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Der deutsche Staat : Verfassung, Macht u. Grenzen 919 - 1914
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vertreten. Er erfuhr dort, daß, wenn der König von Bayern nicht inkürzester Frist den Kaisertitel beantrage, entweder die in Versaillesversammelten Fürsten oder der Reichstag ihm zuvorkommen würden.Der Graf erbat nicht nur ein Schreiben Vismarcks an seinen König,sondern auch einen förmlichen Entwurf eines Kaiserbriefes, den mannur dem Könige zur Unterschrift vorzulegen brauche. Vismarck be-gründete in feiner psychologischer Berechnung in seinem Schreibenden Wunsch mit der Stellung des bayrischen Königs als des erstenunter den deutschen Fürsten, ohne das kraß auszudrücken. Dann fährter über den Entwurf fort: „Demselben liegt der Gedanke zugrunde,welcher in der Tat die deutschen Stämme erfüllt, der deutscheKaiser ist ihr Landsmann, der König von Preußen ihr Nachbar;nur der deutsche Titel bekundet, daß die damit verbundenen Nechteaus freier Übertragung der deutschen Fürsten und Stämme hervor-gehen. Daß die großen Fürstenhäuser Deutschlands, Preußen ein-geschlossen, durch das Vorhandensein eines von ihnen gewähltendeutschen Kaisers in ihrer hohen europäischen Stellung nicht beein-trächtigt würden, lehrt die Geschichte." Der König unterzeichnetesofort den Kaiserbrief, schickte ihn an seinen Kabinettssekretär Eisen-hart, ihm es anheimstellend, ihn abzusenden. Die Scheu vor Ver-antwortung mag den König geleitet haben. Am 3. Dezember über-reichte der Prinz Luitpold das Schreiben, und am 16. Dezemberteilte der König Ludwig mit, daß sämtliche Mitfürsten und FreienStädte „in freudiger Einmütigkeit" seinem Antrage zugestimmt hatten.Zwischen dem König Wilhelm, dem Kronprinzen und Vismarck,der leidend war, entstand eine Spannung. Der König wünschte dieschärfere Fassung Kaiser von Teutschland, der Bundeskanzler hieltihm entgegen, daß darin ein Anspruch auf Landeshoheit liege und dieStaatsverträge die Formel „Deutscher Kaiser" bereits enthielten.Noch war der Streit nicht entschieden, und so brachte der ranghöchsteunter den anwesenden Fürsten, der Großherzog von Vaden, bei derProklamationsfeier das erste Hoch auf den „Kaiser Wilhelm" aus.Sie fand im Spiegelsaale des Schlosses von Versailles statt am18. Januar I87l. Der Tag erinnerte an die erste preußische Königs-krönung l7l)l. So tief verärgert war der Kaiser, daß er, der sogarmit der Abdankung gedroht hat, an Vismarck vorüberging, ohne

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