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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 16. Alcuins Traktat De virtutibus et vitiis.

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Aus dem Zustand der Überlieferung ist nicht zu ersehen, ob beide StückeTeile ein und desselben Werkes oder zwei selbständige Gedichte sind. Diesolenne Einleitung zu denZehn Geboten" spricht für die zweite Annahme;und ebenso die Verschiedenheit in der stofflichen Grundanlage, denn inEsau und Jakob" wechseln erzählende mit lehrhaften Partien, da diesesStück von der biblischen Geschichte ausgeht, während dieZehn Gebote"keinen erzählenden Untergrund haben, sondern nur aus dogmatischen Er-klärungen bestehen. Was die fehlenden Teile enthalten haben, ist nicht mitSicherheit zu bestimmen. Das ganze erste Gedicht, von demEsau undJakob" ein Bruchstück ist, war wohl eine tropologische Auslegung derGenesis oder wichtiger Teile derselben, wobei der Schwerpunkt auf denmystischen Deutungen lag, während der biblische Text nur die Anhalts-punkte für die theologischen Erörterungen abgab, denn die erzählendenPartien sind ganz knapp gehalten und betreffen nur einzelne dogmatischverwertbare Hauptstellen.

Metrik. Die Assonanzen sind nicht stark; voller Flexionssilbenvokalreimt in gebot: hangot 163 f. Mehrsilbige Senkungen begegnen nicht selten,aber keine schweren Senkungsfüllungen.

§ 16. Alcuins Traktat De virtutibus et vitiis.

Kelle 2, 81. 289; Piper, Alt. d. Lit. S. 460. Ausg.: Graff, Diut. 1, 281 -291, dazuCollation von Scherer, ZfdA. 21,414; genauer bei Piper, Notker II, Einl. S. IIV, vgl.Bd. I, Einl. S.XCVI; und bei Wilhelm, Denkm. d. Prosa S. 3337, Komm. I S. 7079;Naumann, Prosaleseb. S. 48. Scherer, Anz. 1, 190 u. Kl. Sehr. 1, 302, QF. 12, 78.

Hs.: München, Clm. 7637, 12. Jh., ist die Notkers Vaterunser enthaltende IndersdorferHs. (s. LG. 1, 428), vgl. MSD. II 3 , 403; Piper aaO.; Wilheim, Komm. S. 70 f. An das Vater-unser schließt sich unmittelbar unser deutsches Stück an, Bl. 46a48 a .

Es ist die prosaische Übersetzung der Kap. 19 von Alcuins Tractatusde virtutibus et vitiis (Migne 101, 613619 A), 1 ) mit Ausnahme des 5.Kapitels,unter den lat. Überschriften De Sapientia, De Fide, De Caritate, De Spe,De Pace, De Misericordia, De Indulgentia, De patientia, und bricht etwa mitdem ersten Drittel von De patientia ab, das 5. Kapitel, De lectionis studio,fehlt in der deutschen Übersetzung. 2 )

Alcuin hat das Werk für den Grafen Wido von der Bretagne geschriebenals Handbuch zum täglichen Gebrauch (Migne 613 C638 B), um darauszu lernen, was zu tun und zu lassen sei. Es ist eine kurz gefaßte christ-liche Morallehre, begründet in dem System der Tugenden und Laster, be-sonders unter Beziehung auf die guten Werke (Kap. 16 f.), die Buße (Kap.1114) und auf die Pflichten eines Regenten (Kap. 1921). Die Über-

') Karl Werner, Alcuin u. sein Jh. S. 32 f.;Ebert2,22; Manitius S. 283; Max Förster,Archiv 122 (1909), 257. 260 f. 129 (1912), 49.

2 ) Auf den deutschen Text folgt in der Hs.der lat. (abgedruckt bei Graff u. bei Wilhelmim Komm.), der auch das im deutschen Textfehlende 5. Kap. enthält. Graff hielt das

Werk für einen Traktat Nortperts (der heil.Norbert, Stifter des Prämonstratenserordens,t 1134) und nannte es Uebersetzung destractatus Nortperti de virtutibus. Erst KelleaaO. hat es als Alcuins Traktat erkannt, vgl.Wilhelm, Komm. S. 71 f.