war Scherer, selbst schon, ohne es zu ahnen, vom Tode gezeichnet,in die Bresche getreten, nachdem er sein eignes wissenschaft-liches Vermächtnis dreifach gestaltet und dessen Veröffentlichungzu treuen Händen der Weidmannschen Buchhandlung übergebenhatte: in seiner 'Literaturgeschichte', in der abgeklärten, allseitigvertieften und bereicherten Neubearbeitung seines 'Jacob Grimm'(1885) und in dem ersten Wurf einer noch unausgereiften Vor-lesung über 'Poetik', dem heute viel gelästerten Versuch, der aberdauern wird als erster Anlauf einer empirisch-genetischen Er-forschung der innern Form der Poesie und ihrer soziologischenLebensbedingungen. Später haben Rödiger und Pniower dengroßen Torso der Müllenhoffschen Altertumskunde der Nachweltzugänglich gemacht.
Als Scherer auf der Höhe seines Schaffens die 'Geschichte derdeutschen Literatur' herausgab, Müllenhoff der lange unter-brochenen Fortführung seiner 'Deutschen Altertumskunde' dasletzte Aufglühen seiner leidenschaftlichen Seele zuwandte, blühtedie deutsche Philologie in Berlin verheißungsvoll wie nie zuvor.Eine Schar werdender Gelehrter umringte die beiden Führer, undauch ihre Universitätsvorlesungen waren von einer, großen Zahlaufmerksamer Teilnehmer besucht, die freilich hinter den heutigenHörermassen weit zurückblieb. Erinnerungen an jene schöneZeit (1880—1883), da hier in Berlin ein Verband aufstrebenderjunger Germanisten in freundschaftlichem Wetteifer den Bahnenihrer Lehrer mit wachsender Selbständigkeit folgte, habe ich ver-sucht aufleben zu lassen in einem kleinen Aufsatz zur Feier des70. Geburtstages Ludwig Wüllners, des Meisters deutscherGesangs- und Sprechkunst, der damals als künftiger Privatdozentder germanischen Philologie unserem Kreise angehörte (Unter-haltungsblatt der Vossischen Zeitung, Sonntag, den. 19. August1928). Damals stand die Weidmannsche Buchhandlung an derSpitze der die Germanistik pflegenden Verleger. Ihr InhaberHans Reimer (j 1887) setzte sich mit lebhaftestem persönlichemInteresse ein für alle wissenschaftlichen Unternehmungen undAnregungen Scherers, trat ihm auch menschlich nahe und erschien
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