§ 45. Wolframs Lieder. § 46. Gotfrid v. Strassburg, Liter, und Handschr. 297
Unterhaltung der Hofkeise, keine Erlebnisbekenntnisse, außer allein die Ab-sage vom Wächterlied. Diese fällt aus der Anschauung des Minnesangs ganzheraus und entspringt Wolframs eigener sittlicher Überzeugung von demhöchsten Wert der ehelichen Liebe, die er im Parzival und im Willehalm zurGrundlage des Verhältnisses von Mann und Frau macht. Die „Absage" ist,wie der Tit., eine Verwerfung des übertriebenen Minnekultus.
An drei Stellen seines Parzival bringt Wolfram seine Dichtung mit demFrauendienst in Verbindung: in der sog. Selbstverteidigung am Schluß derVorgeschichte Gahmurets II, 114, 5 ff. versagt er in zorniger Aufwallungund unter Hintansetzung aller Courtoisie einer Dame wegen ihres Wankel-muts den Treudienst, obgleich er weiß, daß er durch seinen rücksichtslosenHaß auch den Unwillen der andern Frauen erregt. Diese Worte setzen einMinnedienstverhältnis zu einer Dame voraus, das diese durch eine schwereKränkung des Dichters verletzt haben muß. 1 Am Schluß des VI. Buches, inwelchem er mehrfach eine verunglückte Werbung durchblicken läßt 337, 1 ff.,mildert er jenen heftigen Ausfall und macht die Fortsetzung seines Parzivalvon dem Wunsch einer Dame abhängig, und mit dem letzten Wort, mit demer den Parzival beschließt, ehrt er wiederum eine Frau, um derentwillener die Erzählung bis zum Ende geführt habe. Das sind Huldigungen, wiesie der höfische Ritter einer hohen Herrin zollt. Ein solches Frauendienst-verhältnis konnte neben der Ehe bestehen, denn es war eine höfische Formund keine Herzensgemeinschaft. 2
Der Stil der Lieder in seiner schwerflüssigen Fülle ist echt wolframisch.Die Tagelieder, als hoch gewertete Kunstgattung, haben meist abwechslungs-reichen Vers- und Reimbau, was auch auf eine besonders melodiöse Be-gleitung schließen läßt.
3. Gotfrid von Straßburg§ 46. Literatur und Handschriften
Ausg.: Christoph Heinr. Myller, Sammlung dt. Ged. aus d.l2.,13.u.l4.Jh.,II.Bd.l785 (nachHs. F), mit H.s v. Freiberg Fortsetz.; Eberh. v. Groote, Berl. 1821 (Hs. FL), mit Ulr.s v. Tür-heim Fortsetz.; v. D. Hagen, 2 Bde., Breslau 1823, mit beiden Fortsetzungen; Massmann,Dicht, d. dt. MA.s, 2. Bd., Leipz. 1843, mit Ulr.s v. Türh. Fortsetz.; Reinh. Bechstein, D. Class.d.MA.s Bd. 7.8, Leipz. 1869.70, 4. Aufl. 1924; Golther, Kürschn. D. Nat.-Litt. 4, 2 Teile, mit
1 Irgendwelche Beziehungen zwischen dieserAufkündigung und jener Spröden, um derenMinne er in den drei Dienstliedern wirbt, istnicht festzustellen, denn jene will ja nichts vonihm wissen, kann also auch nicht, wenigstensnicht zur Zeit der betr. Lieder, des Wankelmutsbeschuldigt werden.
2 P. 246, 11—22 unterscheidet Wolfr. Minne-dienst in speziellem Sinne vom Zudiensten-stehen, das die Höfischheit dem Ritter einervornehmen Dame gegenüber gebietet. Nursolchen Dienst will Parz. der Repanse leisten,die als Schloßherrin ihn durch Ueberreichungeines Mantels geehrt hat. Parzival kennt nebender Ehe keinen Minnedienst und hat auch nie
einer Frau um Minne „gedient", so wenig wieErec und Iwein. Gawans Dienst gegen Obilotist Spielerei, bei Orgeluse wirbt er um die Eheund Schionatulanders kindischer Dienst gegenSigune wird durch den unglücklichen Aus-gang als Torheit verurteilt. — Stellen über dieFrauen und die Minne: Reflexion u. Schelten114, off. 116, 5—14. 201, 21 ff. 291, 1-293,16. 337, 1 ff. 365, 1 ff. 368, 23 ff. 518, 25-519,1. 532, 1-534, 10. 643, 1—26. 827, 25—30;Klage über unerhörten Dienst 287, 10 ff. 292,5 ff. 334, 9 f.; Weiteres s. L. Grimm, Zeit-genossen S. 21—29. 29-35; Singer, Stil,bes. S. 221; Schreiber S. 198 ff.