Druckschrift 
Wissenschaftsgeschichtliche Eindrücke eines alten Germanisten : Festgabe zum zweihundertfünfzigjährigen Jubiläum der Weidmannschen Buchhandlung
(1. April 1930)
Entstehung
Seite
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z. B. auch Dietrich Schäfers Deutsche Geschichte fest, ob-gleich er wesentlich übereinstimmend mit mir den Anfang derKulturwandlung, die den Schluß des Mittelalters anzeigt, insvierzehnte Jahrhundert verlegt. Ich meine aber, eine wissen-schaftliche Periodisierung muß, ihrer unabänderlichen Willkürsich bewußt, doch suchen, den endlosen Strom der Geschichteso zu zerlegen, daß die in ihn gebetteten bestimmenden geistigenBewegungen durch die gewählten Grenzen nicht zerrissen werden,sondern mit ihrem vollen Ablauf, ihren Anfängen, ihrem Höhe-punkt, ihrem Ausgang als Einheit hervortreten.

Auch der neueste Versuch S. Singers (Germanisch-romanischeMonatsschrift 1929, Jahrg. 17, S. 8196), die gemeinüblicheAbgrenzung des Mittelalters zu retten durch die Behauptung,daß der chronologische Begriff dieses Worts eine Zurückschiebungder Grenze ins vierzehnte Jahrhundert verbiete, schlägt nichtdurch. Selbst wenn man zugeben wollte, daß dieser Begriff reinchronologisch sei (was er aber keineswegs ist !), bleibt bei derBezeichnung als zeitliches Mittelstück zwischen Altertum undneuer Zeit ja der Endtermin dieses Mittelstücks und der Anfangs-termin der neuen Zeit völlig offen und dem Ermessen auf Grundeiner sachlichen Prüfung des Ablaufs der geschichtlichen Vor-gänge anheimgestellt. Auch Singer fühlt das und unternimmt esdaher, den 'Geist des Mittelalters' zu charakterisieren. Aber ertut es, teilweise durch Huizingas gleich zu nennendes Buch irre-geleitet, mit subjektiver Willkür, indem er aus anfechtbarenliterarisch-psychologischen Urteilen über vereinzelte Erscheinungenein Gesamtbild konstruiert, ohne die entscheidenden großenhistorischen Bewegungen des staatlichen und sozialen, kirchlichenund religiösen, künstlerischen, wissenschaftlichen und sprach-lichen Lebens zu berücksichtigen. Drei Ideale bestimmen nachSinger den Geist des Mittelalters: das Heldenideal, das christlicheHeiligenideal und am Ausgang des Mittelalters das Narrenideal.Für dieses jüngste Ideal ruft er sogar noch die doch offenbarmoderne Ironie und Skepsis des Erasmus von Rotterdam unddessen 'Enkomion moriae' als Zeugen auf, wodurch denn die