35
schrieb der Vertriebene an die Prinzessin Luise: „In wenigenStunden verlasse ich ein Land, dessen Dienst ich 30 Jahremeines Lebens widmete, worin ich nun meinen Untergang finde.Besitzungen, die seit 675 Jahren in meiner Familie sind, ver-schwinden. Verbindungen jeder Art, die in jedes Verhältnismeines Lebens eingreifen, werden vernichtet, und ich bin ausmeinem Vaterlande verbannt, ohne jetzt auch für mich und dieMeinigen eines Zufluchtsortes gewiß zu sein. Möchte meinNutergang in dem Sturme der Zeit meinem unglücklichen Vater-lande nützlich sein, so will ich ihn mit Freudigkeit ertragen."
Die heimlichen Franzosenfreunde wähnten, der furchtbareLöwe sei endlich gebändigt. Stein, vom österreichischen Kaiserhoch geschätzt, fand in Brünn, Troppan und zuletzt auf demSchlosse Troja bei Prag eine sichere Zufluchtsstätte. Da saßer, der Geächtete, im fremden Lande, einsam und verlassen, zumzweitenmale mit seinen großen Hoffnungen für das geliebte deutscheBaterland zu Boden gestoßen. „Herr, wie gar unbegreif-lich sind deine Gerichte und unerforfchlich deine Wege!"Steins langjährige und mütterliche Freundin, die greise Ministerinvon Heiuitz, schrieb dem Verbannten: „Die Vorsehung wacht, undwann widrige Vorfälle sich ereignen, so müssen wir nur ihreWege, so sie einschlägt, anstaunen, nicht beurteilen!" So ist es!Wäre Stein im Amt geblieben, würde sein Sturmeseifer ohneZweifel den König vorzeitig zum Kampfe gedrängt haben. Na-poleon selbst hat, als er auf St. Helena saß, gesagt: „Ich hätteStein aus seiner Stellung nicht vertreiben sollen; er würdePreußen schon 1809 zum Losschlagen gedrängt haben, und da-mals konnte ich es zertreten, wie einen Wurm!" Und Gneisenauschrieb an Stein: „Gott sei mit Ihnen! Sobald ich Sie inSicherheit wußte, freute ich mich über Ihre Aechtung. DieSchwachmütigen sind dadurch niedergedonnert, die Bösartigenfreuen sich darüber. Allein aller Edlen Herzen sind noch festeran Sie geschlossen. Napoleon hätte für Ihre erweiterte Cele-brität nichts Zweckmäßigeres tun können. Sie gehörten ehedemnur unserm Staate an, nun der ganzen civilisierten Welt!"Allein Stein fühlte die volle Pein der Verbannung. Tiefer nochals das eigene schnitt ihm das Schicksal seiner teuern SchwesterMarianne in die Seele. Schon 60 Jahre alt, war ihr Hauptschneeweiß; doch reiner, klarer, als der weißeste Schnee leuchtetevon dem kleinen, verwachsenen Körper ihr frommes, friedevolles
3*