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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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332 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

weicher. Der einsilbige, kräftige Versschluß in seinem überwiegenden Ge-brauch eignet mehr dem weiterschreitenden erzählenden oder leidenschaft-lichen Vortrag, der zweisilbige, also weichere Ausklang wird mehr zu lyri-schem Gehalte passen. So ist es bei G. Verhältnismäßig reich an klingendenReimen sind 53484: Maifest (Schönheit der Natur); 17143-264. 17351397: Minnegrotte (Natur, Musik); 10889989 (Schönheit der Frau, dabeiMusik); 3561643 (Musik); 79668145 (Musik, schöne Sitte); 4619850,darauf 4851905 die Dichterschau (Poesie). Zumeist werden innerhalb einerlängeren Reihe von stumpfen Reimen diese von einem oder zwei klingen-den Paaren abgelöst. Man fühlt hier die verschiedenen Energien, man emp-findet den klingenden Ausgang als weicheren Abschluß gegenüber dem kräf-tigeren stumpfen. 1

Bloße Reimkünsteleien hat G. nicht, nur in Verbindung mit dem Wortspielwird der Reim zum akustischen Spiel. Einige Male begegnen vier gleicheoder nahezu gleiche Reime, z. B. 107174. 326770. 1308184.

Ausgezeichnet durch die Form ist der Prolog mit den elf ein Akrostichonbildenden vierzeiligen, einreimigen Strophen, 2 wobei die Reimworte der beidenersten Zeilen in der zweiten Hälfte wiederkehren (abab od. baba). Noch vier-mal begegnen in der Einleitung Strophen: 13134 (a bab). 23336. 23740(a b b a). 24144 (zwei Reimpaare). Sie ziehen sich, später ausbleibend, durcheinen großen Teil des Gedichtes. Sie sind gedanklichen Inhalts, zusammen-fassende Reflexionen über das vorher Erzählte, allgemeine Sentenzen: 174952. 178992. 186366. 506770. 1187578. 1218790. 1243538.1250710.

§ 55. Andere Dichtungen Gotfrids v. Straßburg

Rudolf v. Ems schreibt in seinem Alexander 3 Gotfrid einen Spruch vomgläsernen Glück zu. In der großen Heidelberger Liederhs. C steht er unterden Liedern Ulrichs v. Lichtenstein. Nun enthält C direkt vorher, ebenfallsunter Lichtenstein, noch einen anderen Spruch mit dem gleichen Versbau,über Mein und Dein (gegen die Habsucht). Der hier erstgenannte Spruchist durch Rud. v. Ems als Gotfrids Eigentum bezeugt, und so ist ihm gewißauch der andere, gleichgebaute Spruch zuzuschreiben. Grammatisch und me-trisch stimmen die Sprüche mit G.s Gebrauch überein, stilistisch auch in denim ersten häufigen und zum Teil eigenartigen Doppelformeln.

Der Spruch Daz glesin glücke entspricht G.s Lebensanschauung. Das,edle Herz' jagt nicht dem flüchtigen Glück nach; wie im Tristan liep äne

1 Es handelt sich in diesen Fällen um reinformale Wirkungen, unabhängig vom Ge-dankeninhalt der betr. Verse, also um einenäußeren, ledigl. melodisch rhythmischen Ein-druck, nicht um einen gedanklich symboli-schen, wie bei den vorhin aufgezählten, anweichen Kadenzen reicheren Stellen. DieseUnterbrechung stumpfer Reihen durch einklingendes Paar ist mehr ein stilarchitektoni-sches Mittel: Einförmigkeit wird vermieden,

ein psychologisches Grundgesetz der Aesthe-tik ist beobachtet.

2 Schölte aaO.; Singer, Literis 3,124 f. (G.sVierzeiler stammen aus d. Lais).

3 MSH. 2, 277. 4, 623; Pfaff, Heidelbg.Liederhs. Sp. 822; vgl. Junk, Beitr. 29, 436.455f.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 5863; PreussS. 25. 71; Plenio, Beitr. 41, 6365; J. L.Campion, Fortuna vitrea, Mod. Lang. Notes32 (1921), 438 f.