassau baute sich deralternde Herr eine einfache freundliche Hütte, wie die Bergbewohner imOberlande sie haben. Dicht vor der Türe plätscherte der muntere Bach,und um das niedrige Dach und die kleinen Fenster mit den rundenScheiben rauschten die alten, hohen Bäume. Die Wände drinnen undder Hausrat waren von Holz, sonst war kein Schmuck zu sehen. Nurein paar weiße Bogen hingen an den Wänden; darauf hatte der alteHerr Hebelsche Bauernreime geschrieben, welche uns zeigen, was seinHerz erfüllte, und wohin seine Gedanken gingen. Der erste heißt:
Wo isch der Weg zur Fried uud Ehr,Der Weg zum gueten Alter echt?Grad sürsi gohts in MäßigkeitMit stillem Sinn in Pflicht undRechts
Ne. freudig Stündli,
Jsch's nit e Fündli?
Icz Hemmer's und jez simmer do!Es'chumt e Zit, würds änderst goh;
Und wenn de amene Chrüzweg stohfch,Und nümme weisch, wo's ane goht.Halt still und frog die Gwifse z'erst,'s cha Dütsch, Gottlob, und folg si'mRoth.Der zweite:
's währt alles churzi Zit,Der Chilchhof isch nit wit.Wer weiß, wer bald dort lit?
Ein dritter:
O geb i's Gott e Chindersinn!'s isch große Trost und Sege drinn.Sie schlose wohl und traue Gott,
Wenns Spieß und Nägel regne wott;Und er macht auch si Sprüchli wohr,Mit sinen Engeln in der Gfohr.
Wo mag der Weg zum Chilchhof sy?Was frogfch' du laug? Gang, wodu witt!
Zuem stille Grab im chuele GrundFührt jede Weg, und 's fehlt si nit.
Der vierte endlich:
Doch wandle du in Gottissnrcht!I roth der, was i rothe cha.Sel Plätzli hat e g'heimi Tür,Unds sin noch Sachen ehne (jenseits)dra.
Das Häuslein hatte zwei Zimmer, ein größeres und ein kleineres.In dem letzteren saß Stein so gern in der Ecke auf der hölzernenBank, den Krückstock, den er seinen braunen Hengst nannte, an dieWand gelehnt. Da konnte er Stunden lang, dnrchs weinumrankteFensterlein schauen, vor sich den Bach, den Wiesengrund, und drübenden bewaldeten Berg niit den Trümmern seiner Ahnenburg, ein ernstes,liebliches Bild, wie's der Leser S. 4 des Umschlags schauen kann.Wie war mir zu Mute, als auch ich dort ein halb Stündlein saß, andemselben Anblick mich erquickend. Der gewaltige Mann mit seinemWesen und Wirken stand leibhaftig vor meinen Augen, und ich weißnicht, was war mir ein größeres Labsal, der ungestüm Kämpfende inseiner Heldengröße oder der friedliche Greis in seiner Kindesruhe!Denn ist das Meer majestätisch, wenn es in stürmenden Wogen seineKraft offenbart, so ist es auch überwältigend, wenn es in siegreicherRuhe vor den Blicken sich ausdehnt!
Sowohl in den Tälern um Nassau, wie in den Wäldern undFeldern bei Kappenberg sprach der alte Reichsbaron gern mit den Bauern,die ihm begegneten. Und wie es bei großen Männern zu geschehen