Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

§ 37. Das himmlische Jerusalem.

139

Inhalt. 1 ) A. Einleitung 148 (nach Waag 2 ), darin Angabe der Quelle: die Apokalypsedes Johannes Evangelista 2148. B. Hauptteil 49443. a) 49127 Beschreibung derStadt: die Ausdehnung 4960; die 12 Tore 61110; das Innere 111127. b) 128429die 12 Edelsteine an der Stadtmauer, c) 430-443 Umfang der Stadt. C. Schluß444473 Epilog an das Publikum: gegen die weltliche Dichtung 444455; die zwei Wege,der schmale, der zum Himmel, der breite, der zur Hölle führt 456473.

Das Gedicht ist eine Allegorie. Die himmlische Stadt in der Darstellungder Apokalypse 21, 225 wird ausgelegt auf religiöse Verhaltungsweisender Menschen. Die Deutung der Edelsteine speziell schließt sich an Apokal.21, 1820 an. Diese Stelle bildet den Ausgangspunkt für die m.alterl. Stein-bücher, Lapidarien, also für die Mineralogie bezw. näher: für die Edelstein-kunde. Auch die Steine, wie die Tiere des Physiologus, haben mystischeBedeutung. Eine unmittelbare Quelle des Gedichtes ist nicht aufzufinden,wahrscheinlich ist der Verfasser bei seiner Zusammenstellung frei verfahrenund nicht einer Vorlage sklavisch gefolgt. Möglich ist, daß er im Allgemeineneinen Apokalypsekommeotar benutzt hat. In der Auslegung der Steinehat das Gedicht viel Übereinstimmung mit einem dem Marbod v. Rennes(f 1123) zugeschriebenen Prosatraktat und besonders mit des Hugo v. FolietoDe bestiis et aliis rebus. 2 ) Der Text der Apokalypse ist sehr frei behandelt,viele Punkte sind überhaupt nicht verwendet, die Reihenfolge ist nichtgenau eingehalten. Es entsprechen sich im großen und ganzen: die Einl. 148und Apokal. 21, 2. 9. 10; die Stadt und die Tore 49127 (dazu 430443) u.Apokal. 21, 12. 17. 21. 23. 25; die Edelsteine 128-429 u. Apokal. 21, 18-20.

Die allegorische Absicht des Gedichtes tritt auch im sprachlichenAusdruck immer und immer wieder zutage durch das formelhafte be-zeichenen (auch diuten), der lehrhafte Ton wird gleich in den Eingangs-worten angeschlagen. Zum Gebrauch des Lat. gaben besonders die Namender Steine Gelegenheit. 3 )

Einige Verse sind, z. T. wörtlich, in die Kaiserchronik übergegangen:2326 = Kehr. 561523; 397 f. = Kehr. 13679 f., vgl. 455 = Kehr. 6.*)

1 ) Ehrentraut S. 3133.

2 ) Marbods Werke bei Migne Bd. 171.Diemer hält Marbods Traktat (abgedruckt inseinen D. Ged. Anm. S. 8992) für die Quelledes deutschen Gedichtes, während KelleaaO. unmittelbaren Zusammenhang mit dergenannten Abhandlung des Hugo v. Folietoannimmt (Migne 177, 115 ff., als Appendixzu Hugo v. St. Victor); dagegen EhrentrautS. 1030. 4255. Eine weit ausgedehnteallegorische Erklärung der coelestis Jerusalemist in der ebenfalls als Appendix in Hugosv. St. Victor Werke aufgenommenen mysti-schen Schrift De Claustro animae Hb. IV,20 ff. eingeflochten, die wohl auch Hugo v.Folieto zum Verfasser hat (Migne 176,1159 ff.).Ehrentraut weist S. 3041 auf Bezieh-ungen zum Thema der Dedicatio ecclesiaehin. Das Gedicht ist eine allegorische Aus-

legung (V. 2 f.), die vor einer Versammlungvorgetragen werden konnte, aber nicht eineKirchweihpredigt. Die Veranlassung zur Ab-fassung liegt in der Beliebtheit des Gegen-standes, das ist die Schilderung der Herrlich-keit der himmlischen Wohnungen, das Inter-esse für -die Edelsteine und ihre allegorischeAuslegung, und überhaupt auch für das Buchder Apokalypse. Wenn das Gedicht zur Feierder Kirchweihe bestimmt gewesen wäre, dannmüßten sichgewisseAndeutungen darin finden,auch Bitten an Gott wie in dem von Ehren-TRAUTzitiertenHymnusUrbsbeataHierusalem(Dreves, Analecta hymnica II Nr. 93, auch indem daselbst vorhergehenden HymnusNr.92).

3 ) Grunewalds. 19. Formeins, bei Ehren-traut S. 89103.

4 ) Schröder, Kehr. S. 92. Ueber die Aehn-lichkeit zwischen Versen des himmlischen