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Der deutsche Staat : Verfassung, Macht u. Grenzen 919 - 1914
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ausgeführt: 1883 das Krankenversicherungsgesetz; 1884 das Anfall-versicherungsgesetz. Diesen beiden konnte man doch Erfahrungen pri-vater Kreise zugrunde legen. Das allerschwierigste Werk, die Alters-und Invalidenversicherung, kam 1889 zustande. Kein anderer Staatwar voraufgegangen. Eine hochherzige Politik war es, doch wurdendie deutschen Arbeitgeber mit Beiträgen belastet, die, solange nichtalle konkurrierenden Länder die gleich hohen Soziallasten trugen,der deutschen Produktion einseitige Bürden auferlegte. Nur wenigesahen auch voraus, in welchem Llmfange Simulanten das Gesetzmißbrauchen würden und wie hoch die Verwaltungskosten ansteigenkönnten. Ein sittlich hochstehendes Volk muß diese Schäden mög-lichst eindämmen, was freier Selbstverwaltung schwerer fällt alsdem Staate. Doch, wo Licht ist, ist auch Schatten. Dieses Licht abererstrahlte seitdem in Millionen von deutschen Herzen. Der alteObrigkeitsstaat wurde nun erst recht ein Staat der Fürsorge, dieoft ausgeübt wurde durch die rauhe Hand der Polizei, die mit-unter lederne der Bürokratie und nun auch durch die nachsichtigeder Organe der Versicherungen. An eine solche fürsorgende Gesetz-gebung hatte man 1871 noch nicht gedacht. Der Liberalismus hieltnoch an dem Prinzipe der Nichtintervention in Wirtschaftsfragenfest, konservative Kreise glaubten durch Ausbau der Karitas dermit der Industrialisierung wachsenden Not steuern zu können.

Der Äbergang vom Freihandel zum Schutzzolle und damit eineFinanzreform des Reiches erfolgte 1879. Die Konservativen unddas Zentrum, die neuen Stützen der Neichspolitik, pflichteten derAuffassung der Negierung bei, daß das Neich als Lebensgemein-schaft für das Gleichgewicht aller Lebensberufe sorgen müsse. Mitdem Amschwunge zum Schutzzolle kamen die Interessen der ver-schiedenen Verufstände — und die enthalten sehr materielle — zurGeltung. Es verschlangen sich nun die bisher vorwiegend verfassungs-rechtlichen Grundfragen mit den wirtschaftlichen, die manche Par-teien lockerten und Teile abstießen.

Das Neich war bisher im wesentlichen Kostgänger der die Matri-kularbeiträge liefernden Gliedstaaten gewesen, die neue Finanzreform,die Zölle machten es unabhängiger vom Parlamente. Doch dasnicht unitarisch, sondern föderalistisch gerichtete Zentrum knüpfte seine

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