'§4. Willirams Paraphrase des HL. 19
waren. Ums Jahr 1020 wurde er dem Kloster Fulda übergeben und wareine Zeitlang Leiter der Schule des Klosters S. Michael zu Bamberg. ImJahre 1048 wurde er Abt zu Ebersberg, einem nicht besonders wohl-habenden Kloster Oberbayerns, dessen Besitztum er bedeutend förderte. BeiHeinrich III. scheint er in Gunst gestanden zu sein, wie aus seinem Wid-mungsgedicht zum Hohen Lied an dessen jungen Sohn, Heinrich IV., hervor-geht (versus ad Regem). Große Unbefriedigtheit spricht aus der gedrücktenBitte, sie scheint aber bei dem jungen König keinen Erfolg gehabt zu haben.Sein Ehrgeiz strebte nach höheren Würden, aber er starb als Abt seinesbescheidenen Klosters im Jahre 1085.
Über das Kloster Ebersberg und über Willirams Tätigkeit daselbst be-sitzen wir nähere Nachrichten durch die Ebersberger Chronik, 1 ) die unterihm zusammengestellt wurde, und durch den noch erhaltenen Codex tradi-tionum (Gütererwerbungen) und den Libellus concambiorum (Tauschverträge)des Klosters, an denen er vielleicht als Veranlasser und als Verfasser derVorrede mitgewirkt hat. 2 ) Er war eine auf praktische Tätigkeit angelegteNatur und sorgte, da ihm ein größerer Wirkungskreis versagt war, eifrig für■sein bedürftiges Kloster. In der Wissenschaft aber brachte er es zu dem er-sehnten Ansehen. Er hatte in Fulda eine gute Schule durchgemacht undschrieb gewandt Latein. Seine kleineren religiösen Gedichte in Hexameternbezw. in Distichen sind formell geschickt, aber ohne innere Wärme. Be-sonders hervorzuheben sind die genannte Widmung an Heinrich IV. und dieGrabschrift in Distichen, die er selbst verfertigte (Epithaphium Williramiabbatis). 3 ) Auch in dem Prolog zum Hohen Liede verleugnet Williram nicht,daß der Ruhm auf ihn Eindruck machte. Zu der Bearbeitung der Canticacanticorum wurde er angeregt durch den großen Ruf, den Lanfranc als Lehrerund Gelehrter eben in diesen Jahren gewann, und von einem so beliebtenund bedeutenden Stoffe wie der allegorischen Erklärung des Gesangs derGesänge durfte er besonderen Erfolg erwarten, der denn auch eintrat. Ausder Erwähnung Lanfrancs läßt sich auch auf die Abfassungszeit seinesWerkes schließen: Lanfranc begann seine Lehrtätigkeit 1059, im Jahre 1065wurde Heinrich IV. mündig, so daß also das Jahr 1065 als runde Zahl fürdie Abfassungszeit angesetzt werden kann. 4 )
Die Sprache von Willirams Übersetzung ist ostfrk. 5 ) Die Orthographie
*) Ed. W. Arndt, Mon. Germ. Script. XX,9-16.
2 ) Scherer S.238— 249;ReichauS.14— 16;Wattenbach, GQ. 2, Reg. unter Will.; F. H.Graf Hundt, Das Cartular des KlostersEbersberg, Abhandl. der Münch. Akad. XIV,3 (1879), 115-196.
3 ) Beide abgedruckt in Schilters Thesaurusund in v. d. Hagens Germ. 5, 181 f., dasEpitaph auch in Graffs Diut. 3, 438 f.; beiArndt S. 16.
■<) Scherer S. 256"weist das Widmungs-gedicht in das Jahr 1069. Reichau S. 7 nimmt
als Erscheinungszeit von Willirams HL. dieJahre 1059—1063 an, da Lanfranc bis 1063die Schule zu Bec leitete.
5 ) MSD. P, Einl. S.XXXL; Braune, Ahd.Gramm, u. Franck, Altfränk. Gramm, passim;Pietsch, ZfdPh. 10,223 f. Holfeld, Die Merk-male des Ueberganges vom Ahd. zum Mhd.in der Deklination W.s, Progr. Guben 1891;Chr. Aug. Mayer, Die Flexion von Nomenund Verbum in W.s ahd. Paraphrase des HL.s,Progr. Cöln-Nippes 1907 (nach der Hs. C);E. Brodführer, Beitr. zur Syntax W.s, Hallen-ser Diss. 1906. Der Wortschatz in Seemüllers
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