„nicht die einfachste Quellenuntersuchung literarhistorisch frucht-bar gemacht werden ohne ästhetische Bildung" (Kleine SchriftenI 206).
Das ist denn wirklich die Forderung, in der sich der wider-spruchsvolle, vielfach gestufte Drang der heute im Mannesalterstehenden Generation zusammenfindet: der Poesie soll ihr freiesLebensrecht, ihre echte Kraft und Kunst errungen und zugesichertwerden über dem Lärm der Geschäfte und Begierden des Erwerbs.
3
DIE GESCHICHTSWISSENSCHAFT VON HEUTErühmt sich, daß sie an Stelle rein genetischer Be-trachtung oder wenigstens neben ihr die Wertung dergeschichtlichen Vorgänge erstrebe. Es wirken sich darin diefruchtbaren Gedanken der Heidelberger Philosophen Windelbandund Rickert aus. Aber gerade diesem Standpunkt kommt Scherers
— mit Unrecht streng positivistisch und materialistisch gescholtene
— Auffassung der Literatur als Ausdruck des geistigenLebens nahe.
Einer der lautesten Heißsporne der heutigen 'Literaturwissen-schaft', der mit dem von Richard M. Meyer gestifteten BerlinerSchererpreis gekrönte Herbert Cysarz hat Scherers Darstellungder deutschen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts 'eine Kari-katur' genannt und in einer Art hysterischen Wutanfalls sich selbstübersteigernd, Scherers Einordnung und Wertung der sogenanntendeutschen 'Barockliteratur', insbesondere seine Verlegung derliterargeschichtlichen Zäsur auf die Mitte des siebzehnten Jahr-hunderts, wodurch der Zusammenhang der Entwicklung unsererLiteratur zerrissen werde, als 'Infamie' bezeichnet. Alle ver-ständigen Menschen wird die unwürdige Form dieses Urteils an-
I I