%r,s<:w&)s U'-CJ v/ ■■■■■■■■■■■■■^■■■■■iBBBBHBHMHHi ULB Düsseldorf +9111 163 01 ■[■^■■H a^AW^ U'JcX v/ ULB Düsseldorf +9111 163 01 Bibt lorf HANDBUCH DES DEUTSCHEN UNTERRICHTS AN HÖHEREN SCHULEN BEGRÜNDET VON DR. ADOLF MATTHIAS WEILAND WIRKL. GEH. OBERREGIERUNGSRAT UND VORTRAGENDEM RAT IM PREUSS. KULTUSMINISTERIUM SECHSTER BAND. ZWEITER TEIL ZWEITER ABSCHNITT. ERSTE HÄLFTE C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN MCMX^VII GESCHICHTE DER DEUTSCHEN LITERATUR BIS ZUM AUSGANG DES MITTELALTERS VON DR. GUSTAV EHRISMANN EM. O. PROFESSOR DER UNIVERSITÄT GREIFSWALD ZWEITER TEIL DIE MITTELHOCHDEUTSCHE LITERATUR H. BLÜTEZEIT ERSTE HÄLFTE G H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN MCMXXVII C Ck- 0- OTTO BEHAGHEL DEM LEHRER UND FREUNDE ZUM DREIUNDSIEBENZIGSTEN GEBURTSTAG AM ß. MAI 1927 VORWORT Die hier dargebotene Literaturgeschichte soll das ganze deutsche Schrifttum der althochdeutschen und mittelhochdeutschen Zeit umfassen (s. Vorwort zum zweiten Teil Bd. I). Da sie nicht nur die Denkmäler der Dichtkunst berücksichtigt, sondern alle in deutscher Sprache abgefaßten Schriftwerke des Zeitraums, also auch solche aus dem Gebiete der Theologie, der Geschichte, des Rechts, der Naturwissenschaft, der Medizin, so erhält der Begriff Literaturgeschichte eine kulturgeschichtliche Erweiterung. Es ist nicht zu leugnen, daß dadurch die Einheit des Grundgehaltes zersprengt ist, insofern das eigentliche Kerngebiet der Literatur, die Dichtkunst, überschritten wird. Aber zusammengehalten werden die so verschiedenartigen Denkmäler durch den kulturellen Gemeingeist der Zeit, und auch eine Chronik oder eine Urkunde oder ein Arzneibuch ist ein individueller Ausdruck des geistigen Lebens der zeitweiligen Volksgemeinschaft, dargestellt durch das Mittel der deutschen Sprache und charakterisiert durch den deutschen Stil. Für den hier ausgegebenen Band kommen nur dichterische Erzeugnisse in Betracht. Die zusammenhängende Darstellung des höfischen Epos mußte leider wegen der Fülle des Materials unterbrochen werden, der folgende und letzte Band ist der Fortsetzung der Literatur der Blütezeit und der spätmittelhochdeutschen Periode vorbehalten. Die altdeutsche Literatur entwickelte sich mit historischer Bedingtheit aus der seelischen Verfassung des Volkes und aus den gegebenen politischen und sozialen Faktoren. Das Ziel der geistigen Arbeit ist die Anpassung des eigenen Volkscharakters an die führende lateinisch-christliche und romanische Bildung, gemäß dem notwendigen Kulturprozeß, wonach die jünger-geschichtlichen Nationen von den älteren, kulturkräftigeren die Richtung empfangen. So liegen die Grundzüge der geschichtlichen Entfaltung klar: die althochdeutsche Literatur ist kulturnotwendig das Arbeitsfeld der Geistlichkeit, die durch die cluniacensische Reform erweckte neue Religiosität und die in den Kreuzzügen eröffnete Weltweite mit dem Aufstieg der ritterlichen Kaste spiegeln sich in der frühmittelhochdeutschen Literatur wieder; die französische Ritterkultur findet ihre unmittelbare Nachahmung in der romantisch-ritterlichen Dichtung der mittelhochdeutschen Blütezeit. Wieder verschieben sich dann die sozialen Kräfte und der bürgerliche Realismus durchsetzt die Literatur; dieser bedeutet ein Versagen der künstlerischen Energie, der Phantasie und des Geschmacks. Sie zehrt noch von dem durch die Geistlichen und Ritter geschaffenen Reichtum, aber es gelangen nun auch neue Stofferlebnisse zu literarischer Formung, erfüllt mit nationalem Gemütsgehalt, die mystische Frömmigkeit, das Volkslied, das geistliche Schauspiel. — Dabei ist zu erkennen, daß die Geschichte VIII Vorwort der altdeutschen Literatur in aufeinanderfolgenden sozialen Ordnungen sich vollzieht: in der Führung lösen sich die drei Stände ab, Geistliche, Adel, Bürger, welcher Orientierung als örtliche Pflegestätten Klöster, Höfe, Städte entsprechen. Eine empfindliche Lücke aber klafft in diesem wohl geregelten Schema: es ist nur aus der geschriebenen Herrenliteratur, der Buchliteratur, abgezogen, die im Volke gehende Unterströmung, die ungeschriebene Volksdichtung kennen wir bis ins 13. Jahrhundert hinein fast gar nicht. Den drei genannten Ständen ist damit die unständische oder zwischenständische Klasse der Spielleute zuzufügen. In der Ausdehnung des literarischen Breiteverhältnisses geht eine Erweiterung aus der Einförmigkeit des Althochdeutschen zur Vielgestaltung in der mittelhochdeutschen Blütezeit. Es ist das historische Gesetz der Differenzierung. Im 13. Jahrhundert gewinnt dann die deutsche Sprache an sozialliterarischer Bedeutung, indem sie auch für wissenschaftliche Werke verwendet wird, und es wächst eine deutsche Prosa heran, die in ihre eigenen stilistischen Formen gekleidet ist. So bewegt sich die sprachliche Dynamik der altdeutschen Literatur in einer fortschreitenden Selbständig- machung mit Loslösung vom Lateinischen. Nicht mit einer harmonischen Vereinbarung des heimischen und fremden Elements gehen die literarischen Zeiträume ineinander über, sondern diese werden jeweils abgelöst durch neue Kulturwellen. Der Humanismus Notkers wird vernichtet durch die Strenge des cluniacensischen Kirchentums, den alten Recken verdrängt der modische französische Ritter, die schöne Form der idealisierenden höfischen Kunst wird von dem realistisch charakterisierenden Sinn der bürgerlichen Zeit nicht mehr verstanden, die Renaissance bringt mit dem Humanismus die deutsche Geistesbildung wieder in Abhängigkeit von der romanischen Vorherrschaft. Die Entwicklung der altdeutschen Literatur beruht somit in klarem Aufbau auf historischen Bedingungen und sozialpsychischen Triebkräften, für die Wirklichkeit fruchtbar gemacht wurden diese überpersönlichen Faktoren durch die einzelnen Persönlichkeiten, die ihnen die Erscheinungsform verleihen: Karl d. Große, Otfrid, Notker, Williram, Ezzo, der Pfaffe Konrad, Lamprecht, Heinrich v. Veldeke, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, Walther von der Vogelweide, der Dichter des Nibelungenliedes, Berthold v. Regensburg, die Meister der deutschen Mystik. Im Epos hat die ritterliche Kultur ihren umfassenden und zutreffenden dichterischen Ausdruck gefunden, die Lyrik, der Minnesang, ist die charakteristische Zuspitzung dieses eigentümlichen Bildungsinhalts, aber eben darum nur ein Ausschnitt aus dem höfischen Formenspiel. Die Manchfaltigkeit der einzelnen Erscheinungen, die im Epos entwickelt ist, wird zusammengehalten durch die Zentralidee: Darstellung des Rittertums in seinen Lebensgefühlen und Lebensäußerungen. In den verschiedenen Lebensbildern, die diese Romane entrollen, ist die ritterliche Idee und das ritterliche Ideal Vorwort IX zum Symbol geworden, aus diesem allgemeinen Grundgedanken erklärt sich jedes einzelne Dichtwerk, keines bleibt isoliert für sich, sondern alle stehen durch manchfache Gedankenbeziehungen im Zusammenhang. Jedes einzelne Gedicht veranschaulicht einen individuellen Vorgang, aber alle diese Lebensdarstellungen streben nach dem einen Ziel: Versinnbildlichung der Idee des Rittertums. Damit ist dieser literarische Abschnitt als organischer Ausdruck des ritterlichen Geisteslebens gekennzeichnet; zugleich ist er ein kausal bedingter Hervorgang aus seiner Zeit, denn diese ritterliche Dichtung hat ihre Möglichkeit in der historischen Lage: im Staatsleben ist der Ritterstand zu starker politischer Bedeutung gelangt und eine erhöhte Bildung hat ihn befähigt, das Leben dichterisch zu sehen und zu gestalten. Die wirksamen Kräfte in diesem poetischen Ritterbild sind Heldentum und Minne, nur ganz wenige der hier begriffenen Gedichte stehen diesem Vorstellungskreis fern. Je nach ihrer Betonung neigt ein Gedicht mehr nach dem männlichen Interessenkreise (z. B. Trojanerkrieg, Eraclius) oder zu der weiblichen Seite (Tristanmotiv); die Spannung zwischen den beiden Triebkräften kann schicksalbestimmend für den Helden des Gedichtes werden. Gegenüber dem Thema des Rittertums tritt in diesem weltlichen Epos das religiöse Moment zurück und beschränkt sich als maßgebend auf die wenigen ritterlichen Legenden. Die wahren Dichter dieser Gruppe, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, tragen ein Geheimnis in sich, die Sehnsucht nach einem in ihrer Einbildungskraft zur Wirklichkeit gewordenen Traumbild, den Drang zur Einheit mit dem All. Die Gliederung des Stoffes in diesem Bande ergibt sich sachgemäß in „frühhöfische Epen" und in „epische Dichtung der Blütezeit", die Trennung beginnt mit Heinrich v. Veldeke. Die Linie steigt aufwärts, von der noch altertümlichen vorhöfischen Kunst, die im Herzog Ernst mit der vorausgehenden frühmittelhochdeutschen Spielmannsdichtung und dem Straßburger Alexander im Zusammenhang steht, zur Vorbereitung des neuen Stils durch Veldeke und dann, nach einem Auslauf auf die mitteldeutsche Dichtung, die zum großen Teil stofflich und landschaftlich sich an Veldeke anschließt, zur Erfüllung in den drei Meistern Hartmann, Wolfram, Gotfrid. In den einzelnen Werken kommen die verschiedenen Lebensformen der ritterlichen Bildung zur Auswirkung, ihre Deutung ist die jeweilige Aufgabe in der Behandlung der betreffenden Dichtungen. Die individualisierende Betrachtung ist methodisch auch hier richtunggebend für die Anordnung des Stoffes, zusammengehalten werden die Sonderheiten durch die Umrisse, die in den „Allgemeinen Voraussetzungen" (S. 3—36) gezeichnet und durch die Beziehungen innerhalb der gruppenbildenden Einzelwerke angedeutet sind (ein Blick in das Register unter Hartmann, Wolfram, Gotfrid kann diese Absicht erläutern). Übersichtlichkeit ist das erste Erfordernis für die Anordnung eines „Handbuches", das praktische Lehrzwecke verfolgt. Sie richtet sich nach dem X Vorwort historisch-genetischen Prinzip, in ihm entfaltet sich das Grundproblem, Darstellung des Rittertums. Eine Einteilung nach irgendwelchen Nebenproblemen würde gegebene literarische Tatsachen zerreißen und den Gesamtcharakter der Gruppe verwischen. Problemgeschichte im Sinne von Ergründung bestimmter ideeller Gehalte kann erst auf Grund empirischer Feststellung des literarischen Tatsachenverlaufs und dann innerhalb einzelner Monographien herausgearbeitet werden. Ist als Leitidee in diesem Bande Darstellung und Deutung des Rittertums festgelegt, so wird damit zugleich die stark soziologische Orientierung der gesamten ritterlichen Dichtung angezeigt, denn Gegenstand, Ziel, der Hörerkreis und die literarischen Erzeuger bewegen sich im Interessegebiet jenes Standes. Sie ist Standesdichtung. —■ Wie stark individualisierend auch die Handlung in der Person des Helden gipfelt, diese erhebt sich doch auf dem Untergrund des gesellschaftlich gedachten Lebens, so in den Artus- und Tristanromanen. Eine solche Einreihung in eine bestimmte Stufe des Gemeinschaftslebens ist zugleich ein Abbild der feudalen Schichtung der Zeit. Der Wirklichkeitsgehalt freilich ist in diesen romantischen Phantasien durch eine dichte Decke von Wunderbarkeiten verhüllt, aber vieles Kulturgeschichtliche schimmert doch durch und in den Legenden tritt der Schauplatz greifbar hervor. Die methodischen Grundsätze, die bei der Abfassung dieser Literaturgeschichte maßgebend waren, sind im vorhergehenden Bande (Vorwort zu Teil II, 1) niedergelegt. Sie betreffen die altdeutsche, nicht die neuhochdeutsche Literatur. Bei der untersuchenden Tätigkeit hat voranzugehen die sorgfältige Sammlung des Tatsachenmaterials, der einzelnen Bausteine im Gefüge des zu bearbeitenden Gegenstandes. Auf Grund solcher analytischer Beschreibung kann die zusammenfassende Auslegung erfolgen, die Synthese, die die äußere stoffliche Vielheit zur inneren Einheit verbindet, indem sie die geistigen Grundbedingungen und Zusammenhänge erkennt. Von der Darstellung zur Deutung, vom Wissen zum Verstehen geht diese Forschungsweise. Auf die „Intuition" aber sollte sich nur berufen, wer sich die Mühe genommen hat, etwas zu lernen. 1 1 Die sorgsamste analytische Arbeit muß der nur mit größter Behutsamkeit zu vollziehenden Synthese vorangehen: R. Unger, Literaturgesch. als Problemgeschichte (1924) S. 29; .weitumspannende Synthesen können nur an mühevoll gewonnene Analysen angeknüpft werden", H. Schneider, Gesch. d. dt. Lit. I (1925) S. XI. In diesem Sinne sprechen sich alle wissenschaftlich berufenen Alt- u. Neuliterarhistoriker aus, vgl. G. Baesecke, Wissenschaftl.Forschungsberichte(1919)S. lf. u. Dt. Vierteljahrsschr. 2 (1924) S. 770—776 (daselbst Hinweiseauf Troeltsch und Harnack); O. Behaghel, Germ.Roman. Monatsschr. 14 (1926) S. 385—390; H. Brinkmann, Dt.Vierteljahrsschr. 3 (1925) S.615f.; K. Burdach, Eu- phorion 26 (1925) S. 321—341 u. Vorspiel Bd.I T.I S. VIII f.; P. Merker, Neue Aufgaben der dt. Literaturgesch. (1921) S. 33; Günther Müller , Dt. Vierteljahrsschr. 2, 681 ff. u. 5 (1926) S. 106ff.; J. Petersen, Die Wesensbestimmung d. dt. Romantik (1926) pass., bes. S. 110—112; G. Roethe, Wege d. dt. Philologie, Berl. Rektoratsrede 1923; H. Schneider aaO. S. IX—XIII; J. Schwiete- ring, Besprechg. v. Schneider, Anz. f. dt. Altert. 46 (1927); s. bes. auch der Historiker Walter Stach, „Der mittelalterl. Mensch", Arch. f.Kulturgesch. 16,2—40. — Arbeiten üb. Methodik d. Lit. Wissenschaft s. Teil II Bd. 1 S.V, Vorwort XI Die geistige Leistung der Analyse wird oft unterschätzt. Im Kleinen das Große und Bedeutungsvolle zu erkennen, in der Einzelerscheinung das Typische zu schauen, diese philologische Analyse, richtig aufgefaßt, trägt in sich die Keimzelle einer weitausgreifenden Synthese und hat in sich Bedeutsamkeit. Nicht Analyse oder Synthese, sondern sowohl der eine als der andere Weg gilt für das Wissenschaftsgebiet der mittelalterlichen Literaturgeschichte als methodische Forderung. Der Beobachtungskreis des einzelnen Denkmals enthält verschiedene Probleme, auf die sich der Literarhistoriker einstellen muß und aus deren Verfolgung sich die Erklärung des ganzen Werkes ergibt. Die erste der fünf im vorhergehenden Bande angenommenen Ei ns t e 11 u n gen, die philologische, leistet die Vorarbeit, die zweite und dritte gelten dem Dichter, die vierte und fünfte seinem Werk. Einzelsachlichkeit und Zusammenfassung müssen sich verbinden. Sie werden in den fünf Einstellungen in verschiedener Stärke zur Anwendung kommen. Die philologische Beobachtung (I) haftet am meisten an der sinnlich greifbaren Erscheinung und arbeitet aufs einzelne hin, die zusammenfassende Idee des Ganzen, der ethische und metaphysische Gehalt (V), wird letzten Endes ebenfalls durch philologische Hermeneutik herausgearbeitet. Der historischen Einstellung (II) ist in diesem Schema auch der gesellschaftwissenschaftliche Begriff des „Volkes" zugeteilt. Der nationale Charakter des Dichters und damit der in ihm ausgesprochene „Volksgeist" kommt bei der Stilvergleichung eines deutschen Werkes mit der französischen Vorlage zur Geltung. Die Stilistik gewährt hier Aufschlüsse über Rassenpsychologie. Die Übertragung eines antiken Stoffes in die mittelalterliche Gesittung ist höchst lehrreich für den Wandel des „Zeitgeistes". Verschleiert liegt das seelische Leben und die Charakterbildung der Menschen, deren Werke wir uns innerlich nahe zu bringen suchen (III). Das literarische Erlebnis, seine Stärke und der empfangende Augenblick können nur selten befriedigend erschlossen werden. Aber doch erlangt man in den Werken Hartmanns und Wolframs, weniger bei Gotfrid, durch verstreute Bemerkungen, persönliche Anspielungen, Äußerungen sympathischen Mitlebens mit den Gestalten, die den Dichter beschäftigen, durch das Ethos des Stils und durch andere, oft mehr nur fühlbare Merkmale einen bestimmten, wenn auch nur leise charakterisierten Eindruck von den psychischen Elementen und der Gesinnung der schaffenden Dichter. Auch der ästhetische Bestandteil, das künstlerische Vermögen (IV), ist aus der Quellenvergleichung zu entnehmen. Die in der historischen und in der ästhetischen Rich- wozu, außer den vorhin genannten Schriften, neu hinzukommen: Erich Rothacker, Ein- leitg. in d. Geisteswissenschaften, 1920; Petersen, Mitteil. d. Gesellsch. f. Dt. Bildung 5. Jahrg., Nov. 1924, S. 27—29 u. Festschr. f. A. Sauer 1925; Merker, Zs. f. dt. Bildg. 1 (1925) S. 15—27; Ermatinger, Zs.f. Deutschkunde 1925 S. 241—261; Friedr. Neumann, D. Gliederung d. dt. Literaturgesch., in „Zwischen Philosophie u. Kunst" (1926) S. 17—26; Klingenstein, Dichtung u. Unterricht, Münch. 1925, S.10— 27;Walzel, Gehalt u. Gestalt im Kunstwerk d. Dichters, Berlin-Neubabelsberg 1926; Ders., Das Wortkunstwerk, Leipz. 1926, dazu Seuffert, DLz. 1927, 453—460. XII Vorwort tung gesuchte Erkenntnis stützt sich stark auf philologische Einzelzergliederung. Zurückgedrängt ist in dieser altdeutschen Literaturgeschichte das eigene, subjektive Werturteil, das von modernem Empfinden beeinflußt ist. Die Quellen sollen für sich selbst sprechen und sie geben uns auch tatsächliche Fingerzeige für eine ästhetische und selbst psychologische Beurteilung. Dadurch wird eine solche möglichst historisch gestützt. Gelegenheit dazu gibt auch hier die jeweilige Vergleichung eines deutschen Werkes mit der französischen Quelle, z. B. S. 89 ff. 164 ff. 175 ff. 237 ff. 303 ff. Das Werturteil ist also dann ein Ergebnis stilvergleichender Beobachtung. Auf dem vielgeschmähten „Historismus" und seinem Leidensgefährten, dem „Psychologismus", beruht die Forschung der Literaturgeschichte des Mittelalters. Aber überwölbt ist das relativistische Suchen, in das die Forschung gebannt ist, durch die absolute Idee, das Ewiggültige, das die großen Dichtwerke des Mittelalters selbst so überzeugungsmächtig und verheißungsvoll verkündigen. Gott ist die höchste Synthese. Viele verehrte Fachgenossen haben mich durch Zusendung ihrer neuerschienenen Schriften unterstützt. Ihnen allen, dazu besonders der vieljährigen, nie ermüdenden Hilfsbereitschaft, die ich bei den Verwaltungen und den Beamten der Greifswalder und der Heidelberger Universitätsbibliothek gefunden habe, und dem selbstlosen, sich ganz in den Dienst der Sache stellenden Entgegenkommen des Herrn Verlegers spreche ich meinen herzlichsten Dank aus! Zwei Männern, deren Güte und Treue mir nicht nur diese Arbeit möglich machte, kann ich den Dank nur ins Grab nachrufen, Wilhelm Braune und Gustav Roethe. Heidelberg, im März 1927 Gustav Ehrismann INHALTSVERZEICHNIS EINLEITUNG ALLGEMEINE VORAUSSETZUNGEN § 1. Die geistigen Grundbedingungen................ 3 §2. Die Antike in der Blütezeit des Mittelalters............ 11 § 3. Geschichte des deutschen Ritterstandes.............. 14 § 4. Entstehung der höfischen Bildung und Geistesart . .'........ 16 § 5. Aufnahme der höfischen Kultur und Literatur in Deutschland...... 17 § 6. Die höfische Morallehre................... 19 § 7. Entwicklung der deutschen Literatur in der mhd. Blütezeit (1170—1300). Die höfische Dichtung...................... 24 § 8. Die mittelhochdeutsche Dichtersprache.............. 27 §9. Metrik. Stil........................ 30 § 10. Die bildende Kunst. Die Musik................ . 33 DIE ERZÄHLENDE DICHTUNG A. DAS HÖFISCHE EPOS I. DIE FRÜHHÖFISCHEN EPEN (um 1170/1180) § 11. Herzog Ernst....................... 39 § 12. Graf Rudolf........................ 58 § 13. Der Trierer Floyris..................... 64 § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde.............. 65 II. DIE EPISCHE DICHTUNG DER BLÜTEZEIT VON HEINRICH VON VELDEKE BIS GOTFRID VON STRASSBURG a) Heinrich von Veldeke und das höfische Epos in Mitteldeutschland am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. § 15. Heinrich von Veldeke.................... 79 § 16. Herbort von Fritzlar: Das Lied von Troja (der trojanische Krieg)..... 95 § 17. Albrecht von Halberstadt: Übersetzung von Ovids Metamorphosen .... 106 § 18. Athis und Prophilias............. '. ....... 112 § 19. Otte, Eraclius....................... 117 § 20. Morant und Galle...................... 123 § 21. Moriz von Craon...................... 127 b) Die drei großen Meister Hartmann, Wolfram, Gotfrid § 22. Artussage und Artusroman................... 133 1. Hartmann von Aue § 23. Hartmanns Leben...................... 141 § 24. Die Lieder........................ 147 § 25. Das I. und das II. Büchlein.................. 150 § 26. Erec . . ,........................ 161 §27. Iwein............ v . . ............ 172 §28. Gregorius......................... 184 § 29. Der Arme Heinrich..................... 196 § 30. Hartmanns Stil und Metrik........,......... 205 XIV Inhaltsverzeichnis 2. Wolfram von Eschenbach §31. Literatur . . ....................... 212 § 32. Wolframs Leben ...................... 213 §33. Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger Wolframs ........... 219 §34. Parzival......................... 225 §35. Inhalt.......................... 226 § 36. Komposition und Darstellungskunst ............... 228 § 37. Entstehungsweise des Parzival ................. 232 § 38. Die Quellen des Parzival................... 233 § 39. Vergleichung von Wolframs Parzival mit Chrestiens Conte del Qraal . . . 237 §40. Die Entstehung des Stoffes.............'..... 246 § 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere.......... 256 § 42. Wolframs Stil und Metrik ................... 264 § 43. Wolframs Willehalm ..................... 270 § 44. Wolframs Titurel ...................... 287 § 45. Wolframs Lieder ...................... 295 3. Gotfrid von Straßburg §46. Literatur ......................... 297 § 47. Gotfrids Leben ....................... 299 § 48. Tristan, Inhalt ....................... 300 § 49. Die Quelle des Tristan .................... 302 § 50. Der ethische Gehalt. Die Charaktere............... 308 § 51. Hervortreten der Persönlichkeit ................. 320 § 52. Gotfrid und Wolfram ..................... 322 § 53. Gotfrid und Hartmann .................... 323 § 54. Stil und Technik der Darstellung................ 323 § 55. Andere Dichtungen Gotfrids von Straßburg ............. 332 § 56. Deutsche Tristandichtungen nach Gotfrid ............. 334 Zeittafel, Ortstafel ........................ 337 Nachträge ........................... 338 Berichtigungen ......................... 339 Register ............................ 340 ERKLÄRUNG DER ABKÜRZUNGEN ad. = altdeutsch. ae. = altenglisch, afrz. = altfranzösisch, ags. = angelsächsisch, ahd. = althochdeutsch'. Allg. d. Biogr. = Allgemeine deutsche Biographie. Anz. —- Anzeiger für deutsches Altertum. Arch. = Archiv für das Studium der neueren Sprachen. Baesecke = Wissenschaftl. Forschungsber. III, 1914—1917, Deutsche Philologie, 1919. Beiträge = Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache u. Literatur. Berl. JB. = Jahresbericht über die Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie, herausgegeben von der Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin. Bolte-Poli'vka = Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von Bolte u. PoüvKA, 3 Bde., 1913 ff. Burdach, Ackermann = Konrad Burdach, Der Ackermann aus Böhmen. Vom Mittelalter zur Reformation, 3. Bd. 1. Teil, 1917. Burdach, Reinmar = Konrad Burdach, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide, 1880. Cbl. = Literarisches Centralblatt. Cgm. = Codex germanicus monacensis (= deutsche Handschrift der Staatsbibliothek in München). Cod. pal. germ. = Codex palatinus germanicus (= deutsche [Pfälzer] Handschrift der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg). Demutsformel = Julius Schwietering, Die Demutsformel mittelhochdeutscher Dichter, Abhandlungen der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, philol.- histor. Klasse, Neue Folge Bd. XVII Nr. 3, 1921. Diss. = Dissertation. DLz. (DLZ.) == Deutsche Literaturzeitung. dt. = deutsch. Dt. Vierteljahrsschr. = Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. DWb. = Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Festg. f. = Festgabe für ... . Festschr. f. = Festschrift für ... . frühmhd. = frühmittelhochdeutsch. Germ. Abh. = Germanistische Abhandlungen, herausgegeben von K. Weinhold und F. Vogt. GgA. = Göttinger gelehrte Anzeigen. Gott. Nachr. = Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, philol.-histor. Klasse. Golther, Gralb. = Parzival und der Gral in der Dichtung des Mittelalters und der Neuzeit von Wolfgang Golther, 1925. Golther, Tristanb. = Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der neueren Zeit von Wolfgang Golther, 1907. GRM. = Germanisch-Romanische Monatsschrift. W. Grimm, ZGdR. = Wilhelm Grimm, Zur Geschichte des Reims, in: Kleinere Schriften von Wilhelm Grimm Bd. 4, 125—336. Gröbers Grundr. = Grundriß der romanischen Philologie, herausgegeben von Gustav Gröber. Grundr. (Grdr.) = Grundriß. hgb. = herausgegeben. Hermaea = Hermaea, Ausgewählte Arbeiten aus dem germanischen Seminar zu Halle, herausgegeben von Philipp Strauch. XVI Erklärung der Abkürzungen Hoffmann, Fundgr. = Hoffmann (von Fallersleben), Fundgruben, 2 Bde., 1830. 1837. H. Lied = Hohes Lied. Hs. = Handschrift. Jh. = Jahrhundert, Jh.s = Jahrhunderts. Kehr. = Kaiserchronik. Kl. Sehr. = Kleinere Schriften. Kunz Kistener = Die Jakobsbrüder von Kunz Kistener, herausgegeben von Karl Euling Germanist. Abhandlungen XVI. Heft, 1899. LB. = Lesebuch. LG. = Literaturgeschichte. LG. I = Teil I dieser Literaturgeschichte; LG. II, 1 = Teil II Bd. 1 derselben. Lbl. = Literaturblatt für germanische und romanische Philologie. LitVer. = Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart (Ausgaben). MA. = Mittelalter. md. = mitteldeutsch. mengl. = mittelenglisch. mfrk. = mittelfränkisch. mhd. = mittelhochdeutsch. Mhd. Wb. = Mittelhochdeutsches Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke. Migne = Patrologiae Cursus completus, aecurante J.-P. Migne. mnd. = mittelniederdeutsch. mnld. = mittelniederländisch. MSD. I 3 bezw. II 3 = Müllenhoff und Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII—XII. Jahrhundert Bd. I bezw. Bd. IL, 3. Ausg. 1892. MSF. = Des Minnesangs Frühling, herausgegeben von Lachmann und Haupt, neu bearbeitet von Friedr. Vogt, 3. Ausg. 1920. MSH. oder v. d. Hagen MS. = Minnesinger von Friedr. Heinr. von der Hagen, 4 Teile, 1838 ff. Münchn. Mus. = Münchener Museum für Philologie des Mittelalters und der Renaissance, herausgeg. von Friedrich Wilhelm. Münchn. SB. = Münchener Sitzungsberichte. N. Jahrbücher = Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur bezw. Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Volksbildung. Neophilol. = Neophilologus. Tijdschrift, Groningen. Neuphilol. Mitteil. = Neuphilologische Mitteilungen, herausgegeben vom Neuphilologischen Verein in Helsingfors. NF. = Neue Folge. Nib.lied od. Nib.l. = Nibelungenlied. Pal. = Palaestra, Untersuchungen und Texte aus der deutschen und englischen Philologie, herausgegeben von Brandl, Roethe und Erich Schmidt. Pauls Grundr. = Grundriß der germanischen Philologie, herausgegeben von Hermann Paul. Perg. = Pergament. Petersen, Joh. Rothe = Julius Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe, Quellen und Forschungen H. 106, 1909. Petzet, Catal. = Catalogus Codicum manu scriptorum Bibliothecae Monacensis, Die deutschen Pergament-Handschriften Nr. 1—200 der Staatsbibliothek in München, beschrieben von Erich Petzet, 1920. Piper, Aelt. dt. Litt. = Piper, Die älteste deutsche Litteratur, o. J. Piper, Höf. Ep. = Piper, Höfische Epik, 3 Bde., o. J. Piper, Nachtr. = Piper, Nachträge zur älteren deutschen Litteratur, o. J. QF. = Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker. Preuß. Ak. = Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin. Reg. = Register. Revue germ. = Revue germanique, Paris. Roethe, Reimvorreden = Die Reimvorreden des Sachsenspiegels von Gustav Roethe, Abhandlungen der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, philol.-histor. Klasse, Neue Folge Bd. II Nr. 8, 1899. Erklärung der Abkürzungen XVII Roethe, Reinmar = Die Gedichte Reinmars von Zweter, herausgegeben von Gustav Roethe, 1887. Rol.lied = Rolandslied. Rom. = Romania, Zeitschrift, Paris. SA. = Sonderabdruck. SB. = Sitzungsberichte. Schneider, Wolfdietr. = Die Geschichte und die Sage von Wolfdietrich von Hermann Schneider, 1918. Singer, Stil = Wolframs Stil und der Stoff des Parzival von S. Singer, Wiener Sitzungsberichte (Wiener SB.), philosoph.-hist. Klasse, 180. Bd. 4. Abhandlung, 1916. Strauch, Enikel = Jansen Enikels Werke, herausgegeben von Philipp Strauch. Erste Abteilung. Die Weltchronik. Monumenta Germaniae Historica, Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters, III. Bd. 1. Abteilung, 1891. Uhlands Sehr. = Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage, 1865—1873. Verhandl. d. Philol.-Vers. = Verhandlungen der Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner. Vogt, LG. 3 = Friedrich Vogt, Geschichte der mittelhochdeutschen Literatur, I. Teil. Frühmittelhochdeutsche Zeit. Blütezeit I. Das höfische Epos bis auf Gottfried von Straßburg. Dritte, umgearbeitete Auflage, 1922. Voretzsch, Einf. = Carl Voretzsch, Einführung in das Studium der altfranzösischen Literatur, 1905 ff. Wackernagel, LG. I 2 = Wilhelm Wackernagel, Geschichte der deutschen Literatur, 1. Bd. 2. Aufl. von Ernst Martin, 1879. Wechssler, Kulturproblem = Das Kulturproblem des Minnesangs von Eduard Wechssler, Bd. I, Minnesang und Christentum, 1909. Wiener SB. = Wiener Sitzungsberichte, philosoph.-hist. Klasse. ZfdA. = Zeitschrift für deutsches Altertum. ZfdPh. = Zeitschrift für deutsche Philologie. ZfromPhil. = Zeitschrift für romanische Philologie. ZfrzSpr. = Zeitschrift für französische Sprache und Literatur. ZföG. = Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien. EINLEITUNG ALLGEMEINE VORAUSSETZUNGEN 1 § 1. Die geistigen Grundbedingungen Das geistige Leben des MA.s bildete in seinen manchfaltigen Äußerungen eine geschlossene Einheit, es hatte eine notwendige und allgemein gültige Grundlage: die religiöse Idee. Das- Verhältnis zwischen Mensch und Gott war das metaphysische und historische Problem. Die Weltgeschichte ist im , Plan der Vorsehung angelegt, die Geschichte der Menschheit ist verwirklicht nach der Vorbestimmung Gottes: es ist die Heilsgeschichte, das Drama von 1 Philosophie und Theologie (bes. m.alterl. Psychologie): Wetzer u. Welte, Kirchen-Lexikon od. Encyclop. d. kath. Theologie, 2. Aufl. 1882 ff.; Real-Encyclop. f. protest. Theologie, 3. Aufl. 1896 ff.; Die Religion in Gesch. u. Gegenw., 1909 ff.; Ueberweg-Heinze, Grundr. d. Gesch. d. Philosophie; Alb.Hauck, Kirchen- gesch. Deutschlands, 1887 ff.; W.WiNDELBAND, Lehrb. d. Gesch. d. Philosophie, 4. Aufl. 1907; H. Ritter, Diechristl.Philos., 2Bde. 1858.59; Alb. Stockl, Gesch. d Philos. d. MA.s, 3 Bde. 1864—66; Jos. Bach, Dogmengesch. d.MA.s, 2Bde. 1873; Ad. Harnack, Lehrb.d.Dogmengesch. HI. Bd., 3. Aufl. 1894—97; R. Seeberg, Lehrb. d. Dogmengesch., II. Hälfte 1898; J. A. Endres, Gesch. d. m.alterl. Philos. im christl. Abendlande, 1908; H. Siebeck, Arch.f.Gesch. d. Philos. Bd. 1—3 u. ZfPhilos. u.Krit. Bd.93.94; Ders., Gesch. d. Psychol., I.Teil 2. Abt. 1884; M. Dessoir, Abriß e. Gesch. d. Psychol., 1911; Erw. Rohde, Psyche; Prantl, Gesch. d. Logik II 2 , 1885; W. Gass, Gesch. d. christl. Ethik I, 1881; Theob. Ziegler, Gesch. d. Ethik, II 1886; E.Bernheim, M.alterl.Zeitanschauungen in ihrem Einfluß auf Politik u Geschichtschreibung 1, 1918; W. Dilthey, Einl. in d. Geisteswissensch.1,1922; H. Rickert, Kant als Philosoph d. mod. Kultur, 1924; E.Troeltsch, Sociallehren der christl. Kirchen, 1912, Schriften I; Ders., Augustin, die christl. Antike u. d. Mittelalter, 1915; Cl. Bäumker, Kultur d. Gegenw. I.Abt. V 2 , 1913; Herm. Reuter, Gesch.d religiösenAufklärungimMA.,2Bde., 1875.77; H. v. Eicken, Gesch. u. System d. m.alterl. Weltanschauung, 1887; Ed.Wechss- ler, Das Kulturproblem des Minnesangs, 1909, 4.Aufl. 1923; K. Vossler, D. göttl. Komödie, 1. Aufl.,4Teile, 1907—10,2.Aufl., 2Bde. 1925; Alfr.v. Martin, Das Problem d. m.allerl.Welt- anschauung, Dt.Vierteljahrsschr. 3, 485—500; Ders , M.alterl. Well- u. Lebensanschauung im Spiegel d. Schriften des ColuccioSalutati, Hi- stor.Bibl. 33 (1913); J.HuiziNGA.Herbst d.MA.s, Stud. üb. Lebens- u. Geistesformen d. 14 u. 15. Jh.s in Frankr. u. d. Niederlanden, übers, v. Jolles Mönckeberg 1924. — Karl Werner, D. Entwicklungsgang d. m.alterl. Psychologie von Alcuin bis Albertus Magnus, Denkschr. d. Wien.Ak.25(1876), 69ff, ferner dieAbhandl. v.K.Werner in d. Wien. SB.73 (1873), 257 ff. (Wilh. v.Auvergne), 75 (1873), 309 ff. (Wilh. v.Conches), 82 (1876), 107 ff. (Bonaventura), 99 (1882), 213 ff. (nominalist. Psychol.), 100 (1882), 435 ff. (Augustinus); Ders, Der heil. Thomas v. Aquino, Bd. II, Neue Ausg. 1889; M. Baumgartner, Die Philos. d. Alanus de Insulis, 1896; J.N. Espenberger, Die Philos. d. Petrus Lomb. und ihre Stellung im 12. Jh., 1901; Hans Willner, Des Adelard v. Bath Traktat De eodem et diverso, 1903; Arth. Schneider, Die Psychol. Alberts d. Gr. 1, 1903, II, 1906; H. Ostler, Die Psychol. d. Hugo v. St. Victor, 1906; Cl. Bäumker, Die Stellung d. Alfred v. Sareshel (Alfredus Anglicus) u. seiner Schrift De modu cordis in d.Wissensch. d. beginnenden 13. Jh.s, Münch. SB. 1913, 9. Abh.; Ders, Des Alfr. v. Sareshel Schrift De motu cordis, 1923; Arth. Schneider, Die Erkenntnispsychol. d. Joh.'v. Salisbury, Abhandl.v.Hertlinggewidm„1913,S.309—30; Martin Grabmann, Die Grundgedanken d. hl. Augustinus üb. Seele u. Gott, 1916; Ders, Forschungen üb. d. lat. Aristoteles-Ueber- setzungen d. 13. Jh.s, 1923; Ders, Einf. in d. Summa Theol. d. hl. Thomas, 1919; Ders, Thomas v. Aquin, eine Einführung in s. Persönlichkeit U.Gedankenwelt, 1925; Ders, Das Seelenleben des hl. Thomas v. Aquino, 1924; Ders, Die Kulturphilosophie d. hl. Thomas v. Aquin, 1925; Jos. Mausbach, Thomas v. Aquin als Meister christl. Sittenlehre, 1925; P. Durban, Ueb. d. Begriff d. Freundsch. in d. patrist.-scholast. Ethik von Clemens v. Ale- xandrien bis auf Thomas v. Aquino (auch für Mhd.), Jahrb. d. philos. Fakultät d. Univers. Bonn II H.2, 1926. — Die populäre m.alterl. Psychologie gibt Isidor, Etymol. B.XI Cap. 1, danach Hrbanus Maurus, De Universo B.VI Cap. 1. Vgl. auch Heinzel, Heinr. v. Melk, Anm. zu Erinnerung V. 197; Hildebrand im DWB. unter Geist 4, 2623 ff. (auch Sonder- ausg. 1925), Heyne ebda unter Seele 9,2851 ff.; Schönbach, Wien. SB. 144 (1902), 65—67. Zur Kulturgeschichte: Dahlmann-Waitz, Quellenkunde, 8.Aufl.l912,Inhaltsverz.S.VIff.; Lamprecht, Dt. Gesch., bes. 3 J , 166—252. 4 2 , 297—303; Steinhausen, Gesch. d. dt. Kultur, 2. Aufl.; Grupp, Kulturgesch. d. MA.s, 4 Einleitung Sündenfall und Erlösung. Damit ist die Form der Menschheitsgeschichte bestimmt als ein Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, Weltstaat und Gottesstaat, zwischen Böse und Gut. Einen Sinn hat nach dieser Auffassung irdisches Geschehen, haben Natur und Menschenwesen nur in Hinsicht auf Gott und Ewigkeit; nach diesem Verhältnis ist Wert und Unwert des Daseins abzumessen. Alles Geschaffene deutet auf seine Erfüllung im Jenseits, die Welt ist nur ein gebrochenes Abbild, nicht die Wirklichkeit selbst, nur eine Allegorie, eine Auslegung für die ewige Wahrheit. Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.'- Der strenge Dualismus findet seine Ausprägung nur in der Askese. In der Weltwirklichkeit ist er gemildert als Gradualismus. Es besteht keine unüberbrückbare Kluft zwischen Welt und Gott, Weltliebe und Weltflucht, Sinnlichkeit und Sittlichkeit, sondern die geschöpflichen Dinge erscheinen als eine Stufenreihe von Seinsarten, die alle in der Hinordnung auf Gott geschichtet sind. In der gottgesetzten Weltordnung hat jede Kreatur, haben auch die Berufsklassen und die einzelnen Menschen ihre Stellung, und der Wert dieser sozialen und ethischen Menschheitsform ist abgestuft nach dem näheren oder ferneren Verhältnis zu Gott. 2 In der ersten Hälfte des eigentlichen MA.s, von Karl d. Gr. bis auf Gregor VII., war der Zwiespalt in der geschichtlichen Entwicklung nicht aktuell geworden, da die Mächte, die seine historische Verkörperung bildeten, das Papsttum und das Kaisertum, nicht in Widerstreit standen; verhängnisvoll aber trat er in die Erscheinung durch den Kampf, den seit der Mitte des 11. Jh.s Kirche und Kaisertum um die Weltherrschaft führten. Die ungeheure Leistungsenergie, die der Kirche den Sieg errang, mußte aus dem Innern hervorgehen, mußte eine Selbststeigerung ihrer Idee sein, die Kirche mußte zum Bewußtsein ihrer selbst gelangen. Die Substanz der religiösen Idee aber ist Frömmigkeit. Die Stärkung, Erhöhung, Hochspannung des religiösen Gefühls war die Grundbedingung für die Kraft, vermöge der das Papsttum die Verkörperung des religiösen Gedankens und die Erlangung der Weltherrschaft durchsetzte. Dieser geschichtliche Prozeß hatte seinen Ursprung in der Reform von Clugny (LG. II, 1, 1 ff.). Die Grundstimmung der von hier aus- 3. Aufl.; Hoops, Reallexikon; Michael, Gesch. d. dt. Volkes seit d. 13. Jh. bis z. Ausgang des MA.s, I 3 , 1925; Janssen, Gesch. d. dt.Volkes seit d. Ausg. d.MA.s, l.Bd., 19 u. 20.Aufl. von L.v.Pastor, 1913. — Gust. Freytag, Bilder aus d. dt. Vergangenheit (1859), 11. Aufl. Bd. 1 u. 2, 1878; K. Weinhold, Die dt. Frauen in d. MA. (1852), 2 Bde., 2. Aufl. 1882; Alw. Schultz, Das höf. Leben z. Zeit d. Minnesinger, 2 Bde. 1879, 2. Aufl. 1889; Ders., Deutsches Leben im 14. u. 15. Jh., 1892; Mor. Heyne, Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer von d. ältesten geschichtl. Zeiten bis zum 16. Jh., 1 Bd. Wohnung, 1899, 2. Nahrung, 1901, 3. Körperpflege u. Kleidung, 1903, 4. D. ad. Handwerk, 1908. 1 Freidank 12,9, s.Panzer,N. Jahrb.7(1904), 152. 2 Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 2, 681—720; Hennig Brinkmann, Diesseitsstimmung imMA.,ebenda2,721—52; Friedr. Neumann, Scholastik u. mhd. Lit., N. Jahrb. 1922, 388—404. — Graduell (gradualistisch) ist auch die auf das aristotelisch-ptolemäische Weltsystem sich gründende m.alterl. Kosmologie. Im Mittelpunkt der sich drehenden Sphären steht die Erde fest, sie ist umgeben von den neun Himmelskreisen: die sieben Planeten, die Fixsterne, der Kristallhimmel, darüber wölbt sich als zehnter Himmel das Empyreum, derFeuerkreismitden neun Engelchören, in dem Gott, das urbewegend Unbewegliche, die Sphärenbewegung ordnet. Die erhabenste Darstellung hat dieses Weltbild in Dantes Paradiso gefunden (Vossler 2 2 , 771 ff.). § 1. Die geistigen Grundbedingungen 5 gehenden Frömmigkeit verschob sich, spaltete sich. Sie blieb nicht auf die Interessen des kirchlichen Lebens beschränkt, auf die Herstellung eines Mönchsideals, sondern sie griff darüber hinaus auf die großen weltpolitischen Fragen. Durch Askese nicht allein das persönliche Seelenheil zu fördern, sondern das Heil der ganzen Christenheit zu begründen, war nun die Aufgabe. Das letzte Ziel war die Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden durch die Weltherrschaft des Papstes. Das cluniacensische Problem war jetzt asketisch und hierarchisch zugleich, es lautete: durch Weltentsagung zur Weltbeherrschung, durch Hingabe des ganzen, des seelischen und körperlichen Menschen zur Durchsetzung der grandiosen Idee des Gottesreiches. Die beiden Triebe erzeugten die Kreuzzugsbegeisterung, aber der Imperialismus gefährdete die Frömmigkeit. Die Kreuzzüge weckten einen neuen weltlichen Tatendrang, der Asketengeist erlahmte und das Rittertum erlangte die Bedeutung einer historischen Triebkraft; was der Priester mit Worten forderte, das machte der Ritter mit dem Schwerte zur Tat. Der Klerus verlor die unbedingte Führung im geistigen Leben, das Rittertum nahm teil an dem Aufschwung der neuen Zeit, wurde zu einem selbständig wirkenden Faktor in der Kulturgemeinschaft. Selbst die Bürger in den Städten gewannen an Einfluß, denn die Eröffnung des Orients erschloß neue Handelsgebiete und damit neue Quellen des Wohlstandes. Die Steigerung der seelischen Energie, die um die Mitte des 11. Jh.s die mittelalterl. Geistesentwicklung vorwärts trieb, äußerte sich politisch und in der praktischen Ausführung in den Kreuzzügen, wissenschaftlich und theoretisch in der Scholastik. Der mittelalterl. Geist erreichte seine spezifische, ihm eigentümliche Form in dieser Höheperiode des MA.s, die mit dem Aufstieg der kirchlichen Idee in der Mitte des 11. Jh.s eingesetzt hatte, ihre Blüte eben jetzt erreichte in der theologischen Wissenschaft und der Ausbildung der ritterlichen Kultur im 12. und 13. Jh. und mit dem Rückgang der beiden Triebkräfte im 14. Jh. abflaute. Die Wissenschaft von 1180—1300. Der Gottesgedanke war die Zentralidee des mittelalterl. Bewußtseins, der Glaube die oberste Norm. Darum war die Theologie die unbedingte Herrin im Gebiete der Wissenschaften, die andern Disziplinen waren ihre Mägde, das Wissen diente dem Glauben, der rationellen oder sinnlichen Erklärung der theologischen Lehre. Alle Dinge sind aus der Theologie zu verstehen und aus ihr zu begründen. Die theologische Wissenschaft der Zeit ist die Scholastik, die Philosophie des MA.s. Mit dem Anfang des 13. Jh.s ist diese in ihre zweite Periode eingetreten, deren führende Geister an Umfang des theologischen Wissens und an logischer Schulung ihre Vorgänger des 11. und 12. Jh.s noch übertrafen. Der Lehrmeister dieser Hochblüte der Theologie war Aristoteles, dessen Schriften erst jetzt durch Vermittlung der Araber in weitestem Umfang bekannt und ins Lateinische übersetzt wurden (vorher waren von ihm nur logische Schriften, in lateinischer Übersetzung, verbreitet). Durch das Einleitung Eindringen seiner Werke, die nun die Grundlage für die theologischen Studien bildeten, wurden die wissenschaftlichen Kenntnisse gefördert, das abstrakte, logische Denken und die dialektische Fertigkeit, besonders aber auch die ideelle Behandlung des religiösen Stoffes wurden noch mehr verfeinert. Er galt als der Meister der Philosophie, er war der Philosoph schlechtweg. Das grandiose auf ihm fußende, Gott und Welt umspannende Wissenschaftsgebäude der Theologie errichtete Thomas v. Aquino, besonders durch seine Summa totius Theologiae. Sein System beginnt mit der Denklehre (Logik mit Erkenntnislehre und Wissenschaftslehre), geht weiter zur Lehre vom Sein, der Ontologie mit der Kosmologie und Teleo- logie, steigt auf zur Theologie mit dem Wissen von Gott und derTrinität, vom Geisterreich, dann vom Menschen (Psychologie, Soziologie, Verfassung und Recht, Ethik) und schließt mit den Mysterien des christlichen Heils (der Gottmensch als Bringer des Heils, die Sakramente als Mittel des Heils, die Diener des Heils [die Hierarchie]) und den letzten Dingen. Mit dieser Zusammenfassung alles Wissenswerten hat die mittelalterl. Wissenschaft ihre höchste Vollendung erreicht. Bevor man aber zur Theologie gelangt, ist die Vorschule der Kenntnisse durchzumachen, das sind die Septem artes liberales, die sieben freien Künste. Sie sind die Propädeutik zu der höheren Wissenschaft der Theologie. Dieses Schulsystem war von den griechischen Sophisten begründet worden und ging mit dem römischen Erziehungswesen in das MA. über. 1 Die Septem artes (ars = Wissenschaft) zerfallen in zwei Gruppen, das Trivium und das Quadrivium (von via, Weg, hergenommen, weil durch sie der Weg zur vollen Kenntnis der philosophischen Wahrheit bereitet wird). 2 Das Trivium umfaßt die philolog.-philosophischen Wissenschaften: Grammatik (mater studiorum); Rhetorik, die Kunst, die Hörer durch Beredsamkeit zu überzeugen (worin auch die Stilistik, die Lehre von der gewandten und schönen Ausdrucksweise, einbegriffen ist und womit ein Abschnitt über Rechtskunde verbunden sein kann); Dialektik (Logica, Logik), die Kunst, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, für die Philosophie bzw. Theologie besonders wichtig. 3 Das Quadrivium enthält die mathematischen Fächer: Arithmetik, Geometrie (Geographie, mit der Erdkunde zusammen die Naturkunde), Musik, Astronomie. Im früheren MA. waren die Klöster und Domschulen die Pflegestätten des 1 Martin Grabmann, Die Gesch. d. schobst. Methode, 2 Bde., 1909.1911; L. Baur, Dominicus Gundissalinus, De divisione philo- sophiae, 1903; Franz Anton Specht, Gesch. d. Unterrichtswesens in Deutschi, von d. ältesten Zeiten bis z. Mitte d. 13. Jh.s, 1885; P. H. Denifle, Die Universitäten desMA.s bis 1400, 1885 ff.; G. Kaufmann, Gesch. d. dt. Universitäten, 1888 ff.; F. Paulsen, Gesch. d. gelehrten Unterrichts auf d. dt. Schulen u. Univers, vom Ausg. d. MA.s bis zur Gegenwart, 3. Aufl. 1918. —Norden, Die antike Kunsprosa, 1898, 2,659 ff.; Ehrismann, Festschr. f. Braune, 1920, S 215 ff » Hugo v. S. Victor, Erudit. didasc. III, 3, Migne 176, 768. Mit dem Studium der freien Künste sollen wir dem Herrn dienen: Con- radi Hirsaugiensis Dialogus super auctores sive Didascalon ed. Schepps, 1889, S. 75. 3 Burdach, Ackermann aus Böhmen S.332. 335. § 1. Die geistigen Grundbedingungen 7 wissenschaftlichen Unterrichts, mit dem Aufblühen der Scholastik aber gewannen einzelne hervorragende Gelehrte und Lehrer, vor allem in Frankreich, so großes Ansehen, daß zahlreiche Schüler aus den verschiedenen christlichen Ländern zu ihnen strömten und ihre Lehrstätten zu Mittelpunkten wissenschaftlicher Studien wurden. Ein reges Streben erfüllte die Herzen der wissensdurstigen Jugend in jener geistig bewegten Zeit. Diese freie, von der einzelnen Persönlichkeit abhängende Lehrweise erhielt um 1200 eine geregeltere Form durch die Errichtung von Universitäten. 1 Die christliche Frömmigkeit. Mit dem Imperialismus entfernte sich das Papsttum immer mehr von der Idee eines christlichen Gottesstaates und wurde allzusehr Weltstaat mit weltlichen Interessen. Das religiöse Bedürfnis einer gemütstiefen Seele konnte in der herrschenden kirchlichen Strömung keine Befriedigung finden. Und doch erfüllte die Herzen vieler Tausender in dieser durch die Kreuzzüge religiös gespannten Zeit ein starker Drang, den rechten Weg zu Gott zu finden. Zu allen Zeiten fand die Sehnsucht nach dem Einssein mit dem Ewigen ihre unmittelbarste Erfüllung in der mystischen Versenkung in die Gottestiefe. Diese aber kann rein persönliches Erlebnis des vom Schauen des großen Geheimnisses Beglückten bleiben, ein bloß kontemplativer Zustand; oder der vom Enthusiasmus Ergriffene wirkt vermöge seiner impulsiven Natur suggestiv auf seine Umgebung. Eine solche magische Kraft ging von Bernhard v. Clairvaux aus. In der Christusmystik, in dem Schmerzensbild des Gekreuzigten verkörperte sich sein religiöses Erlebnis und in den bittern Leiden Jesu fanden die Heilsuchenden das erlösende Symbol. Zu einer erotischen Schwärmerei verstieg sich das Kernmotiv der Mystik, das vom Seelenbräutigam, die Allegorie des Hohen Liedes (s. St. Trutperter HL., LG. II, 1, 29 ff.). Die steigende Macht- und Prachtentfaltung des'Papsttums stand in allzu grellem Gegensatz gegen die Dürftigkeit im irdischen Wandel des Gottessohns. Die Verweltlichung der Kirche rief nach dem gesetzmäßigen Verlauf der menschlichen Dinge den Umschwung zum Gegenpol hervor. Im Mönch- tum erstarkte wieder die asketische Idee, und es entstanden die Bettelorden: die Franziskaner (fratres minores, Minoriten), gegründet von Franciscus v. Assisi (f 1226, Bestätigung des Ordens durch den Papst 1223), und die Dominikaner, gestiftet von dem Spanier Dominicus (f 1221, der Orden 1216 bestätigt). Armut in der Nachfolge des armen Lebens Christi war das Ideal des heil. Franciscus und er verwirklichte es in seinem eigenen Leben, in Demut, freudiger Entsagung und wahrhafter innerer Heiligung. Diese Orden, 1 Universitas magistrorum et scholarium, die Einheit, Korporation, der Lehrer u. Studenten unter bestimmten Statuten. Die ältesten Universitäten hatten zunächst nur eine Fakultät: Bologna e. berühmte juristische, Paris e. theologische, Salerno e. medizinische. Durch Erweiterung entstand die Volluniversität, das Studium generale, mit den 3 oberen Fakultäten Theologie, Jurisprudenz, Medizin, und der niederem Vorschule, der Artistenfakultät mit den Septem artes, in der das Trivium der geisteswissenschaftl. Abteilung, das Quadri- vium der naturwissenschaitl. entspricht, aus denen allgemein noch heutzutage bis vor kurzem die philos. Fakultät zusammengesetzt war. 8 Einleitung besonders der der Franziskaner, traten in unmittelbare Fühlung mit dem Volk und gewannen stärkste Popularität und dadurch einen ungemeinen Einfluß auf die volkstümliche Frömmigkeit, am meisten im Bürgertum der Städte. So entstanden auch Vereinigungen von Laien, die sich zu gemeinsamem frommen Leben verbanden, Frauen- und Männervereine: die Beginen und Begharden in den Niederlanden und am Rhein, später, im 15. Jh., die Brüder vom gemeinsamen Leben. Aber auch gerade die bedeutendsten Häupter der scholastischen Wissenschaft gingen aus diesen Orden hervor, die Franziskaner Alexander v. Haies, ein Engländer (f 1245), der Italiener Bonaventura (geb. 1221), die Dominikaner: der Deutsche Albertus Magnus (1193—1280) und der größte, Thomas v. Aquino (geb. um 1225, f 1274). Es war eine allumspannende Idee, diese Einheit der mittelalterl. Weltanschauung, aber es war eine intelligible Größe, die niemals verwirklicht werden konnte. „Das Charakteristische der mittelalterl. Weltanschauung besteht darin, daß sie das Unvereinbare vereinigen will", 1 das Immanente mit dem Transzendenten. Ein Gesetz: Gott, Gottes Wille, Gottes Weltordnung; eine Religion, die sich über alle Gebiete des Lebens erstreckt; eine Theologie: die Wissenschaft von Gott; eine Philosophie: die Scholastik, die den Widerspruch zwischen Vernunft und Glauben souverän aufhebt in der Herrschaft des Glaubens; eine Kunst: die im Dienste Gottes; ein Reich: das römisch-katholische Weltreich, das den Gottesstaat auf Erden repräsentiert und sich abspiegelt in der Hierarchie, dem Aufstieg der priesterlichen Ordnungen, deren Spitze das Papsttum bildet, analog der supranaturalen Geisterwelt der Engelhierarchien, die ihre Spitze in Gott hat. Und in dieser Einheit gibt sich das Individuum auf als Glied des irdischen Gottesreiches, dessen Gesetze traditionell bestimmt sind. Die Tradition beherrscht das ganze Gedankenleben des MA. Aber doch sind die Angehörigen dieses Idealstaates keine unterschiedslose Masse. Jeder dient zwar der Einheitsidee in der gleichen Form, aber um sie ganz in sich aufzunehmen, muß er selbst in die tiefsten Falten der eigenen Seele dringen, er muß' ein verinnerlichtes Leben führen, nur mit der Selbsterkenntnis kann die wahre Gotteserkenntnis bestehen. Durch diese Sichselbsterarbeitung wird jeder einzelne eine Sonderpersönlichkeit, und so ist in der christlichen Einheit die Individualität nicht aufgehoben, sondern vielmehr in sich gefestigt. Jeder einzelne erhält seine Bedeutung in dem Kampfe um die gemeinsame Gottesidee. Ihr unverlierbarer Wert erhebt die Menschenseele über das dumpfe Einerlei eines bloß vegetabilischen Massengeschicks. Da das Christentum den Schwerpunkt auf den inneren Menschen legte, wurde die Psychologie im MA. ganz besonders gepflegt. Die Lehre vom Verhältnis von Leib und Seele, von den Kräften der Seele, ihrem Schicksal im Jenseits war ein wesentlicher Bestandteil der kirchlichen Lehre und wurde im Dogma behandelt. Wie die gesamte christliche Weltanschauung 1 Harnack, 3 1 - 2 S. 320; vgl. LG. II, 1, 3 f. § 1. Die geistigen Grundbedingungen 9 war auch die Psychologie durchaus dualistisch, war' ein anthropologischer Dualismus zwischen Leib und Seele. Im Menschen sind zwei Naturen vereinigt: 1. eine niedere, sinnliche, vergängliche, mit dem Tode aufhörende, der Leib, corpus (oder das Fleisch, caro), mit den Gliedern, den fünf Sinnen und dem Herzen, dem Sitz der Leidenschaften und Begierden; 2. eine höhere, geistige, unvergängliche, den Leib überdauernde und in die Ewigkeit fortbestehende, die Seele, anima (auch spiritus, Geist); 1 sie ist göttlichen Ursprungs und zur Seligkeit bestimmt, sie hat die Pflicht, vermöge ihrer Vernunft den Leib zu regieren, aber leicht läßt sie sich durch dessen Lustbegierde zur Sünde verführen; dann wird sie von den Teufeln zur Hölle geschleppt. Die Lehre vom tragischen Geschick der Seele hat höchstes Ahnentum in Plato: vom Reich der Ideen ist die Seele abgefallen und in den Körper als in ein Gefängnis verbannt. In der von Gott zur Materie absteigenden Emanation des Neuplatonismus, fteög, vovg, yjvxv, hat die Seele eine doppelte Beschaffenheit: die höhere ist die dem vovg zugewandte, zu den Ideen strebende eigentliche Seele, die niedere ist die zur Natur, cpvotg, hinunterziehende Seele. 2 Im Neuen Testament, in den Briefen Pauli und im Logosevangelium, bildet der schon alttestamentliche Gegensatz von Geist und Fleisch, spiritus und caro, die Grundlage der moralischen Wertlehre: die sinnliche Natur des Menschen soll dem vernünftigen Teile, das Fleisch (die Begierden, die Sünde) dem Geiste unterworfen werden (Matth. 26, 41; Joh. 3, 6. 6, 6^; Rom. 8,1 ff; die Stelle im Galaterbriefe 5, 16—18 nähert sich der Vorstellung eines unmittelbaren Gegenüberstehens zweier Widersacher). In der mittelalterl. gelehrten Psychologie treffen die altchristl.- dogmatischen Überlieferungen zusammen mit den klassischen Systemen des Plato (Neuplatonismus) und Aristoteles. Von Plato nahm man die ethische Dreiteilung der Seelenvermögen in anima rationalis (= Plat. vovg), irascibilis (= &v/j.6g), concupiscibilis (= Emftvjula) ; von Aristoteles die biologische Gliederung in anima vegetativa (die Seele als Lebenskraft), anima sensitiva (die durch 1 Augustinus, De Civ. Dei XIV Cap.2: hominis animus quid est nisi spiritus?; Isidor, Etymol. XI Cap. 1, 9, auch Hrab. Maurus, De Universo VI, 1 (Migne 111, 140): spiritum idem esse quod animam Evangelista pronun- ciat. — Anderweitig macht jedoch Aug. auch e. Unterschied zwischen seelischem Leib u. geistigem Leib, corpus animale u. corp. spiri- tale, De Civ. Dei XIII Cap. 23, d.i. die niedere, die lebende Seele (animam viventem) u., als höheres Vermögen, lebendig machender Geist (spiritum vivificantem), wie bei Plotin yvoig u. yvxv- Eine niedere u. e. höhere Seelentätigkeit unterscheidet auch ua. Hrabanus Maurus De Universo VI, 1 (Migne 111, 139); ferner Hugo v. St. Victor DeSacr. (Migne 176, 266): De duplici sensu animae: ut visibilia foris caperet per carnem et invisibilia intus perrationem. Aehnl. Alanus, Dist. (Migne 210, 700): [anima] Dicitur sensualitas quae est po- tentia animae inferior . . . Dicitur ratio . . ., superior pars animae meae, ab appetitu terre- norum suspenditur et ad coeleslia erigitur. Siehe auch Hildebrand, DWb. aaO. Sp. 2661 ff. — Drei Willensgrade: Hugo v.St.Vict, De Area Noe morali I (Migne 176, 633 f.): der Wille des Fleisches (voluntas carnis), der der Begierde ungezügelt folgt; der Wille der Seele (vol. animae), der die zukünftigen Güter erstrebt, ohne die gegenwärtigen aufgeben zu wollen; der Wille des Geistes (vol. spiritus), der auf alle Lust des Fleisches verzichtet. 2 Der Unterschied zwischen avdqwnog jirev- fianHos, der den göttlichen Geist hat, u. äv- flgauzos ipvxixos, der natürl. Mensch, der bloß Seele (Lebenskraft) hat, bei Paulus l.Kor. 2, 14.15. vgl. M. Dibelius, DLZ. 1921, 724 ff., wo auch literar. Nachweise. 10 Einleitung die Sinne vermittelte Empfindung), anima rationalis (die Vernunft), wonach die Pflanzen nur vegetatives Leben haben (Pflanzenseele), die Tiere außer •diesem auch Sinnesempfindung (Tierseele), der Mensch aber zu diesen beiden Kräften noch die Vernunft besitzt. 1 Auch für die mittelalterl. Psychologie hat Augustinus die Grundlage geschaffen. Sein gesamtes Wirken geht aus innerer Erfahrung hervor, s aus genauer Kenntnis des menschlichen Seelenlebens. Seine Konfessionen sind eine Seelengeschichte; das ist gleich im Eingang ausgesprochen als Leitgedanke: cor nostrum inquietum est, donec requiescat in te. Die Grundlehre des Dogmas, die Trinitätsformel, hat er nach psychologischen Kategorien geordnet: der Vater als memoria (Selbstbewußtsein), der Sohn als intellectus (die auf die Dinge gerichtete Erkenntnis), der Geist als voluntas; niedergelegt ist Augustins Psychologie besonders in seinem Gottesstaat (De Civ. Dei XIV, 2 ff.), den Soliloquien, De Anima, De quantitate animae, De im- mortalitate animae, De duabus animabus, De Trinitate. Weiterhin sind für die Geschichte der mittelalterl. christlichen Psychologie von besonderem Einfluß gewesen: Cassiodor, De Anima; Isidor, Etymol. XI Cap. 1 (Duplex est homo: inferior et exterior; inferior homo anima, exterior homo corpus); Alcuin, De animae ratione („die uns notwendigste Erkenntnis sind die Erkenntnis Gottes und unserer eigenen Seele"); Hrabanus Maurus, De anima (nach Cassiodor). In den dogmatischen Lehrgebäuden (Sentenzen, Summa theologiae) wird der Psychologie (Anthropologie) ein besonderer Abschnitt gewidmet, so in den Lehrbüchern des Petrus Lombardus, Alex. v. Haies, Robertus Pullus, zusammenfassend und abschließend vor allem bei Thomas v. Aquino; ferner: Alanus, Distinctiones unter anima, caro, cor, corpus; Joh. v. Salisbury, Metalogicus; Albertus Magnus, De anima; Bonaventura, Soliloquium (Gespräch zwischen dem Menschen und der Seele); Dominicus Gundissalinus, De anima; Isaac de Stella, De anima; Wilh. v. Auvergne. Am tiefsten drangen in ihrem Sehnen nach der Seelenvereinigung mit Gott die Mystiker in die Probleme der Psychologie, Hauptstellen: Hugo v. St. Victor, De Sacramentis lib.I pars 6, 1 ff. (Migne 176, 263 ff.), De anima, auch der ihm zugeschriebene Traktat De unione corporis et spiritus (Migne 177, 285 ff.); St. Bernhard, De consideratione Hb. II Cap. 3 (Noveris licet omnia mysteria, noveris lata terrae, alta coeli, profunda maris, si te nescieris, eris similis aedificanti sine fundamento, ruinam, non structuram faciens); die St. Bernh. beigelegten Traktate De. interiori domo und De amore Dei. Von naturwissenschaftlichem Standpunkt aus betrachteten den Menschen Wilh. v. Con- ches, Thomas Cantimpratensis (übersetzt von Konr. v. Megenberg ed. Pfeiffer S. 25—27), Vincenz v. Beauvais im Speculum naturale. 1 Lit. bei Ostler S. 94 ff. I ipsumredi: in inferiore nomine habitat veri- 2 De vera rel. 39, 72: Noli foras ire; in te | tas; Solu. II, 2: Deum et animam scire cupio. § 2. Die Antike in der Blütezeit des Mittelalters § 2. Die Antike in der Blütezeit des Mittelalters 1 11 Die Fäden, die das MA. mit dem Altertum verbinden, waren nie abgerissen. Das Christentum, das als universelle Macht das römische Weltreich ablöste, ist selbst eine Schöpfung der zur Neige gehenden antiken 1 Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, 7. Aufl. 1904; Mart. Schanz, Gesch. d. röm. Lit., Handb. d. klass. Altert., 3. Aufl. 1914; Ad. Ebert, Gesch. d. christl.-lat. Lit. von ihren Anfängen bis z. Zeitalter Karls d.Gr.,3Bde., 1. Aufl. 1874ff., 2. Aufl. 1889ff.; M. Manitius, Gesch. d. lat. Lit. d. MA.s, I. u. II. Teil, 1911.1923, Handb. d. klass. Altert.; Ders., Gesch. d. christl.-lat. Poesie bis z. Mitte d. 8. Jh.s, 1891 (dazu L. Traube, Anz. 18, 203ff.); O. Bardenhewer, Gesch.d.altkirchl. Litt.,3Bde.,1902—12;Ders.,Patrologie,2.Aufl. 1910; Gröber, Uebersicht üb. d. lat. Litt, von d. Mitte d. 6. Jh.s bis 1350, Gröbers Grdr. II, 1, 97 ff.; Alex. Baumgartner, Die lat. u. griech. Lit. d. christl. Völker, 3., 4. Aufl. 1905; J. E. Sandys, A History of class. scholarship from the VI. Cent, to the end of the middle ages, 2 Bde., 2. Aufl., Cambridge 1906; Carlo Pascal, Poesia lat. medievale, Catania 1907; Ders., Letteratura lat. medievale, ebda 1909; L. Traube, Einl. in d. lat. Piniol, d. MA.s, hgb. v. P. Lehmann 1911; P. Lehmann, Lit.- gesch.imMA., GRM.4 (1912), 569ff. 617ff.; Ders., Vom MA. u. von d. lat. Philol. d. MA.s, 1914; Ders., Die Parodie im MA., 1922, dazu Parodist. Texte, 1923. Ed. Norden, Die antike Kunstprosa v. 6. Jh. v. Chr. bis in d. Zeit der Renaissance, 2 Bde. 1898; K. Borinski, Die Antike in Poetik u. Kunsttheorie v. Ausgang d. klass. Altertums bis auf Goethe I, 1914, II, 1923 ff. — R.v. Lilienkron, Ueb. d. Inhalt d. allgem. Bildung in d. Scholastik, Münch. SB. 1876 S. 47 ff.; Konr. Burdach, Zum Nachleben antiker Dichtung u. Kunst im MA., 43. Philol.-Vers, in Köln 1896 S.136L; Ders., Vom MA. zur Reformation, Bd. II Briefwechsel des Cola di Rienzo, 1912 ff., III. Der Ackermann aus Böhmen, 1917; Ders., Deutsche Abende, 4. Vortrag: Dt. Renaissance, 1916, 2. Aufl. 1918; Ders., Dante u. d. Problem d. Ren., Dt. Rundschau Febr. 1924, 129ff.; Ders. in „Vom Altertum zur Gegenwart" (Sammlung v.Skizzen), 1919; Ders., Die nationale Aneignung der Bibel u. die Anfänge d. germ. Piniol., Festschr.Mogkl924,231—334; Ders., Vorspiel, Gesammelte Schriften z. Gesch. d. dt. Geistes, I. Bd. T. 1, 1925; Singer, Mittelalter u. Renaissance, Sprache u. Dichtung H. 2, 1910; Ed. Norden, Die lat. Lit. im Ueber- gang vom Altert, z. MA., in: Die Kultur der Gegenwart I Abt. 8 (1905), 374 ff.; F.v.Bezold, Aus MA. u. Renaiss., 1918; Ders., Das Fortleben d. antiken Götter im m.alterl. Humanismus, 1922; O. Immisch, Das Nachleben d. Antike, in: „Das Erbe der Alten" N. R. H. 1, 1919; Ed. Spranger, Hauptströmungen d. Pädagogik, Ges. pädag. Aufsätze, 2. Auf 1., 1923, S. 1 ff.; Frantzen, Ueb. d. Einfluß d. m.alterl. Lit. auf d. franz. u. dt. Poesie des MA.s, Neo- philol. 4 (1919), 358—71; H. Hoffmann, Die Antike in d. Gesch. d. Christentums, 1923; Franz Rolf Schröder, Germanentum u. Hellenismus, 1924; Stemplinger u. Lamer, Deutschtum u. Antike, 1920; Stemplinger, Merkers Reallex. 1,49 ff. 62 ff. (Literaturangabe S. 79 ff.); Mauriz Schuster, Altert, u. dt. Kultur, 1926. — W. Meyer, Fragmenta Burana, Gott. Festschr. 1901, s. auch W. Meyer, Ges. Abhandl. Bd. 1, 1905, 1—58; Herm. Reich, D. röm. Mimus, 1903; P. v. Winterfeld, Dt. Dichter d. lat. MA.s, 1913; Kuno Francke, Zur Gesch. d. lat. Schulpoesie d. 12. u. 13 Jh.s, 1878; J.J. Baebler, Beitr. z. e. Gesch. d. lat. Gramm. imMA., 1885; Bernh. Groche, Beitr. zu e. Gesch. e. Renaissancebewegung bei dt. Schriftstellern im 12. Jh., Hall. Diss. 1909 (Geschichtschreibung) ; R. Meissner, Festschrift f.Walzel, 1924, S. 21—38. — Th. Zielinski, Cicero im Wandel d. Jahrhunderte, 3. Aufl. 1912; Bartsch, Albr. v. Halberstadt u.Ovid im MA., s. unt. Albr. v. Halb.; Joh. Bolte, Georg Wickrams Werke, Bd. 7 u. 8, Lit.Ver. 237.241 (s. Bd. 8, Xll Anm.2 u. S. XXXI ff.); Manitius, Beitr. z. Gesch. d. Ovidius im MA., 1900; Ders., Ovid in d. Carmina Burana, PhilologusSupplem. Bd.7 (1898/99) S.723ff.; Wilib. Schrötter, Ovid u. d. Troubad., Berl. Diss. 1908; Herm. Unger, De Ovidiana in Carm. Bur. imitatione, Berl. Diss. 1914; F. E. Guyer, The Influence of Ovid on Chrest. de Troyes, dazu Zfrom.Phil.43 H.4; Wallen- SKÖLD,LeMoyenÄge33,126; Handb.d. klass. Altertumswissensch., Gesch. d. röm. Lit., Il.Teil 1. Hälfte, 3. Aufl. 1911, S.350-53; Gervinus l 5 , 467 ff.; Cholevius 1, 174; G. Zappert, Virgils Fortleben im MA., 1851; K.L.Roth, Germ. 8, 257 ff.; Liebrecht, ebda 10, 406ff.; Domenico Comparetti, Virgilio nel Medio evo, deutsch v. Hans Dütschke 1875; W. Vietor, Ursprung d. Virgiliussage, Zfrom. Phil. 1, 165ff.; F. Novati, Etudi e profili, Bergamo 1907 (darin II Vergilio cristiano); Virgils 4.Ekloge s. unt. Albr. v. Halberstadt; Th. Creizenach, Die Aeneis u. die Pharsalia im MA., Progr. Frankf. 1864; Stemplinger, Horaz im Urteil der Jahrhunderte, 1921. — Holm Süszmilch, Die lat. Vagantenpoesie d. 12. u. 13. Jh.s als Kulturerscheinung, 1918; Hennig Brinkmann, Anfänge d. lat. Liebesdichtung im MA., 1925; J. Schwietering, Einwirkg. d. Antike auf d. Entstehung d. frühen dt.Minnesangs, ZdfA.61—82; s.LG.II,3 unt. Vagantendichtung. 12 Einleitung Welt. Die große Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentum vollzog sich schon im sinkenden Altertum, im Römerreich selbst. Als der römische Staat als politische Macht unterging, übernahm die römische Kirche das Erbe, die Nachfolge in der Weltherrschaft auf geistigem Gebiet. Und hier klafft der Riß zwischen den beiden Perioden, zwischen Antike und Mittelalter: der Gegensatz zwischen dem natürlichen Menschentum des Klassizismus und dem Supranaturalismus des Christentums. Bei dieser Umwandlung der Wertstellung vom höchsten Gut, dort das gute Lebenslos, hier die himmlische Seligkeit, konnte die Antike auf die Idee des Christentums keinen Einfluß haben, aber sie lebte in Wissenschaft und Kunst weiter als allgemeines, der christlichen Weltanschauung dienendes Kulturmittel: in der über den Volkssprachen stehenden Kirchensprache (Latein); in der Philosophie der Scholastik, die ihre theologische Vernunftlehre auf den Begriffen zuerst des Piatonismus, dann des Aristotelismus errichtete; in dem mittelalterl. System der aristotelisch-ptolemäischen Kosmographie; in der romanischen Baukunst, Plastik und Malerei; im Schulsystem der Septem artes und in der darauf beruhenden Klosterbildung. In den literarischen Studien des Schulunterrichts lernte man die lat. Autoren kennen 1 und die Methoden der Rhetorik und Stilistik. 2 Vor allem aber hatten antike Ideen den Geist des Christentums schon in der Frühzeit befruchtet, der Neuplatonismus und Cicero und Seneca haben nie aufgehört, ihre sittliche Wirkung auch auf das Mittelalter auszuüben. Am meisten gelesen waren unter den lat. Dichtern Virgil, der als der größte anerkannt wurde; Ovid als Meister der Liebeskunst für die höf. Minnelehren; Horaz wegen seiner Poetik, Ars poetica. 3 Cicero (oft Tullius genannt) und neben ihm Seneca gaben die Grundlagen ab für das weltliche Moralsystem, die Moralis philosophia; als Moralisten waren auch Juvenal und Persius sehr empfohlen; unter den Historikern Lucanus als Meister der hohen Schreibart. Für den Anfangsunterricht diente besonders die Grammatik des Donatus. Das Studium der lat. Schriftsteller wurde nicht nur wegen des Inhalts ihrer Werke, sondern wesentlich der guten Sprache und des Stiles wegen betrieben. Besonders Ciceros rhetorische Schriften galten hier als Lehrbücher. Letzten Endes aber war die Beschäftigung mit den klassischen Schriftstellern wie alle weltliche Wissenschaft als scientia saecularis nur ein v vorbereitendes Mittel zum höheren Aufstieg nach der Wissenschaft vom Göttlichen, der säpientia caelestis. Von der Renaissance Karls d. Gr. und der wissenschaftsfreundlichen Regierung Karls d. Kahlen an haben klassizierende Bestrebungen nie auf- 1 Lat. Lit.gesch. des MA.s: Conradi Hirsau- giensis (ca. 1070—1150) Dialogus super auc- tores sive Didascalon ed. G. Schepss, 1889; Hugo v. Trimberg, Das Registrum multorum auctorum, Wiener SB. 116 (1888), 145 ff. 2 Norden, Antike Kunstprosa; Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. Ems, Beitr.z. Gesch. d.Rhetorik u. Ethik imMA.,Heidelb.SB.1919,8.Abh., u. Festschr. f. Braune, 1920, S.21H. 3 Burdach, Ackermann S. 224 ff. 288. 304 uö. § 2. Die Antike in der Blütezeit des Mittelalters 13 gehört. Einen mittelalterl. Humanismus im Sinne einer geschlossenen Bildungsgemeinschaft, die als kulturelle Macht einen Teil des gesamten geistigen Lebens beherrschte, ein Wiederaufleben der Antike hat es nicht gegeben, doch aber traten nicht gar wenige Männer hervor, die tiefer in die antike Geistes- und Formenwelt eingedrungen waren und von ihr Anregung zu eigenartigem literarischen Schaffen erhielten. Die Werke dieser 'Humanisten' zeichnen sich durch eine gewählte Sprache aus, die bei manchen sich zur asianischen Manier versteigt: Hildebert v.Tours (1056—1133), berühmt als versgewandter Dichter, besonders aber auch durch seine weltliche Morallehre; 1 Johannes v. Salisbury, der in seinem Polycraticus sive de nugis curialium (1159) dem Hofleben, dem Königtum und dem Adel einen Spiegel vorhielt; Alanus de Insulis (Lille, ca. 1120—1200), der bewunderte Doctor universalis, der in seinem Anticlaudianus, die Natura als von Gott beauftragte Schöpferin des Weltalls vorführend, ein großes Wissenschaftsbild entwickelt und in seinem Liber de planctu Naturae einen düstern Einblick in die Verworrenheit menschlicher Moral eröffnet. Besonders manieriert ist der Stil in des Engländers Galfrid v. Vinesauf Poetik (Nova Poetria, 1195) und in des Johannes v. Garlandia Ars lectoria (um 1234). 2 — In der Historiographie macht sich der Einfluß römischer Geschichtschreiber schon deshalb.vielfach geltend, weil sie als Muster für historischen Stil und Technik benutzt wurden. Dieser „Humanismus" war beschränkt auf den eingeweihten Kreis der Gelehrten. Viel weitgehender, tief ins Volk, wirkte die antike Unterhaltungsliteratur, Alexandersage und Trojanersage aus der griechischen Geschichte, Apollonius v.Tyrus und Flore und Blanscheflur aus dem griechischen Roman kommend gelangten als Erzählungsstoffe zu weitester Verbreitung, Vir- gils Aeneis, in höfisches Kostüm gekleidet, wurde ein Muster eleganter Ritter- und Minnepoesie; 3 weniger leicht ließ sich die mythologische Welt von Ovids Verwandlungen in mittelalterl. Anschauungsweise umdeuten und der Versuch fand wenig Erfolg beim Publikum. 4 Eine Fülle von Einzelmotiven drang aus dem griechischen Roman in die französische und von da in die deutsche Erzählungsliteratur und diente als Beiwerk zur Belebung der Technik. 5 Griechische Literaturformen erhielten sich, mit christlichem Inhalt erfüllt, weiter, nachdem das Heidentum längst untergegangen war: die Erzählungsart der apokryphen Evangelien, der christlichen Legenden schloß sich an die Typen der griechischen Wundererzählungen (ägnaloyla) an. 6 Aeneis entstanden. Die Kelten hatten nur 1 Die ihm zugeschriebene Moralis philo- sophia ist indes wahrscheinlicher ein Werk Wilhelms v. Conches (Schönbach, Anz. 17,344). 2 Kuno Franke, Schulpoesie; Norden S. 727 f. 741 ff.; Edm. Faral, Les Arts poeti- ques du XII 0 et du XIII» siecle, Paris 1924; Ehrismann, Rud. v. Ems S. 73 ff. — Ein der mhd. Lit. naheliegendes Beispiel für den Klassizismus ist der Liebesbriefsteller Wernhers v. Tegernsee, MF. 3, 1 Anm. 3 Der Typus des m.alterl. Epos ist überhaupt unter dem Einfluß und Vorbild von Virgils epische Lieder undProsaerzählungen, die Germanen das epische Lied. Unmittelbar ist Virgils Einwirkung bei Ekkehards Waltharius zu ersehen. 4 Siehe unten Albr. v. Halberstadt. 5 Burdach, 44. Phil.Vers, zu Dresden 1897, S. 28ff.; Ders., Preuß. Ak. 1918, S. 1086 ff.; Roethe, Vom Altertum z. Gegenwart, S. 152 ff. 6 R. Reitzenstein, Hellenistische Wundererzählungen, 1906, S.9ff.; ErwinRohde, Der griech. Roman. 14 Einleitung Die dichterischen Formen des Naturempfindens und der Landschaftsschilderung 1 hatten ihre feste Prägung schon bei den älteren Kirchenvätern und Kirchenlehrern gefunden, die in ununterbrochenem Zusammenhang mit der heidnisch-antiken Literatur standen. Diese Formen begegnen, traditionell weitergepflanzt, wieder bei vielen mittelalterl. Schriftstellern und fanden dann auch in bescheidenerem Maßstab in die Epik und Lyrik der Volksliteraturen, auch im Mhd., Eingang. Kunst und Wissenschaft des MA.s und damit die Grundlagen der Bildung sind das Erbe des klassischen Altertums, vermittelt durch die spätrömisch- frühchristliche Zeit. Sie gaben die Formen ab, in welche die neue Weltanschauung gegossen wurde. Mit ihnen fiel ein Abglanz von den unverlierbaren Menschenwerten der klassischen Schönheit und Geistesgröße auf die in ihrem Wesen so ganz fremde mittelalterl. Welt. § 3. Geschichte des deutschen Ritterstandes Riter{= ritcere), daneben ritter, ist 'Reiter', speziell der berittene Krieger, als Standeswort für den der Ritterschaft, dem Ritterorden Angehörigen. 3 Die Anfänge dieses berittenen Kriegertums als einer besonderen Waffengattung (Heeresgattung) waren für die Franken und Süddeutschland in der militärischen Taktik Karls d. Gr. gegeben, die später Heinrich I. zur Einrichtung einer sächsischen Reiterei nachahmte. Die letzten Bedingungen für den Höherstieg des Rittertums lagen in den politischen Verhältnissen des 12. Jh.s: die imperialistische Reichspolitik Barbarossas, seine staunenswerten Kriegstaten in Italien, sein Machtbewußtsein, seine ganze kraftvolle, ritterlich vorbildliche Persönlichkeit steigerten in dem deutschen Kriegerstand das Bewußtsein, in der politischen Weltlage eine ausschlaggebende Stelle einzunehmen. Ein Bild der Machtfülle des Reichs entfaltete sich in dem glänzenden Hoffest zu Mainz, das der Kaiser an Pfingsten 1184 zur Schwertleite seiner beiden ältesten Söhne, Heinrich und Friedrich, veranstaltete. Es waren historisch denkwürdige Tage, gefeiert auch von den Dichtern, deutschen und französischen. Und diese waren nicht mehr bettelnde joculatores wie bei der Hochzeit Heinrichs III., 3 sondern angesehene höfische Dichter, darunter Heinrich v. Veldeke und der franz. Trouvere und Satiriker Guiot v. Provins. Die den Kern des Heeres bildenden Reiter oder Ritter waren Adlige, jeden- 1 Alfr. Biese, Die Entwickelung d. Naturgefühls im MA. u. in d. Neuzeit, 1888; W. Ganzenmüller, Das Naturgefühl im MA., 1914, dazu Borinski, DLZ.36,1729—33, Biese, Sokrates 3,468—70, H. Scholz, Preuß. Jahrb. 60 (1915), 138—46; Ganzenmüller, Die empfindsame Naturbetracht, im MA., Arch. f. Kulturgesch. 12 (1914), 195—228; Gertr. Stockmayer, Ueb. Naturgefühl in Deutschi, im 10. u. 11. Jh., 1910. - Siehe die Lehrbücher der Deutschen Rechtsgeschichte von Brunner, Schröder, Heusler, v. Amira (Pauls Grdr.); Hans Fehr, Das Recht im Bilde I, 1923; O.v.Zal- linger, Rechtsgesch. d. Ritterstandes, 1879; Waitz, Dt. Verfassungsgesch.; Dahlmann- Waitz S. 121 ff. 302 ff. 391 ff. 474 ff. — Roth v. Schreckenstein, Die Ritterwürde u. d. Ritterstand, 1886; Jul. Petersen, Das Rittertum in d. Darstellung d. Johannes Rothe, QF. 106 (1909); Paul Kluckhohn, Mini- sterialität u. Ritterdichtung, ZfdA. 52,135—68, wo weitere Lit.; Ders., Die Ministerialität in Süddeutschland, Quellen u. Stud. z. Verfassungsgesch. IV H. 1; Ed. Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs 1, 1909, S. 151 ff. 3 LG. II, 1,89. § 3. Geschichte des deutschen Ritterstandes 15, falls Freie. Aber im 12. Jh. wurden mehr und mehr auch Kriegsdienst tuende Hörige, Unfreie, die von ihren Herren Lehen hatten, zu den Rittern gerechnet; volle Gleichstellung aber mit den freien Rittern, Ritterbürtigkeit (ritterliche Abstammung) erlangten sie in den ersten Zeiten nur dann, wenn schon drei ihrer Ahnen Reiterdienste geleistet hatten. Als Ritterbürtige gewannen solche Dienstmannen adliges Ansehen, die ständischen Schranken wurden mit ihrer Einreihung in die Hofgesellschaft durchbrochen. So hatte sich neben dem ursprüngllich freien Ritterstand der Stand der unfreien Ritter gebildet, der Dienstmannen, Ministerialen, und diese hatten oft, indem sie in unmittelbarem Hofdienste standen, wichtige Ämter inne. Die Gesellschaft des mittelalterl. Feudalstaates war in Stände gegliedert. Zwei Klassen waren scharf getrennt: 1. die Freien, der Adel: der Kaiser (König), die Fürsten (Herzog, Landgraf, Markgraf), Grafen und freie Herrn, diese waren ritterbürtig, schon durch Geburt zur Ritterschaft berechtigt; ferner die freien Bauern (die grundbesitzenden Bürger besaßen Bürgerrecht); 2. die Unfreien (die in Diensten eines Herrn stehenden): Dienstmannen (= unfreie Ritter), Hörige (gutsherrliche Hintersassen, unfreie Landleute), Leibeigene. Mit der Einführung des Reiterdienstes (Karl Martell, Karl d. Gr.) hängt die Entstehung des Lehenswesens zusammen (Lehen = Leihung, Verleihung eines Grundbesitzes, lat. beneficium, später, zuerst in Frankreich: feudum, daher Feudalität, Feudalismus = Lehenswesen). Die Kirche, der König, die Großen verliehen einen Grundbesitz an die ihnen im Standesverhältnis Nachgeordneten und Vermögensschwächern, zuerst auf Lebensdauer, seit dem 11. Jh. als Erblehen. Der das Lehen Empfangende (homo,. vassallus, man 1 ) hatte bei dem Akt der Belehnung dem Beleihenden (dominus, Herr) den Treueid zu leisten (fidelitas, hulde). Das Band zwischen Herrn und Mann, Lehensherrn und Lehensmann, war also die triuwe. Die Pflichten des Mannes waren „Hof-fahrt und Heerfahrt": Fahrt an den Hof zur Teilnahme an wichtigen Beratungen oder Hoffestlichkeiten, und Heeresdienst,. Kriegsdienst. Das Verhältnis zwischen dem Mann und dem Herrn ist demnach das von Dienst und Lohn (Hof- und Kriegsdienst für das Lehen; Vassallität = Dienst- und Treuverhältnis des Mannes zu dem Herrn, des Lehensempfängers zu dem Lehensherren). Die Aufnahme in die Ritterordnung, den Ritterorden, der seine eigenen Gesetze, Vorrechte und Pflichten hatte, geschah durch die Ritterweihe, die oft mit großen Festlichkeiten verbunden war. Der kneht, 2 knappe (der noch nicht zum Ritter beförderte jugendliche Krieger) erhielt die Ritterwürde durch eine feierliche Zeremonie, die Schwertleite (swertleite, Schwertführung, daz swert leiten, d. h. das Schwert führen): nach vorausgegangener 1 Man ist im allgemeinen: der Lehensmann; der unfreie Lehensmann wird näher bezeichnet durch die Beifügung von dienest: dienest- man, Mhd. Wb. 2, 1,30 ff.; 36 ff. 2 Im Mhd. hatte kneht e. doppelten Sinn: einmal den obigen, Edelknecht, dann d. heutigen, bezeichnete also in diesem zweiten Fall e. Hörigen od. Eigenmann. 16 Einleitung kirchlicher Handlung (Messe) und nach Ablegung des Rittereides, mit dem der Aufzunehmende die Ritterpflichten beschwor: die Armen und Bedrängten, Witwen und Waisen zu schützen, die Kirche und ihre Diener zu verteidigen, für das Vaterland einzutreten, erhielt er das Schwert, das Wahrzeichen der Ritterschaft; 1 denn nur der Ritter durfte ein Schwert führen. Der Titel „Herr" kam ursprünglich nur dem Freien (dem Adel) zu, aber durch Erteilung der Ritterwürde wurde er auch auf die unfreien Dienstmannen übertragen. Aus der Verbindung des Rittertums mit der Kirche gingen die geistlichen Ritterorden hervor, eine Vereinigung von Rittertum und Mönch- tum mit der Ritterpflicht der Verteidigung des heil. Landes gegen die Ungläubigen und den Mönchsgelübden Armut, Keuschheit, Gehorsam, zugleich mit der Aufgabe christlicher Liebestätigkeit, besonders in der Krankenpflege: der Templerorden und der Johanniterorden, beide von franz. Rittern in Jerusalem um 1220 gestiftet. § 4. Entstehung der höfischen Bildung und Geistesart Mit dem neuen Geist, der in den Kreuzzügen erwachte, kamen neue geistige Formen und Zwecke zur Geltung. In sich selbst hat das Rittertum eine Wandlung vollzogen; die Gottesstreiter setzten sich für ein ideales Ziel ein und gelangten damit zu einem höheren sittlichen Selbstbewußtsein. Im kriegerischen und friedlichen Verkehr mit den sarazenischen Feinden hatte der abendländische Ritter eine ganz anders geartete, aber ebenbürtige Kultur kennen gelernt, eine auf hoher gesellschaftlicher und sittlicher Stufe stehende Ritterschaft. Es entwickelte sich ein internationales Rittertum, mit gleichartigen Standesanschauungen und Lebensformen. Indessen ist nicht zu übersehen, daß auch schon vor den Kreuzzügen lebhafte und folgenreiche Beziehungen zwischen Okzident und Orient bestanden. Die Blicke der Christen waren immer auf die Grabstätte des Herrn gerichtet, und die Wunderfabeln, die von jenen fernen Gegenden berichtet wurden, schon in der Alexandersage, beschäftigten lebhaft die für das Abenteuerliche und Märchenhafte so empfängliche Phantasie des Abendländers. Eine Fülle von Romanstoffen und Erzählungsmotiven strömte aus dem ungemessenen Fabulierungsschatze des Morgenlandes den Literaturen des Westens zu. Aber auch in den Wissenschaften, in der Naturkunde und Philosophie, lernte das christliche MA. vom Osten, von den Arabern, die zugleich in Spanien als unmittelbare Nachbarn Südfrankreichs in ununterbrochenem, kriegerischen oder friedlichen, Austausch mit den Christen standen. 1 A. Schultz, Höf. Leben II, 181 ff.; Wilh. Erben, Schwertleite u. Ritterschlag, 1919; Petersen S. 159ff.; Ehrismann, ZfdA. 56, 144. Vgl. Gotfrids Tristan 4545—5066; die Schwertleite Tr.s geht ohne religiöse Handlung rein weltlich vor sich. Die Pflichten, die Marke ihm auferlegt 5020—43 sind ein weltl. Ritter- u. Tugendspiegel. — Der Ritterschlag war franz. Sitte u. kam erst im 14. Jh. in Deutschland auf, Petersen S. 155ff.; Vogt, LG. S. 165 Anm. 1. — Das Ideal eines Ritters im Sinne der Kirche ist der christliche Ritter, sein Vorbild ist gegeben Ephes. 6, 11—17; vgl. LG. I Reg. S. 466, II, 1 Reg. S. 350. Unter vielen andern Beispielen s. Alanus, Migne 210, 185—87. § 5. Aufnahme der höfischen Kultur und Literatur in Deutschland 17 In der Entwicklung des franz. Geisteslebens lagen die Gründe für diese Hochkultur des MA.s. Frankreich war das Heimatland der cluniacensischen Reformbewegung, der Scholastik, der Kreuzzugsbegeisterung. Das mittelalterl. Rittertum fand seine eigenartige Ausprägung in dem gallo-französischen Feudalismus, wozu vom Süden noch die Einwirkung der arabischen Kultur Spaniens kam. Frankreich hatte die geistige Führung seit dem 11. Jh., von hier gingen die schöpferischen Anregungen aus und befruchteten die Nachbarländer, besonders auch Deutschland, mit den neuen Ideen. Höfische Dichtung und gotische Baukunst mit ihren für die mittelalterl. Romantik so charakteristischen Formen sind Auswirkungen französischer Phantasie. In den kleinen Höfen des südlichen Frankreich liegt der Ursprung der höf. Kultur, die in der Minnedichtung der Trubadur ihre Blüte erreichte. Im Rittertum erwuchs eine neue feinere Laienbildung, die in das Formenspiel des MA.s den so eigenartigen Zug des höfischen Frauendienstes einwob. Bald wurde die neue feine Sitte und mit ihr das Minnewesen von dem hohen Adel Nordfrankreichs aufgenommen und dort zu einem nach Regeln festgesetzten System ausgebildet. Die weit gefeierte Königin von Frankreich, Eleonore v. Poitou, 1 Ludwigs VII. (1137—52), später Heinrichs II. von England Gemahlin, die Enkelin des südfranz. Grafen Wilhelm IX. v. Poitou, des frühesten uns bekannten Trubadurs, schuf an ihrem Hofe das Vorbild eines solchen durch courtoisie und Dichtung veredelten Gesellschaftslebens. Ihr und anderen Fürstinnen und hohen adligen Herren Frankreichs verdankte die höf. Epik in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s ihren großartigen Aufschwung. Ein seltsames Bild der in jener Aristokratie geltenden Anschauungen von der Minne gibt der Hofkaplan Andreas, der diesen Kreisen nahe stand, in seinem Buch über die Liebeskunst, 8 in dem verschiedene jener vornehmen Damen als Autoritäten in Liebesfragen zitiert sind. § 5. Aufnahme der höfischen Kultur und Literatur in Deutschland Die Vermittlung zwischen französischem und deutschem Kulturleben fiel historisch den Grenzlanden am Nieder- und Mittelrhein zu. Die alte Provinz Lothringen stand seit dem Karolingerreich in nächsten geistigen und wirtschaftlichen, auch politischen Beziehungen zum Rheinlande. Am frühesten in Deutschland nahm am Niederrhein das Rittertum die modernen Formen an. Die Rittersprache selbst bezeugt diesen niederfränk. Ursprung: das Wort rltter stammt aus dem Vlämischen, Flandern war die Wiege des Rittertums; ebenso kennzeichnen sich die Ritterworte wäpen und dörper (nhd. 1 Voretzsch, Einführung in d. Stud. d. afrz. Lit., Reg. unt. Eleon. v. P.; Schurr, GRM. 9 (1921), 104;R.KiESSMANN,Untersuchungenüb. d.BedeutungEleonorensv.Poitouf. d. Lit. ihrer Zeit, Qymn.progr. Bernburg 1901. — Siehe Minnesang LG. II, 3. 2 Andreae Capellani regii Francorum De Amore libri tres, rec. E.Trojel, Havniae 1892; Ders., Middelalderens Elskovshoffer (Liebes- Deutsche Literaturgeschichte III 2 höfe), Kopenh. 1888; Andr.Cap., DreiBücher üb. d. Liebe (tractatus amoris), übers, von H. M. Elster, Dresd. 1924. Vgl. das Liebeskonzil, unt. bei Hartm. v. Aue. — Die weltl. Minnelehre des Kaplans ist nachgebildet den theolog. Bestimmungen üb. die Ehe, wie sie Hugo v. St. Victor in seiner Summa Sententiarum Tract. sept. De sacramento conjugiigibt (Migne 176,153 ff.). 18 Einleitung Tölpel) durch Fehlen der Verschiebung des p zu f (mhd. wäfen, dörfer), ors = ras durch die Metathese des r als niederrhein. Lehngut. 1 Vlcemen nannte man im 13. Jh. Nachäffung niederfränk. Sprache, die Ritterschaft Flanderns und Brabantsgalt als die feinste. Viele mhd. höf. Bezeichnungen sind Übersetzungen aus dem Französischen, so hövesch 2 = courtois, von cours = hof (daneben hübesch, unser nhd. hübsch); die genannten wäpen = Wappen neben wäfen Waffe nach frz. armes in den beiden Bedeutungen; dörper = vilain Bauer, von vile {ville) Dorf, dörperie = vilenie Unhöflichkeit, Grobheit; auch ist ritter wohl Nachbildung von Chevalier.* Am Mittelrhein stand die Spielmannsdichtung in Blüte (Rother, Oswald, Orendel, Salman, s. LG. II, 1), von Mittelfranken aus ging auch die höf. Dichtung. 4 Es ist eine umfangreichere mfrk. Epik vorauszusetzen, der Trierer Floyris, Herz. Ernst, Morant und Galie weisen dorthin, ihren Einfluß bezeugt der Tristrant des nd. Ritters Eilhart v. Oberg, der seine Sprache nach dem Mfrk. temperierte. Und Veldeke, der Begründer der klass. mhd. höf. Dichtkunst, war Niederrheiner. Die Geschichte seiner Eneide zeigt geradezu den Weg, den die Verbreitung der höf. Literatur einschlug: das Werk ist dem Thüringer Hof gewidmet. Und zur Hofkultur gehörte diese Dichtung, an den Höfen fand sie ihre Pflege und damit die Möglichkeit ihres Gedeihens. Hier hatten die höfischen Dichter ihr Publikum, mit dem sie in unmittelbarem Verkehr standen, dessen Urteil ihnen maßgebend war und von dessen Beifall die Aufnahme ihrer Werke abhing. Berühmt und gefeiert durch ihre Gastlichkeit für die Kunst waren besonders die Höfe von Thüringen und Wien, 6 jener mehr dem Roman (Veldeke, Herbort, Albr. v. Halberstadt, Wolfram, doch auch Walther v. d. Vogelweide), dieser mehr dem Minnesang (Reinmar, Walther) zugewendet. Häufig erstatten die Verfasser höfischer Erzählungen ihren Gönnern Dank durch Nennung und Preis ihres Namens (Gönnerformel), meist im Prolog oder Epilog, zuweilen auch im Innern des Gedichtes. 6 Die Literatur des Spielmanns der früheren Zeit war ungeschrieben, das höfische Epos dagegen wurde schriftlich aufgezeichnet, es war Buch-Schrifttum. Aus der Handschrift wurde ein solches Werk vor den Hörern vor- 1 Behaghel, Gesch. d. dt. Sprache 4 (Pauls Grdr. 3), 1916, S.71; Singer, Die mhd. Schriftsprache, Basel 1900, S. 5. 2 DWb.4, 2, 1685 f. 1851 ff. 3 Wackernagel, LG. 2 , S. 127 Anm. 4; Kluge, Dt. Sprachgesch. S. 274 ff.; Schröder, Anz. 23, 158; Zwierzina, Festg. f. Heinzel S. 449; Junk, Beitr. 27, 466; Schirokauer, ebda 47, 51 ff. 4 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 216f.; John Meier, Studien z. Sprach- u. Litt.gesch. d. Rheinlande, Beitr. 16, 64—114; Kurt Wagner, Eilhart v. Oberg, S.8*ff.; s. u. Veldeke, Eilhart. 5 Landgraf Hermann V.Thüringen 1190—1217 (1182—90 Pfalzgraf; er war 1162 als junger Mann am Hofe Ludwigs VII. v. Frankreich), Ludwig d. Heilige 1216—27 ;0 esterreich :Her- zogLeopold V. v. Oesterreich 1177—94, Friedrich I. 1194—98, Leopold VI. d. Glorreiche 1198—1230, Friedrich II. d. Streitbare 1230— 46. Die deutschen Kaiser u. d. dt. Literatur: Wackernagel, LG. I 2 , 139 Anm. 58 ff.; Roethe, Kaiser-Geburtstagsrede, Göttingen 1893. 6 Vgl. Schwietering, Demutsformel S.l ff.— Widmungen an Höhergestellte od. an Freunde zu richten ist ein in der kirchlichen Literatur alter Brauch. Meist werden diese als Veranlasser des Werkes gepriesen, was jedoch oft mehr stilistische Formel und nicht wörtlich zu nehmen ist. Zu der früheren Lit. s. Heliand, Otfrid, Rolandslied. § 6. Die höfische Morallehre 19 gelesen und in Handschriften wurde es buchmäßig weiterverbreitet. 1 Die Lieder mochten sich mit der Melodie wohl länger im Gedächtnis einzelner erhalten haben und auswendig vorgetragen worden sein. §6. Die höfische Morallehre 2 Der' neue ritterliche Geist hat einen neuen, veredelten Menschentypus geschaffen, der sich durch feinere Gesittung erhob über den altmodisch gewalt-' tätigen Recken und den bäurisch ungeschliffenen Landedelmann. Ein Zeitalter der Humanität ist angebrochen, der schönen Menschenbildung, die, begrenzt auf einen engen Kreis von Standesbevorrechtigten, wie alle zarte Blüte rasch verwelkte. Wir können uns heutzutage nur schwer hineinversetzen in die Empfindungswelt jener Gesellschaft, aber die hohen Werte, die sie erstrebte, die Formen, die sie sich gab, erregen unsere Bewunderung über das Maß der Bildung, das die ritterliche Aristokratie durch das Gefühl für das Schickliche erreicht hat. In der Dichtkunst, besonders im höf. Roman, hat dieser neue Kulturgehalt Gestalt und Deutung gewonnen. Das erste Erfordernis für den bei Hofe geltenden Verkehr ist die zuht, d. i. Erziehung zur Hofsitte, zur hövescheit, also Wohlgezogenheit, Bildung, feine Sitte, Sittsamkeit, Liebenswürdigkeit in aristokratischer Verachtung der dörperte, der bäurischen Ungeschlachtheit, Grobheit, Tölpelei; aber darüber hinaus ist zuht auch die Erziehung zur Moral, zur Sittlichkeit. In dieser Hinsicht trifft zuht mit tugent überein, denn mhd. tugent (zu touc taugen, tüchtig sein) bedeutet Tüchtigkeit jeder Art, nicht nur sittliche Vollkommenheit (virtus), sondern auch gesellschaftliche Fertigkeit. Zuvörderst ist die zuht (vuoge) Anstandslehre und gibt Vorschriften des guten Tons, des schönen Gebarens, der süßen Rede. Eine konventionell geregelte Etikette kleidet den Umgang in gefällige Formen. Herren und Damen beobachten die rechten Manieren beim Grüßen, beim Empfang, in der Unterhaltung, beim Abschied. Die unbedingte innere Kraft zur Leistung der tugent ist die mäze, 3 das ist das Maßhalten, die Einhaltung des richtigen Mittelwegs, die /nEoÖTrjg des Aristoteles, das prjdev äyav. Mäze hat aber auch den Sinn von Mäßigung, Dämpfung der Leidenschaften durch den sittlichen Willen, Selbstbeherrschung, und dann ist sie die Kardinaltugend der Temperantia, die aaxpgoavvri Piatos. In zwei hohen Werten ist das Ritterideal der höfischen Dichtung dargestellt, in Heldentum und Minne. Tapferkeit, Unerschrockenheit, Erprobung des Mannesmutes, Heldentum also ist die Kardinaltugend des 1 Da die Schreiber oft ungenau und ohne Sorgfalt arbeiteten, ist die handschriftliche Ueberlieferung eines Werkes häufig recht mangelhaft. Die Handschriftenkunde undText- kritik bildet die Grundlage der philologischen Arbeit in der mhd. Lit.gesch. Ihr ist deshalb in diesem Lehrbuch jeweils ein besonderer Abschnitt eingeräumt. 2 Literatur s. unten, bes.bei Hartmann, Wolfram, Gotfrid. 2* 3 Mhd.Wb. II, 1,206; ZfdA.56,148f. 151 f.— Muoter aller fügende gezimet wol der jagende, Mäze ist siu genant, DiuMäze (Ged.), Germ. 8,97, 1—3. — W. Hermanns, Ueb. d. Begriff d. Mäßigungin d.patrist.-scholast. Ethik von Clemens v. Alexandrien bis Albertus Magnus (mit Berücksichtig, seines Einflusses auf d. lat. u. mhd. Poesie), Bonner Diss. 1913; Wechssler S.44ff. {mäze = prov. mezura); H. Naumann, Dt. Vierteljahrsschr. 1,139 ff. 20 Einleitung Kriegers, des ritterlichen Mannes. Die Ehre ist sein höchstes Gut. Aber die Ehre des mittelalterl. Ritters beruht nicht allein, wie der Ruhm des germanischen Recken, in seiner Tapferkeit, in der Bestehung von Kämpfen und Abenteuern, sondern sie ist überhaupt die notwendige Eigenschaft seines Charakters. Der Begriff ere ist ein Bedeutungskomplex, dessen Kern das •Gefühl des sittlichen Selbstbewußtseins ist: es ist in weitestem Sinne die sittliche Persönlichkeit, der sittliche Charakter, die Ehrenhaftigkeit, Reinhaltung des Charakters in jeglicher Handlung; in minderem Werte ist ere ein äußeres Gut: hoher Rang, Würde, Stand, Reichtum, die zu standesgemäßem Auftreten verpflichten. Dieser subjektiven Beschaffenheit entspricht objektiv die von der Umgebung dem ehrenhaften Charakter oder dem besonderen Rang gezollte Ehrung, Hochschätzung, Auszeichnung, „Ruhm und Ehre"; die ere erwirkt Ansehen, werdekeit. In dem humanen Zug der höfischen Gesittung lag es, daß das kriegerische Handwerk rücksichtsvollere Formen annahm. Ritterlichkeit gegen den Gegner, Barmherzigkeit gegen den besiegten Feind waren geboten (Parz. 174, 25 ff.), in den Kreuzzügen lernte man den Edelsinn der islamischen Ritterschaft kennen und damit Toleranz 1 üben auch gegen die Heiden. Wut und Roheit im Kampf, im Turnier und Waffenspiel 2 wurden gemäßigt durch feinere Regeln. — Zu diesem männlichen, kriegerisch-ritterlichen Ideal trat in der eigentümlichen Gesellschaftsform der Courtoisie ein weibliches, frauenhaft-höfisches, die Minne. Die Minne gibt diesem ganzen Kulturbild den eigenartigen Farbenton. Sie ist das ausgesprochen höfische Element, das Reizmittel zur Galanterie, der Untergrund der Höfischheit (courtoisie). Mit ihr ist der höfischen Gesellschaft ein neues Ideal aufgegangen, an Stelle des germanischen Prinzips der Mannentreue tritt der romanische Frauenkult. Die vorhergehende deutsche Epik kennt die Frauenliebe als tiefgehende Leidenschaft noch nicht, sie fehlt ganz im Rolandslied, im Straßburger Alexander begegnen Andeutungen einer höheren Schätzung der Minne, 3 als fabulistisches Thema wurde sie behandelt in der Kaiserchronik, und zwar hier novellenhaft, und in den Werbungssagen als Abenteuer — von Empfindung war dabei wenig die Rede. Jetzt aber bekamen die Minneszenen einen gesteigerten Gefühlswert, zuweilen eröffnen leidenschaftliche Minnegespräche einen tiefen Einblick in die Herzen der Liebenden und in ihr sinnliches Begehren. Und diese Leidenschaft ist dann keine verflackernde Flamme, sondern eine in Feuer geschmiedete Fessel, die die von Minnenot Besessenen dämonisch zusammen- 1 H. Naumann, Der wilde u. d. edle Heide, Festschr. f. Ehrismann, S. 80—101. 2 Alw. Schultz, Höf. Leben 1 53.256.576, II 106 ff. 154«.; Fel. Niedner, Das dt. Turnier im 12. u. 13. Jh., 1881; Bode, Die Kampfesschilderungen in d. mhd. Epen, Greifsw. Diss. 1909, S. 221-26; Petersen S. 165-80. 3 Die Macht der Minne schon im Ruodlieb, s. LG. I, 404, u. im Straßb. AI. 5381 ff. 6254 ff., vgl. Vogt, MF. 1., 2. u. bes. 3. Aufl., Anm. zu 73,7; Kaiserchr. 1265f. 4607ff. Tougen (heimliche) minne schon im Straßb. AI. 2788 f. 3362 f. u. Kinzels Ausg. Anm. S.480, ferner 6246, wlben dienen 2918 f.; zum Ruodlieb vgl. Burdach, 44. Phil.vers. in Dresden 1897, S. 28 ff. § 6. Die höfische Morallehre 21 kettet, ein Treuband, so stark wie das zwischen dem Herrn und seinem lieben Mann. Statt der Mannentreue ist hier die Minnetreue die innere Macht, die den Gang der Handlung bestimmt. Aber die Minne hat ihren Ursprung in der Schwüle der Sinnlichkeit, die Treue ist der unverbrüchliche Bestand eines charakterfesten sittlichen Bewußtseins. Die Minne als höfisch konstruierte Form der Liebe ist für deutsches Empfinden ein fremdes und fremdartiges Wesen. Sie ist ein romanisches Erzeugnis, wie die ritterlich höfische Kultur überhaupt, ein Stück der höfischen Galanterie der südfranzösischen Trubadur. 1 In Südfrankreich spielte die Frau eine selbständige Rolle in der Geselligkeit. Die Frau war der Mittelpunkt des Hofkreises, tonangebend für die an ihm herrschende höf. Lebensart, die cortezia, frz. corteisie, die hövescheit. Die Frauenhuldigung erhielt einen höheren Nimbus durch die Kunst, den Minnesang. In der Sprache der Galanterie war der Herr def Dame gehorsam, er diente ihr, wie der Lehensmann dem Herrn, ganz im Geiste des MA.s, in dem die persönlichen Beziehungen in die ständische Gliederung des Lehenswesens eingespannt waren. Mit den gesellschaftlichen Verhältnissen hing es zusammen, daß die in Liebe umworbene Dame zumeist eine verheiratete Frau war. Der Hofdichter richtet sein Lied an die Gesellschaft, er wird von ihr aufgefordert zu singen, zur Unterhaltung, zur Erhöhung der Stimmung, zur Belebung der Hofesfreude oder zur Erweckung sentimentaler, schmerzlicher Gefühle. So ist das Lied nur ein geistreiches Spiel, der Minnesang ist Ge-, sellschaftsdichtung. Aber gewiß sind viele Lieder mehr als bloße Kunststücke zum Vergnügen der feinen Herrn und Damen, es sind darunter auch zahlreiche wahre Herzensbekenntnisse, die wirklich aus innerem Erlebnis hervorgegangen sind, bestimmt einzig für die Geliebte, nur für sie gesungen und nur ihr bekannt gegeben. 2 Wo die Minne im Mittelpunkt der Höfischheit steht, da ist sie auch die erziehende Macht, die Bewirkerin aller Tugenden, 3 sie veredelt die Sitten und den Charakter. Und in der Tat hatte die Minne, hatte der Verkehr mit gebildeten Frauen einen mildernden Einfluß auf die rauhen Manieren des zum Kriegsdienst erzogenen Mannes. Das Wesen der Minne, ihre Eigen- 1 Wechssler, Kulturproblem pass., bes. S. 153 ff., wo weitere Lit. Entstehung der prov. Minnedichtng aus d. arabischen Hofpoesie: Burdach, Ueb. d. Ursprung d. m.alterl. Minnesangs, Liebesromans u.Frauendienstes, Preuß. Ak.1918,994—1029.1072—98; s.auch Singer, Abhandl. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 13. Die Beziehungen zwischen den südfranz. u. den arabischen Höfen Spaniens vermittelten Einflüsse der arabischen Hoflyrik auf den provenzal. Minnesang. Doch gehört die Galanterie gegen die Damen zum keltisch-gallischen Naturell, darum könnte die poetische Liebeshuldigung der Trubadur in ihren Ursprüngen eine spontane Aeußerung des Volkscharakters sein. 2 Die provenz. Trubadur waren sehr verschiedener Herkunft, zum Teil waren es adlige Herren, die aus bloß höfischer Galanterie oder in der Absicht, die Liebe der Frau eines andern für sich zu gewinnen, dichteten. Die Mehrzahl waren arme Ritter, Bürger, Kleriker, die an fremden Höfen herumzogen u. das Dichten als Gewerbe betrieben (joglars, frz. Jongleur), Hofdichter, die die Herrin um Lohn besangen, wenn auch mancher geheime Wünsche haben mochte. Vgl.WECHSSLER, bes. S. 109. 3 Aus den zahlreichen Stellen sei hier hervorgehoben der Baum der Liebe im Breviari d'amor des Matfre Ermengau, Suchier-Birch = Hirschfeld, Gesch. d. frz. Lit. I 2 , 1913, S. 93, mit Abbildung. 22 Einleitung schaffen und Wirkungen, das Verhalten der Liebenden wurden eingehend erörtert, man vertiefte sich in die Psychologie des Minnephänomens, die Reflexion über die Minne brachte eine scholastisch spitzfindige Minnetheorie und Minnedoktrin hervor, 1 wofür besonders Ovid (Ars amandi, Heroiden) Lehrmeister war, und Minnelehren wurden zu einer besonderen Gattung der Literatur. Die Minne, die so Wunderbares aus dem Menschen macht, ist eine Leidenschaft, „Amor est passio", und darum kann sie auch sehr verderblich wirken, wie eine verheerende Krankheit kann sie dem Menschen alle Willenskraft lähmen und somit sein persönliches Verantwortlichkeitsgefühl untergraben. Zwei köstliche, lebenerhöhende Güter sind es besonders, welche die höfische Doktrin als Geschenke der Minne preist, die frötide und der höhe muot. Beide sind im Grunde zwei Stufen des gleichen Gefühlswertes. 2 Fronde, die Lebensfreude, das Lebenselixir des gesellschaftlichen Treibens, ist Pflicht jedes Teilnehmers, denn Unterhaltung und Spiel, Fest und Tanz verlangen vergnügte Stimmung, Traurigkeit wäre der Tod des geselligen Lebens. So ist die Frauenminne die Quelle des schönsten Lebensgenusses, der höchsten Glückseligkeit (scelde). Der höhe muot hat ein stärkeres Ethos als die frou.de, es ist die von sittlichem Selbstbewußtsein erhöhte Lebensstimmung, eine von freudiger Lebensbejahung getragene innere Stärke, zu hohem Dasein 1 Minnetheorie: Weinhold, Die deutschen Frauen in d. MA., \\ 1882, 216—92; Alw. Schultz, Hof. Leben, passim; Wilmanns, Leben Walthers v. d. Vogelw. 1 S. 156—208. 328-408, ed. Michels S.234—89. 455—537; Heinzel, Kl. Sehr. S. 32 ff.; W. Hertz, Ueb. d. ritterl. Frauendienst, in: Aus Dichtung u. Sage, Vortr. u. Aufs., 1907; Schönbach, Anfänge d. Minnesangs, bes. S. 110; Ders., Beitr. z. d. ältesten Minnesängern, Wiener SB. 141 (1899) passim; Burdach, Reinmar u.Walth. pass.; Ders.,WaltherS.25.103.132—47; Ders., Ueb. d. Ursprung d. m.alterl. Minnesangs; Singer, Wolframs Stil S.23f. 28—31; Ehrismann, Das ritterl. Tugendsystem, ZfdA. 56, 137 ff.; Kluckhohn, ZfdA.52,135ff.; Panzer, ZfdPh. 31, 524 ff.; Dexel, Ueb. gesellschaftl. Anschauungen ... in d.mhd.höf.u. Volksepen, Greifsw. Diss. 1909; Pestalozzi, Seelische Probleme d. Hochmittelalters, N. Jahrb. 1918, Bd. 41, 192ff.; Friedr. Neumann, Walther v. d. Vogelw. u. d. Reich, Dt. Vierteljahrsschr. 1, 503 ff. — Wechssler, Kulturprobl. pass.; Ders., ZffrzSpr. 24 (1902), 159-90; Ferd. Michel, Heinr. v. Morungen u. die Trubadur, QF. 38 (1880); Anna Lüderitz, Die Liebestheorie d. Provencalen bei d. Minnesingern d. Stauferzeit, 1904 (dazuWECHSSLER,ZfdPh.40, 478 ff.; R.Götte, Liebesleben u.Liebesdienst in d. Liebesdichtungd. MA.s, ZfKulturgesch. I ; R.BECKER.D.m.alterl.MinnedienstinDeutschl., 1895; Elisabet Kaiser, D. Frauendienst im mhd. Nationalepos, Germ. Abh. 52 (1921); Mart. Müller, Minne u. Dienst in d. altfrz. Lyrik, Marb.Diss. 1907; M.Marg. Mann, Die Frauen u. d. Frauenverehrung in d. höf. Epik nach Gotfr. v. Straßb., Journal of Engl, and Germ. Phil. 12, 355ff.; Arn. Schiller, D. Minnesang als Gesellschaftspoesie, Bonn.Diss. 1907; Alex. Klein, Die afrz. Minnefragen, Marb. Diss. 1910; K. Heyl, D.Theorie d.Minne in d. ältesten Minneromanen Frankreichs.l 912; E. Reckzeh, Beitr. z. Entwicklungsgesch. d. Frauenideals in d. frz. Lit. am Ausg. d. MA.s, Greifsw. Diss. 1912; Br. Barth, Liebe u. Ehe im afrz. Fablel u. i. d. mhd. Novelle, Pal. 97 (1910); Lotte Zade, Der Troub. Jaufre Rudel u. d. Motiv d. Fernliebe in d. Weltlit, Greifsw. Diss. 1919; E. Langlois, Origines et sources du Roman de la Rose, 1890. — Vera Vollmer, Die Begriffe der Triuwe u. Staete in d. höf. Minnedichtung, Tüb. Diss. 1914. 2 Zwischen ,/röude' u. Jidher muot' besteht ein ähnlicher Unterschied, wie zwischen volup- tas(od. laetitia) u. gaudium, Lust u. Freude, bei den Stoikern, s. bes. Seneca, Ep. 59, 1: die .Freude' (also = der hohe muot) ist die Erhebung einer auf ihre eigentüml. u. wahren Güter vertrauenden Seele, u. 59,17: die Freude erwächst nur aus dem Bewußtsein der Tugenden. Dagegen wird die Lust (die der fröude der Minnesänger entspräche) von den Stoikern als etwas Minderwertiges angesehen (Ep.59,1).— Regine Strümpell, Ueb. Gebrauch u. Bedeutung von sa;lde, saelic u. Verwandtem bei mhd. Dichtern, Leipz. Diss. 1917. § 7. Die höfischf Morallehre 23 zu streben. Ungeahnte Kräfte erweckt im Menschenherzen die erwiderte Liebe. Die in der Minnedoktrin niedergelegte höfische Moraltheorie ist in den ritterlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen begründet. Einiges hat sie auch aus der geistlichen Moralphilosophie entnommen. Man trifft aber noch ein anderes, an sittlichem Ernst jene höfische Minnelehre weit überragendes System, das die ethischen Werte abstuft als Gotes hulde, ere und guot. (Walther v. d. Vogelw. 8,14.) Diese Tugendlehre entspringt einem andern sittlichen Gedankenkreis als dem der höfischen Gesellschaft, sie ist eine Vereinigung religiöser und weltlicher Güter, von Moraltheologie und Moralphilosophie. 1 Noch weiter. Das Rittertum hat sich seine eigene sittliche Weltanschauung gebildet und diese ausgesprochen in der Formel: Gott und der Welt gefallen. 2 Das Irdische und das Göttliche in seinem sittlichen Bewußtsein zu vereinigen, das ist die höchste Lebensaufgabe des Ritters. Der Gegensatz zwischen Weltstaat und Gottesstaat ist aufgehoben, der in der Welt lebende Laie hat auch irdische Pflichten zu erfüllen, und auch die müssen ihm heilig sein, denn sie sind ihm durch die göttliche Weltordnung zugeteilt. 3 Darum ist die arbeit das erste sittliche Gebot des Ritters, tätig sein in Ausübung seiner ritterlichen Pflichten. Der Wille muß zur sittlichen Lebensmacht gesteigert und geläutert werden, dem Willen, der praktischen Vernunft gebührt die Leitung im Haushalt der Seelenkräfte. 4 In dieser Auffassung erhält die „Welt" ihre sittliche Berechtigung. Das ist der Humanismus des Rittertums. Diese Werterhöhung der Welt ist nicht widerkirchlich, sie erhebt im Gegenteil den im Dienste der „Frau Welt" stehenden höfischen Minnesport aus seiner irdischen Umgebung und bringt ihn in Zusammenhang 1 Die Lehre von Gott als dem Summum bonum gehört der Moraltheologie an. Ere entspricht in der m.alterl. weltl. Morallehre, der Moralphilosophie, Moralis philosophia, dem „Honestum". Die Mor.philosophie ist den lat. Schriftstellern, hauptsächl. Ciceros De officiis entnommen. Sie wurde im MA. in den Schulen gelehrt. Honestum ist die Rechtschaffenheit (die rechte sittliche Beschaffenheit, xaiÖQ&cofj.a [lat. rectum] bei d. griech. Stoikern), das sind die 4 Kardinaltugenden.— Irdisch guot sind die geringeren, die äußeren Güter u. Glücksgüter od. körperl. Vorzüge, in der Mor.phil. das „Utile", vgl.ZfdA.56,140f.; Wechssler S. 148—51. —In d. m.alterl. Sittenlehre ist unterschieden zwischen derTheologia superior od. celestis = Dogmatik, Kenntnis des Göttlichen, u. Theologia inferior od. sub- celestis = Moral, vgl. Mart. Grabmann, Geschichte d. scholast. Methode, bes. Bd. 2, 483 f. 2 Stellen s. bei Heinzel, Kl. Sehr. S. 43.47 f.; Wechssler S. 429ff.; Ehrismann, ZfdA. 56, 175 ifc Stud. üb. Rud. v. Ems S. 15; Schwie- tering, Demutsformel S. 87; Schönbach, Ueb. Hartm. v. Aue S.439. Weitere Stellen: Otfr. an Hartm. 131 f.; Annolied 610—12. 647f.; Rud. v. Ems, Bari. 30, 8—10, Wilh. v. Orlens 3394f.; Docens misc. 2, 184; vgl. Walth. v. d. Vogelw. 84, 7; Hartm., MF. 215, 18. Siehe unt. bei Hartm., Wolfr., Gotfr.— Die ältere Formel lautete: Die Seele behüten und auch die Ehre behalten u. ähnl.: Kaiserchr. 13 f. 673 f. 5681 f. 11140 f. (LG. II, 1, 275); Trier. Silv. 14—16; Wernh. v.Elmendorf, ZfdA.4 S.284ff. V.71f. 558f. 650f.; MF.29, 34—36 (Vogt, LG. S. 142). 3 Die Kirche erkennt die einzelnen Berufe als gottgeordnet, von d. Vorsehung bestimmt an, vgl. Paulus, Hist. Jahrb. 1911, 725—55; Günther Müller, Gradualismus. 4 Arbeit, labor, opus, ist die Lebenspflicht des Christen überhaupt, auch des Mönchs; der erste Satz der Benediktinerregel lautet: per oboedientiae laborem zu Gott zurückkehren, von dem du per inoboedientiae desi- diam abgewichen bist. Es ist die Arbeit des Mönchs, den eigenen Willen aufzugeben, um für Christus zu streiten. 24 Einleituno mit dem Reich der jenseitigen Ideen. Diese weit-göttliche Sittlichkeit gehört in die gottgewollte Abstufung der Seinswerte und bildet eine dem rein mit Gott beschäftigten Mönchtum niedergeordnete Schicht. § 7. Entwicklung der deutschen Literatur in der mhd. Blütezeit (1170—1300). Die höfische Dichtung 1 Die höf. Dichtung ist eine Symbolisierung der ritterlichen Standesideale, ist die der neuen höf. Kultur eigentümliche künstlerische Ausdrucksweise. Durch den kulturellen Aufstieg des Rittertums trat eine völlige Verschiebung im ganzen Bild der Zeit ein. Die höfischen Laien erwarben der Kirche gegenüber eine stärkere geistige Selbständigkeit. Damit hat die Entwicklung der deutschen Literatur eine neue Bahn eingeschlagen, ja ihre erste große Wandlung erfahren. In der ahd. und frühmhd. Periode hatten die im Schrifttum niedergelegte Dichtung durchaus die Geistlichen in Händen, ja sie waren es, die das weltliche Ritterepos begründeten (Alexanderl., Rolandsl.); selbst die Spielmannsepen, die wohl zum großen Teil auch Kleriker zu Verfassern hatten, bekamen durch eingestreute Erbaulichkeiten einen frommen Anstrich. Mit dem letzten Drittel des 12. Jh.s aber begann der Adel selbständiger in das literarische Leben einzugreifen und zwar auf allen Gebieten der Dichtkunst; auch dem geistlichen und dem didaktischen. Die Ritter, zu denen sich hierin auch Gelehrte, Bürger, Fahrende, ja Geistliche selber gesellten, unternahmen es, der religiösen Literatur eine weltliche an die Seite zu setzen. Die Geistlichen verloren die Führung, nicht mehr die Klöster waren 1 Gesch. d. deutschen Literatur: Uhland, Gesch. d. ad. Poesie (Vorlesungen 1830.31) in Uhlands Schriften Bd. 1. 2, 1866; Gervinus, Gesch. d. dt. Dichtg., 1835, 5. Aufl. 1871; Wackernagel, Gesch. d. dt. Litt., 1872,2. Aufl. von Martin 1879; Koberstein, Grundr. z. Gesch. d. dt. National-Litt., 1827, 6. Aufl. 1884; Goedeke, Grundr. z. Gesch. d. dt. Dichtg., 1856—59,2. Aufl. 1884; Leo CHOLEVius.Gesch. d. dt. Poesie nach ihren antiken Elementen, LT., 1854; Scherer, Gesch. d. dt. Litt., 1880, 14. Aufl. 1914; Vogt, Gesch. d. mhd. Lit., Pauls Grundr. Bd. II, 1890, 2. Aufl. 1906,3. Aufl. 1922; Vogt u. Koch, Gesch. d. dt. Lit., Bd.I, 1897, 4. Aufl. 1919; R.M. Meyer, Die dt. Lit. bis z.Beginn des 19. Jh.s, 1916; Golther, Gesch. d. dt. Litt., in Kürschners Dt. Nat.-Litt., Bd. 163 o.J.; Ders., Die dt. Dichtg. im MA., 1912, 2. Aufl. 1922; Jul.Wiegand, Gesch. d. dt. Dichtg., 1920; Nadler, LG. d. dt. Stämme U.Landschaften, 1912—18, Bd. 1,2. Aufl. 1923; Schneider, Heldendichtg., Geistlichendichtg., Ritterdichtg., 1925; v.d.Leyen, Gesch. d. dt. Dichtg., 1926. Wilhelm, Zur Gesch. d. Schrifttums in Deutschi, bis z. Ausgang d. 13. Jh.s, I, 1920, Münch. Arch. H. 8; Ehrismann, D. Geist d. dt. Dichtg. im MA., Deutschkundl. Bücherei, 1925; v. d. Leyen in: Nollau, German.Wiedererstehung, 1926; KunoFrancke, Die Kulturwerte d. dt. Lit. d. MA.s, 1, 1910,2. Aufl. 1925; Ders., Personality in Germ. lit. before Luther, 1916; H. Schuck, Allmän Litteraturhistoria, II, 1924. — Jak. Baechtold, Die dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, Neudr. 1919; S. Singer, LG. d. dt. Schweiz im MA., 1916; J. W. Nagl u. J. Zeidler, Dt.-österr. LG., 2 Bde., 1896ff.; R. Wolkan, Gesch. d. dt. Lit. in Böhmen bis z. Ausg. d. 16. Jh.s, 1894; Ders., Gesch. d. dt. Lit. in Böhmen u. den Sudetenländern, 1925; A. E. Schönbach, Dichtungen u. Sänger, Das Hof- u. Minneleben [in Wien] bis 1270, in: Gesch. d. Stadt Wien, I, 1897; J. Seemüller, Dt. Poesie vom Ende d. 13. bis in d. Beginn d. 16. Jh.s, ebda III 1903; R. Krauss, Schwab. LG., 1897—99; G. Baesecke, Die dt. Lit. d. Rheingebietes im MA., in: Der Deutscheu, d. Rheingebiet, 1926; Ders., Wissenschaftl. Forschungsberichte 1919, S.64—77.— C.v.Kraus, Mhd. Uebungsbuch, Heidelb. 1912, 2. Aufl. 1926; H. MEYER-BENFEY.Mhd.Uebungsstücke, 2. Aufl., Halle 1921.— Könnecke, Bilderatlas z. Gesch. d. dt. Nationallit., 1. Aufl. 1885; Ders., Lit.atlas (kleinereAusg. v.Bilderatlas), 1909.— Niederd. Lit. s. H. Jellinghaus, Gesch. d. mittelniederdeutschen Lit. in Pauls Grundr., 3. Aufl. 1925; W.Stammler, Mittelniederd. Lesebuch, 1921; Ders., Die Bedeutg. d. mittelniederd. Lit. in d. dt. Geistesgeschichte, GRM. 13 (1925) H. 11/12. e § 7. Entwicklung der deutschen Literatur (1170—1300). Die höfische Dichtung 25 die Heimstätten der deutschen Wortkunst, sondern die Höfe. In dieser Verweltlichung der Dichtung, womit auch eine große Erweiterung des Stoffgebietes stattfand, liegt der Hauptunterschied gegenüber der schriftlich verbreiteten Literatur der ahd. und frühmhd. Zeit. Frau Welt mit ihrer Daseinsfreude kleidete sich in den Schmuck der Poesie und gewann in einer verweltlichten Zeit leichte Herrschaft über die Neigungen nicht nur der Laien, sondern auch vieler Geistlicher. Aber wenn auch ein ängstlich frommes Gewissen diese Weltfreudigkeit als eiteln, das Seelenheil gefährdenden Tand verurteilen mochte, so erkannte doch die herrschende Meinung die Erzählungen der höfischen Romane als Bildungswerte an, die mithalfen, den Weg zum Guten zu bereiten. Ein Gegensatz zwischen geistlicher und weltlicher Literatur bestand nicht, unter den Abfassern höfischer Werke befindet sich mancher Kleriker oder geistlich Erzogene und umgekehrt war die religiöse Literatur nicht das Sonderarbeitsfeld nur der Geistlichen, sondern auch ritterliche Dichter wandten sich ihr zu. Das Wunderbare in diesem fast plötzlichen Emporstieg der neuen Dichtung geschah in dem Aufleuchten einer starken poetischen Kraft in dem Geiste der höfischen Gesellschaft. Diese Laien trugen ein hohes Standesideal in sich und wußten das Wort zu finden, ihm den passenden Ausdruck zu verleihen. Ein vielseitiges geistiges Leben entfaltet sich in den Romanen und im Minnesang. Viele dieser weltlichen Dichter hatten sich eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende Bildung 1 erworben, einige vielleicht in einer Kloster- oder Stiftsschule. Wohl alle aber besaßen sie durch Reisen, Aufenthalt an Höfen und in geistig angeregter Umgebung einen erfahrenen Weltblick. Die meisten auch waren in der deutschen und französischen Literatur und in den notwendigen Lehren der Religion bewandert. Und wenn es einem oder dem andern auch an elementaren Kenntnissen gebrach (Lesen und Schreiben gehörte nicht zu der üblichen Rittererziehung), so half darüber eine natürliche Auffassungsgabe und das instinktive Lernen aus persönlichem Umgang hinaus. Vornehmlich waren es die Ministerialen, die diese neue Dichtung zur Blüte brachten. Sie eben besaßen durch ihre Erziehung für den Herrendienst und ihren Hofberuf einen besonderen Grad von allgemeiner Bildung. Viele der mhd. Dichter, darunter Hartmann, Wolfram, Walther, gehörten diesem niederen, unfreien Ritterstande an. In der Geschichte der Kultur liegen die Bedingungen für die höfische Dichtung in Deutschland. Sie ist durchaus eine Nachahmung französischer Vorbilder: aus dem Süden Frankreichs stammt der Minnesang, aus dem Norden kam das höf. Epos. Bei der Gleichartigkeit der ebenfalls aus Frankreich stammenden Hofsitte fand diese franz. Literatur leicht Aufnahme in 1 Ueb. die Bildung der mhd. Dichter s. Wackernagel, LG. I 2 S. 136 Anm.43 a . 44. 45, auch S. 134Anm.34.35. — Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. Ems; K. Vietor, Die Kunstanschauung der höf. Epigonen, Beitr. 46, 85— 124; Meissner, Festschr. für Walzel, 1924,. S. 24 ff. (Der Dichter als Enthusiast). 26 Einleitung Deutschland, bekam aber doch bei dem Durchgang durch das deutsche Gemütsleben einen nationalen Stimmungston. Diese Kunst war nur das Phantasiebild einer besonders bevorzugten Klasse, war Standespoesie und bewegte sich in konventionellen Linien, in einem bestimmten und beschränkten Darstellungskreis und in ausgesprochenen, dieser Gesellschaft eigentümlichen Wertverhältnissen, mit wiederkehrenden Motiven, so daß für die unselbständigeren Nachahmer nur wenig Raum zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit blieb. Mit der Kultur des Rittertums hat die mittelalterl. Dichtung ihre höchste Stufe erreicht. Es war die Blütezeit der mittelalterl. Poesie in Deutschland, es war die eigentliche Zeit der Romantik. Aber bald ging die poetische Schöpferkraft des Standes, dessen Ideale diese Dichtung verherrlichte, zur Neige. Unerreichte Vorbilder blieben die drei großen Epiker Hartmann, Wolfram, Gotfrid, und ihre Nachfolger bekennen sich selbst als Nachahmer, eine lange Reihe von Epigonen zehrte von ihrer Kunst, und über Entartungen im Minnesang klagten schon Veldeke und Walther v. d. Vogel weide. 1 Auch war die verfeinerte Höfischheit, zumal mit dem Minnedienst, nur eine vorübergehende Modeerscheinung, die Lebenskunst einer auserlesenen Aristokratie in der Zeit ihrer geistigen Hochspannung. Der tiefste Grund aber für den Rückgang des Rittertums lag in der Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Das ritterliche Staufengeschlecht war ausgestorben, eine Zeit völliger Zerrüttung folgte mit dem Interregnum und der neue Herr, Rudolf v. Habsburg, war ein sparsamer, kluger Haushalter ohne Sinn für edles Abenteurertum oder phantastische Minnetheorien. Die Ritterschaft war aber in sich selbst heruntergekommen. Ihre wirtschaftliche Lage hatte sich durch gesteigerten Verbrauch, durch Genußsucht, Rauflust, ewige Fehden verschlechtert, Roheit und Verwilderung nahmen überhand. Da war der Boden bereitet für die soziale Umwälzung. Im Laufe des 12. Jh.s hatte der Handel der größeren Städte, besonders der rheinischen, einen bedeutenden Aufschwung durch den internationalen Verkehr genommen. Für die Gewerbe trat eine Steigerung des Wohlstandes ein und die zünftigen Handwerker befreiten sich von der Vormundschaft des Adels, der Patrizier und reichen Kaufherren. In den Zunftkämpfen seit der zweiten Hälfte des 13. Jh.s gewannen die Handwerker und Bürger Zutritt zu der städtischen Verwaltung. Mit dem Aufstieg des Bürgertums begannen die Anfänge 1 Klagen üb. zunehmendes dörperisches Benehmen der Ritter u. Schilderungen ihres rohen Lebens seit der Mitte des 13. Jh.s zeugen vom Verfall der zuht: Rud. v. Ems im Wilhelm v. Orl. 9793 ff.; Renner 857—2280 (bes. 880 ff. 1179 ff.); bes. in Oestreich: Strickers Frauenehre, die Herren v. Oesterreich, Ulr.s v. Liechtenstein Frauenbuch, Meier Helmbrecht, die Satiren des Seifrid Helbling, bes. 1, 90 ff. {ed. Seemüller S. 17ff.); Klagen üb. die gute alte Zeit: Petersen S.3ff.; Burdach, Ackermann S. 254. — Rückgang des Verständnisses für die Dichtkunst: Konr. v. Würzburg, Marner XV, 14(ed. Strauch S. 124f.); Renner 16183— 99. — Klage üb. die Roheit des Rittertums ist übrigens ein altes Thema; schon bei Heinr. v. Melk, Erinnerung 354 ff. (vgl. Seemüller, ZfdPh. 19,369), ähnlich wie bei Rud. v. Ems im Wilhelm. Klagen üb. d. Niedergang der Kunst: Vietor, Beitr. 46,119 ff. § 8. Die mittelhochdeutsche Dichtersprache 27 einer neuen Geistesrichtung in der Literatur, die dann in den folgenden zwei Jahrhunderten, dem 14. und 15., entfaltet zur Geltung kam. Ein kräftiger Wirklichkeitssinn schaute das Leben nicht mehr durch das Medium des Symbols wie in einem Artusroman, sondern griff in Novelle und Satire in die Gegenwart selbst hinein, in die gärende Zeit, die nach neuen Formen rang. Die Wendung zum Realistischen und Volkstümlichen erzeugte eine niedrigere Gattung der Unterhaltungsliteratur, die Schwanke; praktischrealistische Zwecke verfolgte die Spruchdichtung der Fahrenden mit ihrer lehrhaften und moralisierenden Tendenz. Dagegen erweckte die neue franziskanische Frömmigkeit eine neue, Mensch und Gott in inniger Gefühlseinheit verschmelzende Mystik. — Dieser soziale Entwicklungsgang war ebenfalls nicht auf Deutschland beschränkt, sondern dieselbe Demokratisierung der Gesellschaft bewegte, mit ähnlichen Folgen für Bildung und Literatur, die Geschichte Frankreichs. Mit dem Übergang von der ritterlich-phantastischen zu der bürgerlich-realistischen Auffassung des Lebens und der Dinge war die zweite Wandlung in der deutschen Dichtung des MA.s getan. Das Rittertum glaubte an die Phantasiewelt der Artusromane, da sie der Ausdruck seiner Ideale war, dem praktisch nüchternen Wirklichkeitssinne des 14. und 15. Jh.s galten diese Wundertaten nur als poetische Reizmittel. Die Zeit der Romantik war vorbei, aber die Freude an ritterlichem Glanz, an Spiel und Festlichkeiten, der Sinn für aristokratische Lebensformen war, wenn auch in andere, weniger schwärmerische Formen gekleidet, doch nicht erstorben, vielmehr in weitere, auch bürgerliche Kreise gedrungen. Darum ging auch das Interesse an der höfischen Literatur nicht verloren, und die führenden Romane Hartmanns, Wolframs, Gotfrids blieben, wie die vielen Handschriften zeigen, eine beliebte Lektüre auch im 14. und 15. Jh. 1 § 8. Die mittelhochdeutsche Dichtersprache 2 Die ahd. und frühmd. Denkmäler tragen das Gepräge der Mundart ihrer 1 Vgl. Panzer, Personennamen aus d. höf. Epos in Baiern, Festg.f.Sievers, 1896,205—20; Ernst Kegel, Die Verbreitung d. mhd. erzählenden Lit. in Mittel- u. Niederdeutschi., nachgewiesen auf Grund von Personennamen, Her- maea III (1905); Fritz Karg, Die Wandlungen des höf. Epos in Deutschi.vom 13.zum 14. Jh., GRM. 11 (1923), 320—36. 2 Schriftsprache, Dichtersprache: Paul, Gab es e. mhd. Schriftspr.*, 1873; Behaghel, Zur Frage nach e. mhd. Schriftspr., 1886; Ders., Schriftspr. u. Mundart, 1896; Kauffmann, Behaghels Argumente für e. mhd. Schriftsprache, Beitr. 13, 464—503; Ders., Gesch. d. schwäb. Mundart, 1890, 275ff.; Pischek, Zur Frage nach d. Existenz e. mhd. Schriftspr. im ausgehenden 13. Jh., 19. Jahres- ber.d.Oberrealschule in Teschen 1892; Singer, Die mhd. Schriftspr., 1900, und Aufs. u.Vortr., 1912,123—43;KRAUS,Festg.f.HeinzelS.lllff.; Zwierzina, ebda437ff.; Ders.,Mhd.Studien, ZfdA. 44, 1 ff. 249 ff. 345 ff., 45, 19 ff. 253 ff. 317 ff., ferner 63, 1—19; Ders., Festg. für Luick 1925, 122—40; f. Sievers 1925, 402— 44; f. Ehrismann 1925, 56—60; Behaghel, Gesch. d. dt. Sprache, 4. Aufl. 1916, S.66ff.; KLUGE,Dt.Sprachgesch.l920,S.286ff.; Schiro- kauer, Beitr. 47, 1 ff.; Bojunga, Die mhd. Dichtersprache, in: Nollau, Germ. Wiedererstehung, 1926; H. Naumann, Gesch. d. dt. Literatursprachen, Deutsch-kundl. Buch. 1926. — Die früheren Ansichten: W. Grimm, Kl. Schr.3,214ff.;PFEiFFER,FreieForsch.S.309ff.; Paul S. 3 ff. Die nd. Dichterspr.: Behaghel, Schriftspr. u. MA. S. 9 u. Anm.; Roethe, Die Reimvorreden d. Sachsenspiegels, Gott. Ab- handl. NF. II Nr. 8,1899; Schröder, Eraclius, Münch. SB. 1924, 3. Abh. S. 1 ff.; s. auch unten bei Eilhart u. Veldeke. — Vollst. Lit. üb. d. Schriftspr. bis 1916: Behaghel, Gesch. d dt. Spr. aaO. 28 Einleitung Verfasser, jedes einzelne Erzeugnis weist deutlich seine landschaftliche Herkunft auf. Anders in der höfischen Kunst der Blütezeit. Hier herrscht ein Zug zur Vereinheitlichung. Es besteht in der Literatur eine Gemeinsprache, die Sprache der Dichter, die mhd. Dichtersprache, Schriftsprache. Das hervorstechend Mundartliche wird gemieden, die groben grammatischen Unterschiede verschwinden, dadurch weichen die Formen bei den einzelnen Dichtern nicht so stark voneinander ab und bieten wenig, ja bei den Klassikern fast gar keine auffallenden Merkmale. Die Ähnlichkeit ist so groß, daß es erst eingehendster Forschung gelungen ist, 1 subtile mundartliche Unterschiede aufzudecken, die auf die Heimat eines Dichters schließen lassen. Das kritische Mittel zur Erkenntnis der Sprache eines Denkmals bilden die Reime, da die mhd. Dichter sehr rein reimten. Die Hss. überliefern uns niemals den absolut genauen Urtext, da die uns erhaltenen keine Originale der Autoren sind; durch Unachtsamkeit oder Willkür der Schreiber flössen mehr oder weniger starke, sachliche oder bloß sprachliche Änderungen ein. Da aber die Reime rein sein müssen, so lassen sich in ihnen auch handschriftliche Fehler unschwer erkennen und meist auch durch die Textkritik richtig stellen. Aber für den Satz im Innern der Verse gibt es keinen solchen Maßstab, so daß hier die Sprachformen nicht so sicher auf ihre Richtigkeit hin geprüft werden können. Das „klassische" Mhd. ist in der in unsern Grammatiken und in den kritischen Textausgaben festgesetzten Regelmäßigkeit weder gesprochen noch geschrieben worden, diese stellen nur ein sprachliches Idealsystem dar. 2 Die „Dichtersprache" war obd., gilt also in den alemann., baierischen und ostfränk. Dichtungen. Die Mitteldeutschen konnten sich jener Dichtersprache nicht völlig anpassen, da ihre Mundarten zu stark vom Obd. abwichen, wenn sie auch danach streben mochten. Die niederd. Dichtung des 13. Jh.s 3 war ganz von der hochd. abhängig, die Verfasser näherten ihre Sprache dem Hochd. an, d. h. sie mieden die nd. Lauterscheinungen, besonders natürlich die stärkeren, und führten andrerseits hd. Worte und Reime ein. Von einschneidender Bedeutung für die Entwicklung einer deutschen Einheitssprache wurden die Sprachen der Kanzleien. Kanzlei eines 1 Siehe Zwierzina u. Kraus aaO. 2 Wie weit die „Dichtersprache" auch wirklich gesprochen wurde, entzieht sich unserer Beurteilung. Wahrscheinl. hat folgendes Verhältnis bestanden: die Bauern u.dieLandedel- leute, die zu Hause sitzen blieben (ein Beispiel eines solchen bäurischen Grundbesitzers in Hartmanns Iwein 2807—58), kannten nur ihren reinen, groben Volksdialekt, die Gebildeten an d. Höfen u. unter d. Geistlichen hatten e. feinere, über der ungetrübten Mundart stehende Verkehrssprache (ebenso wie heutzutage im hd. Sprachgebiet sich die Umgangssprache der Gebildeten von der Mundart des Volkes abhebt). Bei dieser höheren Umgangssprache schwebte also ein sprachliches Ideal vor, dessen Stütze das Sprachgefühl war. Unter solchen Voraussetzungen ist die Frage nach der mhd. Dichtersprache zugleich e. soziologisches Kulturproblem, das auf der Trennung der Stände, auf sozialen Unterschieden beruht. Der höfisch Gebildete empfand die Sprache des gemeinen Mannes (mhd. bcese, schlecht von Charakter, aber auch von Stand) als etwas Niedriges. Auch. d. ästhet. Gefühl mag mitgewirkt haben. 3 Siehe unten Eilhart, Veldeke, Albr. v. Hal- berst., Berth. v. Holle. § 8. Die mittelhochdeutsche Dichtersprache 29 Staates, einer Stadt war das Regierungsamt, die Verwaltungsbehörde; hier wurden die offiziellen Schriftstücke ausgestellt, die Urkunden und Akten. Jede Regierung, zuvörderst die kaiserliche, hatte ihre Kanzlei und eigene Kanzleisprache in ihren Schriften, die einen über der gewöhnlichen Mundart stehenden Sprachtypus darstellte. Aus diesen übermundartlichen Landesoder Territorialsprachen entwickelte sich die nhd. Schriftsprache. Bis in die Mitte des 13. Jh.s wurden die Urkunden lateinisch abgefaßt, das erste deutsche Staatsschriftstück war das von Friedrich II. gegebene Mainzer Landfriedensgesetz 1235. Die beiden ältesten erhaltenen deutschen Urkunden stammen von 1239 (Schweiz) und ca. 1250 (Kaiser Konrad IV.). Der Schritt zur deutschen Urkundensprache geschah in der Kanzlei Rudolfs v. Habsburg, die schon vorher viele Stücke deutsch ausstellte (österr. Kanzleispr.). Offiziell eingeführt wurde das Deutsche als Urkundensprache in der Kanzlei Ludwigs d. Baiern (bair. Kanzleispr.). Karl IV. gab dem Kanzleiwesen und damit auch der Kanzleisprache (böhm.) eine strengere Regelung. Die kaiserliche Kanzleisprache, die unter Maximilian I. ihre streng österreichische Orthographie aufgegeben hatte, überwog schließlich die Landeskanzleien und damit waren die Unterschiede schon stark ausgeglichen. Großen Einfluß auf Regelung der Orthographie gewannen die Druckereien in den Städten, die Mittelpunkte bildeten wie Augsburg, Nürnberg, Basel, Straßburg, Mainz, Köln (Druckereisprache). Die völlige Einigung, die nhd. Schriftsprache, ist ein Erfolg von Luthers volkstümlichem Einfluß: durch seine Bibelübersetzung und den Katechismus drang seine Sprache, die der sächsischen Kanzlei, nach und nach überall in die deutschen Lande. Fremdwörter. 1 Die Nachahmung der französischen Mode füllte die höfische Sprache mit französischen Wörtern an, die dem ritterlichen Vorstellungskreise angehörten, Zeugen des starken franz. Kultureinflusses auf die vornehme deutsche Gesellschaft. Damit drangen mit neuen Begriffen auch neue Bezeichnungen ein, so für das Turnierwesen, für Kampfmethoden, Waffen, Kleidungsstücke und -Stoffe, für höfische Verkehrsformen u. dgl.; aber es galt auch für feiner, schon vorhandene Dinge mit franz. Wörtern zu benennen. Die höfischen Epiker hatten eine Vorliebe für diese fran- 1 Franz. Fremdwörter: O.Steiner, Die Fremdwörter in d. bedeutendsten mhd. epischen Dichtwerken, Bartschs Germ. Studien 2 (1875), 239—58; Jos. Kassewitz, Die frz. Wörter im Mhd., Straßb. Diss. 1890, dazu Maxeiner, Anz. 19,44ff.; Th.Maxeiner, Beitr. z.Gesch. d. franz. Wörter im Mhd., Marb. Diss. 1897; F. Piquet, De vocabulis, quae in XII. seculo et in XIII. principio a Gallis Germani assump- serint.Thesis, Parisiis 1898; Hugo Palander, Der franz. Einfluß auf die dt. Sprache im 12. Jh., Helsingfors 1901; Hugo Suolahti, Der franz. Einfluß auf die dt. Sprache im 13.Jh., Helsinki 1910; Ders., Memoires de laSociete neophilol. de Helsingfors VI, 109ff.; Ders., Ein franz. Suffix im Mhd., Neuphilol. Mitteil. 1914,111 ff. (Suff.-/*?/-); EmilÖhmann, Stud. üb. d. franz. Worte im Deutschen im 12. u. 13. Jh., Helsinki 1918, s. auch Neuphilol. Mit- teil.l918,9ff.—EMiLHENRiCi,Sprachmischung in älterer Dichtg. Deutschlands, 1913 (Bar- barolexis); P. Möller, Fremdwörter aus d. Lat. im späteren Mhd. u. Mndld., Gieß. Diss. 1915. — Singer aaO. S. 6 1; Kluge, Dt. Sprachgesch. S.274ff.; Schirokauer, Beitr. 47, 61 ff.; Stammler, Dt. Vierteljahrsschr. f. Literaturwiss. 2 (1924), 17 ff.; s. auch Alw. Schultz, Höf. Leben 2 , Reg. zu d. beiden Bänden, und unten Fremdw. bei Hartm., Wolfr., Gotfr. 30 Einleitung zösischen Modewörter, angeregt wurden sie dazu schon durch ihre franz. Vorlagen, sie dienten ihnen zum verfeinerten Aufputz ihres Stils und verliehen ihren Werken einen modernen und vornehmen Anstrich. Aber auch die Volksepen (Nibelungen) verschlossen sich nicht ganz diesen fremden Klängen. Jedoch ins Volk gedrungen sind diese Ausländer nur zum geringsten Teile, die meisten verschwanden wieder mit dem Verblassen der höfischen Ideale. Veraltete Wörter. 1 Dem modernen höfischen Geschmack widersprach es auch, veraltete Wörter zu gebrauchen, wie sie das Volksepos, wenn sie auch aus dem wirklichen Leben abzusterben begonnen hatten, traditionell weiterführte. Die Spielleute übernahmen gewohnheitsmäßig die alte epische Sprache, dabei erhielten sich herkömmliche Helden- und Kampfwörter wie wigant, recke, degen, marh, eilen, halt. Diese Überreste einer rauheren Zeit galten nicht mehr für so recht hoffähig, die alten Recken waren ja in ihrem trotzigen Ungestüm keine Musterbeispiele für die zur tnäze erzogenen Herren der höfischen Gesellschaft. Hartmann und Gotfrid verhielten sich spröde gegen diese altmodischen Wörter, nicht so sehr jedoch der volkstümliche Wolfram, und aus dem Volksepos, zu dessen kräftigem Ton sie ohnehin gehörten, verschwanden sie überhaupt nicht. § 9. Metrik. Stil 2 Ihre zutreffende poetische Form fand die neue höfische Dichtung in der Verfeinerung der Verskunst und des Stils. Das neue Versprinzip besteht gegenüber der Willkür der frühmhd. Zeit in einer großen Regelmäßigkeit des Versbaus und der Reime. Auch darin wirkte das französische Vorbild. Aber auch in diesem Problem war die Aneignung der fremden Wesensart nicht bloß mechanisierte Nachahmung, sondern wie der Stoff, so fand auch die Kunstform bei der Aufnahme in die deutsche Volksseele ihre eigenartige heimische Abtönung. 1 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 521. 524; Osk. Jaenicke, De usu dicendi Wolframi de Eschenbach, Hall. Diss. 1860, dagegen Pfeiffer, Germ. 6, 239ff. = Freie Forsch. S.345ff.; Paul, Gab es S. 32 ff.; Bötticher, Germ.21, 270 ff.; ZwiERZiNA,Festg.f.Heinzel S.445ff.; Ders., ZfdA.44, 84 (unhöf. balt) u. 45, 262 ff.; Panzer, ZfdPh. 33, 127ff.; Ders., Das ad. Volksepos S. 16 ff. Siehe urtt. bei Wolfram. 2 LG. II, 1, 11. — Paul, Grundr.II 2 , 66ff.; Fr. Kauffmann, Dt. Metrik, 3. Aufl. 1912; Franz Saran, Dt. Verslehre, 1907, 258 ff.; Andr. Heusler, Dt. Versgeschichte, 1. Bd., 1925. — Saran, Hartm. v. Aue als Lyriker, 1889; Ders., Beitr. 23, 1 ff. 24, 1 ff.; Ders., D. Rhythmus d. franz. Verses, 1904; C. Kraus, D. sog. IL Büchlein u. HartmannsWerke, Festg. f. Heinzel S. lllff.; Ders., Metrische Untersuchungen üb. Reinbots Georg, Gott. Ab- handl. NF.VI Nr. 1 (1902); Ders., Zur Kritik d. Helmbrecht, ZfdA. 47, 305 ff.; Ders., Der rührende Reim im Mhd., ebda 56,1 ff.; Zwierzina, Beobachtungen z. Reimgebrauch Hartmanns u. Woframs, Festg. f. Heinzel S. 437 ff.; Ders., Mhd. Studien, ZfdA. 44, 1—116. 249—316. 345-406. 45, 19-100. 253—313. 317—419; Roethe, Reimvorreden d. Sachsenspiegels S. 11 ff.; Ders., Regelmäßige Satz- u. Sinneseinschnitte der mhd. Strophe, Prager dt. Studien 8 (Festschr. f. Kelle); Ders., Bemerkungen zu d. deutchen Worten des Typus -L, xx> Preuß. Ak. 1919; L. Pfannmüller, Ueb. metr. „Stilarten" in d. mhd. Epik, Beitr. 40, 373 ff.; A.Schirokauer, Stud. z.mhd.Reimgrammatik, ebda 47, 1 ff. u. SA., dazu Suolahti, Neuphil. Mitt. 1926, 38 ff.; K. Plenio, versch. Artikel üb. mhd. Strophenbau, Beitr. 39,290 ff. 41,47 ff. 42,255 ff. (345). 280 ff. 285 ff. 411 ff. u. Archiv 136, 16—23. — Ueb. den rhythm.Satzschluß: C. Kraus, Dt. Ged. d. 12.Jh.s, 1894, 200—08; Burdach, Preuß. Ak. 1909,520—35 (mitLit.) u. Burdach, Vorspiel I T.2. § 9. Metrik. Stil 31 Der Rhythmus wird glätter durch strafferes Maß der Takte. 1. Der normale Takt besteht aus einer Hebung und einer Senkung (zweisilbiger Takt): xx. 2. Dreisilbiger Takt: eine Hebung und zwei Senkungen, dann müssen womöglich zwei aufeinander folgende von den drei Silben kurz sein (verschleifbar, Silbenverschleifung [Lachmann], Auflösung [Sievers, Saran]) oder doch gewichtleicht: xxx (=iuu ] j. w ^, ^ w _), der müoz mit mäneger missetät; den er getrüwete güotes; der kiinec hiez bälde ilen. 3. Einsilbiger Takt, besteht nur aus einer Hebung ohne folgende Senkung (Synkope der Senkung, beschwerte Hebung), die Silbe muß lang sein (Kürzen als Hebung ohne folgende Senkung sind sehr selten): x, er füort in hin da er vänt; länt, Hute ände leben; wände elich hirät; ze Swäben gesezzen (' Hauptton, ' Nebenton). Es bestand das Streben nach regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung (alternierender Rhythmus, Alternation), aber die dichterische Individualität war nicht gebunden. Die reinsten Verse baut unter den Meistern Got- frid; Wolfram hält sich etwas freier, am meisten bewahrt Hartmann, besonders in seinem ersten Werke, dem Erec, das altertümliche deutsche Versprinzip. Die Epigonen folgen ihren Vorbildern. Mit Konrad v. Würzburg, dem Nachahmer Gotfrids, ist der rein alternierende Rhythmus zum Siege gelangt. In der Durchbrechung der formalen Regelmäßigkeit, also in der Freiheit der Senkungsbildung, bekundet sich der deutsche Formwille, der nicht sklavisch den romanischen nachahmt. 1 Die Reime sind genau und zwar besaßen die Dichter meist ein feines akustisches Gefühl. Es reimten z. B. nur offenes e oder geschlossenes e unter sich, nicht mit einander (nicht S : e, sondern e : 8, e : e); lang i u sehr selten auf kurz l ü, weil die Längen, die schon auf dem Weg der Diphthongierung waren (oder dialektisch [österr.] schon diphthongisch waren), sich mundartlich im Klang von den Kürzen unterschieden; Bindungen von a: ä (e: e), o:ö werden in beschränktem Maße von den meisten Dichtern zugelassen. Nach dem Reimgeschlecht sind die Reime a) stumpf, männlich (einsilbig), man : kan, hant : lant, muot: tuot, da: sä, b) klingend, weiblich (zweisilbig), singen: springen, mine: sine. Aber zwei Kürzen zählen so viel wie eine Länge (Verschleifung, Zusammenziehung, also - ^ = —, gäben : leben gelten als stumpf, männlich, wie kan: man, muot': tuot etc. Das meistgebrauchte Versmaß in der erzählenden Dichtung sind die ad. Reimpaare (Strophen im Heldenepos s. unten), mit ihrer freien Abwechslung von stumpf endenden Versen mit 4 Hebungen und klingend endenden mit 3 Hebungen. Im Laufe des 13./14. Jh.s nehmen die stumpf ausgehenden Verse zu. 2 1 Hier wirkt noch immer die germ. Versakustik, wie auch schon Otfrid nicht das klassisch regelmäßige Formgesetz der lat. Hymnenpoesie angenommen hat, s. LG. I, 186 f. 2 Kochendörffer, ZfdA. 35, 291; Schröder, Zwei ad. Rittermseren 1 S. X f. 32 Einleitung Der Schluß eines Satzes kann mit dem Schluß eines Reimpaars zusammenfallen, die beiden Zeilen dieses Reimpaars gehören also dem Sinn und der Form nach zusammen (rime sanierten); oder aber, mit der ersten Zeile eines Paares schließt ein Satz, mit der zweiten beginnt ein neuer, das Reimpaar ist durch den Sinn gebrochen, Reimbrechung (rime brechen). 1 Die Ausgänge von Abschnitten werden meist durch ungebrochene Reimpaare markiert. Eine besondere rhythmisch-syntaktische Form ist das Enjambement, 2 die Trennung eng zusammengehörender Satzglieder durch den Versschluß. Die sorgfältige Behandlung der Reime, die oft durch recht umfangreiche Werke durchgeführt ist, läßt auf eine nicht geringe Sprachgewandtheit der Verfasser schließen. Allerdings standen auch viele gewöhnliche, abgegriffene, traditionell formelhafte Bindungen gerade für sehr geläufige Begriffe zu Gebote, die sich sofort bei Bedarf leicht automatisch einstellen konnten, wie man : kan, muot: tuot, min : sin, dar: gar, ere : mere, ere : sere, und die Reimtechnik sehr erleichterten. Oft sehr manchfaltig sind die Strophengebilde in der Lyrik. Regelmäßigkeit im Wechsel von Hebung und Senkung war im Minnesang noch mehr geboten, da der Text an die Betonungsbedingungen der begleitenden Melodie gebunden war. Vortragsweise. Die höfischen Epen waren zum Lesen bestimmt, zum Vorlesen vor dem Publikum oder zur stillen Lektüre. Über die strophischen Heldenepen und über die Lyrik s. unten. Stilkunst. Nach dem Vorgang der klassischen Rhetorik (Stilistik) unterscheidet man drei Stilarten für die Sprache: die einfache, prosaische Ausdrucksweise, die gemäßigt poetische, die gehoben poetische (einerseits die erhabene, andrerseits die besonders zierlich ausgeschmückte Art). Die Abstufung dieser drei Schreibarten liegt in dem Maß der Verwendung der sprachlichen Kunstmittel (besonders der sog. Figuren): niederer Stil —■ Gleichgültigkeit gegen die Künstmittel; gemäßigter Stil — mäßige Anwendung derselben; erhabener Stil — starke Anwendung. 3 Die meisten der mhd. Dichter legten ein besonderes Gewicht auf den sprachlichen Ausdruck. In der Stilisierung, sowohl der inneren wie der äußeren Form, offenbaren sie am sichtlichsten ihre Eigenart. Ihre Werke sind nicht wörtliche Übersetzungen der französischen Texte, sondern freie Wiedergaben bei möglichster Übernahme des Inhalts. Am tiefsten geht die Wahrung der Persönlichkeit da, wo der deutsche Dichter französische Denkweise in seine eigene ethische Auffassung und Gemütsart umwendet (innere Form). Hier kommt die deutsche Volksseele zum Durchbruch und damit 1 Rime samnen unde brechen Parz.337,26. — Rlm ist die Verszeile, nicht bloß der Reim am Zeilenschluß, Braune, Reim u.Vers, Heidelbg. SB. 1916, ll.Abh. 2 Friedr.Wahnschaffe, Die syntakt. Bedeutung d. mhd. Enjambements, Pal. 132 (1919). 3 LG. II, 1, Vif. u.S. 15; u. unten Hartmann, Wolfram, Golfrid. § 10. Die bildende Kunst. Die Musik 33 erhebt sich ein solches Gedicht weit über den Standpunkt einer bloßen Übersetzung. § 10. Die bildende Kunst. 1 Die Musik Das gleiche historische Gesetz der geistigen Kraftsteigerung, das mit den Kreuzzügen die Blütezeit der mittelalterl. Kultur bedingte und der Literatur neue Bahnen mit großen Ausmaßen wies, mußte auch in den bildenden Künsten eine neue Formensprache hervorrufen. Der romanische Stil setzte in seinen Grundzügen die klassische und frühchristliche Tradition fort, mit der Gotik erreicht das MA. einen eigenen, seiner Wesensart kongenialen Ausdruck. Im gotischen Stil objektiviert sich der Formgeist der Blütezeit des MA.s. Der Ursprung des neuen Stils liegt in den Kreuzzügen. Die reiche Pracht der byzantinisch-arabischen Architektur eröffnete dem staunenden Auge des Abendländers eine ungewohnte und eigenartige Formenfülle und gab Anregung zu neuen Problemen. Auch in der Entwicklung der bildenden Künste wie bei der Dichtung ging Frankreich voran. Um 1150 zeigen sich in der Gegend von Paris und von dort aus weitergreifend die ersten charakteristischen Spuren der Gotik, um 1200 in Deutschland, wo sie um 1250 den romanischen Stil endgültig verdrängte und bis zur Renaissance, um 1500, die Herrschaft behielt. 1 Die malterl. Kunst als Weltdeutung; bes. M. Dvorak Kunstgesch.als Geistesgesch. 1924. —Lit. spez.für das deutscheMA.: A. Essenwein, Kulturhistor. Bilderati. 2, MA., 1883; Könnecke, Bilderatlas u. Literaturatlas; Alw. Schultz, Höf. Leben; R. Kautzsch, Einleitende Erörterungen zu e. Gesch. d. dt. Hss.- illustration im späteren MA., 1894; Ders., E. Beitr. z. Gesch. d. dt. Malerei in d. 1. Hälfte d. XIV. Jh.s, 1907; Petzet u. Glauning, Dt. Schrifttafeln d. IX—XVI. Jh.s aus Hss.d. K. Hof- u.Staatsbibl.München, 1910ff.; G Leidinger, Miniaturen aus Hss. d. K. Hof- u. Staatsbibl. München, 1911 ff.; W. Worringer, Die ad. Buchillustration, 1912; F.X. Kraus, DieMinia- turen der Manesseschen Liederhs., 1887; Ad. v. Oechelhäuser, Der Bilderkreis z. W.Gast, 1890; K. v. Amira, Die Dresdener Bilderhs. d. Sachsenspiegels, 1902; Ders., Die Handgebärden in d. Bilderhs. d. Sachsenspiegels, Abhandl. d. bayer. Ak. d. Wiss. 1905,Bd.23, II; Ders., Die große Bilderhs. von Wolframs Willehalm, Münch. SB. 1903, III u. ebda 1917, VI; Alb. Ilg, Beitr. z. Gesch. d. Kunst u. Kunsttechnik aus mhd. Dichtungen, 1896; Fr. Panzer, Dichtung u. bildende Kunst d. dt. MA. in ihren Wechselbeziehungen, N. Jahrb. 7, 135 ff. (mit Lit.); Ders., Der roman. Bilderfries am südl. Choreingang d. Freiburger Münsters u.seine Deutung,FreiburgerMünster- blätter 2. Jahrg. LH.; Ders., Das germ. Tierornament u. d. Stil der Stabreimepik, Germania, Korrespondenzbl. d. Röm.-Germ. Komm, d. dt. Archäol. Instituts 1921 H.2; Fr. v. d. Leyen, Dt. Dichtg. u. bildende Kunst im MA., Deutsche Literaturgeschichte III 3 Abhandl. f. Franz Muncker, 1916 (mit Lit.), 1 ff.; Fr. v. d. Leyen u. Ad. Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regensburger Rathause, 1910; M. Hauptmann, Der Wandel d. Bildvorstellungen in d. dt. Dichtg. u. bildenden Kunst im roman. Zeitalter, Festschr. f.Wölfflin, 1924; S. Singer, Stil u. Weltanschauung d. altgerm. Poesie, Festschr. Walzel, 1924; J. Schwiete- ring, Zur Gesch. v. Speer u. Schwert im 12. Jh., Mitteil, aus d. Mus. f. Hamb. Gesch. Nr. 3 (mit Lit. üb. Waffengesch.); Ders., Beitr. z. Gesch. d. Schwerlmarkierg., Zs. f. histor. Waffenkunde 8 H.8, 244—56. — Wackernagel, LG. 2 , S. 134.142 f.; Lamprecht, Dt. Gesch.3 2 , 240 ff. 4, 276 ff. 285 ff.; Ders., Einführg. i. d. histor. Denken, 1.2. Aufl. 1912.13; Michael, Gesch. d. dt.Volkes, Bd. 5; K. Francke, Kulturwerte 1 S. 101 ff.; Max Herrmann, Forsch, z. dt.Theatergesch. d. MA.s u. d. Renaiss., 1913; K. Burdach, Dt. Renaiss., Dt. Abende aaO. — Ueb. symbolische Gebärdensprache: Zappert, Ueb. d. Ausdruck d. geist. Schmerzes im MA., Denkschriften d. Wien. Ak. V; Erh. Lom- matzsch, System d. Gebärden, dargestelltauf Grund d. m.alterl. Lit. Frankreichs, I, Berl. Diss. 1900; Ders., Darst. v. Trauer u. Schmerz in d. afrz. Lit., ZfromPhil.43,19—67, mit reicher Lit; Burdach, Ackermann S. 165. Besonders hervorgehoben zu werden verdient die von Fr. v. d. Leyen herausgegebene Sammlung „Bücher d. Mittelalters" (seit 1925), in der die Texte durch künstlerisch ausgeführte, farbige und nicht kolorierte, m.alterl. Illustrationen veranschaulicht sind. — Siehe auch unten bei Eilhart, Wolfram, Bliggers Umhang. 34 Einleitung Das gotische Formprinzip steht in den Grundzügen im Gegensatz zu dem romanischen. Die Wesensunterschiede liegen einmal in den räumlichen Bestimmungen der Richtung: horizontal oder vertikal, und dann in den Seinsbestimmungen von Ruhe und Bewegung. Der romanische Bau ist horizontal gerichtet, wuchtig und massig mit weiten Wandflächen ruht er breit gelagert auf der Erde. In ruhigen, harmonischen Maßverhältnissen mit nur wenigen, aber darum den Schauenden um so mehr anziehenden Schmuckmitteln wirkt er monumental erhaben, noch etwas bewahrend von der edlen Einfalt und stillen Größe seines antiken Ursprungs. Der Grundton ist architektonisch. Charakteristisch ist der über Fenster und Türen sich wölbende Rundbogen. Leicht und schlank dagegen strebt der gotische Dom aufwärts in die Höhe. Die ganze Anlage hat scheitelrechte Tendenz, ihr dienen alle Teile, charakteristisch gegenüber dem romanischen Stil ist der nach oben zielende Spitzbogen. Das ganze Bild ist in Bewegung, die Massen sind aufgelöst, die Flächen durchbrochen und fein gegliedert. Eine Fülle von ornamentalen Einzelheiten belebt die Fassade, Säulen und Säulchen, Türme und Türmchen, Statuen und Figuren schmücken Wände und Dach, besonders reich sind die Fenster gekrönt mit Maßwerk, Wimpergen, Kreuzblumen und Rosetten. Nach innen leuchten die Glasgemälde in buntester Farbenpracht und werfen stimmungsvolle Lichter in die gedämpfte Halle der gewaltigen Räume, in unendlichen Szenenfolgen die Weltgeschichte oder das Leben heiliger Personen erzählend, jedes Bild ein Symbol der Ewigkeit. Alles, Geist und Sinne, strebt von der Erde nach den oberen Regionen. Mit der Auflösung des architektonischen Elementes in ein Spiel von Zieraten ist der Schritt zum Malerischen gemacht. Der Sinn des romanischen Typus ist ruhevolle Besonnenheit, die Gotik, eine Ausstrahlung überreicher Phantasie, weiß der Verherrlichung des Übersinnlichen keine Grenze zu finden. Aber gerade in dieser Überspannung der formalen Kunstmittel liegt ein weltliches Moment, denn in außerordentlichem Maße wird der Reiz der Sinnenwelt zu Hilfe genommen, um das Göttliche zu erfassen. Die Kirche aber hat den neuen auf das Diesseits gerichteten Geist der höfisch-ritterlichen Periode in ihre Realitätsbedingungen gezogen. Die Plastik steht im Dienste der Architektur zur Bereicherung des ornamentalen Elementes, die Wand- und Tafelmalerei, die im 14. Jh. einen kräftigen Aufschwung nahm, wird an historischem Werte übertroffen von der Buchmalerei. 1 Diese steht in unmittelbarer Beziehung zur Literatur und gewinnt in dieser Verbindung vom 13. Jh. ab künstlerische und kulturelle Bedeutung. 2 Die Sitte, die Handschriften mit Bildern zu schmücken, nimmt zu, und mit der Zeit wird die Buchillustration mehr und mehr hand- 1 LG. II, 1, 9 f. — Auf die kulturgeschichtl. Bedeutung der Kultgeräte u. -gefäße sei hier nur mit einem Worte hingewiesen. 2 Eine Trennung zwischen einzelnen Entwicklungsstufen der Miniaturmalerei läßt sich hier bei der nur allgemein gehaltenen lieber- sieht nicht machen. § 10. Die bildende Kunst. Die Musik 35 werksmäßig betrieben in Schreibschulen und -Werkstätten. Ein solcher geschäftiger Bücherfabrikant war Diepöld Lauber in Hagenau, seine Schreibstube ca. 1427—1467. 1 Die deutsche Technik des 12. Jh.s wird fortgesetzt. Die Auffassung der Personen und Vorgänge ist naturalistisch, jedoch mit Ornamentierung der Naturumgebung. Es sind einfache Federzeichnungen, oft in derbem Geschmack rasch hingeworfen, die Menschen mit plumpen Gesichtern und impulsiven Bewegungen. Anfangs waren nur die Umrisse koloriert, später wurden die ganzen Figuren mit Wasserfarben ausgefüllt. Diese kunstlosere Art wurde namentlich in volkstümlichen und fabrikmäßig hergestellten Handschriften angewendet wie bei Bibeln, Rechtsbüchern, belehrenden und moralisierenden Schriften. Die französische Technik war traditionell gebunden, die Personen sind konventionell nach überlieferter Schablone entworfen, die umgebende Natur, Pflanzen und Tiere und die Gegenstände sind stilisiert. Die farbenreich bemalten Bilder der vornehmeren Handschriften, z. B. der Manessischen, tragen den Typus idealisierender Schönheit, anmutig und zierlich, ja oft süßlich sind die Gestalten und Bewegungen der Herrn und Damen und geben die Vorstellung einer fein gebildeten Gesellschaft. Der mittelalterl. Auffassung entsprechend dient die Buchillustration zur Erklärung und zum Verständnis des Textes. 2 Dazu gehört die ausdrucksvolle Gebärdensprache. In der Haltung des Kopfes ist die Stimmung der Personen ausgedrückt, die „sprechenden" Hände deuten an, was sie denken und fühlen und was sie sagen wollen. Im Äußern ist so der innere Mensch symbolisch wiedergegeben. Dieser Grundsatz, die inneren Vorgänge auf das Äußere, das Seelenleben auf die Mimik zu übertragen, schließt eine lebhafte Charakterisierung in sich. Manchfaltig sind die Vorwürfe dieser Buchmalerei. Die Szenenbilder, noch ohne Perspektive, überwiegen, entsprechend den zugrunde liegenden Romantexten, sie behandeln zunächst das Ritterwesen, Kämpfe, Turniere, festliche Aufzüge, doch auch das tägliche Leben. Das Einzelbild hat seinen Platz besonders in den nach französischem Muster illustrierten Minnesingerhandschriften; es entbehrt noch der individualisierenden Porträtierung. Die vornehmeren höfischen Bilder geben das Schönheitsideal 3 wieder, das sich die Zeit von der Frau ausgebildet hatte. Wie die Dichtungen es 1 Haupt, ZfdA. 3, 391 f.; Edw. Schröder, Meist. Ingolds Goldnes Spiel S. XVII; R. Kautzsch, Diebolt Lauber u. s. Werkstatt in Hagenau, Centralbl. f. Bibliothekswesen 12 (1895) u. SA.; Ders., Festg. f. Sievers, 1896, 287 ff. 2 Thomasin, W. Gast 1093 ff. 9313 ff.; pictura est laicorum literatura, Honorius Aug.Gemma Animael,132(Mignel72,586C); Otto Denk, Gesch. d. gallo-fränk. Unterrichts- u. Bildungswesens S.277; Johannes Müller, Quellenschriften u. Gesch. d. deutschsprachl. Unterrichtes, 1882, S.338 f.; Geffcken, Bilderkate- 3* chismus passim; Joh. Janssen, Gesch. d. dt. Volkes I, 50 ff. — (Bilder in derBiblia paupe- rum,Bilderkatechismen,Beichtbüchlein,Tafeln d. 10 Gebote, Totentänze; die ganze Welterlösungsgeschichte in d. kirchl. Kunst in Bildern dargestellt.) 3 Uhlands Schriften 5, 165ff.; Weinhold, Dt. Frauen l 2 , 219 ff.; Wilmanns, Leben Walthers S. 182 ff. u. Anm., ed. Michels S. 266 ff. u. Anm.; Mor. Heyne, Dt. Hausaltertümer Bd.3, Körperpflege u. Kleidung, S. 1 ff.; Ferd. Michel, Heinr. v. Morungen u. die Troubadours, QF.38 (1880), 22 ff. 36 Einleitung schildern, so läßt es sich auch aus den konventionell typischen Figuren der französierenden Buchmalerei ablesen: lichte, klare Augen, feiner, roter, rosenfarbner Mund, rosenblühende Wangen, lange, blonde Haare, weiße Hautfarbe, weiße, schmale Hände, schlanke Gestalt. Auch die mittelalterl. Musik 1 ist eine Schöpfung der Kirche. In dem liturgischen Gesang, der aus dem jüdisch-altchristlichen Ritus stammt, waren feste musikalische Formen gegeben, die im Gregorianischen Choral (um 600) gültige Bestimmung erlangten. Im 12. Jh., da der neuaufstrebende gotische Geist zur manchfaltigen Erscheinung drängte, fand auch das musikalische Gefühl eine gesteigerte Ausdrucksfähigkeit und in Frankreich, dem Geburtsland des gotischen Stils, wurde auch der Musik durch den mehrstimmigen Gesang ein neuer Aufschwung gegeben. 1 Holz, Saran u. Bernouii.li, Die Jenaer Liederhs., 2 Bde. 1901, dazu Nachtr. von Saran, Beitr.27,191 ff.; H.Riemann, System d.musi- kal. Rhythmik u. Metrik, 1903; Ders., Die Melodik d. Minnesinger, Musikal.Wochenbl. 33 (1902),429ff.,auch36(1905),43-49; J.J.Beck, Die Melodien d. Troubadours, 1908; Hans Joach. Moser, Gesch. d. dt. Musik, 2 Bde., 1920—22; W.Gurlitt, Burgund. Chanson-u. deutsche Liedkunst d. 15. Jh.s, Bericht üb. d. Musikwissenschaftl. Kongreß in Basel, 1924; Friedr. Gennrich, Sieben Melodien zu mhd. Minneliedern, e. Beitr. z. Frage d. Abhängigk. d. mhd. Minneliedes von d. Troubadour- u. Trouverekunst, ZfMusikwissensch. 7 (1924) H. 2; H. Besseler, Stud. z. Musik d. MA.s I, Arch. f. Musikwissensch. 7 (1925) H.2; Rud. Ficker, Die Musik d. MA.s u. ihre Beziehungen z. Geistesleben, Dt.Vierteljahrsschr. 3 (1925), 501—35; Jos. M. Müller-Blattau, Musikal. Stud. z. altgerm. Dichtung, ebda 536—65; Ders., in: Nollau, Germ. Wiedererstehung, 1926. DIE ERZAHLENDE DICHTUNG A. DAS HÖFISCHE EPOS I. DIE FRÜHHÖFISCHEN EPEN (um 1170/1180) Die höfische Erzählungskurist fand erst durch Heinrich v. Veldeke die ihrem Ideal angemessene Form. Vorher, in den siebenziger und achtziger Jahren des 12. Jh.s ging eine freiere, läßlichere Stilart, die man die „frühhöfische" nennen kann. Ihr gehören an der Herzog Ernst, Graf Rudolf, Floyris und Blancheflur, Eilharts v. Oberg Tristrant. Gegenüber der Spielmannsdichtung bilden diese Epen eine formal und sozial höhere Schicht, der schon der König Rother sich näherte. Größere künstlerische Anforderungen wurden gestellt, es besteht eine straffere Zucht, Mäßigung, Ordnung. Der Sprachstil ist zwar schlicht und einfach, aber nicht mehr so bequem formelhaft, die spielmännische Burleske, das Possenhafte und Rohe wird gemieden, der fahrende Mann mit seiner Begehrlichkeit spielt nicht mehr seine aufdringliche Rolle. Am sinnfälligsten tritt der Unterschied gegen die frühere Epik in der Metrik zutage. Auch hier eine sorgfältigere Regelung: der Bau der Verse wird gleichmäßiger, die Reime sind zwar noch nicht rein, Assonanzen gehören wie vorher zur künstlerischen Formensprache, aber sie sind leichterer Art, akustisch weniger bemerkbar. § 11. Herzog Ernst Lit. Piper, Spielmannsdichtg. 1,108—46, Nachtr. S. 243, Höf. Ep. 3,711; Kelle, LG. 2, 206 —15.385—88. Ausg.: v.d.Hagen u. BOsching, Dt. Ged. d. MA.s Bd. 1, XX u. 64 S. (D), Berlin 1908, dazu J. Grimm, Heidelbg. Jahrb.2 (1809), 2. Bd. S.210—22 u. Kl. Sehr.4,34—43; DOCEN in v. d. Hagens u.Büschings Museum f. ad. Lit. u. Kunst 2 (1811), 245—65; Docen in Schellings Zs. von Deutschen für Deutsche, Bd. 1 (1813), 231—64; Haupt, ZfdA. 7 (1849), 193—303 (C); Bartsch, Herzog Ernst, Wien 1869 (das Hauptwerk üb. Herz. Ernst, A,B,G,F); Martene, Thesaur. nov. aneed. III, 307—66 (E); Saran, Handbücher f. d. dt. Unterricht 1,1922. — Uhlands Schriften 1, 479—81. 5, 323—43. 7, 566—88; Jänicke, ZfdA. 15 (1872), 151—65; Zarncke, Beitr. 2, 580 ff.; Scherer, QF. 12,94; Georg Voss, Die Sage vom H. Ernst unt. d. Einflüsse Wolframs v. Eschenbach, Progr. Buchsweiler 1886; Franz Ahlgrimm, Untersuchungen üb. die Gothaer Hs. des „H. Ernst«, Kieler Diss. 1890, dazu Voss, ZfdPh. 23,492f.; Arth. Fuckel Der Ernestus des Otto v. Magdeburg und sein Verhältnis zu d. übrigen älteren Bearbeitungen der Sage vom H. Ernst, Marb. Diss. 1895, dazu Ahlgrimm, ZfdPh.29,548—50; H. Stickel- berger, Zum Lied u. zum Volksbuch von H.Ernst, ZfdA. 46, 101—12; Otto Engelhardt Huon de Bordeaux u. H. Ernst, Tübing. Diss. 1903; Leo Jordan, Quellen u. Komposition von H.Ernst, Arch.112 (1904), 328—43. 457—60 (s. auch Arch. 116 (1906), 50ff.); K. Sonneborn, Die Gestaltung d. Sage vom H. Ernst, Gott. Diss. 1914; Panzer, Seifrid v. Ardemont S. Gl f. Der Herzog Ernst steht der Stufe des Rother näher als die drei anderen Epen. Hier herrscht noch eine ältere Auffassung vom Lebensinhalt und auch der Stil ist altertümlicher. Und während jene drei, nach romanischen Quellen bearbeitet, schon von der Beleuchtung romantischer Sentimentalität umfangen sind, da sie das Kernmotiv des höfischen Gesellschaftslebens, die Minne, enthalten, ist davon der Herzog Ernst frei und rein heroisch, aus nationaler Sage entsprungen. Auch lebt in der Kreuzzugsidee und in 40 Die erzählende Dichtung der märchenhaften Reise nach dem Orient noch die Geistesrichtung der Epik des früheren 12. Jh.s. — Landschaftlich und im künstlerischen Ausdruck gehören Herzog Ernst, Floyris, Tristrant zu einer Gruppe zusammen, als Fortsetzungen und Weiterbildungen der rheinischen Tradition, der Graf Rudolf ist das erste mhd. epische Gedicht aus Thüringen. Inhalt (nach der Hs. B). 1 Das Gedicht zerfällt in zwei Teile: AI—1998, dazu der Schluß 5734—6022, der historische Roman. a) Prolog, Anrede an das Publikum 1—30 (Aufforderung u. Inhaltsangabe 1—4; Empfehlung 5—7; zwei Arten des Publikums: Bauernadel 8—20, Kriegeradel 21—30). b) Hauptteil 31—1998. Inhaltsangabe des ersten Teils 31—56. I. Die Vorgeschichte57— 645, Ernsts Jugend (57—158):- sein Vater ist früh gestorben, seine Mutter läßt ihm eine treffliche Erziehung zuteil werden (Fürstenspiegel), sein treuer Dienstmann Graf Wetzel. — Otto und Adelheid (159—645): Kaiser Ottos Charakter und Taten (Fürstenspiegel, 175—233); seine erste Frau Ottegebe von England ist gestorben (234—56); Entschluß zur Wiedervermählung, Fürstenrat (257—316), Werbung an Adelheid, ihre Zusage nach Beratung mit ihrem Sohn Ernst (317—448); Hochzeit zu Mainz (449—510); einträchtiges Eheleben, Ernst steht beim Kaiser in hoher Gunst (511 — 645). — II. Die Feindschaft zwischen Otto und Ernst 646— 910. Verleumdung Ernsts durch den Pfalzgrafen Heinrich (646—852); der Kaiser verwüstet Ernsts Herzogtum Baiern (853—910); Ernst sucht Frieden, die Fürbitte der Kaiserin und der Fürsten hat aber keinen Erfolg (911—1242); Ernsts Rache: er dringt mit Wetzel in Ottos Kemenate in der Burg zu Speyer, erschlägt den Pfalzgrafen und bedroht den Kaiser (1243— 1350); des Kaisers Rache: über Ernst wird die Acht ausgesprochen; fünf Jahre lang wehrt er sich in Baiern tapfer gegen die Übermacht (1351—1738). — III. Der tragisehe Abschluß 1739—1998. Ernsts Widerstand ist gebrochen, er rüstet sich mit seinen Getreuen und fremd Zuströmenden zur Kreuzfahrt. B. 1999—5698 der abenteuerliche Reiseroman. I. Die Ausfahrt nach dem Orient, 1999—2176, über Konstantinopel nach Syrien. — II. Die Reiseabenteuer 2177— 5332. 1. Das Land Grippia und die Kranichschnäbler (Menschen mit Kranichköpfen und -schnäbeln) 2204—3882. In einem herrlichen, aber menschenleeren Schlosse laben sie sich an reichbesetzter Tafel, bald aber werden sie von den zurückkehrenden Bewohnern, den Kranichschnäblern, überrascht. Ihr König führt die Tochter des Königs von India gefangen mit sich, um sie zu heiraten. Ernst und Wetzel wollen die Trauernde befreien, aber die Kranichmenschen erstechen sie mit ihren Schnäbeln. Unter harten Kämpfen entkommen sie den Schnäblern. 2. Am Magnetberg (der auf 30 Meilen in der Runde alle Schiffe an sich zieht) zerbrechen viele ihrer Schiffe 3883—4113. 3. Die Greifen. Durch List gelangen sie von dem unwirtlichen Berg los, indem sie sich in Meerrinderhäute nähen und sich von Greifen, die sie ihren Jungen zur Speise bringen wollen, in ihr Nest tragen lassen, von wo aus sie sich in einen Wald schleichen 4114—334. 4. Auf einem Floß durchfahren sie eine das Gebirg durchziehende Wasserhöhle, wo der Herzog einen prächtigen Edelstein losbricht, der später als „Waise" in des Reiches Krone leuchtete 4335—476. 5. In Ari- maspi werden sie von den Bewohnern, den Zyklopen (Einsterne), gut aufgenommen 4477— 666. 6. Im Dienste des Königs von Arimaspi besiegen sie dessen Feinde, die Plattfüße 4667—812 und 7. die Langohren 4813—90. 8. Die benachbarten Prechami (Pygmäen) beschützen sie gegen die gewalttätigen Kraniche 4891—5012. 9. Auch das Volk Canaan, die Giganten, zwingt Ernst, ihre Absicht, von den Leuten Arimaspi Tribut zu erheben, aufzugeben 5013-332. — III. Abschluß der Orientreise 5333—698. Sechs Jahre hatten nun Ernst und Wetzel bei den Freunden in Arimaspi verbracht, dann aber fahren sie auf einem ans Land verschlagenen Handelsschiff nach Jerusalem, wo sie ein Jahr lang gegen die Heiden kämpfen. 1 UHLANDaaO.; Haupt S. 270 ff.; Bartsch S. VI— XXV. § 11. Herzog Ernst 41 C. 5699—6022 Schluß. Die Versöhnung. Mit des Kaisers Erlaubnis kehren Ernst und Wetzel in die Heimat zurück. In der Weihnachtsmesse fallen die beiden Geächteten in Büßergewand dem Kaiser zu Füßen und erlangen, wenn auch nach anfänglichem Widerstreben, seine Gnade. Die Sage. Die beiden Teile haben verschiedenen Ursprung. Deutscher Geschichte entstammt der erste, enthaltend die Schicksale des ungerecht verfolgten Königssohns in der Heimat; der zweite Teil, sein abenteuerlicher Wanderzug, beruht auf orientalischer Fabulistik. Wirklichkeit und Phantastik sind zu dem Lebensbild eines mittelalterl. Helden des Kreuzzugsjahrhunderts verwoben, jener welterweiternden Epoche, in der dem Abendland sich die wunderbaren Pforten des Morgenlandes erschlossen. Der 1. Teil, ein Geschichtsroman, hat zum Inhalt den Familienzwist eines königlichen Hauses, im 2., einem abenteuerlichen Reiseroman, 1 tritt der Held in die Dienste einer weltgeschichtlichen Idee und der heimische Horizont dehnt sich aus zu einer fabelhaften Ethnographie des fernsten Ostens. Der deutsche Fürst wandelt die Wege des großen Alexander, als ein ins Elend verstoßener Verbannter, nicht als Welteroberer, aber kämpfend für eine Idee, die die Welt erobern sollte. Die Erzählung des 1. Teiles, eine Empörergeschichte, ist aus zwei zeitverschiedenen Ereignissen zusammengeflossen. Liudolf, 2 Sohn Ottos d. Großen, von ihm mit dem Herzogtum Schwaben belehnt, erhob sich gegen seinen königlichen Vater, weil dieser die mächtige, ihm übelwollende Partei seines Oheims Heinrich, des Herzogs von Baiern, und seiner Stiefmutter Adelheid (die erste Gemahlin Ottos war die angelsächsische Prinzessin Eadgith) 3 begünstigte (953). Trotz seiner Mißerfolge lehnte er eine Aussöhnung ab, weil er die Bedingung, seine Freunde auszuliefern, verschmähte. Nach hartnäckiger Verteidigung wird Regensburg von Otto eingenommen, Liudolf erwirkt, im Büßergewand seinem Vater zu Füßen fallend, Verzeihung (954). Schon wenige Jahre darauf, 957, stirbt er auf einem Kriegszug in Oberitalien. 4 Tragischer verlief der Aufstand Herzog Ernsts (II.) von Schwaben gegen seinen Stiefvater, den König Konrad II. 5 Ernst war der Sohn der Herzogin Gisela aus der Ehe mit Diss. 1914 S.39-63; Uhland aaO.; Haupt S.229; E. DüMMLER.ZfdA. 14, 265—76. 559f.; Bartsch S. LXXXV—CVil; Karl Wehrhan, Die deutschen Sagen d. MA.s I, 1913, Lit. üb. Otto d. Gr. S. 194 f. — Eine verlorene franz. Quelle nimmt Singer, Üb. Wolframs Stil S.124 an. s Schon früh wurde deren Name verwechselt mit dem ihrer Schwester Eadgif, in Ekkehards IV. Casus S. Galli 10, 86 Otigeba, mhd. Otte- gebe, vgl. Bartsch S. XCVII, wo weitere Zitate. 4 Schon vor dem Zwist, 951, hatte Liudolf einen ersten Zug nach Italien unternommen. 5 Histor. Hauptquelle: Wiponis opera, ed. Pertz, Mon. Germ. Script. XI, 243—75,Schul- ausg.: Script, rer. Germ, in usum schol., 3.Ausg. von H. Bresslau, übers.: von Wattenbach, 1 Die „Odyssee eines deutschen Fürsten", Scherer, LG. S. 95; vgl. v. d. Hagen S. V (s. auch die Fahrten Brandans, LG. II, 1,165—7). 2 Histor. Hauptquelle: Widukinds Sachsenchronik ed. Waitz, Mon. Germ. Script. III, 408 —67, Schulausg.: Script, rer. Germ, in usum schol., 4. Ausg. von K. A. Kehr, übers, von Wattenbach, Geschichtsschreiber d. dt. Vorz. X. Jh. Bd. 33, 2. Aufl. 1891; Giesebrecht 1, 381—414. 451—3 (s. Reg. S. 914) u. 822—7; Köpke u. Dönniges, Jahrb. d. dt. Reiches unter Otto I., 2 Bde., 1838.39; Köpke u. DOmmler, Otto d. Gr., 1876; Köpke, Ottonische Stud. I, 1867; W.A.Fischer, Otto u.Ludolf, 1903; H. Bloch, N. Arch. f. alt. dt. Gesch. 38,97—141, bes. S. 124ff.; Carl Hainer, Das ep. Eiern, b. d. Geschichtsschreib. d. früheren MA.s, Gieß. 42 Die erzählende Dichtung Herzog Ernst I. von Schwaben. Da seine Erbansprüche auf Burgund nach dem Ableben des kinderlosen Königs Rudolf vom Reiche nicht erfüllt wurden, griff er zu den Waffen, mußte sich aber bald ergeben und wurde auf der Feste Gibichenstein bei Halle in Haft gesetzt (1027). Auf Fürbitte seiner Mutter Gisela wurde er nach zweijähriger Gefangenschaft wieder freigegeben (1029) und sollte wieder in sein Stammland Schwaben eingesetzt werden unter der Bedingung, daß er seinen treuen Freund Werinher (Wetze!) 1 von Kiburg, der den Aufstand gegen den Kaiser in Alemannien fortgesetzt hatte, preisgebe und als Feind des Reiches verfolge. Aber Ernst verabscheute ein solches treuverletzendes Ansinnen. Darauf wurde auf dem Reichstag zu Ingelheim unter Zustimmung aller Fürsten Acht und Kirchenbann über ihn verhängt. Wegen seiner Widersetzlichkeit auch von seiner Mutter aufgegeben, zog er sich mit wenigen ihm verbliebenen Anhängern, worunter sein Getreuer Wetzel, in die wildesten Gegenden des Schwarzwaldes zurück, das Leben eines Verfemten führend, bis er schließlich im Verzweiflungskampf der Übermacht der Reichswehr erlag (1030). Seine Leiche wurde später in der Familiengruft zu Roßstall in Franken beigesetzt. Das Zentrum der Ereignisse ist in beiden Vorgängen das gleiche: der Sohn erhebt sich gegen den Vater bezw. den Stiefvater. Der Sagengrund liegt in der älteren der beiden Geschichten. Der Aufstand Liudolfs war gewiß in Liedern besungen und auch in mündlicher Erzählung weiter überliefert, geradeso wie die Empörung seines Oheims Heinrich von Baiern gegen seinen Bruder, denselben großen Kaiser Otto. 2 Der Liudolfsage entstammen im Gedichte der Kaiser Otto und seine Gemahlinnen, Ottegebe und Adelheid, der den Konflikt heraufbeschwörende Verleumder Heinrich, die Achterklärung, Baiern als Schauplatz des Krieges mit der entscheidenden Erstürmung Regensburgs, endlich die Lösung der tragischen Situation durch die demütige Verzeihungsbitte des Helden und das glückliche Ende mit der Aussöhnung. Auch die Umkehrung der Rechtsfrage, wonach der Vater bezw. eine Gegenpartei die Schuld an dem Zerwürfnis trägt, nicht der Sohn, war schon in der Liudolffabel enthalten. Ebenso lagen in ihr schon Andeutungen für die in dem Gedichte wichtigen Momente der Freundestreue und der Auslandsreise durch die Weigerung Liudolfs, seine Freunde auszuliefern, und durch seinen Zug nach Italien. 3 Aber schon in diese ursprüngliche Fassung der Geschichte Liudolfs haben sich nahestehende Züge aus anderer Quelle, aus dem Leben seines Oheims Heinrich von Baiern, Geschichtschreiber d. dt. Vorz. XI. Jh. Bd. 41, 2. Aufl. 1892, bes. Kap. 10. 19—21. 25—8; Stalin, Wirtemberg. Gesch. 1 (1841),474-83; Giesebrecht 2,219—66(s.Reg. 727u. 626ff.) Bresslau, Jahrb. d. dt. Reiches unt. Konrad IL, 1879; Hainer S. 64 ff. (bes. S.73); Uhland aaO.; Haupt S.299—303; Dümmler, Bartsch aaO. 1 Wetzel ist Koseform für Werinher, Werner: Wezelo qui et Wernherus; Werner von Kiburg wird in den Quellen Werinher genannt, bei Wipo, doch Wezilo, Haupt S.299f.; Bartsch S. LXXXVf. 2 LG. 1, 228 ff. 3 „Liudolf verließ, da er seinen Freunden die Treue nicht brechen wollte, sein Vaterland und zog mit ihnen nach Italien", Widukind 111,57, vgl. Hainer S. 55. § 11. Herzog Ernst 43 eingemischt: der Bußgang Heinrichs ist wiederholt in Ernsts Demütigung 1 H. Ernst B 5908ff., und die Vorliebe der Mutter Heinrichs, Mathildens, für diesen ihren unbotmäßigen Sohn kehrt in dem Gedichte wieder in der sorgenden Mutterliebe Adelheids um den verstoßenen Ernst. Die Sage vom Herzog Ernst bildete die Erinnerungen der Liudolfsage dahin um, daß aus dem kaiserlichen Vater der Stiefvater wurde, das Motiv von der sorgenden Mutter aber erhielt eine Verstärkung durch die Bedeutung, die Ernsts Mutter Gisela als Vermittlerin zwischen dem Gemahl und dessen Stiefsohn zukam. Die schwäbische Ernstsage hat als Kern ein hervorragend beliebtes episches Motiv, die Freundestreue. Infolge dieser ethischen Kraft hat das Schicksal Ernsts die lebhafteste Teilnahme im Volke gefunden. Schon das Necrologium S. Galli bemerkt zu seinem Todestag: Ernst, dax et decus Alamannorum obiit. Schon die Geschichtschreiber haben die Wirklichkeit dichterisch, also mit der Phantasie, erfaßt, sie haben solche historische Tatsachen, die schon in sich einen stärkeren Lebens- oder Gefühlsgehalt, epische oder lyrische Momente trugen, herausgegriffen, hervorgehoben, reicher ausgestaltet, wobei zugleich eine politische Tendenz mitwirken mochte. So rückt die jüngere Vita Mathildis die Person Heinrichs von Baiern in den Vordergrund und verleiht dem Verhältnis der Mutter zum Sohn einen tieferen Gefühlswert; Hrotsvitha erhebt die Versöhnung zwischen Otto und Heinrich zu einer ergreifenden dramatischen Szene; für die Trauer des Reiches und des kaiserlichen Vaters um Liudolf, der, um seinen Freunden die Treue zu wahren, das Vaterland verließ, hat Widukind bewegte Worte (III, 57. 58); und Wipo schildert mit epischer Anschaulichkeit die Treue Ernsts gegen Wetzel und den letzten Verzweiflungskampf des Geächteten. Die Geschichtschreibung ist hier poesievoller als die Dichtung, denn gerade das alte und echte Sagenmotiv der Treue ist in dem Epos ganz verblaßt, 2 denn jener ethische Höhepunkt, die Weigerung Ernsts, seinem eigenen Vorteil den Freund zu opfern, fehlt in dem Gedichte: sie paßt nicht zu dem versöhnenden Ausgang, dem das Gedicht im Anschluß an die Liudolfsage zustrebt, denn sie ist ja im Gegenteil der Grund zu Ernsts unglücklichem Ende. Hingegen behauptet das andere Stimmungsverleihende Hauptmoment der Ernstsage, die Fürsorge der Mutter um ihren Sohn, auch in dem Epos seine Bedeutung, weil Gleiches schon in der ottonischen Liudolfsage vorgebildet war. Von ihrem Ursprung aus der Geschichte her hat der Ernst- bezw. Liudolfsage eine historische Färbung angehaftet, die auch noch in dem Gedichte durchschimmert. Nicht nur der poetische Reiz der Heldentragik fesselte die 1 LG. 1, 383; Hrotsvitha, Gesta Oddonis 336 ff. — Aus dem ottonischen Sagenkreise stammt wohl auch die Erschlagung des Pfalzgrafen Heinrich und dieBedrohung des Kaisers selbst, H. Ernst B 1250 ff., als Nachbildung der Geschichte Ottos mit dem Barte, Br.GRiMM, Dt. Sagen 11 Nr. 472; Wehrhan S. 71 ff. u. 194. 2 Uhland Bd. 5 u. 7aaO.; Dümiwler aaO. S. 266. 44 Die erzählende Dichtung Gemüter, sondern es sprach auch ein geschichtswissenschaftliches Interesse mit. Es lebte hier ein Stück deutscher Vergangenheit auf, das auch dem geschichtlichen Sinn der mittelalterl. Hörer entgegenkam. Tatsachen aus dem Leben des großen Kaisers Otto haben sich in der Volksüberlieferung forterhalten, mochten auch gelehrte Einflüsse dabei mitbeteiligt gewesen sein. Die Gründung Magdeburgs und die Ehe Ottos mit der frommen Otte- gebe, die die Züge einer Heiligen trägt, 1 sind zwei historische Momente, die im guten Gerhart des Rudolf von Ems wiederkehren. Eine Erinnerung an Ottos siegreiche Kriege bewahrt die Erwähnung seiner Kämpfe mit Winden und Friesen B182f. Aus historischem Interesse geht auch die Erzählung von der Herkunft des Waisen hervor B 4456—65, des leuchtenden Edelsteins, der die für Konrad II. verfertigte Kaiserkrone zierte. 2 Auch die genaue Angabe von Jahreszahlen (6 Jahre dauert der Verteidigungskrieg Ernsts B 1191, mehr als 5 Jahre B 1724) zeugt von historischer Orientierung, und am Schluß 6003—9 wird überhaupt der Inhalt der Ernstdichtung auf eine historische Quelle zurückgeführt (s. unten). Dieses historisch-chronologische Element wurde dann in den späteren Bearbeitungen C D E noch verstärkt. 3 Der zweite Teil des Gedichtes, 4 Ernsts Kreuzfahrt, beruht auf orientalischen bzw. griechischen Erzählungen, und zwar sind deutlich wieder zwei Motivgruppen und damit zweierlei Quellen zu erkennen: 1. Die Geschichten der ersten Hälfte, die Kranichleute, Magnetberg und Lebermeer, die menschenholenden Greifen, der unterirdische Höhlenstrom sind orientalische, ursprünglich indische Märchen; alle vier Erlebnisse finden sich, mit zum Teil starken Abweichungen, in der arabischen Novellensammlung von 1001 Nacht. In den Kranichschnäblern, die die indische Königstochter geraubt haben, ist die Geschichte des Prinzen von Karisme 5 und der Prinzessin von Georgien enthalten, die ausführlicher im Türkischen vorkommt. 6 Die drei anderen Gefahren gehören zu den Abenteuern Sindbads des Seefahrers. 7 2. Die zweite Hälfte, die fünf Reiseerlebnisse umfaßt, geht aus der mittelalterl. Ethnographie hervor, die ihrerseits, wie überhaupt die Naturkunde des MA.s, eine Überlieferung des klassischen Altertums ist. Griechische Phantasie und griechischer Wissenstrieb haben diese fabelhaften Wesen geschaffen bzw. sie sind nach älteren, orientalischen Erzählungen in den De Civ. Dei XVI Kap. 8. 5 Die 17. Nacht: der Prinz verteidigt das Reich seiner Freunde, der Kopflosen, gegen die vogelköpf igen Menschen; prachtvoller Dom (vgl. die Burg Qrippia); Stromfahrt durch eine Höhle. 6 Cholevius, Gesch. d. dt. Poesie nach ihren antiken Elementen, I.Teil, 1854, S. 95f.; und bes. Rohde S. 179—83, wo auf weitere Literatur hingewiesen ist. 7 Rohde S. 179 ff.; Leo Jordan aaO.S. 339 —43. 1 Vgl. Qiesebrecht 1, 317f. 817; Bartsch S. XCVI1 ff. 2 Haupt S. 295; Bartsch S. XCII. CVII. CLXff.; Kelle S. 385—7; W. Uhl, Festschr. f. Schade, 1896, S. 297—308. 3 Haupt S. 301 ff.; Bartsch S. LXXXVII. XCf. XCV. C. CIL CV.; DOmmler aaO. 4 v. D. Hagen S. XI ff.; J. Grimm, Kl. Sehr. 4,36 ff.; Haupt S. 293—9; Bartsch S. CXLIV —CLXXII; P. Gereke, Stud. z. Reinfr. v. Braunschweig, Beitr. 23, 358—483; Erwin Rohde, Der griech. Roman 1 S. 172 ff. — Die Monstra in der kirchl. Lit.: s. bes. Augustinus, § 11. Herzog Ernst 45 griechischen Sagenschatz aufgenommen worden: in der „ethnographischen Märchendichtung" der Griechen, der Heimkehr des Odysseus, dem Zug der Argonauten, 1 liegt der Ursprung für diesen Zweig der mittelalterl. Weltkunde. Das 3. Buch der Ilias wird eingeleitet durch ein prachtvolles Naturgleichnis von dem Kampf der Pygmäen 2 mit den Kranichen. Herodot, der Schöpfer der wissenschaftlichen, doch noch eng mit der Sage verknüpften Völkerkunde, berichtet in den skythischen Geschichten von den goldhütenden Greifen 3 und den mit ihnen in Fehde liegenden einäugigen Arimaspen mit Berufung auf ein Gedicht des Aristeas, die (verlorene) 'Agi/udoneia (k'nea 'Agifidoneia), Herod. B. 3, 116. 4,13. 14. 27; ebenfalls dieser Dichtung entnommen ist die Erwähnung der Greifen und Arimaspen im gefesselten Prometheus des Aeschylus V. 799 f. 4 Die römischen Ethnographen, Plinius, Solinus, bezogen ihr Wissen von den Griechen und so stammen von diesen auch die Märchen von den Plattfüßen bzw. Schattenfüßlern, üxidnodeg, von den Langohren, ITdvcoroi oder 'EvcotoxoItcu, von den Pygmäen und ihren Kriegen mit den Kranichen; die Giganten, die Riesen von Kanaan, sind alttestamentlichen Ursprungs (Genesis 6, 4). 5 Aus römischen Quellen sind die geographischen Enzyklopädien des Mittelalters zusammengetragen, Isidors Etymologien B. XI (darnach Hrab. Maurus De Universo) und des Honorius Augustodunensis Imago Mundi I Kap. XI — XIII. Besonders wichtig für die Völkerkunde des Mittelalters ist die Beschreibung der Monstra in Augustins De Civ. Dei XVI Kap. 8. (s. oben). Aus den Angaben des Gedichtes selbst lassen sich die unmittelbaren Vorlagen" nicht mit Bestimmtheit erschließen, so viel aber darf als sicher angenommen werden, daß dem 1. Teil ein deutsches Lied zugrunde gelegen hat, während für den 2. ein lateinischer 7 ethnographischer Orientroman benutzt wurde. Auch das Epos vom H. Ernst (A) ist in seiner äußeren Form bedingt durch die Wandlung der Erzählungskunst im 12. Jh., d. h. es entstand durch Erweiterung aus einer kürzeren Grundform; am stärksten wurde der 1 RohdeS.172«. 2 Lütjen, D. Zwerg i. d. dt. Heldendicht. S. 22 ff. 92. Reg. S 119. 3 Greifen u.Tierhaut: BoLTE-PoLivKA3,412. 4 Als naturwissenschaftliche Symbole einer urweitlichen Schöpfung erscheinen in Goethes Klassischer Walpurgisnacht die Greifen und Arimaspen, „alter Tage fabelhaft Gebild", ebenfalls im Streit ums Gold. 6 Üb. diese Völker s. Haupt aaO.; Bartsch aaO. Zu den Zyklopen auch Annolied 364, Roediger S.123Anm.3; Kchr.ed Schröder V. 352; Zingerle, Die Quellen v. Rud. v. Ems Alex. S. 65; Strauch, Enikel S. 404 Anm. u. ZfdPh. 27,385; Arendt, D. Riese in d. mhd. Lit., Rost. Diss. S 7 u. ö. S. 81. 6 Bartsch S. II f. XXIX. XC—XCII. CVII— CX. CXXIXf. u. S. 147; Sonneborn S. 6f. 7 Es finden sich noch lat. Flexionsformen: Arimaspi 4505 u. ö., Prechami 4898, Magnes 3897. — Außer inhaltleeren Formeln, 2579. 3891. 4813. 4828 u.a. (Bartsch S. XXIX) begegnen an 3 Stellen bestimmtere Quellenzitate: im Prolog 38 ff., bei d. Beschreibung von Grippia2244—7 (Lob d. dt. Dichters, aus dess. Buch die Darstellung d. Burg entlehnt ist) u. endlich gelegentl.derErwähnungdesWaisen 4465—76 mit Berufung auf d Quelle, ein in Bamberg aufbewahrtes Buch (in D 3617 ff.). Da die 3 Stellen in Lücken von A fallen, also nur der überarbeitete Text von B hierfür vorliegt, so kann man über Vermutungen nicht hinauskommen. Rühren vielleicht die beiden letzten Quellenbezeichnungen erst vom Be- 46 Die erzählende Dichtung Umfang vermehrt durch Hinzufügung des 2. Teiles, der Orientabenteuer, zur Ernstsage. Danach erheben sich weiter zwei Fragen hinsichtlich der Ausgestaltung der Technik: wie entwickelt sich das Lied zum Epos (l.Teil) und die ethnographische Beschreibung zum ritterlich-abenteuerlichen Reiseroman (2. Teil)? Es ergibt sich dann folgendes Bild der Entstehungsweise des Leseepos vom H. Ernst: einzelne Motive sind in epischer Breite ausgesponnen, z. B. die Erziehung des Helden 70—158, des Kaisers Leben vor seiner Verheiratung mit Adelheid 175—256, die Werbung 257—448, die Verleumdung 646—852, die Belagerung von Regensburg 1448—1674 u. a. In dramatischer Kürze und liedmäßiger Knappheit dagegen spielt sich der Höhepunkt der Handlung des 1. Teiles ab, die Erzählung vom Überfall und von der Ermordung des Pfalzgrafen 1250—92 und 1316—26. Das beliebteste Erweiterungsmittel sind die langen Reden, die hier in der Tat oft das Gefüge der Begebenheiten sprengen. — Durchsichtig ist die Technik des 2. Teiles bei den Arimaspen und den folgenden Kreaturen (II /?). Die Völkerbeschreibungen sind ganz kurz (die Arimaspen 4518—21, die Plattfüße 4674—888, die Langohren 4822—7, die Pygmäen 4989 f.), während doch hier eine schöpferische Phantasie einen weiten Spielraum gehabt hätte. Alles Übrige ist Erweiterung durch ritterliche Episierung mit den geläufigen Motiven: höfischen Verkehrsformen, Kämpfen, Beratungen. Die Vorlage, das lateinische Buch, war eben hier nur ähnlich einem gedrängten ethnographischen Kompendium wie Isidor oder Honorius, das über die Monstra nur kurze Notizen brachte. Diese hat der Dichter zu einzelnen Episoden erweitert, hat ihnen das ritterliche Kostüm umgeworfen und sie um einen Mittelpunkt, den Aufenthalt Ernsts bei den Arimaspen, gruppiert. Dagegen war die erste Hälfte des 2. Teiles, IIa, schon von vornherein in der dem Dichter vorliegenden Überlieferung novellistisch angelegt, denn sie besteht aus den Sindbadabenteuern. 1 Das Mittel der epischen Verbreiterung hat der Dichter hier besonders bei den Schilderungen der Burg Grippia und den Kämpfen mit den grippianischen Leuten angewendet 2204—3882, die ca. den 3,6. Teil des ganzen Gedichtes ausmachen. Die innere Handlung. Den Kerngehalt seines Werkes faßt der Dichter arbeiter B her, so daß mit dem gepriesenen deutschen Dichter in 2244—7 Ulrich v. Zazik- hoven gemeint wäre? Die Behauptung am Schluß von B, der Kaiser habe Ernsts Vertreibung und Rückkehr (also die auf tatsächlich geschichtlichem Hintergrund beruhende Erzählung von Ernsts Erlebnissen, die eigentlich historischen, nichtfabulösen Partien) aufschreiben lassen, 6003—9, ist lediglich Erfindung. Über die Glaubwürdigkeit „fabulisti- scher" Quellenangaben s. Burdach, Ver- handl. d. 44. Philol.-Versammlung in Dresden 1897 S. 28—31 u. Preuß. Ak. 1920 S. 1021 Anm.; Wilhelm, Beitr. 33, 286—339, bes. S. 330f.; Ders., Münchn. Texte, H. 8 Kommentar 2, 1918, S. 141; H. Ernst u. Klage: Vogt, BreslauerFestschr. 1911 S.513ff.; Ders., Rektoratsprogr. Marburg 1913, S. 167; Jos. Körner, Die Klage u. d. Nibelungenl. S.30f.; Golther, Sage von Trist, u. Is. S. 73. 79f.; Vi'etor, Beitr. 46,104 ff; s. auch unt. Wolfr. 1 Ein ähnlicher Unterschied im Umfang einzelner Episoden, wie sie oben für den Inhalt des lat. Buches vorausgesetzt wurden, wonach schon in diesem die Sindbadgeschichten mehr Raum einnehmen als die Beschreibung der Wundergeschöpfe, besteht auch im Straßburger Alexander, wo Alexander ausführlich über seinen Aufenthalt bei Candacis berichtet, nur kurz aber über seine ersten Erlebnisse bis zu den Blumenmädchen (4935—5156). §11. Herzog Ernst 47 selbst im Prolog übersichtlich zusammen: das Lied erzählt die not und starke arbeit, die der herzöge Ernest leit, do er von Beiern wart vertriben 35 ff., tapfer behauptete der Jüngling das Erbe, das ihm sein Vater hinterlassen hatte, so lange bis ihn davon ein Kaiser, ein gewisser, mit der Reichsmacht vertrieb; mannhaft überwand er so viele Nöte. In diesem Programm sind die beiden gegensätzlichen Parteien festgestellt und ihr Rechtsverhältnis, das den Konflikt und damit das tragische Geschick des Helden bedingt. Der Grundplan ist einfach angelegt und nur wenige Personen führen die Handlung: der ungerecht verfolgte Held und sein nie versagender Freund, der feindselige Stiefvater, die hilfreiche Mutter, dazu vorübergehend der den Anstoß zur Verwicklung gebende Intrigant. Ernst ist der für das Recht kämpfende und mit starkem Willen sich durch alle Widerstände und Leiden durchringende Mann; die Heldentugend der Tapferkeit ist darum die ihn vor allen auszeichnende Eigenschaft. Mit ihr eng verbunden ist die Treue, die triwwe in volkstümlich weltlichem Sinn: die innere Festigkeit der Überzeugung von dem, was Pflicht und Ehre gebieten und das unwandelbare Eintreten dafür, s. bes. 50. 1733. 1771. 1816. Ein warmer Gemütston ist den harten Taten beigemischt durch die Treue, die den Fürsten mit den Mannen verbindet 108—10. 1752ff. An Ernst entwirft der Dichter das Idealbild eines Fürsten, indem er ausführlich die feine, durchaus auf ere angelegte Erziehung schildert, die ihm seine Mutter zuteil werden ließ 70—158. Insofern er die Tugenden eines vollkommenen Regenten besitzt, verbindet er Kraft mit Weisheit, eilen und wisheit 1730f. 1742. 5212. 5288. Aus großen geschichtlichen Bewegungen gehen die Schicksale des Helden in diesem Gedichte hervor, darum sind auch seine Taten von hohen sittlichen Ideen getragen. Im 1. Teile sind es Recht und Ehre, für die er sein Leben einsetzt, im 2. die christliche Glaubensgewißheit; dort kämpft er für seine eigene Selbstbehauptung gegen eine gewalttätige Reichsregierung, hier für die gesamte Christenheit gegen die Feinde des heiligen Grabes; dort ist er der nationale Held und der Schauplatz seiner Taten ist sein Stammland Baiern, hier ist er der christliche Ritter auf dem weltgeschichtlichen Boden des Morgenlandes. Damit tritt im 2. Teil ein anderes ethisches Moment stark hervor, die Frömmigkeit und Barmherzigkeit im Dienste der Nächstenliebe. Ernst setzt sich ein für die Schwachen und Unterdrückten (Befreiung der indischen Königstochter von den Schnabelmenschen, der Arimaspenleute von den Plattfüßen, Langohren und Giganten, der Pygmäen von den Kranichen). Mit dem Übergang aus der Geschichte in die Sage und Dichtung sind die historischen Personen mehr oder weniger in Sagentypen verallgemeinert worden. Der wirkliche Ernst, ein Aufwiegler und Empörer, ist episch stilisiert als Typus des ungerecht verbannten Recken: wie Rother-Dietrich muß er sein Land verlassen, um in fremden Diensten sein Heil zu suchen. Für kecke Gesetzesverächter, die, ausgestoßen aus der Gesellschaft, mit kühnem 48 Die erzählende Dichtung Mute sich gegen die Obrigkeit auflehnen, hat das sagendichtende Volk von jeher Partei ergriffen und sie mit dem Zauber einer interessanten Räuberromantik umgeben. 1 Wetzel ist der treue Vasall (bes. 118—36), als solcher auch der vertraute Ratgeber 918—48. 2492—527. 2720—33. 2761—92. 2961—94. 3319—60. 4168—99. 4222—43. 4404—15. Er entspricht dem alten Berchter im Rother, nur daß er, im Zusammenhang mit der geschichtlichen Wirklichkeit, als Jugendfreund Ernsts gezeichnet ist. Im Spielplan des Gedichtes vertritt er die triuwe gegenüber der Hinterlist des Pfalzgrafen, des ungetnuwen Ratgebers 646 ff. Der Charakter des Kaisers ist nicht einheitlich gelungen, in der Darstellung kreuzen sich die beiden Stilarten, die gebundene, allgemein gültige Anschauungsform des Typus mit der individuellen Auffassung, die dem einzelnen historischen Fall entspricht. Der Dichter verleiht in seiner Einführung der Personen dem edeln, erhabenen König die herkömmlichen Züge des rex justus 175—233, in der darauf folgenden Erzählung spielt er aber eine keineswegs sympathische Rolle, er ist ungerecht und herrisch, zornsüchtig, sogar gegen die Königin vergißt er im Zorn die Würde 997—9, ferner 813. 1016. 1159. 1676. 5940 ff. 5956. Mit dieser Stellungnahme gegen des Kaisers Majestät folgt der Dichter dem Vorangang der Sage, die er nicht ohne Störung der Tendenz hätte ändern können. Und überhaupt hat die Volksüberlieferung das Bild des großen Kaisers Otto entstellt, indem sie ihm die erhabenen Züge abstreifte und ihn zu einem stolzen und harten Herrn machte, als welcher er z. B. in Rudolfs v. Ems Gutem Gerhart und in Konrads v. Würzburg Novelle Otte mit dem Barte erscheint. Dem Vernichtungsplan des Königs stellt die Königin die rettende Liebe entgegen, sie, ebenfalls ein Bild der Treue, der um den Sohn sorgenden Muttertreue. Insofern wirkt sie ihrem Gemahl, dem Kaiser, entgegen, obgleich sie beide zusammen in Eintracht ein glückliches Eheleben führen 545—57. Das Verhältnis der beiden Liebenden trägt noch nicht die Formen des höfischen Frauendienstes und der Werbungsbrief des Kaisers 352—92 lautet eher wie ein Befehl denn wie ein Liebesantrag. So verteilen sich die vier Hauptgestalten des Romanbildes: drei Getreue, die für das Gute arbeiten, der vierte ein Verblendeter, der doch schließlich, wenn auch halb widerwillig, in den Kreis der Wohlgesinnten eintritt. A 2 Die älteste Gestalt des Ernstepos ist das mittelfränk. Gedicht, A, abgefaßt zwischen 1170 und 1180, jedenfalls vor 1186. Der Termin, vor dem A bestanden haben muß, läßt sich bestimmen durch die Angabe »Aufständische Recken in der Kaiserchronik: Bartsch S.III—VI. S.l—12. 126—86; Ahl- LG. II, 1. grimm S. 1 ff.; Fuckel S. 35—84; Sonne- 2 Haupt S.253ff.; Pfeiffer, Germ.1,461 f.; BORNS.6f. § 11. Herzog Ernst 49 eines Briefes, 1 den der Graf Berthold von Andechs an den Abt Ruprecht von Tegernsee 2 richtete, worin er diesen bittet, ihm ein deutsches Buch über den Herzog Ernst auf kurze Zeit zur Abschrift zu überlassen. Ruprecht starb am 22. Mai 1186. Für die Jahre 1170—1180 als Entstehungszeit von A paßt auch der Vers- und Reimgebrauch. A ist nur in Bruchstücken zweier Handschriften erhalten: 1. Prager Bruchstücke, 5 Blätter einer Perghs., Anf. 13. Jh., zusammen 390 V. Bl. 1 u. 2 abgedr. in Hoffmanns Fundgr. 1, 228—30; B1.3,4 u. 5 abgedr. von Pfeiffer, Germ. 6, 350—7; alle 5 Bl. bei Bartsch S. 3—12. — 2. Marburger Bruchst., 2 Perg.streifen, Ende 12. Jh., 66 V., herausg. von Bartsch, Germ.19, 195 f. — Die Mundart der Prager Blätter ist mittelfränk., 3 mit Übergleiten zu hd. Formen (ausl. t in dat, it, allit, neben z). — Die Marburger Bruchstücke haben rheinfränk. Dialekt {td in hetde 37), es fehlen ausgesprochen mittelfränk. Merkmale, es heißt nur daz, iz, er, der* Die Heimat des ältesten Gedichtes, A, ist Mittelfranken. Die Reime sind noch großenteils unrein, doch überwiegen die genauen Bindungen. Schwere Assonanzen sind selten. Auch der Bau der Verse, die meist einen mittleren Umfang haben, ist frei von gröberen Unregelmäßigkeiten. 6 A ist für die höheren, für Adelskreise bestimmt. 6 Es ist ein heroisches, kein spielmännisches Epos. Der Ton ist einfach, würdig. Die Sprache ist sorgfältiger, nicht handwerksmäßig mechanisiert, die typischen, formelhaften Bestandteile sind mit Maß verwendet und überwuchern nicht die Ausdrucksweise. Anzumerken sind: Wahrheitsbeteuerungen I, 22, Marburger Bruchstücke Germ. 19, 196 V. 45 (66); Hyperbel V, 47; beliebt sind stehende Beiwörter; Geistliches (H. Fischer, Münch. SB. 1914, 7. Abh. S. 9); zweigliedrige Ausdrücke, z. B. leit inde zorn I, 39, din lant ind dine bärge I, 58, ferner I, 6. 53. II, 8. 47. IV, 2. 39. .60. V, 4. 12. 13. 20. 25. 43, Germ.V. 59. 60. Verhältnismäßig großen Raum nehmen die Reden ein (I, 46 bis Schluß des Fragm., II, 1—19. IV, 1—54). 7 In den Kampfschilderungen (Fragm. III, vgl. B 1510—86, u. Fragm. V), wo sonst Gelegenheit zu wilden, blutüberströmenden Bildern genommen wird, zeigt sich besonders der Unterschied zwischen der neuen, milderen und der älteren, rauheren Auffassungsart. Die Gesamtdarstellung ist auf eine gemäßigtere Tonart gestimmt. Wie die populärburleske Spielmannsart im Rother verfeinert und hoffähig geworden ist, so hat sich der kräftige Reckenstil des Alexander- und Rolandsliedes im Herzog Ernst den maßvolleren Formen der neu sich bildenden ritterlichen Hofkunst angepaßt. Die dramatische Lebendigkeit jenes älteren Stils ist in ein mehr episches, gehaltenes Tempo gedämpft. 1 Abgedr. bei Pez, Thesaurus anecdot. novis- simus VI = Cod. dipl. hist. epistolaris II, 13, s. Hoffmann, Fundgr. 1, 227; Lachmann, Ueb. Singen u. Sagen S. 116 u. Kl. Sehr. S. 472; Haupt S. 253.261 f.; Bartsch S. I ; Baesecke, Münch. Oswald S. 363 f. 378. 2 Rogo affabilitatem et pietatem tuam, sicut bene confido de te, ut annuere digneris peti- tioni meae et concedas mihi libellum teu- tonicumde herzogen Ernesten, donec Deutsche Literaturgeschichte III 4 velocius scribatur mihi, quo perscripto con- tinuo remittatur tibi. 3 Bartsch S. IV f. 4 Ahlgrimm S. 8—10. 6 Bartsch S.Vf.; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 427. — Amelung, ZfdPh. 3, 269 ff. 6 Vogt, ZfdPh. 22, 478. 7 Schwartzkopff, Rede u. Redescene S. 6 u. Reg. S. 147. 50 Die erzählende Dichtung Der Verfasser von A gehörte nicht zu den niederen Spielleuten, er konnte lateinisch, der zweite Teil des Gedichtes ruht auf lateinischer Grundlage, er war also ein Kleriker, wenn auch vielleicht ein vagierender. In den hohen Kreisen Baierns war das Gedicht beliebt, wie die Notiz in dem Briefe des Grafen von Andechs zeigt. Wie der König Rother ist auch der Herzog Ernst von einem rheinischen Dichter in Baiern verfaßt worden. B die ältere, rheinfränkische Bearbeitung von A 1 Sie ist in zwei Handschriften erhalten: a Papierhs. des Germ. Museums zu Nürnberg. Das Gedicht („Disz ist hertzog Ernst von Beyern") ist 1441 geschrieben (Schriptum et completum est per me Heinricum de Steynfurt clericum Osnabrugensem . . .). In dem sonst normalen Mittelhochdeutsch finden sich mitteldeutsche, aber nicht ausgesprochen mittelfränkische Spuren, die wohl noch aus der alten rheinischen Überlieferung stammen. Einige lateinische Endungen hat der gelehrte Schreiber der Hs. mit unterlaufen lassen: ketnenata 2570, dromedarum 5641, Cristus für Cristes 5848. b Wien Nr. 3028, Papierhs. 15. Jh.» Der Dialekt ist ausgesprochen baierisch-österreichisch. Von den beiden Hss. ist a die bei weitem vorzüglichere, sie hat nicht nur den lesbareren, sondern auch den ursprünglicheren Text, während b durch willkürliche und oft ganz sinnlose Aenderungen, durch Auslassungen und Zusammenziehungen, auch Erneuerung veralteter Worte das ursprüngliche Gedicht sehr entstellt hat. 3 B ist eine Umarbeitung des altertümlichen Originalgedichtes A in die neue, seit Heinrich von Veldeke und Hartmann von Aue geltende regelmäßigere Kunstform. Der Bearbeiter hält sich stellenweise eng an die Vorlage A, gestattet sich aber doch auch dazwischen wieder weitgehende Freiheiten. Die veralteten und mundartl. Reime sind meistens weggeschafft und zwar, falls die betreffende Stelle nicht geradezu völlig umgearbeitet wurde, durch bestimmte technische Mittel: durch Änderung eines oder der beiden Reimwörter oder durch Einschiebung eines rein reimenden Verspaares.* Der alte Textbestand hat mancherlei Wandlungen erlitten durch Auslassungen, Umstellungen, mehr aber noch durch Erweiterungen: B mag A etwa um ein 1 Haupt S. 253 ff.; Bartsch S. XXV—XXXVI; Voss S. 1—16; Ahlgrimm S. 7—14. 95f.; Fuckel S.35—84; Sonneborn S. 7—11; die ältere Lit. bei Piper S. 117 Anm. zu Z.21. 2 Docens Mus.f. ad. Lit. u. Kunst 2, 254—65; Hoffmanns Verzeichn. S.33. 3 Bartsch, Anm. S. 126—86; doch jetzt: Reitzenstein, Gott. Diss. 1922, Maschinendr. u.Auszug, u.ZfdA.52(1925), 181—84: b verdient immerhin Beachtung, weil sie e. gute alte Vorlage hat. — Versbau u. Reim in den Abweichungen von C widersprechen der Technik des in A zum Vergleich stehenden Originalgedichts und tragen das Gepräge der rohen u. verwilderten Art d. spätmhd. Zeit. Die Ansicht von Voß (S.8ff.), der Bartsch zu widerlegen sucht und dem Ahlgrimm (S. 2 ff.) u. Sonneborn (S. 7 f.) zustimmen, b gebe nicht eine gekürzte Bearbeitung, sondern habe die einfachere, ältere Gestalt der Vorlage besser bewahrt als a, wird durch die Art der Abweichungen auf Schritt u. Tritt widerlegt. Die Aenderungen von b sind jedoch nicht bloß als Nachlässigkeiten oder als private Liebhabereien des Schreibers aufzufassen, sondern sie entspringen im Grunde großenteils einem andern, freilich gesunkenen, Formsinn. Die dreihebigen Reimpaarverse gehören hierher. Auch des Dichters österreichischer Landsmann Ottokar hat in seiner Reimchronik diese mehr der rhythmischen Prosa sich nähernde Art. In diesem Sinne kann man b eine spätmhd. Bearbeitung nennen. Doch hat b eine gute alte Vorlage: Reitzenstein, a. a. O. — Ueb. e. verlorene Hs. Germ.24,16—21. 4 Ueber die Metrik von A und B s. Bartsch S. Vf. XXV—XXXVI, auch S. 126 ff.; Bae- Secke, Münch. Oswald S.208L 378 u. Reg. S.441. §11. Herzog Ernst 51 Viertel des Umfangs gedehnt haben. 1 In den nach bestimmten technischen Grundsätzen vorgenommenen Erweiterungen besonders liegt die eigenartige innere Stilisierung von B. Reden werden weiter ausgeführt: die Ansprache Ernsts an seine Freunde 1793—806 ist eine schwächliche Verlängerung von 1758—65, wobei der Reim 1759 f. (= A IV, 2) mit 1799 f. wiederholt ist (s. auch 1805). Gleich darauf, 1810—25, wird Ernsts Entschluß zur Fahrt nach dem heiligen Grab (= A IV, 37—40) in eine Aufforderungsrede zum Kreuzzug ausgesponnen. Die Beschreibung von Ernsts Gemütszustand All, 20—4 wird durch einen Entschlußmonolog ersetzt (B 1245—49). Schilderungen werden länger ausgedehnt: Kämpfe 3596—604 = A V, 3—9 und 3610—40 = AV, 18—27; der Glanz der Burg Grippia wird stärker aufgetragen. Die religiöse Färbung und die Kreuzzugsidee ist wohl überhaupt erst von B in die Sage hineingebracht worden (wofür eben die Kreuzzugsrede 1810—25 als Beweis gelten kann). Durch solche Umwandlungen ist der Verlauf der Erzählung in B noch mehr verlangsamt worden, zugleich hat der ursprüngliche Text von A an Einheitlichkeit verloren, somit bedeutet die Bearbeitung B an vielen Stellen eine Verringerung des Originals. Der sprachliche Stil hat keine wesentlichen Änderungen erfahren, der volkstümliche Charakter im Wortschatz ist bewahrt geblieben, auch formelhafte Wendungen sind zur Erleichterung des Versebildens reichlich gebraucht. Im einzelnen 2 ist bei der Gesamterneuerung zuweilen ein in der höfischen Kunstsprache üblicher Ausdruck mit aufgenommen worden, denn der Bearbeiter war mit der höfisch-ritterlichen Epik bekannt, vor allem aber tritt der Einfluß von Wolframs Parzival und Ulrichs Lanzelet an verschiedenen Stellen deutlich zutage. Nicht als ob der Verfasser sich Wolframs Stil zum Muster genommen oder seiner Sprache eine Wolframsche Färbung gegeben hätte, vielmehr hat er nur vereinzelt einige seiner Ausdrucksformen verwendet. 3 Stärker hat er Ulrichs Lanzelet benutzt. 4 Da die Bearbeitung B den Einfluß Wolframs v. Eschenbach und Ulrichs v. Zazikhoven verrät, so wird ihre Abfassung um 1210 oder 1220 anzusetzen sein. 5 Der Bearbeiter war ein Rheinfranke. Dieses geht aus 1 Der Umfang der erhaltenen Teile von A (Prag. Bruchstücke) gegenüber den entsprechenden Partien von B ist aus folgender Tabelle zu ersehen: AI: 65 Verse — B:92V; All: 63 V— B:71 V; A III: 61V — B: 76 V; A IV: 66 V — B:89V; AV:70V — B:94V 2 Ueber die Anredeweise im H. Ernst s. ZfdWortforsch. 2, 156—9. 3 Aufgezählt von Jänicke S. 158 ff. (dazu kommt noch mit güetlichem säe 337, nach habeschen säen 3006, swcere und niht ze ringe 2614); Voss S. 8 ff. 20 f.; Ahlgrimm S.71ff. Die einzigen stofflichen Entlehnungen aus Wolfram sind 2597= Parz.81,22 (Bartsch Anm. S. 152) und vielleicht 2630 = Parz.563, 1 f.; beide in der Schilderung der Burg Grippia; die übrigen sind formale Reminiszenzen. 4 Bei der Beschreibung der Burg Grippia schwebt ihm Iweretes hüs, diu fiche Dödöne Lanz. 4091—161 vor, auch, aber schwächer, Lanzelets wunderbares Zelt 4746—926, und besonders der ersten dieser beiden prunkhaften Schilderungen entnimmt er verschie- deneWendungen wörtlich zur Ausschmückung jenes Glanzstückes seines Gedichtes, das 580 Verse, 2212—792 B, umfaßt. An zwei Stellen dieses umfangreichen Abschnittes sind jene Verse Ulrichs v.Zazikhoven benutzt: beider Burgmauer 2214—28 und, in geringerem Maße, bei der Kemenate mit dem spanbette 2570 ff. 5 Bartsch hatte das Jahr 1190 angenommen (S. XXXVI), Jänicke hat den höfischen Einfluß und damit die spätere Entstehung von B nachgewiesen; vgl. Jänicke, Beitr.2,580 ff. — Die mundartl. Reime des rheinfrk. Bearbeiters B sprechen nicht gegen die höfische Zeit, da auch sonst md. Dichter der Blütezeit solche zuließen, z.B. Herbort v.Fritzlar, Otte, Eber- nand v. Erfurt. 52 Die erzählende Dichtung einer Anzahl mundartlicher Reime 1 hervor, die fränkisch, aber nicht mittelfränkisch und jedenfalls auch nicht ostfränkisch sind, also wohl dem westlichen oder nördlichen rheinfränkischen Gebiet zuzuschreiben sein werden. Zusammenhängend mit diesen rheinfränkischen Spuren gehen auch jene fränkischen Merkmale im Innern des Textes von a auf das Original B zurück und können, sämtliche oder zum großen Teil, aus dem Urgedicht stammen. 2 Da der Gothaer Herzog Ernst Diese zweite deutsche Umarbeitung ist vollständig erhalten in einer Papierhs. des 15. Jh.s zu Gotha. 4 Ein Streifen einer Pergamenths., 14. Jh., 42 V., wurde in Würzburg gefunden. 5 Wie die erste mhd. Umarbeitung des ursprünglichen Gedichtes, B, so ist auch D ein Erzeugnis herrschenden Zeitgeschmackes. Hatte B die regelmäßigeren Formen der neueren ritterlichen Kunst angenommen, so hat sich der Verfasser von D überhaupt das Ziel gesetzt, den volkstümlichen Stoff völlig in die höfische Anschauungs- und Ausdrucksweise zu übertragen und den Gehalt zu modernisieren. Äußerlich gibt sich diese Erneuerung in einer Abhängigkeit von Wolframs Stil zu erkennen. Auf Schritt und Tritt begegnen Wolframsche Motive, Wendungen, Sätze. Doch artet diese Nachahmung nicht in übertriebene Manier, Dunkelheit, Schwulst aus, wie dies bei mehreren Epigonen Wolframs der Fall ist. Auch D geht unmittelbar aus dem ursprünglichen Gedichte A hervor. Der Wortlaut des alten Textes ist gänzlich verändert, auch der Inhalt wurde stellenweise sehr frei behandelt. Dem epischen Verlauf ist durch Hervorkehren des religiösen Interesses und durch Einfügung moralisierender Gemeinsprüche ein lehrhafter Zug beigemischt. Der Verfasser ist nicht genannt. 6 Entstehungsort und-zeit des Gedichtes sind umstritten, es mag in das Ende des 13. Jh.s fallen (nach 1275?). Das Verhältnis der unreinen Reime deutet auf mitteldeutschen Ursprung. 7 FucKELaaO.; Sonneborn S. 11—17; Ernst 1 W. Grimm, ZGdR., Kl. Sehr. 4, Reg. S. 331; Bartsch S. XXXIII—XXXV; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 386. 408. Die Bindungen von g zu b, d : g, g : v sind nicht eigentlich mundartliche Reime, sondern leichte Assonanzen, vgl. auch im alten Gedicht A 1, 12.60. IV, 54. V, 38.58. — Zwierzina, ZfdA. 44, Reg. S.348. 45, Reg. S. 343. 1 Am Schluß, V. 6003 ff., gibt der Verf. von B an, der Kaiser habe die Erlebnisse Ernsts aufschreiben lassen. Nach der Bearbeitung D (s. unten) soll dieses lat. Buch im Dom zu Bamberg aufbewahrt sein (s. oben). » Hgb. von v. d. Hagen u. Büsching, Dt. Ged., dazu die Besprechung von J. Grimm aaO. (vgl. auch ZfdA. 5,497); Haupt S. 257 f., Bartsch S.LIV—LXV u. Anm. S. 126—186; Pfeiffer, Germ. 1, 461; Zarncke, Beitr. 2, 580 ff.; Toischer, Ulrichs v. Eschenbach Alexandreis S. 395; Zingerle aaO. S.65; Steinmeyer, Anz. 15, 220—22; Voss, Ahlgrimm, Meyer, Die gereimten dt. Liebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 S. 56ff. 4 Vgl. Jacobs u. Uckert, Beitr. z. alt. Litt. 2, 263 ff. 5 Carl Bone, ZfdA. 47, 426—30. 6 Aus der Erwähnung Veldekes 2475 f. hat man früher diesen für den Verf. von D gehalten. 7 Aus den — nicht selten — unreinen Reimen ist ein festes Gebiet nicht zu bestimmen, denn jene Formen ergeben kein einheitliches Dialektbild, die md. Eigenheiten überwiegen die geringeren baier.-österreichischen. Dieses Verhältnis mag daher rühren, daß der Dichter aus verschiedenen Dialekten schöpfte, ähnlich wie bei gemischtsprachigen Urkunden der Dialekt des Ausstellers nach dem des Empfängers „gebogen" wurde. Er wird ein Mitteldeutscher, am ehesten ein Rheinfranke, oder ein Ostmitteldeutscher gewesen sein (die Annahme, die Heimat von Ernst D sei Ostfranken, Nürn- § 11. Herzog Ernst 53 Eine engere Gruppe bilden die beiden lateinischen Bearbeitungen der Ernstsage, C und E, beide von Klerikern verfaßt und aus gleichem Geiste erzeugt. Ei das lateinische Gedicht Ernestus des Odo von Magdeburg Hs., einst in Tours, jetzt verschollen, abgedr. bei Martene, Thes. nov. anecd. III, 307—66. Odo war Priester in Magdeburg, er widmete sein Gedicht dem Erzbischof Albrecht von Magdeburg (zwei Widmungen, eine nahe dem Anfang, S. 309, eine zweite am Schluß, S. 376), der 1206—33 regierte. Im Jahr 1206 wurde es abgefaßt. 2 Es enthält 3600 manchmal gereimte Hexameter und ist in acht Bücher eingeteilt. Die Anfangsbuchstaben der acht Bücher ergeben das Akrostichon Albertus. Auch E ist aus A gearbeitet. Einzelne Stellen sind ziemlich genau wiedergegeben; in solchen Fällen ist die Überlieferung treuer bewahrt als in C und D. Odos Ernestus ist ein Denkmal der klassizierenden Dichtung des MA.s. Die deutsche Sage ist in ein antikes Gewand gehüllt. Ernst „steckt ganz in klassischer Maske, er gemahnt uns stets an den pius Aeneas, wie sein Rivale Heinrich an Turnus", 3 des Kaisers erhabener Gang wird dem Jupiters verglichen und Adelheid ist schön wie Diana, die Schiffahrt der Kreuzfahrer erinnert an den Argonautenzug, Ernsts Aufenthalt bei den Arimaspen ähnelt dem des Odysseus bei den Phäaken; antike Götter, Jupiter und Mars, Juno und Diana, Aphrodite und Pallas, Heroen, Dryaden und Oreaden verstärken das antike Bild. Aber darin eben besteht die Eigenart dieser mittelalterlichen Renaissance, daß sie nur aufgetragener Zierat ist. Die Antike ist nur Stilisierungsmittel, Wissens,- nicht Wesenselement. Der sich klassisch gebärdende Ernestus ist doch im Grunde der christliche Ritter, und es verleugnet sich nicht der religiöse Standpunkt des geistlichen Dichters. Die Form ist antik, die Weltanschauung mittelalterlich. Bei der Antikisierung des Stoffes hat sich Odo an klassische Vorbilder gehalten, an Virgil, Ovid, Lucan, am meisten aber hat er die mittelalterl. Alexandreis des Gualterus de Castillione benutzt. 4 Er bessaß eingehende Kenntnis dieser Schriftsteller und entlehnte ihnen nicht nur einzelne Zitate, sondern er hat sich so in ihren Geist eingelebt, daß ihm zur Stilisierung seines Stoffes Szenen aus ihren Werken vorschwebten. berg oder Bamberg gewesen [Bartsch S.LVII; Ahlgrimm S. 31—33], findet an den Reimen keine Stütze). Ueb. den Gothaer H. Ernst u. Ulrichs v. Eschenbach Alexandreis s. Steinmeyer, Anz. 15, 220 f.; bes.ZwiERZiNA,ZfdA. 44, 289 f. u. Reg. S.348. 45, 343, u. Almanach d. Ak. d. Wissensch. in Wien 1922, SA. S.7; Bernt, Heinr. v. Freiberg S.80. 1 v. D. Hagen S.VIII— XVI ; J. Grimm, Neuer lit. Anz. 1807, 560 u. Kl. Sehr. 7, 583; Haupt S. 265ff.; Bartsch S. LXV—LXXII u. Anm. S. 126—86; Jänicke S. 153; Fuckel aaO. 2 Zarncke, ßeitr. 2, 576—80. s FUCKELS.9L 4 Toischer, ZfdA. 24, 96. 54 Die erzählende Dichtung ei die lateinische Prosa ist in drei Handschriften überliefert: A Straßburg, Stadtbibl., Perg., Ende 14. Jh.s, 1870 verbrannt. — a München, Cod. lat. Mon. 850, Pap., von Hartmann Schedel 1471 zu Nördlingen geschrieben. — b München, Cod. germ. Mon. 572, 2. Hälfte 15. Jh., stammt aus Augsburg. — A und b stehen einander näher und geben eine bessere Überlieferung als a. Der geistliche Verfasser von C nennt sich nicht. Als Abfassungszeit kann nur im allgemeinen die zweite Hälfte des 13. Jh.s angesetzt werden. C geht ebenfalls auf A zurück, wie einige Übereinstimmungen mit den Bruchstücken von A erweisen. Es finden sich in der Übersetzung außerdem lateinische Worte und Wendungen, die deutsches Gepräge tragen und die deutsche Vorlage durchblicken lassen. Der Inhalt von A ist frei wiedergegeben, bei manchen Einschaltungen doch auf kürzeren Raum zusammengezogen. Besonders Kampfschilderungen und höfisch-ritterliche Szenen sind verkleinert oder ausgelassen. Auch C trägt, wie E, ein floriertes Prunkgewand, es ist „ein rhetorisches Prachtstück", schwülstig und in geschraubter Sprache, geziert mit Tropen und Figuren. a Aber das sind hier nur stilisierende Kunstmittel, während E die ganze mittelalterl. Szenerie in die Antike umsetzt. Zum Schmuck sind Verse eingestreut, Hexameter, aus klassischen Schriftstellern entlehnt, andere, gereimte, vom Verfasser selbst aus eigener Erfindung hinzugedichtet. Oft wird der Reim als Zierde verwendet, zumal am Schluß von Absätzen (sog. Reimprosa). Auch aufgehäufte Gelehrsamkeit trägt zur Ausstattung des Stiles bei; lange, ohne weiteres aus Isidors Etymologien B. XVIII u. XIX ausgeschriebene Zitatenreihen dienen zur Schilderung der Schiffsausrüstung und der Bewaffnung der ausziehenden Kreuzfahrer (209, 31—210,4.211,10—212, 22). Durch besondere Kunst sind zwei Gebete aus der Umgebung herausgehoben: in antike Versmaße, die zum Schluß in gereimte Prosa übergehen, ist die flehentliche Bitte der Kaiserin zu Jesus Christus, dem Helfer in der Not, gekleidet (200, 35—201, 5), in Reimprosa das Preis- und Bittgebet des in Todesgefahr schwebenden Herzogs (222, 14—32). Der religiöse Gehalt überhaupt hat Verstärkung erfahren durch eingestreute Gebete, biblische Vergleiche, besonders aber durch den frommen Ausgang, wo die Mirakel der heiligen Adelheid aufgezählt werden. 3 Erwähnt wird die lateinische Prosafassung C mit kurzer Inhaltsangabe von Andreas, Priester zu S. Magnus bei Regensburg, in seinem 1425 geschriebenen Chronicon de ducibus Bavariae. In kurzen, treffenden Worten ist daselbst der Stil von C beschrieben: historia latine conscripta, splendore rhetoricae eloquentiae quam plurimum diffusa.* 1 Abgedr. von Haupt S. 193—252, dazu S. 265—90; Bartsch S. XXXVI— L1V u. Anm. S. 126-86; Fuckel S. 35—84; Sonneborn S. 26—33. s Haupt S.288; Sonneborn S. 27 ff. 8 Eine Gesch. d. hl. Adelheid hat der Abt Odilo von Clugny verfaßt; Epitaphium Adal- heidis, hgb. in denMon.Qerm. SS.l V, 633—45, übersetzt: Geschichtschr. d. dt.Vorz., X. Jh., Bd.8,2. Aufl. von W. Wattenbach, Bd.35,1891. * HauptS. 266 f. § 11. Herzog Ernst 55 In einer dritten Gruppe lassen sich die spätmittelhochdeutschen volkstümlichen Bearbeitungen der Ernstsage zusammenfassen. Fi Der deutsche Prosaroman ist eine Übertragung der lateinischen Prosa C. Er ist handschriftlich überliefert als Übersetzung des vorangegangenen lateinischen Textes C in der Münchener, aus Augsburg stammenden Hs. Cgm. 572. Aus dieser Hs. rührt der älteste Druck her, von dem dann wieder die folgenden Ausgaben abgedruckt wurden. 2 Der Verfasser nennt sich nicht. Aus seiner Kenntnis der Bibel und der kirchlichen Literatur geht hervor, daß er ein Geistlicher war. Dialekt und Herkunft der Hs. weisen auf Augsburg. Dort ist die Übersetzung wohl am Anfang des 15. Jh.s verfertigt worden. Es ist eine ziemlich genaue Übertragung des lateinischen Originals, die schwülstige Sprache ist beibehalten, auch der Vers- und Reimschmuck ist nachgebildet. Die Reimprosa, " auch die lateinischen Verse, hat der Übersetzer allerdings oft nicht erkannt, auch die klassischen Zitate hat er nicht mehr recht verstanden. Wie viele der deutschen Prosaromane, so machte auch die History ains edeln fürsten Herzog Ernsts von Bairn und von Österreich 3 eine absteigende Entwicklung durch: aus einer Lektüre der höheren Gesellschaft wurde sie zum eigentlichen Volksbuch für die einfachen Leute, die Handwerkerund Bauern. Der Umfang wurde um ein Drittel gekürzt, der Ton nahm niedrigere, derbere, prosaischere Formen an, die ritterlich-höfischen Schilderungen von Kämpfen und Festen, die klassischen und gelehrten Beigaben fielen weg. Mit dem Übergang vom Prosaroman zum Volksbuch ging auch eine Verschlechterung der Ausstattung Hand in Hand: der alte, solide Foliodruck wurde verbilligt zu einem unscheinbaren Oktavheftchen. Die Umwandlung zum Volksbuch geschah in der Mitte des 16. Jh.s,* und noch am Anfang des 19. Jh.s wurden Neuauflagen veranstaltet. Nachdem die Romantiker (Tieck, Görres) die Volksbücher wieder für die Literatur entdeckt hatten, wurde auch der Herzog Ernst in die neueren Volksbüchersammlungen (Schwab, Marbach, Simrock) aufgenommen. Die schönste Frucht der Zuwendung der Romantik zum Volksbuch vom Herzog Ernst ist Uhlands Trauerspiel Ernst, Herzog von Schwaben(1817), in dem dieser wundersam sinnige Kündiger deutschen Gemütslebens den tiefsten Inhalt der alten Volkspoesie geoffenbart hat, die Treue: „Rühren wird es spät noch jedes Herz, wenn man die Kunde singet oder sagt vom Herzog Ernst und Werner, seinem Freund, von ihrer Treue, die der Tod bewährt." 1 v.d.Hagen S. XVI ff.; Bartsch S.LXXII —LXXVIII, abgedr. S. 227—305, dazu Anm. S. 306-08; Sonneborn S. 34-51. 2 Drucke sind verzeichnet bei Bartsch u. in Goedekes Grundr. I 2 , 341 f. 3 ErneuteAusg.: Insel-BüchereiNr.71,o.J.— Straßburger Holzschnitte zu Dietr. v. Bern usw. = Drucke u. Holzschnitte d. 16. Jh.s, Bd. 15, Straßburg 1922. 4 Der älteste erhaltene Druck, Basel 1610, s. H. Stickelberger, ZfdA. 46, 101 ff. 56 Die erzählende Dichtung Das Bänkelsängerlied ist in zwei Fassungen überliefert: a Das längere Lied von 89 Strophen, b das kürzere Lied, eine verkleinerte Bearbeitung von 55 Strophen, 2 im sog. Dresdener Heldenbuch, dem Heldenbuch des Kasper von der Ron (1472). 3 Die Strophe, Herzog Ernsts Ton oder Bernerweise genannt/ weil sie in einigen Gedichten aus dem Sagenkreise von Dietrich von Bern vorkommt, besteht aus 13 Zeilen in der Reihenfolge aab ccb, de de, f Waise f. Die Reime sind im Ganzen rein, die Sprache und die Behandlung des Versbaus weisen auf eine den erhaltenen Quellen weiter vorausliegender Zeit, etwa auf den Anfang des 14. (das Volksbuch, G, geht nicht von einer schriftlichen Quelle, sondern von der im Volksmund verbreiteten Sage aus). A I X Vom Fortleben 2 der Ernstsage zeugen die betreffenden auf sie gerichteten Anspielungen in der mhd. Literatur. Daß das Gedicht an den Höfen des bairischen Adels begehrt war, geht aus dem Briefe des Grafen von Andechs hervor. Gleichsam eine dichterische Illustration zu dieser geschäftlichen Notiz ist die Erzählung des alten Bauern Helmbrecht von den schönen und altehrbaren Festlichkeiten, die er in seiner Jugend als Knechtlein an dem benachbarten Hofe mitangesehen, von Turnieren und Tänzen, von Frauen und von Ritterschaft in süßer Augenweide, und dazwischen gie dar einer unde las von einem; der hiez Ernest (Meier Helmbrecht [um 1260] ed. Panzer 956 f.). 3 Mehrere Stellen hat der Dichter der Klage, überhaupt ein Ausschreiber, aus dem Ernst entlehnt, sie betreffen die Verbannung (B 46 f. 50. 923. 5737), das Schreien der Kraniche (B 2819 ff.), das unglückliche Ende der Königstochter von India (B 3581—7) und am auffallendsten die Quellenerdichtung am Schluß, B 6003 ff. (bzw. schon 5974 ff.). Meistens beziehen sich die Anspielungen auf die Reiseabenteuer Ernsts. Als großen Wundertäter zitiert ihn neben Alexander Reinmar v. Zweter in einem symbolisierenden Spruche.* Für Heinrich v. Krolewitz ist der auf dem Lebermeer verirrte Herzog ein Bild der in den Sünden verfangenen Menschheit, und dem Waisen, der in des Reiches Krone steht, vergleicht er die Gottesmutter, die ebenso in der Krone Gottes stehen soll (H. v. Krole- 1 Fuckel S. 35 ff. (84). 2 Haupt S.261-63; Bartsch S.CXXXIXff. Die Edelsteine in den Flüssen am Kaukasus in Wolframs Willehalm377,ll—19sind vielleicht e. Erinnerung an H. Ernst, s. Singer, Wolframs Willehalm S. 111. 3 Lachmann, Singen u. Sagen, Kl. Sehr. S.471f. * Roethe, Reinmar Nr. 162 S.492 u. Anm. S. 610. 58 Die erzählende Dichtung witz' Vaterunser [1252] 1334—54). Ulrich v. Eschenbach redet in seinem Alexander von den merkwürdigen Hundskopfleuten und verweist dabei auf Herzog Ernsts Buch, unter dessen Wundergeschöpfen sich allerdings gerade die — sonst in der mittelalterl. Ethnographie wohlbekannten — Kynokephalen nicht befinden (Alexander ed. Toischer 25091 ff.). 1 Mehrfach kurz zitiert wird Ernst im 15. Jh.: von'Meister Altswert im Schleiertüchlein, von Hermann v. Sachsenheim in der Möhrin (zweimal), von Püterich v. Reicherzhausen im Ehrenbrief, von Ulrich Füetrer im Lanzelet. 2 Die Wirkung der Ernstdichtung reichte über Deutschland hinaus. Der berühmte altfranzösische Roman Huon de Bordeaux erhielt in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s eine Erweiterung in der Chanson d'Esclarmonde unter starkem Einfluß der deutschen Ernstsage. 3 § 12. Graf Rudolf Ausg.: W. Grimm, Göttingen 1828 (nur Bruchst. A—K), 2. Ausg. 1844 (alle Bruchst.); C.V. Kraus, Übungsb. 1 S. 54—71. 242—44 (Abdruck mit krit. Apparat), Literatur bis 1912 ebda. — Scherer, QF. 12, 128—37; Johannes Bethmann, Untersuchungen üb. d. mhd. Dichtung vom Gr. R., Pal. 30 (1904), dazu Helm, Lbl. 1908, 148 f., Priebsch, Mod. Lang. Rev. IV, 123—30, Revue germ. 1, 353 f.; Dollmayr, Arch. 116, 135—37; Cbl. 1906, 143f., Frantzen, Mus. 12, 333ff.; Leo Kramp, Stud. z. mhd. Dichtung vom Gr. R., Bonn 1916, dazu Cbl. 68, 655, Lit. Echo 19, 1087f., Götze, Lbl. 1920, 86 f.; Leitzmann, Beitr. 41, 374-78 (Textkrit.); Schneider, Merkers Reallex.2. 135. Hs.: Fragmente einer Perg.hs., zus. ca. 1400 V.: Göttinger Un.bibl., 10 Bl. (A—K) u. Braunschweig, Minist.bibl., 4 Bl.(a—<5); von zwei Schreibern um 1200 in thüring. Dialekt geschrieben. 4 Der Verfasser, dessen Name in den Bruchstücken nicht genannt ist, war Thüringer, 5 wohl nicht geistlichen Standes, 6 und dichtete um 1170—73. mann S. 30—33.48 f.); es sind zweierlei Fälle zu unterscheiden; die thüring. (u. ostfrk.) Infinitive ohne n sind literar. unanstößige Formen und gelten als reine Reime, während die andern Reime von Flex. -en : e Assonanzen sind (überschüssige n). Ein Reim z. B. löne (Inf.): schöne (adv.) ist literar.korrekt u.rein, während z. B. stunden (D.P1.): munde, wären: zewäre, mite: geriten Assonanzen sind. Auch die Schreiber unserer Fragm. machen e. Unterschied, indem sie die Infinitive im Reime auf: e ohne n {löne: schöne) schreiben (während sie sonst die Infinitive mit -en belassen), bei andern en-Suffixen aber das n nie tilgen, hier also Assonanzen bestehen lassen. Dieses Verhältnis bestand jedenfalls schon in der Ori- ginalhs., denn es ist sehr unwahrscheinl., daß ein Schreiber, wenn jene Vorlage auch in jenen Inf. die Endung -en gehabt hätte, um reine Reime herzustellen gerade nur in den Inf. das n getilgt haben sollte, nicht auch einmal in andern «n-Endungen. — Der Reim sprach: mach = mag und die ch der Hs. für ausl. g sind nicht beweiskräftig für hess. Herkunft (zu Herborts v. Fritzlar entsprechenden Reimgebrauch s. Walth. Brachmann, Hall. Diss. 1907, S. 32—34). 6 W.Grimm S.46f.; Bethmann S. 156. 1 Vgl. Steinmeyer, Anz. 15, 220—22. 3 Siehe ferner bei Bartsch S. CXLIII. 3 J. Grimm, Kl. Sehr. 4,39 ff.; Haupt S.298 f.; Bartsch S. CXLIII f.; Voretzsch, Epische Studien I; Otto Engelhardt, Huon de Bordeaux u. Herz. Ernst, Tübing. Diss. 1903, dazu Leo Jordan, Archiv 112 (1904), 457—60 u. 328—43; Sonneborn S. 1—3; anders Singer, Ueb. Wolframs Stil S. 124. — Ueber Zusammenhang der Ernstsage mit derBoevesage s. Deutschbein, Stud. z. Sagengesch. Englands I, 197 ff. 254. 4 Die von W. Grimm angesetzte Reihenfolge der Blätter ist von Singer, ZfdA.30,379—89 u. von Holz, Beitr. 18, 562—69 (hier auch die mutmaßl. Beschaffenheit der Hs.) berichtigt worden. 6 Sprache: W. Grimm, 2. Ausg. S.4—12 (nd. Formen), vgl. auch Kl. Sehr. 3, 215. 249; Lachmann bei W.Grimm S.14: „ein obd.Dichter", desgl. Haupt, MF. 137, 9; Bartsch, Berthold v.Holle S. XXXIV ff. (thüring., s. auch Schröder, Münch. SB. 1924, 3. Abh. S.5f., doch s. auch Schröder bei Roethe, Reimvorreden S.37 Anm.4); ZfdA. 63,176; Bethmann S.6— 37.102 hält d. Dichter für e. Niederhessen (dagegen HELMaaO.); s. auch Kraus, Dt.Ged. d. 12. Jh.s S. 148. Für thüring. Heimat des Ged. spricht die Behandlung der n im Reime (Beth- § 12. Graf Rudolf 59 D b 36 wird erwähnt, daß der Inhaber des Reichsschenkenamts die Königskrone trage; ein König als Schenk war in der in Frage kommenden Zeit Wladislaw II. von Böhmen, der 1173 starb. 1 Auch Reimtechnik und Stil passen für diese Jahre. Inhalt: Der Held, ein junger flandrischer Ritter, Graf Rudolf vonArras, zieht, von dem päpstlichen Aufruf zur Befreiung des heil. Grabes begeistert (Fragm. ß a), nach Palästina und besiegt als Heerführer des christlichen Königs Gilot die Heiden, die Ascalon eingenommen hatten (B—AC). Aber er entzweit sich mit dem König von Jerusalem (der Grund ist in den Bruchstücken nicht enthalten), tritt in die Dienste des Heidenkönigs Halap (= Sultan von Halapia, Aleppo) und kämpft nun gegen seine Glaubensgenossen.'Aufs neue wendet sich sein Geschick. Die Minne erfaßt den christlichen Ritter und die heidnische Königstochter (E—F). Wieder ist der Faden der Erzählung durch eine Lücke in der Überlieferung unterbrochen — die Liebenden scheinen aus dem Heidenlande geflohen zu sein. Wir treffen die Prinzessin am Hofe des Königs von Konstantinopel (G. G b ). Sie ist Christin geworden (Irmengard) und hat die Werbung des Königs zurückgewiesen. Rudolf entkommt schwer verwundet aus einem Kerker und gelangt unter vielen Mühsalen zu seiner Geliebten nach Konstantinopel (G b —J b ). Von dort entfernen sie sich heimlich [um in Rudolfs Heimat zu ziehen]. Unterwegs neue Abenteuer. Sie werden von Räubern überfallen. Im Kampfe wird sein Reisegefährte, sein Verwandter, der treue Bonifait, getötet. Hier bricht das letzte Fragment ab (K. K b ). Quelle 2 für die zweite Hälfte der Bruchstücke (E u. ff.), also abgesehen von fast allem, was zu dem Kreuzzug und den Vorgängen in Palästina gehört, ist die in mehreren Fassungen erhaltene afrz. (anglofrz.) Chanson de geste (Volksepos) von Boeve de Hanstone. Von der Liebesgeschichte (E) an entspricht der Verlauf in allgemeinen Umrissen dem des französischen Gedichtes, stellenweise sind auch augenfällige Einzelzüge entlehnt, so ein Pferdediebstahl, Details aus der Flucht Rudolfs und der beiden Liebenden, auch Namen (Beatrise, Dienerin der Königstochter, = Pietris im Boeve; Bonifait = Bonnefoy; Irmengard = Ermenjart). Aber der deutsche Dichter hat sich doch große Selbständigkeit gewahrt, vor allem hat er einen ganz andern Eingang geschaffen, indem er die abenteuerliche Jugend Boeves durch die Kreuzzugsszenen ersetzte. Das beruht auf einer andern Auffassung des Lebens: der französische Roman schwelgt in der Lust am Fabulieren, der deutsche Umdichter formt die Stoffmasse zu höherer Gestalt, zu einem Zeitgemälde. Er hat dem Phantasiegebilde des Abenteuerromans das historische Gepräge einer Kreuzzugsepisode verliehen, dieses 1 W. Grimm S. 43 f.; v. Sybel, Zf d A. 2,235 ff.; Steinmeyer, MSD. II 3 S.XL; Paul, Beitr. 3, 393; BethmannS. 111—13; Helm aaO. 2 Heinzel, Anz. 11, 129 f.; Singer aaO.; Bethmann S. 85—102; Grübers Grundr. S. 512 f.; Voretzsch l S. 438 f.; Deutschbein, Studien S. 191 ff. 263, auch 32. 34. 45—47. 126 f. 168; Alb.Stimming, Derfestländ.Bueve de H., Bd.2, 1920. — Man hat das Urbild des Gr. Rud. in dem franz. Grafen Hugo v. Puiset finden wollen, der etwa 1127 nach Palästina kam, dort sich aber mit dem König Fulco v.Anjou überwarf, zu den Sarazenen in Ascalon (das erst 1152 nach mehrjähriger Belagerung von den Christen eingenommen wurde) überging und mit Erfolg gegen das Reich von Jerusalem kämpfte, sich aber dann wieder mit Fulco verglich und ins Abendland, nach Apu- lien zurückkehrte (v. Sybel aaO.; W.Grimm 2 S. 40 ff.; Bethmann S. 102—111). Solche Schicksale mögen, in der Erinnerung bzw. schriftlich fortlebend, dem Kern der Kreuzzugsgeschichte im Gr. Rud. zugrunde liegen; ob gerade diese vom Grafen von Puiset erzählten, ist fraglich. 60 Die erzählende Dichtung allerdings vielleicht ebenfalls in Anlehnung an fremde, lateinische oder französische, Quellen. Aus Geschichte und Erfindung ist ein historischer Gegenwartsroman zusammengestellt, die Ideen der Zeit verdichten sich in einem Einzelschicksal. Die mächtigste Bewegung des Mittelalters, die Kreuzzugsbegeisterung, gibt den Anstoß, aber den Schluß macht eine Liebesgeschichte mit Reiseabenteuern. Vom Weltgeschick zur privaten Angelegenheit, vom Glaubenskampf zum Minnesehnen, vom Gottesstaat zum Erdenverlangen geht die Entwicklung. Danach teilt sich der Stoff in historische und fabulöse Szenen, in Kreuzzugsereignisse und Liebesleben. Das charakteristische Motiv des ersten Teiles ist die Empörersage, der selbstherrische Vasall, der sich gegen den Herrn auflehnt, Rudolf gegen den König von Jerusalem wie Ernst gegen den Kaiser Otte. 1 Den Inhalt des romanisch- fabulösen zweiten Teils bildet eine Entführungsgeschichte, also das übliche Spielmannsthema (Bd. II, 1, 287), aber in einer bestimmten Abart, nämlich mit Trennung und Wiedervereinigung der Liebenden, dem Leitmotiv des byzantinischen Romans (s. unten Floyris). 2 Unter den Enlführungsgeschichten steht am nächsten der Orendel (Bd. II, 1,337 ff.), gleichfalls ein historisches Bild der Glaubenskämpfe im Königreich Jerusalem. Die Füllung des Stoffes bilden die historischen und die höfischen Bestandteile: weit ausgeführt sind Kampf (F b ) und Belagerung (<5), Fest, Beratungen und die Liebesszenen. Detaillierende Nebenzüge: 3 Die Mutter rüstet dem ausziehenden Sohne die Gewänder (a b ), wie Siglind dem Sigfrid (Nibel. Str. 64 ff. Lachm.; vgl. Baesecke, Münch. Oswald S. 270); der Roßdiebstahl (B, s. auch A b ); die Kriegslisten (CO. F), vgl. Kaiserchron. 14933 ff., Alex. 2950f.; die Herrlichkeit des Kaisers (D b ), = Rol. (Bartsch) 625 ff. 1788 ff. (vgl. W. Grimm S.45 ff.); Fürstenlehre (y b ); Pilger auf der Landstraße (H), wie im Salman (Bd. II, 1,319); Ruhe auf der Flucht (K. K b ), = Waltharius 1150 ff.; Heldentod eines jungen Freundes und Klage (K b ), = Vivians in Wolframs Willehalm 25,1 ff. 60, 21 ff. Indem der deutsche Dichter die Ereignisse auf den Boden der Geschichte stellte, hat er dem Stoff nicht nur einen tieferen Gehalt verliehen, sondern auch eine bestimmtere innere Form. Mit der Historisierung des Inhalts hängt zusammen eine schärfere Ausprägung in der Auffassungs- und Darstellungsweise der Dinge. Der Stil des Gedichtes ist realistisch, klar und deutlich ist die Zeichnung. In fest umrissenen Formen bewegt sich, leicht mit Reden, auch lebhaftem Dialog abwechselnd,* die Handlung, lebendig und doch ruhig, ohne Weitschweifigkeit vorwärts schreitend, wobei jene Einzelzüge eben die Fülle des Lebens erhöhen. Schilderungen und Reden 1 In der afr. Heldenepik ist der mit dem zantin. Zwischenstufe: Deutschbein S.194ff. Königtum in Fehde liegende Feudalherr eine bekannte Figur, s. unt. Wolframs Willehalm. 2 HEiNZEL.Anz.il, 129; Burdach, 44. Phil.- vers. zu Dresden 1897, S. 28—31. — Beziehungen des Boeve zur persischen Sage: Sette- gast, Qalloroman. Epik S. 282 ff. 338 ff.; by- 197 ff. 208f. 254f.; Bezieh, zur Ernstsage s. oben. a W. Grimm S. 46. * Schwarzkopff, Rede u.Redescenen S.43. 53. § 12. Graf Rudolf 61 sind maßvoll begrenzt und gehen bald wieder in Handlung über. Durch wenige Striche werden die Personen individualisiert: beim Empfang der Gesandten von Jerusalem ruft der Papst nur die kurzen Worte des lateinischen Bußpsalms aus ,pater de celis, miserere nobis' (ß). Die Frömmigkeit Rudolfs wird nicht etwa in einer geistlichen Auseinandersetzung beschrieben, sondern drückt sich sinnfällig aus durch Tränen und in einem heißen Bittgebet zu Gott und der Jungfrau (a). Abwechslungsreich mit spannenden Momenten verläuft die Belagerung von Ascalon 3—O). Den zu Tode mißhandelten Rudolf sehen wir, wie er unter schwersten Mühsalen aus dem Kerker entflohen 4urch den Wald kriecht, wie er mit seiner zarten weißen Hand den Tau vom Grase schöpft, um den brennenden Durst zu stillen, wie er, der vornehme Herr, das Stück Brot von der Straße aufliest, das der Knecht eines Abtes weggeworfen hatte, weil es ihm zu schlecht war. Die'Personen 1 scheiden sich zufolge der historischen Lage in Christen und Heiden. Doch ist mit dieser Trennung als Spieler und Gegenspieler nicht zugleich auch ein sittlicher Abstand, ein Gegensalz von Gut und Böse, verbunden. Ritterehre verpflichtet beide Teile in gleicher Weise und aus der chevaleresken Standesanschauung erwächst gegenseitige Achtung. Eine humane Gesittung der Toleranz 2 waltet gegen die Heiden. Ihr König Halap ist sympathischer gezeichnet als der christliche König Gilot. Großmütig verweigert er die Auslieferung des zu ihm geflohenen Rudolf: würde er ihn gebunden wie einen Hund zurücksenden, so wäre er selbst wert, mit Schimpf und Schande an einen Baum gehangen zu werden. Der geistliche Dichter des Rolandslieds betrachtet noch die Heiden von seinem kirchlichen Standpunkt aus als Glaubensfeinde und darum als eine moralisch niederere Klasse, die zu vertilgen ist, aber im Laufe des 12. Jh.s hatte sich eben durch die Kreuzzüge ein internationales Rittertum gebildet, das die Gegner nach seinem Ideale, der Ehre, einschätzte (s. Wolframs Willehalm). In der Wendung allerdings, die der deutsche Dichter dem Abenteuerroman durch Anknüpfung an die Kreuzzüge gegeben hat, liegt der unüberbrückbare Gegensatz zweier Welten, das Ringen des Gottesstaates mit dem Weltstaat. Eine hohe Zweckidee ist hier ausgesprochen: die Förderung der historischen Menschheitsentwicklung zum Ideal des Gottesreiches, und der Held tritt selbst aktiv in die Weltgeschichte ein. Aber der deutsche Umdichter hat, durch die Überlieferung gebunden, diese Kreuzzugsidee verlassen und die weiteren Handlungen Rudolfs wurden durch Einschwenken in die Empörersage zu einer Liebesgeschichte, einer persönlichen Sache. Eine ideale Aufgabe war ihm gestellt, aber er führt sie durch Haften an seiner Quelle, also aus einem technischen Zwang, nicht zu Ende. Es kommt damit zu einem Riß in der inneren Entwicklung des Helden. Die tiefe Tragik, die 1 Ethischer Gehalt: W. Grimm S. 51 ff.; Scherer aaO. — Fürstenerziehung: Petersen, Joh. Rothe S. 147. J Naumann, Festschr. Ehrismann S. 89; Schneider, Merk. Reallex. 2, 140. 62 Die erzählende Dichtung in der Verkettung der Umstände liegt, ist nicht ausgenutzt: ein junger Ritter zieht mit voller Begeisterung aus zum Kampf für den Glauben, er wird von diesem seinem sittlichen Ziel abgedrängt und kämpft gegen seine eigenen Glaubensgenossen. Der tragische Zwiespalt, der in dem Konflikt mit der Überzeugung liegt und nach unserm Empfinden das ethische Zentrum sein sollte, wirkt nicht mit; eine Rechtfertigung im mittelalterl. Sinn mag darin bestehen, daß der Ritter seine Geliebte für das Christentum gewinnt. Der Übergang zu den Heiden freilich — und damit wird der Riß gemildert — ist eine rein äußerlich politische Handlung und nicht ein Abfall vom Glauben, das Königtum Jerusalem und das Sarazenenreich standen sich am Ende des 12. Jh.s in erster Linie als politische Mächte gegenüber. Es ist nur ein Wechsel im Herrendienst. Aber auch wenn die erhabene Tragik eines sittlichen Seelenkampfes dem Dichter nicht vorschwebte, er läßt seine Menschen ein leidvolles Geschickdurch- kosten. Mit der Liebe beginnen die Leiden, das Weh der Trennung, die Not des Kerkers, die jammervolle Erniedrigung des Flüchtlings, der Tod des Freundes. In dem Helden ist ein ritterliches Lebensideal gezeichnet, der Typus des höfischen Ritters in frühhöfischer Zeit: er war ein Spiegel aller Tugenden (D b 6), er war zv rechte houisch (D b 10).; ihn erfüllt ein hohes Streben, dessen Inbegriff die Ehre ist (nach eren werben F b 8), getragen von sittlichen Mächten, dem Mannesmut und der Minne, der Frömmigkeit und der Treue, gekleidet in schöne, maßvolle Formen. Den Mann ziert Tüchtigkeit, die Frau reine Weiblichkeit (J b 17). Feine Sitte regelt das gesellschaftliche Leben und errichtet eine Scheidewand zwischen den Gebildeten und den Bäuerischen, zwischen der edelicheit und der dorpericheit (A2). Der Verkehr wird verschönert durch die Frauen; heimliche Minneblicke werfen sie auf den fremden Ritter, der stolz und in edlem Anstand in den Königssal tritt (D b 1 ff.). Frauenliebe ist der köstlichste Besitz, die Minne.aber ist ein Zwang, eine heiße Not (E), und doch nähmen sie das große Königreich nicht dafür als Entgelt (J b 16, vgl. MF 4, 17 ff. 5, 23 ff.). Naiv ist das Verhältnis der Liebenden und hat noch nicht die konventionelle Form des Minnedienstes. — Die Treue ist auch hier ein höchster Lebenswert, die Treue zur Gattin, zum Gefährten, aber das Treuverhältnis zwischen dem Herrn und dem Vasallen ist verletzt (der tragische Wendepunkt), so daß Rudolf von seinem ehemaligen König der unträwe beschuldigt wird (E b 16). Daß in einem Kreuzzugsgedichte viele religiöse Beziehungen vorkommen, ist im Stoff begründet. Über die bloß werktätige Rechtgläubigkeit des Almosengebens und des Bußgelöbnisses (G b 5—15. 23 f.) erhebt sich ein inneres Frommsein in des jungen Rudolfs religiöser Begeisterung für den Kreuzzug (a) und in der christlichen Nächstenliebe des barmherzigen Pilgers (H b ). x 1 Mit der missetät Rudolfs (G b 24) ist nicht gemein menschliche Sündenschuld; ebenso etwa die spezielle Schuld seines Uebergangs ist die svnde Irmengards (G b 13) zu beurteilen, zu den Heiden gemeint, sondern seine all- § 12. Graf Rudolf 63 Der Dichter verfolgt ausgesprochen erzieherische Tendenzen. Er will die neuen höfischen Lebensformen lehren. Der christliche König fragt den aus dem Abendlande zugereisten Helden nach den Sitten am Hofe des Kaisers, dem er sich selbstbewußt glaubt gleichstellen zu können, und muß zu seiner Beschämung seine Rückständigkeit erfahren (D b y). Er übergibt Rudolf einen vornehmen Knaben, daß er ihn zu einem höfischen Manne machen und zuckt von slme lande leren solle, dabei wird dann ein ritterlicher Erziehungsplan entwickelt (y b ): ungeschlachtes Benehmen soll dem Ritter leid sein, rechtes Maß soll er halten im Geben und Versagen (milde), Zuverlässigkeit und Leutseligkeit (trüwe vnde ötmäticheit) bringt Macht und Glück, Waffenkunst und Tapferkeit führt zu Ehren, er soll verständig sein in allen Dingen und soll gern gute Lehre von Männern hören, er soll die Gesellschaft der Frauen suchen und wohlgezogen sich vor ihnen benehmen. 1 Der inneren Kultur entspricht die äußere. Sorgfalt wird verwendet auf eine schöne Ausgestaltung der Umgebung und der Gegenstände. Es wird Glanz entfaltet, um ere zu ernten. Ein Frauengemach wird beschrieben, belegt mit kostbaren Teppichen, darin ein prachtvolles Ruhebett, geziert mit leuchtenden Edelsteinen (a b ); eine Festveranstaltung (y), ein Festmahl (A), ein wertvolles Reitzeug (A. h ); das Blumenbett im Walde 2 (K17—K b 2). Der sprachliche Ausdruck 3 ist noch der der älteren Epik und ist noch nicht zur freien Entfaltung der Blütezeit gelangt, stark formelhaft im Auftreten der Epitheta und Paarglieder. Im Satzbau herrscht Parataxe, jedoch nicht unbedingt, und es sind Ansätze zu verwickelterem Periodenbau gemacht. Die Ausdrucksweise ist einfach, besondere Schmuckmittel sind nicht angewendet, doch heben Bilder und Vergleiche die poetische Wirkung. Eine besondere Eigenart des Dichters ist es, persönlichen Anteil an den erzählten Vorgängen zu äußern oder ein moralisierendes Urteil abzugeben. — Übereinstimmungen 4 in einzelnen Versen finden sich mit dem Rolandslied, Straßburger Alexander, (Kaiserchronik), Eilharts Tristrant. Namen dreier Ritter kehren in Bertholds von Holle Crane wieder; vielleicht stammen sie aus einer gemeinsamen französischen Quelle. Das Gedicht nimmt auch eine Stellung in der mhd. Metrik ein: 5 es 1 Für die Geschichte des höfischen Bildungswesens ist diese Stelle lehrreich, denn man sieht, daß jene Sitte eine neue Errungenschaft war, die nur an auserlesenen Höfen, besonders in ihrem Ursprungsland Frankreich, Flandern, vollkommen gepflegt wurde. 2 Vgl. Walther v. d. Vogelw. 39, 11 ff. 3 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 244 ff.; Scherer, QF. 12, 133; Bethmann S. 113-51. Fremdwörter: s. die bei Eilh. angeführten Diss. 4 W. Grimm S. 45 f.; Lichtenstein, Eilh. S.CXXXIIIff. CLXVIIf.; STROBL,Anz.5,236f.; Bethmann S. 159 ff. Graf Rud. u. Veldeke: Behaghel, Eneide S. CXCVlIf.; Schröder, DLz. 1882, 571; Lichtenstein, Anz. 9, 28; Helm aaO.; van Dam S.71. Gr. Rud. u. Berthold v.Holle: W.Grimm S.47—51; Haupt, MF. 137,9; Bartsch, Berth.v. Holle S. XXXIlff.; Singer S. 389; Bethmann S. 169 f. — Das Bild, das dasRol.lied von Karl d. Gr. zeichnet, scheint dem Dichter des Gr. Rudolf vorgeschwebt zu haben bei der Schilderung des Kaisers von Röme, vgl. Rol. 630—708. 2241 ff. 2285 ff., bes. auch die Erkundigung Marsilies nach KarlsMachtu.GenelunsAntwort 2313—52. 6 W.Grimm S.12—14, zGdR. Reg. S.334; Amelung, ZfdPh. 3, 269 ff.; Steinmeyer, ZfdA. 21, 313 ff.; Heusler, Zur Gesch. der ad. Verskunst S. 71; Schröder, Zwei ad. Rittermasren 1 S.X; Bethmann S. 2 ff. 50—70; Saran S.265; Wesle, Frühmhd. Reimstudien pass.; de Boor, Frühmhd. Stud. pass. 64 Die erzählende Dichtung zeigt den „Übergangsstil" von der älteren Freiheit zu der neu geforderten Regelmäßigkeit. Überlange Verse oder zu kurze sind verschwunden; schwere Senkungsfüllungen sind selten, viele Verse lassen sich mit regelmäßigem Wechsel von Hebung und Senkung lesen. Die Reime sind zu 85°/o rein, die Assonanzen sind meistens leichterer Art. Während im Grafen Rudolf das Schicksal der führenden Person zwischen Kampf und Minne geteilt ist, sind der Floyris und der Tristrant ausgesprochene Liebesgeschichten. Von den zwei berühmtesten Liebespaaren des MA.s erzählen diese beiden ersten minnelichen Romane, von einem glücklichen, Flore und Blancheflur, und von einem unseligen, Tristan und Isolde. § 13. Der Trierer Floyris Ausg.: Steinmeyer, ZfdA. 21, 307—31, dazu Bartsch, Germ.26, 64 f. Die Literatur über die Sage von Flore und Blancheflur und die verschiedenen Fassungen s. unten bei Konrad Flecke; für den Floyris: Herzog, Germ. 29, 137 ff. (bes. S. 189—92); J. Reinhold, Floire et Blancheflor, Paris 1906, S. 16—20; Ernst, QF.118 (1912), S. 11; O. M. Johnston, Origin of the legend of Floire and Blancheflor, Leland Stanford Univers. 1911. Hs.: Bruchstücke der Trierer Stadtbibliothek von der gleichen Hs. wie der Trierer Silvester und Aegidius (Bd. II, 1, 152—55), Ende des 12. Jh.s. Erhalten sind ca. 368 Zeilen ganz oder teilweise, das vollständige Gedicht mochte etwa 3700 Verse umfaßt haben. Entstanden ist es am Niederrhein 1 um 1170. Der Dialekt der Hs. ist ndrh. mit Einmischung hd. Laute. Die Geschichte von Flore und Blancheflur, Blume und Weißblume, ist ein Liebesmärchen: zwei Kinder, die von erster Lebensregung an zusammengehören, in allen Trennungsnöten und Todesgefahren nicht voneinander lassen und durch Liebesleiden und Liebesfreuden zum Glückslohn dauernder Vereinigung gelangen. Romantische Liebesabenteuer wie die des kindlichen Paares waren nach dem Geschmack einer Zeit, in der sich von der Spielmannsweise der Hofton abhob. Heimliche Minne, vereitelte Entführung, Entdeckung, Verurteilung zum Tode, List und Personenverstellung: es sind beliebte Züge von der Spielmannsdichtung her, wie im König Rother und im Salman. Ganz dem Zeitinteresse entsprach auch der äußere Rahmen: der Schauplatz im Abendland und überm Meer im Orient, Feindschaft und friedlicher Verkehr zwischen Christen und Heiden, Liebe zwischen Heiden- und Christenkind (Flore — Blancheflur), zuletzt die Taufe des Helden. Die Quelle war ein, uns nicht überliefertes, afr. Gedicht, das, wie es scheint, ziemlich genau wiedergegeben ist. 2 Die Sage ist arabischen Ursprungs. 3 Die Erzählungsweise hat noch etwas altmodisch Einfaches, in klarer Sprache und kurzen Sätzen schreitet die Darstellung ohne Verweilen vorwärts, fast nur das Sachliche berücksichtigend, zurückhaltend mit seelischem 1 Nach Kalff, Geschiedenis d. nederl. Letterkunde 1 (1906), 34 in Limburg; Franck, DLZ. 1906, 2503: „limburgische Version". 2 Herzog, Reinhold aaO. Fremdwörter aus der franz. Vorlage: Steinmeyer S. 317; Bae- SECKE,DieWestmark(1920),367. Lateinisches: Grünewald, Die lat.Einschiebsel, Gott. Diss. 1908, S. 36. 3 Zur Sage s. Flecke, LG. II, 3. § 13. Der Trierer Floyris 65 Ausdruck (190—97. 266. 359—66). Das Empfindsame, das in dem Stoff liegt, kommt nicht recht zur Geltung. Gewiß verträgt diese Kinderminne kein hohes Pathos, aber die jugendliche Phantasie der beiden Liebesseligen hätte doch zuweilen stärkere Gefühlsworte auslösen sollen. Die Verse sind ziemlich gleichmäßig gebaut, Assonanzen gehören zum Reimsystem und haben nichts Auffallendes. 1 Der ndrh. Floyris scheint dem Minnesänger Ulrich v. Gutenburg (um 1190) bekannt gewesen zu sein, denn auf jenen wohl nimmt er Bezug in seinem großen Minneleich, in dem er den Floris sich zum Vorbild nimmt. 2 In der Blütezeit der mhd. Kunst stellte Konrad Flecke (um 1230) die Sage in höfischem Gewände dar, ohne Kenntnis des ndrh. Gedichtes. 3 Noch viel höher als der Ruhm Flores und Blancheflurs war der von Tristan und Isolde, noch viel stärker und nachhaltiger die Anziehungskraft, die diese unheilvolle Liebestragik auf die Gemüter ausübte, für das MA. als Lebensbild der ritterlichen Gesellschaft oder auch als ein Seelengemälde süßschmerzlicher Sehnsucht, für die Neuzeit als Symbol ewigen Urvergessens im All-Einen. Die Minne, die das ganze Sein erfüllende Leidenschaft, ist bei den Kindern Flore und Blancheflur im Grunde doch ein harmloses Märchenspiel, für Tristans und Isoldes aufgeblühte Sinnlichkeit aber ist sie eine Leid und Tod bringende Seelenkrankheit. Ein herrlich junges Menschenpaar wird innerlich zerstört durch einen unseligen Trieb, gegen den kein Widerstand ist. § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde Ausg.: Franz Lichtenstein, QF. 19 (1877), dazu Bartsch, Germ. 23,345—59.25,365—76. 27, 359-67. 28, 128, Lichtenstein, ZfdA. 26, 1—18 u. Anz. 8, 374, dazu Cbl. 1878, 26, R. v. Muth, ZföG. 30,364 ff., Strobl, Anz. 5,227—38, Pfaff, Lbl. 1881, 34; Kurt Wagner, Eilh. v. Oberg Tristrant, I, Die alten Bruchstücke, Rhein. Beitr. 5, 1924, dazu L. Wolff, DLZ. 1924, 2531—37. — Lit. s. in der Einleit. zu Lichtensteins Ausg.; Piper, Höf. Ep. 1, 13 ff.; Wilh. Röttiger, Der heutige Stand d. Tristanforsch., Progr. Hamb. 1897, dazu Suchier, DLZ. 1897, 1617 f., Golther, Lbl. 1898, 17—20, Muret, Rom. 27, 608 ff.; Jan van Dam, Zur Vorgeschichte d. höf. Epos S. XI f. — J. Grimm, Besprechung von Büschings u. v. d. Hagens Buch d. Liebe, Kl. Sehr. 6, 84ff.; v. D. Hagen, Minnesinger 4, 559—624; E. S. (Erich Schmidt), Die Anfänge des höf. Romans in Deutschi., Beil. z. Augsburger Allgem. Zeitg. 18. April 1878; Heinzel, Gottfr.s v. Straßb. Tr. u. seine Quelle, ZfdA. 14, 272—447; Wilmanns, Der Straßb. Alexander u. Eilharts Tristrant, ZfdA. 27, 294—98; Steinmeyer, Allgem. dt. Biographie 24, 91 ff.; Erich Gierach, Zur Sprache v. Eilh.s Tristrant, Prager dt. Stud. 4 (1908), dazu Martin, DLZ. 1909, 224, Schönbach, Allgem. LitBl. 18, 47—49, Wallner, ZföG. 60 (1909), 762—64, Vogt, GgA. 1912,241—51; Kurt Wagner, Die Eilhartfrage, ZfdMund. 1921, 124—43; Jan van Dam, Zur Vorgeschichte des höf. Epos, Lamprecht, Eilh., Veldeke, Bonn 1923 (s. unt. Veldeke). — E. Muret, Eilhart d'Oberg et sa source francaise, Rom. 16, 288—363, dazu Golther, Lbl. 1889, 140—43, RöDiGER, ZfromPhil. 12, 280 ff. (Vorlage Eilh.s s. auch Golther, Lbl. 1925, 86). — Xanthippus (Sandvoss), Spreu, Dritte Hampfel, 1881, ZurTextkrit.Eilh.s v. Oberg; Konr. Hofmann, Zu Eilh.8268, Anz.7, 336; Ehrismann, 1 Schröder, Gott. Nachr. 1918, 427. 2 MF. 74,21—75,5, dazu die Anm. in Vogts Ausgabe von MF. 3 Die ndrhein. Bruchstücke fallen in die Deutsche Literaturgeschichte HI 5 zweite Hälfte von Fleckes Flore, die ersten Zeilen entsprechen den V. 4046 bzw. 4085 bei Flecke. g5 Die erzählende Dichtung Germ.31, 56; Leitzmann, Bemerkungen zu Eilh.s Tristr., ZfdA. 54, 474—77; G. Huet, Sur une episode du Tr. d'Eilh., Rom. 36, 50—57. Tristan-Literatur im allg.: Golther, Tr. u. Is. in d. Dichtungen des MA.su. d.neueren Zeit, Leipz. 1907 (zitiert Golthers Tristanbuch), dazu Martin, DLZ. 1908, 1195, Blöte, Anz. 33, 270—78, Muret, ZffrzSpr.37, 167—76, ferner s. JB. 1908 II, 268 u.VII, 148. 1909 III, 226; Gertrude Schoepperle, Tristan and Isolt, 2 Bde., Frankf. a. M. u. London 1913, dazu Golther, Engl. Stud. 48, 299—306 u. DLZ. 1914, 669—73, Kelemina, Anz. 38, 55—66, Ranke, GgA. 1921, 240 ff., Lot, Rom. 43, 1, Nitze, Journ. f. Engl, and Germ. Phil. 13, 444_49, ferner JB. 1914 XVIII, 101. 1915 XVIII, 111. 1916 XVIII, 133; James Douglas Bruce, The evolution ofArthurian romance, Hesperia Erg.heft 8, Göttingen 1923,1, 152 ff. 483 ff. u. Bd. II, 393-97. 411 (ausführt. Lit.); Fr. Ranke, Tristan u. Isold, Bücher d. MA.s, München 1925. — Franz. Trist.: Gaston Paris, Poemes et legendes du moyen äge, 1900; Fr. Michel, Tristan, 3 Bde., London 1835—39; Muret, Le Roman de Tr. par Beroul, Soc. des anc. textes franc. 48,1903, dazu Golther, ZffrzSpr. 29,150 ff.; Jos. Bedier, Le Roman de Tr. par Thomas, 2 Bde., Soc. 46, 1902. 05, dazu Golther, ZffrzSpr. 29, 150 ff. u. Lbl. 1904, 50—54. 1907, 60—67; Bedier, Le Roman de Tr. et Is. traduit et restaure, 1900 (Besprechungen s. JB. 1901 VII, 54. 1902 VII, 43), übers, v. J. Zeitler, Der Rom. v. Tr. u. Is. wiederhergestellt, 1901 (illustrierte Prachtausgabe u. billige Textausg. ohne Illustr.), dazu Golther, Ges. Aufs. S. 143—48 u. Stud. z. vgl. LG.3 (1903), 409—25; Rud. G. Binding, D. Rom. v. Tr. u. Is., erneut von J. Bedier, übertragen, Leipzig 1911 (Insel-Verlag); Roger Sh. Loomis, The romance of Tristram and Ysolt by Thomas of Britain translated, New York 1923, dazu Golther, Lbl. 1924, 313 f.; Bedier, Les deux poemes de la Folie Tristan, Soc. 56 (1907); E. Loseth, Le Roman en prose de Tr., 1890; Golther, Das älteste franz. Tristanged., N. Jahrb. 1906 u. Ges. Aufs. S. 130—43; A. Bossert, La legende chevaleresque de Tr. et Is., 1902, dazu Golther, ZffrzSpr. 24, 143f., Wechssler, DLZ. 1907, 234 f.; Eugene Vinaver, Etudes sur le Tristan en prose, Paris 1925; Ders., Le Roman de Tr. et Iseut, Paris 1926. — Sneyders de Vogel, Tristan et Iseut d'apres des publications rezentes, Neophilol. 1, 81—87; Fr. Schurr, Das Aufkommen der matiere de Bretagne im Lichte der veränderten literarhistor. Betrachtung, GRM. 9 (1921), 96—107; s. die Literatur jeweils im Roman. Jahresbericht. — Eug. Kölbing, Die nord. u. d. engl. Version d. Trist.sage, 2 Bde., Heilbr. 1878—82; H. G. Leach, Angevin Britain and Scandinavia, Harvard Studies in comp. lit. 6, 1921. Ein Eilardus (Eilhardus) de Oberge, der der Zeit nach der Dichter des Tristrant sein könnte, ist in 12 Urkunden von 1189—1207 (bzw. spätestens 1227) nachgewiesen. 1 Als Verfasser des Tristrant nennt sich Eilhart selbst V. 9446.56. Er gehörte dem braunschweigischen Ministerialengeschlecht an, das in dem heutigen Dorfe Oberg, 2 1 J2 Meilen westlich von Braunschweig, seinen Sitz hatte. Über sein Leben wissen wir nichts. Man hat angenommen, daß ihm die Anregung zur Bearbeitung des aus Frankreich stammenden Tristanromans vom Braunschweiger Hofe aus geworden sei, von Heinrich d. Löwen und dessen zweiter Gemahlin Mathilde (f 1189), einer Tochter Heinrichs II. von England und der Eleonore v. Poitou. Daß Heinrich d. Löwe Interesse für die deutsche Literatur hatte, bezeugt der Braunschweiger Luci- darius, den er veranlaßte. 2 Beziehungen Eilharts zu ihm lassen sich nicht nachweisen. — Er hat den Tristrant nicht in seiner niederd. Heimatmundart gedichtet, sondern in der Sprache und in dem Stil hat er sich der vor- 1 Steinmeyer, Allg. dt. Biogr. 24, 91 f.; Schröder, ZfdA. 42, 72—82. 195 f. 51, 109, Prager dt. Stud. 8, 338 ff.; van Dam, Zur Vor- gesch. pass.; K. Wagner, Die alten Bruchst. S. 1 * ff. 2 Schröder, Gott. Nachr. 1917, 160. § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 67 höfischen mittelfränkischen Epik angeschlossen, die durch das Annolied, den Rother, Herzog Ernst, Trierer Floyris und besonders durch den Straßburger Alexander vertreten ist. Er steht unter der literarischen Tradition der Rheinlande. 1 Über die Abfassungszeit von Eilharts Tristrant ist die Forschung noch nicht abgeschlossen, die genauere Bestimmung des Termins hängt von dem zeitlichen Verhältnis zu Veldekes Eneide ab. Jedenfalls liegen die Entstehungsjahre beider Gedichte einander nicht fern, so daß der Tristrant etwa in das Jahrzehnt um 1180 fällt 2 Die Hss. und Bearbeitungen. 3 Das ursprüngliche Werk Eilharts ist in keiner der auf uns gekommenen Hss. erhalten. I. Die drei ältesten Hss., Bruchstücke, sind schon Überarbeitungen: R in Donaueschingen (Rd), München (Rm). u. Regensburg (Rr), bair., weniger überarbeitet; M, Magdeburg, md., stärker überarbeitet; S, Berlin (aus Stargard), 4 mfrk., mit ursprünglicherem Text als R. Alle drei gehören an das Endendes 12. Jh.s (oder S an den Anfang des 13. Jh.s). II. Die jüngere, erweiternde Umarbeitung X, Qlättung der Assonanzen, mit Einschaltungen, vom ersten Drittel des 13. Jh.s, enthalten in den IIss.: H.Heidelberg, 15. Jh., mit Bildern, schwäb., ist mehr nd. gefärbt als das Original X, bringt außerdem thüring. Formen herein; D, Dresden, geschr. 1433 (vgl. Schnorrs Katal. II, 442—44. 481 f.), ist wahrsch. auf nd. Boden entstanden. X (= HD) hat noch Assonanzen stehen lassen, die einzelnen Hss. H und D suchten diese zu beseitigen, wobei D mehr alte Assonanzen beibehielt als H. D kürzt, H erweitert ein weniges. 1 Sprache: W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 219; Be- HAGHEL, Schriftsprache u. Mundart; Roethe, Reimvorreden S.33. 37.64. 87; Gierach, bes. S. 130 ff. 207. 221 f. 225 ff. 255 ff.; Vogt aaO.; Leitzmann aaO.; H. Kopperschmidt, Die Sprache der Hildesheimer Urkunden in d. 1.Hälfte d. 14.Jh.s u. ihr Verhältnis z.Sprache Bertholds v. Holle u. Eilharts v.Ob., Marburger Diss. 1914. — Die Einreihung von Eilharts Tristr. in die sprachliche u. stilistische Kunst der rheinischen Literatur ist durch van Dam u. Kurt Wagner erwiesen, die ihre Ergebnisse auf die neue rheinische Mundartforschung von Wrede u. Frings stützen konnten; vgl. auch DE Boor, Frühmhd. Stud. pass., bes. S. 81 f. — Eilhart hat vielleicht an einem mittel- rhein. Fürstenhof gedichtet: Kurt Wagner u. van Dam. 2 Vgl. Lichtensteins Ausg S. CXXXVII ff. CXCI1I. CCII, ZfdA. 26, 13—18, Anz.9, 27 f.; Schröder, DLZ. 1884, 155; Kinzel, ZfdPh. 14, 111; Behaghel S.CLXXXVI1I ff. u. Lbl. 1881, 114; Wilmanns, ZfdGymnasialw. 36, 708 u. ZfdA. 27, 294-98; Pfaff, Lbl. 1884 S.6; Burdach, Reinmar, Reg. S.231; Schröder, ZfdA. 42, 196. 51, 109; H. Felix, Progr. Stendal 1895; Lesser, Beitr. 24, 361—83; Bethmann, Gr. Rud., S. 163; Helm, Lbl. 1908,149; Gierach S. 241—59; Vogt, Gott, gel. Anz. aaO. 25 f.; Schoepperle S. 179 - 82. — Früher hat man wegen der älteren Technik ohne Bedenken Eilh. den zeitlichen Vorgang vor Veldeke zuerkannt, aber Behaghel hat nachgewiesen, daß der Mono- 5* log der Isolde im Trist, eine Reihe von Stellen mit dem der Lavinia in der Eneide, zum Teil wörtlich, gemein hat und daß hier Veldeke aus dem franz. Gedicht geschöpft hat, wonach diese Stellen als ursprünglich erwiesen sind und also Eilhart erst aus Veldeke entlehnt hätte. Neuerdings setzt van Dam, auf Grund anderer Erklärung dieser Ueber- stimmungen, den Tr. wieder vor die Eneide und hält die in beiden übereinstimmenden Verse für Entlehnungen Veldekes aus Eilharts Tr. Aber die sorgfältige Zusammenstellung der Paralellverse von En. u. Tr. van Dam S. 85 ff. stößt doch die Reihe Behaghels : frz. Eneas—Veldeke — Tristrant nicht um. So sind auch die V. 10400—35 der En. nicht erst eine Zusammenstoppelung aus dem frz. Eneas u. Eilh.s Tristr., sondern Eilh. hat klär- lich die in Veldekes En. für denTr. nicht passenden Verse, die von Eneas' Abfahrt handeln (10402-05. 412 f. 428—35), weggelassen. Siehe KurtWagner S.19*ff.; Ludw.Wolff, DLZ. aaO. 5 Lit. bei Gierach S. 2—9; Schoepperle S. 476—518; K. Wagner, ZfdMund. S. 125— 27 u. bes. Tristr. I S. 23* ff. — Ueb. e. verlorene Hs. s. Bartsch, Germ. 24, 19. 4 Alle Bruchstücke sind abgedr. bei K.Wag- NER.Tristr. I. — StargarderBruchst.: DEGERING, Beitr. 41, 513—53, dazu Leitzmann, Beitr. 42, 167—73; K. E. Müller, Münch. Mus.4,122ff.; van Dam, Die sprachl. Gestalt der Stargarder Eilhart-Lampr.hs., Neophilol. 1922, 20—30; Plenio, Beitr. 42, 285—87. 68 Die erzählende Dichtung B, Berlin, vom J. 1461, schwäb., enthält Gotfrids Tristan bis zu dessen Schluß und fährt dann weiter mit Eilharts Ged. von 6103 an. III. Die Prosaauflösung P, der Prosaroman, in Drucken des 15. u. 17. Jh.s (ältester Druck 1484). P ist wichtig für die Textkritik, sie geht auf eine alte Eilharths. zurück. 1 IV. Die tschechische Übersetzung (der tschech. Tristram) ö, von zwei Verfassern, am Anfang wortgetreu, Mitte des 13. Jh.s (Öi), dann freier, ca. 100 Jahre später (Ö2). Die deutsche Vorlage von ö war eine alte Bearbeitung von Eilharts Urtext, wohl noch im 12. Jh., etwa in der Art von R oder M, darum ist auch ö für die Textgeschichte ergiebig. 2 Sie hatte Reimänderungen mit H gemein. Die Tristandichtung 3 ist in ihrer Gesamtheit als literarisches Kunstwerk, wie überhaupt die höfische Epik, ein Erzeugnis französischen Geistes. Das Urgedicht, wahrscheinlich anglonormannisch, das zwischen 1140 und 1150 entstanden sein wird, da es die Artussage in der Gestalt der Chronik Galfrids v. Monmouth (1136) voraussetzt, ist uns gänzlich verloren. Aber es läßt sich aus den vier ältesten Fassungen ein aus jenem Urtristan geflossenes weiteres Entwicklungsstadium erschließen: die ebenfalls verlorene Estoire (so genannt nach einem Zitat in dem Gedichte des Berol V. 1798), nach der Mitte des 12. Jh.s. Aus der Zusammenstellung jener vier Fassungen ergibt sich der Inhalt der Estoire mit einiger Sicherheit. 4 Die vier Fassungen sind 1. Eilharts Tristrant, der die Estoire am vollständigsten und genauesten wiedergibt; 2. Das afrz. Spielmannsgedicht des Berol, um 1180, dessen I. Teil, Liebesabenteuer Tristans enthaltend, aus der Estoire stammt, während der II. Teil, von der Trennung der Liebenden, andern Ursprung hat; Berol und Eilhart vertreten die Spielmannsversion; 3. Der anglonorm. höfische Roman des Thomas, zwischen 1155 und 1170, 6 nur in Bruchstücken aus dem II. Teil erhalten, den Gotfrid v. Straßburg übertrug (s. unten); 4. Einige aus der Estoire geflossene Kapitel des afrz. Prosaromans, um 1230. 6 Alle diese Ableger gehen unabhängig voneinander auf die Estoire zurück. Mittelbar stammt von ihr auch die folgende, umfangreiche Tristanliteratur ab, denn der Roman des Thomas ist die Vorlage für Gotfrids Tristan und Isolde (um 1210), für das ndfrk. Gedicht des 13. Jh.s (s. unten), für die nord. Sage (Tristramsaga, eine ziemlich genaue norwegische Prosaübersetzung eines Mönches Robert für König Hakon, von 1226), 7 und für die afrz. kürzere Vers- Tr. u. Is., Münch. 1887; Ders., Zff rzSpr. u. Lit. 22 (1900), 1—25; Ders., Tristanb. S. 37—210; Ranke, Tr. u. Is. 4 Bedier II, 194—306; Golther, Tristanb. S. 40—58. — Abfassungszeit: Bedier II, 314; Schoepperle S. 182 f.; Golther, Tristanb. S. 71; Ranke, Trist, u. Is. S. 8 ff. 271. 5 Zwischen 1185 u. 1200 am engl. Hof der Königin Alienor gedichtet: Golther, Lbl. 1924, 313 f.; vgl. Ranke S. 127. 6 Ueb. die umfängliche Kompilation des franz. Prosaromans von Tr. s. Gröbers Grdr. S. 1006f.; Ranke S.233 ff. 274; s. auch unten Wolfram. 7 Kölbing, Die nord. u. engl. Vers.; GlöDE, Germ. 33, 17—27, dagegen Kölb., ebda 34, 187—94; Söderhjelm, Atheneum 1904 Nr. 2.3 1 Van Dam, Vorgesch S. 21 u. ö. 2 Joh. Knieschek, Wien. SB. 101 (1882), 319—438, dazu Schröder, DLZ. 1884, 154, Lambel, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen inBöhmen, LitBeil.21,49—53, Lichtenstein, Anz. 10, 1—13, Pfaff, Lbl. 1884, 3-8; Knieschek, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. d. Dt. in Böhmen 22,226—49; Ders., Uebersetzung des tschech. Tr., ZfdA.28,261—358; Schoepperle S.500—14; van Dam, bes. S. 40ff. (Knieschek hat C zu hohe Bedeutung beigemessen; für die Bestimmung des Zeitverhältnisses vom Tr. zur Eneide kommt das Fehlen des größten Teils vom Lavinia-Isalde-Monolog nicht in Betracht). 3 Die einzelnen Fassungen: Bedier I, I—IX. II, 1 — 64. 65—94; Golther, Die Sage von § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 69 erzählung (ca. 1000 V.) von Tristans Narrenverkleidung, La Folie Tristan, vom Ende des 12. Jh.s; und aus Thomas sind ausgezogen das englische strophische Gedicht vom Sir Tristrem, Anfang 14. Jh.s, und einige Kapitel des italienischen Prosaromans La Tavola ritonda, um 1300. Eilharts Tristrant aber benutzten die Fortsetzer Gotfrids, Ulrich v. Türheim und Heinrich v. Freiberg, die tschechische Übersetzung und der deutsche Prosaroman. — Vom König Marc und der blonden Iseut hat auch Chrestien de Troyes in seiner Frühzeit ein Gedicht verfaßt (Roman oder Liebesnovelle?), das verloren ist. Über den Tristan eines picardischen Dichters des 12. Jh.s mit dem Namen la Chievre (li Kievres) ist uns nichts weiter bekannt. 1 Chrestiens Erzählung von Mark und Isolde ist nicht auf uns gekommen. In der Estoire, besonders bei Berol und Eilhart, aber auch noch bei Thomas und demnach bei Gotfrid, ist die Entstehungsweise des Ur- gedichts noch deutlich sichtbar: die einzelnen Bestandteile des Stoffes sind nicht zusammenhänglich ineinander verarbeitet, sondern lose aneinandergereiht, mosaikartig zusammengesetzt. Sie sind entnommen dem durch die mittelalterliche Fabulierungslust gedächtnismäßig oder schriftlich überlieferten Erzählungsbereich von orientalischen und abendländischen Märchen und Novellen, die wichtigsten aber und die das Gerüst bauen, sind keltischen Ursprungs. Eben diese episodenhafte Struktur ermöglicht, die einzelnen Elemente auszuschälen und historisch zu verfolgen. Demnach ergibt »sich für Eilharts in der Bearbeitung X vorliegenden Tristrant und entsprechend für die Estoire folgende Zusammensetzung des Inhalts: Prolog 1—53. Verwahrung gegen die mißgünstigen Hörer 1 — 30; Inhaltsangabe 31—53. I. Vorgeschichte 54—350. Tristrants Jugend. Tristrant Sohn Riwalins u. d. Blancheflur, der Schwester König Markes v. Kornevales; sie stirbt bei der Geburt Tr.s; er wird von dem Knappen Kurneval erzogen. II. Tristrant und Isalde. A. Der Zweik ampf m itMorold 351—1011 und die Heilungsfahrt Tr.s zu Isalde 1012—1296. B. Die Liebesgeschichte 1297—4494. a) Die Brautfahrt für Marke 1297—2724: 1. Die Werbung um Is. 1337—1597; 2. der Kampf mit dem Drachen 1598—2263; 3. der Liebestrank 2264—2724. — b) Die Liebesabenteuer 2725—4994: 1. Die untergeschobene Braut 2725— 2862; 2. der Mordanschlag auf Brangäne 2863—3080; 3. das belauschte Stelldichein an der Quelle3081—3791; 4. die verräterischeMehlstreu (Entdeckung des verbotenen Liebesumgangs) 3792—3965; 5. das Gericht 3966—4092, Tristrants Flucht 4093—4242, Isaldens Bestrafung durch Preisgabe an die Aussätzigen 4243—4330; 6. Flucht u. Waldleben 4331—4701; 7. die Trennung der Liebenden (des Minnetrankes Kraft ist geschwunden, Vermittlung des Klausners Ugrim zwischen Tr. u. Marke, Is. kehrt zu Marke zurück, Tr. wird verbannt) 4702—4994. u. SA. — Die isländ. Tristanballade s. Ranke S. 262 ff. 275. — Die Meistergesänge des H. Sachs s. Ranke S. 254 ff. 275 (nach d. dt. Prosaroman). 1 Zahlreich sind in der afrz. Lit. die Anspielungen auf die Liebe, die Liebestreue, das Liebesleid von Tr. u. Is., meist in Bezug auf Thomas'Gedicht, s. Bedier I 57 ff. 397 ff., wo weitere Lit.; Golther, Tristanb. S. 210—17. Die früheste Erwähnung von Tristan u.Yzeut la blonda findet sich in e. Liede des Truba- durs Bernhard v. Ventadorn 1154 (?), s. bes. Schoepperle S. 112—15. Veldeke beruft sich seiner Dame gegenüber auf den Liebestrank Tristrants, in Nachahmung eines afrz. Minneliedes, s. MF. 58,35-59, 6; Vogt, MF. 3 S.63 u. Anm. S. 338, vgl. MF. 112, 1—4, Vogt S. 128 u. Anm. S.376. 2 Siehe unten Gotfr. v. Straßburg. 70 Die erzählende Dichtung C. Tr. in der Verbannung 4995—9032. — a) Tr. bei Artus, die Wolfsfalle 4995—5487. — b) Isolde Weißhand 5488—9032: 1. Kampf, Tr. befreit König Havelin, Freundschaft mit dessen Sohn Kehenis 5488—6102; 2. die unvollzogene Ehe 6103—6263 u. 7070—80; 3. Tr. überzeugt Kehenis von der Schönheit seiner Geliebten Isolde 6264—6671; 4. Liebesabenteuer des Kehenis 6672—6804; 5. Tr.s Entzweiung mit Is. und Wiederversöhnung 6805—7444; 6. Tr. als Pilger an Markes Hof 7445—7855; 7. des Kehenis Liebesabenteuer 7856—8134; 8. Tr. wieder in Kornwales 8135—8548; 9. Tr. als Narr 8549—9032. D. Schluß. Tr.s u. Is.s Tod (seine Verwundung, das schwarze u. das weiße Segel, die Vereinigung der Liebenden im Tod) 9033—9445. Die Tristansage. 1 Diese bunte Fülle von Geschichten lagert sich um zwei Urfabeln, deren zweite (B) in die erste eingeschaltet ist und die beide keltischen Ursprungs sind: das Märchen von der Feenliebe (in der Inhaltsangabe Au. D) und die Ehebruchsgeschichte (B u. C). Die erste Urfabel, die Feenliebe, verläuft in dem dreifachen Aufbau (s. unten Artusroman): auf die Verlockung durch die zauberkundige Fee (Isolde; Morolt ihr Kämpfer = der riesische Hüter; das abholende Schiff; die Heilung der Wunden. Hier sind also die beiden Motive von der Wundenheilung und dem Wächter vereinigt) folgt die Wiederkehr zu den Menschen und eine zweite Frauenliebe (Trist, u. Is., Markes Gattin; die erste Is. ist die ursprüngliche Fee — sie hatte im vorauszusetzenden Märchenschema keinen 1 Tristansage. Hertz, Anm. zur Uebersetzg. von Qotfrids Trist.; Golther, Tristanb. S. 14 —36«; Schoepperle pass.; Windisch, Ab- handl. d. Sachs. Gesellsch. d. Wissensch. 29 (1913) Nr.6 S.210—21 u.285—87; Bedier II, 103 ff.; Golther, Die Sage v. Trist, u. Is., dazu Bartsch, Germ. 33, 119, Singer, Anz. 14, 233—41, Kerckhoff, ZfdPh. 22, 245 f., Muret, Rom. 17, 603—09, Bechstein, Zfvgl LG. 3 (1890), 1/2; Golther, Bemerkungen zur Sage v.Trist, u. Is., ZffrzSpr.22, 1—25; P. Knauth, Die Sage v. Trist, u. Is., Mitteil. d. Freiberger Altert.ver. H.20, 67—82; J. Kele- MiNA, Untersuchungen z.Trist.sage, Teutonia 16 (1910), dazu Schoepperle, Lbl.1911, 361 —63, Dies., Rom.40,114— 19,BLÖTE,Anz.36, 142-45, W. Suchier, ZfdPh. 44, 228—30, Gierach, DLZ. 33, 476 f.; Kelemina, Gesch. d.Trist.sage nach d. Dichtungen d. MA.s, Wien 1923, dazu Golther, Lbl.1925, 149-52, L. Wolff.DLZ.1925,412— 17, Ranke, GgA.1925 Nr. 9/10, v. d.Weel, Neophilol. 10 H.4; Ranke, Trist, u. Isold S.l ff.— R. Zenker, DieTrist.- sage u. d. persische Epos v. Wis u. Rämin, Roman. Forsch. 29, 321—69, dazu Schoepperle, Rom.40, 114—19, Ph.Aug.Becker, Lbl.1911, 195, Zenker, ebda S.317u.Zfrom- Ph.35,715— 31; Singer, Arab.u.europ. Poesie im MA„ Abhandl. d. preuß. Ak. 1918 Nr. 13 S. 8 ff.; M. Deutschbein, Stud. z. Sagenkunde Englands, 1906, 44 f. 70. 76. 85. 121 ff. 148. 169-80. 254; Ders., Eine irische Variante d. Trist.sage, Anglia, Beibl. 15, 16 ff.; Kuno Meyer, Eine Episode in Trist, u. Is. (Waldleben), ZfromPh. 26, 716 f.; Ders., Trist. u.Is. in kelt. Sage, ebda 28, 353 f.; Thurneysen, Eine irische Parallele z. Trist.sage, ebda 43 H. 1. 2; Gr. Sarrazin, Germ. Sagenmotive im Trist.roman, ZfvglLG.l, 262—72; R.Köhler, Trist, u. Is. u. d. Märchen von d. goldhaarigen Jungfrau, Germ. 11, 389 ff. u. Kl. Sehr. 1, 511. 2, 328 ff.; Liebrecht, zu R.Köhler, Germ. 12, 81—85; Golther, Die Jungfrau mit d. gold. Haaren, Stud., Mich. Bernays gewidm., 1893, 167 ff.; Franz Rolf Schröder, Festschr. Mogk, 1924, S.589 ff.: Alb. Regis, Trist, als Mönch, Straßb.Diss. 1910; Schoepperle, The Love-Potion in Trist, u. Is., Rom. 39, 277—96; Dies., The island combat in Trist., Studies pres. to Agnes Irvin, 1910; Dies., Is. Weißhand am Sterbebette Trist.s, ZfdPh.43,453—55; Rebe u. Rose: A.Hauffen, Quell, u. Forsch.z. Gesch. Oesterreichs 3,178—83; Borchling, D.jüng. Tit., S.97 Anm.; J. J. Meyer, Is.s Gottesurteil in s. erot. Bedeutg., Berl. 1914, u.Mod.Phil. 12, 129—32, dazu Golther, DLZ. 1914, 673 f.; Bolte, ZfdVolksk. 26, 417; H. v. Wlislocki, Die Episode d. Gottesgerichts unter d. trans- silvan. Zigeunern, Zfvgl LG. 1, 457—62; Ranke, Is.s Gottesurteil, Medieval studies in memory of Gertr. Schoepperle-Loomis, Paris 1926; A. G. VAN Hamel, Trist.'s combat with the dragon, Rev. celt. Bd. 41; CurtTeubner, Die Edgarsage u. ihr Verhältn. zur Ermenrich- u. Trist.sage, Hall. Diss. 1915; Clair Hayden Bell, The sister's son usw., Berkeley Calif. 1922; Brugger, Loenois as Trist.s home, Mod. Philol. Chicago, 22 (1925) Nr.2; F. Lot, Un faux Trist. Wurtembergeois en 807, Rom. 35, 596f. (R. Köhler, Germ. 14,264f.); F. NovATi, Etudi e profili, Bergamo 1907 (darin La leg- genda di Tristano e d' Isotta). § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 71 Narren —, die zweite ist das irdische Weib, das der Märchenheld nach seiner Rückkehr in das Menschenland freit). Die dritte Stufe, die Zurück- bannung ins dämonische Reich, ist das Ende: die Fee Isolde holt den geliebten Helden auf ihrem Zauberschiff ab. 1 Aber der Schluß ist in der Tristandichtung dem Bereich des Feenmärchens entzogen und ersetzt durch die klassische Sage vom Segel des Theseus bzw. der Oenone. 2 Auch die zweite Urfabel, die Ehebruchsgeschichte, ist ein Erzählungsstoff der Kelten, denn dieses Thema 3 war bei ihnen beliebt. In der Artussage kommt ein ähnliches Verhältnis zwischen Mordred, Artus' Neffen, und der. Guanhumara, des Königs Frau, vor, die ihm zur Hut anvertraut war. 4 Auch im Lai von Lanval bildet das unerlaubte Liebesangebot von Artus' Frau an den Helden der Erzählung das Moment der tragischen Verwicklung. — Charakteristisch für die Anlage des Liebesromans von Tr. u. Is. ist der Schluß, wo das verstoßene Paar.in den Wald flieht. Dieser Ausgang deutet auf Zusammenhang mit den irischen Fluchtsagen, Aitheda, 6 wo die Liebenden aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen in der Wildnis ein entbehrungsvolles Leben führen. —■ Eingeleitet wird der Ehebruchsroman im Tr. durch die Werbungssage, die hier noch einen eigenartig märchenhaften Zug aufgenommen hat, das Wandermotiv von der Fahrt nach der unbekannten Jungfrau. 6 Tr. gehört zu den ungetreuen Werbern: ein Fürst sendet einen Verwandten aus, um die Braut für ihn heimzuholen, aber dieser gewinnt unterwegs ihre Liebe für sich selbst. 7 Wie die Werbung, so sind auch die andern Abenteuer des verbrecherischen Liebesbundes zum geringsten Teil keltischer Herkunft 8 oder gar Erfindungen eines selbstschöpferischen Dichters, sondern weitverbreitete Erzählungsstoffe und sind auch anderweits nachgewiesen, so z.B. die Drachensage, 9 der Liebestrank die untergeschobene Braut, 10 der. Mordanschlag auf Brangäne im Walde (= Genovefa), die Wolfsfalle, die Verkleidungen Tr.s. Einige dieser Geschichten sind auch in die irischen Fluchtsagen eingewoben und aus diesen in die Tristan- 1 Das Ende des Romans, da beide Liebende zugleich sterben, steht insofern in Einklang mit der Schlußformel des vorausgesetzten Feenmärchens, als nach diesem beide zusammen zum Totenreich zurückfahren mußten. 2 Qolther, Sage S. 25 ff., Tristanb. S. 20 ff. Zum Treusymbol der Verschlingung von Rose u. Rebe (Eilh. 9510 ff.) s. Koberstein, Weim. Jahrb. 1 (1854), 73—100 u. Vermischte Aufsätze, 1858, S. 31—62; R. KöHLER.Weim.Jahrb. 1, 471—83 u. Kl. Sehr. 3, 274 ff. — Der sentimentale Schluß, gemeinsamer Tod der Liebenden, auch in der oriental. Fabel: s. Singer, Preuß. Ak. aaO. 3 Häufig auch in afrz. Romanen u. in mittel- alterl. Erzählungen u. Schwänken. 4 BeiGalfrid v.Monmouth, s. Qolther, Tristanb. S. 33 f. 5 Siehe Schoepperle S. 395 ff. u. Reg. S. 569; Ranke S.l ff.; Diarm. u. Grainne ist auch bei Tegethoff, Märchen, Schwanke u. Fabeln, Buch. d. MA.s IV, 1925, 66—75 erzählt. Aehn- lich, aber nicht historisch verwandt, die Entführungsgeschichte in d. persischen Liebesroman von Wis u. Ramin, s. Zenker aaO. 6 R. Köhler, Germ. 11, 359—406 u. wieder abgedr. Kl. Sehr.; Golther, Sage S. 15 f.; Schoepperle S. 17 f. u. Reg. S.587 (quest of princess); Bolte-Polivka 3, 18—37. ' Ermenrich-Swanhildsage, Herbortsage, vgl. Dorsch, Zur Herbortsage, Leipz. Diss. 1902; CurtTeubner, Die Edgarsage u. ihr Verhältnis zur Ermenrich- u. Trist.sage, Hall. Diss. 1915. 8 Schoepperle bes. S. 186 ff.; Loth, Revue celt. 33, 403 ff. 34, 365. 9 BOLTE-POLiVKA 1, 548. 10 P. Arfert, Das Motiv v. d. untergeschobenen Braut usw., Rost. Diss. 1897; R. Köhler, Kl. Sehr. 2, 293 ff.; HlLKA, 90.Jahresber. d.Schles.Ges. f. vaterld.Cultur 1913; Bolte- Polivka 1, 85. 2, 277. 3, 42. 443-50. 72 Die erzählende Dichtung dichtung übergegangen. — Verwirrt ist der Grundplan dadurch, daß der Eheroman mit den Gattentrügereien abschließt, 1 nicht mit dem Waldleben, wie es in der ursprünglichen Fluchtsage liegt, sondern eine ganz neue Geschichte, die Verbindung Tr.s mit Is. Weißhand (C), hinzugefügt ist. Die Quelle zu dieser Fortsetzung der Liebesabenteuer lag, wie es scheint, in einer erweiterten Version der kelt. Erzählung von Diarmaid und Grainne, in welcher die verbotenen Liebeszusammenkünfte weitergeführt wurden. Der Stoff zu dieser zweiten Liebesfabel, der Geschichte von der weißhändigen Is. (C) ist orientalischen, arabischen Ursprungs, 2 doch sind Züge aus der Laisliteratur eingemischt: das Prahlen mit der Schönheit der früheren Geliebten» (= Eilh. 6244 ff.), der pomphafte Aufzug derselben (Eilh. 6430 ff.) begegnen auch im Lanval (auch der Graelent ist zu vergleichen); für die Liebesabenteuer des Bruders der Is. Weißhand, des Kehenis (Kaedin), sind landläufige Motive benutzt (die unglücklich verheiratete Frau). Die Erfindung in der ganzen Geschichte von der zweiten Is. ist ärmer und schwächer, die Erzählung bei Eilh. durch Reden, Schilderungen und Nebendinge schleppender. Die letzt erreichbaren historischen Elemente in der Tristansage sind die Namen. 4 Tristan ist piktischer Herkunft, unter den Königen der Pikten (Urbewohner Schottlands vor den Kelten) begegnet der Name Drostan im 7.—9. Jh. öfter, später kymrisch Drystan; bei Berol: Tristran, 5 Tristrant, Eilh.: Tristrant (selten Tristant), Thomas: Tristan (Tristran), Gotfrid: Tristan. Marc war nach der Vita S. Pauli Aureliani (884 in einem bretonischen Kloster verfaßt) ein weitberühmter König von Kornwall. Der Name der geliebten Frau ist höchstwahrscheinlich germanischen Ursprungs, entweder = fränk. Ishild oder auch Iswalda; oder ags. Ethylda; bei Berol Isent (Yseut), Eilh.: Isalde (Ysalde), Thomas: Isolt (Ysolt, Isol), Ysode, Yselt (Yseut), Gotfrid: Isolt (Gen. Dat. Isolde), Isöt (G. D. Ac. Isöte); kelt. Essylt ist wahrscheinlich aus franz. Iselt entstanden. Die Spielmannsversion hat also die Namen Tristrant und Isalde, die höfische Bearbeitung Tristan und Isolt (Isöt). — Keltisch sind Rivalin, Kurneväl, Havelin, Kehenis (Gotfr. Kaedin), die Stadt Karahes (Gotfr. Karke); spez. bretonisch ist Brangene. Die Heimat Tr.s, Loh(e)nois, 6 war vielleicht piktisch, Lothian in Südschottland, wurde dann nach Wales verlegt (Berol), schließlich in die Bretagne. Der Name Mörholt hat fränk.- deutsche Bildung, kann aber für einen ähnlich klingenden keltischen Namen eingetreten sein. Britanjä, Tintajöl sind schon Gemeingut der Artusromane des 12. Jh.s. Der Schauplatz der Tristandichtung ist keltisches Land: Irland 1 Schoepperle S. 120—77. 227 ff. 251—56. 413-17. 430 ff. 450 ff. 2 Singer, Preuß.Ak.aaO.; Burdach, Preuß. Ak. 1918, 1075 f. 3 Schoepperle S. 150 ff. 4 Zimmer, ZffrzSpr. 13,58ff.; BEDiERlI,3ff.; Golther, Sage S. 2—6; Ders., Tristanb. S. 16 f.; Windisch aaO.; J. Loth, Revue celt. XXXII u. XXXIII; Singer aaO. S. 233 ff.; weitere Lit. bei Schoepperle S. 267 ff.; s. auch Warren, Mod. Lang. Notes 24,37 f.; Lot, Rom. 35,596 f. 6 Im Franz. etymolog. erklärt in Anlehnung an tristesse, der in Trauer von der Mutter Geborene, vgl. Hertz, Anm. unt. „Trist.das Kind." 6 Brugger, Loennois as Tristan's home,Mod. Philol. Chicago, 22 (1925) Nr. 2. § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 73 als Heimat Isoldens und Morolds, Kornwall als Markes Reich, die Bretagne mit Loh(e)nois als Tr.s Vaterland, und das Reich des Havelin. 1 Die älteste Gestalt der Tristansage liegt im Dunkel. 2 Der ursprüngliche piktische Drostan mag zu einem kymrischen Liebeshelden geworden sein, an dessen Namen einzelne Liebesabenteuer geknüpft wurden, die in keltischen (zunächst wallisisch-kymrischen, dann bretonischen) Prosa- und Verserzählungen (Lais) verbreitet waren. Kymrische und bretonische Jongleurs brachten diese Fabeln zu den Anglonormannen und Franzosen. Aus derartigen Quellen schöpften die französischen Spielleute Stoffe für ihre Lais.» Und so mochte Tristan auch zum Helden eines Feenmärchens, wie es oben in den Grundzügen entworfen wurde, in der Art des Lanval, Graelent, Guin- gamor, gemacht worden sein. 4 Mit der Zusammenfassung der beiden Urfabeln hat der Verfasser des ältesten Tristanromans zugleich überhaupt erst die eigentliche Tristansage geschaffen. Dieser Originaldichter war ein mit hervorragendem Erzählertalent begabter und in den Mitteln seiner Kunst wohl bewanderter Spielmann. Er hat das Leben eines Minnehelden dargestellt in seinem ganzen Verlauf 5 von der Geburt bis zum Tode und hat die vorgefundenen Stoffmassen durchtränkt mit dem Geist des französischen Rittertums seiner Zeit. Aber damit hat er den Zauber eines Feenmärchens verwischt. Statt dessen hat er einen Abenteuerroman aufgebaut, der durch bloßen Unterhaltungsstoff wirkte und durch eine Häufung von Trügereien und Überlistungen zuweilen an einen Schelmenroman streifen mochte, vergleichbar den Streichen Morolfs im Salman. 6 Das Problem der verbotenen Liebe psychologisch und moralisch zu ergründen hat er sich gar nicht gestellt, mit der Verzauberung durch den Schicksalstrank war ihm der Konflikt genügend erklärt. Auch war die Darstellung des Urtristan gewiß noch spielmännisch ungeläutert, wie auch noch die Estoire, Berol und Eilhart auf der Spielmannsstufe stehen. Zu einem hohen Kunstwerk mit zielstrebender Idee hat auch erst die verfeinerte Technik und die veredelte Gesittung der folgenden Generation, haben erst die höfischen Dichter, Thomas und nach ihm Gotfrid, die alte Tristandichtung erhoben. Ethik. In der Tristandichtung entfaltet sich ein ritterliches Lebensbild 1 E. Brugger, ZffrSpr. 20, 79—162. 2 RANKE,Trist.u.IsoldS.3ff. u.S.269-71.- Die kelt. Erzählung von Trist., der als Schweinehirt verkleidet eine Liebesbotschaft an Essylt schickt, ist wohl erst entstanden, als Trist, schon eine bekannte Romanfigur geworden war. 3 Der Lai dou Chevrefeuil der Marie de France, der aus dem ältesten Trist.roman ausgezogen wurde, ist ein Beispiel für eine frz. Verserzählung aus dem Kreise der Liebesgeschichten Trist.s. 4 Erweiterung eines frz. Lai zu einem Roman: Gautier's v. Arras Roman Ille et Galeron aus dem Lai von Eliduc, s. Gröber, Grundr. S.526 f., Voretzsch 1 S. 341. 380 f.; Schoepperle, Reg. S.573. — Also nicht durch Vereinigung von einzelnen fertigen Liedern (Liedertheorie, Heinzel, ZfdA. 24, 272-408, Singer aaO.), sondern durch Zusammensetzung von gangbaren Sagenmotiven, Novellen, Schwänken ist der Trist.roman entstanden, s. darüber bes. Golther, Sage u. Tristanb., Schoepperle, Singer aaO. 6 Als biographischen Roman faßt auch Eilh. den Tristr. auf, V.9446 ff. 6 LG. II, 1, 313 ff. 74 Die erzählende Dichtung in seinen beiden sittlichen Erscheinungssphären, der Tapferkeit und der Liebe (manheit und minne Eilh. 52). Als Held erwirbt sich Tristrant Ehre und Ruhm über all seine Umgebung. Aber seine kriegerischen Handlungen sind nur die selbstverständlichen Betätigungen eines ritterlichen Lebens, das Schwergewicht liegt nicht in den Helden — sondern in den Liebesabenteuern, und wiederum gerade in der Eigenart dieser Liebe. Sie ist eine Naturgewalt, eine Krankheit, ein Gift, das eingegeben wird, und der Zaubertrank bildet das Zentrum des ganzen Romangewebes: zum Guten bestimmt bewirkt er durch Zufall Böses, Lug und Trug zum Ehebruch. Widerstandslos wird der Mensch beherrscht von dem sinnlichen Trieb, den ihm das Schicksal gegen seinen Willen aufgezwungen. Darum kann er aber auch nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Zuerst zwar empfinden die Unglücklichen die Liebe als Schuld (2381), dann aber schweigt ihr Gewissen. Und doch war dieser größte Betrug Tristrants keine Untreue, denn was er tat geschah ohne seinen Willen. Der böse Trank war Schuld, daß sie sich sehr minnen mußten (2340—68. 2838—51. 3914—19. 4724—41. 9464 — 91. 9516—21). Ihr trauriges Erdenlos war eine Folge des Zaubers und darum auch verzeiht der beleidigte Gatte den im Liebestod Vereinten. Eine große Tragödie hat damit moralisch versöhnend ihren Abschluß gefunden. Es ist die Tragik des schuldlosen Leidens, eine Sühne, die von unschuldig Schuldigen getragen werden muß. 1 Das ist in den Hauptzügen die rein menschliche Auffassung, mit der das Gedicht durch Markes mitleidsvolles Verständnis das sittliche Urteil über die Seelenverwirrungen der dem blinden Schicksal verfallenen Opfer abgibt. Im Widerspruch damit steht eine zweite Moral, die von dem Zaubertrank gar keine Notiz nimmt: Tristrant, durch die langen Entbehrungen des Waldlebens zermürbt, sucht Zuflucht bei der Kirche, und der geistliche Berater, der Klausner Ugrim, erklärt sein Liebestreiben für obll (Übel), sunde, misse- fcM (4715.19.59.4812.78.4930), wofür er zur Buße verpflichtet ist. Hier ist ein Konflikt aufgerollt zwischen menschlichem Trieb und dem sittlichen Gebot der Religion. Aber die Reue Tristrants ist nur äußerlichste Beichtmoral, eine bloße Zeremonie und inhaltlose Form ohne sittliche Bedeutung. Der Erfassung des ethischen Problems waren die älteren Tristandichter überhaupt nicht gewachsen. Man hatte die Empfindung, daß hier ein großes Unrecht geschehe, konnte sich aber über die zureichende Verantwortlichkeit nicht klar werden. Im Grunde handelte es sich ja auch um die schwierigste Frage, um die Freiheit des Willens. Eilhart und Berol geben dem Trank nur eine zeitweilige Wirkung, sie hört nach vier Jahren auf (4729—34, bei Berol nach drei Jahren). 2 Damit sind also die vom Zauber 1 Allerdings steht der Tod Trist.s nicht in unmittelbarem Kausalzusammenhang mit seiner Schuld, er ist nicht eine Folge seiner unerlaubten Liebe, sondern einer gar nicht damit zusammenhängenden Verwicklung. Aber das Gedicht faßt doch in der Schlußklage Markes das Geschick der Liebenden auf als verursacht durch den .unseligen' Trank. 2 Schoepperle S. 120 ff. — Damit ist der Bruch des Treubundes zwischen Trist, u. Is. rationalistisch erklärt. § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 75 Geknechteten wieder in ihre normale Willenslage versetzt und für ihre Handlungen verantwortlich, die fatalistische Gebundenheit ist gelöst. Die nun trotzdem wiederholten Trügereien, in denen auch der Charakter der Liebenden gesunken ist (sie sind sich innerlich entfremdet), sind darum Schelmenstücke und mit dieser Fortsetzung ist die Erzählung zu einer Spielmannsburleske herabgesunken, die noch verstärkt wird durch die Liebeleien des plumpen Kehenis. Eilhart beachtet auch die Veränderung der moralischen Situation gar nicht, sondern erklärt einfach, Tristrant habe seine alte Sitte beibehalten, 1 daß er die Geliebte um keiner Drohung willen aufgab (5278—84). Bei der Parteinahme für seinen Helden hat er die Rechtsbegriffe geradezu auf den Kopf gestellt. 2 Diejenigen, welche den betrogenen Gemahl, der nicht an das Spiel der Gattin und des Neffen glauben kann, auf die Schändung seiner Ehre aufmerksam machen, sind böse Neider, Tristrant hatte keine Schuld, als daß er nach Ehre rang. Das Unrecht des Ehebruchs wird einfach ignoriert (3081 ff. 3932J, u. ö.). Andrerseits macht ihm Marke doch nach Entdeckung seiner Untreue den Vorwurf der Falschheit, da niemand an des andern Weib soll haben Leid noch Liebe (3260—75. 3299). So ist das sittliche Urteil verworren, stellenweise überhaupt ausgeschaltet. Aber die Sympathie des Dichters ist auf Seiten Tristrants und er bringt unter Verletzung des Rechtsgefühls einen mißgünstigen Zug von Grausamkeit in das Charakterbild des vormals so gütigen Königs. (3976—79. 4037 f. 4243 ff. 4296—4301. 4914 f. 4958-68). Alle Gedanken und die daraus folgenden Handlungen sind in dem Liebesroman eingestellt auf die Minne, darum gerät Tr. auch gar nicht in Konflikt mit der Pflicht der Mannestreue. Die stärkste Tragik ist Marke auferlegt. Denn die beiden Jungen freuen sich ihres verstohlenen Glücks, solange es dauert, der Alternde aber leidet die Bitternis des Undanks gerade von dem, dem zuliebe er einst aus Dankbarkeit auf ein Lebensglück verzichten wollte (3190—3216). Aber auch jene erleben ihr tragisches Geschick. Es ist das eines unerfüllten Daseins. Das Schicksal der drei Hauptgestalten entfaltet sich innerhalb einer reich ausgemalten Umgebung, die das Kolorit der höfischen Gesellschaft trägt. Somit stellt sich ein Bild dar vom ritterlichen Leben nach der Auffassung der frühhöfischen Zeit, und zwar in folgenden Typen: Eine fürstliche Hofhaltung, die Königin in einem Liebesverhältnis zum Neffen ihres Gemahls, die Hofgesellschaft mit ihren Intrigen gegen den Günstling, der seinerseits Anhänger hat (der Truchseß Tinas), der treue Diener (Kurvenal), die treue 1 Die Technik der Stofferweiterung, welche die Fortsetzung verschuldete, wurde also verhängnisvoll für die Einheit der sittlichen Idee. Zugleich fällt die Fortsetzung zusammen mit dem Hauptabschnitt des Grundschemas: sie beginnt in derUgrimepisode (4703—4994) da, wo der Liebesroman (die Flucht) aufhört und die erste Urfabel, die Feengeschichte, wieder beginnt. Auch das Liebesverhältnis hat eine Wendung genommen: der Reiz der Innigkeit ist geschwunden, dafür hat äußerliche Galanterie eine übertriebene Wichtigkeit erlangt und eine höfische Formverletzung ist imstande, Is. zu beleidigen und einen ärgerlichen Zwist mit Trist, hervorzurufen. Vgl. Schoepperle S. 128—36. 2 Minor, Wahrheit u. Lüge auf d. Theater u. in der Literatur, Euphorion 3 (1896), 265 ff. 76 Die erzählende Dichtung Dienerin (Brangäne); Kämpfe (Zweikampf, Drachenkampf, Schlachten, Belagerungen), Kampfspiele (7739—7844), Schwertleite (499—532), Jagden, Hoffeste (5231 ff. 5285 ff.), Aufzug schöner Frauen (6393—6541), feineKleidung (2064 ff.), glänzende Rüstung (750 ff.), Gerichtsverhandlung und Verurteilung der Schuldigen (2006 ff. 3966 ff.). In der Person Tristans hat die mittelalterliche dichterische Pädagogik ihr Ideal gekennzeichnet, er wird als Vorbild feiner höfischer Sitte aufgestellt für adelige Jünglinge (Thomasins Wälscher Gast 1051). 1 Die Verse, in denen bei Eilhart die Lehrgegenstände aufgezählt werden (126 —84), sind ein Ritterspiegel, ein Musterbeispiel für höfische Erziehungskunst. Das Ziel dieser Ausbildung (940. 1030. 2427. 5829. 43) ist auf Ehre und Ruhm bei den Menschen gerichtet (ere und top 137. 218. 324. 347. 1043. 2966. 3077. 92.3108.14. 41. 44. 3263. 6098. 6101. 5. 15), der Inhalt ist togent und ere, das sind im Sinne der mittelalterl. Moralphilosophie die weltlichen Tugenden (die vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Maßhalten, Gerechtigkeit). Tugend aber in der höfischen Lebensanschauung umfaßt zu der inneren Vortrefflichkeit auch die Höfischheit, das feine äußere Benehmen, die zacht: hobische geberde tragen, vgl. 161. 292. 331. 1541. 44. 4670.5066. 6877; stete an guter züchte wesen 167 und besonders: den Frauen dienen 164 f. 2 Das Ergebnis dieser Erziehung ist Tristan der kühne Held, vollkommen in allen Tugenden des Körpers und des Geistes, wie ihn sich die Liebe Isaldes idealisiert (2416—38). Nicht gehört in diese höfische Erziehungslehre die Religion. Frömmigkeit ist keine geforderte Eigenschaft des höfisch gebildeten Weltmannes. Aber zuweilen sind trotzdem religiöse Äußerungen in Eilh.s Gedicht eingeschaltet, Anrufe an Gott, besonders in Reden, kurze Bitt- oder Dankesworte (444. 488. 572. 781—86 [Abendsegen]. 1324. 1452. 2398. 3033. 4024. 6727). Es sind meist formelhafte Redensarten ohne tiefere Bedeutung. Das Christentum besteht in äußeren Förmlichkeiten (Beichte beim Klausner s. oben) und in einem massiven Teufelsglauben (3401 ff. 19. 81. 3624. 4112. 4717. 8994). — Eine zweite von Eilh. eingeschaltete moralisierende Betrachtung stellt frum und böse, vromigheit und bösheit gegenüber (3096—3146). Es sind die antithetischen Kategorien gut und böse (vromigheit Tüchtigkeit 297. 341. 2437. 2754, gleichbedeutend mit ere 1043). Der Böse ist dem Guten feind. Das ist keine Höfischkeitslehre, denn die erstreckt sich nur auf Weltehre. Hier aber sind Gott und Welt vereint das Ziel des menschlichen Strebens: Swer got von herzin minnet und nach den erin ringet, dem volgit seidin unheil 3113. Dieses ritterliche Moralgesetz ist hier zum erstenmal ausgesprochen und stammt nicht aus dem Geiste der alten Estoire. 1 Bei Petrus Blesensis und Henricus Septi- mellensis: Schönbach, Ueb. Hartm. v. Aue S. 446 f. 2 Die höf. Lehre zerfällt in drei Abschnitte: 1. Künste (Harfen- u. Saitenspiel) und Fertigkeiten (ritterl. Uebungen) 140—51; 2. eine spezielle Tugend: die Zuverlässigkeit, sein Wort zu halten (152—58); 3. Tugenden im allgemeinen und Höfischheit (159—72); un- küscheit (172) steht im Gegensatz zu hove- scheit, zucht, und ist = Unfähigkeit, sich in Zucht zu halten, seine Triebe zu zähmen. § 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 77 Ganz im allgemeinen nur werden die Eigenschaften Isaldens beschrieben (1034—50). Auch ihr Wert wird gemessen an dem Eindruck, den sie auf die Welt macht: man lobte sie sehr, sie hatte den Preis, wo man guter Frauen gedachte, und zusammengefaßt als Ziel ihrer Handlungen gilt ebenfalls die Ehre, dazu die höfisch feine Sitte {mit züchten gemeit, Selbstbeherrschung, mit Anmut gepaart). Den wechselreichen Ereignissen entspricht ein stark bewegter Rhythmus des Innenlebens, schon der empfindsame Stoff bedingt eine gehobene Gefühlslage. 1 In leidenschaftlichen Klagen äußert sich die Qual des plötzlich ausgebrochenen Liebesparoxysmus bei den beiden Erkrankten. Etwas ganz Neues, unheimlich Unerklärliches ist über sie gekommen, das Isalde vergeblich zu enträtseln sucht. Daß die Minne so weh tun konnte, davon hatte sie keine: Vorstellung (2369—97, Minnemonolog 2398—2599). 2 Dann erhalten die Gefahren der Entdeckung, darauf die Verurteilung die beiden Vertrauten in fortwährender starker Gemütsspannung. Die Furcht vor der Trennung bewirkt physisches Erkranken (3277 ff.). In wenigen schlichten, aber um so ergreifenderen, an den Volksliedton anklingenden Worten spricht Tristrant sein Leid aus, daß er vom Liebsten, was er hat, muß scheiden. Sonst sind Äußerungen des Gefühls nicht eigentlich häufig (Klagen über Tr.s Krankheit 1071 ff.; beim Abschied 1126—47; die Getreuen, Tinas, Kurvenal, weinen über Tr.s Unglück 4061. 4144—69; geheucheltes Klagen bei körperlichem Schmerz 5361 ff.). Freudegebärden sind selten (Kurvenal weint vor Freude 1310—12). Die Leichenklagen sind notwendige Beigaben bei Erzählung von Todesfällen (103—19. 958. 970—87, dazu 1887. 7565—78. 9238—43), Stark aufgetragen ist der Schmerz um den Tod Tristrants, in ausführlichen Klageszenen (9391—9412. 9424 f. 9439—45. 9458—61. 9506). Aber nur in einen einzigen Schmerzensruf bricht Isalde aus, als sie den Tod des Geliebten vernimmt: sie ward weder bleich noch rot und weinte nicht mehr. Schweigend legte sie sich auf die Bahre dem Helden zur Seite und starb alsogleich. Stärker als Graf Rudolf und Floyris hat Eilharts Tristrant den volkstümlich spielmannsmäßigen Ton bewahrt. 3 Wenn auch sein Roman gerade der Durchsetzung der neuen ritterlichen Mode dienen sollte, so laufen doch noch Reste von Derbheiten unter, die im vollwertig höfischen Epos nicht mehr geduldet wurden, besonders die Ungeniertheit in geschlechtlichen Dingen (Brangäne als untergeschobene Braut 2725 ff.; der aussätzige Herzog und Isalde 4260ff.; Isalde Weißhand und das Wässerlein 6143ff.; Kehenis und Gymele 6672—6804; Kehenis und Gariole 9162 ff.). Die Entstehungsart aus einzelnen Erzählungen ist an der episodenhaften Technik sehr durchsichtig und hat Widersprüche und Unebenheiten hinterlassen. 1 Die körperlichen Aeußerungen des inneren Leidens 2374—79. 2495—504. 2 Isaldens Monolog u. der Minnesang: Burdach, Reinm. u. Walther S.69. 74. 119. 120; Lesser, Beitr. 24, 361. 388. 3 Neigung zur volkstüml. Heldensage zeigt z. B. der Vergleich der Kampfgesellen Tristr. u. Kehenis mit Dietrich u. Hildebrand 5973 —77. 78 Die erzählende Dichtung Völlig auf altertümlicher und frühhöfischer Literaturstufe steht die künstlerische Form des Gedichtes in Stil und Metrik. Die Darstellung ist einfach und schmucklos und verläuft auf längere Strecken in einem schlichten Bericht, manchmal gedehnt und eintönig, oft auch wird Bedeutendes rasch abgetan. Wie die Ausdrucksweise im Ganzen, so ist auch der Satzbau unfrei, Parataxe herrscht vor, oft einförmiges dö. Anzuführen sind von den wenigen stilistischen Formen: zweigliedrige Formeln, während formelhafte' Wendungen sparsam gebraucht werden; ferner rhetorische Fragen und Ausrufe, kräftige volkstümliche Ausdrücke, auch Bilder und Vergleiche; Teilnahme des Dichters an seinen Personen, Wendung an die Zuhörer, Kampfschilderungen in der drastischen Art der älteren Epik. 1 Die neue höfische Methode kommt in den französischen Fremdwörtern zur Geltung. Aus der französischen höfischen Stilistik stammt auch die kurze Wechselrede bei erregter Stimmung, wo Frage und Antwort, Behauptung und Entgegnung Schlag auf Schlag sich treffen. 2 Metrik, 3 Assonanzen gehören zum Reimstil des ursprünglichen Gedichtes, sie haben aber nichts Außergewöhnliches. Ausnahmsweise tragen auch ganz schwache Endsilben den Ton. X, die Bearbeitung, hat etwa 17°/o ungenaue Reime. Die Verse sind weder überlang noch überkurz. Eilharts Tristrant gehörte von seiner Entstehung an zum dauernden Besitz der mhd. Literatur, wofür die Bearbeitungen und Handschriften des 13., 14. und 15. Jh.s zeugen und die Fortsetzungen von Gotfrids Tristan, die ihn als Quelle benutzten, sowie überaus zahlreiche Anspielungen in der mhd. Epik und Lyrik. 4 1 Stilist. Aehnlichkeiten mit Lamprechts Alex.: Lichtenstein S.CLIVf., Kinzel, Lampr.Alex. S.LIV—LVIII, FELix,Progr.S.17ff.; Gierach S. 253, wo weitere Lit.; van Dam aaO. — Eilh. u. Veldeke s. unten bei Veldeke. Eilh. u. Gr. Rud.: Lichtenstein S. CLXXXIV— VII, Bethmann S. 163 ff. Eilh. u. Parz. s. unten Gotfr.s Trist. 2 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 245—48; Lichtenstein S.CLXXI. — Stil: Ueb. den Gebrauch des Duzens u. Ihrzens s. ZfdWortforsch. 5, 128—33; Fremdwörter s. Register; Enjambement: Wahnschaffe. * Lachmann, Zu d. Nibel. S. 4; W. Grimm, Gr. Rud. 2 S. 13 u. Kr. Sehr. 3, Reg. S. 331; Lichtenstein S. LIV— LXXXVII. LXXXVII1— CX1V. CLXXXI1; Gierach, bes. S. 9-12; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 387. 408. 420; Wesle, Frühmhd. Reimstud. pass.; de Boor, Frühmhd. Stud. pass. 4 Hagen, MS. 4, 618 ff.; Lichtenstein S. CXCI1I—CCIV. Eilh. u. Hartmann: Schröder, ZfdA.51, 106 ff.; Eilh. u. Wolfram s. unten; Eilh. u. Graf Rudolf s. van Dam S.71; Eilh. u. der Dichter der guten Frau: Schröder, Prager dt. Stud. 8, 138 ff. Welchen Reiz die Tristandichtung auf den Kunstsinn des späteren dt. MA.s ausübt, beweisen auch die nach Eilhart, meist aber nach Gotfrid entworfenen bildlichen Darstellungen, die zum Schmuck des häuslichen Lebens dienten, bes. die Wandteppiche u. Fresken. Am berühmtesten sind die Wandgemälde im Schloß Runkelstein bei Bozen, vom Anf. d. 15. Jh.s, die von dem kunstsinnigen Geschlecht der Vintler angelegt wurden. Ferner sind erhalten ein Teppich aus dem Nonnenkloster Wienhausen bei Celle (1.Hälfte des 14.Jh.s), der Erfurter Teppich (Mitte d. 14. Jh.s, Bech- STEIN, Germ. 12, 101 f.), von Schwarzenberg im sächs. Erzgebirge (1539, dem Prosaroman folgend); der Teppich der Medaillons im Regensburger Rathaus (2. Hälfte d. 14. Jh.s, darunter eine Tristanszene). Siehe Golther, Tristanb. S.407 ff.; Ranke, Bücher des MA.s S. 276 ff.; v. d. Leyen u. Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regensburger Rathause; v.d.Leyen, Abhandl.f. MunckeraaO.; Loomis, Illustrations of medieval romance, Univers, of Illinois studies, Urbana 1916; Pio Rajna, In- torno a due antiche coperte con figurazioni tratte dalle storie di Tristano, Romania 42,517— 19. — Ueb. Elfenbeinschnitzereien aus d.Trist.- sage s. Golther aaO., vgl. auch Panzer, N. Jahrb. 7 (1904), bes. S. 154 ff. . IL DIE EPISCHE DICHTUNG DER BLÜTEZEIT VON HEINRICH VON VELDEKE BIS GOTFRID VON STRASSBURG A. HEINRICH VON VELDEKE UND DAS HÖFISCHE EPOS IN MITTELDEUTSCHLAND AM ANFANG DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS § 15. Heinrich von Veldeke Lit.: Ausgaben derEneide: Christoph Heinrich Myller, Sammlung deutscher Ged. aus d. XII. XIII u. XIV. Jh., Bd. I, 1781, 1—102 (Qothaer Hs., vgl. Jacobs u. Ukert, Beitr. z. alt. Lit., II, 1836, 267—69); Ludw. Ettmüller, Dichtungen d. dt. MA.s, 8. Bd., 1852 (nach d. Hss. B, M, H, G); Hauptausg.: Otto Behaghel, Heilbr. 1882 (s. Behaghel, Germ. 25, 118), dazu Schröder, DLZ. 1882,568—71, Cbl. 1882,677, Wilmanns, ZfdGymnacialw. 1882,706, Kinzel, ZfdPh. 14,106—12, Lichtenstein, Anz.9,8—16, J.Franck, ebda S.36 f., Braune, GgA. 1882, 1483 ff. Textkritisch, Stellen: Braune, ZfdA. 16, 420—36; Sprenger, Germ. 27, 287 f.; Kauffmann, ZfdA.33, 251 ff.; Jellinek u. Kraus, ZföG.44 (1893), 685, s. Euphorion 5 (1898), 441 f. — Alb. Ilg, Beitr. z. Gesch. d. Kunst, 1896, S.41—63. — Leben u. Werke, v.d. Hagen, Minnesinger IV, 72—79; R. v. Muth, Wien. SB. 95 (1879), 613 ff.; Piper, Höf. Ep. 1, 56 ff.; Rich. M. Meyer, Allgem. dt'. Biogr. 39, 365—71; Jan te Winkel, Over H. v. V., Rede, 31. taal- en letterk. Congres te Maastricht 1912; Chr. Mertz, Rond H. v. V., Katholiek 145, 74 ff.; ferner die holländ. Lit.geschichtswerke von Jonckbloet, Geschiedenis, 2. Ausg. 1873, dazu Martin, Anz 1, 222 ff.; Kalff, Geschiedenis 1 (1905), 34—46. 58—61. Braune, ZfdPh. 4, 249—304 (Heimat, Nachfolger, Dial.); C. Kraus, Heinr. v. Veld. u. die mhd. Dichtersprache, Halle 1899 (vgl. 41. Philol.vers. S. 123 f.), dazu H. Meyer, DLZ. 1900, 1061—72; J. Franck, Anz.26,104—19, Kauffmann, ZfdPh.32,91—96, Panzer, LB1.1901,361 ff., Khull, ZföG. 52, 513, Kern, Museum 8 (1900), 213 ff.; v. Kraus, Prager dt. Stud. 8, 211 ff.; Jan van Dam, Zur Vorgesch. d. höf. Epos, Lamprecht, Eilhart, Veldeke, Bonn u. Leipz. 1923, und: Das Veldeke- Problem, Amsterd. Antrittsvorlesung, Groningen 1924, dazu L.Wolff, DLZ. 1924, 2531—37,, Hübner, Archiv 118 (1925), H. 1/2, Golther, LB1.1925, 85 f., Piquet, Rev.germ. 1926, 128. Die frühritterlichen Epiker der siebziger und achtziger Jahre des 12. Jh.s hatten das romanisch-höfische Bildungsideal in die deutsche Dichtung eingeführt, aber sie hatten noch nicht die vollendete Form gefunden. Die neue, feinere Auffassung vom höfischen Leben, die angemessenere sprachliche Darstellung und die kunstmäßigere Metrik hat erst Heinrich v. Veldeke, nach französischem Vorbilde, eröffnet. Als Begründer des neuen höfischen Romans wurde er von der folgenden Generation unbedingt anerkannt. 1 Er impete daz erste ris in tiatescher zungen erklärt Gotfrid v. Straßburg (Tristan 4721—48), er setzte das erste Pfropfreis auf den Baum der deutschen Dichtkunst, von dem dann Äste entsprungen, die die Blumen trugen, aus denen die Nachfolger ihre dichterischen Funde entnahmen; er rühmt seine Weisheit, das ist: die künstlerische Gabe, den rechten Sinn und die passende Form zu 1 v. d. Hagen, Minnesinger IV, 863 ff.; Behaghel S. CLXXXVI—CCXXXIII (Die En. u. die spätere Dichtung); Braune, Zf dPh. 4,255 f.; Schwietering, Demutsformel S. 67—69. Behaghel, H. v. V. u. Ulr. v. Zazikhoven, Germ. 25,374—77; Baesecke, Herb. v.Fritzl., Albr. v. Halberst. u. H. v. V., ZfdA. 50, 366 ff. Veld. bei Rud. v. Ems: Kraus, Veldeke S. 165; Braune, Heidelberger SB. 196,11. Abh. S.5ff.; Junk, Beitr. 29, 423 V.3113-18, s. auch Rudolfs Willehalm, ed. Junk, 2173. — Vogt, MF. aaO. — Siehe Eilhart, Hartm.,Wolfr.,Gotfr. 80 Die erzählende Dichtung finden. So preist ihn auch Wolfram als den wlsen man Parz. 404, 29, als „ seinen Meister" Willeh. 76,24, und Parz. 292,18 ff. zitiert er ihn als Sachverständigen in Minneangelegenheiten. Außer diesen unmittelbaren Huldigungen zeigt eine Reihe von inhaltlichen Anspielungen in den Werken Gotfrids und Wolframs ihr starkes Interesse für den anerkannten Meister. Auch Hartmann v. Aue hat Veldeke gekannt (die Charakterisierung des Ritters im Arm. Heinrich 60 ff. ist beeinflußt von En. 12614 ff.), aber er widmet ihm nicht unmittelbar preisende Worte. Als den Begründer der guten poetischen Darstellung rühmt ihn Rudolf v. Ems in seinem Alexander in dem Gotfrid nachgeahmten Dichterkatalog: Von Veldeke derwise man, der rehte rime alrerst began (rlm =Vers, Versbau). 1 Der Dichter 2 gehörte dem urkundlich seit 1195, dann öfter im 13. Jh. belegten ritterlichen Geschlechte von Veldeke an, das im Ministerialenverhältnis zu den Grafen von Loen (Looz) stand. Heutzutage ist nur noch eine Mühle des Namens vorhanden (Velker Molen), in der Nähe des Dorfes Spalbeke in der belgischen Provinz Limburg, etwa vier Meilen westlich von Maastricht. Die ritterliche Abstammung des Dichters ist auch bezeugt durch die Titulierung her, die Wolfram dem Dichter gibt Parz. 292, 18. Er besaß gelehrte, geistliche Bildung — sein Servatius spricht dafür und der Titel meistert den er sich En. 13465 beilegt — und verstand Latein und Französisch; er hat Ovid gelesen und auch Virgils Aeneis selbst, 4 nicht nur die französische Übertragung. In der älteren deutschen Literatur war er bewandert, wie Entlehnungen und Anklänge in seiner Eneide zeigen: er kannte das Rolandslied, vielleicht auch die Kaiserchronik, besonders aber zeugen viele Parallelstellen von seiner Vertrautheit mit dem Straßburger Alexander. 5 Die ältesten dichterischen Beziehungen Veldekes weisen auf das Geschlecht seiner Lehensherren, denn sein erstes (uns erhaltenes) Werk, die Legende vom Heiligen Servatius, verfaßte er auf Veranlassung der Gräfin Agnes v. Loen. Die beiden Epiloge, zu B. I und B. II, enthalten biographische Angaben: Heinrik, die vanVeldeken was geboren, hat das Werk in Deutsch gedichtet II, 2916 f. 2934 f. 2941.2952, 1,3228, Sent Serväs war sein Patron 1, 3233. II, 2918—20. Veranlaßt haben ihn die Gräfin v. Loen, dl edel Agnes, seine liebe Herrin I 3236—39 II, 2922 f., und Herr Hessel, der costenäre 1 Die Ausnahmestellung Veldekes wird neuerdings eingeschränkt durch van Dam, Vor- gesch. d. höf. Epos, 1923, u. DE Boor, Früh- mhd.Studien 1926, die Veldekes Beeinflussung durch den Straßbger Alexander stärker einschätzen und diesen für die Vorstuf e von seiner Kunst erklären. 2 Biographisches: Behaghel S. CLVIII— CLXXIV; Pfeiffer, Germ.5,17ff.; Bartsch, ebda S.410 ff.; Braune, ZfdPh. 4, 249 ff.; Piper, S.57f.; Schröder, ZfdA.33, 251—53. 42, 78 ff., der Epilog der En. ebda 47, 291— 301; Kempeneers pass.; Vogt, MF 3 S.335; üb. die Gräfin v. Looz: Wilhelm, Servatius S. XXXII Anm. u. XLIV. LIII ff. LXXVIIIf.; Kurt Wagner, Eilh. v. Ob., I, 15* ff.; Schröder, Münch. SB. 1924, 3. Abh. S. 14 f. — Veldekes Bild: F. X. Kraus, Die Miniaturen d. Maness. Liederhs., 1887, u. Vogt aaO. 5 Ueb. Veldeke als Meister s. Schwietering S. 62—70; Schröder, Gott. Nachr. 1909, 75. 4 Dido u. Aeneas: Bartsch, Albr. v. Halberst. S XXI ff 5 Behaghel S. CLXXIV ff.; Wilmanns, ZfdA. 27, 294—98; Schröder, Kaiserchr. S. 75. — Veldeke u. Graf Rudolf: Bethmann, Gr. Rud. S. 168 f.; van Dam, Vorgesch. d. höf. Epos S. 72 ff. 129 ff. (Eneide u. Annol., Rolandsl., Kaiserchr., Gr. Rud., H. v. Melk, Alex.lied). § 15. Heinrich von Veldeke 81 1, 3240—45, der damals die costerte verwaltete II, 2938—40. Hessel war demnach Custos des Servatius-Münsters in Maastricht, bekleidete also eine geistliche Würde — daher der Titel her —, dem die Sorge um das Gotteshaus, das wertvolle Inventar, die Reliquien, Paramente, Gefäße, Schatzkammer (treskamer II, 1847) oblag; ein Beispiel für die Befugnisse des „Küsters" ist das Wunder des gestohlenen Palliums II, 1840 ff., vgl. II, 1319. 2096. Aus seiner engeren Umgebung ging Veldekes Dichtung hervor, denn der Bischof Servatius, sein Schutzpatron, war der Stadtheilige von Maastricht. Er betrachtete sich politisch als Lothringer, Lothringen aber war ein Herzogtum des Deutschen Reiches und gehörte auch als Kirchenprovinz (Ober- und Niederlothringen) zu Deutschland; die nächsten Beziehungen bestanden zu den Rheinlanden. 1 So ging auch sein eigener literarischer Lebenslauf: von seiner limburgischen Heimat führt dieser an den Rhein, nach Cleve, dann an den Thüringer Hof. Lothringen bildete die natürliche Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich, damit war Veldeke geborener literarischer Vermittler zwischen westlicher und östlicher Kultur. Er erfuhr unmittelbar den Einfluß französischer Bildung, während Eilhart v. Oberg dieser Einwirkung nicht selbst unterstand. 2 Zur zeitlichen Bestimmung von Veldekes Schaffen bietet die Eneide einigermaßen sichere Anhaltspunkte. Der feste Einsatz für die Chronologie liegt in der Stelle von dem Hoffest in Mainz, En. 13221—52, das an Pfingsten 1184 stattfand. Der Epilog der Eneide 13429—528 gibt weitere Aufschlüsse. Der größte Teil des Gedichtes, etwa zwei Drittel, bis dahin wo Eneas den Brief der Lavinia empfängt (10933), war fertiggestellt, das Manuskript lieh der Dichter seiner Gönnerin, der Gräfin v. Cleve, aber durch die Unachtsamkeit einer ihrer Hofdamen wurde es entwendet, und zwar durch den Grafen Heinrich, der es in seine Heimat nach Thüringen sandte. Erst nach neun Jahren, als Veldeke nach Thüringen kam, wurde es ihm vom Pfalzgrafen Hermann von der Naumburg, des Landgrafen Ludwig Bruder, zur Vollendung wieder zurückgegeben. Ihm und dem Grafen Friedrich huldigt er als seinen Gönnern. In diesen Schicksalen des Ge- 1 Als feinste Ritterschaft galt die ze Hene- gouwe, ze Bräbant und ze Haspengouwe, Kurt Wagner, Tristrant I, 22*; K. Vossler, Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung, 1913, S. 11 ff. • Das Verhältnis Lothringens zu Deutschland und Frankreich und damit die nationale Stellung Veldekes ist deutlich ausgesprochen im Servatius. Er unterscheidet Gallia, d. i. das altrömische Gallien, I, 438 f. 1113 ff. 1529. 1597. II, 221; Vrankrike = das karolingische Frankenreich, 1, 2154.2355.11,612.619.1056 ff. (Frankreich u. Lothringen bis an den Rhein) 1084.1101; Karlingen II, 1115; Lothringen (worin Tongern, Maastricht) I, 3207.11,1011 ff. (zwischen Maas u. Rhein) 1112 ff. (zwischen Deutsche Literaturgeschichte III 6 Rhein u. S6ne).2814; Lothringen als Lehen für Herzog Heinrich v. Sachsen (von der Maas bis an den Rhein) II, 1076 ff.; Herzog Giselbrecht V.Lothringen 1758 ff.; Lothringen als Teil des alten römischen Galliens betrachtet I, 438 f.; von Frankreich unterschieden II, 1056 ff.; von Karlingen unterschieden, als Lehen von der römischen Krone II, 1113 ff., vgl. 1101 f.; Deutsche u.Franzosen unterschieden: dietsce, walsce I, 675, beide Dütsken ende Walen I, 1113 f., in diedsken, in walsken ende in vriessken (also friesisch von niederd. bzw. niederländ. unterschieden) I, 681 f. Vgl. Kalff S. 32 f. 48; Wilhelm, Gesch. d. Schrifttums in Deutschi. S. 29. 31 ff. 82 Die erzählende Dichtung dichtes ist ein Stück Familiengeschichte des Thüringer Fürstenhauses enthalten: der Landgraf Ludwig II. (13474) starb 1172. Die vier von Veldeke genannten Herren sind, dem Alter nach, seine vier Söhne, Ludwig III., Friedrich, Heinrich und Hermann. Landgraf Ludwig III., sein Nachfolger (13454. 87), vermählte sich, wahrscheinlich 1174, mit der Gräfin Margarete v. Cleve und starb 1190 auf der Kreuzfahrt Barbarossas; Graf Heinrich, f 1180, war es, der, wahrscheinlich bei dieser Hochzeit, sich die Handschrift aneignete (13457 ff.); Hermann, der Pfalzgraf von der Naumburg bei Freiburg a. d. Unstrut (13468—88),> wurde später nach Ludwigs III. Tode 1190 Landgraf von Thüringen; ihn besonders und darauf in zwei Zeilen (13489 f.) den Grafen Friedrich feiert der Dichter als seine Gönner. Die chronologischen Zahlen für die Abfassungszeit der En. sind also wahrscheinlich: 1174 die Clever Hochzeit, damals war das Werk bis ca. 10930 gediehen; und danach neun Jahre später die Rückgabe der Originalhandschrift, wodurch die Vollendung des Gedichtes ermöglicht war. Die Veröffentlichung muß nach 1184, dem Fest zu Mainz, und jedenfalls vor 1190, dem Todesjahr Ludwigs III. und Regierungsantritt Hermanns, fallen, also wohl zwischen 1184 und 1188. 2 — Nach Thüringen brachte Veldeke das höfische Epos antiker Richtung und mehr als anderwärts wurden dann hier zu Beginn des 13. Jh.s klassische Sagenstoffe in deutschen Dichtungen erneuert (Herbort v. Fritzlar, Albr. v. Halberstadt, vielleicht Biterolfs Alexander). Veldekes Sprache 3 im Servatius und in der Eneide ist nicht der Dialekt seiner heimischen, niederländischen Maastrichter Mundart, sondern die mittel- 1 Schröder, Anz.41, 89; Wilmanns, Walther zu 19, 9. 2 Lachmann, Anm. zu Iwein 6943; Behaghel S. CLXI1I nimmt 1186—88 an; nach Schröder, ZfdA. 47,291—301 erfolgte der Abschluß 1183, aber 1188/89 wäre das Ganze sprachlich überarbeitet (so schon Kraus S. 142 ff.) und um die Verse über das Mainzer Hoffest sowie durch Zutaten im Epilog erweitert worden; vgl. ferner Baesecke, ZfdA. 50, 378 ff. (1183 — 90), Schröder, ebda 106—09. — Schwie- tering S. 62—65 hält die Autorschaf t Veldekes für die Verse 13429—90 für sehr zweifelhaft. In der Tat scheint der ganze Epilog 13429— 528 nicht aus einem Gusse zu sein; die zwei von Schwietering getrennten Teile 13429— 490 u. 13491—528 sind wohl zwei verschie- deneEpiloge. Ob aber von verschiedenen Verfassern? Oder waren die Verse 13491—528 ein älteres, zur ersten Ausgabe gehörendes, die Verse 13429—90 aber ein zweites, später vom Dichter verfaßtes u. in ein späteres Manuskript eingetragenes Nachwort? — Zum Prol. bzw. Epil. vgl. noch Baesecke, ZfdA. 50,366ff.; Schröder, Gott. Nachr. 1909, 74 f.; van Dam, Vorgesch. S. 121. Zum Besuch Barbarossas von Pallas'Grab (En. 8374 ff.): Bolte, Wickram, Bd. 8 S.XVII. 3 Sprache. Lachmann, Kl. Sehr. S. 157 f. (erste Erwähnung von Veldekes Sprache); Pfeiffer, Germ. 3, 492 ff.; Bartsch, ebda 5, 406—31; Lambel, ebda 23,190f.; Behaghel S. XXXVII— CXI; Vogt, MF. 3 S. 335 ff.; Braune, Kraus, van Dam s. oben; s. auch Behaghel, Schriftspr. u. Mundart; Roethe, Reimvorreden (S. 36 Anm. 1). — Der limburgische Dial.: BORMANS in d. Einleitung zu d. Ausg. d. Servatius; J. H. KERN, De Lim- burgsche Sermoenen, Groningen 1895; Ders., Festg. f. Sievers 1896, 221—30, dazu Behaghel, Lbl. 1898, 115; Fel. Leviticus, De klank-envormlaer v. h.mndl. dial.d.St.-Serv.- Leg., Gent 1892; Ders., Laut- u. Flex.-lehre d. Sprache der St. Serv.-Leg. H.s v. V, Diss. Leipz. 1899, dazu Kern, Museum aaO., Ehrismann, Lbl. 1902, 65 f.; Gierach, Eilharts Tristrant S. 130 ff. 227ff.; Kempeneers, H. v.V, Beil. I; Frings, ZfdA.56, 281—88; Ders., Anz. 38, 280 ff.; Ders., Beitr. 39, 362 ff. 41, 193 ff. 42, 177 ff.; Agathe Lasch, ebda. 39, 132; Frings u. J. van Ginneken, ZfdMund. 14 (1919), 97 ff.; John Holmberg, Eine mittel- niederfrk. Uebertrag. d. Bestiaire d'Amour, Uppsala Univers. Ärsskr. 1925 ; Naumann, Gesch. d. dt. Literatursprache (1925) S. 13 f. — Einzelnes: H. W. Church, The Compound past tenses ... by H. v. V, Journ. of Engl, and Germ. Piniol. 15 (1915), 1 ff.; Fremdwort bei Veldeke: ScHRÖDERbeiKRAUS,H.v.V.S.180ff.; s. Reg. § 15. Heinrich von Veldeke 83 fränkische Literatursprache, wie sie in den rheinischen Dichtungen vor ihm ausgebildet war (s. ob. Eilh.). Er steht also damit in einem gegebenen Literatur- und Kulturzusammenhang und diese rheinisch-mitteldeutsche Sprache erleichterte zugleich die Verbreitung seiner Eneide in Mitteldeutschland überhaupt und auch in Oberdeutschland, zumal er sich auch von ausgesprochen mittelfränkischen Sonderheiten freigehalten hat. S. Servatius 1 Veldekes frühestes Werk ist die gereimte Legende von Servatius, dem Heiligen von Maastricht. 2 Hss.: Bormans' Hs. (in Privatbesitz), Pap. 15. Jh.; Bruchstücke: München, W. Meyer, ZfdA. 27,146—57 (= II, 2064—117), Leipzig (sehr verstümmelt), Berth. Schulze, ZfdA. 34, 218—223 (= I, 453—657); beide Brachst., Perg. 12. Jh., gehörten wahrsch. zu ein und derselben Hs.; Schärpe, Leuvensche Bijdr. 3 (1899), 5—22; Kempeneers, Beil. II. Die erhaltenen Hss. geben den ursprüngl. Text nicht genau wieder. Inhalt. Im Prolog 1—153 wird nach der Anrufung der drei göttlichen Personen 1—135 eine Rede über den Text .Wachet und betet' vorgetragen. Die Legende zerfällt in 2 Bücher: Erstes Buch, Geschichte des Heiligen während seines Lebens 154—3224. a) Seine Jugend 154—431. Er ist ein Nachvetter Jesu, Brudersohn der heil. Elisabeth; er wird Priester in Jerusalem, ein Engel führt ihn auf Befehl des Heilands nach Gallien, um dort das Christentum zu verkündigen, b) Serv. Bischof v. Tongern 432—950. Das Pfingstwunder. c) Serv. Mönch in Maastricht 951—1410, Gott verkündigt ihm den kommenden Einbruch der Hunnen, er wird von den Bischöfen als Abgesandter nach Rom geschickt, d) Reise nach Rom 1411—1796, Reisemirakel, Vision in der Peterskirche, Petrus gibt ihm einen silbernen Schlüssel mit der Gewalt zu binden und zu lösen, e) Rückkehr von Rom 1797—3224, S. fällt in die Hände der Hunnen, das himmlische Licht im Kerker; das Windadler-Wunder; 3 er bekehrt Attila, der aber wieder abfällt; Rückfahrt über die rheinischen Städte nach Maastricht; sein baldiges Ende (13. Mai). — Epilog 3225—54. Zweites Buch, Geschichte des Heiligen nach seinem Tode (TranslatioundMiracula 1—2915). 4 a) Einleitung 1—552. Einfall der Hunnen, Geschichte vom Ende des Bistums Tongern; Wunder an seinem Feiertag, b) Schicksale des Leichnams des Heil, und einzelner Teile 553—2915. Karl d. Gr. läßt seine Gebeine erheben 553—1006; Ludwig d. Fromme, die einfallenden Dänen 1007—1122; Heinrich I. nimmt Serv. zum Patron, Stiftung von Quedlinburg 1123— 67; Ottol., die Gebeine des Heil, werden nach Quedlinburg gebracht, aber von den Maastrichtern entführt 1168—1544; Otto IL, stiftet Bistümer 1545—52; das Reich der VerVerwirrung; Schädigung des Kirchengutes 5 1553-2000; der gute Kaiser Heinrich (III.) läßt 1 Lit. zum Servatius. Ausg.: J.H. Bormans, Maestricht 1858; Piper aaO. S. 79—241. — Bartsch, Germ. 5, 406—31; O. Greifeld, Serv., e. obd. Legende d. 12. Jh.s, Diss. Berl. 1887 (der obd. Serv.); Fr. Wilhelm, S. Serv. oder Wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde, München 1910, dazu Beha- ghel, Lbl. 1911, 137—42; Bernt, Anz. 35, 25—33, Levison, Westd. Zs. 30 (1911), 510— 17, Ders., N. Arch. 37, 331. 41, 333 f., Cbl. 62, 1153; Marie Koenen, Hendrik van Veldeke's Sint Servatius legende, Bussuml912; A. Kempeneers, H. v. V. en de bron van zijn Serv., Antwerpen 1913, dazu G.van Poppel, GRM. 1915, 277—79, Schröder, Anz. 38, 107—09, Wilhelm, Münch. Mus. 4, 124 ff. 2 Der Dichter d. Serv. nicht eine Person mit dem der Eneide: Konr. Hofmann, Weinhold, Jonckbloet, s. Behaghel S.CLXVff., später auch R. M. Meyer aaO.; zweifelhaft Schwie- teringS.63; Ders.: Serv. später als En. 3 Serv. entschläft an e. heißen Tage bei der Landstraße, Gott sendet e. Adler, der ihm mit den Flügeln Kühlung zuweht, vgl. Grimm, Mythol.*527;SCHÖNBACH,Festschriftfür Franz v.Krones.Graz 1895, S.67—77; Wilhelm S.52 Anm.a (alte Sage); Vogt, MF. 3 S.341 f.; Die S. Serv.platten im Mus. f. Kunst u. Gewerbe in Hamburg, Führer durch d. Hamburger Museum, Hamburg 1893. 4 Die Reliquien des Heiligen haben sich durch die Jahrhunderte erhalten; üb. den Schlüssel s. Wilhelm, Reg. S. 315 u. Tafel II. 5 Serv. II, 1651 Golse, s. Wilhelm S. 94, 20 u. Anm. 84 Die erzählende Dichtung sein Kinnbein nach Goslar kommen und ein schielendes Haupt des Heil, aus Gold anfertigen 2001—232; Mirakel: die zwei blutigen Weiber, zwei Jenseitsvisionen 2233—915. — Epilog 2916—70. Quelle. 1 Die Legende hat einen historischen Kern. Im 4. Jh. erscheint der Bischof Servatio v. Tongern als Athanasianer auf der Synode zu Rimini (359, bei Sulpicius Severus Hist. sacra). Die älteste und einfachste Form der Legende bietet Gregory. Tours (f 594) in seiner fränkischen Geschichte II, 5 von dem Bischof Aravatius von Tongern: seine Romfahrt wegen des Hunneneinfalls, sein Abschied von Tongern, sein Tod auf dem Wege nach Maastricht; im Liber de gloria confessorum Kap. 71 (72) erzählt Gregor die Translatio des Heiligen. Eine wichtige Stufe in der Legendenliteratur des heil. Serv. bildet die Geschichte des Lütticher Bistums von Heriger v. Lobbes (um 980), hier ist auch von der Verwandtschaft des Serv. mit der heil. Familie die Rede. Spätere Legenden, besonders die des Jocundus (um 1090?) statteten die Geschichte des gefeierten Kirchenfürsten mit immer neuen Taten und Wundern aus. Charakteristisch für die Servatiuslegende und somit auch für Veldekes Gedicht ist der starke historische Gehalt. Die Person des Heiligen steht in engem Zusammenhang mit den Zeitereignissen, ja seine Schicksale, sowohl während seines Lebens als nach seinem Tode, vom Hunneneinfall und der Romfahrt bis auf die Stiftung des Goslarer Doms durch Heinrich III., sind Ausstrahlungen historischer Ereignisse. Dabei ist der I. Teil ein Stück lothringischer Kirchengeschichte, der II. Teil enthält die Beziehungen der Kaiser zu dem Maastrichter Bischof; und die ganze politische Richtung ist ein Ausdruck der kaiserfreundlichen Haltung des lothringischen Klerus, insbesondere auch der Diözese Lüttich, zu der Maastricht gehörte. Mit der Entwicklung des Heiligenkultus wuchs auch die lokaltendenziöse Färbung der Legendenliteratur: die Geistlichen suchten den Einfluß und die Hilfskraft ihres Patrons möglichst zu steigern, wenige aber haben ihren Helden so über alles Maß erhoben wie das Maastrichter Domkapitel und seine Anhänger ihren Lokalheiligen, „den großen Herrn von Maastricht" (II, 2968, s. auch II, 2825). Das den Stoff bildende und ordnende Prinzip ist, ihn mit den höchsten Ehren auszustatten (ere, verb. eren auf S. bezogen häufig im II. Teil, z.B. 318. 349. 352. 597. 599. 633. 839. 949. 1140. 1208. 1257. 1284. 2051. 2098. 2105. 2118. 2231. 2510. 2590. 2816. 2822. 2830. 2853): er ist vom edelsten, von S. Marien Geschlechte, wird zum Vetter des Herrn gemacht, wie ein Apostel wird er von Gott zur Verbreitung des Christentums ausgesandt und nächst den Aposteln ist er in Lothringen gefeiert (II, 2814 f.); er erhält die Schlüsselgewalt wie der Apostelfürst, er greift in die Weltgeschichte ein durch seine Hunnenmission und ist der führende Geist unter 1 Früher (Greifeld) hielt man Jocundus für die Quelle von Veldekes Serv. u. dem obd. Gedicht. Hingegen hat Veldeke eine ältere, in zwei verschiedenen Fassungen umgehende Prosalegende benutzt, vgl. Wilhelm, Einl. S. III— LXX1X u. Münch. Mus. aaO.; Kem- PENEERSaaO.; Levison, N.Arch.37u.41 aaO. ■I § 15. Heinrich von Veldeke 85 den Bischöfen der lothringischen und rheinischen Kirchenprovinzen, und die ganze Kaisergeschichte des II. Teils dient dazu zu rühmen, in welch hohen Ehren er bei den höchsten weltlichen Herrschern stand. Aber freilich, diese Lokalinteressen nehmen auch kleinliche Formen an, sie zeigen einen ängstlichen Eifer um das Kirchengut, wenn die wundertätige Kraft des Gottesmannes zum abschreckenden Beispiel gegen Eingriffe in kirchlichen Besitz benutzt wird. Auch im S., wie überhaupt in der Legendendichtung, besteht die Masse der Mirakel zum wenigsten in eigener Erfindung der Verfasser. Es sind herkömmliche, oft gebrauchte Motive. 1 Aber einige Wundererscheinungen verleihen hier doch dem Gesamtbild eine gewisse feierliche Schönheit: Lichterscheinungen umstrahlen den Heiligen mit himmlischem Glänze (1, 1624. 1828 ff. 2206 ff. 3140 ff. II, 300ff. 1462 ff. 1516 ff.); Natur.und Kreatur greifen nach dem Willen Gottes hilfreich im Menschenleben ein (der Windadler 1, 1891—1943; das Quellwunder zur Erfrischung des Heiligen I, 2033—85; die Erde schmückt sich im Winter mit Blumen und Gras zum Lager des Ermüdeten I, 2965—3044 und seine Grabstätte bleibt im Winter vom Schnee befreit II, 372—406). Der Lyriker Veldeke aber fühlt in solchen Naturstimmungen seiner Vorlage verwandte Klänge angeschlagen und fügt einige Töne hinzu im Stile seiner Lieder (die Sommerfreude 1, 3033—37. II, 940 ff.; der Winterverdruß I, 3028—32. II, 386 ff.).» Servatius gehört zum Typus der heiligen Kirchenfürsten, von Gott in sein Amt eines Heidenbekehrers eingesetzt ist er ein gewaltiger Prediger (1, 166. 651, predikäre 1, 195. 787. 2009. II, 2903 u. ö; mehrfach wörtliche Predigten im Text), mitten im politischen Leben stehend ein Herr bei den Menschen, aber ein demütiger Diener Gottes. Großes erreichte er, aber dem höchsten Ziele, der Menschheit den Frieden zu bringen, mußte er entsagen. Der Dichter versichert, seine Quelle wahrheitsgetreu wiedergegeben zu haben. 3 Wenn er auch nichts Wesentliches verschwiegen und nichts dazu gelogen hat (II, 2924—37), so hat er doch den Rahmen der Überlieferung stellenweise erweitert und sich stilistisch frei bewegt, wobei er leicht in eine gewisse Breite und Weitschweifigkeit verfiel. In Sprache, Stil und Metrik des Servatius befolgt Veldeke schon die Grundsätze, die in der Eneide herrschen, er hat sie aber noch nicht in dem gleichen Maße zur Übung gebracht. Veldekes Servatius, um 1170 verfaßt, ist das erste deutsche Gedicht in der neueren, regelrechteren Form. Aber Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Literatur hat es nicht gehabt. Eine spätere Nachricht läßt schließen, daß es immerhin nicht ganz unbeachtet blieb: 4 der Bibliophile Jacob Püterich 1 Vgl. Goswin Frenken, Wunder u. Taten d. Heiligen. 2 Zu 388 vgl. Walther v. d. Vogel weide 76,1 f. * Solche auch sonst in Prologen od. Epilogen gebrauchte Beteuerungen sind nicht wörtlich zu nehmen. 4 Üb. den obd. Serv. s. Wilhelm aaO. 86 Die erzählende Dichtung von Reichertshausen in Bayern erwähnt ihn in seinem Ehrenbrief (1462), s. ZfdA. 6, 52 Str. 114. Der Ruhm Veldekes aber beruht auf seinem weltlichen Roman. Eneide Hss.: 1 B, Berlin, Perg. 12./13. Jh. (bis V. 11491, mit Bildern; 2 E, Eibach (in Württemberg), Pap. 14. Jh.; G, Gotha, Pap. 15. Jh.; H, Heidelberg, Cod. pal. germ. 368, Perg. 14. Jh.; h, Heidelberg, Cod. pal. germ. 403, Pap. 15. Jh. (bis V. 12598), mit Bildern; 3 M, München, Cod. germ. mon. 57, Perg. 13./14. Jh.; w, Wien, Pap. v. J. 1474. Bruchstücke: Meran, Perg. 12./13. Jh.; Pfeiffers Br., jetzt in Berlin, Perg. Anf. 13. Jh.; Regensburg, Perg. 12. Jh.; Wolffen- büttel, Perg. 12. Jh.; dazu kommen die nach Beh.s Ausg. gefundenen Bruchst.: München, W.Meyer, ZfdA.27, 146—57; München, Keinz, Germ.31, 74.* Die Hss. zerfallen in zwei Gruppen, X mit G, Y mit h als besten Vertretern. Die Grundhs. der uns erhaltenen Hss. (der Archetypus) muß schon um 1190 abgefaßt worden sein. 5 Inhalt. A.Einleitung, Exposition: Zerstörung Trojas, Eneas'Flucht 1—176. B. Hauptteil, Geschichte des Eneas 177—13428. C. Schluß, Verfasser und Schicksale seines Buches 13429—528. Veldekes Eneide eingeteilt nach den Büchern von Virgils Aeneis und den Versen des französischen Romans [Frz.] (der Quelle): Aen. B. I = Frz. 1—838, Veld. 1—909 (darin 1 — 176 Zerstörung Trojas aus Aen. B. II): Eneas wird im 7. Jahr nach der Zerstörung Trojas nach Karthago verschlagen, Meeressturm, von Dido freundlich aufgenommen; Venus entzündet Dido durch Ascanius zur Minne. Aen. II. III = Frz. 839—1196, Veld. 910—1230: Erzählung des Eneas von Trojas Untergang [dazu En. 1—176], Aen. III, die Erzählung von Eneas' Irrfahrt, fehlt Frz. und Veld. Aen. IV = Frz. 1197—2144, Veld. 1231—2528: Didos Liebeskrankheit; Dido und Anna; die Jagd und der Liebesbund; Eneas fährt auf Befehl der Götter nach Italien ab; Didos Tod. Aen. V = Frz. 2145—2260, Veld. 2529—2686: Eneas auf dem Grab des Anchises in Sizilien, dessen Geist gebietet ihm die Fahrt zur Sibille und in die Hölle. Aen. VI = Frz. 2261—3020, Veld. 2687—3740: Eneas bei der Sibille in der Hölle. Aen. VII = Frz. 3021—4106, Veld. 3741—5312: Eneas fährt an die Mündung der Tiber; Latin[us], König v. Laurente, nimmt ihn freundlich auf und will ihm seine Tochter Lavine, die dem Turnus versprochen ist, zur Frau geben, gegen den Willen seiner Gattin; Eneas gründet die Burg Albäne; Beginn der Feindseligkeiten zwischen Eneas und Turnus; dessen Bundesgenossen, darunter Kamille. Aen. VIII =f= Frz. 4107—4824, Veld. 5313—6302: Kriegsrat des Turnus und seiner Verbündeten; Venus und Vulkan, Vulkan schmiedet für Eneas die Rüstung; Eneas fährt auf der Venus Rat nach Spalante (Pallanteum) zum König Evander und gewinnt ihn zum Bundesgenossen, sein Sohn Pallas zieht mit Eneas. Aen. IX = Frz. 4825—5594, Veld. 6303—7266: In Abwesenheit des Eneas bestürmt Turnus Albäne; Nisus und Euryalus; Pandarus und Becias (Bitias); Turnus dringt in das Lager ein, entkommt der gefährlichen Lage. Aen. X = Frz. 5595-5998, Veld. 7267—7914: Eneas kehrt zurück, Pallas fällt durch Turnus; Turnus durch ein Schiff gerettet. Eneas erschlägt Mezentius und dessen Sohn Lamus.. Aen. XI = Frz. 5999—7724, Veld. 7915—9579: Fortsetzung der Schlacht; Bestattung des 1 Behaghel S. I—XXXVII, wo S. I—XI die Beschreibung u. Lit. der Hss. Dazu vgl. die nach Behaghels Ausg. erschienenen Beschreibungen von H in Bartschs Katal. Nr. 195, h ebda Nr. 224; M bei Petzet S.95; Wolffenb. in v. Heinemanns Katal.; Schröder, Gott. Nachr. 1909,82.100t. — Faks. bei Könnecke; Petzet u. Glauning III. 2 Franz Kugler, Die Bilderhs. d. Eneidt, Berl. 1834; M. Hudig-Frey, Die älteste Illustration d. Eneide, Straßburg 1921. 3 Siehe auch Kautzsch, Festg. f. Sievers 1896, 290. 4 Eine Hs. befand sich im Besitz der Grafen v. Zimmern, ZfdPh. 31, 313, Berl. JB. 1899 S. 64. 5 Behaghel S. CLXI. § 15. Heinrich von Veldeke 87 Pallas und Totenklage; Beratung in Laurente: Turnus will Eneas zum Zweikampf herausfordern; Kamilles Heldenkampf und Tod, Bestattung und Klage. Aen. XII = Frz. 7725—10156, Veld. 9580—13306 [13428]: Turnus bietet Eneas den Zweikampf an; Lavine und die Minne, erregtes Zwiegespräch mit der Mutter [Abbruch des ersten Manuskripts 10932]; Fortsetzung der Schlacht, ein Schütze verwundet Eneas; der Zweikampf, Turnus' Ende; das Hochzeitsfest von Eneas und Lavine [das Hoffest zu Mainz]; Ausgang: die Nachfolger des Eneas, Gründung Roms. [Epilog Veld.s 13429—528.] Quelle. 1 Veldeke hat sein Eneasgedicht nicht unmittelbar ausVirgil selbst, sondern aus dem französischen Roman d'Eneas, dem ersten höfischen Epos mit antikem Stoff, übersetzt, der von einem ungenannten normannischen Dichter gegen 1160 (vor Chrestien) in vierhebigen Reimpaaren (ca. 10150 V.) verfaßt worden war. 2 Die Quelle für sein Buch gibt er im Epilog an: er hat es aus dem Wälschen (Franz.) übertragen, es stammt aus dem Lat. und die Bücher {die boech, das Werk), die Virgilius davon schrieb, heißen Eneide; er selbst hat den Sinn nicht geändert, sondern es so ans Licht gebracht, wie er es geschrieben gefunden hat (13505—27, vgl. 376—82). Er hat also den Inhalt nicht wesentlich geändert, aber er gibt ihn sehr frei wieder, er hat dem überlieferten Stoff sowohl stilistisch und technisch als auch zuweilen im Gehalt einen andern Ausdruck verliehen. Das erste, was sofort in die Augen springt, ist die bedeutend größere Verszahl des deutschen Gedichtes: es übertrifft das französische Gedicht um über 3000 Verse, also um nahezu ein Drittel. Damit ist zugleich gesagt, daß Veldeke den Stoff, da er ihn nicht durch erhebliche sachliche Neuschöpfung vermehrt hat, durch nebensächliche Erweiterungen in die Länge zieht, dehnt, anschwellt. Es beruht aber dieses unterschiedliche Maßverhältnis auf einer Wesensverschiedenheit der beiden Stilarten: das französische Gedicht hat einen dramatisch-epischen - Erzählerton, das deutsche einen beschreibend-epischen. Der Franzose erzählt lebhaft, schreitet rasch vorwärts, es kommt ihm aufs Geschehen an, es herrscht Bewegung, viel Leben, viel Leidenschaft, sein Stil ist temperamentvoll, er zeichnet scharf, in ausgeprägten Konturen, Linien. Der Deutsche läßt sich gehen, verbreitet sich über seinen Gegenstand, er sucht ihn auszukosten, bleibt bei Dekorativem und Nebensächlichem haften, häuft ausmalende Einzelheiten, 3 es kommt ihm darauf an, die Vorgänge und Zustände leicht faßlich zu machen und er glaubt wohl auch durch längeres Verweilen das Interesse 1 Quellenberufungen s.BehaghelS.CXXXIV; aufVirgil: 41. 165. 2706. 4581; oft auf die boech, dat boech, auch dat lief, od. auf die Leute, die das Buch gelesen haben; od. Beteuerung, daß er, der Dichter, es so gelesen (vernommen) hat. 3 Ausg. J. Salverda deGrave, Eneas, Bibl. Normannica IV, Halle 1891. Veld.s Benutzung seiner franz. Quelle: Behaghel S. CXLII— CLVIII; Al. Pey, Jahrb. f. rom. u. engl. Litt. II (1860), 1 ff.; J.Firmery, Notes critiques sur quelques traductions allemandes de poemes franc. au moy. äge, 1901, S. 13—54; Barker Fairley, Die En. H.s v. Veld. u. d. Roman d'Eneas, Diss. Jena 1910, dazu Helm, Lbl. 1913,265—67. Veld. u.Virgils Aen.: Chole- vius, Gesch. d. dt. Poesie nach ihren antiken Elementen I (1854), 102 ff.; E.Wörner, Virg. u.H.v.Veld.,ZfdPh.3,106-60; Aug.Decker, Vergleich Virgils mit Veld., Progr. Treptow a.d.Rega 1884; Edm. Faral, Recherches sur les sources lat. des contes et romans du moyen äge, Paris 1913; Olga Gogala di Leesthal, Stud. üb. Veld.s Eneide, Acta Germ. 5, Berl. 1914, dazu Ehrismann, DLZ. 1915,1354—56, Golther, Lbl. 1916, 221 f.; van Dam, Vor- gesch. S. 85 ff.; Kempeneers S. 106 ff. 3 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242. 88 Die erzählende Dichtung der Leser für das Erzählte zu erhöhen; er läßt die Lebensmomente nicht im Geschehen allein an uns vorbeiziehen, sondern er berichtet über sie, die Dinge wirken dann nicht unmittelbar, sondern der Dichter leitet uns auf sie hin. Der Lebensrhythmus ist gedehnt, die optische Auffassung des Stoffes ist flächenhaft. Trotz, oder gerade wegen der größeren Ausführlichkeit ist also das deutsche Gedicht doch weniger anschaulich, das weitgehende Interesse am Kleingegenständlichen verdeckt die festen Linien der Szenerie; demgegenüber ist die Darstellung des französischen Dichters sinnfälliger, leibhaftiger, kräftiger und bringt die betreffenden Partien in ein klareres Gesamtbild. Die Abweichungen und Eingriffe Veldekes, teils mehr zufällig und unbewußt, teils erzählerisch beabsichtigt, lassen sich unter drei Gesichtspunkte bringen: 1. Der Wortlaut des französischen Originals im einzelnen wird breiter und ausführlicher wiedergegeben. Dieser äußerlichste Grund zur Anschwellung liegt in der Begrenzung von Veldekes sprachlichem Vermögen: er besitzt keine stilistische Gewandtheit oder gar sprachliche Phantasie, es fehlt ihm überhaupt nahezu der Begriff der Sprache als künstlerischen Ausdrucksmittels. Er ist ein ganz angenehmer Erzähler, aber kein Künstler. Und die Schwierigkeit, die Gedanken und Worte in die vorgeschriebene Form der Verse zu gießen, in Rhythmus und Reim, ist ein erster, ein unbeabsichtigter Grund zur Weitschweifigkeit. Dadurch benötigte er oft inhaltleeren Füllsels, das sich ihm in Formeln und Flickversen bot, oder er gebraucht mehr und überflüssige Worte für ein und dieselbe Sache. Häufig wiederholt er die gleichen Worte, Wendungen und Reime in kurzen Abständen. Diese rein technische Arbeitsweise Veldekes mit ihrer dem französischen Original gegenüber größeren Umständlichkeit kann man sich veranschaulichen, wenn man z. B. die Partie von des Eneas Ankunft in Libyen Veld. 224 ff. genau mit dem Original 270 ff. vergleicht und Wort für Wort auf die Wagschale legt. 2. Anschwellung ganzer Partien ohne eigentliche Vermehrung der Handlung, durch Schilderungen und Beschreibungen von Personen und Gegenständen, Waffen, Kleidung, von Kämpfen, Burgenbau, Ratsversammlungen, Festen, von Reden, Liebesschmerzen. Diese bloß ornamentalen Ausfüllungen vornehmlich, die anfangs seltener sind, bes. gegen Schluß aber umfangreicher werden, verursachen die epische Breite von Veldekes Erzählungsweise. Schon der Umfang einzelner Versgruppen kann einen Eindruck solcher schildernder Erweiterungen geben. 1 Der ganze Didoroman geht im französischen Original von 270—2144, bei Veldeke von 245—2528, enthält also bei diesem 408 Verse mehr. Erweitert sind Personenschilderungen, z. B. die Sibille Frz. 2267—72, Veld. 2689—741; Kampfschilderungen: En. u. Turnus Frz. 9275—838, Veld. 11605—12207. 12303—634; Reden: Frz. 3277—384, Veld. 4144—344; Ratsverhandlungen: Frz. 4107—243, Veld. 5313—532. Die Festschilderung als Abschluß der Schicksale des En. ist fast ganz eigene Zufügung Veld.s 1 Behaghel S. CXLVII. § 15. Heinrich von Veldeke 89 12759—75. 13133—252. Aus gelehrtem Interesse hat er der Geschichte des Eneas einen chronikalischen Abschluß gegeben 13332 — 412. Zuweilen bestehen derartige Zusätze auch nur in kleinen, leicht übermalenden oder näher bestimmenden Zügen, die immerhin das Bild leise beleben können. Hierher gehören auch Andeutungen der Stimmung und des Gemütslebens der betreffenden Personen, oder Motive aus der Natur, bes. bei Angabe der Tageszeiten. 1 Den beschreibenden Stil Veldekes gegenüber dem dramatischen des franz. Romans kann die Jagdvorbereitung klarmachen. Frz. 1445—79, Veld. 1678— 1741: im franz. Roman ist die Rüstung zur Jagd ein lebensvolles Schauspiel, man sieht und hört das Aufmarschieren, den Lärm der Jäger und Hunde, die zusammenströmende Jagdgesellschaft ist in regster Bewegung 1457—65; Veldeke bringt statt dessen nur einen Bericht, daß Dido den Auftrag zur Jagd gibt 1678—86 (mit den unbeholfenen Versen 1679. 80 und dem Flickvers kalt auf walt 1682). Bezeichnend für die schwerfällige Schilderungsart Veldekes ist seine Beschreibung von Didos Kleidung, wo die einzelnen Stücke gewissenhaft der Reihe nach aufgezählt werden, immer mit gleichförmigem „war": „ihr Hemd war fein..., daran war" usw. Im franz. Roman ist die Darstellung der Gewandung in Handlung aufgelöst, Dido legt sich selbst die einzelnen Stücke an, ganz nach echt epischer Darstellungsweise. Dort auch ist das Interesse mehr auf dieMenschen gerichtet: göttergleich sind die beiden Gestalten, Dido erscheint dem Eneas wie Diana,, die schöne Jägerin, er in seiner Jagdrüstung gleicht dem Phöbus. Und dagegen Veldeke: ihm ist die Hauptsache der Glanz des Reitkleides der Dido 1750—55 r ihr Jagdhund 1766—75, das Leitseil 1776—87; erst dann kommt matt hinten- nach in je zwei Zeilen der Vergleich mit Diana und Phöbus, wobei der Leser belehrt wird, daß jene die Göttin des Waldes, dieser ein sehr erhabener Gott ist. 3. Tiefer im Bewußtsein begründet als die sprachlichen Ausdrucksmittel (1) und die formale Anschauung des Lebens (2) ist das Bildungsideal und die ethische Auffassung vom Menschen. Beide Dichter vertreten die gleiche Kultur, die höfische Welt des Rittertums mit den Lebensgebieten der Tapferkeit und der Minne; Eneas ist nicht nur ein Kampfesheld, sondern auch ein Liebesknecht. Der Eneasroman hat dazu noch die ausgesprochene Tendenz, das Wesen der Minne zu ergründen und darzustellen. Die Liebesreden und Liebesklagen in der Laviniaepisode sind poetische Einkleidungen einer Minnetheorie, sie bilden eine Minnelehre. 2 All das hat Veldeke aus seiner 1 franz. Quelle übernommen, aber er hat auch hier idealisiert. Er hat die gesellschaftlichen Lebensformen verfeinert, er ist höfischer und aristokratischer, er beobachtet peinlich die Sitte, diese aber ist beherrscht und ge- 1 Gog. di Leesthal S. 114 ff.; Roetteken S. 133 ff. (Natur), S. 161 ff. (inneres Leben); Ganzenmüller, Naturgefühl, Reg. S. 301. 2 MinnebeiVeld.:R0ETTEKENS.182ff.;G0G. diLeesth. S.56—66; Weise, Sentenz bei H. v.Aue; Schwietering, Festschr. f. Ehrismann S. 40 ff. 90 Die erzählende Dichtung regelt durch die mäze, die zuht. 1 Niedere Personen werden im Stande erhöht: die Hirten des franz. Romans, pastor 948, werden zu Kriegern, onse knechte Veld. 996; Bauern aus der Gegend laufen zum Kampf zusammen, Franz. 3631, bei Veldeke 4682 ff. sind es Burgmannen; im franz. Roman 8812 ruft ein archier, Schütze, Lavine zu — Veldeke 10846. 58 macht ihn zu einem Joncher' und Verwandten des Königs. — Auf Einhalten feiner Lebensart sieht Veldeke bei Botschaften, Begrüßungen, Empfängen, Reden. In der erregten Ratsversammlung wird von Drances noch, gegen das Original, ganz speziell hervorgehoben, daß er ein sehr fein höfisch gebildeter Mann war und vele getogenlike (8529. 31) antwortete (Franz. 6633—6804, Veld. 8528 —741); beschimpfende Wörter in der Hohnrede des Turnus, wie felonie, coardise (Feigheit) 6754 f., werden unterdrückt. Gar die respektwidrig naturalistische Schilderung, wie die tapferen Ritter beim Ausbruch des Unwetters ein panischer Schrecken ergreift, so daß sie nach allen Seiten fliehen, der Kühnste zum Feigling wird, der Stärkste vor Furcht zittert, mußte dem wohlerzogenen Hof mann Veldeke ein Greuel sein (Franz. 1511—13, Veld. 1816 ff.); und bezeichnend ist, daß er das vorlaute Benehmen eines Ritters als einen höfischen Ausnahmefall hinstellt: he was ein spotäre, swie er ein ridder wäre 10944—64. Besonders aber vermeidet Veldeke möglichst alles, was den höfischen Anstand, die zuht, verletzt, darum mildert er drastische Stellen, heftige Affekt- und Schmerzausbrüche des franz. Romans. Jedoch die höchste Leidenschaft kennt keine Schranken der Erziehung: weinend bricht die betrogene Dido in Anklagen und Schelten (2205) gegen En. aus. Die alte Königin vollends ergeht sich in ihrer Wut in heftigen Beschimpfungen (4144— 4344. 13012—92). Diese, mit Turnus die Gegenspielerin des Liebespaares im Laviniaroman, steht ihm außerhalb der höfischen, ja menschlichen Gesetze: sie ist ihm eine Teufelin; aber er streicht die obszönen Züge, die das franz. Gedicht breit auseinandersetzt (Franz. 8445 ff., es ist ein Protest gegen die Sodomie der Griechen). Sonst idealisiert Veldeke wie die Gesellschaftsformen so auch den Charakter der Menschen. Vor allem Didos: er kehrt ihr starkes Ehrgefühl hervor und den innern Kampf, den ihre weibliche Ehre mit dem Liebesbegehren führt 1304f. 1402. 1460. 2044, vgl. 855—59. 1322ff. 1650ff.» Die schwierigste Aufgabe in dem Gedichte war die Zeichnung des Charakters des Helden, besonders seines Verhaltens gegen Dido. Dieser Rolle ist Veldeke noch weniger gerecht geworden als sein franz. Gewährsmann. Zu einem innern Kampfe kommt es bei ihm überhaupt nicht, stumpf befolgt En. den Befehl der Götter und hat für die Verlassene nur nichtssagende Redensarten: des wart bedroevet sin moet 1970, dat skeiden dede heme we 1992. 2055. 2065. 2165 f. 2168 f. 2532. 2536; er weiß, daß er Dido Schmerzen bereiten wird 1982 f., aber am meisten bedauert er sich selbst 2050 f., das Hauptanliegen ist ihm, mit guter Art davon zu kommen 1984—91. Im franz. Gedicht ist 1 Behaghel S.CLV; Gog. di Leesth. passim; Regine Strümpell, Progr.Erlangenl917. 2 Gog. di Leesth. S. 26 ff. § 15. Heinrich von Veldeke 91 der Götterspruch für En. ein Schicksalswendepunkt, ein tragisches Leiden, der Leser tut einen Blick in seine Seelenkämpfe 1625—44. 55—57 und En. gibt eine klare Begründung seiner Handlungsweise, wobei er auch Worte für seine Liebe hat 1759—90. Veldeke hatte dagegen nicht das poetische Einfühlungsvermögen in ein solches Seelenleiden, während er Verstöße gegen äußerliche Hofetiquette wohl bemerkt. Die selbständige Stellung, die Veldeke seiner Quelle gegenüber einnimmt, zeigt sich schließlich auch in verschiedentlichen Weglassungen einzelner, ■ einigemale sogar umfangreicherer, Stellen, die für den Entwicklungsgang der Handlung unwesentlich sind. Auch verfährt er zuweilen frei mit der Aufeinanderfolge des Textes: durch Umstellungen sucht er einen geordneteren , Zusammenhang zu schaffen oder Widersprüche zu beseitigen oder bessere Übergänge zu gewinnen. 1 Aus solchen Änderungen erhellt ebenfalls, daß Veldeke planmäßig gearbeitet hat. Dem Unterschied zwischen der gedrungenen franz. Darstellung und der breiten deutschen entspricht auch der Versbau: das Ethos des franz. Verses beruht in seiner dipodischen Anlage, es ist die Kraft des rhythmischen Ausdrucks, die Betonungsstärke der zwei die Haupthebungen tragenden Wörter und der regelmäßigen Wiederkehr dieser Kraftträger. Festigkeit, Klarheit, Bestimmtheit ist der Charakter dieser in Parallelismus und Antithese sich markierenden Rhythmik; der gleichmäßige Wechsel zwischen Hebung und Senkung (der alternierende franz. Typus), die in fast jedem Verse wiederkehrende Spaltung in zwei gleiche akustische Hälften verleiht der Massengliederung und der Deklamation eine gewisse Einförmigkeit und Starrheit. Demgegenüber ist der Vers Veldekes viel freier, sowohl in der Behandlung der Senkungen als auch in der Verteilung der Haupthebungen, denn er ist monopodisch. 2 Und endlich auch der Satzbau hängt mit diesem Versprinzip zusammen, denn wie einfach auch Veldekes Konstruktion noch ist, so ist sie doch grundsätzlich von der des franz. Originals verschieden, weil sie nicht wie diese ausgesprochen parataktisch ist. Faßt man die vorhergehenden unterscheidenden Merkmale in der Darstellung beider Dichter znsammen, so findet man die zwei gegensätzlichen Stiltypen: der Franzose ist Realist, der Deutsche idealisiert, jener schreibt und denkt sensualistisch, dieser sentimentalisch, jener schöpft aus dem Leben, dieser aus der Schule, jener bewegt sich frei in der Welt der Erscheinungen, dieser hält sich ängstlich an die Regeln der Sitte. Es ist schließlich ein Widerstreit zwischen Natur und Kultur. Man wird dem Franzosen die stärkere dichterische Veranlagung zuerkennen, man wird dem Deutschen seine ethischen Grundsätze zugute halten, auch wo er sie pedantisch befolgt 1 BEHAGHELS.CXLIXff. 2 Dipodischer Bau: der Vierheber zerfällt dem Sinne u. der Betonung nach in zwei gleiche Hälften, deren jede eine Haupt- u. eine Nebenhebung enthält (s. LG. I, 185); monopodisch gebaut sind die Verse, in denen die Haupthebungen frei sind, d. h. der Zahl nach 2 od. 3 od. 1 od., selten, 4. Der Vers besteht dann nicht aus zwei gleichen Sinnes- u. Betonungshälften. 92 Die erzählende Dichtung Schließlich beruht der Unterschied zwischen Veldeke und seinem franz. Vorgänger auf der Verschiedenartigkeit der Bildungsanschauung der beiden Völker und der beiden Dichter, also in dem Charakter der Nationen, denen sie angehören. Von den historischen Erwägungen ist denn auch auszugehen, wenn man die Bedeutung der beiden Persönlichkeiten endgültig bemessen will. Gewöhnlich wird nach nationalen Sympathien geurteilt, dann ist der franz. Eneasroman ohne weiteres der deutschen Eneide überlegen, oder umgekehrt, der deutsche Dichter hat mehr Tiefe u. dgl. Der Literarhistoriker aber hat nicht nur den ästhetischen und ethischen Gehalt einer Erscheinung zu bewerten, sondern er hat sie auch aus ihren historischen Bedingungen heraus zu erklären und zu verstehen. Die Beurteilungsbasis für Veldekes Leistung ist im Geiste seines Volkes gegeben. Seine dichterischen Grundsätze mögen rein künstlerisch betrachtet bedenklich oder einseitig sein, sie haben aber historisch ihre Berechtigung, es sind Bildungselemente der Nation, die alsbald in der Pflege stärkerer Geister erhabenste poetische Schöpfungen des MA.s zur Reife brachten. Veldeke hat jenes Ziel einer schönen und tiefen Bildung vor Augen gehabt, seine Kraft aber war zu schwach, es zu erreichen. Der Gehalt seiner Dichtung ist ihm nicht zu einem tiefen sittlichen Erlebnis geworden. Die Tragik innerer Zerrüttung haben erst Hartmann und Gotfrid zu empfinden und auszudrücken verstanden und am ergreifendsten Wolfram: ihnen ist die Grausamkeit des menschlichen Lebensloses, sich in Schuld verstricken zu müssen, zur eigensten innern Wahrheit geworden. Veldeke hat seine Aufgabe nur in der Bildung des höfischen Rittertums gesucht, Hartmann, Wolfram und Gotfrid erhoben ihre Ziele ins allgemein Menschliche, zu ewigen sittlichen und darum tragischen Gesetzen. Aber um ihn richtig zu würdigen, muß man die Schwierigkeiten in Rechnung bringen, die ihm die Neuheit seines Unternehmens, die Begründung eines modernen höfischen Stils, geboten hat. Virgils Aeneis und der mittelalterl. Eneasroman. 1 Der franz. Dichter hat den klassischen Stoff in mittelalterl. Anschauung übertragen. Wie hat er, und mit ihm Veldeke, die Antike aufgefaßt? In dieser Frage verdichtet sich das Problem von dem Unterschied des klassischen und romantischen Geistes. 2 Es sind zwei verschiedene Welten: dem Römertum war Virgils Dichtung das Nationalepos, das die wunderbare Entstehung seines Weltreichs besang, das ehrwürdigste Denkmal seiner ganzen gloriosen Geschichte — das romantische MA. dagegen legte seine Ideale hinein, die ritterlichen Gemütsmächte Heldentum und Minne. Aus einer großen, weltbewegenden Idee war eine zeitlich begrenzte Standesphantastik geworden, statt der Eroberung eines neuen Vaterlandes und der neuen Zukunft eines untergegangenen Volkes entfaltet sich das Lebensbild des Ritters mit seinen Kampf- und Liebesabenteuern. Der weltumspannende Horizont ist in Schranken geengt, der 1 Virgil im MA. s. oben Einleit. Mittelalterl. S. 56 f.; Meier Helmbrecht 41—53. bildl. Darstellungen zu Virgils Aeneis: Carm. 2 Schwietering, ZfdA. 61,61 ff. u. Festschr. Bur. S. 54 f., dazu d. lat. Ged. Nr. CXLIX aaO. § 15. Heinrich von Veldeke 93 ethische Gehalt ist abgeblaßt. Schon die Komposition zeigt es deutlich: Virgils Aeneis besteht aus zwei Hauptteilen: die Irrfahrten des Helden mit ihrem Höhepunkt in dem Liebesroman der Dido, und die Eroberung der neuen Heimat. Die mittelalterl. Aeneide dagegen ist dreiteilig: die erste Liebesgeschichte, der Didoroman, mit tragischem Ausgang, darauf die Kämpfe ums neue Land, dann eine zweite, erst von dem franz. Dichter ausgesponnene Liebesgeschichte, der glücklich endende Laviniaroman, der bei Virgil nur im Keime liegt (die sieben Verse Aen. XII, 64—70). 1 Also eine Verstärkung des echt höfischen Elementes der Minne im Sinne Ovids mit scholastischspitzfindiger Liebeskasuistik, womit die dem antiken Geiste innelebende heroische Stimmung stark zur mittelalterlich sentimentalen verschoben wird. Virgils Werk ist aber nicht nur einer historischen Tendenz, dem Weltimperiumsgedanken, entsprungen, sondern es ist zugleich der Ausdruck einer ewigen Idee, einer Weltanschauung: es ist die Religion des Stoizismus, der Wille der Gottheit waltet unbedingt, und des Menschen Frömmigkeit ist Hinnahme des göttlichen Willens. Das ist zugleich christlicher Glaube, aber die mittelalterl. Dichter haben diesen Grundgedanken nicht durchdringen lassen können. Das mythologische Wesen ist bei ihnen in den Hintergrund gerückt und zur Staffage geworden, es ist eine weltliche Regierung so gut wie in einem andern irdischen Staat; haben doch diese Götter schon bei Virgil höchst menschliche Leidenschaften. Aber es war auch nicht möglich, den göttlichen Willen, der den sittlichen Mittelpunkt des klassischen Gedichtes ausmacht, ohne weiteres mit dem Willen Gottes zu identifizieren, und so ging die Ethik des mittelalterl. Romans des Begriffes der Pietät: (pius Aeneas) verlustig. Damit sinkt auch das sittliche Pathos des Helden, sein Verhalten gegen Dido ist unmännlich im französischen, jämmerlich im deutschen Gedicht. Die innere Tragik hat freilich auch Virgil nicht durchgekostet, den Kampf zwischen der Pflicht des Göttergehorsams und der Liebestreue; aber seine römischen Leser empfanden die Flucht des schwachen Helden nicht als Gewissensschuld, denn es handelte sich ja nur um die Zertretung eines Weibes, und das war eine Bagatelle gegenüber der Erfüllung seiner göttlichen Mission, die ihm eine Weltmacht einbrachte. Der Stil 2 der Eneide als Kunstsprache ist einfach, ohne besondere rhetorische Schmuckmittel und noch sehr formelreich, die freiere Beweglichkeit der Wortkunst Hartmanns hat Veldeke noch nicht erreicht. Doppelglieder, Quellenberufungen, Beteuerungen, Wendung an die Zuhörer, Übergangsformeln, Stimmungsformeln, Flickverse. Geringes Verständnis für ge- 1 Brief der Lavinia s. Brief der Isalde in Eil- harts Tristrant; Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 S.43f. 2 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242 ff.; Behaghel, S.CXXI—CXLII; v. Muth S. 649 ff.; ROET- teken, Die epische Kunst Heinrichs v. Veld. u. Hartmanns v. Aue, Halle 1887, dazu Erdmann, ZfdPh. 23,354, Wilmanns, DLz. 1888, 1186, Ehrismann, Lbl. 1888, 527—29; Burdach, Reinmar Reg. S.233. — Stichomythie: W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 245; Bethmann, Graf Rudolf S. 123 ff.; Singer, Wolframs Stil S.20; FiRMERYaaO.; Gogala di Leesthal aaO.; Redeeinführung: Ludwig, Albr. v. Halberst. S. 44—48; Schwartzkopff, Rede u. Redeszene pass.; Formeln: van Dam, Vorgesch. S. 115 ff.; Anredeformen: ZfdWortforsch. 2, 133-36. 94 Die erzählende Dichtung • wählten Ausdruck zeigt die häufige Wiederholung gleicher Worte oder desselben Gedankens. Der Satzbau ist einfach und korrekt, kurze Perioden, häufige Anreihung mit doe; öfters Parenthesen. Beliebt ist Anapher, hervortritt dabei die Spielerei mit dem Worte Minne 10246 ff. 11097 ff. und in Epiphora (Wiederholung am Ende des Verses) 11149 ff. Besonders fremdartig dem german. epischen Stil ist die „Stichomythie", die kurze erregte Wechselrede, wo Frage und Antwort Schlag auf Schlag folgen. Sie ist ein klassisches Kunstmittel, Veldeke hat sie aus seiner franz. Vorlage übernommen, aber später, in der Lavinia-Episode, auch unabhängig von jener angewendet (608 ff. 1460 ff. 2018 ff. 9789 ff. 9966 ff. 10556 ff. 12900 ff.). Stilistische Prunkstücke sind die Rührszenen, die Liebesklagen der Dido und der Lavinie und die Totenklagen um Pallas und Kamille. Metrik. 1 Die Reime sind, mit nicht ganz wenigen Ausnahmen, rein. Vokalisch ungenau sind z. B. ander-.wonder, laste-.beste, konsonantisch ungenau dingen -.gewinnen, klageden : haveden u. ä.; überschüssige Konsonanten : oft e : en, aber auch dochter : mochte. Mitteldeutsch reine Reime sind z. B. i: e wie vride : rede, kinde : ende, u : o wie wollen : hulden, bogen: vlugen, ä (nicht umgelautet): ce: rate : tcete; inl. / (v) : b: neve : gebe, ausl. p :f: liep : brief, ch :ft: nacht: kraft, Abfall des ausl. ch nach langem Vokal: ho : frö. — Einsilbigkeit der Senkung ist Norm, doch wird sie auch überschritten, andrerseits fehlt die Senkung auch häufig. Lieder: Wie das moderne Epos französischen Stils, so hat Veldeke auch den romanisierenden Minnesang als erster (neben Friedrich v. Hausen) in deutscher Sprache nachgeahmt. Unmittelbare Einwirkung auf die Entwicklung hat er kaum gehabt, in die großen Liederhss. sind seine Strophen wohl hauptsächlich wegen seines berühmten Namens aufgenommen worden, er hat sie nicht in hd. Sprache, sondern in seinem limburgischen Heimatdialekt abgefaßt. Über seine Lieder s. unten beim Minnesang. Ein kleineres, erzählendes Gedicht, wohl nach der Eneide entstanden, Von Salomon und der Minne, 2 ist uns verloren und nur aus einer Anspielung in der Versnovelle Moriz v. Craon 3 bekannt: danach handelte es von der Betörung Salomons durch die Liebesgöttin Venus, die ihn mit ihren Pfeilen schoß, als er sie auf seinem Lager anrief, wobei dieses herrlich beschrieben war. Den minnekranken Salomon erwähnt Veldeke auch als Beispiel in seinem Liede MF. 66, 16 ff. Während in Oberdeutschland sich die epische Kunstdichtung nach dem Vorgang Hartmanns v. Aue einem neuen Stoffgebiet, dem Artusroman, zu- 1 W. Grimm, ZGdR., Kl. Sehr.4 Reg. S.332; Behaghel S.CXI—CXXI; Kraus, H.v.Veld.; Braune, Heidelbg.SB. aaO. S.5ff.; Gierach, Sprache v. Eilh.s Tristr. S. 258; Vogt, MF. 3 aaO.; Saran, Verslehre Reg. S. 348, Schröder, Gott. Nachr. 1918 S.386. 416 f.; Pfannmüller, Beitr. 40, 373. Klingende Reime: Schröder, Rittermeeren' S.X; rührende Reime: v. Kraus, ZfdA. 56, 59—62. 79. * Vogt, MF. 3 S.335 ff.; Frantzen, Neo- philol.5 (1920), 368; Öhmann, Beitr.48,137f. 3 BehaghelS.CLXXII— CLXXIV; Schröder, Mor. v. Craon 1158 ff., s. ob. Mor. v. Cr.; Vogt, MF. 3 S.343; Singer, ZfdA. 35, 182; Martin, ebda36, 204; R.M.Meyer, ebda39, 320.326; Panzer, Hilde-Gudrun S. 272; Schwietering S.67 f.; Burdach, Vom MA. zur Ref. II, 1 S.87f. § 16. Herbort von Fritzlar: Das Lied von Troja 95 wandte, wirkte in Mitteldeutschland, in Thüringen und Hessen, das Vorbild Veldekes und auch das persönliche Interesse des Landgrafen Hermann zur weiteren Pflege der antiken Fabeln. Es lassen sich deshalb eine Anzahl mitteldeutscher Dichter aus den ersten beiden Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, die zeitlich erst nach den drei großen Epikern fallen, an Veldeke anreihen, womit auch den äußern Gründen einer übersichtlichen Einteilung Rechnung getragen ist. In unmittelbar literarisch-historischem Zusammenhang mit Veldekes Aeneas- roman steht Herborts v. Fritzlar trojanischer Krieg, und klassischer Umwelt ist auch Albrechts v. Halberstadt Metamorphosenverdeutschung entnommen. In Athen und Rom spielt die Erzählung von Athis und Prophilias, im spätgriechisch-byzantinischen Reich Ottes Eraclius. Außerhalb dieser klassischen und klassizistischen Vorstellungswelt steht Morant und Galie aus dem Sagenkreis Karls d. Großen, ein Ausläufer rheinischer Kunst, und die höfische Novelle von Moritz v. Craon. § 16. Herbort von Fritzlar: Das Lied von Troja (der trojanische Krieg) Li:.: Piper, Höf. Ep. 1, 282—91 (bis 1892). Ausg.: G. K. Frommann, Herborts v. Frits- lär liet von Troye, Bibl. d. ges. dt. Nat.-Lit. Bd.V, 1837. — Bartsch, ADB. 8, 117f.; Wilh. Reuss, Die dichterische Persönlichkeit H.s v. Fr., Gieß. Diss. 1896; Walth. Brachmann, Zum Reimgebrauch H.s v. Fr., Leipz. Diss. 1907; Schröder, Zur Überlieferung des H. v. Fr., Gott. Nachr. 1909, 92—102; Ders., Beitr. z. Textkritik H.s v. Fr., ebda 1918, 72—99; Baesecke, H. v. Fr., Albr. v. Halberst. u. H. v. Veldeke, ZfdA. 50, 366—82, dazu auch ZfdPh. 42, 453—61. Hss.: 1 H, 2 Heidelberg, Cod. pal. germ. 368, Perg. 14. Jh. Der Schreiber nennt in einer Nachschrift am Schluß von Herb.s Lied das Abfassungsjahr der Hs. 1333 und den Veranlasser, den Deutschordensritter Wilh. v. Kirweiler (im Elsaß) in Würzburg. Der Text war in 21 Distinktionen eingeteilt. 3 In der Hs. folgt Veldekes Eneide (Hs. H). — B, 4 Berlin, Brachst., 2 Bl. 537 V., um 1300, aus Frankfurt a. M.; Dial. hessisch od. wetterauisch. — S, 5 Skokloster (Schweden) Brachst., 2 Doppelbl. 734 V., um 1300; Dial. südwestl. Rheinfrk. Von dem Leben des Dichters 6 haben wir nur die spärlichen Nachrichten, die er selbst in seinem Werke über sich gibt, nie wird er bei Zeitgenossen oder von der Nachwelt erwähnt. Sein Gedicht hatte, wie die geringe Zahl der Hss. schließen läßt, keine weite Verbreitung, es war wohl auf das mittlere Mitteldeutschland beschränkt. Die biographischen Stellen sind der Epilog 18450 f. Ez tickte von Fritslär Herbort, Ein gelarter schmiere; und der Prolog 92—98: der Landgraf Hermann v. Thüringen hat ihn zu dem Werke veranlaßt, die französische Vorlage (daz buoch) hat der Graf v. Leiningen 7 dem Landgrafen gesandt. Die Zerstörung Trojas ist in der historischen Anschauung des MA.s die Vorgeschichte 8 zu Aeneas' 1 Schröder 1909 aaO. 2 Frommann S.XXVII-XXX; Bartsch, Kat. Nr. 195. 3 Bartsch aaO.; Schröder S.94—97;Dialekt: Zwierzina, Festg. f. Luick 1925, 123 ff. * Strauch, ZfdA. 21,203—06. „ 0 Psilander, Uppsala Univers. Arsskr. 1917, Progr. 2; Schröder 1918 aaO. 0 Frommann S. XIII—XV; Schröder, Ritter- msren 1 S. VI— XIV. 'Leiningen: Schröder, Rittermeeren 1 S. XIII f. 8 Schröder 1909, 93 f. — Auch Dares u. Dictys deuten am Schluß die Fahrten des Aeneas an. 96 Die erzählende Dichtung Schicksalen, wie denn auch die Heidelberger Hs. Trojanerkrieg und Eneide vereinigt. Durch die persönlichen Angaben H.s ist die Heimat des Gedichtes bestimmt: Hessen, 1 und die Abfassungszeit: nach Gotfrids Tristan und vor dem Tod des Landgrafen, also ca. 1210—1217. Der Prolog 2 und die für Herb.s Stellung zu seiner Vorlage grundsätzlichen Bemerkungen 14150—66 ergeben noch einiges Nähere über seine Persönlichkeit. Im Prolog zeichnet er sich selbst, er ist ein junger(e), Jünger, Schüler, der nur das lehren kann, was er selbst erst lernt 27—46. Dazu stimmt 14150 ff. Ich hän noch jüngeres namen; er ist folger, Nachfolger, Nachahmer (vgl. ich folge 68, min rechte geleite, Führer, 69, gemeint ist Benoit, der Dichter des franz. Originals). Jedenfalls war Herb, noch ein jüngerer Mann, als er das Werk verfaßte, er hatte gelehrte Kenntnisse, verstand Französisch und Latein (die richtige Flexion der lateinischen Wörter in seinem Gedichte gibt hiervon Zeugnis); und es wäre ihm überhaupt ein klassischer Stoff nicht zu bearbeiten aufgetragen worden, wenn er nicht die gelehrte Bildung seiner Zeit genossen hätte. Er hat eine Klosterschule durchgemacht und wird sein Französisch beim Besuch der Hohen Schule in Paris 3 gelernt haben. Er war also seinem Stand oder Beruf nach ein ge- larter schuolere, ein Scolaris, der die sieben Künste 4 studiert hatte; zugleich aber war er Schüler auch im Sinn von Kunstjünger, Anfänger in der Kunst, Nachahmer, nicht „Meister". 5 Von der lateinischen Literatur waren ihm nachweislich bekannt Ovid (Metam., Ars amandi, Heroiden), Virgils Aeneis, wahrscheinlich des Statius Achilleis; von der deutschen: Veldekes Eneide, 6 die er selbst gelegentlich der Fahrt des Aeneas zitiert 17379—85; auch Hartmanns Armer Heinrich und Iwein und Gotfrids Tristan. 7 1 Dialekt: W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 2191; Brachmann aaO.; Graf, Eraclius S. 26—31; V. Bahder, Germ. 30,391 f.; Vogt, GgA. 1912, 249f.; Schröder, Münch. SB. 1924, 3. Abh. S. 4 ff. u. ZfdA.63, 175 f.; s. auch Weigand, ebda 7, 443. 2 Joseph, ZfdA. 30,395—99; Baesecke, ebda 50, 366ff.; Schröder 1909, 74 f. 3 Vgl. 10669 ff. u. Schröder 1909, 76. 4 Vgl. 7660-76. 10674. 5 Vgl. Schwietering, Demutsformel S. 53 f. Vier meister wol gelart 9270. — Das Berichten nach seiner Quelle, wie er es in dem .Buche', dem franz. Meister, gelesen hat, .ist ihm ein .Belehren': wie mich Dares An sinem buoche hat gelart 2902 f., vgl. 2912. 13759; Daz ich iueh leren, Wer die zu Troyge weren 3975 f.; Unz her hän ich iueh gelart, Wie Troyge zefuort wart 1639 f.; Als ich ez gelart bin (so wie ich in dem,Buche'gelesen habe) 1842; Als ir vor slt gelart 7882; Daz lere ich als ich gelernet hän 3122; vgl. 3531. 7665. 9313. 12344. 13809. 17382 u. ö. e Behaghel, En. S. CCVI—CCVIII; Baesecke S.378; Schröder 1918 S.85. 7 Herb. u. Gotfr. s. Vogt, LG. S. 188—91. 360Anm.— Herb.s Beeinflussung durch Gotfr.s Tristan beweisen bes.die diesem nachgeahmten Stilformen (s. Vogt). — Nun trifft Herb, an einigen Stellen mit Hartm. u. Gotfr. zusammen: Charakterschild, des Jason 128—68 = der des Arm. Heinr. 47—74 (s. auch Herb. 165 f. u. A. H. 295 f.) = Gotfr.s Riwalin 243 ff. (das Vorbild für diesen auch von andern Dichtern benutzten Fürstenspiegel gab Veldeke, s. Behaghel, En. S. CCXIV). Herb, scheint hier unmittelbarer Hartm. zu folgen als Gotfr. — Die Personenverwandlung der Medea bei Herb. 855-71 u. Iw. 2971—3028, bei Gotfr. 18339 —62.18495—557: hier stimmt Herb, im Sinn u. in wörtlichen Ausdrücken eher zu Gotfr. als zu Hartm. — Herb. 883—85: der Gedanke, daß e. Eigenschaft der Frau vom ersten Weib^ angeboren ist, steht bei Gotfr. 17935 ff. {Even kint 17938.65; ich wene iz mich an ist geborn H Hartmann: Wickr. 4, 1437 ff. = Iw.63 —72; Albr. B 60-62 = Iw.626-28 (z. Teil wörtl. u. Stilist. Uebereinstimmungen). Da Hartmann hier aus Chrestien schöpft (8 ff .426 f.), ist er als Vorgänger Albr.s beglaubigt, nicht umgekehrt. Vgl. Albr. Bruchst. B 87 f. u. Iw. 3901 f. 4 Morungen: Um das in Ovids Met. VI, 450—54 kurz entworfene Auftreten der Philo- mela zu einer Schönheitsschilderung zu erweitern, nimmt er im Bruchst. B43—81 einige Motive aus Morungens Lied MF. 129 ff.: die Situation (Dame im Saal, mit der Krone, gleiche Reime schone : kröne, sdiouwen : vrouwen, das Bild von der Sonne (bei Albr. der beliebte tagesterre), das er mit Gedanken Hartmanns ausschmückt. Daß Morungen der Gebende ist, wird dadurch erwiesen, daß das Motiv von der Dame am Fenster, verglichen mit der Sonne, seinem Vorstellungskreise angehört: MF. 138, 37 f. Vgl. Burdach, Reinmar u.Walther S. 46 ff.; v. Kraus, Gott. Abh. NF. XVI Nr. 1 (1916) S. 20.40ff.; Vogt, MF. 3 S.391; Helm, Beitr. 50, 143 ff. 6 Auch Randglossen aus einer Hs. des Ovid hat er mit benützt. Bei der Schilderung der Weltentstehung im I.Buch hat er einige Punkte der Imago mundi des Honorius Augustodunen- sis entnommen. 6 Einige Male hat er ihn mißverstanden bzw. falsch wiedergegeben. 7 Albrechts Uebersetzung mag etwa 21000— 22000 Verse umfaßt haben (Schröder, Gott. Nachr. S.79ff.). Ovids Metam. belaufen sich auf 11987 Hexameter. § 17. Albrecht von Halberstadt : Übersetzung von Ovids Metamorphosen 109 Reimversen ausgedehnt (B 1—15 = Ov. VI, 440—43), ohne daß der Inhalt dadurch bereichert würde. Die Abfahrt des Tereus und der Procne stellt Ov. mit wenigen charakteristischen Strichen vor Augen (443—46), Albr. gibt nur die Tatsache im allgemeinen (16—22). Die 3Va Hexameter Ov. 446—49 sind auf 20 Verse verschleppt (23—42), dabei unbeholfene Tautologien wie Des quam er vil schiere dare. Do der sweher vernam Daz sin eidem dare quam, Flickvers 28; der Zweck der Reise 30—42 ist nur eine Wiederholung von 5—13, zum Teil mit fast den gleichen Worten. Dann aber setzt der Dichter ein: Philomela (Phylomena) tritt in den Saal. Die Aufgabe, Frauenschönheit zu preisen, beschwingt seine Seele, wie von einem Glanz geblendet kann er sich von der Wundererscheinung nicht loslösen. Aber ihm mangelt die eigene innere Anschauung, und so muß er die Bilder für die Gedanken anderswoher entleihen. Albrecht besaß keine dichterische Erfindungsgabe, aber eines war ihm eigen: ein warmes Empfinden für das Heimisch-Trauliche in der Natur. Er beobachtet liebevoll das Tierleben und mit wenigen Strichen verleiht er zuweilen landschaftlichen Lokalisierungen des römischen Dichters reichere Farbe. Es sind nur kleine Miniaturbildchen in immer gleich wiederkehrenden Formen: 1 die kühle Quelle im Walde, von Gras umwachsen, beschattet von Bäumen, in deren Laub die Vögel singen; aber sie erhöhen die Stimmung in diesem Waldleben und zeugen von einem persönlichen Verhältnis des Dichters zur Natur (Wickr. 3, 364—73. 3, 997-1019. 4, 107—9. 5, 445—49. 7, 401—8. 8, 639—44). Indessen originell ist er auch in dieser Anschauung der Natur nicht, vielmehr hat er den Typus aus Herbort genommen und dann mit nur geringen Variationen wiederholt. 2 Rührende Worte findet er für den Schmerz der Thisbe um ihren sterbenden Geliebten: die Waldvöglein ruft sie an, um ihr klagen zu helfen, den Wald samt seinem Laub und Gras (Wickr. 4, 206—12), 3 weil sich sonst keine Menschenseele um sie erbarmt. So bringt er die klassische Welt dem heimischen Empfinden näher. Er tut es auch dadurch, daß er die antiken Gattungsbezeichnungen der niederen Gottheiten ersetzt durch Namen aus dem deutschen Volksglauben: die Satyrn werden zu Zwergen, Waldmännern, die Faune zu Eiben, die Oreaden, Dryaden, Nymphen zu Feien, Wald- und Wasserfrauen, 4 Wasserholden, Meerminnen. Wald und Wasser und Flur ist beseelt mit anheimelnden Geistern, klassische 1 Aehnliche Wiederholung z. B. beim Bild vom Morgenstern, das ursprüngl. zum mytho- log. Inhalt der Metam. gehört (Wickr. 2,252ff. = Ov. II, 112ff.; Brachst. A 240 ff. = Ov. XI, 295 f.); Brachst. B 59-65, fehlt Ov. VI, 450; Wickr. 1,943 f. vgl. Ov.I, 498 f. 2 Deutlich ist dieses bei dem beschatteten Quellenbrunnen (Wickr. 3, 364—73 = Herb. 2180—93): Dar ander sie ze vorn schein Wunneclldier vil dan ein Blume in dem meien, vgl. Herb. Als ein niuwiu bluome, Dia den alden Vorschein, Sie vantir geliehen dehein; und bei dem Vergleich der Philomela mit einer Maiblume, Brachst. B 77—79 = Herb. 3112 —14. 3 Indessen ist es nicht ausgeschlossen, daß Wickram zuweilen den Ausdruck in seinem mehr volkstümlichen Ton leise übermalt hat. Gerade an jener obigen Stelle klingen einige Wendungen an das Volkslied an. — Dasselbe Motiv — der Wald als Klagehelfer, weil niemand zum Mitklagen da ist — in der großen Klage der Enite, Hartmanns Erec 5743—54. * Waldgeister: v. D. Leyen u. Spamer, Die ad. Wandteppiche im Regensburger Rathause S.16H. 110 Die erzählende Dichtung Mythologie ist in deutsche Volkssage gewendet. Ebenso die Furien: die horrifera Erinys (Ov. I, 725) ist die Tobsucht (Wickr. 1, 1461), die Eumeniden (Ov. X, 46) sind die drei Schwestern der Nacht (Wickr. 10, 130); sie heißen Tötlich Herzeleid, Vergessenheit, Tobende Sucht (Wickr. 4, 836). Ovids Erzählungsart ist sinnfällig und farbig, dramatisch bewegt, rhetorisch; Albrechts Darstellung verblaßt in epischer Breite. Es sind ganz gegensätzliche Menschen, der routinierte Sprachkünstler in der Hochkultur des römischen Weltreichs und der schlichte deutsche Mönch in seinem waldumgebenen nordischen Kloster. Aber manchmal erweckt die einfache Natürlichkeit mehr innere Teilnahme als die Virtuosität des RhetQrikers. Von der Antike hat Albrecht wohl einige seinen Lesern ungewohnte oder anstößige Züge (u. a. in den Liebesgeschichten) abgestreift, aber das Wunderbare der Entstellungen und Verwandlungen (Prol. 5 ff.), eben das ausgesprochen Seltsame der antiken Phantasiewelt wollte er ja seinen deutschen Landsleuten nacherzählen. Den klassischen Inhalt hat er also nicht angetastet, er hat ihn nicht verchristlicht und auch nicht modernisiert. Er steht zwar auf dem Boden der höfischen Bildung, aber er schreibt keinen höfischen Tendenzroman mit dem Ziel auf Rittertum und Minne. Er ist kein romani- sierender Epiker wie Veldeke und Herbort, deren antike Stoffe ja vorher durch das Mittel französischer Verhöfischung hindurchgegangen waren. Schon Ovid hat sein Gedicht unter historische Gesichtspunkte gestellt, indem er mit der Weltschöpfung beginnt und mit Augustus' Vergötterung schließt. Albrecht hat den historischen Verlauf in die christliche Weltgeschichtsordnung und in die Heilsgeschichte eingereiht, es sind die Zustände der zwei ersten Weltalter (I. Adam bis Noah, II. Noah bis Abraham), Prol. 15, in denen Gott sich der sündigen Menschheit verschlossen hatte, eine unsinnige Welt, die Gott noch nicht kannte, die Holz und Steine anbetete und an Quellen und Bäume glaubte. Es war das Reich des Teufels, das währte, bis der Heiland uns von ihm erlöste, zur Zeit des Friedenskaisers Augustus (Prol. 68—74, Epil. bei Wickram, Bolte 8, 511—26). 1 Seine wirkliche innere Überzeugung, seinen religiösen und moralischen Standpunkt gegenüber dem Fabelwerk, das er verdeutscht, hat er im Prol. und Epil. ausgesprochen. Im Prolog bekennt er sich als Anhänger des strengen Kirchenglaubens gegenüber dem antiken heidnischen Unwesen. Zum Schluß, im Epilog (550 ff.), erklärt er, die ganze Göttergesellschaft diene dem einen wahren Gott nur zum Gespötte. Ironisch wäre demnach der Inhalt des Gedichtes aufzufassen. Aber in dem 1 In der Tradition des MA.s gilt Augustus als Friedenskaiser (auch Ov. XV, 830 ff.), s. Massmann, Kaiserchr. 3, 547 ff; Bartsch S. CXXVI f.; Strauch, Enikel 21801 ff.; Bolte 8, XV 111 Anm.; Polzer-van Kol, Arnolds Siebenzahl S. 105 ff. (s. Bd II, 1, 70 ff.) Augustus als Friedensbringerder Welt vorausgesagt: Virgils 4. Ekloge, worüber eine reiche Lit. vorhanden ist; hier sei angemerkt: Hans Lietz- mann, Der Weltheiland, Bonn 1909; Burdach, Berl.Ak.1910, 626. 630; Ders., Reformation, Renaiss., Humanismus, Berl. 1918, S. 65 u. Anm. S. 209 (mit Lit.); Ders., Ackermann S.260; Schröder, ZfdA.42,371. — Albr. ist an dieser Stelle unmittelbar von Veldeke beeinflußt, En. 13404—20. Das Zitat vom Umschmieden der Schwerter u. Sensen stammt aus Jes. 2,4 (Albr. Prol. 72—74, Epil. Bartsch S. 301 f.), es war häufig im Gebrauch. § 17. Albrecht von Halberstadt: Übersetzung von Ovids Metamorphosen 111 Buche selbst tritt diese polemische Stellung nirgends zutage, denn er erzählt, unbehindert dem klassischen Dichter folgend, getreulich die unglaublichen Geschichten jener sinnlosen Toren. Mit diesem absprechenden Urteil vertritt Albr. die Anschauung, die die offizielle Kirche über Ovid 1 und die antike Minnemythologie hatte: sie ist nur ,fabula', eine Erdichtung, in der statt des Wahren Falsches gesagt wird, worunter zuweilen auch ein Körnchen Wahrheit mit eingestreut sein kann. Der klassizierenden Richtung der Zeit und der Umgebung aber konnte sich selbst ein so kirchengläubiger Mann wie Albr. nicht entziehen. Den Widerspruch mit seiner Überzeugung beschwichtigt er notdürftig mit dieser Entschuldigung am Schluß seines Werkes. 2 Stil. 3 Albr.s Ausdrucksweise ist einfach und schmucklos, aber nicht immer klar. Sie bewegt sich nicht in langen Perioden, auch nicht in starrer Parataxe. Stilistisch bietet sie nichts Besonderes; kurze Anaphern, Zweigliedrigkeit, Formeln, ohne ausgesprochenes Gepräge. Zusammengehörige Worte werden häufig durch den Reim gesprengt (Enjambement, Prol. 17, Brachst. A 90. 172. 246, B 32. 78. 97. 122). Metrik. 4 Die Verse laufen ziemlich eben, die Senkungen sind frei behandelt, aber nicht übermäßig. Die Reime sind rein, aber einigermaßen dialektisch — thüringisch — gefärbt. Verhältnismäßig oft begegnen rührende Reime. Veldeke, Herbort, Albrecht bilden unter sich eine einheitliche literarische Gruppe, sie sind die Vertreter der antiken Epik ritterlichen Stils in Thüringen, 6 die durch Veldeke dahin verpflanzt wurde. Aus dem Altertum entnahm überhaupt das frühste Werk der neuhöfischen Kunst, Veldekes Aeneas- roman, den Stoff, ihm folgte Herbort im unmittelbaren Anschluß mit der Vorgeschichte des Aeneas, Albrecht wandte sich Ovid zu, aber nicht als dem Lehrmeister der klassizierenden Liebesromantik, sondern dem Darsteller des verwünschten heidnischen Aberglaubens, dessen Werk aber doch so manche Stellen enthielt, die in das literarische Gebiet des Trojanerkriegs fielen: Jason und Medea, Zerstörung Trojas, Ulixes'Fahrt; und ebenso in das der Eneide: Aeneas'Fahrt, Gründung des Römerreichs und besonders der Ausblick auf die Friedensherrschaft des Augustus. Herbort und Albrecht gehören der gleichen Kulturstufe an. Auch Albrecht haftet noch an Veraltetem, auch er scheut nicht das Grotesk-Schreckliche, aber er hat der Antike nicht so viel mittelalterl.-ritterliches Kolorit verliehen. 1 Vgl. Conradi Hirsaugiensis Dialogus ed. Schepss, Würzbg. 1889, S.66. 2 Der letzte Absatz des Epilogs von 549 an ist wohl, höchstens mit Ausnahme der Bitte um das Himmelreich in den Schlußversen, ein Zusatz von Wickram (Bartsch S. CLXI1). Die Gedanken von 549—56 sind die gleichen wie die, die er in seiner pros. Vorrede (Bolte 8 S.7, 10—12 u. 20—24) u. in der poetischen (S. 8, 35—38) ausgesprochen hatte. 8 Runge S.28ff.; Ludwig S. 33 ff.; Preuss, Stilist. Untersuch, üb. Gotfr. v. Straßb. S. 11. 4 Ludwig S.7—25; Schröder, Gott.Nachr. 1909 S.66 ff.; bes. S.84ff.; Helm aaO. 6 Vgl. Baesecke, ZfdA.50,381 f. Alexandersage, Aeneis, Trojanerkrieg waren die großen antiken Epenstoffe des MA.s. In Frankreich wurde auch ein Thebenroman (um 1160) im Anschluß an die Thebais des Statius gedichtet, in Deutschland hat aber diese Sage keinen Eingang gefunden (s. unt. Wolfram). — In den Kreis der „thüringischen Antike" gehört auch der Alexander des Biterolf (LG. II, 1, 248). 112 Die erzählende Dichtung Auch ist Herbort freier in der Benutzung seiner Quelle und hat einen energischeren Stil, er wirkt schon durch die Sprache, während Albrecht nahezu auf dieses Mittel verzichtet. Beide sind sie abhängig von der neugeschaffenen Kunst Veldekes, die der eine, Herbort, nicht erreichte, der andere, Albrecht, nicht erstrebte. § 18. Athis und Prophilias Ausg.: W. Grimm, Abhandl. d. preuß. Akad. zu Berlin 1846 S. 347—467 u. 1852 S. 1—16, zus. Kl. Sehr. 3, 212—345; C. v. Kraus, Mhd. Obungsb. S. 72—91 u. 244-47, 2. Aufl. S.63 —82. 276—79; Leitzmann, ZfdA. 54, 248—54; Singer, Beitr. 47, 350—52. Hss. 1 NurPerg.-Bruchst., zus. ca. 1550 V.: 1. 8 Perg.bl. A A* B C C* D E F, davon sind A* u. C* verschollen, die übrigen 6 in Berlin. Sorgfältige, alte Orthographie, nicht stark dialektisch, hessisch (dit, aber daz; virterbin). — 2. A**, halbes Perg.-bl., verschollen, md. (rhein- frk.?). — 3. Ab-e* 4 Perg.streifen, einst wahrsch. in Halberstadt, verschollen, stark dialekt. (Grund md., darin viele nd. Formen). — A** u. A b — e einst in Meusebachs Bibl. Der Dichter ist unbekannt, in den Bruchstücken begegnet sein Name nicht. Seine Heimat war wahrscheinlich Hessen, 3 soviel sich aus den dialektischen Reimen und einigen Wörtern schließen läßt. Das wohl um 1215 entstandene Gedicht (s. unten) scheint nicht weit über seine Heimat hinaus verbreitet gewesen zu sein. Erwähnt wird es in der Literatur nur von Heinrich v. Freiberg im Prolog zur Ritterschaft des Johann v. Michelsberg 26—29.* Inhalt (nach dem afrz. Gedicht). Zwei junge Männer, Athis {Athis) aus Athen und Prophilias aus Rom, sind in inniger Freundschaft verbunden. I. Teil, a) Schauplatz Athen. Erstes Freundschaftsopfer, das des Arn.: Verzicht auf die Frau. Ath. vermählt sich, Proph. wird von krankhafter Liebe zu des Ath. Frau entzündet. Ath. sieht den Freund hoffnungslos dahinsiechen. Am Hochzeitstage räumt er ihm seine Gattenstelle an Seite seiner Frau ein, ohne deren Wissen, ja er tritt sie ihm später ganz und öffentlich ab. b) Schauplatz Rom. Vergeltung des Freundschaftsopfers durch Proph. Ath., wegen dieser Handlungsweise von den Seinen verachtet und verstoßen, sucht in Rom Hilfe bei Proph. Auf der Straße begegnet er dem Freund und seiner Gemahlin, die ihn aber wegen seines Bettlergewandes nicht erkennen. Ath. glaubt sich von Proph. mißachtet, flüchtet in Verzweiflung, den Tod herbeiwünschend, in eine Felsenhöhle. Er hofft den Tod zu finden, indem er einen abenteuerlichen Zufall benutzen will: vor seiner Höhle geraten drei junge Männer in Streit, einer wird erschlagen. Ath. nimmt den blutenden Leichnam in sein Versteck, wird am andern Tage ergriffen und gibt sich selbst als Täter an. Zum Tode verurteilt steht er in Fesseln am Pranger. Proph., vorbeikommend, erkennt ihn, gibt sich, trotz des Widerstrebens des Ath., als Mörder an und wird an Stelle des Ath. verurteilt. Durch Zufall verraten sich die wahren Täter, Proph. wird befreit. — Nachspiel: Ath. wird von Liebeskrankheit zu des Proph. Schwester Gayte befallen, die dem König Bilas ver- 1 W. Grimm S. 212—14. 340-42 (s. auch Germ. 12,379 f.); v. Kraus aaO.; Könnecke, Bilderatlas a S. 55. 2 Zu A« s. Schröder, Anz. 38, 170. 3 Zur Sprache: Kraus, D. Ged. d. 12. Jh.s S. 145. 148; Zwierzina, ZfdA.44, 347. 45,38; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 419. 4 Athis u. Profilias nach ritterschefte strebten, mit steten triuwen lebten, in ritterlicher werdikeit. Heinr. hebt als Verfasser von Ritterschaftsbüchern hervor Wolfram, Hartmann, Tristant (Gotfrid), Wigalois, Lanzelet, also die ältesten u. angesehensten höf. Epiker (außer Veldeke), dazu noch Kg. Alexander. Er hat den Athis auch wirklich gelesen, wie Anklänge an ihn in der Schilderung der Rüstung des Joh. v.Michelsb. zeigen: silbirwiz 91 = Ath. B 54; hosen 77 = Ath. 54; spiegelvarb (Helm, von Stahl) 125 = Ath. spiegilbrün B 57; ve- deren (: vlederen, Geier) 133 = Ath. (: iet- wedirin, Adler) B 33. § 18. Athis und Prophilias 113 sprochen ist. Er erhält sie von ihren Angehörigen zur Frau. Kampf der Römer mit Bilas, der besiegt und gefangen wird. Vermählung des Ath. — Der II. Teil ist eine unorganische Fortspinnung und bloß äußerliche Erweiterung durch Kämpfe und Liebesgeschichten: Die Freunde nehmen teil an den Kämpfen des Königs Theseus und seines Sohnes Pirithous gegen den König Thelamon von Korinth und dessen Enkel Ajaus. Die Freundschaftssage» hat ihren Ursprung im Orient und ist dort in mehreren Varianten überliefert. Im Abendland wurde sie verbreitet durch die vielgelesene Disciplina cleri- calis, 2 eine Sammlung moralischer Beispiele von dem 1106 getauften spanischen Juden Petrus Alfonsi. Der Schauplatz ist hier, der Herkunft der Sage entsprechend, der Orient, die Freunde sind Kaufleute, der eine ein Ägypter, der andere aus Bagdad. Das Liebesopfer ist weniger widernatürlich, da der Freund das Mädchen erst zur Frau zu nehmen , gedenkt und der Betrug wegfällt. Aus der Disciplina clericalis haben die Freundschaftssage verschiedene andere Sammlungen moralisierenden und religiösen Inhalts aufgenommen, deren wichtigste lateinische die Gesta Romanorum (Kap. 171, hier sind die zwei Kaufleute zu morgenländischen Rittern geworden); im Deutschen der Seelen Trost 3 (2. Hälfte 14. Jh.s); Predigtsammlung des Dominikaners Johannes Herolt aus Basel (Sermones de tempore et de sanctis, 1435—40); 4 Steinhöwels Aesop (zwischen 1476 u. 1480). 5 Die orientalische Fabel wurde in das Altertum übertragen, der Schauplatz nach Griechenland und Rom verlegt. 6 Ein französischer, nicht geistlich gelehrter Dichter Alixandre brachte m letzten Drittel des 12. Jh.s unter Benutzung des Romans de Thebes die Geschichte, die ihm auf mündlichem Wege bekannt geworden war, in ritterliches Kostüm nach der herkömmlichen mittelalterl. Anschauungsweise (der afrz. Roman Athis et Prophilias, oder, nach ' dem Inhalt des II. Teiles, auch L'Estoire d'Athenes). 7 Der franz. Roman rief das deutsche höfische Epos und die Renaissancenovelle Boccaccios (Titus u. Gisippus, Dec. 10, 8, später ins Deutsche übertragen in Arigos Übersetzung des Decamerone (um 1470) hervor, die Hans Sachs 1546 und Martin Montanus um 1550 dramatisierten. Durch andere Hauptmotive, Verbindung mit der Aussatzsage, unterscheidet sich von der Disciplina clericalis eine zweite Gruppe der Freundschaftssagen, die durch das franz. Gedicht von Amis und Amiles vertreten ist (s. LG.I1,3 Konrads v.Würzburg Engelhard). Mit dieser ist eine dritte Gruppe verwandt, die Jakobsbrüder (s. Kunz Kistener, Bd. II, 3). Älter als die Disciplina clericalis ist das lat. Spielmannsgedicht von Landfrid und Cobbo: 8 ' auch Landfrid tritt dem Cobbo seine Gemahlin ab, aber jener, den Schmerz des Freundes bemerkend, gibt sie ihm unberührt zurück. Die Beziehung dieser Fassung zu der in der Disciplina clericalis ist zweifelhaft. 1 W. Grimm S. 250—74; Ders., ZfdA. 12, 185—203 u. Kl. Sehr. 3, 346-66; Valent. Schmidt, Beitr. z. Gesch. d. romant. Poesie, 1818, u. Ausg. d. Disc. der., bes. S.93 ff., MSD. II 3 , 121 ff.; Oesterley, Gesta Romanorum, Berl. 1872, S.740; Landau, Die Quellen d. Decameron 2 , 1884, S. 264 ff.; Bolte- PoUvka 1, 56. 554 ff. 2, 204 (Nr. 85). Siehe Konrad v. Würzburg, Engelhard, LG. II, 3. 2 Ausg.: Val. Schmidt, Berl. 1827; Hilka u. SÖDERHJELM, Acta soc. Fennicae Bd. 38 Nr. 3, Helsingf. 1911 (die Freundschaftssage Bd. 38 S. 4—6. 58), davon Kleine Ausg. in der Sammlung mlat. Texte, hgb. v. Alf. Hilka 1, Heidelbg. 1911 (die Sage S.4—6). Siehe auch A. Tanner, Die Sage von Guy v. Warwick, Heidelbg. Diss. 1879; Paulus Mau, Gydo u.Thyrus, Jen. Diss. 1909; Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 1,76 ff. 3 Pfeiffer in Frommanns Mundarten Bd. 1 u. 2, Nürnbg. 1853 f. 4 Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im MA., Det- Deutsche Literaturgeschichte III 8 moldl879, S.480—86. 6 Zu d. franz. Uebersetzungen der Disc.cler. s. Gröbers Grdr. S.604 f. u. Reg. S. 1276; Voretzsch ' S. 420 f.; Hilka u. Söderhjelm, Acta soc. Fennicae Bd. 38 Nr. 5. Eine isländ. Uebersetzung einer Anzahl von Novellen der Disc. cler.: Hugo Gering, Islendzk Aeven- tyri 1, 163—200. 2, 139. 366—91. Uebersetzungen ins Spanische, Italien., Engl. s. Hilka u. Söderhjelm, Kl. Ausg. S.XI ff.; ebda Fortleben einzelner Novellen in lat. Sammelwerken. 6 Wohl kaum erst von Alixandre. Vielleicht gab es ein lat. ep. Lied mit der Uebertragung auf d. klass. Altertum. Schon in dem lat. Spielmannsgedicht von Lantfrid u. Cobbo waren die oriental. Kaufleute in abendländ. Ritter umgewandelt. 7 Hgb. von Alf. Hilka, Gesellsch. f. rom.Lit. Bd.29 u. 40, Dresden 1912 u. 1916. Lit.üb.d. franz. Roman bei Kraus, Uebungsbuch aaO. 8 Siehe LG. 1,358 f. 114 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Der deutsche Athis weicht von dem französischen sehr ab, wörtliche Übereinstimmungen gar begegnen nur ganz wenige. 1 Darum ist es zweifelhaft, ob wirklich die uns erhaltene Fassung des französischen Gedichts dem deutschen Dichter als Quelle gedient hat; 2 er müßte sonst eine über das gewöhnliche Maß weit hinausreichende Selbständigkeit entwickelt haben. Unter den dem deutschen Gedichte eigenen Motiven sind die nennenswertesten die Klage des Athis A 20 ff., des Theseus F 1 ff., der Sarkophag mit Inschrift F 77 ff., der Karren mit dem Feldzeichen (vgl. karrosche C 93) A* 153—68. Einige Schilderungen sind etwas stärker antikisiert: die Gerichtssitzung vor den Consuln (das Wort fehlt im franz. Text) A 150—56. 166 f. (franz. 2163 ff.); der Tempel als Heiligtum der Venus C* 101—5 (das franz. Gedicht hat statt dessen mittelalterl. Trauungsgebräuche, 8741 ff); das Ballspiel bei dem Hochzeitsfest C* 82—100 wird als römischer Gebrauch hingestellt: dit spil was gehelzin bal in römischlr zungin (fehlt franz. vor 8741). Der deutsche Dichter übertrifft den Verfasser des uns erhaltenen französischen an bewußt künstlerischen Grundsätzen. Er beherrscht den Stoff, jener läßt sich treiben; auch in Einzelheiten ist er öfters ausdrucksvoller. Im Ganzen scheint das deutsche Gedicht kürzer gewesen zu sein. Eine außergewöhnliche Erscheinung in der zeitgenössischen deutschen Literatur ist der Athis auf jeden Fall. Der Dichter besitzt eine seltene Sprachgewandtheit. 3 Er ist ein Virtuos in der höheren Schreibart. Sein Stil ist geschmückt, geziert, er hat die Anmut Gotfrids v. Straßburg, nicht die pathetische, dunkle Schwere Wolframs. Aber er geht weit über Gotfrid hinaus. Er ist ein Meister der ,geblümten Rede'. Hier gilt die Künstlichkeit und Ungewöhnlichkeit des Ausdrucks als formales Prinzip. Sie wird erreicht durch Häufung seltener Reime und seltener Wörter. Eine solche individuelle Kunstsprache ist nur in einer Blütezeit formaler Technik möglich, sie setzt die Ausbildung der epischen Sprache durch die führenden höfischen Dichter voraus, Hartmann, Wolfram, Gotfrid. 4 Aber eine unmittelbare stärkere Einwirkung von irgendeinem unter ihnen läßt sich nicht mit Sicherheit nachweisen. Demnach wird der deutsche Athisroman nicht vor, eher nach 1215 entstanden sein. 5 Der Dichter ist der erste Kolorist in deutscher Sprache, der ein ganzes größeres Werk in der geblümten Art verfaßt hat. 6 1 Rich. Mertz, Die deutschen Bruchstücke der, DLz. 1882, 571; Lichtenstein, Anz. 9, 30; Mertz S.64 ff.; die Parallelen sind nicht beweiskräftig, Behaghel hat deshalb auch Athis in der Ausg. seiner Eneide S. CLXXXVI ff. nicht erwähnt. Zu der Erin holde C 72 vgl. Erec 9963 (W.Grimm S.286),zu wibelval B15: Herbort 6880, auch 12867; zu brünlüter in Gotfr.s Tristan s. unten.— (Für schwaches e vor Kons, steht in d. Hs. meist /.) 5 Entstehungszeit bis 1214: W. Grimm S. 249. 273, vgl. auch Lachmann, Parz. aaO.; früher: Leitzmann aaO. 6 Zu einer herrschenden Stilart ist die kolorierte Manier erst seit Rud. v. Ems geworden, es ist darum nicht ersichtlich, woher der Athis- von Ath. u. Proph. in ihrem Verhältn. zum afrz. Roman, Straßbg. Diss. 1914, dazu Schröder, Anz. 38,170 f., Stengel, DLz. 1915,1288. 2 Vgl. Singer, Wolframs Stil S. 123. Vielleicht hat d. deutsche Verf. auch noch andere Quellen benutzt. Neben dem franz. Vulgat- texte ist noch e. von diesem sehr verschiedene, um zwei Drittel kürzere Version in e. Hs. zu Tours erhalten (abgedruckt von Hilka neben d.HaupttextBd.l, 1—210), mit der d. deutsche Ged. nichts zu tun hat. 3 Ueb. d. Stil: W.Grimm S.241—50; Lachmann, Iwein zu 4928 u. Parz. S. XXXV11I. 4 Ueb. etwaigen Einfluß Veldekes s. Schrö- § 18. Athis und Prophilias 115 Die Hauptwirkung tun die außergewöhnlichen Reime, z. B. entnacten : bedacten A 7, kiesen : eine biesen A 43, lebenden : verebenden A 109, sitzen : mit werden vlizen A* 1, vgl. A* 5, steten : bereten A* 89, sichern : eine kichern (Erbse) B 7, vederen : iet- wederen B 33 (= D 143) und viele andere; besonders Fremdwörter und fremde Eigennamen eignen sich zu Reimkünsten. Auffallend sind auch zusammengesetzte Reime: üffin : sluffin A 9, tödis : bröd is A 19, vanin : anin A** 10 = E 91, dienist: gesehen ist C* 1, wazzir: virgazzir C* 143, muotir : tuotir F 43, muoz : tuoz F 129. Statt der Person wird oft, besonders im Reim, ein substantiviertes Adj gesetzt: der swinde A 78, die waleveigen C60, ferner A* 137. B 76. 128. 166. C 22. Zur Stilisierung dienen ferner seltene, auch veraltete und heldenepische Wörter, wiederum häufig im Reim. 1 Einen auffallenden Gebrauch macht der Dichter vom Partizip Präs. 2 als Attribut: mit windenden henden, mit herzeswerenden nöten A66, mitvroude gebendem tröste A*65, manigen smerzenden stich C49 usw.; substantiviert: Und volgeten der erstanden vart (der Fährte der Mörder) A 100, die wol tuonden C 22; als Prädikatsnomen: so wirt daz volc mich stände und... erstände A85f.u.ö.;geschraubt: ein sutch dinc zugescende (±= daß ein solches Ding geschieht), daz ein maget, zu sende den tuten D 29—31, wo das Partizip Präs. in md. Weise für den Inf. steht (vgl. A* 16); Ac. c. Inf. sie sähen ungewegen den strtt wesen C 82 f. Der Verfasser besaß lateinische Sprachschulung, darauf weisen einige der vorhergehenden Konstruktionen sowie lateinische Flexionsendungen bei Personennamen entgegen dem französischen Texte: Julium : Gracium A* 101, franz. Jul'lens: Grac'iens 6567; Gracius, Gra- cium A**74. 80, franz.Grac'ien7523, vgl. B 167 f.; Dorilaus C 15, franz. Dorilas 7749; Gracius: Julius C15, Florentinus, Anthonius, Latinus 17 f., franz. Flo- rentin 7780, Antonin 7779, Palatin 7785; endlich wohl auch Genitivstellungen wie rechtenhalfe des kuninges hers A* 115, des hers in beiden enden B 113, achte wisten Werkes D157, vor sines libes vorchte (Furcht für sein Leben) C 39. Trotz seines ausgeprägten Formsinnes und der Absicht auf stilistische Wirkung ist der Dichter doch nicht immer sorgfältig: formelhafte Verse, auch zur bloßen Ausfüllung, läßt er ohne weiteres zu, z. B. B 87 = C* 151, D 15. 21. 88. 111. 126, E 94. 108 usw.; aus Reimbequemlichkeit nachgesetztes Attribut: die hande mine A 90, den. helet reinen A*45, rittet stolz A*86, ots isenvare A* 142 usw. Auffallend auch ist seine Gleichgültigkeit gegen Wiederholung der nämlichen Wörter. Metaphern und Vergleiche gebraucht er mäßig, die absichtliche Häufung gleicher Wörter, ein sonst gern verwendetes blümendes Kunstmittel, wendet er nicht an (nur etwa D 70 f.), die kurze Wechselrede des französischen Gedichts 16662 ff. ist E38ff. eingeschränkt. Zweigliedrige Formeln, wie er sie häufig bringt, gehören zum Gemeingut dichter diese Formensprache entnommen hat. Aus seiner franz. Vorlage, falls diese eine andere als der Text des Alixandre war? aus der lat. Dichtung seiner Zeit? oder in Nachahmung irgendeines verlorenen deutschen Gedichtes? Vor ihm findet sie sich in der Legende von Pilatus (LG. II, 1, 158), in einigen Strophen von Gutenburgs Leich und im Schlußgedicht von Hartmanns Büchlein. 1 Den Wortschatz hat W. Grimm S. 275 ff. gesammelt. Auffallend groß ist darin die Zahl seltener Wörter, worunter auch mehrere sonst nicht belegt sind. Zu violinbrün s. Leitzmann aaO. S.253. 2 Vgl. W. Grimm S. 296 u. Zur Gesch. d. Reims, Kl. Sehr. 4, 226; Borchling, Jüng.Ti- turel S.114 ff.; O. Mordhorst, Egenv.Bamberg S. 116; Bech, Progr. d. Stiftgymn. zu Zeitz 1882 u. ZfdWortforsch. 1, 81-109. 116 Die erzählende Dichtung der mhd. Dichtersprache. Sehr wirksame Antithesen dienen zur Hochstilisierung des Glanzstückes F3ff. Anapher A 1. 4. 10. 14. Der Satzbau ist einfach, durchsichtig, oft auf weitere Strecken hindurch parataktisch, längere Perioden sind selten. Von dem Aushilfsmittel der Parenthese wird öfter Gebrauch gemacht. Eine Liebhaberei hat der Dichter für das Enjambement. Metrik. 1 Die Verse sind sorgfältig in alternierendem Rhythmus gebaut ; die Reime in md. Sinne ziemlich rein. Rührende Reime werden nicht gemieden. Zusammengesetzte Reime s. oben S. 91. In der Einrichtung des Stoffes überwiegen die ruhenden Bestandteile. Zwar sind die leitenden Ereignisse lebendig erzählt, z. B. die abenteuerliche Festnahme des Athis und das Gericht A 96 ff., aber der novellistische Kern der Sätze wird überwuchert von den erweiternden Zutaten der höfischen Romantechnik, das sind Vorgänge im Gemütsleben und Schilderungen des äußerlich Gegenständlichen wie Heeresformierungen, Kämpfe, Feste, Sitten, Waffen, nach der eleganten Mode, nach den franzoysehen siten D 160, angefertigte Kleider; die Wappenbeschreibungen sind Musterstücke der Heroldsdichtung. Die gesellschaftlichen Verkehrsformen sind ganz höfisch, keine grellen Klaggebärden, keine rohen Kämpfe. Aber einige drastische Realismen kommen doch vor: Athis wird btme häre durch den phuol zum Gerichtsstuhl gezogen A 120; die Erde wird mit dem Blut der Gefallenen gedüngt C74f.; der Herzog wird im Kampf in eine Kotlache geworfen, daß ihm das Antlitz in die Pfütze zu fallen kommt E 136—38. Es liegt ein warmer Ton in dem Gedicht. Die Klage des Athis um sein jammervolles Geschick gewinnt eine Tiefe der Bedeutsamkeit durch eine weltschmerzliche Stimmung A 20 ff. In der Klage des Theseus um seinen zu Tode getroffenen Sohn F 1 ff. erweitert sich das persönliche Leid zur bangen Zukunftssorge um das allgemeine Geschick: zum Untergang bestimmt ist die herrliche Kultur der Ritterschaft. Nicht in exaltierten Schmerzensausbrüchen ergeht sich der klagende Vater, aber seine einfachen Worte kommen aus treuem Herzen: wäre die ganze Welt mein, ich würde sie um dich hingeben, wenn du gesund bliebest; der sterbende Sohn aber sorgt sich um die Geliebte: Vater und Mutter sollen ihr helfen, daß sie sich nicht zu sehr abhärme. — Gerade die Dämpfung des Schmerzes verleiht auch dem Scheideweh der Gayte eine tiefere Wahrheit: sie übersteigt sich nicht in maßlosen Klaggebärden, auf dem Antlitz der Weinenden malt sich die innere Erregung ab: die Tränen waren gleich weißen Perlen, die die Rosen der Wangen rubinrot durchschimmerten. Geradezu das Porträt einer schmerzbewegten Frau entwirft der Dichter an der Gebärde des Mundes, wobei er fast an Koketterie streift (A* 1—60). Der sittliche Grundgedanke der Fabel ist die Freundestreue, sie wurde als moralisches Beispiel aufgefaßt (Problem: Vidisti hominem, qui integrum 1 W. Grimm S. 238-41; Ders., KI. Sehr. 4, 330; Saran, Verslehre S.265. § 19. Otte, Eraclius 117 sibi amicum lucratus fuerit? Petr. Alf., Hilka u. Söderhj. S. 4.15). Die Treuleistungen bestehen in dem Opfer wertvollster Güter, der Frau, des Lebens. Der die Frau preisgibt, ist in einen Seelenkampf verwickelt, in einen Widerstreit der Pflichten gegen den Freund oder gegen die Frau. In jedem Fall begeht er eine Rechtsverletzung und die Folge ist die Strafe nach dem Walten der sittlichen Gerechtigkeit. Wegen des Betruges an seiner Gemahlin wird Athis aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen. Die Fabel ist zu einer Schicksalstragödie geworden. Der unfreiwillige Veranlasser der tragischen Schuldverwicklung ist der andere Freund, Prophilias. Die Macht des Liebes- und Lebenstriebs bezwingt ihn, des Athis moralisches Opfer anzunehmen. Damit hat er dessen Schuld verschuldet. Er sühnt, indem er das ihm vom Freund geschenkte Leben wieder für diesen hingibt. So viel Treue der beiden Freunde tilgt aber auch beider Schuld. Minne, blinder Lebenstrieb schaltet den vernünftigen Willen aus, die Lebensentsagung stellt die sittliche Persönlichkeit wieder her. § 19. Otte, Eraclius Ausg.: H. F. Massmann, Bibl. d. ges. dt. National-Lit. Bd. 6, 1842; Harald Graef, QF. 50 (1883), dazu Bech, Lbl. 1884,131—33, Lichtenstein, DLz. 1883,1288—90, Schröder, QgA. 1884,563—74.— Piper, Geistl. Dicht. 2,67—69; Steinmeyer, Allg. dt. Biogr. 24, 559; Georg Herzfeld, Zu Otte's Er., Heidelbg. Diss. 1884, dazu Behaghel, Lbl. 1885, 184, Schröder, DLz. 1884 Sp.1872, Steinmeyer, Anz. 12,103; Schröder, Der Dichter des deutsch. .Eraclius', Münch. SB. 1924, 3. Abh. Zur Kritik: Haupt, ZfdA. 3, 158-82; Strauch, ebda 31, 297— 337; Schröder, Anz. 42, 90. Hss.: 1 A, Wien 2693, Perg. 14. Jh., Hs. W. der Kaiserchron. jung. Text. 2 Ottes Er. ist eingeschaltet an Stelle der V. 11138—351 der Kehr. Der Prol. Er. 1—140 fehlt. Die Sprache ist ein nicht stark ausgeprägtes Bair. — B, München 3 CgM. 57, Perg. 13/14. Jh., enthält Mai u. Beaflor, Veld.s Eneide (Hs. M), Ottes Er. Der Text bricht mit 4964 ab. Dial. bair.- österr. A ist im allgem. zuverlässiger als B. — G, Gothaer Hs. der Weltchron. Heinrichs v.München, 4 15. Jh., schiebt ebenfalls Ottes Ged. bei der Lebensgeschichte des Kais. Eraclius ein (ohne Prolog). Dial. bair. Der Text ist sehr entstellt. 5 Die kurze Selbsteinführung des Dichters Prolog 136—40 besagt, daß er ,ein gelerter man' war, der Otte hieß und die Erzählung in einem wälschen (also franz.) Buch gelesen habe. Er hat demnach geistliche Bildung genossen, 6 war aber nicht Geistlicher von Beruf, sondern wohl ein in Hofdiensten, in einer fürstlichen Kanzlei stehender Literatus, Clerc oder Notar; 7 1 Massmann S. 359—61; Graef S. 1—22; Herzfeld S. 3—18; Schröder, Steinmeyer, Strauch aaO. 2 Schröder, Kehr. S.20. 3 Petzet S. 94—96; Behaghel, Eneide S.IX. 4 Strauch aaO. 6 In der Dorf kirche zu Fraurombach in Oberhessen befinden sich Wandgemälde aus Ottes Eraclius von ca. 1330—40; Rud. Kautzsch, Stud. z. Kunst u. Gesch., Fr. Schneider gewidmet, S. 509, u. Kunstwissenschaft!. Beirr., Aug. Schmarsowgew., S.92f.; Schröder, Münch. SB. S.17f. 6 Den Bildungsgang seines Helden, die Schulzeit entwirft er 396—426 vielleicht aus eigener Erinnerung; die franz. Vorlage geht 260—66 nicht so ausführlich auf die Schuljahre des Er. ein. 7 Lichtenstein aaO.; Graef S. 81—83 ; Schröder, GgA. aaO. u. Münch. SB. aaO. (bairische Mundartwörter sprechen dafür, daß Otte sich an einem bair. Hofe aufgehalten hat, vielleicht bei Herzog Ludwig 1. in Landshut); Schwietering S. 41 f — Ausfälle gegen die Hofbeamten u. Diener (vgl. LG. II, 1, 320.333. 344) Eracl. 1220 ff., auch schon in d. franz. Quelle 1498 ff. 1704 f. 118 Die erzählende Dichtung er würde sich sonst nicht bloß einen gelehrten „Mann" genannt haben. Er war vertraut mit der Ausdrucksweise des höfischen Epos, ohne daß indes vorkommende Parallelen zu Hartmann und Wolfram auf unmittelbarer Herübernahme zu beruhen brauchen, nur die Übereinstimmungen mit Veldekes Eneide sind unzweifelhaft direkte Entlehnungen; 1 auch hat er die Kaiserchronik und die lateinische Weltchronik Ottos v. Freising gekannt. Zu Hause war Otte im rheinfränkischen Sprachgebiet, in engerem Begriff etwa der Wetterau oder des westlichsten Thüringen. 2 Um 1205—10 wird der Eraclius verfaßt worden sein. 8 Inhalt. A. Einleitung 1—140: Gebet zu Gott 1—75; Inhaltsangabe 76—107; Empfehlung des Werkes, Bitte an die .guten' Dichter um Beistand, Person des Verfassers 108— 140. — B. Hauptteil 141—5392. I. Die Novelle 141—4416. a) Er.s Kindheit 141—852. Seine Eltern, adligen Geschlechts in Rom, sind 7 Jahre kinderlos; Verkündigung seiner Geburt durch einen Engel 223; ein Himmelsbrief prophezeit, er werde von Gott die Weisheit erhalten, die Natur der Steine, Pferde und Frauen zu erkennen 367; der Vater stirbt, die Mutter gibt ihre Habe mit Einverständnis Er.s den Armen 499; Er. bietet sich auf dem Markt als Sklave feil. Der Truchseß kauft ihn 655. — b) Er. am Hofe des Kaisers von Rom, Focas 853—2488. Die Erprobung der drei Kenntnisse, durch deren Bestehung er zu hohen Ehren gelangt: 1. die Steinprobe 894, 2. die Pferdeprobe 1327, 3. die Frauenprobe 1687 (unter einer Fülle von Steinen, Pferden, Frauen erkennt und wählt er zur Überraschung des Hofes die unscheinbarsten als beste aus); die von Er. empfohlene Jungfrau Athenais nimmt der Kaiser zur Frau 2328. — c)2489—4416 die Liebesgeschichte, Athenais und Parides. Der Kaiser zieht mit Er. in Krieg, trotz Abratens des Er. gibt er seine Frau in die ,huote', damit ihre Ehre bewahrt bleibe: sie wird in einem Turm vom Verkehr mit der Außenwelt abgesperrt; bei einem Fest erblickt sie den schönen Parides, beide werden von plötzlicher Minnesucht ergriffen 2809; die Kupplerin Morphea vermittelt eine Zusammenkunft 3130; der Kaiser kommt nach Rom zurück, Er. durchschaut die Untreue der Ath., der Kaiser will sie hinrichten lassen, schenkt ihr aber, auf Vorstellung des Er. von seinem eigenen Unrecht überzeugt, das Leben und überläßt sie dem Parides 4097. — II. Die Legende von der Wiedergewinnung des heil. Kreuzes 4417 bis zum Schluß 5392. Er. wird Kaiser als Nachfolger des Focas mit dem Sitz in Byzanz. Cosdroas (Chosroe, Chosrau), der König von Persien, hatte Christi Kreuz aus Jerusalem in sein Land entführt. Er. gebietet einen Kreuzzug gegen ihn (Kreuzrede 4756—76). Die Heiden dringen bis zur Donau vor, dort fordert Er. den Sohn des Cosdroas zum Zweikampf heraus und tötet ihn. Er zieht nach Persien und bringt das Kreuz nach Jerusalem zurück. Mit Prunk will er in Jerusalem einziehen, aber das Tor, durch welches Christus auf einem Esel einritt, verschließt sich seiner Hoffart und öffnet sich erst, als er sich reuig in ein Büßergewand hüllt. Als er alt geworden, gerät er in Ketzerei, die Wassersucht befällt ihn, er tut Buße und stirbt. Ursprung und Aufbau des Stoffes. 4 Der Grundbestand des I.Teiles, 1 W.Grimm, Kl.Sehr.3, 249; BEHAGHEL.En. S.CC1II— V; GRAEFS.32ff.; Herzfeld S.31 ff.; Schröder, GgA.aaO.; Preuss, Stilist. Untersuch, üb. Gotfr. v. Straßbg. S. 12 -14. — Ottes Eraclius u. Beziehungen zu anderen Dichtungen: Graef S.32ff.; Schröder, GgA. 1884, 569. 2 Seine Sprache ist jedenfalls md., aber nicht mfrk. od. ostfrk. od. thüring., bleibt also nur das Rheinfränk. übrig, vgl. Lachmann, zum Iwein 4928; Schröder, Behaghel, Strauch aaO.; Graef S. 23 ff.; Herzfeld S. 19 ff.; Zwierzina, ZfdA. 44, Reg. S. 353. 45, Reg. S.348; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 419; Schirokauer, Beitr. 47,16. 33. 3 W. Grimm S. 250; Graef, Herzfeld, Preuss aaO.; Schröder, GgA. aaO.u.Münch. SB. S. 14; Steinmeyer, Anz. aaO. — Parz. 773, 22 erwähnt Wolfram den Eraclius ode Ercules, bei der Abfassung dieses XV. Buches hat also Wolfr. Ottes Ged. gekannt (Graef S.39L). 4 Massmann S. 453—527; Sparnaay, Verschmelzung S. 8 f. §19. Otte, Eraclius 119 Ib und c, ist die Geschichte von den drei übernatürlichen Kenntnissen des Knaben Eraclius. Sie ist wahrscheinlich orientalischen Ursprungs, wanderte von Osten in die byzantinische Literatur und findet sich hier in der Erzählung von Ptocholeon, dem aus einem reichen Mann zum Bettler gewordenen Weisen, die im Keime am Schluß auch die Ehebruchsgeschichte enthält. 1 Aber die in dem französischen und deutschen Gedicht den Weisheitsproben (Ib) vorangehende Kindheitsgeschichte (Ia) ist nach dem Muster einer Legende ausgeführt: ein heiliger Mann, von frommen Eltern abstammend, die Verkündigung seiner Geburt durch einen Engel, die Mutter eine gottselige Matrone. Der II. Teil, die Wiedergewinnung des Kreuzes, ist durchaus Legende, auf historischer Grundlage erbaut und wie ein mittelalterlicher Kreuzzug dargestellt. Damit ist auch die Entstehungsgeschichte des Gesamtstoffes klar: der Hauptteil der Novelle,'die Weisheitswunder und der Ehebruch (Ib und c), stammt aus der byzantinischen Erzählung, der Eingang dazu, die Kindheit (Ia) ist von dem Dichter der französischen Quelle, Gautier v. Arras, nach Legendenmuster hinzu verfaßt; die Kreuzlegende (II) ist ein Stück Kirchengeschichte. Diese novellistischen und legendarischen Elemente sind zu einem größtenteils fabelhaften, biographischen Roman des byzantinischen Kaisers Eraclius 2 verschmolzen. In der Einleitung, V. 76—123, skizziert Otte selbst den Plan des Werkes: er erzählt die vielfachen Wunder, die Gott mit Eraclius unternahm, und die Wiedergewinnung des heiligen Kreuzes. Diese Großtat in der Geschichte des Christentums bildet den eigentlichen Zweck der Erzählung 76 ff. 342 ff. 4423 ff.), die Jugendgeschichte ist nur eine Vorbereitung für den Lebensgang des Helden der Kreuzzugslegende. In Wirklichkeit freilich ist das Hauptinteresse und der größte Teil des Gedichtes jenen „Wundern" zugewendet. Aber eben damit, daß die Wunder und übernatürlichen Kräfte des Eraclius doch Wahrheiten sind (108. 119), obschon sie der Lüge gleichen (111), und als Gnadenverleihungen Gottes aufgefaßt werden, ist der Inhalt in mittelalterl. Sinn nicht bloße Erfindung (fictio), sondern Legende, also Geschichte (res gesta) und eine Offenbarung der göttlichen Weltregierung. 1 Aelteste Redaktion a. 384 n. Chr. Aus dem Byzantin. ist die Sage in das Russische, Türkische u.Vulgärgriech. übergegangen: Krumbacher, Gesch. d. byzant. Litt. 2 S. 807—09; Rohde, Der griech. Roman 2 S. 154 ff.; Wes- selofsky, Arch.f. slav.Philol.3 (1879), 561 — 87. Die Anklänge an die Geschichte der Kaiserin Athenais, vermählt mit Theodosius II. a. 421 bis ca. 444, Massmann (S.144—62.455-68), sind nur gering (zur Osterchron. vgl. Krumbacher S. 337—39 u. Reg. S. 1181). — In der Anlage trägt die Erzählung von den wunderbaren Weisheitstaten des Eracl. den Charakter eines Glückskind- oder Dümmlingsmärchens (s. unt. Wolfr.): ein junger Mensch dürftigen Standes, aber hoher Geburt macht durch märchenhafte Leistungen sein Glück; dabei die dreifache Wiederholung der Motive: die drei Proben, drei Wettläufe des Pferdes, drei Kräfte des Steins; gerade die scheinbar geringsten Dinge erkennt er als die vorzüglichsten. 2 Phokas, im dt. Ged. Focas (im frz. Lais), regierte von 602—10, Herakleios von 610— 41, der Einfall der Perser ins oström. Reich begann 611, 614 wurde das hl. Kreuz weggeschleppt, 622—28 dauerte der Krieg gegen die Perser, der ganz den Charakter eines Kreuzzugs hatte, 629 kam das Kreuz wieder nach Jerusalem zurück (am 14. Sept., Fest der Kreuzeserhöhung, vgl. 5278-82). Vgl. H. Gelzer bei Krumbacher S. 946 ff.; Gerh. v. Zezschwitz, Das mittelalterl. Drama vom Ende des röm. Kaisertums, wohlf.Ausg. 1877, S.47ff., bes. S. 57 f. u. Anm.; Schröder, Kehr. S. 85.285 Anm.l. 120 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Die beiden Grundbestandteile, Novelle und Legende, sind dadurch zu einer geistigen Einheit verschmolzen, daß die Stimmung der Frömmigkeit, die der letzteren eignet, auch in die weltliche Novelle übertragen ist: die übermenschliche Weisheit ist dem Eraclius von Gott verliehen, auch als kaiserlicher Ratgeber hat er seine Dinge Gott anheimgestellt 995 ff., seine Frömmigkeit tritt hervor 1402 f. 2231 ff. 4348. 4372 u. ö. Auch Focas ist fromm und führt in der Ehe mit Athenais ein gottgefälliges Leben 2432—47. Aber die Liebesgeschichte sticht in ihrer Weltsinnlichkeit zu sehr gegen die Ethik der Legende ab, wenn auch äußerlich ein frommer Ton gewahrt wird: selbst in der Heuchelei führt Athenais Gott im Munde 3909. 3936 f. (später bei der Treubewährung 4288 1); auch des Parides fromme Aussprüche sind mehr nur formelhaft 3632 f. 3638. 4036. 4314, ebenso die der Mutter der Ath. 2241 f. (Wiederholung von 2232 ff.), der Hofdamen 3490, der Kupplerin 3638. Die der orientalischen Fabel ursprünglich angehörende Ehebruchsgeschichte ist im mittelalterl. Roman dem höfischen Problem vom Wesen der Minne angepaßt und zu einem Beispiel für die Verwerflichkeit der huote (Behütung und Verwahrung der Frau zur Verhinderung eines Fehltritts) geworden, es wird eine Lehre daraus gezogen: wenn zwei sich wahrhaft lieben, so soll der Mann das Weib nicht in Gewahrsam halten 4408 —16. Die tugendhafte Frau, die selbst der weise Eraclius für „heilig" hält 2267. 2300, gerät in den Bann des unentrinnbaren Minnefatums und sie kann sich, wie sehr sie sich auch sträubt und Gott um klaren Sinn und Bekehrung zum Guten anfleht (2955—58), gegen den Schulddämon nicht wehren, sie muß das Unrecht tun 2978—81. 3853—60. Die Minne ertötet in ihr die Gewissensskrupel, damit verfällt sie hemmungslos der missetät 3861—69. Aber menschlich gemildert wird der Fehltritt der Liebenden, die füreinander in den Tod gehen wollen, durch ihre gegenseitige Treue 4231 ff. 4288 f. 4311—17. Die Quelle für das deutsche Werk ist der Versroman Eracles von Gautier v. Arras (um 1165), 1 einem picardischen Dichter, der dem kunstsinnigen Fürstenhause nahestand, in welchem die neue höfische Literatur ihre stärkste Anregung fand: er widmete sein Gedicht dem Grafen Thibaut V. v. Blois, dem Gemahl der Alice, der Tochter der Eleonore v. Poitou (aus der Ehe mit Ludwig VII. von Frankreich), dazu der Schwester Alicens, Marie v. Champagne, und dem Grafen Balduin IV. v. Hennegau. Für den II. Teil, die Kreuzlegende, benutzte Otte außerdem die Chronik Ottos v. Freising (verfaßt zwischen 1143 u. 1146) und die Kaiserchronik. 2 1 Vgl. Gröber, Qrundr. S.525f.;VORETZscH 1 S. 288—91. — Ausg.: Massmann aaO.; Lö- seth, Oeuvres de Qaut. d'Arras I, Bibl. franc. du Moy. Äge, Paris 1890. — G. Guth, Das Verhältnis von Otte's Eracl. zum afrz.Vorbild, Progr. Budweis 1908; Massmann S.580 ff.; Schröder, GgA. aaO. 2 Massmann, Ausg. S. 387—90. 509—27 u. Kaiserchr. 3, 885—93. — Die Erzählung von Eracl. u. Focas sowie von Cosdroas goldenem Turm bringt, wohl ohne Kenntnis Ottes, später auch Enikel in seiner Chronik 20411—942. 21951—22182 (s. Strauchs Ausg.); e. kurze Notiz üb. d. Kreuzgewinnung steht in Heinrichs v.MünchenWeltchronik, unter Benutzung von Otte, Massmann S. 369—78; v. d. Hagen,. § 19. Otte, Eraclius 121 Der deutsche Dichter hat den franz. Text recht frei wiedergegeben, sowohl hinsichtlich des Wortlautes als der inhaltlichen Bestandteile. Dabei befolgte er für die einzelnen Abschnitte bestimmte Grundsätze, die sich aus der Beschaffenheit des jeweiligen Stoffes ergaben. Die Kindheitslegende (Ia), die schon im franz. Gedicht gedrängter angelegt war, hat er weiter ausgeführt (141—852, Gaut. 122—666). Stark hervor tritt eine geistliche und gelehrte Tendenz: die Heilsgeschichte 148—62 (fehlt bei Gaut. 95ff.); der religiöse Charakter der Eltern 163—95 (G. nur 131—36); Betrachtung über den Tod 498—521 (fehlt G. nach 287); Rede über das Seelenheil 555—73 (G. 335— 42); Vergleich von Armut und Reichtum 615—41 (statt dessen hat G. eine anschauliche Schilderung des betr. einzelnen Falles freiwilliger Armut 343—66); die Schule des Knaben Er. 396-426 (G. 261—66); Chronikalisches 342 —66 (fehlt G. nach 236). — Auch in die Novelle (Ib u. c) hat Otte sehr selbständig eingegriffen und hat sie beträchtlich gekürzt (853—4416, G. 667—5138), zumeist in Nebenzügen und Auswüchsen ohne Preisgabe von wichtigen Gliedern, besonders in Reden, Minnegesprächen und -monologen, Gefühlsgrübeleien, allgemeinen Betrachtungen; immerhin vermißt man auch manches ungern. Er ändert die Stellung von Personen in der Ökonomie des Zusammenspiels: der Truchseß (franz. Seneschall), den Gautier mit einem sympathischen Zug des Mitleids mit dem Geschick des Knaben Er. ausgestattet hat, tritt mehr in den Hintergrund, er ist nur Vermittler der Handlung. Umgekehrt ist die Mutter des Parides, die im franz. Gedicht nur die Rolle einer Klagefrau hat (4017 ff.), zu einer Mitspielerin geworden (Otte 3130—257) in einem Veldeke nachgeahmten Minnedialog. Der Typus der Kupplerin ist in der Person der Morphea trefflich charakterisiert, bei Gautier ist das Ränkespiel indessen noch erfindungsreicher ausgesponnen, indem Athenais dem Parides durch die schlaue Vermittlerin einen in eine Pastete gewickelten Brief zukommen läßt (4400—507), während sie bei Otte ihm bloß einen Ring als Zeichen ihrer Liebe sendet. 1 Dem Schluß der Liebesverirrung gibt Otte eine andere ethische Färbung: offen und reuevoll bekennt die Kaiserin ihre Schuld, wo Gautier für die schöne Sünderin in höfischer Courtoisie Partei ergreift, und während Gaut. die Ehescheidung damit enden läßt, daß ihr der Kaiser ein Landgut und 100 Mark jährliche Rente schenkt (5086 ff.), führen bei Otte die nunmehr dauernd vereinten Liebenden ein entbehrungsvolles Leben; aber ihr war auf einem Bett von Stroh wohler als in der kaiserlichen Herrlichkeit, denn sie liebten sich beide von Herzen 4394—407. — Auch in Zusätzen läßt Otte seine eigene Persönlichkeit zur Geltung kommen: als ,gelerten man' zeigt er sich in der Aufzählung von Steinen 970 ff. (G. 752), von Ländern 1338—43. 80—84 (fehlt G. nach 1287); GSA.2,529-47; Strauch, ZfdA.aaO. S.297; vgl. ob. Gothaer Hs. — Die Kreuzlegende u. Eraclius außerdem in d. mhd. Lit.: im mfrk. Legendär (LG. II, 1, 151 f.); im Passional ed. Köpke S. 279,55 ff.; in d. Repgauischen Chron. ed. Massmann S. 223—29: in d. Prosachron. d. Päpste u. Kaiser der Münch. Hs.259 u. Wiener Hs. 2861 (um 1470); in Königshofens Chron., s. Massmann S. 187—93; Heinzel, Orendel, Wien. SB. 126 (1892), 51 ff. 1 Die Figur der Kupplerin ist griech.-oriental. Ursprungs, beliebt in frz. Fableaux. 122 Die erzählende Dichtung ein besonderes Interesse zeigt er für Briefe (ein Brief schon im Teil Ia 372_87. 458—88, G. 237—57. 269—86): 1338—68 (fehlt G. 1281—84). 1744_1807 (G. 1952—78, die Anfertigung eines Briefes bei G. 4403—8). Dem höfischen Stil folgend bringt er gern Erweiterungen von Beiwerk: Schilderung von Kleidern 1927—60 (G. 2180 f.), Schwertleite 2388—405 (G. 2904—11), dafür fehlt bei ihm nach 2387 die Ehrenlaufbahn des Er., G. 2860—903; das Beilager 2405—22 ist ausführlicher als bei G. 2818—20, auch in 4000—58 kehrt Otte das sinnliche Moment hervor (gegen G. 4609—75). 1 Im II. Teil, der Legende 2 (Otte 4417—5392, G. 5139—6539), bewegt sich Otte noch freier, hier hat er sein eigenes historisches Musterbild, wie es ihm zum Teil Otto v. Freising und die Kaiserchronik boten. Die ganze Vorgeschichte, die Wiederfindung des Kreuzes durch Helena (G. 5148—244) tilgt er und bringt statt dessen einen chronikalischen Ausschnitt über die Gründung des oströmischen Kaisertums und die Wiedererneuerung des römischen Reichs durch Karl d. Gr. mit einem Blick auf die Gegenwart (4466—70). Er kürzt den Kampf mit Cosdroas, auch Reden schränkt er ein und die Anbetung des Kreuzes 5158—61 (G. 5920—72). Ganz verschieden in Stimmung und Gehalt ist der Schluß, 5189—392, gegen G. 6108—539: das franz. Gedicht bewahrt den frommen Legendenton bis zum Ende, Otte dagegen schließt, poetisch völlig abfallend aber gelehrt, als Chronist mit ein paar dürftigen historischen Notizen: vom hl. Märtyrer Anastasius, von Machmet dem Mehrer des Unglaubens, von dem fränk. König Dagobert (Tagebreht) dem Mehrer des Glaubens, von dem Irrlehrer Sergius, von dem mißglückten Krieg des Er. gegen die ismaelitischen Agarener. Dabei kam es ihm darauf an, die menschlichen Gebrechen des frommen Kaisers stärker hervortreten zu lassen, indem er die Hoffart seines festlichen Einzugs in Jerusalem als gröze mlssetät brandmarkt 5248 und ihn am Ende seines Lebens in die Sünde der Ketzerei verfallen läßt. 3 Am offensichtlichsten aber scheiden sich die beiden Dichter in ihrer Eigenart da, wo sie, jeder für sich, von der Tendenz ihres Werkes sprechen, im Prolog 4 (1—140 bezw. Gaut. 1—122): Gautier leitet sein Gedicht ein mit einer Huldigung für seinen Gönner 1—94, Otte das seine mit einem Gebet zu Gott 1—75; dann legt jener einen kurzen Inhaltsbericht vor 95—122, dieser dagegen seine wissenschaftlichen Grundsätze 76—140. So gibt sich Gautier als den Hofmann, Otte als den frommen Gelehrten. Darum hat jener auch die ritterliche Laienmoral: Gott und der Welt zugleich dienen 131—36 (vgl. 4638), während Otte nur „Gott Untertan sein" als Lebensideal aufstellt 193—97. Otte ist ein guter Erzähler. Seine sprachliche Formulierung 5 ist lebendig und anschaulich, ohne Rhetorik schreibt er einen gemäßigten Stil. Mit der trefflichste weltliche Herrscher kann in die 1 Vgl. Schröder, GgA. aaO. 2 Der Inhalt der Kreuzlegende Ottes hat mit •derjenigen in d. ndld. Ged. Seghelijn van Jhe- rusalem nichts zu tun, vgl.HEiNZEL.Wien.SB. 126 Nr. 1; Schneider, Wolfdietr. S. 368 ff. 3 Eine echt hierarchische Wendung: auch Bahnen eines rex injustus (LG. II, 1, Reg. S.351), geraten. J Vgl. Schwietering S. 41 f. 6 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242—50; Graef S.70—80; PREUSsaaO. § 20. MORANT UND GALiE 123 wirklichkeitsgetreuen Auftritten wechseln längere allgemeine Betrachtungen und auch kürzere Sentenzen. Hierin wie in manchen formelhaften Wendungen (Anreden an die Zuhörer, Versicherung sich kurz fassen zu wollen), auch in der häufigen Verwendung der kurzen Wechselrede ist ihm schon Gautier vorangegangen. Im Gefühlston und in den Leidenschaftsäußerungen ist der franz. Dichter stärker, aber mit dem rascheren Vorschreiten der Handlung in der Novelle ist Ottes Vortrag oft auf längere Strecken hin straffer und bewegter. Voll-höfisch ist Ottes Redeweise nicht, zum Volkstümlichen neigt er im Formelwesen, auch in einzelnen volksepischen oder kräftigeren Ausdrücken. Zuweilen wirft er humoristische Seitenblicke. Metrik. 1 Die Reime sind dialektisch (Wetterauisch), der Versbau ist im allgemeinen gleichmäßig, doch ist Überladung der Senkung (bes. im Auftakt) nicht selten. § 20. Morant und Gälte Das Gedicht vom Ritter Morant und Karls des Großen Gemahlin Galie ist die erste mittelhochdeutsche Bearbeitung einer Episode aus der Sage des großen Kaisers. Zugrunde liegt eine (verlorene) franz. Chanson de geste, also ein nationales Epos aus der geschichtlichen Überlieferung des französischen Volkes. Danach ist auch die gesellschaftliche Kulturform nicht die höfische, die Höfischheit, courtoisie, sondern eine natürlichere, ungeschminktere, auch gröbere. In dieser Eigenart liegt aber auch der Reiz der Darstellung. Das alte Gedicht von Morant und Gälte, um 1200 von einem mfrk. (nordripuarischen) Dichter, wahrscheinlich einem Spielmann, verfaßt, ist nur in Bruchstücken von zusammen 578 z. T. verstümmelten Versen erhalten: M.Berlin, aus Meusebachs Bibliothek, 4 Perg.bl. 13 Jh. Dieses ursprünglich selbständige Gedicht wurde später in die umfangreiche Kompilation Karlmeinet aufgenommen, eine Zusammenarbeitung einiger ursprüngl. ebenfalls selbständiger Karlsepen, die in der 1. Hälfte des 14. Jhs. im Mittelfränkischen (nördl. Ripuarien) entstanden ist. In der, ziemlich willkürlich abgefaßten, Hs. A des Karlmeinet (Darmstadt, Pap. 15. Jh.) steht das vollständige Gedicht auf BL 216a, 29—293b, 3. Eine dritte Hs., C, befindet sich in Köln, Stadt. Archiv, Pap. Anf. 15. Jh. Auch C, 5592 V., geht auf die große Kompilation Karlmeinet zurück, das selbständige Gedicht ist also nur durch M vertreten. AC weicht von M oft im Versbestand durch Zusätze oder Abstriche ab. 2 Die franz. Quelle, die Chanson de geste, ist verloren, 3 deshalb kann auch die Arbeitsweise des deutschen Übersetzers nicht beurteilt werden. Inhalt. 4 Morant, einer der angesehensten Ritter im Reiche Karls d. Gr., wird von Rohart 1 GraefS.23— 31.63—69. 2 Ausg.: M, Lachmann, Abhandl. d. Akad. zu Berlin 1838, 159—90 u. Kl. Sehr. S.519— 47 (V. 459—578 gehören in die große Lücke nach 270), s. auch Lachmanns Ausg. v.Wolfr. v.Eschenb. S. XXXVI! ff. — A, Karl Meinet, hgb. v. Adelb. v. Keller, Lit.Ver. Nr. 45 (1858), dazu Bartsch, Ueb. Karlmeinet, Nürnberg 1861. — C, erst bekannt gemacht durch den Abdruck von Erich Kalisch, Mor. u. Gal. nach d. Kölner Hs. hgb., Rhein. Beitr. 2, Bonn u. Leipz. 1821, dazu Schröder, Anz. 42, 80. — Paul Riebe, Ueb. d. verschiedenen Fassungen d.Mainetsage, Greifsw. Diss. 1906. —Sprache: Lachmann S. 521 u. Wolfr. aaO.; Bartsch S. 263-365. 387. 3 Das von Gaston Paris, Rom. 4, 305—37 hgb. afrz. Bruchstück, 12. Jh., fällt in die Jugend Karls u. hat mit unserm Gedicht nichts gemein. — Das deutsche Ged. beruft sich oft auf eine franz. Quelle: dat welsche (erg. buch), zweimal liet, einmal leicli, Bartsch S.27f. 4 Ueb. die Karlssage s. Bd. II, 3 Strickers Karl u. Karlmeinet; hier sei bes. angeführt: Grässe, Die großen Sagenkreise des MA.s, 1842. S.262 ff.; Massmann, Kaiserchr.3, 970 —1043; Voretzsch 1 S. 214—20; Gaston Paris, Histoire poetique de Charlemagne, Paris 1865; Plö Rajna, Le origini dell'epopea francese, Firenze 1884; Jos. Sedier, Les le- 124 Die erzählende Dichtung und dessen Gesellen, die ihn aus Karls Gunst verdrängen wollen, verbotenen Verkehrs mit Karls Gattin Galle beschuldigt. Karl entbietet M. und dessen beide Neffen zu Hof. Unheilvolle Träume und schlimme Zeichen auf der Reise schrecken M. nicht ab. Vor dem Kaiser beteuern M. u. G. ihre Unschuld, aber beide werden gegen die allgemeine Stimmung gefangen gesetzt. Auf Beschluß der Großen soll ein Zweikampf zwischen M. und Rohart entscheiden. Der Verleumder verkleidet sich in einen Pilger und wird von M. im Kampfe entlarvt. Karl erkennt seinen Irrtum und bittet Gälte um Verzeihung. Die Verräter werden hingerichtet. Ein Hoftag mit großen Festlichkeiten macht den heiter-versöhnenden Abschluß. Es ist die Sage von der unschuldig verleumdeten Königin, gehört also zur Gattung der Genoveva- oder Crescentia-Sagen. 1 In einem franz. Bruchstück heißt Karls Gemahlin Sebille, ebenso im spanischen Prosaroman und im ndld. Volksbuch; und Alberich v. Trois-Fontaines 2 (Champagne) berichtet in seinem Chronicon (bis 1241), daß von franz. Dichtern über die Verstoßung der Königin Sibilia eine sehr schöne Erzählung verfertigt worden sei. 3 Der Inhalt baut sich in drei Stufen auf: die Verleumdung, die ungerechte Verurteilung, die Rechtfertigung durch das Gottesurteil. Der Umfang des Gedichtes wird durch Erweiterung des Grundstoffes hergestellt: die Verräterei der drei Bösewichter wird durch Besprechungen mit dem König ausgesponnen, die Verurteilung durch Beratungen und Reden und durch Klagen, der Zweikampf wird ausführlich behandelt und das Fest am Schluß bringt noch einmal eine Dehnung. Ist somit die Erzählung auch nicht besonders breit gezogen, so verläuft sie doch mehr episch weilend als dramatisch bewegt. Beschreibungen von Gegenständen, Ausstattungen u. dgl. nehmen keinen großen Raum ein (z. B. A230, 32—54, C 1080—1102, vgl. Lachm. 18—34. 52—74. A247, 48—248. 1259, 19-50, C 2311—35. 3120—55). Im Mittelpunkt des gendes epiques, bes. Bd. 3, Paris 1912. Brüder Grimm, Dt. Sagen Nr.442 ff.; K. Wehrhan, Die dt. Sagen d. MA.s 1. Hälfte, Dt. Sagenbuch hgb. von Fr. v. d. Leyen, Münch. 1919; Deutschbein, Sagengeschichte Englands S. 182 ff.; Keller S. 852 ff.; Bartsch S. 1 ff. — Die Mainetsage, nach der die Sammlung .Karlmeinet' den Namen hat, ist die Sage vom jungen Karl, seiner Vertreibung durch seine Stiefbrüder u. seine Flucht zum Heidenkönig Galafre nach Spanien, wo er dessen Tochter Galienne zur Frau gewinnt u. zum Christentum bekehrt, worauf er sein Reich wieder zurückerobert Diese Geschichte von der Jugend, Flucht u. Rückkehr Karls ist das erste Stück in der Sammlung Karlmeinet (Bartsch S. 1— 24). Darauf folgt als zweites Stück Mor. u. Galie. — Die histor. Grundlage für diese Jugendschicksale des Mainet liegt nicht in der Geschichte Karls d. Gr., sondern seines Großvaters Karl Martell. Die Mainetsage ist also speziell Karl Martell-Sage (P. Rajna S.199— 243). 1 Die sehr beliebte Sage ist in verschiedenen Fassungen verbreitet: Karl u. seine Gemahlin Hildegard (Br. Grimm Nr.442), Karls Mutter Berta (Br. Grimm, Ad. Wälder 3,43—48; Bolte- POLiVKA 2, 284 f.; Gröber, Grdr. Reg. unt. Berte, Voretzsch > S. 125.436f.); Maiu.Bea- flor, Die unschuldige Königin v. Frankreich (V. D. Hagen, Ges. Abent. 1, 165 ff., dazu S.CIVff., s. auch S.Cff.); Bühelers Königstochter v. Frankreich; Schondochs Königin v. Frankr.; Griseldis, die geduldige Helena, Florentia, Hirlanda.Octavianus, Schwaniitter. — Lit. ua.: Görres, Dt. Volksbücher; Grässe, Sagenkreise S. 279—87; Massmann, Eraclius S. 381—87; Oesterley, Gesta Rom. S. 740; Bolte-Pol. 1, 295—311. 2, 392 f.; Strauch, EnikelAnm.zu26677-27356; Wolfg.Liepe, Elisab. v.Nassau-Saarbrücken, 1920, S. 176 ff. 273 ff; Goswin Frenken, Wunder u. Taten d. Heiligen, Bücher d. MA.s hgb. von Fr. v. d. Leyen, I, Münch. 1925, S. 168 ff. u. 232 (mit Lit.). 2 Hgb. Mon. Germ. Script. XXIII, 631—950. 3 Sebille: Bartsch S.19 28—30; G. Paris S. 389 ff.; Pio Rajna S. 1 79—98. — Thomasin empfiehlt im W. Gast 1037 unter den höf. Vorbildern für die jungen Damen u.a. Galiena; die Namensform ist romanisch, es läßt sich aber aus dieser Erwähnung kein weiterer Aufschluß gewinnen, vgl. Lachmann, Wolfr. aaO.; ROckert, W. Gast S.529; Bartsch S. 23; G. Paris S. 125 f. § 20. MORANT UND GäLiE 125 Blickbildes steht der Kaiser. Er ist nicht der ehrfurchtgebietende, sagenverehrte gerechte Herrscher des Rolandsliedes, kräftig und milde zugleich, 1 es fehlt ihm jene Größe und Würde. Er ist unselbständig, der Lüge preisgegeben in den Händen von Verleumdern, die seinen Argwohn geschickt zu schüren verstehen, dann ist er im Irrtum wegen seiner gekränkten Ehre unversöhnlich, dabei doch aber wieder starker Empfindung fähig (Klage um die verlorene Liebe A 227, 36—228, 4, C 823—62). Bei diesem Schwanken des Charakters kann ihn der Dichter einmal Karle der gude (A 227, 36, C 823) nennen und später, da ihn sein ungerechter Haß verblendet, verwünschen Qot geve en leide! Es liegt eine große Tragik in der Zertrümmerung des Glücks dreier Menschen. Auch der Kaiser, nicht nur die schuldlosen Opfer, sind in dieses Leiden verkettet. Solche seelischen Spannungen zu erfassen besaß der Dichter nicht die volle Kraft, er ist doch mehr nur der Darstellung des Novellenhaften und äußerer Drangsale gewachsen. Aber er wußte doch eine anmutende Wärme über das Verhältnis zwischen der Königin und dem getreuen Vasallen auszubreiten. Die Neigung äußert sich als ganz naive Freundschaft: beim Abschied ging sie auf Morant zu vor den Augen Karls und der Hofgesellschaft und umfing ihn mit ihren Armen, denn sie war Morant hold mit reinem Herzen und Sinne ohne jede leichtfertige Minne. Sie dachte an keinerlei Bosheit. Davon erhob sich für sie Schande ohne Schuld A 221, 5—18, C 344—57. Und beim Wiedersehen: Morants Worte gefielen Galten gar wohl und machten ihr Gemüt weich. Mit ihrer weißen Hand strich sie über sein Haupt und Haar, von großer Liebe berührte sie ihm die Wangen, und sie selbst ruft in ihrer Herzensfreude den Kaiser herbei, seinen treuen Helden zu begrüßen, ohne die Verfänglichkeit der Situation zu bedenken A236, 54—237, 4, C 1533—51. Hier ist offene, rein menschliche Herzlichkeit, nichts von verheimlichtem Minnewesen. Schon in der Sage gegeben ist die durchsichtige Gruppierung mit der Scheidung der Treuen und Ungetreuen. Hier die treue Gattin, der ergebene Vasall, die Neffen, die sich als Bürgen stellen, dort die treulosen Verräter. Der Dichter selbst zieht die Moral aus der Bestrafung der drei meineidigen Schurken: Want untrüwe ind overmöt Nemet seiden ende göi A 285, 65f., C 5061 f. 2 Es ist aber in diesem moralischen Gegensatz ein religiöser mit inbegriffen, denn jene sind die frommen Christen, Rohart aber ist ein Teufels- bündler A274, 45-275, 6, C 4263—90. So ist das Gedicht zu gleicher Zeit eine Apologie des Christentums: es ist ein Glück für das Seelenheil Gallens, daß Karl sie dem Teufel entzog und zur Taufe veranlaßte A 227, 54—62. 236, 46—53, C 841—49.1513—20, Lachm. 475—514, A 281, 49—55, C 4769—75. Überhaupt ist Frömmigkeit die ethische Grundstimmung. Die liturgischen Formen werden beobachtet (Messe, Kirchgang, Eidschwur), die inneren Be- 1 LG. II, 1, 256. I die Untreue als alte Grundschuld hingestellt, 2 Auch der Kompilator hat in seinem Prolog j A 216, 29 ff., C 1 ff. 126 Die erzählende Dichtung wegungen finden Ruhe in trostreichem Gebet und in Anrufung Gottes und der Jungfrau A 222, 5—35. 227, 4—11. 232, 18—32. 238, 6—20. 238, 41-46. 242, 15—40. 263, 25—264, 20. 268, 6—11. 269, 48—60. 270, 13—26. 270, 43—271, 34. 272, 5—15. 274, 1—18. 279, 27-35 u. ö., C 414—44, 791—8. 1205—19. 1622—36. 1657-62. 1924—57. 3401—62. 3725—30. 3892—904. 3927—40. 3957—4018. 4060—70. 4216—32. 4593—601. Entsprechend seinem Ursprung aus der franz. Chanson de geste ist auch das deutsche Gedicht ein volkstümliches Epos, die natürlichere, auch derbere Lebensauffassung und der sorglose Stil trennen es von der verfeinerten höfischen Richtung. Die Leidenschaft ist nicht durch die mäze gedämpft. Der Jammer tobt sich in Geschrei aus: die Frauen klagen und schreien, z. B. A 238, 47—71, C 1659—87, Karl schreit vor Herzeleid A 239, 2—10, C 1688—96, Morant schreit A 239, 16, C 1702, die Hofleute schreien A 245, 52, C 2177. Ganz unhöfisch ist das häufige Schimpfen und Verwünschen, oft von seifen des Dichters, indem er für die Guten Partei nimmt: A 218, 8 f. 218, 70—219,4. 221, 21. 221, 29—33. 222, 69. 223, 58. 224, 23. 226, 32. 243, 1 f. 243, 69 f. 244, 55. 246, 54—56. 258, 28. 266, 9 f. 271, 8. 272, 58. 278, 20—29. 282, 55 u. ö., C 134. 196—200. 360. 368—72. 480. 538. 574. 734. 1988. 2060. 2115. 2248—50. 3062. 3586 f. 3992. 4117. 4507—16. 4844; oder gar körperliche Mißhandlungen: Mor. schlägt Fuckart mit der Faust an den Kragen, daß er alle viere von sich streckt A 243, 35—44, C 2026—33, Karl packt Roh. am Bart A 251, 27—31. 39 f., C 2565—69. 2577 f., vgl. auch A 231, 65—232,1, C 1184—90, A246, 66—247, 6 u. ö., C 2260—69. Unhöfische Redensarten A 248,5. 13 f. 267,41, C2339. 2349 f. 3688. Höchst unehrerbietig, unerhört für einen Vasallen gegen seinen Herrn, ist die Hohnrede des jungen Berant, als ihm Karl die horrende Buße auferlegte A 248, 1—36, C 2336—72. Mit besonderem Behagen verweilt der Dichter bei dem üppigen Hoffest, in dem sich das überstandene Ungemach in eitel Freude auflöst A 286, 17—293, 23, C 5082—581. Da geht es hoch her. Karl selbst macht den Wirt. Er bereitete den Gästen, die aus allen Ständen geladen waren, Vergnügen ohne Zahl, alles machte er froh, er sang und tanzte und war mit einem Kranz unter der Krone geschmückt. Vor allem wichtig hat es der Dichter mit den Spielleuten und Gauklern, eine lange Liste ihrer Künste zählt er auf und läßt sie aufs großartigste belohnt werden, bis zum jüngsten Tag kann man von diesem Feste erzählen. Eine elementare Lebenslust und Genußfähigkeit entfaltet sich hier, wie sie kaum sonstwo in der mhd. Literatur getroffen wird. Der Stil ist schmucklos, stark spielmännisch in der Verwendung von Formeln. 1 Der Versbau 2 hat die seit Veldeke übliche geordnete Form, es besteht eine Vorliebe für kurze Verse. Die Reime sind vom Standpunkt des 1 Lachmann S.521 u.Wolfr. aaO.; Bartsch S.27L 366—84. 2 Lachmann ebda; Bartsch S.26. § 21. Moritz von Craon 127 Dialekts aus rein. Zweisilbige Wörter von der Form - <-> zählen nach mfrk. Weise wie die mit J- ~, d. h. die kurze Stammsilbe ist gelängt, die Reime sind klingend und die Verse haben dann 3 Hebungen. Das Gedicht von Morant und Galie nimmt eine besondere Stellung in der mhd. Literatur ein. Es ist der einzige Überrest einer einst gewiß stärker gepflegten Gattung, einer karolingischen Heldendichtung in den Rheinlanden, 1 einer höheren Spielmannsart, die fortgeschrittener ist als die rheinische Spielmannsdichtung des 12.Jh.s, Rother usw., und die reinere Formkunst Veldekes voraussetzt. §21. Moriz von Craon Ausg.: Massmann, v. d. Hagens Germ. 9 (1850), 103—135 (Mauritius u. Beamunt); M. Haupt, Festgaben für Homeyer, Berl. 1871, S. 27—89 u. SA.; Edw. Schröder, Zwei ad. Rittermaeren, Berl. 1894, dazu Wilmanns, Gott. gel. Anz. 1895, 405—16, G.Paris, Rom.23 (1894), 466—74, 2. Aufl. 1913, 3. Aufl. 1920 (mit gekürzter Einleit.). — Bech, Germ. 17, 170—77 u. ZfdPh. 29, 165—70; Schröder, ZfdA. 38, 95—105. 43, 257—64. 56, 288; R. M. MEYER,Allg.dt.Biogr.35,670u.ZfdA.39,310—26; Wallner, ebda 56, 132—35; Wechssler im Roman. Jahresber.IV,2,382ff.; Rosenhagen, Dt.Vierteljahrsschr.2, 795—815; Schwiete- ring, Festschr. f. Ehrism. S.49 ff. — Hs.: Drittes Stück der berühmten Ambraser Hs. in Wien. 2 Der Verfasser nennt sich nicht, seine Heimat läßt sich aus den Reimen als das südl. Rheinfranken erschließen 3 (nördl. Elsaß oder rechts- bezw. linksrheinische Pfalz). Für die Abfassungszeit ergeben sich aus dem Gedicht selbst keine näheren Anhaltspunkte. Sie wird nach Gotfrids Tristan, vielleicht auch nach Wolframs Willehalm fallen, also zwischen 1210 u. 1220. 4 Inhalt. A. Der Prolog 1—262 entwickelt eine Geschichte des Rittertums (ritterschaft): es entstand bei den Griechen im trojanischen Krieg 1—102; kam nach Rom, ihr Begründer dort war Cäsar, Gegensatz Cäsar-Nero, Anekdoten von Nero 103—229); sie zieht nach Kärlingen (Frankreich), Karl richtet sie wieder auf (Olivier, Ruolant) und gelangt von da in viele Länder 230—62. — Das Ritterwesen ist also bedingt durch den moralischen Wert der Völker, demgemäß ist das historische Element dieses Abschnittes durchzogen von einem sittlichen: Ritterschaft verlangt ere. B. Hauptteil 263—1776. a) Die Ritterfahrt 263—1060. Herr Mauricius von Craon (Craun) dient der Gräfin von Beamunt um Minnelohn 263—523. Sie will ihn zu ihrem Ritter annehmen, wenn er vor ihrer Burg ein Turnier veranstalte 524—620. Er läßt ein Schiff bauen, das, von Pferden gezogen, die im Innern verborgen sind, sich zu Lande fortbewegen kann und fährt durch Frankreich vor die Burg der Gräfin; im Turnier zeichnet er sich vor allen andern aus; der Gatte der Gräfin tötet unvorsichtigerweise einen Gegner 621—1060. — b) Das Mißgeschick des Minnedieners 1061—1510. Nach dem Turnier läßt die Gräfin den Ritter durch eine ihrer Jungfrauen zu sich entbieten, in einer Kemenate wartet er ihrer, schläft aber auf einem Ruhebette ein. Gekränkt über die scheinbare Gleichgültigkeit ihres Verehrers versagt sie ihm, trotz Abmahnung des Kammerfräuleins, ihre Minnegunst. — c) Die Rache 1511—1776. Der Ritter schleicht sich nachts in das Zimmer der Dame; der Rittermaeren 2 S. VI— VIII. 3 Sprache: Bech, Germ. 17,174f.; Schröder 1 S.VII-X. X-XVIII; Zwierzina, ZfdA. 44, Reg. S.346. 45, Reg. S.342; Schröder, Münch. SB. 1924, 3. Abh. S. 3. 4 Haupt S. 5; Schröder 1 S. X— XV1I1, 3.Aufl. S.IV; Wilmanns S.405f.; R.M.Meyer S. 324—26; Wallner S.134; Schwietering, Demutsformel S. 48. 68. 1 J. Grimm, Kl. Sehr. 2,358 f.; MOllenhoff, ZfdA. 12, 355f. 18,5; John Meier, Beitr. 16, 85 f. 100 f. 2 Die Ambraser Hs., aus Schloß Ambras in Tirol, jetzt in Wien, Perg., prachtvoll ausgestattet, ist von Hans Ried, Zollner in Bozen, 1502—15 für Kaiser Maximilian geschrieben, s. I. V. Zingerle, Germ. 9, 381 ff.; O. Zingerle, ZfdA. 27, 136ff.; Schröder, 128 Die erzählende Dichtung Gatte erwacht, hält entsetzt den durch das Turnier Entstellten für das Gespenst jenes von ihm im Turnier getöteten Ritters und fällt in Ohnmacht; M. gewinnt die Minne der Dame, dann aber kündigt er ihr seinen Dienst und verläßt sie mit Hohn 1511—1637. Die Reue über das verscherzte Glück: die Gräfin bereut ihre Härte und leidet Kummer bis an ihr Ende 1638—1776. C. Epilog. 1777—84. Der Dichter entschuldigt sich, wegen der Schwierigkeit der deutschen Sprache nicht meisterlich dichten zu können. 1 Die Quelle. Der Ritter, dem dieses abenteuerliche Erlebnis zugeschrieben wird, war der franz. Minnesänger Moritz v. Craon (in Anjou), ein einflußreicher und am franz. Hofe angesehener Adeliger, gest. 1196; 2 die Dame gehörte dem benachbarten Geschlechte der Vizegrafen von Beaumont an. Berühmte Dichter werden auch sonst, zuweilen bald nach ihrem Tode, zu Helden sagenhafter Stoffe, von Novellen oder epischen Liedern, gemacht. 3 So wurde die Sage vom gegessenen Herzen auf den Kastellan v. Coucy, den Trubadur Guillem v. Cabestaing und auf den Minnesinger Reinmar v. Brennenberg (der Bremberger) übertragen, auf den Tannhäuser die vom Venusberg, auf Heinrich v. Morungen, den „edlen Moringer", die Heimkehrsage. 4 Das franz. Gedicht, das als Quelle für das deutsche vorausgesetzt werden muß, 5 ist verloren, aber nahezu den gleichen Inhalt wie der dt. M. v. Cr. hat eine franz. Erzählung des 13.. Jh., ein Fableau (Fablel) ,Du Chevalier qui recovra l'amor de sa Dame'. 6 Hier fehlt die Landschiffahrt; 7 der Ausgang ist versöhnlich, da der Ritter sein unartiges Benehmen als Schuld anerkennt und damit die Huld der Dame wieder gewinnt; und ehrbarer, indem das Minnespiel nicht zur Ausführung kommt. 8 Damit fällt auch der ganze tragische 1 Vgl. Schwietering aaO. 2 Von den unter dem Namen Craon (Creon) überlieferten Gedichten gehört nur eines diesem Grafen Moriz II. 3 Viele der Biographien der prov. Trubadur enthalten novellistische Züge. i Fritz Rostock, Mhd. Dichterheldensage, Hermaea 15, 1925. — G. Paris aaO. findet es für unwahrscheinl., daß eine solche anzügliche Anekdote in Umlauf gehen konnte, solange die engen freund- u. verwandtschaftl. Beziehungen der Familien Craon u. Beaumont bestanden. G. Paris' Bedenken entsprechen unserm Empfinden, aber die histor. u. gesell- schaftl. Verhältnisse, die hier mitsprechen, sind uns doch wohl zu wenig bekannt, um zu einer entsprechenden Entscheidung zu kommen; vgl.ganz bes. Schröder, ZfdA. 43, 261—64 u. Ausg. 3 S. 5. 6 G. Paris nimmt e. lat. Quelle an, Golther, Kürschn. Nat.-Litt. Bd. 163, 208 mündliche Ueberlieferung. 6 Schröder, Ausg. 1 S. XXVII; Martin, Zur Gralsage, QF. 42, 28 u. ZfdA. 36, 203 f.; Rosenhagen S.805f. Hgb. von Montaiglon et Raynaud, Recueil general 6,138—46. Das franz. Gedicht, welches mit den hist. Namen Craon u. Beaumont die Vorlage für das dt. Ged. bildete, setzt also mit dem Fabl., das keine Namen kennt, e. gemeinsame Quelle voraus (oder hat sogar vielleicht unmittelbar das Fabl.benutzt): Schröder, ZfdA.43,263f. — In fernerem Zusammenhang damit steht die mhd. Erzählung Frauentreue (hgb. von v. D. Hagen GSA. Nr. XIII, Bd. 1 S. CXXIV— VII u. 257—76. 552-56; Kurt Burchadt, Berl. Diss. 1910) u. deren Varianten (Eschenburgs Denkmäler S. 265—74 [nd.] u. Laßbergs LS. 1, 117—28). Weiteres s. bei Rosenhagen aaO. 7 Solche Fahrten von Schiffen, die auf dem Lande von Pferden gezogen wurden, scheinen bes. in den ebenen Gegenden der Maas und des Niederrheins stattgefunden zu haben (vgl. V. 688), J. Grimm, Mythol.* 1, 213—20.3,86 f.; Haupt S 4 f.; Bolte-Poüvka 3,272 f.; Schröder 1 S.XXVIIIf.; R.M.Meyer S.318; Singer, ZfdA.35,182; Bielschowsky, Höf. Dorfpoesie S.4; Panzer, Hilde-Gudrun S.271 f. 8 Der nächtl. Besuch des Ritters bei d. Dame, zu dem die vorhergehende Tötung des Ritters im Turnier (905—20) die Voraussetzung bildet, ist eine Wiedergängersage und geht auf d. primitiven Volksglauben von der Wiederkehr des toten Gatten zurück, der sich sein Weib holt (vgl. H. Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur, bes. Reg. unter Helgi). Das Thema der ursprünglichen Sage lautete: Der Gatte einer Frau wird von e. andern ermordet, das Gespenst des Ermordeten kommt wieder, bringt d. Mörder um u. nimmt die § 21. Moriz von Craon 129 Schluß mit dem Ausblick auf das verfehlte Leben der Gräfin weg. Aber die inhaltliche Beziehung zu einem französischen Fableau weist den Weg zur literaturgeschichtlichen Bestimmung des deutschen Gedichtes: ein Fableau ist benutzt worden, um ein Ideal der höfischen Gesellschaft zu verkörpern, ohne daß, wie in den Artusepen, die novellenhafte Kürze zu einem großen Roman erweitert wurde. 1 Wenn nun auch nicht unmittelbar ein Vergleich zwischen dem deutschen Gedicht und seinem franz. Original angestellt werden kann und damit ein exaktes, auf Einzelanalyse fußendes Urteil über die Selbständigkeit des deutschen Dichters dahin steht, so können doch die Grundsätze seiner Arbeitsweise, bes. im Prolog, einigermaßen erschlossen werden. Ein Versuch dazu möge hier folgen: Die im Verhältnis zur Erzählung überlange historische Einleitung (Prolog) steht in keinem notwendigen Zusammenhang mit dem Stoff der Novelle. Sie ist in ihren Grundzügen der franz. Quelle entnommen, aber von dem dt. Dichter bedeutend erweitert. Den Gedanken der in der Aufeinanderfolge der drei Nationen sich abstufenden Kulturentwicklung hat Chrestien v. Troyes in etwa einem Dutzend Verse am Anfang seines Cliges 2 schematisiert: zuerst hatte Griechenland den Ruhm im Ritterwesen und in der Wissenschaft (chevalerie und clergie), beide kamen dann nach Rom, darauf nach Frankreich. Aus Chrestien bezog der Verfasser der franz. Quelle das Thema und erfüllte es mit geschichtlichem Inhalt durch Hervorhebung der die Entwicklung der Ritterschaft führenden Persönlichkeiten. Dieser geschichtliche Prolog 3 mochte in dem franz. Gedicht auf etwa 30 Verse zusammengedrängt gewesen sein. Stellt man die den Inhalt bildenden, also wesentlichen Punkte zusammen so erhält man eine planmäßige Disposition. Der franz. Prolog würde demnach die Geschichte des Rittertums enthalten haben, orientiert nach den Namen der betr. Helden. 4 Die Erweiterungen des deutschen Dichters bestehen in inhaltsleeren Längungen, wie die allgemeinen Behauptungen über den troj. Krieg, mit denen er sich über seine Unkenntnis hinwegsetzt 33—36. 71—76; in Moralisatio'nen über die Ehre der Ritter 77 ff. und in den drei den Rahmen sprengenden Anekdoten über Nero 143—220, die er aus der Kaiserchron. 4083 ff. 5 entlehnt hat. Sein Eigentum ist auch die Zitierung des Pandarus und Eneas 50—53. 6 Es ergibt sich aus dieser Vergleichung, daß der dt. Übersetzer den sachlichen Inhalt seiner Vorlage beibehalten hat. Also werden auch die Grundzüge der Erzählung schon im franz. Original enthalten gewesen sein; auch die Ritterfahrt mit dem Landschiff und die Nachgeschichte mit der Reue der Gräfin, die zwar für den Grundbestand der Fabel entbehrlich sind. Von vornherein darf man annehmen, daß im franz. Original der novellisti- Frau mit sich. Im Fableau ist die Sage ihres primitiven Gespenstercharakters entledigt, die Novelle dann hat den Stoff höfisch umstilisiert: der ursprüngl. Gatte wird zum Liebhaber (Mor. v. Cr.), dieser wird nicht selbst getötet, sondern ein anderer, der sonst keine Rolle spielt. Der Gatte ist also in zwei Personen gespalten, in Mor. v. Cr. u. den im Turnier Getöteten, aber beide fallen am Schluß bei der Schlafzimmerszene wieder in die ursprüngl. Einheit zusammen. 1 Schwietering, Festschr. aaO. 2 ed. W. Förster, Roman. Bibl. I (1888) V. 30—44; Martin, ZfdA. 36,203 f.; Singer, ZfromPhil. 33, 733. — Eine histor. Einleitung mit dem Gegensatz Athen u. clergie, Rom u. chevalerie hat der franz. Roman von Athis (s. Deutsche Literaturgeschichte III 9 oben) V. 191 f. 3 Durch diesen sind die Ereignisse des Gedichtes in den Zusammenhang der Weltgeschichte gebracht, Albr. v. Halberst. u. Otte haben ihre Gedichte auf die Heilsidee bezogen; vgl. Schröder, Kehr. S. 75. * Dares37-40 ist entnommen aus Benott 93—110,bes.l04—lO(ed.CoNSTANS); Schröder 1 S. XI—XIII. 5 Massmann, Kehr. 3,677 ff., bes. 689; Schröder, Kchr.S.156 Anm.l, vgl.S.75; Strauch, Enikel S. 449 Anm. 1; WiLMANNS S. 407. 6 Den Pandarus hat er aus Veld.s Eneide 7097—228, nicht aus Benofts od Herborts Trojanerkrieg, denn da ist Pand. nur nebensächlicher Statist, der dem Verf. des M. v. Cr. sicherlich kein Interesse erweckt hat. 130 Die erzählende Dichtung sehe Teil sich in rascherem Tempo entfaltete, wie das auch im franz. Fableau wirklich der Fall ist, und daß, entsprechend der Technik in den mhd. Bearbeitungen überhaupt, die dt. Übertragung des M. v. Cr. durch umständlichere Ausdrucksweise und vielleicht auch durch absichtliches Verweilen (sog. psychologische Vertiefung), ferner durch umfänglichere Schilderungen und durch eingeschobene Betrachtungen, auch durch Verbreiterung der Monologe und Dialoge erweitert ist. Besonders die ausführlichen Beschreibungen des Schiffes, seines Baus und seiner Ausstattung 635—84. 697—740, des Zeltes 773—800, der Rüstung des Helden 825—48, der Kemenate mit dem kostbaren Bett 1101—72 und der Schluß 1679—1776 mit der Naturstimmung, der sentimentalen Wehmut der Frau und der hervortretenden Moral verdanken ihre Ausführlichkeit gewiß zum größten Teil dem Interesse des Deutschen an den umgebenden Gegenständlichkeiten und dem Stimmungsleben. Sie vervollständigen zwar das realistische Bild, hemmen aber die dramatische Lebendigkeit. — Eine wirkliche innere Vertiefung, aber wieder auf Kosten der ästhetischen Einheit, liegt in den moralischen Betrachtungen, so bes. gleich am Anfang die alle epische Spannung zerstörende Moralisation über die Minne 289—396, s. auch 1343—50. 1673—78. Mit diesen lehrhaften Beisätzen hat das dt. Gedicht eine ihm eigene ethische Tendenz bekommen. Denn alle mhd. höfische Epik hat den doppelten Zweck: zu unterhalten und zu belehren; hier aber ist die belehrende Absicht ganz unmittelbar ausgesprochen eben in dem langen Abschweif 289—396: es ist eine Minnelehre, von der Natur der Minne, aber auch von ihrem sittlichenden Werte: viele meinen, der Mensch beherrsche alle lebenden Geschöpfe. Damit ist es nichts. Minne ist die Allbezwingerin (auch 1373 f.), wer aber ohne Schaden minnen will, der muß der Stcete folgen, die Unstcete fliehen. Noch zwei andere Laster sind gefährlich: Üppic und Irre, d. i. die Sinnenlust, Luxuria. 1 Aber wer in der Minne Erfolg haben will, der hat Mühsal und Arbeit auf sich zu nehmen (sweere 389, vgl. 443 f.), er muß um Minne dienen, dann wird ihm Ion gewährt werden, und damit wird ihm das höchste ritterliche Gut zuteil: die ere. Die Minne ist also die Führerin zur Ehre. 2 Unter lön ist hier die letzte Gunst verstanden (brutlouft, Hochzeit, 1359). Die Dame darf sie gewähren, nur gebietet ihre ere 1360, daß nichts davon bekannt wird.* Aber zwei moralische Triebfedern sind es, die die Handlungen des höfischen Ritters bestimmen: außer der Minne die Bewährung der ursprünglichen Mannestugend des Mutes, der Tapferkeit. Indem das Gedicht auch diese darstellt in dem glänzenden Verhalten des Ritters im Turnier und den Preis der Ritterschaft in der allgemeinen moralischen Ankündigung des Prologs voranstellt, 4 I Irre ist hier ein der Ueppigkeit (Wollust) verwandtes, in dieser Todsünde inbegriffenes Laster, ein Umherirren im Liebesverhältnis vom einen zum andern, bes. von Frauen: irriu wip (Iwein 2895, Freid. 48, 9, Cato 559) sind unbeständige Weiber, die sich jedem hingeben, Dirnen (vgl. auch Bamb. Beichte, MSD. 3 Nr.91 Z. 207). In Irre liegt also die Schande der Gemeinheit, es bezeichnet e. niedrigere Art des Wankelmuts als die unstcete. — Vgl. Wilmanns S. 414. II ere (schände): 47. 85. 92. 101. 128. 133. 226. 248. 330 386. 395. 401. 414 443. 1024. 1056. 1252. 1305—8. 1387. 1470. 1635. 1665. 1676. 1718 (Weibesehre: 1360. 1409. 1454. 1484). — dienen u. Ionen: 102. 259—62. 267. 273. 277. 299. 306 395 f. 403—72. 561—603. 1265-76.1301.1312 f. 1332.1335.1393.1430. 1460. 1629. 1633. I 3 Es ist also der sittlich niedere Grad der (Minne, der in dieser moralischen Novelle | als Lohn für treuen Frauendienst in Aussicht . gestellt wird, der sinnliche Genuß, womit | der Ehebruch verbunden ist. 4 Im Völkerleben besteht die Ehre der einzelnen Nation in Besiegung der andern Länder, 94—102. 118 f. 240 f. § 21. Moriz von Craon 131 ist in dem Ritter von Craon der vollendete höfische Herr gezeichnet, der die ere im Rittertum und zugleich in der Minne sucht. — Außer dem Mut ist noch eine Herrentugend besonders hervorgehoben, die Freigebigkeit, mute, hauptsächlich gegen Spielleute und Volk. 1 Endlich aber die notwendige Voraussetzung zum Erfolg im Rittertum und in der Minne, also zur Erwerbung der Ehre, ist die Arbeit, nur durch Anstrengung, sei es im Ritter- oder im Minnedienst, kann man ire erlangen 85— 91. 387—92.» Bei der ausgeprägt lehrhaften Tendenz des Gedichtes ist dieses moralische System sehr durchsichtig. Die sittliche Idee in der Geschichte des Herrn Moritz von Craon ist ein Kontrastfall dazu: stäte Minne wird — statt gut — schlecht belohnt. Sie ist in die Form der Ironie gekleidet, denn im Grunde ist die ursprüngliche Anlage — der geprellte Ehemann und der Liebhaber, der sich als Gespenst in das Schlafgemach der Ehegatten einschleicht — ganz im Stil und in der Situation eines komischen Liebesabenteuers, eines erotischen Schwankes, wie ein Fableau, entworfen. Ironie, Spott, Humor brechen im Gedicht an vielen Stellen hervor, schon das die Katastrophe bedingende Moment, der liebeheischende Verehrer, der einschläft, als er am Ziel seiner Wünsche anlangt, 3 ist ein Lustspielmotiv: nu. liget er als ein tötez schäf, im ist lieber danne min ein släf 1277 f. höhnt die Gräfin, als sie ihren stceten Liebhaber in sanftem Schlummer überrascht. Eine komische Figur spielt der feige Graf 905—20. 1198—1212. 1634 f.; humoristisch aufgefaßt ist die Erscheinung des Gespenstes 1530—80, das seltsame Landschiff 692—94. 762. 771 f. 882—90. 926; ironisch die Behandlung des Ritters durch die Gräfin 535—58. Das Gedicht nähert sich also in dieser Hinsicht der erotisch-komischen Verserzählung und ist, soweit dieses Element in Betracht kommt, ein Vorläufer der späteren mhd. Schwankliteratur. Aber der Scherz wird zu bitterem Ernst: auf den Schwank vom genasführten Ehemann folgt die Klage der verlassenen Frau. 4 Die stolze Frau, die einst in unweiblichem zorn (1314. 1410. 1422. 1455. 1486. 1535. 1608) die Minne des gefeierten Helden verschmähte, verzehrt sich in einsamer Trauer um die Liebe dessen, dem sie die Tür gewiesen. Nach schlafloser Nacht steht sie am Fenster des Burgerkers und sendet sehnsuchtsvolle Liebesklagen in den lachenden Frühlingsmorgen und in das Lied der Nachtigall. Sie ist ein warnendes Beispiel für solche, die stcete Minne pflegen wollen 1772—76. Sie hat die Pflicht verletzt, treuen Dienst zu lohnen. Der Schluß dieses psychologischen Kampfes zwischen Eigenwille (1345—62. 1 275—77. 785-800. 816—21. 1026-31. 1036—57. 1061—81. Sparen 330 bedeutet im allg. Opfer bringen, großzügig sein; noblesse oblige. 2 Vgl. Ulr. v. Liechtensteins Frauendienst 457, 15—20. 3 Rosenhagen S. 806, Eilh.s Tristr. 6672 ff., Ulr. v. Türh. 537, 15 ff; s. auch Panzer, Sig- frid S. 140; Thurneysen, Sagen aus Irland S.79f. 4 Zum Motiv von der verlassenen Geliebten vgl. bes. MF. 4,1. 8, 33. 37, 4. 132 Die erzählende Dichtung 1758—60) und Hingabe an die unwandelbare Liebe eines andern ist der Sieg der Gerechtigkeit (1762—65. 1770 f.) — im Sinne der höfischen Minnetheorie. Im Grunde aber ist die Frau die tragische Gestalt dieser tragikomischen Geschichte. Sie besitzt den wahren sittlichen Instinkt gegenüber einer überspannten Standesphantastik. Der Verfasser besaß die Gabe, anschaulich und lebenswahr zu erzählen und den Charakteren, bes. da, wo er sie unter komische Beleuchtung rücken konnte, ein scharfes Profil zu verleihen. Das meiste wird ihm hierfür schon seine Quelle geboten haben. Durch die starke Neigung zur Lehrhaftigkeit hat er öfters den Fluß der Erzählung gehemmt. Seine literarischen Kenntnisse gingen nicht tief, 1 aber er macht gern Gebrauch von seinem allgemeinen Wissen, um seiner Darstellung einen gewissen Aufputz zu verleihen. Er zeigt Bekanntschaft mit den niederrhein. Gegenden: Köln 641, Flandern 657, Maas und Rhein 688; zitiert Geistliches: Salomos Weisheit 1336 f., S. Bran- dah und Antichrist 884-90, S.Michael 932; Klassisches: Kassandra 1136, Vulcanus 1122, pfelleltn von Kriechen 1134, Karthago und Dido 1151 f. (jedenfalls ausVeld., vgl. 50—53), dazu das Tier Alfurt in Marokko 2 1146—50; ferner den baierischen Schilling 492, lombardische Fahne 738. Er verehrte Veldeke, den er 1158—72 mit der Anspielung auf dessen Schilderung vom Bett Salomos nennt. 3 Hartmann, Wolfram, Gotfrid mag er gekannt haben, ist aber in der Formgebung nicht von ihnen beeinflußt;* sein Stil 6 zeigt keine Einwirkung von ihrer Seite. Dieser ist ungelenk, ungeübt, beispielsweise in den trockenen Zahlenaufzählungen in Herborts Manier 985—95 (mit einförmigem fünfmaligem Prädikatsverb stach), 1001—6.1046—55. Hervor tritt der Gebrauch von zweigliedrigen Verbindungen, Fremdwörtern, 6 Formeln, Metaphern und Vergleichen, Sentenzen, Stichomythie 535—58. Nicht häufig sind altertümliche (sogen, unhöfische) Wörter (wigant 59, diet 798. 1010, enborlanc 768), von unhöfischem Schimpfen ist der gebildete Ton des Gedichtes frei. Der Versbau ist ziemlich frei durch Fehlen von Senkungen. Die Reime sind rein. 7 Daß der Dichter ein gewisses Verständnis für die formale Bedeutung der Reime hatte, darauf weisen seltene Wortbindungen 8 wie: zins: flins 509, getrcemet : geschrcemet 639, moten (Prät. von rüejen): muoten 751, wazzer: mazzer 791, fiwwer: schiwwer 805, schaffest: äffest 1501, stimme: brimme 1683, ferner 1001. 1013. 1015. 1219. 1235. 1467. 1 Er schöpft aus Benoits Roman de Troie, aus der Kehr. * Schröder, ZfdA. 56, 288. 3 Veld.u.M.v.Cr.:HAUPTS.5u.28(zu688); Behaghel S. CLXXIII. CXCVI1I f. CCXXII; Singer, ZfdA. 35,182; Schröder ' S. X. XXIX ; Schwietering, Dem. S.67f., Festschr. aaO. 4 Haupt S. 5; Bech, ZfdPh. 29, 169 f.; Schröder' S. X—XVIII. XXVI ff, 3. Aufl. S. IV, ZfdA. 43,257—64; R. M. Meyer S. 324 —26; Wallner S.134f.; Schwietering, Dem. S.68. — Ueber M. v.Cr. und Bliggers Umbe- hanc s. unten. 5 R. M. Meyer S. 310«.; Stichomythie: W. Grimm, Kl. Sehr. 3,247; R. v. Muth, Wiener SB. 95 (1880), 660f. 6 Schröder S. XI. 7 Schröder' S. VII—XI; Zwierzina, ZfdA. 44,63. Enjamb.: Wahnschaffe pass. 8 R. M.Meyer S. 315. § 22. Artussage und Artusroman 133 B. DIE DREI GROSSEN MEISTER HARTMANN, WOLFRAM, GOTFRID In den drei führenden Epikern der höfischen Romanliteratur erlebt der dichterische Geist unseres deutschen Mittelalters eine dreifache Offenbarung. Sie stellen drei Grundformen der zeitgewordenen Möglichkeit dar: Hartmanns Grundtyp ist bestimmt durch die Mäze, den Ausgleich zwischen Sittlichkeit und Sinnlichkeit; Gotfrid durch die Schönheit der Sinnenfreude; Wolfram durch die Sittlichkeit. Hartmann und Wolfram treffen zusammen als Standesgenossen in der hohen Schätzung des Rittertums gegenüber dem bürgerlichen Sänger Gotfrid, dem Verherrlicher der absoluten Herrschaft der Minne. Hartmann und Gotfrid stehen Wolfram gegenüber in der Kunst als Verehrer reiner Formen; Hartmann ist teils der Welt zugewandt, die Artusritter Erec und Iwein streben nach der Ehre weltlichen Rittertums, einer edlen sittlichen Lebensform, teils dem Gottesreich: der zur Demut bekehrte Ritter Heinrich, der fromme Büßer Gregorius; Wolfram führt von der Erfahrungswelt zum Übersinnlichen: Parzival der Gralsucher und Willehalm der Gottesstreiter; Gotfrid ist ein Weltkind und ganz der Lust und dem Leid des Diesseits ergeben. Und solche Parallelen oder Antithesen zwischen den drei Epikern ließen sich viele aufstellen. § 22. Artussage und Artusroman Die literarischen Quellen der Artussage, 1 die britannischen Chroniken, lassen erkennen, daß der später so gefeierte König erst im Laufe der Jahrhunderte zum Nationalhelden der Briten (Bretonen) geworden ist. Der älteste Geschichtschreiber der Briten, Gildas, geb. 493, erwähnt ihn in seinem Liber de excidio et conquestu Britanniae noch nicht, in der Historia Brit- tonum des Nennius 2 um 800 (der jedoch nur der Bearbeiter eines um 680 verfaßten Originals war) wird Arthur nur als dux bellorum angeführt, der in 12 Kriegen siegreich die Sachsen bekämpfte. Der historische Artus also war ein britischer König Arthur um 500, der sein Volk gegen die eindringenden Sachsen tapfer und erfolgreich verteidigte. Galfred v. Mon- mouth in seiner Historia regum Britanniae 1132—35 3 (ins Franz. übersetzt von dem normann. Dichter Wace in seinem Versroman Brut 1155) erhebt ihn auf Grund einer ins Fabelhafte gesteigerten Sagenüberlieferung, in der 1 Ernst Windisch, Das keltische Britannien bis zu Kaiser Arthur, Abhandl. der sächs. Ge- sellsch. d. Wissensch. philol.-hist. Kl. XXIX (1912) Nr. 6 u. die daselbst angeführte Lit., bes. die Arbeiten von Heinr. Zimmer. — Grundlegend für die Artusforschung u. -lit.: James Douglas Bruce, The evolution of Arthurian romance from the beginnings down to the year 1300, 2 Bde., Hesperia 8 u.9, Gott. 1923. 24, dazu Loomis, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 23, 3. July 1924, Nitze, Mod. Philol. 22, Jessie L. Weston, Mod. Lang. Rev. XX Apr. 1925, Golther, Lbl. 1925, 5—7, Singer, Li- teris (Intern. Rev.) III, 1926, S. 116-30; J. Rhys, Studies in the Arthurian legend, Lond. 1890, dazu Martin, Anz. 18,251 ff.; Jul. Po- korny, D. Ursprung d. Arthursage, Mitteil. d. anthropol.Gesellsch. zu Wien 39 (1909), 90 — 120, dazu Blöte, Anz. 36,1902; J.Loth, Con- tributions ä l'etude des romans de la table ronde, Paris 1912; Kuno Meyer, E. verschollene Artussage, Festschr. f. Windisch 1914, S.63—67 (Artus in Irland); Jessie L. Weston, The Legend of Sir Perceval, s. unten Wolfr.; W. L. Jones, King Arth. in history and legend, Cambr. 1911; Singer, Die Artussage, Bern u. Leipz. 1926 (Art.-Beherrscher d. Totenreichs). — Panzer, Wolfram-Bibliographie S. 16 ff.; Bruce 2, 380. 2 H. Zimmer, Nennius vindicatus, 1893. 8 Ed. San Marte 1854. — L. Jones, Quart. Rev. Juli—Okt. 1906. 134 Die erzählende Dichtung immerhin ein geschichtlicher Kern steckt, zu einer weltgeschichtlichen Persönlichkeit. Er besiegt die Sachsen, Picten und Scotten, erobert Irland und Island, dann Gallien, läßt sich zum Kaiser krönen und vollbringt Wunder der Tapferkeit im Kampfe gegen Rom. In einer Schlacht gegen seinen Neffen Modredus, dem er vor dem Beginn seines Römerzugs sein Reich zur Verwaltung und seine Gattin Ganhumara (frz. Guenievre) zum Schutz anvertraut hatte und der ihn in beidem betrog, wird er tödlich getroffen, aber auf einem Schiff zur Heilung seiner Wunden auf die Feeninsel Avallon entführt (a 542). * Dieser Welteroberer aber vereinigte in sich die beiden Aufgaben eines christlichen Herrschers: er war nicht nur ein großer Kriegsheld, sondern auch ein ruhmvoller Friedensfürst, denn vor dem Zug nach Italien ruhten die Waffen 12 Jahre lang. Weit berühmt war Arthurs Hof durch seine feine Sitte und aus fernen Landen ziehen die jungen Fürstensöhne dahin, um edle Bildung zu lernen. Hat so die Arthursage ein umfassendes Regentenleben aufgebaut, so beschränken sich die Artusromane auf jene goldene Zeit der Ruhe und zeichnen in Artus das Bild eines edlen Friedenskönigs. Nicht als Eroberer in kriegerischen Taten tritt Artus hervor, er lenkt nicht die Geschicke eines Reiches, er ist nur der Mittelpunkt einer fein gebildeten Gesellschaft, der Oberherr einer glänzenden Hofhaltung, umgeben von den auserwähltesten Rittern seiner Zeit, den Herren von der runden Tafel (la ronde table, Tafelrunde, zuerst bei Wace). Ihnen fällt die Handlung in den franz. Artusromanen zu, sie sind die Helden der einzelnen Erzählungen bzw. Romane. Als Namen von Rittern aus der Umgebung Arthurs erscheinen bei Galfred: Eventus, in den cymrischen Erzählungen (Mabinogion) Owein, der franz. Yvain; Gerontius, cymr. Gereint, franz. Erec; Peredurus, cymr. Peredur, franz. Perceval; auch der tapfere Dapifer (Truchseß) Cajus, franz. Keux, und Walgainus, cymr. Gwalchmei, der franz. Gauvain, welche beiden in jeder dieser Geschichten eine Rolle spielen. Das waren wohl wirkliche britische Krieger, die in verschiedenen Zeiten lebten, aber in der Wandlung der Sage dem Kreis um Artus angeschlossen wurden. Die Handlung jedoch, die Taten, die diese Helden in den Artusromanen verrichten, stammt nicht aus der Artussage, Galfred hat davon nichts: die Grundmotive der Erzählung kommen zum größten Teil aus dem Reich des Märchens und der Sage. Mächtig war die keltische Phantasie, die Freude am Wunderbaren, ja Grotesken. Die irischen Heldensagen, 2 im 9. und 10. Jh. entstanden, um 1100—1200 in Handschriften niedergelegt, enthalten schon viele jener Märchenzüge der Artusromane. Tief eingewurzelt in der keltischen Volkssage, wie sie am ursprünglichsten in jenen irischen Erzählungen überliefert ist, waren die Vorstellungen vom Totenreich, Nachklänge des alten irischen Jenseitsglaubens. Die Phantasie 1 Der franz. Abt Guibert v. Nogent berichtet zum J. 1113, daß nach dem Glauben der Bre- tonen Arturus noch lebe. Fortleben Artus' in d. Flammen des Aetna od.Vesuvu.a. bei Caesarius v.Heisterb., Dial. Miracul. Dist.XlI Cap. 12 f., ed. Strange 2, 324 ff.; Gervasius v. Tilbury, Otia imperialia, ed.LiEBRECHT(1856) S. 12f. 95. 2 Thurneysen, Sagen aus d.alten Irland, Halle 1901 u. ZfromPhil. 19 u. 20; Ders., Die irische Helden-u. Königssage bis z. 7. Jh., Halle 1921. § 22. Artussage und Artusroman 135 umwob diesen düstern Wahn mit poetischen Lustgebilden. Es sind die Feensagen. Die Feen sind elbische Wesen, Wassergeister, holde Frauen, die in Quellen, Flüssen, auf Inseln im Meere wohnen. Sie ziehen schöne Männer zur Liebe in ihr Reich, in die „andere Welt", die Insel der Seligen, von wo sie niemals wiederkehren. Am deutlichsten hat die irische Sage 1 den Mythus von ihrem Wesen und ihrer Wohnung bewahrt, es sind freundliche Todesgottheiten, die den Sterblichen in den Aufenthalt der Seligen laden. Aber als reines Märchen oder als niederer Volksglaube ohne Bewußtheit des mythologischen Ursprungs ist der elbische Verlockungszauber ein internationales Erzählungsmotiv. In einfachster Form (1) begegnet es in Goethes Fischer und Erlkönig, in Brentanos und Heines Loreley. — Mit der Rückkehr des Menschen in die Oberwelt (2) z. B. bei Odysseus und Kalypso; diese Form mit glücklicher Rückkehr aus dem Totenreich liegt auch dem Märchen von der Frau Holle (eine Wasserfrau, Grimms Märchen Nr. 16) und von Hansel und Gretel (Nr. 20; die Hexe ist ein Waldgeist) zugrunde. — In dreifachem Rhythmus (3), indem der Mensch in die Unterwelt gezogen wird, daraus wieder auf die Erde zurückkommt, dann aber zum zweitenmal dem Dämon verfällt: Tannhäuser, Lanval, Graalant, Desire, Iwein, der Meister Heinrich in Gerh. Hauptmanns Versunkener Glocke; Guigemar und Tristan werden zur Heilung ihrer Wunden auf einem ruderlosen Schiff auf das Feeneiland abgeholt wie Arthur. 2 Wenn umgekehrt das göttliche Wesen aus Sehnsucht nach Menschenliebe auf die Erdenwelt geht, so kehrt es betrogen in die verlassene Heimat zurück, aber der Mensch muß sterben: Melusine, Undine, die Meerfei im Ritter v. Staufenberg, Hans Heiling (Marschner), Lohengrin. In den Artusromanen tritt entsprechend ihrem ■ heroischen Charakter und der Verherrlichung des Heldentums ein anderes Zaubermotiv in den Vordergrund: durch Kampf mit einem riesischen Wächter erringt der Ritter den Eintritt in das Märchenland (Mabonagrin im Erec, Ascalon im Iwein, auch Morholt im Tristan [s. unten]; es sind im Grunde dieselben Figuren wie Laurin und wie Sigfrid und die Wormser Helden im Rosengarten). 3 1 GASTONPARis.Romania 17,334f.; Arthur C. L. Brown, Iwain, A Study in the Origins of Arthurian Romance, in: Studies usw. VIII, Boston 1903, dazu Qolther, ZfvglLG. 4 (1904), 481—85, Ders., ZffrzSpr. 28 (1905), II, 34ff.; Lucy Allen Paton, Studies in the fairy mythology of Arthurian romance, Boston 1903, dazu Golther, Zffrz. Spr. aaO.; Ehrismann, Märchen im höf. Epos, Beitr.30, 14— 54; Panzer, Merlin, Lit.Ver. 227 (1902), mit reicher Lit. S. LXXII—CIX („die gestörte Mahrtenehe"); Ders., Sigfrid, Reg. S. 280; Bolte-Polivka 2, 326; V. Junk, Gralsage u. Graldichtung, Wien.SB. 168 (1911) Nr.4. Verlockung ins Totenreich s. auch Wackernagel, ZfdA.6, 191 f.; Windisch S. 114. 137. 183. 207 f. 278; Güntert, Kalypso, Hei delberg 1919 (Lit. bes. S.36ff.); Neckel, Walhall, Dortm. 1913; Ders., Die Ueberlieferung vom Gotte Balder, Dortm. 1922. Zu d. entsprechenden Lais der Marie de France: Warnke, Die Lais der M. d. Fr., Halle 1885,2. Aufl. 1900; Hertz, UebersetzungderM.de Fr., S.95—122; Ders., Spielmannsbuch S.23—44. 323—29; Schröder, Anz. 13,119; H. W. Schofield, The lays of Graelent and Lanval, Balt. 1900; Ders., Harvard Studies V, 236 ff. u. Publ. of the Mod. Lang. Assoc. of America XV, 145 ff.; Erh. Lom- matzsch, Rom. Texte Nr. 6,1922; Ezio Levi, Maria di Francia, Eliduc, Firenze 1924; Singer, Literis aaO. 2 Güntert S. 80 f.; Hertz, Spielmannsb. S.359f.;GoLTHER,Tristanb.S.17f.; Deutschbein S. 68 ff. 171 f.; ScHOEPPERLE.bes.S. 194 ff. 375 ff. 3 Bei dieser Form scheinen zwei Motive verschmolzen zu sein: der Hüter eines märchenhaften Landes, der niemanden einläßt, und die 136 Die erzählende Dichtung Bei weiterer Ausführung treten bisweilen gewisse Nebenpersonen auf, Förderer der Verlockung, 1 die dem Helden bei seinem Unternehmen den Weg weisen, wie der Hirte im Iwein oder die Lockvögel im Märchen von Hansel und Gretel. Im Gegensatz zu den Wegweisern stehen die Warner, die von dem gefährlichen Abenteuer abhalten wollen, so die Bewohner von Brandigan im Erec, die Stadtleute und der Torwärter beim Schlimmen Abenteuer im Iwein, auch der getreue Eckart vor dem Venusberg. Neben der Verlockung erscheint in den Artusromanen oft ein zweites die Handlung treibendes Erzählungsmittel, dasBefreiungsmotiv: derHeld erlöst Gewaltleidende, meistens eine Frau, aus feindlicher Bedrängnis. Vermittlerin zwischen der Frau und dem Befreier ist oft eine Dienerin der Gefährdeten, die den Helden zu Hilfe ruft. Diese Botin ist eine Gestalt aus der keltischen (irischen) Heldensage. 2 Auch ein seelendramatischer Auftritt in der Handlung stammt aus der keltischen Sage, das ist die Willenslähmung des Helden infolge der Liebe zur Fee. 3 Entstehung der Artusromane. 4 Diese auf keltischen (irischen und bretonischen) Sagen und Märchen beruhenden Stoffe — die Matiere de Bretagne — wurden von bretonischen Spielleuten in Inselbritannien und der Bretagne in Prosaerzählungen (conte; conteur Erzähler) und in kurze epische Lieder, Lais 6 (Si. lai, eigentl. Melodie, dann ein Lied, das zur Harfenbegleitung gesungen wurde) geformt. Von den bretonischen und wohl auch von franz. Spielleuten wurden solche Erzählungen und Lais mündlich in franz. Sprache an den Höfen Nordfrankreichs verbreitet und schließlich von franz. Dichtern aufgenommen und zu Leseromanen (zum Vorlesen geschriebene Rom.) erweitert. §10; Heinzel, Kl. Sehr. S. 73 ff.; Golther, Tapferkeitsprobe. — Irische u. andere Parallelen: Brown S.46ff. 98ff. 112ff.; präani- mistisch: Naumann, Primit. Gemeinschaftskultur S. 87. 90 f. 1 Browns. 70. 109 f. 114. 2 Die verschiedenartige Entstehung der beiden Szenenbilder wirkt noch in ihrem poetischen Eindruck nach: das Rätselhafte, Romantische des Verlockungsmärchens trägt den Keim zu farbenreicher Ausstattung in sich, die Befreiung könnte ein Akt historischer Wirklichkeit sein. Dort diePhantastik, hier realistischer Tatsachenverlauf. 3 In der irischen Sage von Cuchulinn verfällt der Held aus diesem Grundein einen Zustand dumpfen Hinbrütens: („schäme dich, dich wegen Frauenliebe hinzulegen"). Dieser Be- rückungszauber greift, unter verschiedenen Begleitumständen, in den Iwein, Erec, Parzi- val, Lanzelet, Wigalois ein. Hertz, Parz.- Uebersetzung 2 S.510; Windisch S.146; Heinzel, Kl. Sehr. S.74; Brown, Iwain S.34ff.; Ehrismann, Beitr. 30, 23 f. 39. 4 Golther, Kürschners Nat.-Lit. Bd. 63,142 —181; Gröber S.495ff.; Voretzsch Kap. IX Zur Frage nach d. Entstehung d. breton. od. Artusepen, ZfvglLG. N.F.3 (1890) 211—19; Ders., Beziehungen zw. franz. u. kelt. Litt, im MA, ebda 409—25; R. S.Loomis, Mediaeval Iconography and the Question of Arthurian Origins, Mod. Lang. Notes 40, Febr. 1925; Fr. Schurr, GRM.9 (1921), 96-108; Ders., Das afrz. Epos zur Stilgeschichte u. inneren Form d. Gotik, Münch. 1926; die betr. Abschnitte im Roman. Jahresbericht; die unt. angeführten Ausgaben W. Foersters. — Faral, Recherches sur les sources lat. des contes et romans courtois du m. ä\, 1913; Schwietering, Einwirkung d. Antike, ZfdA.61.61—82; Hans Heinr. Borcherdt, Gesch. d. Romans u. d. Novelle in Deutschi. I, Leipz. 1926. 6 Bretonische Lais sind uns nicht mehr erhalten, aber viele frz. Lais (Reimpaarerzählungen), teils von unbenannten Verfassern, die berühmtesten von der anglonormannischen Dichterin Marie de France um 1165, die zur Zeit König Heinrichs II. (1154—89), des Gemahls der Eleonore v. Poitou, in England lebte. § 22. Artussage und Artusroman 137 Der eigentliche Begründer des Artusromans ist Chrestien de Troyes. Ob es schon vor ihm Artusromane gegeben hat, ist eine umstrittene Frage. 1 Er hat nach mündlichen Quellen gearbeitet (Chr.s Erec 19 ff.), gewiß aber hat er auch schriftliche Vorlagen benutzt. Seine dichterische Begabung wird von den neueren Gelehrten verschieden beurteilt. In Betracht zu ziehen ist, daß er schon Glanzstücke der höf. Epik vorgefunden hat, die Romane von Troja und von Eneas (s. oben). Jedenfalls aber hat er, der Meister der afrz. Erzählungskunst, den für die Folgezeit gültigen Typus des Artusromans geschaffen: er hat den Stoff mit gewandter Technik künstlerisch geformt und ihm den echt höfischen Geist und eine tragende Idee eingegossen. Damit hat er eine weitreichende Bedeutung für die Entwicklung der mittelalterl. Literatur gewonnen und wurde auch von seinen Zeitgenossen und Nachfolgern als unerreichter Meister anerkannt. Über Chrestiens Lebensverhältnisse ist wenig bekannt, wie viel er auch in der afrz. Literatur genannt und gerühmt wird. Er lebte an franz. Höfen, seinen Lancelot dichtete er für die Gräfin Marie v. Champagne (1164 Gemahlin Heinrichs I. v. Champ.), 2 den Perceval für den Grafen Philipp v. Flandern. Zur Matiere de Bretagne gehören seine Hauptwerke, die zwischen 1 Die wälschen (wallisischen) Prosaerzählungen, Mabinogion (Si.Mabinogi), die sich in dem sog. Roten Buch von Hergest, einer großen Sammelhandschrift um 1400 (engl. Uebersetzung: Lady Guest, The Mabinogion, 3 Bde., London 1838—49; deutsch: San Marte, Die Arthur-Sage u. d. Mährchen d. rothen Buchs v. Hergest, Quedlinbg. u. Leipz. 1842), befinden, enthalten von Artusgeschichten die oben genannten Owen (= Yvain), Gereint (= Erec), Peredur (= Perceval). Für die Herkunft der Artusromane ist das Verhältnis der Mabinogion zu Chrestien entscheidend. Eine Einigkeit ist darüber noch nicht erzielt. Man nahm bis vor kurzem fast allgemein an, die Mab. seien Uebersetzungen aus franz. Quellen, bes. aus Chrestien (FOER- ster, bes. in seinen Ausgaben; G.Paris setzte als Ursprung anglonormannische, in England verfaßte franz. Romane an, aus denen sowohl Chrest. als die Mab. entstanden seien). Neuerdings wird wieder die Ansicht verfochten, daß die Mab. alte, einheimische, cymrische Sagen seien und nicht erst aus den franz. Dichtungen geflossen (Windisch), oder auf cymrische Prosaerzählungen gingen sowohl die Mab. als Chr. zurück. Das Bestehen älterer Artusromane vor Chrestien: Zarncke, Beitr.3,304ff.; Zimmer, Kelt. Stud. 2 (1884), 200 f., dazu Martin, Anz. 10, 420; Wechssler, Sage v. Gral S.53. 156 f.; bes.: Rud. Zenker, Zur Mabinogion- frage, Forsch, z. Artusepik I; Ders., Ivain- studien, Beihefte z. ZfromPh. 70, 1921, dazu H.Schneider, Anz.42, 114 ff., Entgegnung v. Zenker, ZfdA. 62, 49—66, dazu Schneider ebda S. 112; s. auch Zenker, Zur Mabinogion- kritik, 1912, Weiteres zur Mab.frage, ZffrzSpr. 45, I, 47 ff. 48 H. 1/3, Zu Parceval-Peredur, GRM.ll, 240-54 (vgl. Mühlhausen, ebda 10, 367); Rich. Edens, Erec-Geraint, Rostock. Preisschr. 1910; ferner :Brugger, ZffrzSpr. 44, 13ff.; BROWN.RomanicRev.IlI(1912), 143ff.; W.Gaede, Die Bearbeitungen von Chrestiens Erec u. d.Mabinogionfrage, Münst.Diss. 1914; W. Greiner, Owein-Ivain, Leipz. Diss. 1917; Kool, Le Probleme Erec-Graint, Neophilol. 3 (1918), 167—74; E. Vettermann, Die Baien- Dichtungen u. ihre Quelle, Beih. z. ZfromPh. H. 60, Halle 1918. J. LOTH, Des nouvelles theo- ries sur l'origine des romans arthuriens, Rev. celt.l3H.4; Singer, AufsätzeS. 154ff.; Ders., Literis aaO.; Schurr aaO. S. 103 ff.; Bruce 2, 45 ff. 54—58. 59—74. — Ob die lat., dem Rob. v.Torigny zugeschriebenen Prosa-Artusromane De ortu Walwanii u. Historia Meriadoci vor od. nach Chrestien fallen, ist umstritten (ed. J. Douglas Bruce, Hesperia, Ergänzungsreihe 2. H., 1915; Zenker, Mab.frage S. 106, Ivainstud. S. IX Anm. 3; SPARNAAY.Verschmel- zung legendär, u. weltl. Motive, Groningen 1922, S.13.35), doch setzen sie jedenfalls einen franz.Gawainroman voraus. " Von dieser hatte Chr. den Stoff (matiere) und die Idee (sen) zum Lanc. erhalten. Die „Comitissa Campaniae" ist eine der vornehmen Damen, die in dem Liebesbuch des Kaplan Andreas(ed.TROJEL S. 150 ff. 273-93) die Regeln für das Minnewesen aufstelll.Dieneunte dieser Minnefragen (Trojel S.280L) lautet: ob die Liebesleidenschaft größer sei zwischen Liebenden od. Ehegatten (inter amantes an inter coniugatos). Chr.s Lancelot gibt ein poetisches Bild dieser an dem Hofe der Gräfin u. a. erörterten Liebesfrage. 138 Die erzählende Dichtung 1160 u. 1190 fallen: Erec, Cliges (in Byzanz spielender, aber dem Artuskreis angeknüpfter Stoff), Lancelot od. der Karrenritter, Yvain der Ritter mit dem Löwen (zw. 1164 u. 73), Perceval (vor 1190). 1 Erec u. Yvain hat Hartmann v. Aue, den unvollendeten Perceval Wolfram v. Eschenbach deutsch bearbeitet; dagegen berührt sich Ulrichs v. Zazikhoven Lanzelet nur stellenweise mit Chr.s Lancelot. Die vier ersten Romane behandeln Eheprobleme: Erec u. Yvain das Verhältnis zwischen ehelicher Liebe und Ritterehre unter Verurteilung der höfischen Mode des Frauendienstes; Cliges und bes. Lancelot umgekehrt die Liebe zu einer verheirateten Frau. Der Perceval erhebt sich über die Gestaltung des diesseitigen Lebens zu den Jenseitsgedanken eines vergeistigten Rittertums. Der Schauplatz der Artusromane bzw. der Matiere de Bretagne ist das keltische Britannien, 2 sowohl Inselbritannien, Wales und Cornwall, das Land der Cymren, als die Bretagne des Festlandes, das gallische Armo- rica, das um 600 von den Inselbriten besetzt wurde. Das Meer trennt nicht; es wird oft bei den auf beiden Seiten des Kanals spielenden Begebenheiten gar nicht berücksichtigt, als ob der Verkehr herüber und hinüber auf dem Lande vor sich ginge. Die Handlung wird an bestimmte Örtlichkeiten verlegt, aber die geographischen Begriffe sind unklar; z. B Guivreiz und Erec trennen sich an einer Wegscheide, jener gegen Irland, dieser gegen Nantes (Hartmanns Erec 9953 ff.). Aitus' Residenzen sind Carduel und Cardigan in Wales, Tintaguel (schon bei Galfred) in Cornwall, auch Nantes (Carnant) in der Bretagne; hier auch der Abenteuerwald Broceliande (Breziljän Harun. Iwein 263). Aus der Welt des Märchens, der Feen und Riesen, sind die keltischen Sagen in das Leben des französischen Rittertums übertragen. Die Feen sind höfische Damen, die Krieger modische französische Ritter geworden. Der romantische Schimmer des Märchenhaften ist bei aller Vergegenwärtigung geblieben. Das Wunderbare ist die Stimmung in dieser Ritter-Fabelwelt, in den Taten der Helden, ihren alle gewöhnliche Menschenkraft übersteigenden Leistungen; und auch in der umgebenden Landschaft, den auf hochragenden Felsen aufgetürmten Burgen, den dichten, in Zauber verhüllten Wäldern, den berückenden Wundergärten. Inhalt der Artusromane. Die neue höfische Kultur verlangte einen neuen dichterischen Ausdruck. Nicht mehr der Mann allein mit seinen Mannestugenden der Tapferkeit und Mannentreue füllte das poetisch verklärte Wirklichkeitsbild der höfischen Welt aus, die Frau hatte in dieser verfeinerten Gesittung eine selbständige, ja im häuslichen Gesellschaftsleben führende Stellung gewonnen. Die neue Form für dieses Verhältnis war die ,Minne'. Mit dieser neuen Forderung hatte sich der Mann auseinanderzusetzen und 1 Wend. Foerster, Christian v.Troyes Sämtliche Werke, Bd. I Cliges, II Yvain, III Erec u. Enide, IV Lancelot u. Wilhelmsleben, Halle 1884—99, dazu Textausgaben in Foersters Roman. Bibl.: Yvain Nr. 5, 3. Aufl. 1906, Erec Nr. 13,2.Aufl. 1909, und Kristianv.Tr. Wörterbuch zu seinen sämtlichen Werken Nr. 21, 1914. — Bruce 2,100—28. 2 E. Brugger, Zffrz. Spr. 20, 79 ff. 27, 69 ff. 28, 1 ff. 44, 78 ff. § 22. Artussage und Artusroman 139 damit waren ihm jetzt in dieser Umwelt Ritterehre und Minne als ideale Richtlinien gegeben. 1 Eine Fülle neuen Stoffes eröffnete sich der mittelalterlichen Erzählungsliteratur durch Aufnahme des bretonischen Sagenkreises vom König Artus. Die franz. Epiker, vor allem Chrestien de Troyes, schufen aus den bretonischen Märchen- und Abenteuergeschichten ein ideales Abbild der ritterlichen Gesellschaft. Die franz. Nationalepen waren Lebensbilder eines zurückliegenden Heldengeistes, in der Aeneas- und Trojanersage konnte das antike Element doch nicht restlos in die moderne Welt übertragen werden, in den bretonischen Artuserzählungen aber hat die höfische Ritterdichtung einen ihrem Kulturgehalt völlig anpassungsfähigen Stoff ergriffen, mit dem sie frei schalten konnte. Der Hof des britischen Königs wurde zum Muster edler Sitte für die adligen Herren und Damen. Artus selbst lehrt durch sein Beispiel die wahrhaft ritterliche Gesinnung, die nach Ruhm und Anerkennung strebt und Glück und Ehre erwirbt. Er hat bei seinen Zeiten sein Leben so herrlich gestaltet, daß er damals die Krone der Ehren trug, die sein Name heute noch' trägt (s. unten Iwein). Die höfischen Romane sind nicht nur bloßes Spiel der Phantasie zur Unterhaltung einer verfeinerten Gesellschaft, es sind Idealbilder, in denen ihre Träume von einer höheren, über die harte Notwendigkeit hinausgehenden Daseinsform verkörpert sind, eine aristokratische Wunschwelt. Diese Dichtung ist getragen von den Theorien und Wertmaßen, die die höfische Welt über ihre wichtigsten Probleme, über das Verhältnis im Liebesleben und über das vollendete Rittertum sich gebildet hatte. Sie stellt einen höheren Menschentypus auf, den wertbestimmten Ritter, der seine Standesehre als eine Verpflichtung zu sittlichen Taten im Dienste der Nächstenliebe auffaßt, getreu dem Schwerteid, die Bedrängten und Frauen zu schützen und für das gekränkte Recht einzutreten. 2 Und über die Standesgesetze der Aristokratie hinaus erheben sich diese Lebensbilder zu allgemein menschlichen Wahrheiten: sie zeigen die Gefahren der Nachgiebigkeit gegen den Eigenwillen (Erec, Iwein), sie führen in die Abgründe des Herzens (Tristan), aber nur im Parzival, in der Gralsgeschichte reicht diese Welt in das Reich der transzendenten Ideen. Der Artushof stellt eine ästhetisch gerichtete Gesellschaftsordnung dar (Artus . . . hat gelebet also schöne Iw. 8), deren Ziel, soelde und ere, in irdischer Glückseligkeit und persönlichem Ruhm begrenzt bleibt. Diese Ethik ist wesentlich individuell und erstreckt sich auf die Erhöhung der einzelnen Persönlichkeit. Der artushöfisch gebildete Ritter wird zwar tüchtig sein, seine Regentenpflichten zu erfüllen; aber die von ihnen wirklich geleisteten Taten haben wenig von dieser sozialen Weite. Sie kämpfen nicht für den Glauben wie die Gottesstreiter des Rolandsliedes oder für das 1 Die ethischen Anschauungen der höf. Kultur s. oben Einl. 2 Der Ritter als „Vernichter der Unholde", der Riesen, Drachen usw. ist ein „Heilbringer" wie Herakles, Perseus, Theseus: Scherer, LG. S. 158; Naumann, Primit. Gemeinschaftskult. S. 81 ff. 140 Die erzählende Dichtung unverbrüchliche Schicksalsgesetz der Treue wie die Helden des Nibelungenliedes. Die führenden Meister, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, hatten eine hohe Auffassung von der Aufgabe der Kunst: sie sollte auf Erweckung lebenspendender sittlicher Werte gerichtet sein. Die Helden und Heldinnen der Romane sollen erzieherische Muster für adlige Jünglinge und Jungfrauen sein und Thomasin empfiehlt im Wälschen Gast den juncherren als Vorbilder Gäwein, Cltes, Erec, Iwein; volgt Artus dem künege her, der seit iu vorvil guote ler; vgl. auch Renner 1221—44, auch 16183—99. Die Kunst soll das Beste leisten, was ein Mensch dem andern geben kann, sie soll leidbedrückte Herzen trösten: sie soll schwere Stunden erleichtern (Hartm. A. Heinr. 10 f.), sie soll die Schwermut sehnsuchtsvoll Liebender besänftigen (Gotfr. Trist. 71 ff.). In einem Artusroman spielen mögliche und unmögliche Geschehnisse durcheinander. Soweit die Aufrollung wirklichkeitsgemäß gehalten ist, gibt der einzelne Roman ein soziales Kulturbild, die andern, die überwirklichen Teile, sind reine Idealbilder, die aber als symbolische Deutbarkeiten den Geist des höfischen Rittertums kennzeichnen. 1 Aber immer wird nur ein Ausschnitt aus dem mittelalterlichen Leben geboten, da jene Aristokratie nur für die Höhen der Gesellschaft Teilnahme hatte. Nur nebenbei treten Leute aus dem Volke auf, etwa als Zwischenglieder der Handlung oder zur Ausmalung und Belebung einer Szene. Die Artusromane sind meistens nach einem bestimmten Schema gebaut. Den Kern bildet eine einfache Fabel (im Parz. durchschlingen sich drei verschiedene Sagenkreise), ursprünglich ein Märchenmotiv, die durch eine Fülle von Nebenzügen erweitert ist. 2 Im Mittelpunkt steht der Held, der durch eine tapfere Tat ein Weib erringt (Minne) und eine Reihe von Abenteuern erlebt (Ehre). Die erweiternden Züge nehmen den größten Teil in Anspruch. Es sind einerseits heroische Partien: Kampfabenteuer; 3 andernteils höfische Partien: Feste, Empfänge, Turniere, Prunk und Glanz an Artus' Hof. Die einzelnen Bestände sind episodenhaft meist ohne notwendigen Zusammenhang aneinandergereiht oder ineinandergeschachtelt und könnten beliebig vermehrt oder vermindert werden. Kräftig ist die Katastrophe herausgearbeitet durch ein plötzlich eintretendes, unerwartetes Ereignis. Der Schluß bringt eine günstige Lösung: der Held und seine Frau leben glücklich in der Regierung ihres Reiches. Die Charakterisierungskunst ist noch nicht reif entwickelt. Die Viel- 1 Ueberträgt man die dichterische Symbolik zurück in die Wirklichkeit, so entsprechen den Abenteuerzügen des Romans die Turniere u. Ritterfahrten u. dem ritterlichen Sport, die Kämpfe für die von übermächtigen Feinden belagerten Damen und von Riesen mißhandelten Herren sind die poetisch verkörperten Ritterpflichten. Ulrich v. Liechtenstein hat in seiner Artus- u. Venusreise die Romanphan- tastik tatsächlich in Wirklichkeit umgesetzt. 2 HEiNZEL.Kl.Schr. S.73ff.90ff.93ff.;SARAN, Beitr. 21, 290 ff.; Sparnaay, Compositietech- niek v. d. hoofschen roman, Groningen 1924. 3 Die Kampfabenteuer bilden für sich betrachtet einen ritterlichen Abenteuerroman. § 23. Hartmanns Leben 141 seitigkeit menschlicher Gemütseigenschaften kommt nicht zur Geltung, die Wesensart der einzelnen Menschen ist nicht scharf differenziert, die Zeichnung geht ins Allgemeine, sie stellt Typen dar. Jeder Hold ist von den gleichen ethischen Beweggründen getrieben, von den Idealen des Rittertums, Ehre und Minne: die Durchschnitts-Artusritter gleichen alle einander, äußerlich und innerlich. Und doch, so gleichförmig diese Menschen in ihrem Empfinden und Handeln sich zeigen (Parzival und Tristan machen eine Ausnahme), so verleiht immerhin das Zusammenspiel der Lebensführung jedem, wenn auch nur abgeblaßt, einen besonderen Eigenton: Iwein ist ein anderer als Erec, Wigalois ein anderer als Lanzelet. Gawein ist das Musterbild des unentwegten Artusritters, der vollendete Kavalier {her Gawein was der höfschste man, der riters namen ie gewan (Iwein 3037, Erec 2720—52). Dagegen Keil {Keie), 1 der unhöfische Truchseß, der trotz seiner Prahlerei immer im Zweikampf abgeführt wird, macht die Kontrastfigur, die lächerliche Person in der Umgebung der Edeln. Auch die äußere Gestalt ist nicht porträtartig geschaut. Nichts ist gesagt über das Antlitz und Mienenspiel und über die Leibesbeschaffenheit als nur Allgemeines; ausführlich beschrieben dagegen sind Rüstung und Kleidung. Ebenso ist der Frauentypus auf ein bestimmtes Schönheitsideal beschränkt, an dem Dichtung und bildende Kunst festhalten. Dagegen ist das Stimmungsleben, wenigstens in den höherstehenden Romanen, stark beleuchtet. Mit den äußeren Ereignissen steht eine seelische Bewegung in Wechselbeziehung, das Leben wird zum inneren Erleben. Leicht wird der Fortschritt der Handlung gehemmt durch Erwägungen und Betrachtungen über die geschaffene Lage. In leidenschaftlichen Klagen aber entlastet sich der Schmerz, wenn das Herz Jammers übervoll ist. Die Epigonen waren bloße Nachahmer der drei großen Epiker. Ihnen kam es hauptsächlich auf spannende Unterhaltung an, auf Wirkung des Stoffes, nicht auf das Gewicht einer höheren Idee. 1. Hartmann von Aue § 23. Hartmanns Leben 2 Die Ausgaben sind unter den einzelnen Werken verzeichnet. — Allgemeine Literatur: Piper, Höi. Epik II, 1—162; A. E. Sghönbach, Über H. v. A., Graz 1894, Besprechungen s. Berl. JB. 1895 S. 243. 1896 S. 237. 1897 S. 220. 1898 S. 86; F. Piquet, Etüde sur H. d'Aue, Paris 1898, dazu Schönbach, Anz. 25, 28—38, Panzfr, ZfdPh. 31, 520-49, Ehrismann, Lbl. 1899, 264—67.— Uhlands Schriften 2,118ff.; J. Grimm, Kl. Sehr. 5,273—77; W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 577—617; V. D. Hagen, MS. 4, 261 ff.; Haupts Ausg. d. Lieder u. Büchl. (Einl.); Wackernagel-Stadler, Einl.; Bech, Einl. zu seinen Ausgaben; Singer, Lit.Gesch. d. dt. Schweiz S. 14 ff. 40 ff. 1 Meyer-Lübke. ZffrzSpr. 44, 176—79; H. Mushacke, Keie der kätspreche, Berl. Diss. 1872. — In Keie sind die Neider u. Nörgler der Hofgesellschaft getroffen u. die hämischen Kritiker, gegen die sich die Dichter öfter in den Einleitungen verwahren, vgl. ZfdA. 49, 418 ff. Der bösartige Truchseß häufig als Gegenspieler in d. mhd. Lit., z. B. im Iwein, Tristan, Konrads v.Würzb. Engelhard, Otto mit d. Barte. 2 Haupt aaO.; Wackernagel - Stadler S. 1 ff.; Piper S. 1 ff.; Schönbach S. 462—66; 142 Die erzählende Dichtung Hartmanns Leben. Lebenszeit. Gotfrid v. Straßburg preist H. in seinem . Tristan 4619—35 um 1210 als ersten unter den lebenden Epikern, Heinrich v. d. Türlin in seiner um 1220 verfaßten „Krone" beklagt seinen Tod (Krone 2352 ff.): demnach muß H. zwischen 1210 und 1220 gestorben sein. Eine genauere Jahreszahl ist aus seinen Kreuzliedern zu erschließen: er beklagt den Tod seines Dienstherren um 1195, er machte den Kreuzzug 1197 mit. Seine dichterische Wirksamkeit fällt also etwa in die Jahre 1190 bis 1205, seine Lebenszeit etwa 1170—1215. Unmittelbare urkundliche Zeugnisse über H. sind nicht überliefert, auch nicht Namen von Personen, mit denen er in Beziehung gestanden. Aber er nennt sich in den Eingängen seiner Werke (der zum Erec ist verloren). Über seine Lebensverhältnisse spricht er an zwei Stellen: im Eingang des Armen Heinrich. Ein ritter so geleret was, daz er an den buochen las swaz er dar an geschriben vant. Der was Hartman genant, dienstman was er ze Ouwe; und ähnlich in der Einleitung zum Iwein 21 ff.; im Büchlein 29 und im Gregorius 173 nennt er nur seinen Namen von Ouwe Hartman, im Büchlein 7 (/ungelinc) und im Erec 1603. 7480 (tumber kneht) spielt er auf seine Jugend an. Aus seinen eigenen Worten erfahren wir also: 1. Seine Heimat war Ouwe. Dieses Ouwe, heuteAu, ist umstritten, da Ouwe, auch in Zusammensetzungen, ein häufig vorkommender Ortsname war. Drei Orte dieses Namens kommen in Frage: 1. Obernau bei Rottenburg am Neckar in Württemberg, wo noch heutzutage das Geschlecht der Freiherrn von Ow blüht. 1 2. Aue bei Freiburg im Breisgau, dessen Herren Dienstmannen der Zähringer waren. 2 3. Eglisau am Rhein, im Kanton Zürich, früher bloß Ouwe, das den freien Herren von Tengen gehörte. Das Wappen H.s in den Liederhandschriften B u. C ist das der Herren v. Wespersbühl (Wappen s.Vogt, MF. 3 S.437 f.). Aber es ist nicht nachgewiesen, in welchem Verhältnis die Wespersbühler zu den Herren v.Tengen bzw. Eglisau standen. 3 Piquet S. 1 ff.; Vogt, MF 3 S 437f. 445f.; K. Barthel, Leben u. Dichten H.s v.A., Berl. 1854; Hugo Lemcke, H. v. A., Progr. Stettin 1862; Frz. Eggert, Üb. d. erzählenden Dichtungen H.s v.A., Schwerinl874; H.Schreyer, Untersuchungen üb. d. Leben u. d. Dichtungen H.s v. A., Progr. Pforta 1874, dazu Bartsch, Germ. 19, 317 f., Kinzel, ZfdPh. 17, 479ff.; Paul, Zum Leben H.s v. A., Beitr. 1,535—39; W. Greve, Leben u. Werke H.s v. A., Progr. Fellin 1879; Rosenhagen, ZfdU.28,94—110, dazuBAESECKE.Wissenschaftl.Forschungsber. 1919 S. 115. 1 F. Bauer u. Frh. v. Ow, H.s v. A. Heimat if. Stammburg, Germ. 16,155ff. 252.21,251 ff.; Ludw. Schmid, Des Minnesängers H. v. A. Stand, Heimat u. Geschlecht, Tüb. 1875, dazu Herm. Fischer, Germ. 20, 373 ff., Kinzel, ZfdPh.6,485ff.; Martin, Anz. 1,126 ff., E.Naumann, ZfdA. 22, 25 ff., Held u. Birlinger, Alem.3,88—93; J. W. Lungen, War H. e. Franke od. e. Schwabe? Jen. Diss. 1876, dazu Kinzel, ZfdPh.7,479ff.; PAUL.Beitr.l, 535ff.;ScHÖN, ReutlingerGeschichtsbl. 1896 Nr.3.4; Schröder, Gott. g. A. 1901, 50 ff. (die Aussatzsage in Kunz Kisteners Jakobsbrüdern weist auf Haigerloch u. damit mittelbar auf die Herren v. Ow); Cassel, Weimarer Jahrb. 1 (1854), 475 ff.; Ders., Symbolik des Blutes (1882), 226 ff. (Owen bei Teck, Württembg., das im Besitz der Zähringer war). 2 Lachmann, Walther v. d. Vogelw., Anm. zu 82,24; STÄLiN,Wirtemberg.Gesch.2 (1?47), 762; Wackern.-Stadl. S. 1 ff.; Socin, Alem. 25 (1898), 133 ff.; Martin, ebda 30, 35ff.; Schröder, ZfdA. 51, 106 ff. u. Festschrift f. Kelle S. 399 ff. (nahe Beziehungen H.s zu zähringischen Hofkreisen, Markgraf Hermann 1190—1242 oder Herzog Berthold V 1186— 1218 [s. LG.11,3 Berchtold v. Herbolzheim]). 3 Grein, SpicilegiumVaticanum 1838 S. 161 — 63; J. Grimm aaO.; bes. Aloys Schulte, ZfdA. 41, 261 ff.; neuerdings Singer aaO. S. 40. § 23. Hartmanns Leben 143 Daß H. Schwabe war, dafür gibt die Überlieferung untrügliche Anhaltspunkte: 1. Der Herr Heinrich v. Ouwe, dessen Geschlecht H. als Ministerial angehörte, was ze Swäben gesezzen AH. 31. 2. Das Lob der Schwaben im AH. 1422—25: jeder ehrliche Mann wird den Schwaben zugestehen, der sie daheim gesehen hat, daß es nirgendwo einen bessern Willen (freundlichere, herzlichere Gesinnung) gegeben hat. 3. Greg. 1573 f. lehn wart nie mit gedanke ein Beier noch ein Franke (es bleibt nur noch der Schwabe übrig). 4. Heinr. v. d. Türlin sagt in seinem Preis H.s: vom Erec, den von der Swäbe lande uns brähte ein tihtcere. — Die Sprache in H.s Werken stimmt zu diesen literarischen Belegen. 1 II. Hartmanns Stand: er war Ritter und zwar Ministerial eines Herrengeschlechts von Ouwe. Im AH. erzählt er die Schicksale eines Angehörigen dieser seiner angesehenen Dienstherren. III. H.s Bildung. 2 Er selbst sagt von sich ein ritter so geleret was, daz er an den buochen las. Er besaß also eine gelehrte Bildung, die er sich in einer Klostcrschulc erworben hatte. Die Schilderung des Unterrichtsganges des Gregorius 1155—97 mit den verschiedenen Zweigen der Grammatik, Rhetorik, der Kirchenlehre und Rechtswissenschaft hat er wohl aus eigener Erfahrung, geschöpft. Seine Werke zeugen von Kenntnissen in der klassischen Literatur (Ovid, Virgil, Lucanus; sechsmal erscheinen klassische Beziehungen im Erec, einmal im Iwein), der Bibel und sonstiger geistlicher Literatur. Französisch war ihm völlig geläufig, es begegnen nur wenige Übersetzungsfehler in seinem Erec und Iwein. 3 Gering nur sind Anspielungen auf die deutsche Literatur vertreten, sie beschränken sich auf die Bekanntschaft mit Veldekes Eneide 4 und Reinmars Liedern. Seine Dichtungen geben nur geringen Aufschluß über seine Lebensschicksale. Man hat aus ihnen etwa" folgendes Bild erschlossen: Als Sohn eines armen Dienstmannengeschlechtes wurde er in einer Klosterschule erzogen, hielt sich eine Zeitlang in Frankreich auf und trat mit einer seine Standesgenossen überragenden Bildung in den Hofdienst bei seinem Herrn. Ver- 1 Paul, Beitr. 1,539 (im Iwein Rtimepflach : geschach, bestreich : sweich) ; Paul, Gab es e. mhd. Schriftsprache? S. 33 u. ö.; Kauff- mann Gesch. d. schwäb. Mundart S. 282; Singer aaO.; zu H.s Sprache u. Sprachgebrauch s. unt. 'Stil' u. bes. Kraus, Festg. f. Heinzel S. 111—72; Zwierzina, ebda S.437 —510; Besprechungen zu Kraus u. Zw.: Schönbach, GgA. 1901,423 ff., Saran, ZfdPh. 32, 384—87, Panzer, ebda 33, 123 ff. u. Lbl. 1901, 264, Ehrismann, Anz. 26, 38 ff., Be- haghel, Lbl. 1898,15, Cbl. 1899,351 f.; Zwierzina, ZfdA. 40, 225-42; Ders., Mhd. Stud., ebda 44, 1—116. 249—316. 345—407. 45, 19 —100. 253-313 (bes. 253ff.). 317—419, s. auch Bd. 44 Reg. S. 345. 45 Reg. S. 340 ff.; Ders., DLz. 1901, 470; Ders., Anz. 22, 180— 96; Ders.,44. Philol.-Versamml.S.124; Ders., Die neueren Sprachen, 6. Beiheft S. 422 ff. (= Festg. f. Luick, 1925). — Die zur engeren Heimatbestimmung H.s vorgebrachten Beweismittel, Reime mit ich han, da hast auf kurz a und von altem ei : ei aus agi sind nicht entscheidend, ob H. dem Schwäb. im engeren Sinn od. dem Alemann. (Niederalemann.) angehörte. 2 Lachmann, Anm. zu Iw. 6444; Schönbach, Üb. Hartm. S. 179 ff.; Rosenhagen, Festg. f. Sievers 1896, 231 ff. 3 Seltsam ist d. Mißverständnis Er. 7470 = Chr. 5349, wo H. aus dem franz. uns brez tailliere (e. britischer od. bretonischer Künstler) einen meister Umbriz macht und aus dem le conte ßemainne Chr.s Erec 1358 einen herzöge lmäin 176 u.ö. Verlesungen: Singer, Wolframs Stil S. 57. 4 Siehe oben Veldeke. 144 Die erzählende Dichtung unglückter Frauendienst trübte vorübergehend seine jüngeren Jahre, machte ihn aber auch an Erfahrung reicher. Da wurde er in die Weltbegebenheiten hineingerissen, er rüstete sich zum Kreuzzug, aber zugleich betraf ihn ein tiefer Schmerz, der Tod seines Herrn. Die großen politischen Ereignisse und dieses sein eigenstes Erleben vertieften sein Wesen durch einen bedeutenden inneren Gehalt. So weit können wir, ohne uns in vage Vermutungen zu verlieren, H.s Leben zusammenstellen. Den inneren Menschen enthüllen uns seine Werke. In seinen Dichtungen spürt man seine Seele. In der Wahl und Behandlung des Stoffes, in der Auffassung, die er in ihn hineinlegte,, in der ethischen Einstellung, in der gesellschaftlichen Lebensformung, in der stilistischen Rundung tritt uns eine in ausgesprochenen Zügen bestimmte Persönlichkeit entgegen. Der Mittelpunkt dieser geistigen und sittlichen Individualität ist die Mäze, 1 die Harmonie der seelischen Bewegungen, die Besonnenheit zur Regelung des sittlichen Lebens. Ihn durchwogten keine starken Leidenschaften, darum hatte er keine schweren inneren Kämpfe zu bestehen; 2 sein Wille war von Natur aus sittlich bestimmt, er brauchte sich nicht gegen heftige Affekte zu wappnen. Er ist kein tiefgründiger Denker oder gedankenvoller Grübler. Er ist eine in sich ruhende, befriedete Natur, in praktischer Lebensklugheit weiß er sich mit dem Widrigen abzufinden. Er beruhigt sich bei dem Grundsatz: es mußte so sein, bald wird auch wieder Gutes kommen (s. unten). Und bei aller Idealisierung des Lebens war er selbst kein lebensabgewandter Mensch, er lebte mitten im tätigen Leben und er bekundet auch sein Interesse am wirklichen Leben stellenweise in seiner Dichtung, indem er eigene Erfahrung einflicht (die Schulerziehung im Gregorius) oder realistische Züge (z. B. sein Lied von der niederen Minne, anderes s. unten bei Erec und Iwein). — Streng hält er die höfischen Lebensformen ein und hütet sich, den guten Ton zu verletzen. Herzensgüte und ein menschenfreundliches Gemüt machen ihn liebenswert und den Ernst seiner schicksalsschweren Dichtungen weiß er zuweilen durch leisen Humor zu mildern. Am schönsten aber zeigt sich sein reiner Charakter in der Treue gegen seinen toten Herrn, und in mehreren seiner Werke ist es die Treue, die die tragische Spannung löst: die Treue des Weibes zum Mann im Erec, des Mannes zum Weibe im Iwein, die Treue der hingebenden Aufopferung im Armen Heinr. Er ist ein innerlich frommer Mensch. Auch er kennt das Sein nur unter dem Dualismus von Welt und Gott. Alles Gute kommt von Gottes Gnade (AH. 392—403, Erec 10083—96). Aber dem Laien gebührt auch die Erfüllung seiner weltlichen Pflichten. Dieser Auffassung des Lebenssinnes gibt er selbst in seinen Werken Ausdruck. 1 Heinzel, Kl. Sehr. S. 112 ff. 2 Die persönl. Bemerkung Greg. 799—804, er habe nie Freude noch Unglück erlebt, ist -allerdings kein unzweifelbares Selbstbekenntnis, vielmehr e. Entschuldigung seiner Unfähigkeit, die Größe des Jammers der Herzogin zu beschreiben, e. Bescheidenheitsbezeugung wie Erec 1590—1610 u. 7479 f. u. wie auch Gotfr. v. Straßburg im Tristan 4587ff. sein dichterisches Unvermögen erklärt; was Rud. v. Ems im Alexander 3063 ff. (Junk, Beitr.29, 422 ff.) u. im Wilh. v. Orlens 5614 ff. nachahmt (Schwietering, Demutsformel S.55. 771). § 23. Hartmanns Leben \ 45 Somit ist H.s dichterisches Schaffen unter dem Leitgedanken der mittelalterlichen Weltanschauung zu betrachten, unter dem Dualismus des Intelli- giblen und der Erscheinung. 1 Dieser Weltzwist ist der Grundgedanke in seinen beiden religiösen Dichtungen. Sie ergründen das Wertverhältnis zwischen Weltgenuß und Gottergebenheit. Gregorius und der Ritter von Aue haben eine seelische Läuterung durchzumachen, übergroße Weltlichkeit versperrt ihnen den Weg zur wahren, demütigen Frömmigkeit, die Schuld sühnen sie durch Entsagung in harten Leiden. Aber als Laie bekennt sich H. zu der vermittelnden Ethik seines Standes: das Wohlgefallen der Menschen zu gewinnen und doch das Heil der Seele zu bewahren (Lieder MF. 210, 10. 25. 29, Einl. zum AH. 12—15, Erec 7783 f. 9988 f.). Die weltlichen Handlungen • können ebenfalls verdienstlich sein, nur sind sie geringwertiger als die von der Gottesidee getragenen. Im Erec und Iwein zeichnet er seelische Verwirrungen ritterlicher Helden, die durch Überschreiten des richtigen Maßes hervorgerufen sind, und ihre Lösung durch tüchtige Pflichterfüllung. Damit sind sie als Leitbilder des richtigen weltlichen Lebens aufgestellt H.s Werke haben alle einen sittlichen Gehalt, er selbst faßte sie auch als Bildungsschriften auf. Er will lehren; auch in vielen einzelnen Bemerkungen, Sentenzen, Lebensregeln ergeht sich seine lehrhafte, leicht schulmeisterliche Neigung. In keinem seiner Werke spricht H. von einer äußeren Veranlassung, etwa von dem Auftrag oder dem Wohlwollen eines Gönners. Dieses Schweigen besagt aber nicht, daß er seine höfischen Dichtungen überhaupt ohne Hinsicht auf ein bestimmtes höfisches Publikum, dem er nahestand, verfaßt habe. Sucht man den inneren Ursprung seiner Werke zu erschließen, so stellt sich die Frage: Aus welchem Erleben heraus hat H. sie geschaffen? Die Lieder und das Büchlein sind hervorgegangen aus der höfischen Mode der Frauenverehrung, die er standesgemäß in seiner Jugend mitgemacht hat. Sein ihm innewohnendes und durch die Umwelt gekräftigtes weltliches Ideal edlen Rittertums und zugleich die an ihn tretenden Anforderungen der aristokratischen Gesellschaft, deren Mitglied er war, sind Erlebnisquellen für seine beiden Ritterromane. Seine geistlichen Dichtungen stellen Ausströmungen seines eigensten seelischen Empfindens dar, Auseinandersetzungen über das tiefste Geheimnis von Leben und Ewigkeit. Die Antwort auf die Frage nach H.s künstlerischer Bedeutung und Leistung ergibt sich aus dem Befund seiner seelischen Veranlagung. Seine mehr intellektuell bestimmte als phantasiekräftige Wesensart neigt sich besonders zur Pflege der Form. Allerdings was das Publikum zuvörderst interessierte, das war gewiß der Stoff, die Tat des Dichters war die künstlerische Ausführung, dem Stoff die äußere und die seinem eigenen Selbst wesenhafte innere Form zu geben. Und gerade auch die Sprachgestaltung in Stil 1 Theod. Langer, Der Dualismus in der Weltanschauung u. Sprache H.s, Qreifsw. Deutsche Literaturgeschichte III 10 Diss. 1913; Joh. Fiebach, Die dualist. Weltanschauung im AH., Beitr. 44, 279—89. 146 Die erzählende Dichtung und Metrik galt den höfischen Epikern als künstlerisch wesentlich und darauf beruht in erster Linie H.s Ansehen bei den Dichtern des 13. Jh.s. So viel etwa finden wir in seinen Werken, insofern sie Selbstbekenntnisse sind, herauszulesen. Wir gelangen nur zu einem allgemeinen Typus, einem Ideal. Es fehlen uns überhaupt die Mittel, in die ganze Vielgestaltigkeit eines mittelalterlichen Menschen einzudringen. Was wir aus den Splittern der Überlieferung erschließen können, sind nur einzelne, mehr oder weniger hervorstechende Eigenschaften. Die volle Persönlichkeit können wir nicht schauen und würden sie auch mit unsern modernen Maßen nicht begreifen. Viel besprochen ist die Reihenfolge 1 von H.s Werken. Jugenddichtungen ' sind unbestritten die Lieder und das Büchlein. Als erstes der größeren Werke ist nahezu allgemein der Erec anerkannt (s. unten), dagegen schwankten die Ansichten über die zeitliche Stellung des Iwein, ob er vor die beiden religiösen Dichtungen — Gregor und Armer Heinr. — zu setzen, oder hinter diese, als letztes Werk H.s. Entscheidend sind die Beweismittel, die Wortgebrauch, Satzbau und Reimtechnik liefern. Danach ergibt sich als jetzt fast allgemein anerkannte Zeitfolge: Lieder, Büchlein (Jugendwerke, um 1190), Erec (nach 1190), Gregor, Armer Heinrich (nach 1195: 1195 Tod des Dienstherren, 1197 Kreuzzug), Iwein (nach 1200). H. war kein schöpferischer Geist und doch ein geistiger Führer. Dieses Mißverhältnis war besonders in einem Zeitalter möglich, das sich in den Bahnen der Tradition bewegte. Er hat neue Formen in die Dichtung eingeführt (nicht geschaffen): sein Büchlein ist das erste deutsche Streitgedicht, der Gregorius die erste Legende höfischen Stils, der Arme Heinrich die erste selbständige Novelle; mit den Artusdichtungen hat er einen höheren Typus des höfischen Romans eingeleitet, 2 der das Gesellschaftsideal unmittelbarer zum 1 In fast allen Abhandlungen üb. H.s Leben u.Werke. Hier seien besonders angeführt: Beneckes Anmerk. zu Iwein V. 22. 6943 f.; Lachmann, Anm. zu Walther 82, 24; Ernst Naumann, Üb. d. Reihenfolge der Werke H.s ZfdA. 22, 25ff.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 73ff.; Paul, Einl. zum Greg.; Saran, H. v. A. als Lyriker S. 46 ff. 106 ff. u. Beitr. 24, 23 ff. 65 ff.; Schönbach S. 455 ff.; Piquet S. 217—42; Panzer, S. 547; vor allem die ersten unter ,Stil' angeführten Abhandlungen von Kraus u. Zwierzina; ferner B. J. Voss, The Diction and Rime-Technic of H. v. A., New York u. Leipz. 1896, S.68ff., Schwietering, Demutsformel S. 77 ff. — PsychologischeErwägungen, die den Iwein als weltl. Werk in H.s frühere Lebenszeit, nach dem Erec u. vor die religiösen Dichtungen, die e. Abkehr von der Welt bedeuteten, setzen, haben gegenüber den methodischen, empirisch-philolog. Feststellungen keine ausschlaggebende Beweiskraft. 2 Einige Wortformen sprechen dafür, daß es schon vor Hartm. eine rheinische Artusdichtung gegeben hat, der Name Walwän (so auch Eilhart i. Tristr.), neben Gäwein (Chre- stien Gauvain) im Erec (Hertz, Parz.-Über- setzg. 2 S. 510f.); und Keiln der kätspreche Er. 4664 (zum ndld. kwaadspreker); Zwierzina, ZfdA. 45, 324 ff.; Hildebrand, DWb.5, 1890; Mushacke aaO.; Singer, Mhd. Schriftsprache Anm. 37; Ders., Wolframs Stil S. 97, auch S. 20; Ders., Aufsätze u. Vortr. S. 148 ff.; Schröder, ZfdA. 42,261 f.; Gruhn, ebda43, 297 f.; Kurt Wagner, Eilh. I S. 8*ff. Starkes Interesse für die weltl. Romane am Rhein beweist des Cäsarius v. Heisterbach Bemerkung, die etwa auf das Jahr 1200 geht, daß der Abt seines Klosters die während der Predigt schlafenden u. wohl auch schnarchenden Mönche dadurch aufweckte, daß er anhub, von Artus zu reden: Audite, fratres, audite rem nobis novam et magnam proponam. Rex quidam fuit, qui Artus vocabatur. Hoc dicto non processit, sed ait: Videte, fratres, mise- riam magnam. Quando locutus sum de Deo, dormitastis; moxut verba levitatisinserui, evigilantes erectis auribus omnes auscultare coepistis. §24. Die Lieder 147 Ausdruck brachte als die Eneide, und hat mit ihnen zugleich den Ritterroman nach Oberdeutschland verpflanzt. Von den Zeitgenossen und Nachfahren wurde H. die Anerkennung als Führer zuteil. 1 Gotfrid preist ihn in begeisterten Worten als Meister der feinen, zierlichen Redekunst; Heinrich v. d. Türlin widmet ihm, als dem Dichter des Erec, eine fromme Totenklage, 2 Rud. v. Ems hebt, Gotfrid folgend, in seinem Alexander, weniger im Willehalm, ebenfalls die Klarheit und Anmut seiner Sprache hervor. 3 Wolfram nimmt im Parz. häufig auf seine beiden Artusromane Bezug und beweist durch sein starkes Interesse, daß er ihn in hohem Ansehen hielt; aber nirgends läßt er eine stärkere Verehrung für ihn durchblicken. Er ist ihm nicht der „Meister", er stellt sich ihm gleich. — Wenn die Folgezeit der Begründer der ritterlichen Literatur gedachte, so fehlte sein Name nicht und die häufigen Beziehungen auf den Erec u. Iwein zeugen von der Beliebtheit dieser Romane im 13. Jh. § 24. Die Lieder Ausg.: Haupt, Bech s. unt. Büchlein; Vogt, MF. 3 (1920), 240ff. 437ff. — Lit.: Piper, Höf. Ep. 2, 4f. 15—27; Wackernagel-Stadler, Der arme Heinrich S. 7ff. 12ff.; Wilmanns, Zu H.s Liedern u. Büchl., ZfdA. 14, 144—55; Schönbach S. 156-67. 355—62 u. ö.; Piquet S. 27—72, dazu Panzer, ZfdPh. 31,523f.; Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Hugo Kauffmann, Üb. H.s Lyrik, Leipz. Diss. 1884, dazu Martin, DLz. 1885,192 f., Burdach, Anz. 12,189 ff., EmilHen- rici, ZfdPh. 17,382; Saran, H.v. A. als Lyriker, Halle 1889, dazu Cbl. 1890,630f., R. M.Meyer, DLz.1890, 157 f., Vogt, ZfdPh. 24,237—45; Saran, Beitr. 23,1 ff. (24,1 ff.); Hans Naumann, Beitr. 44, 284—301; Jellinek, ebda45,59-71; v. Kraus, Übungsb.^öö, 2. Aufl. S.292.Übertragg.: Will Vesper, Münch.1926. Reimwörterb.:JANDEBEUR,Münch.Texte, Reimwörterbücher H.5,1926. In MF. beträgt die Strophenzahl der Lieder H.s 55, wovon jedoch vielleicht 3 (214, 34—215, 13) Walther zugehören. Sie verteilen sich auf 16 Lieder (das Walthersche inbegriffen), 4 13 Minnelieder und 3 Kreuzzugslieder. H. war kein Lyriker von Naturveranlagung, ihm fehlte die Schwellkraft des Gefühls, die aus der Tiefe des Herzens quillt. 5 Die mäze, sei sie angeboren oder durch Selbstbildung als Grundsatz erworben, läßt starke Erregung nicht aufkommen. Er steht über dem lyrischen Eindruck, statt ihm unterworfen zu sein, er reflektiert und hat Neigung zum Moralisieren. Indes entbehrt sein Minnesang nicht jeden tatsächlichen Untergrundes als rein nur poetisches Motiv, vielmehr brachte er damit, der höfischen Sitte folgend, einer hochgestellten Dame seine Huldigung dar. 6 Sein Dienst fand keine 1 v. d. Hagen MS. 4, 261 ff. 863ff.; Haupt, ErecS.323f.:PiPERS.l—4; Schönbach S.444 f. 476 ff.; Henrici, Iwein 2 S.VII-X; Ders., DieNachahmerv.H.s Iwein, Progr.Berl.1890; Panzer, Merlin S. CXVI u. CXXII; Singer, Wolfr.s Stil S. 56-61. 74; Vietor, Die Kunstanschauung d. höf.Epigonen, Beitr. 46, 85ff.; s. bei Otte, Wolfram, Gotfrid, Ulr. v. Zazikh., Wirnt v. Gravenberg, die Klage. 2 Siehe oben. 3 Junk, Beitr. 29,423 u. Ausg. des Willehalm Rudolfs 2176—78; EHRiSMANN,Stud.üb.Rud. v. Ems S. 33 ff. 4 Üb. d. Verteilung der Strophen in d. Hss. 10* ABC s. Naumann S. 292 f. 6 Die ganze Stelle Iwein 2995—3028 ist in ihrer rationalistischen Kritik des Herzenstausches 3011 nicht ein wirklich ernstgemeintes Selbstzeugnis; vgl. auch unten Gregor 789—804. 0 Wilmanns, ZfdA. 14, 144—55 u. Heinzel ebda 15, 125—40 nehmen zwei Minneverhältnisse an, die in zwei Liederbüchern aufgezeichnet worden seien. Auch Schönbach S.357 findet zwei Liebesverhältnisse, ein früheres, das H. als junger Mann, und ein späteres, das er als Ritter gehabt habe. Vgl. auch E. Naumann, ZfdA. 22, 43 ff. 148 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Erhörung, auch ist er öfter und auf längere Zeit von der Dame getrennt, darum erschöpfen sich seine Lieder in Klagen über die ihm versagte Gnade der Dame. Auf stcete gründet sich jedes echte Minneverhältnis, darum ist stcete das ethische Kernwort in seinen Liedern. Aber schließlich, nach langem Schwanken, gibt er doch den fruchtlosen Dienst auf und kündigt ihn (207,11). Es zeugt für seine edelmütige Gesinnung (oder auch nur für seine Höfischheit?), daß er die Schuld auf sich nimmt, wegen seines Ungeschicks und seines wandeis (Unfertigkeit): si lönde mir als ich si duhte wert 206, 8, vgl. auch 207, 23 ff. In seinem in all diesem Zwiespalt doch versöhnlichen Gemüt tröstet er sich, daß er in den langen Jahren wenigstens von der Hoffnung auf Erhörung zehrte 208, 20 ff. Und noch leichter wird er mit seinem Mißgeschick (trüren) fertig, 211, 27, wenn er dagegen ein bewährtes Klugheitsmittel anwendet: nun laß es so gehen (nimm es hin), es war dir so bestimmt; bald wird dir wieder etwas Gutes kommen. So soll man sich des Besten versehen. 1 Aber auch von einem beglückenden Liebesbund redet er in zwei Liedern, von der guoten, diu min schone pflac 214, 33 und von der er scheiden muß; und in dem Lied 215, 14 von einer Liebe, die ihn veredelt und seinen Sinn zu Gott und der Welt richtet 215,19 und fromme Stimmung in ihm erweckt 215, 37. Durch die über das Weltliche hinausgehenden Gedanken — im ersten der beiden Lieder über die Wirkung der Treue auf die Trauer des Leibes und den Nutzen für die Zukunft der Seele 214, 27 ff. — nähern sich diese beiden Lieder denen der Gottesminne (den Inhalt der 1. Str. von 214, 12 hat der Dichter des II. Büchl. aufgegriffen V. 121—36. 146—56, s. unten). Und schließlich überhaupt eine Satire auf sein Minnewerben in dem köstlich realistischen Erlebnislied 216, 29! Die schlimme Erfahrung, die er mit seiner Liebeserklärung bei einer frouwe machte, hat ihn abgekühlt, nun wendet er sich den armen wtben zu, da findet er gewiß eine, die ihn will und sein Herz froh machen wird. Also ein Preis der ,niederen' Minne. Der flotte, burschikose Ton fällt ganz aus den sonst so konventionell höfischen Lebensformen in H.s Dichtung heraus. 2 Liebenden Frauen sind drei von H.s Liedern in den Mund gelegt. Der erste dieser Frauenmonologe, 212,37, die betrogene Geliebte, ist ihm aber wohl aus sprachlichen Gründen abzusprechen wegen des umgelauteten Con- junkt. prät. fände (: künde :ünde), da er sonst nur die entsprechenden Formen ohne Umlaut gebraucht (Kraus, Festg. f. Heinzel aaO. S. 115). Das zweite Frauenlied mit dem von H. sonst nicht angeschlagenen Motiv des Natureingangs spricht das sich über den Rat der Verwandten hinwegsetzende Begehren des sich dem Manne hingebenden Weibes aus. An Tiefe des Stimmungsgehalts erhebt 1 Jellinek, Beitr. 45, 60 ff. spricht das Lied H. ab. 8 Ein Beispiel dafür, wie ein mittelalterl. Dichter doch kein in sich so geschlossener Typus, kein so widerspruchsloser Charakter ist, als welchen wir ihn aus seinen Werken zu konstruieren geneigt sind. Wir können wohl Weltanschauung u. geistige, d.h. künstlerische Begabung und Tendenz eines Autors aus seinen Dichtungen in großen Zügen erschließen, aber der wirkliche Mensch mit seiner individuellen Seelenverfassung und in seinem äußeren Verhalten ist viel komplizierter, als er sich in seinen Werken darstellt. §24. Die Lieder 149 sich weit über die Minnelieder der Frauenmonolog 217, 14, die ,Witwenklage' (s. bes. Vogt MF.» S. 445 f.). H. hat sich Reinmars Totenklage der Herzogin von Österreich (MF. 167, 31) auf den Tod ihres Gatten Leopold VI. (f 1. Dez. 1194) zum Vorbild genommen, und so ist für sein Lied auch eine ähnliche Veranlassung höchst wahrscheinlich, d. h. seine Klage (217, 17. 25. 38) ist eine Totenklage, die er für die Gemahlin seines eben gestorbenen Herrn dichtete. Dieses Trauerlied einer kummergebeugten Frau über ein schweres, von Gott gesandtes Schicksal ist, wie sehr es auch unter dem Gedankengang von H.s Minnesang steht (wip nie liebern friunt gewan 217, 21, die letzte Strophe mit dem Glück des weder durch Lieb noch durch Leid gestörten Gleichmuts, vgl. 214, 12), doch tief religiös empfunden: Gott möge sein pflegen, der pflegt sein besser als ich (religiös auch 217, 16. 34). Und so leitet dieser Totentrauergesang über zu der zweiten Gruppe von H.s Liedern, zu denen von der Gottesminne. Hier ist der Gesellschaftsdichter H. zu einem Verkünder großer Zeitideen geworden. Das 1. Kreuzlied, 209, 25—211,19 ist in seinen beiden ersten Strophen eine Aufforderung an die Ritter, für Gott zu streiten, wodurch ihnen sowohl der wertete top als auch der sele heil zuteil werden wird. Die folgenden Strophen geben das persönliche Verhalten des Dichters in dem Zwiespalt zwischen Gott und Welt wieder. In Str. 4 flicht er in diese die Menschheitsgeschichte und das Einzelleben entscheidende Idee ein Ereignis ein, das seiner ganzen bisherigen Lebensstimmung, soweit sie in den Liedern ausgesprochen ist, eine andere, eine ernste, von der Welt sich zum Ewigen wendende Richtung gab: es ist der Tod seines Herrn. Mit seinen Minneliedern folgt er der Konvention, die Kreuzlieder sind eingegeben durch die großen, die Christenheit bewegenden Weltereignisse, in dieser Strophe auf den Tod seines Herrn aber spricht der Mensch aus eigenstem Innern sein schmerzlichstes Erlebnis aus. Es ist zugleich ein Bekenntnis höchster Ritterpflicht und Mannestugend, der Mannentreue, wie sie das Heldenepos im Charakterbild des treuen Dienstmannes poetisch verklärt hat. In der Zusatzstrophe zu dem 1. Lied H.s in MF. 206, 10 verbindet er den Tod seines Herrn noch mit seinem Minnedienst; der Verlust des Herrn und der Geliebten sind hier für ihn die zwei bitteren Lebenserfahrungen, mit denen er das, was er je an Freuden hatte, teuer hat bezahlen müssen. Das 2. Kreuzlied, eigentlich nur eine Strophe, 211, 20, ist ebenfalls ein Aufruf zum Kreuzzug, hier an die Frauen gerichtet, daß sie die Männer zur Fahrt anspornen sollen. Rein persönlich ist das 3. Kreuzlied, 218, 5, das eigenartigste und gehaltvollste, auch am meisten Schwierigkeiten bietende Lied H.s. Es ist seine letzte lyrische Gabe, ein Abschiedssang, ein Scheiden von Land und Leuten zur Kreuzfahrt und auch ein Abschied vom Minnesang, gleichsam symbolisch für seine innere Umgestaltung, eine Wandlung der ethischen Persönlichkeit von einer niederen zu einer höheren Stufe der Minne, von der 150 Die erzählende Dichtung irdischen zur himmlischen. Mit einem Wirklichkeitsmoment — dem Abschied von den versammelten Herren und Sippeverwandten des Geschlechtes, dem er als Dienstmann angehört — setzt die Rede des Dichters ein 218, 5—8 und geht dann über in eine dialektische Begründung seiner Fahrt, deren Spitze in dem Doppelsinn des Wortes Minne liegt: H.s Minne ist nicht die von den Minnesingern gepriesene Frauenliebe, sondern die Gottesliebe, und zwar jene Liebesfülle Gottes, die den ganzen Menschen in Besitz hat, in der Mensch und Gott vereint sind, die mystische Liebe, die viel stärker ist als irgendein anderes Erlebnis. Denn selbst Saladin, der die heiligen Stätten den Christen entrissen, mit seinem ganzen Heeresaufgebot und der Kreuzritterruhm würden ihn nicht dazu bringen, seine Heimat zu verlassen: allein jene allgewaltige magische Kraft des Gotterfülltseins vermag es. 1 Die Witwenklage gibt den einzigen sicheren Anhalt für eine engere Zeitbestimmung in H.s Leben. Da sie von der Totenklage Reinmars beeinflußt ist, die ins Jahr 1195 fallen muß, so ergeben sich für H.s Lied und den Tod seines Herrn die Jahre von 1195 an. Da das 1. Kreuzlied nach dem Tode des Herrn gedichtet ist, so kann er nicht die Kreuzfahrt von 1190, sondern nur die von 1197 mitgemacht haben. 1195 hat er das Kreuz genommen, 2 um diese Zeit sind seine Kreuzlieder entstanden, die Minnelyrik fällt vorher. Weitreichende Wirkung hat H.s Lyrik wohl nicht gehabt. Er steht unter dem traditionellen Einfluß Reinmars. 3 Die Rhythmik seiner Lieder ist naturgemäß an die regelmäßige, alternierende Betonung gebunden. Zwei Lieder, 205, 1 u. 215,14, enthalten sog. daktylische Verse. — Gerühmt wird Hartmann als Minnesinger von dem v. Gliers. 4 § 25. Das I. und das II. Büchlein Ausg.: M. Haupt, Die Lieder u. Büchlein u. Der arme Heinrich von H. v. A., Berl. 1842, dazu Nachträge ZfdA. 3, 273 f. 4, 395 f., 2. Aufl. Der a. Heinr. u. die Büchlein, besorgt von E. Martin 1881; Fedor Bech, Hartm.v.Aue, Dt. Classiker des MÄ.s, 3 Bde., 1. Aufl. 1867 ff., 2. Aufl. 1870 ff., 3. Aufl. 1893 (l.Teil Erec; 2.T. Lieder, I. u. II. Büchl, Gregorjus, Der arme Heinrich; 3.T. Iwein). — Lit.: Piper, Höf. Ep.2, 27—36; WACKERN.-STADLERS.13ff.; Schön- bach, Üb. H. S.79—82. 167—73. 214—20. 228—86. 325—28. 343-55. 362-96. 469-72. u. 481 ff.; Piquet S.73—98, dazu Panzer, ZfdPh. 31, 524—45. — Haupt, Zu H. v. A., ZfdA. 4, 395 f. (I. Büchl. Schlußgedicht); Wilmanns, Zu H.s Liedern u.Büchl., ZfdA. 14,149—55; Ose. Jacob, Das II. Büchl. ein Hartmannisches, Leipz. Diss. 1879, dazu Cbl.1880, 1473, Paul, Lbl. 1881, 236; E. Naumann, ZfdA.22, 43 ff.; Kauffmann, Üb. H.s Lyrik S.53 ff.; Saran, H. v. A. als Lyriker, bes. S. 29 ff. 39 ff. 61 ff.; Ders., Das sog. II. Büchl., Beitr. 24, 1—71; Schönbach, Anfänge d. dt. Minnesangs S. 21.26; Kraus, Das sog. zweite Büchl. u. H.s Werke, Festg. f. 1 Die Interpunktion von Paul u. Saran : u.ZfdA.55, 301 f.; Vogt aaO.; E.Naumann, und lebt min herre, Salatin u. al sin her. . . ZfdA. 22, 60 f. setzt Saladin als Lebenden voraus (er starb s Einfluß auf Walther: Burdach, Reinm. 1193), was aber mit der Abfassungszeit der S. 104. 106. Witwenklage (1195) nicht zu vereinbaren ist 4 Bech, Ausg. B. I. 2 S.7f. — Zum Stil von (s. Vogt, MF. 3 S. 446 ff.). H.s Liedern: Burdach, Reinm., Reg. S.232. — 2 Wolfram, Kreuzpredigt u. Kreuzlied, ZfdA. Zur Kreuzfahrt auch Zwierzina, ZfdA. 45, 255. 30, 114; Schönbach, Ueb. Hartm., S.459 f.; 372. 378. Rosenhagen, ZfddUnterr. 28 (1914), 103.109 § 25. Das I. und das II. Büchlein 151 Heinzel S. 111—72 u. ZfdA.56,14; ZwiERZiNA,Festg.S.437ff. pass., Besprechungen zu Kraus u. Zwierz. s. ob.; Ehrismann, ZfdA.56, 172ff. — Stellen: Paul, Beitr. 1, 205—7; Sprenger, Germ.27, 375; Sievers, selpwege, Beifr. 5, 544—47, s. auch Ehrismann, Germ.35, 55—57; Schröder, ZfdA. 56, 247 f. Das I. Büchlein Hs.: Die berühmte Ambraser Hs.; Reihenfolge des Inhalts derselben: Iwein, I. Büchlein, Zaubermantel, II. Büchlein, Erec (Saran, Üb. H. v. A. als Lyriker S.39). Der Text ist sehr verderbt. Überschrift: Ein sdiön Disputatz. Von der Liebe, so einer gegen einer schönen frawen gehabt vnd getan hat. Inhalt. A. Einleitung 1—32: die Macht der Minne bezwang einen jungen Mann U un S e - linc 7), daß er ein Weib liebte. Sie erhörte ihn nicht. Verschwiegen klagte er seinen Schmerz nur in seinem Innern. Das war von Ouwe Hartman. B. Hauptteil 33—1644, Zwiegespräch zwischen Leib und Herz, a) 33—484. Der Leib beschuldigt das Herz, daß es ihn zwang, einer Dame zu dienen (75—86Thema), die diesen Dienst verschmäht (182) und ihm dadurch alle Lebensfreude benimmt (287). b) 485—972. Das Herz weist mit Scheltworten diese Beschuldigungen als beleidigende Verdrehungen zurück: nicht ich, sondern du selbst, deine Augen haben das Leidwesen verschuldet, denn durch sie habe ich das schöne Weib gesehen (545). Um Minneglück zu erwerben, dazu gehört arbeit (613), Anstrengung, Ertragung von Mühsal in der Ausübung von Mannestugenden, du jedoch vertreibst den Tag mit allen möglichen Vergnügungen (671). Aber ohne mühevolle Arbeit hat nie ein Mann Freude gewonnen, darum laß deine Schlappheit und sei ein Mann (737). c) 973—1125. Der Leib stellt mit ruhigen Worten das beiderseitige Verhältnis richtig: Leib und Herz gehören zusammen. Er will den Minnedienst übernehmen und alles Rechte tun. Damit ist die Versöhnung angebahnt, d) 1126—1268. Das Herz lenkt ein, in einer Wechselrede (Stichomythie) stellt es an den Leib die Forderung richtigen Minnedienstes, dieser bittet um lere und rät. e) 1269—1375. Das Herz lehrt ihn die Tugenden der Minne in einer Allegorie vom krützouber (die Tugenden als Kräuter eines Liebeszaubers), f) 1376—1535. Der Leib will die Lehre des Herzens erfüllen, um die Gnade der Dame zu gewinnen und schwört einen Eid auf seine Treue, g) 1536—1592. Das Herz gibt dem Leib noch die Verhaltungsmaßregel, ruhig, nicht übereilt um die Minne zu werben und klagt über die Frauen, die ihren Verehrer zu lange hinhalten, h) 1593—1612. Der Stil ist umgekehrt: jetzt verweist der Leib dem Herzen seine Klage über die Frauen, i) 1613 —44. Zum Schluß gibt das Herz dem Leib die beste Lehre: sei treu (wis stcete)\ und sendet ihn als Fürsprecher zu der Geliebten. C. 1645—1914. Auf die Erzählung vom Streit folgt ohne direkten Zusammenhang ein Schlußgedicht, in welchem der Dichter, sich unmittelbar an die Dame wendend, seine Stimmung ausspricht: Klage über unerhörte Liebe, Bitte um Trost und Versicherung der Treue. Als Verfasser des Gedichtes nennt sich Hartmann selbst 20. Es ist ein Jugendwerk, als Jüngling hat er es verfaßt 7, vgl. 1479—84. 1 Der Hauptteil des Gedichtes ist ein Streit zwischen Leib und Herz über die Beschwerden der Minne und deren Heilung. Damit sind Form und Inhalt bestimmt: es ist eine Liebesklage und zugleich Liebeslehre in Form eines Streitgedichts; damit ist auch die psychologische Entstehung beurteilt: es ist nicht aus unmittelbarer Empfindung entsprungen, sondern eine Arbeit der Reflexion, es ist nicht lyrisch erlebt, sondern verstandesmäßig, dialektisch konstruiert wie eine scholastische Disputation und hat einen lehrhaften Zweck: es will das richtige Verhalten im Minnedienst beschreiben 1 18-21 Jahre: Schönbach S.284«.; Saran, Beitr. 23,108 (um 1187/88). 152 Die erzählende Dichtung und die Tugenden lehren, die man zur Erwerbung der Minne haben muß. Dem Gedankengehalt nach ist also das Gedicht eine Minnelehre. Das mittelalterl. Streitgedicht. 1 Die Disputation über einen Gegenstand und dialektische Disputationen überhaupt gehörten zum mittelalterl. Schulunterricht und wurde methodisch gelehrt in der Dialektik, die Methode bewegte sich oft in disputierendem Dialog zwischen Lehrer und Schüler. Zahlreich sind die polemischen Religionsgespräche. 2 Gegensätzlich pointierte Wechselrede entsprach schon dem logischen und rhetorischen Formsinn des Altertums. Beispiele aus der griechischen Literatur sind die äsopische Fabel über den Streit zwischen Frühling und Winter, Eidcu/iovta und 'ÄQezr) in der Parabel von Herkules am Scheideweg, Apollo und Marsyas, die bukolischen Wettgesänge des Theokrit. Von Theokrits Hirtendichtung geht die Entwicklung des Streitgedichtes unmittelbar zu den eklogischen Wettgesängen Virgils, und dessen 3. Ekloge gab Motive ab für den ältesten mittelalterl., dem Alcuin zugeschriebenen Conf lictus Veris et Hiemis, 8 der den volkstümlichen Jahrzeitmythus vom Kampf des Sommers mit dem Winter zum Ausgangspunkt hat. Geistliche Tendenz beherrscht den scholastisch-dialektischen, dem Hermannus Contractus von Reichenau zugeschriebenen Conf lictus ovis et lini, 4 zwischen Schaf und Flachs, d.h. zwischen Wolle und Leinwand: die Darstellung hier ist allegorisch aufzufassen, indem das Schaf, das mit seiner Wolle die härenen Gewänder der Asketen liefert, als Vertreter des spirituali- stischen Mönchtums, der Flachs, aus dem die Kleider der Priester (IL Mos. 28, 42. 30, 27, III. Mos. 6, 10) gefertigt werden, als Vertreter der mehr realistischen Weltgeistlichen charakterisiert ist. So schließt sich dieser Dialog an eine Gruppe von Streitgedichten an, die in verschiedener Einkleidung weltliches und geistliches Leben einander gegenüberstellen (Jantzen S. 16—18, bes. die Disputatio Mundi et Religionis). 5 Echt vagantisch ist der mit Scholarenscherzen gewürzte Conflictus Aquae etVini, in dem der Wein Sieger bleibt; und die Streitfrage, ob ein Ritter oder ein Kleriker besser zur Minne tauglich sei, wobei die Entscheidung des Liebeshofes zugunsten des geistlichen Herrn ausfällt, in den köstlichen Vagantenstrophen des Dialogs DePhyllide et Flora. 6 Höchst anmutig, zugleich mit durchsichtiger Ironie, ist in diesem vagantischen Mustergedicht die mittelalterl. höfische Spielerei mit der antiken Götterwelt verwoben. Ganz in die Gesellschaft jener franz. Damen des Kaplans Andreas, die die Gesetze der Minnekunst diktierten, führt Das Liebeskonzil: 7 eine Versammlung von Nonnen, Dienerinnen Amors, verhandelt über das Thema, 1 Wackernagel, LG. P, 380 ff.; Herm. Jantzen, Gesch. d. dt. Streitgedichtes imMA., Germ. Abhandl. 13 (1896), dazu Cbl. 1896, 1773, Helm, Lbl. 1897, 186 f., Euling, DLz. 1898, 1524—26, Reuschel, ZfddUnt. 12,129 —31, Bömer, Zfvgl. LG. 11,240-42, Rosen- hagen, ZfdPh. 30, 280—85; E. Langlois, Origines et Sources du Roman de la Rose 1890; Creizenach, Gesch. d. neueren Dramas l 2 , Halle 1911, Reg. S. 622; H. Walther, D. Streitged. in d. lat. Lit. d. MA.s, Münch. 1920, dazu Hilka, Lbl. 1926,367 f.; Burdach, Ackermann S. 213; Paul Lehmann, Die Parodie imMA.S.156ff.;s.auchLG.I,56f. II, 1,326ff. (Salom. et Marcolfus); afrz. Streitgedicht, debat, s. Gröbers Grdr., Reg. S. 1259; prov. Streitged.: Tenzone. a s. bes. M. Grabmann, Gesch. d. scholast. Methode, s. oben. 8 Ebert2', 68; Manitius 1,279; Uhlands Schriften 3, 17 ff. 40 ff. u. Anm. u. Germ. 5, 257 ff.; Jantzen S. 5 f. 38 ff.; Walther S. 34 ff.; 191 ff.; Hildebrand, Materialien (1900) S.92 —106; v. Winterfeld, Dt. Dichter d. lat.MA.s S.482 ff.; Wilmanns, Walthers Leb.* S.456. 4 ZfdA.ll, 215-38; Walther S. 55 ff. 58. 143; vgl. den Zank zwischen dem weißen u. schwarzen Schaf von Odov. Cheriton (Ciring- tonia), Schönbach, Wien.SB. 139(1898),92; des Sedulius Scottus Certamen zwischen Rose u. Lilie, Ebert 2 1 , 197 f.; Ganzenmüller > NaturgefühlS. 107 ff. 5 Auch der Rithmus de Fide et Ratione inuicem disceptantibus mit dem Schluß: uicta cedit Ratio (Vernunft), Fides (Glaube) coro- natur, Peiper, Schnorrs Arch.7 (1878), 420ff.; Wilhelm, Münch. Mus. 2, 230—38 u. 367. 6 Bömer, ZfdA. 56, 217-39; P. Lehmann, Parodie im MA. S 169; H. Brinkmann, ZfdA. 62, 34 ff., s.ferner LG. II, 3.— DeutscheGed. üb. d. Vorzug, welcher Stand sich am besten zur Liebe eignet, s. Jantzen S. 44 ff.; Walther S.147ff. Weinu.Wasser: J.H. Hanford, Publ. of the mod. lang. ass. of America 28, 315—67. 7 Neueste Ausg.: Gott. Nachr. 1914; vgl. außer Jantzen u. Walther: Lehmann, Parodie S. 156ff.; Warren, Mod. Lang. Notes XXII Nr. 5. § 25. Das I. und das II. Büchlein 153 ob man einen Clericus lieben soll oder einen Miles (Ritter). Nur Kleriker sind zu der Beratung zugelassen. Die Entscheidung fällt demnach auch nur dahin aus, daß es gut und weise sei, Kleriker zu lieben. Das Gericht stellt sich als eine wahre Begebenheit dar durch genaue Bezeichnung des Ortes der Versammlung (Kloster Remiremont in Lothringen) und Namensnennung zweier beteiligter adeliger Damen. Das sind Auswirkungen einer leichtfertigen Erotik, Verherrlichungen der Weltlust, die grelles Licht auf die Sitten der Geistlichen werfen. Unserem Empfinden erstaunlich ist die Offenherzigkeit, mit der solche bedenkliche Moralfragen behandelt werden. Noch stärker befremdet uns die Unterhaltung zwischen Ganymed und Helena, in welcher jener die Knabenliebe rechtfertigt, während die Lakonierin für den natürlichen Verkehr der Geschlechter eintritt. Mit raffinierter Dialektik werden hier auch für das Widernatürliche logische und sittliche Gründe ins Feld geführt, wenngleich schließlich die Ratio unter dem Beifall der Götter den Jüngling, der selbst seine Sache für verloren gibt, als besiegt erklärt. In der Form dialektischer Antithese sind hier Kulturbilder entwickelt aus dem Studentenleben, aus dem weltlichen Treiben der Geistlichen und aus der höfischen Gesellschaft. Das sind im Grunde standesmäßig beschränkte, auf die Gelüste des irdischen Daseins gerichtete Werte. Aber über eine ernste Sache der ganzen Menschheit wird disputiert in dem Streit zwischen Leib und Seele: 1 über das Seelenheil des Menschen, Sündenschuld und ewige Verdammnis. Ein schlafender Mönch hat eine Vision: der Leib eines reichen Mannes liegt tot da, die Seele, die ihn verlassen, bezichtigt ihn wehklagend, durch seine Verbrechen ihrer beider Verdammnis verschuldet zu haben. Der Leib schiebt die Verantwortung auf die Seele, denn ihr sei die Vernunft gegeben, das Fleisch zu regieren und zu bändigen. Die Seele gesteht ein, es unterlassen zu haben, den Leib gehörig im Zaum zu halten, aber er habe den Lockungen der Welt zu sehr nachgegeben. Abgeschlossen wird das Wechselgespräch durch eine Teufelszene: die Seele wird dem höllischen Feuer übergeben. Diese 1 Vision von dem schrecklichen Ende des sündhaften Lebens war im MA. weit verbreitet. ' Ihr Ursprung scheint im orientalischen Christentum zu liegen, dahin weisen eine lateinische Predigt des XI./XII. Jh.s, die die Geschichte mit dem heil. Macarius v. Alexandrien (4. Jh.) in Verbindung bringt, ferner armenische, russische und serbische Überlieferungen. Die wichtigste abendländische Fassung ist die lateinische Visio Fulberti, 2 Dialogus inter Corpus et Animam, in 90 Vagantenstrophen, die das Gesicht einem franz. Eremiten Fulbertus zuschreibt (eine andere lateinische Version: „De Contentione anime et corporis" s. Rom. 20, 566 f.). Verwandt oder unmittelbar daraus geschöpft sind die Bearbeitungen in den Vulgärsprachen, das ags., norweg., franz., 3 catalan., italien., deutsche (Visio Philiberti), tschech. Gedicht.* 1 Jantzen S.13ff.; Walther S 63 ff. 211 ff. 218ff.;diemhd.Visio Philiberti: Karajan, Frühlingsgabe 1839 S. 85 ff., Bearbeitungen S. 150 ff.; M. Rieger, Geim. 3, 396—407; Bartsch, Erlösung S.311 ff.; Varnhaoen, Anglia 2, 225 ff.; Gust. Kleinert, Über den Streit zw. Leib u. Seele, Hall. Diss. 1880; K. Raab, Üb. vier allegor. Motive, Progr. Leoben 1885 S. 19 ff.; Batiouchkof, Romania 20, (1891), lff. 513ff.; Schönbach, Die Reuner Relationen 1, Wien. SB. 139 (1898) Nr. 5; Panzer, ZfdPh. 31,525 ff.; Hildebrand, DWb.4, 2662; Altercatio Carnis et spiritus, Walther S. 77 ff. 215 f. — Grundgedanke u. Einzelheiten der Visio Fulberti berühren sich mit den Jenseitsvii-ionen, Tundalus, Visio S. Pauli, Von d. Zukunft nach d. Tode und den Dichtungen Heinrichs v. Melk, s. LG. II, 1 Reg. — Vorbild f. d. mittelalterl. Gespräche zw. Seele u. Leib waren Augustins Soliloquia, Gespräch zw. Augustin u. d. Vernunft. 2 Ed. Du Meril, Poesies populaires lat. an- terieures au XII. siecle S. 217—30. Herm. Brandes, Zur Visio Fulberti, Progr. Potsdam 1897; Panzer, ZfdPh. 31, 525ff. 3 Bes. ,Un samedi par nuit', Varnhagen, Erl. Beitr. z. vgl. Phil. 1, 120 ff. 4 Das gleiche Thema von der zwiespältigen Natur des Menschen hat Hildebert v.Tours von einer ganz andern Höhe aus betrachtet in seinem philosoph.theolog. Liber de Conflictu Carnis et AnimaefMigne 171,989—1004); vgl. auch Bonaventura, Soliloquia, Gespräch zw. dem Menschen u. der Seele; auch Summa Theol. 27,1 ff. (LG. II, 1, 53-58). - Hildebert nimmt wie Augustinus eine den Leib gegenüber der Seele entschuldigende Stellung ein, De Civil. Dei XIV Cap. 3; vgl. auch Abälard, IV. Brief an Hei. (Leib u. Herz). 154 Die erzählende Dichtung *,U« Das Thema vom Streit zwischen Seele und Leib trifft den Kernpunkt der mittelalterl. Psychologie, deren Inhalt ein anthropologischer Dualismus ist. Auf derselben psychologischen Grundlage beruht eine Variation dieses Streitmotivs, der polemische Dialog zwischen Herz und Leib. 1 Der Leib, der physische und vergängliche Teil, besteht aus den Gliedern. Auch das Herz gehört zum Leibe und streng ist der Unterschied festzuhalten zwischen Herz und Seele: das Herz ist lediglich ein Körperteil, es liegt mitten im Menschen, ist Regent der niederen Sinne, es ist Sitz der Leidenschaften (Pseudo-Bern- hard, De amore Dei II Cap. 1) und ist gänzlich verschieden von der supranaturalen Seele. Durch die Sinne, bes. durch die Augen, wird die Außenwelt dem Herzen übermittelt. Da die Persönlichkeit des Menschen sich sichtbar im Körper (Leib) darstellt, so konnte der Leib überhaupt die Rolle des ganzen Menschen übernehmen und das Thema lautet dann, literarisch gefaßt: Kampf des Menschen gegen sein Herz. In Traktaten und Predigten ist es oft behandelt, in der älteren mhd. Literaturgeschichte am ausdrucksvollsten in der Mönchspredigt „Trost in Verzweiflung" (LG. II, 1,194—96). 2 Die weltliche Literatur übernahm aus dem geistlichen Anschauungskreise die Scheidung von Leib (oder Mensch) und Herz, es wurde zum Gemeinplatz, daß das Herz bei der Geliebten zurückbleibt, wenn auch der Leib an anderem Orte weilt. 3 Die Verhöfischung geschah im Französischen. Ein besonders nahetreffendes Beispiel ist ein franz. Salut (Liebesbrief), in dem der Dichter sein Herz und seine Augen wegen seiner Minnepein anklagt (P. Meyer, Bibl. de l'Ecole des Chartes 6. Reihe Bd. 3 S. 150 ff.). Die Beteiligung der Augen an dem inneren Vorgang der Liebespein beruht auf dem erkenntnistheoretischen Grundsatz der mittelalterl. Psychologie (u. schon im klass. Altertum), daß die im Bewußtsein haftenden Empfindungen und Vorstellungen durch die Augen eingedrungen sind, also daß auch die Liebe durch die Augen in das Herz geht. Auch dieser psychologische Vorgang ist Gegenstand einer poetischen Disputation geworden in dem lat. Streitgedicht Disputatio inter Cor et Oculum. 4 Dramatisiert als wirkliches Zwiegespräch zwischen den beiden Parteien, d. h. zum wirklichen Streitgedicht der Form nach, ist der Antagonismus 1 Schönbach, Üb. Hartm. S. 169 f. erinnert an die Dreiheit in Hugos v. S. Victor De unione corporis et Spiritus (Mignel77,285ff.), aber diese ist etwas anders aufzufassen, caro ist = äp, aber Spiritus nicht = cor, sond. cogitatio, und bedeutet demnach die Wahrnehmung durch die Sinne (wie in Hugos Stufenfolge Cogitatio, meditatio, contempla- tio), per sensus carnis (des Leibes); mens endlich ist — discretio, die Vernunft, das begriffliche Denken, die Erkenntnis per sensus rationis (Migne 176, 266). — Üb. Herz u. Leib s. Schönbach S. 469 ff.; Mor. Schittenhelm, Verwendung des Wortes Cuer im Altfranz., Tüb. Diss. 1907. ? Aus seinen theol. Studien in der Klosterschule (divinitas, Gregor 1187) war Hartmann das Grundgesetz der christl. Moral, Kampf gegen die Sinnlichkeit, gegen die Leidenschaften und also auch gegen das Herz, bekannt. Die in der Tat näheren Ueberein- stimmungen mit dem /Trost in Verzweiflung' machen es wahrscheinlich, daß H. durch einen Traktat od. eine Predigt ähnlichen Inhalts beeinflußt war (Schönbach, Üb. Hartm. S.396— 403). a Der Herzenstausch bei den Minnesingern: Piquet S. 77; s unt. Hartm., Wolfr., Gotfr. * Jantzen S. 14 f.; Walther S. 62 f., 76; Piquet S. 77f.; Batiouchkof S. 541. § 25. Das I. und das IL Büchlein 155 zwischen Herz und Leib in Hartmanns Büchlein. Anklänge» an den franz. debat ,Un samedi par nuit' und an die Visio Fulberti weisen darauf hin, daß der Streit zwischen Herz und Leib in der Tat eine Verweltlichung der geistlichen Zwiesprache zwischen Seele und Leib ist. Also Übertragung eines geistlichen Themas auf die weltliche Minnedoktrin. Das ist im Geiste der höfischen, also romanisierenden Dichtung, und damit ist im allgemeinen auch schon die Frage nach Hartmanns Quelle umrissen: er wird eine franz. Vorlage gehabt haben. Das entspricht der literaturgeschichtlichen Tendenz der Zeit, dahin weisen auch die wörtlichen Übereinstimmungen mit dem debat ,Un samedi par nuit' und der in Frankreich entstandenen Visio Fulberti. 2 Hartmann selbst nennt sein Gedicht eine Klage {der ouch dirre klage began 30). Klage ist hier = franz. complainte, also = salut als Liebesklage, Klage über den durch die Minne verursachten Kummer (V. 18). 3 Haupt hat ihm den Titel „Büchlein" gegeben, 4 den er dem II. Büchlein entnahm: Klelnez biiechel, swä ich si, so wone miner frouwen bi 811, der aber im 1. Büchl. selbst nicht vorkommt. Büchlein ist ein Liebesbrief größeren Umfangs, in dem das Wesen der Minne, Minnetheorie, Minnedoktrin, erörtert wird. Es ist also eine auf der Grenze zwischen Lyrik und Didaktik stehende Dichtart. Ein durch Liebessehnsucht in seinem Gemütsleben erregter Minner (lyrisch) sucht in Verstandesdialektik zu seinem Ziel zu gelangen, die Geliebte zu gewinnen. Der Weg dahin geht durch die Tugenden der Minnemoral (didaktisch). So bezweckt in Hartmanns Büchlein der I.Teil, der Streit, eine Belehrung über die Minne, der 2. Teil, das Schlußgedicht, wendet sich persönlich an die Dame in Geiühlsergüssen, Klagen, Wünschen. Im 2. Büchlein sind die beiden Elemente, das didaktische und das lyrisch- minnigliche, ineinander verschmolzen und es fehlt eine unmittelbar persönliche Anrede an die Geliebte. Psychologische Analyse von Hartmanns Büchlein. 5 Herz und Leib bilden eine zusammengehörende Substanz (34. 71. 1022—24 wir beide sin ein man 1030—33 u. ö.). Sie 1 Piquet S.73—94; Panzer, ZfdPh. 31,524 —43. 2 Panzer hat S. 536 ff. nachgewiesen, daß die Zwiesprache zwischen Herz u. Leib in der Minnerede im Liederbuch der Hätzlerin 2. Abt. Nr. 47 S. 211 ff. (ergänzt durch Hs. Cgm. 270) eine andere Quelle hat als Hartmann u. daß diese Quelle der Minnerede ein Salut provenz.- franz. Ursprungs gewesen ist. 8 Schönbach S. 228 ff. hält Klage für .Anklage' und stellt aus den dafür sprechenden Stellen des Gedichtes eine förmliche Prozeßklage zusammen, doch hat Panzer S. 528— 42 die richtige Erklärung = complainte dargetan. Gewiß hat Klage in verschiedenen Fällen den Sinn von ,anklagen', das Herz klagt den Leib an, aber wirklich verständlich wird das Wort Klage nur, wenn man in Betracht zieht, daß im Mhd. sich die Begriffe Wehklage u. Anklage durchschlingen u. im Sprachbewußtsein miteinander verknüpft waren. Eine Sündenklage, überhaupt die Beichte, ist eine Wehklage über die Verfehlungen u. zugleich eine Selbstanklage, sowohl lamen- tatio als accusatio, vgl. LG. II, 1,175 A.2. So tragen lat. Pönitenzgedichte die Oberschrift Lamentum poenitentiale, andrerseits aber auch De accusatione hominis erga Deum, u. die Bezeichnungen Wehklage (lamentum, lamen- tatio, planctus, fletus u. a.) wechseln ab mit Anklage (accusatio u. a.). zB. das lat. Lamentum poenitentiale bei W. Meyer, Ges. Ab- handl. 2, 190 ff. beginnt mit Audi, Christe, tristem fletum, V.34 mit Accuso me; oder in Pseudo-Bernh.s Tract. de interiori domo Cap. XVII : pergit (homo) accusare et deplorare miserias suas. — Ülr.s v. Liechtensteins/Ctagtf- liet (eine tanzwise) S. 411, 26 ff. ist allerdings eine Anklage der Geliebten vor dem Forum der ,minnecli(hen wip'. — Üb. Klage = Anklage s. bes. Burdach, Ackermann pass. 4 Ulrich v. Liechtenstein nennt seine drei längeren Liebesbriefe büedielin, büediel 44, 17ff. 142, 13ff. 382,13ff. Ein „Büchlein" war aus mehrerenPerg.blätternzusammengeheftet, dadurch unterscheidet es sich vom ,brief im Sinne von ,Liebesbrief, der kürzer war und gewöhnlich nur aus einem Perg.streifen bestand. 5 Für das tiefere Verständnis des Büchleins 156 Die erzählende Dichtung sind friunde (Freunde oder Verwandte), die in einem Hause leben (friunt 59. 121. 978; gehäset 57. 64 f., vgl. 448. 475. 702; aber nicht Blutsverwandte, mäge, 317). Sie sind beide durch Interessegemeinschaft aneinander gekettet, sind Schicksalsgenossen 71.408—10.602.654. 668 f. 725. 912. 961—68. 1030—60. 1412. Aber sie sind im Rang abgestuft, das Herz regiert und gebietet, der Leib lebt in der Gewalt des Herzens und gesteht ihm die Vorherrschaft zu 44-50. 80. 199. 310. 896. Das Herz hat sin Verstand, auch sdioene sinne 34. 81. 558. 894. 949. 1490. Darum ist es der rät, Ratgeber des Leibes 77. 147. 180. 319. 535. 561— 602. 647. 902 f. 1003. bes. 1009—11. 1136 ff. 1157. 1253. 1266. 1606 u.ö. Der Leib, Körper, besteht aus der Gesamtheit der Glieder. Genannt sind Brüste 64, Mund 372, Hände 70 (das Herz hat keine Hände 529) und vor allem die Augen. Sie sind es, die dem Herzen die Erkenntnis der Dinge und alles dessen, was in der Außenwelt geschieht, vermitteln. Die Erkenntnis geht also durch die Sinneswahrnehmungen 536—57. 586. Das psychologische System bekommt aber seinen Abschluß erst dadurch, daß auch der übersinnliche Teil des Menschen, die Seele, eingereiht wird und klar wird der Gegensatz zwischen der Seele gegenüber von Leib und Herz auseinandergesetzt 1034—60, auch 1191, wo die Psychologie mit dem Ausblick auf das Jenseits in die Metaphysik übergeht (llp und sele formelhaft = .mich ganz' als Pointe des Schlußgedichts 1911—14 u. schon 637). Die Übertragung des metaphysischen Dualismus zwischen Leib und Seele auf die Trennung innerhalb des körperlichen Menschen zwischen Leib und Herz, diese ritterlich-höfische allegorische Dramatisierung konnte unmöglich restlos zu einer klaren Wirklichkeitsvorstellung werden, es bleibt im Grunde eine scholastisch spitzfindige Distinktion, denn die Leidenschaften (das Herz) führen kein vom Leibe getrenntes Dasein. Und so ist schließlich, wenn man sich die Spekulation in ein Wirklichkeitsbild übertrug, der Leib nichts anderes als eben der Mensch selbst (vgl. die mhd. Umschreibung der ganzen Person durch lip, min lip = ich). Darum konnten auch Unklarheiten und Widersprüche nicht ausbleiben, so hat auch der Leib .Gedanken' 132—43. 151 ff. 446. 542. 1443, hat witze (Verstand) 1413, sin 348. 894. 1388. 1480. 1484 u. ö., allerdings nur geringen 1232. Formelhafte Redensarten, die auf die vorausgesetzten Verhältnisse nicht passen: min lip = ich 108, enblandez dinem Übe 1335, vgl. auch 629, ez gät mir niht von herzen 343. Ethik. 1 Das I. Büchl. ist hinsichtlich der inneren Form eine Allegorie: die zwei psychologischen Faktoren Herz und Leib treten als redende Personen auf; sind also personifiziert, mit menschlichen Charaktereigenschaften begabt und in die Umwelt der höfischen Gesellschaft gesetzt. Das Herz ist starkwillig, tatkräftig, leidenschaftlich, der Leib schwach, lenksam, genußsüchtig, faul, ohne Ehre 671—89. 858—68.1167. Dieser Gegensatz der Temperamente gibt die Richtung für die dramatische Entwicklung, die mit einer starken Spannung — heftigem Streit — beginnt und mit Versöhnung sich löst. In der Nachgiebigkeit des sich unterordnenden Leibes ist die Möglichkeit gegeben, daß der Konflikt einen solch günstig sich lösenden Verlauf nimmt. Hand in Hand mit diesem vom Fortissimo zum Piano abschwellenden Rhythmus geht eine Veredlung und Erhöhung des lehrhaften Gehalts. Zwei ist die Seelenlehre der Scholastik des 12. Jhs. zugrunde zu legen (Lit. s. oben S. 3), bes. die betr. Abschnitte bei Willner, Adelard; Ostler, H. v. St. Victor; Espenberger, Petr. Lomb.; Baumgartner, Alanus usw. 1 Ehrismann, ZfdA. 56, 172 ff. § 25. Das I. und das II. Büchlein 157 Tugendsysteme stellt das Herz als Lehrmeister auf. Das erste ist eine Minnelehre 603—40: swer ahte hat üf minne . . . und swer Ir lere ouch wll phle- gen. Ein höfischer Mann von Welt wird gezeichnet. Die notwendigen Grundbedingungen für den Minnediener sind schcene sinne (wohl geordnete Vernunft), nur das Gute tun, die Gesinnung eines rechtschaffenen Mannes haben. Das notwendige Erfordernis zur Erfüllung der Minnepflichten ist arbeit, Anstrengung, tätiger Wille 613. 737—54. 776—800 [kumber = Last, Mühe, Anstrengung] 898 f.; der gleichen hohen Einschätzung der Willensenergie entspringen die Scheltreden des Herzens gegen die Faulheit des Leibes. Dann werden die Tugenden aufgezählt, die der im Dienst der Minne Stehende zu befolgen hat: sich seiner guten Taten nicht rühmen, trluwe, mllte, manhelt, seinen Leib schön halten, männlich sicheres, durch Anstand beherrschtes Auftreten. Über die Absicht, ritterliche Standesvorschriften im Rahmen einer Minnelehre zu geben, geht das zweite Tugendsystem, der kärlingische Kräuterzauber 1 1269—1326 hinaus. Es ist nicht bloß eine Minnelehre, sondern eine ritterliche Tugendlehre zur Erlangung der irdischen Glückseligkeit, saelde 1325, hell 1273. 1290. 1300, oder um liebes dehelnen teil (irgend etwas Erfreuendes), auch die Gunst der Geliebten 1336 f. zu gewinnen. Die Minne kann man durch eigene Arbeit erdienen, aber das hohe auf Sittlichkeit gegründete irdische Glück und die Tugenden, die dazu führen, verleiht nur die Gnade Gottes. Man bedarf dazu schoener sinne. Die Tugendreihe dieser irdischen Heilslehre unterscheidet sich allerdings nur wenig von jener der Minnelehre und überhaupt von den sonstigen mhd. ritterlichen Tugendsystemen, haben sie doch alle die gleiche gemeinsame Grundlage in dem Honestum der Moralis philosophia (s. oben Ein!.). Hier werden acht Tugenden aufgezählt, drei als die vernehmlichsten: mllte, ziiht, dlemuot, dazu trluwe und steete, ktaschelt und schäme, gewlslichiu (zuverlässige) manhelt. Und was ist nun jener höchste Lebenswert, den man durch diese Tugenden erreichen kann? daz Ist zer werlte ein scelekelt und ist gote nlht ze lelt, ez Ist bedenthalp ein gwln, got und diu werlt mlnnet In 1343—46, Glückseligkeit in der Welt und doch zugleich Gott angenehm sein. 2 Es ist das höchste Ziel des im unmittelbaren Leben wirkenden Ritters, nicht nur die Pflichten gegen Gott wie der Mönch, sondern auch die sozialen seines irdischen Berufes und seiner gesellschaftlichen Stellung zu erfüllen. So ist also die irdische Minne in der religiösen Sittlichkeit begründet, und dadurch wird sie eine ethische Macht, überhoben über eine bloß höfische Gesellschaftsform, über Galanterie und Minnedienst. Dieser Wertaufstieg äußert sich im Lauf des 1 Kärlingen = Frankreich (Schröder, ZfdA. aaO.). Der Ursprung, die Gewürze als Tugenden auszulegen, liegt in den Erklärungen zum H. Lied3,6, vgl. Schönbach S.79ff., 260 ff.; s. auch LG. II, 1, 26; W. Weise, Die Sentenz bei Hartm. v. A., Marb. Diss. 1910 S. 30 ff. — Eine Uebertragung auf die Tugenden der Frau ist der „Weiberzauber' von Walther von G r i v e n, Haupt, Zf dA. 14,245 f.; BECH.Germ. 16, 333—37; Bartsch, Katalog der Hss. d. Univ.-Bibl. in Heidelberg S. 88. 2 Gott u. der Welt gefallen: s. Einl. u. öfter im folgenden. 158 Die erzählende Dichtung Zwiegesprächs durch Zunahme der religiösen Stellen. 1 Der Leib lenkt den Zank ab zur Versöhnung mit dem Hinweis auf die gemeinsame Pflicht, die Leib und Herz gegen die in ihrer Pflege stehende Seele haben in Hinsicht auf ihrer beider Zukunft, ob in den Himmelschören oder bei den Kindern der Hölle 1034—55. In dem Kräuterzauber 1269—1348 ist dann das religiöse Programm entwickelt, und nach dem in kirchlichen Formeln gesprochenen , Treueid 1418—42 wird das richtige Verhältnis zwischen Gott und der irdischen Minne festgestellt: daz ich nach gote liebers niht enhabe (als im Gebot der Minne zu leben), womit also die Gnade der Geliebten hinter die Gottes zurückgestellt wird 1447—49. Formal bietet das I. Büchl. nichts Charakteristisches. Die Ausdrucksweise 2 ist schulmäßig, oft in verschlungener Nebensatzbildung, die erregten wie die gleichgültigen Stellen werden in demselben stilistischen Tempo vorgetragen. Die Gedankenentwicklung dehnt sich bei dem eingeschränkten Inhalt langsam dahin, ist schleppend in häufigen Wiederholungen. Die beliebte Form der raschen Wechselrede bringt etwas dramatische Bewegung 1168— 1268, aber auch dieses sich auf 100 Verse ausspinnende Kunstmittel ist übermäßig in die Länge gezogen. Anschaulich und belebend wirken die in die langen didaktischen Erörterungen eingestreuten Bilder und Vergleiche, z. B. 299. 326. 352—66. 449—64. 465—77. 821—49. 1500—7. Sprichwörtliches: 496—98. 808. 951 u. ö. Wörter, die Hartm. später nicht mehr gebrauchte, s. bei Piquet S. 91. Die Metrik 3 des Büchleins ist aus seiner historischen Stellung in H.s dichterischem Gesamtwerk heraus zu beurteilen. Es steht in unmittelbarem Zusammenhang mit seinen Liedern.* So gilt auch, jedoch mit einigen Freiheiten, in der metrischen Form das Prinzip geregelten, alternierenden Versbaus. Liedmäßig ist die Form des Schlußgedichts: 5 15 Strophen von ungleicher Länge, indem jede Str. gegen die vorhergehende um 2 Verse ab- 1 Religiöse Stellen im I. Büchl.: SchÖN- ' bach S. 79—82. — Der religiöse Einschlag aus der weltlichen Minneklage ist nicht aus der persönlichen Weltanschauung oder Stimmung Hartmanns entstanden, sondern liegt im Stil der Saluz u. Complaintes, wofür die von P. Meyer herausgegebenen Stücke (s. oben) zahlreiche Beispiele enthalten: Nr. I zB. beginnt mit einer Bitte an Gott für die Behütung der Geliebten (S. 139) u. ist überhaupt eine Mischung von Minne u. Frömmigkeit. Auch Nr. II u. III haben religiöse Segenswünsche zum Eingang. Sehr oft finden sich Anrufungen Gottes u.fromme Bemerkungen. 2 Piquet S. 74. * Saran, H. als Lyriker, bes. S.36.49 ff. 53; Ders., Beitr. 24, 44 f.; Ders., Dt. Verslehre S. 266f.; Vogt, ZfdPh. 24, 243f. 4 Auch die meisten Minnelieder klagen üb. versagte Gunst u. haben als Grundgesetz des Minneverhältnisses die stcete; die Stimmung ist also die nämliche wie im Büchl. Auch einzelne unmittelbare Gleichungen begegnen, wie die Trennung von Leib u. Herz MF. 215, 30f. Aber das sind allgemein minnesingerische Motive; spezieller ist der Gegensatz zwischen gcehe u. stcete MF. 212, 34 ff. u. Büchl. 1541 ff. Das Lied 206, 19 ff. erinnert an d. Büchl. insofern, als es, wie H. selbst es nennt, eine klage u. der Geliebten als Bote gesendet wird, also wie ein Liebesgruß oder ein Büchlein, s. Panzer S. 541. 5 Wackern.-Stadl. S. 11 f.; HAUPT,ZfdA4, 395; Paul, Beitr. 1, 453 ff.; Jacob S. 14ff.; Martin, Ausg. S. XIX. Saran, H. als Lyriker S. 61 ff. 82 ff. u. Dt. Verslehre S. 266 hält H. nicht für den Verfasser, dagegen Vogt aaO., Schönbach S. 78—86, Piquet S. 91, Panzer S.534; Ehrismann, ZfdPh. 36, 406 f.: Verse 4 Heb. stumpf + 3 Heb. klingend --= System des Vagantenverses; eine stümperhafte Nachahmung aus d. 14. Jh. in e. Heidelbg. Hs. ist abgedruckt. § 25. Das I. und das II. Büchlein 159 nimmt (von 32 bis zu 4 Versen). Es ist ein Reimkunststück, denn die Strophen bestehen aus abwechselnd stumpf-klingend gekreuzten Reimen mit in sich durchgereimten Bindungen, also ab, ab, ab ... (a = 4 Heb. stumpf, b = 3 Heb. klingend). Bei solchem Reimzwang mußten natürlich oft seltene und auffallende Bindungen erkünstelt werden (sog. „wilde" Reime). Ein besonderes Paradestück ist die sechste Str. mit den grammatischen Reimen auf — uot — üete. — Der Stil unterscheidet sich von dem des vorhergehenden Zwiegesprächs, indem die Sätze meist kürzer sind, was durch die in sich geschlossenen Reimbindungen bedingt ist. Auch ist er lebhafter, bilderreich und, für einen Liebesbrief angemessen, geziert. Der Zusammenhang mußte sich nach den Reimen richten, diese mußte der Dichter zuerst aussinnen und konstruieren und danach erst den Inhalt gestalten. Infolge davon sind die Gedanken oft künstlich aneinander gereiht, willkürlich, ohne organische Entwicklung. — Das Schlußgedicht ist ein lyrisches Geleite an die Dame, in dem ihr der Dichter seine Liebeserklärung übersendet, und zwar unmittelbar, denn er spricht in seinem eigenen Namen und redet die Geliebte an „fromme". Das II. Büchlein Der Dichter nennt sich nicht, war Hartmann der Verfasser? Die vielen Anklänge an H.s Werke — oft fast wörtlich ausgeschriebene Stellen 1 — ließen es von vornherein für glaublich erscheinen; auch steht es ebenfalls in der Ambras. Hs., unter Hartmannschen Werken (Überschrift: Ein klag einer frawen so sy der lieb halb tuet — hervorgerufen durch ein Mißverständnis aus V. 14 Dise wipliche klage). Haupt und ihm folgend eine Reihe von Gelehrten schrieben es darum Hartmann zu, aber Saran (H. als Lyriker) aus literarhistorischen und metrischen Gründen und Kraus aus der exakten Beobachtung des Reimgebrauchs haben es endgültig als das Werk eines Nachahmers erwiesen. 2 Außer Hartmann hat der Dichter auch Gotfrids Tristan benutzt (andere Autoren s. Saran, Beitr. 24, 1. 11. 26). Demnach ist als Abfassungszeit etwa 1220—30 anzusetzen. Hartmanns Büchlein ist eine psychologische Allegorie, das II. Büchlein ein Charakterstück. Hartmann hat ein fremdes Werk ins Deutsche kunstvoll übertragen, der Verfasser des II. Büchleins, wie unselbständig er auch fremdes Gut ausschreibt, hat doch die Gedanken aus sich selbst zusammengestellt. Eine „Klage", V. 14, Complainte, ist auch das II. Büchlein, aber nicht über versagte Gunst wie in H.s Büchlein, sondern, gleichsam umgekehrt, über den Verlust zuteil gewordener Minne. Inhalt. 3 Ein Ritter hat mit einer juncfrouwe (junge Dame adeligen Standes) ein heimliches Liebesverhältnis, das aber durch die ihm von ihren Ange- 1 Saran S. 109ff.; Kraus aaO. S. 143ff. S. 223, Piquet, Panzer, s. auch Sievers, 2 Wie Haupt: Wilmanns, Jacob, Vogt, Leipz.Rektoratsredel90L — II. Büchl. u.Frei- Schönbach (wo S. 343 f. weitere Lit.); da- dank: Wilmanns, W.s Leb. 4 S. 19. gegen wie Saran u. Kraus: Bech, Kauff- 3 Schönbach S. 362 ff.; Saran, Beitr. 24, mann, Vogt, Grdr. II, 1, 194 u. LG. 3. Aufl. 1 — 13; Piquet aaO. 160 Die erzählende Dichtung hörigen bestellten Aufpasser, diu hnote, getrennt wird 79. 99. 102. 152—63. 314. 329. 363. Er mahnt die Geliebte, auch in der Entfernung ihm treu zu bleiben. Auf dem Hintergrund dieses widrigen Minnegeschicks entwickelt sich eine lebhaft gezeichnete Charakteristik des unglücklichen Liebhabers. Sein eigener persönlicher Kummer veranlaßt ihn, über Glück und Leid, über die Einrichtung des Lebens überhaupt und über sein Verhalten gegen die das Leben bestimmenden Werte zu reflektieren. So ist das persönliche Schicksal symbolisch aufgefaßt und das Glücksproblem im Grunde der Ideengehalt des ganzen Gedichtes. Der Dichter führt eine persönliche Auseinandersetzung mit der allgemein geltenden Lebensauffassung, es ist gleichsam eine Disputation zwischen ihm und der von Autoritäten vertretenen Wertung des Menschenwesens. Ein allgemeiner Satz wird aufgestellt, bekräftigt durch Berufung auf die wisen 53. 137. 343. 477. 496. 510. 615. 650. 679, ein wiser man 581. 604. 609, wisheit 602, diu wärheit 424. 644, ich hörte sagen mcsre 137; dann stellt der Dichter diesem Satz seine eigene Ansicht gegenüber (These und Antithese). Er ist ausgesprochener glückverneinender Pessimist. Mit raffinierter Dialektik weiß er jeder von ihm selbst aufgeworfenen Möglichkeit ihre schlechte Seite abzugewinnen, mit Wohlgefallen an Paradoxen, denn er zweifelt an sich selbst und an seiner Kraft, aus seiner traurigen Lage herauszukommen. Und auch dieses zerrissene Gemüt sucht doch zuletzt tröstende Hoffnung. Die Form also, in der diese Minneklage sich ausspricht, ist eine dialektische Argumentation, das Gedicht ist ein Kunstwerk ausgeklügelter Rhetorik, vom Verstand ersonnen, nicht aus unmittelbarem Erlebnis des Herzens kommend. Die Diskussion dreht sich in der Hauptsache um Glück und Leid (liep und leit, daz so gröz herzenleit von herzeliebe geschiht) im menschlichen Leben. Dieses Problem stellt auch Gotfr. v. Straßburg in den Eingang seines Tristan (s. unten) und der Dichter des II. Büchl. steht hier unmittelbar unter dem Einfluß Gotfrids. Ebenso ist diesem entnommen das Mittel, den Schmerz über eine unglückliche Liebe durch eine neu angeknüpfte zu vertreiben, und die Mahnungen des Dichters an die von ihm getrennte Geliebte entspringen der gleichen Stimmung, in der Tristan sich befindet, als er von Isolde scheiden muß. Auch in dem Gebrauch des Vierreims 99—102 und des Sechsreims am Schluß ahmt er Gotfr. nach. In leitenden Gedanken also ist er ein Nachfolger Gotfrids, aus Hartmann hat er mehr nur einzelne Stellen stilistisch entlehnt, dazu allerdings auch einige die Lebensanschauung betreffenden Urteile, so II. Büchl. 122—136 = H.s Lied MF. 214, 12 ff und 146—153 = MF. 214, 27—33; II. Büchl. 105—13 = Iwein 7066—74.1 So ist das Persönliche: die gegebene Tatsache, d. i. der in dem Ritter durch die Trennung von der Geliebten verursachte Schmerz und die Gefahr, sie zu verlieren, durchzogen von einer zweiten Gedankenreihe, von allgemeinen Betrachtungen über das menschliche Schicksal. Auch in diesem 1 Haupt, MF. zu dem betr. Liede; E. Naumann, ZfdA. 22, 64ff.; Saran S. 109. § 26. Erec 161 II. Büchl. entwickelt sich aus dem lyrischen Moment der rein persönlichen Empfindung eine lehrhafte Abwägung der allgemeinen Lebensbegriffe, und der ethische Höhepunkt ist auch hier der Kernsatz der ritterlichen Pflichtenlehre : seine Lebensführung so einzurichten, daß man mit Gott und mit der Welt sich im Einklang befindet. — Gegen den Schluß treten die allgemeinen Lebensbeobachtungen zurück und der Dichter wendet sich der augenblicklichen Sachlage zu, seinem persönlichen Verhältnis zu der Geliebten, seinen Hoffnungen und Befürchtungen über ihr Festhalten des Treubundes. Der Stil ist zwar erregt, aber doch klar und sachlich, zwar bilderreich, erhebt sich aber selten zu poetischem Schwung, wie etwa in dem Beispiel aus der Natur 436—46. Der Gedankenbau ist, entsprechend dem disputierenden Inhalt, durchaus antithetisch. Also auch die sprachliche Architektonik hat das II. Büchl. mit Gotfrids Tristan gemein. Der Versbau ist ziemlich regelmäßig, §26. Erec Ausg.: M. Haupt, Leipz. 1839 (dazu „Berichtigungen und Nachträge' ZfdA. 3, 266—73), 2. Aufl. 1871; Bech, Dt. Klassiker d. MA.s 1. Teil, 3. Aufl. 1894. Übersetzung: S. O. Fistes, Halle 1851, 2. Aufl. 1855. Reimregist.: Jandebeur aaO. — Zu einzelnen Stellen: Piper S. 37, dazu seitdem: Bech, Germ. 22, 34 ff.; Warnatsch, ZfdPh. 30, 247; Böhme, Beitr. 15, 563ff.; Ehrismann, ebda 24, 384ff.; Wallner, ZfdA. 40, 60 ff.; Zwierzina, ebda 45, 317ff. u. Reg. S.341; Rosenhagen, Zobel von Connelant, ZfdA. 55, 301 f. (vgl. Piquet S. 150 Anm. 3); H Naumann, ZfdPh.47, 360—72; Ochs, Neuphil. Mitt. 25 (1924), 130. — Alb. Ilg, Beitr. z. Gesch. d. Kunst u. Kunsttechnik aus mhd. Dichtungen, Wien 1896. Hss. 1. Der Er. ist nur in einer Hs. vollst, überliefert, in der großen Ambraser Hs. des Hans Ried (s. oben). Das Gedicht folgt fortlaufend ohne Absatz auf das Gedicht vom Mantel, der Anfang, etwa den Umfang eines Blattes enthaltend, fehlt, auch nach V. 4629 ist eine größere Lücke, wahrscheinlich ebenfalls durch den Ausfall eines Blattes der früheren Überlieferung verschuldet. Die Hs. hatte eine gute Vorlage, aber ihr Text ist entstellt und hat späte, verwilderte Sprachformen. — 2. Dazu kommen: Bruchstücke einer Wolfenbütteler Hs. d. 13.Jh.s, md., 2 Perg.doppelbl. = V. 4549—4832, 1898 gefunden, hgb. von Heinemann, ZfdA. 42, 259 ff. Der Text ist sehr frei, an zwei Stellen sind Dreireime. Vgl. Zwierzina, ZfdA. 45, 317ff.; H. Naumann, ZfdPh. 47, 360—72. Der Erec ist ein Jugendwerk H.s. Er nennt sich selbst einen tumben kneht 1603. 7480, Kunst und sprachlicher Ausdruck haben noch nicht die spätere Reife. 1 Sein Name kommt in den beiden Hss. nicht vor, er mochte in dem verlorenen Eingang der Ambr. Hs. enthalten gewesen sein. H. selbst erinnert an den Erec in seinem Iwein 2572. 2792. Er hat aber den Iwein schon gekannt, als er den Erec dichtete. 2 H. nennt seine Quelle: alse uns Crestiens saget (Wolfenb. Brachst, ZfdA. 42 S. 263 V 4629^), es ist der Erec Chrestiens v. Troyes.s Aber es 1 Zur Bestimmung der ungefähren Abfassungszeit kann die Erwähnung von Connelant = Iconium 2000—11 dienen, die den Kreuzzug Barbarossas voraussetzt (Rosenhagen, ZfdA. 55, 301 f.). Dann wäre der Er. jedenfalls nach 1190 zu setzen. 2 Henrici, Ausg. d. Iwein Bd. 2 S. XI f.; Pi- Quet S. 230 ff.; Panzer S. 547 f. 3 Außer der deutschen Bearbeitung H.s gab Deutsche Literaturgeschichte III 11 es noch eine nordischeUebersetzung, die Erex- saga vom Ende des 13. Jh.s, ed. Coderschiöld, Kopenh. 1880; s.Kölbing, Dienord.Erexsaga u. ihre Quelle, Germ. 16 (1871), 381-414; Singer, Wolframs Stil S. 59 ff.; H. G. Leach, Harvard studies in comp, lit.6,1921; Zenker, ZffrSpr. 45, 47. Ueb. das cymr. Mabinogi von Geraint s. ob. Erec in d. mhd. Lit. nach H. genannt: Haupt, Ausg. S. 323 f.; Vogt, 162 Die erzählende Dichtung hat ihm eine andere Fassung vorgelegen, die sich besonders am Schluß nicht unerheblich von den uns erhaltenen franz. Hss. entfernte. 1 Inhalt. A. Vorgeschichte 1—2923 = Chr. 1—2431. Erec gewinnt Enite zur Frau. [Der Anfang fehlt: Artus jagt den weißen Hirsch = Chrest. 1—80 bzw. 137.] 1—173 = Chr. 138—344. Die Königin, Artus' Gemahlin (Ginover), reitet in Begleitung Erecs und eines Hoffräuleins im Wald. Ein Ritter (Ider) mit einer Dame begegnet ihnen, voraus reitet ein Zwerg mit einer Geißel. In brutaler Weise schlägt er die Jungfrau und Er. Er. folgt den Fremden, um seinen Schimpf zu rächen. — 174—623 = Chr. 345—696. Sie kommen abends zur Burg Tulmein, deren Herr, Imain, den Sperber als Schönheitspreis ausgestellt hat. Er. übernachtet bei einem alten, verarmten Ritter und erbittet dessen Tochter Enite als Dame, um für sie gegen Ider den Sperber zu erkämpfen und verlobt sich mit ihr. — 624—1483 = Chr. 697—1478. Kampf um den Sperber. Er. besiegt Ider. Abschied von En. Eltern. — 1484 —2923 = Chr. 1479—2431. Hochzeit an Artus' Hof, großes Turnier. Die Vermählten ziehen zu Er.s Vater Lac, der ihm die Regierung seines Landes übergibt. B. Hauptteil 2924—9875 = Chr. 2432—6410. —2925—3092 = Chr. 2432—2764. Die Katastrophe, das verscherzte Glück. Im ehelichen Leben gibt sich Er. dem Müßiggang hin (er verligt sich) und versäumt die Pflichten eines Ritters und Fürsten. Dadurch verfällt er in Mißachtung. En., unglücklich darüber, verrät durch ein unvorsichtiges Wort, da sie den Gatten schlafend wähnt, ihren Schmerz darüber. Er. hört die Rede, erhebt sich sofort, läßt sich wappnen, zieht mit En. ab und gebietet ihr vorauszureiten und zu schweigen, was auch immer geschehen möge. Erste Abenteuerreihe 3093—6813 = Chr. 2765—4936. En., vorausreitend, bemerkt jeweils die drohende Gefahr und bricht, um Er. zu warnen, das Schweigegebot, wofür sie, nach errungenem Siege, von Er. heftig getadelt und gezwungen wird, wie ein Pferdeknappe die erbeuteten Rosse zu versorgen. I. Kampf mit drei Raubrittern 3094-290 = Chr. 2765— 924. II. Kampf mit fünf Raubrittern 3291-471 = Chr. 2925-3085. III. Der treulose Graf 3472—4267 = Chr. 3086-662. IV. Guivreiz 4268—629 = Chr. 3663—928, der schwerste der Kämpfe gegen den kleinen, aber riesenstarken Guivr. li pitiz. Sie schließen Freundschaft und bleiben die Nacht auf seinem Schloß. V. Zweikampf mit Keiln 4630—5287 = Chr. 3931—4278. Er. und En. in Artus' Lager, wo Erecs Wunden durch die Königin mit der Salbe der gotinne (Fee) Fämurgän geheilt werden. VI. Er. befreit einen von zwei Riesen grausam mißhandelten Ritter, Cadoc, wird aber schwer verwundet. En. hält ihn für tot und" will sich selbst umbringen 5288—6114 = Chr. 4279—577. VII. Die letzte Treuprobe 6115— 813 = Chr. 4578—936. Graf Oringles v. Limors hält En. vom Selbstmord ab. Er. läßt den scheintoten Er. auf seine Burg bringen. Von En.s Schönheit berückt, trägt er ihr die Ehe an, will sie zur Hochzeit zwingen und mißhandelt die Widerstrebende. Durch ihre Klagen erwacht Er. aus seiner Ohnmacht, erschlägt den Grafen und verjagt die Hochzeitsgesellschaft. Nun ist Er. von der Treue und Hingabe En.s überzeugt, sie hat ihre Probe bestanden und alles Leid ist in Freude verwandelt. Hier ist der Eheroman beendet, aber es folgt eine Zweite Abenteuerreihe 6814—9875 = Chr. 4937-6410. VIII. 6814—807 = Chr. 4937—5366. Zweiter Kampf mit Guivreiz, dem sie auf dem Weiterritt begegnen, ohne ihn zu erkennen. An En.s Stimme erkennt G. die Freunde. Auf seinem Schloß wird Er. geheilt. Beim Abschied schenken die zwei Schwestern G.s der En. ein wunderbares Pferd mit kostbarem Sattel und Reitzeug. IX. 7808—9875 = Chr. 5367—6410. Brandigan und das Abenteuer von der Hofesfreude (joie de la court). Von G. begleitet verirren sie sich auf die ZfdPh.25, 6ff.; Zeidler, Quellen von Rudolfs v.Ems Willeh. S.141; Singer, Anz.21, 242; Euling, Jakobsbrüder S. 9. 126 f.; Erec bei Wolfram s. ob. 1 Das Vorhandensein einer von unseren Chrest.-Texten abweichenden Fassung wird durch Uebereinstimmungen erwiesen, die zwischen H.s Erec mit d. cymr. Mabin. u. auch mit d. nord. Saga bestehen. §26. Erec 163 Felsenburg Br. Die Bewohner des Burgfleckens warnen. Freundliche Aufnahme vom Burgherrn, dem König Ivreins. 80 trauernde Frauen sehen sie im Palast, deren Männer erschlagen worden sind. Trotz aller Abraten reitet Er. zur Bestehung des Abenteuers. Unterhalb der Burg liegt der Wundergarten Joie de la court. In einem weiten Ring sind die Köpfe der Erschlagenen aufgesteckt. In einem Zelt findet er eine schöne Dame, die ihn vor der Gefahr warnt. Da sprengt der Herr des Gartens heran, Mabonagrin. Nach schwerem Ringen besiegt ihn Er. und schenkt ihm das Leben. M. erzählt seine Geschichte: die schöne Frau, seine Geliebte, hat ihm, um ihn immer bei sich zu behalten, das Gelübde auferlegt, in dem Garten zu bleiben, bis er einmal besiegt würde. Zu seiner großen Freude ist er jetzt von diesem Zwange befreit. Die Dame und En. erkennen sich als Verwandte. Alles löst sich in Freundschaft auf, die 80 Frauen ziehen in ihre Heimat. C. Schluß 9876—10136 = Chr. 6411—6958. Er., En. und Guivr. reiten zu Artus. Auf die Kunde vom Tod seines Vaters übernimmt Er. die Regierung und herrscht mit En. lange glücklich und in Ehren. Hartrnanns Verhältnis zu seiner Quelle. 1 Bei einer Vergleichung zwischen H. und dem uns überlieferten Texte des franz. Erec werden nur solche Stellen sichere Gewähr für H.s Verhalten geben, wo er mit Chr. genau übereinstimmt, bei Abweichungen liegt die Möglichkeit nahe, daß H. eine von Chr. abweichende Version (s. oben) benutzte. So wird die Frage nach der Selbständigkeit H.s nicht für alle Teile mit voller Sicherheit zu lösen sein. Aber der Gesamteindruck läßt doch die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen H.s und Chr.s künstlerischer Auffassung und Begabung erkennen. H. befolgt in seinem Er. die freie Übertragungsmethode wie Veldeke und bindet sich noch weniger als dieser an das franz. Original. Vom Wortlaut seiner Quelle hat er sich fast ganz losgemacht. 2 Schon das äußere Ausmaß deutet auf eine erhebliche Verarbeitung des Originals, denn H.s Er. zählt (Ambr. Hs. + Wolf. Brachst), abgesehen von den 2 fehlenden Blättern der Ambr. Hs., 10192 V., Chr.s Gedicht (in der uns überlieferten Gestalt) nur 6958 V. Die Erweiterungen beruhen oft auf technischen Gründen, es war eben häufig leichter, einen fremden Ausdruck zu umschreiben und zu dehnen als ihn genau wiederzugeben, oder auch die Reimgelegenheit oder die Versausmessungveranlaßten Verbreiterung. Zumeist sind es Umschreibungen des franz. Textes, seltener werden neue Gesichtspunkte eröffnet. Aber H. hat sich in Chr.s Roman hineingelebt, er hat den Stoff durchdacht und ihn mit selbständigem Urteil und eigenem Empfinden wiedergegeben. Darum sind seine Umformungen nicht bloß äußerliche Sprachänderungen, sondern sie beruhen auf einer Wesensverschiedenheit. Wie bei Veldeke und dessen Original, so offenbart sich auch bei H. gegenüber Chr. die unterschiedliche Spannung des leidenschaftlicheren französischen und des ruhigeren deutschen Temperaments. Damit zusammen hängt eine verschiedene Wertung 1 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 243; Wackern.- Stadler S. 15f.; Bartsch, Germ.7,141—85; Fr. Lippold, Ueb. die Quelle d. Greg. H.s v.Aue, Leipz. Diss. 1869 S.7f.; H. Dreyer, Progr. Königsbg. 1893; P. Hagen, ZfdPh.27 (1895), 463—74; Osk. Reck, Greifs w. Diss. 1898; P. J. Reimer, Progr. d. Gymn. Seiten- n* stetten 1909; ZwiERZiNA,ZfdA.45,330ff. 338 f 360 f.; Schönbach S.420 ff.; Piquet S.182ff. Panzer S. 545—47; Zenker, Zff rzSpr. 45,47 ff. Schneider, Anz. 42, 126; Singer, Literis 3 125 ff. 2 H. hat abschnittsweise übersetzt: Schön bach aaO.; Rosenhagen, ZfdU. aaO. 164 Die erzählende Dichtung der gesellschaftlichen Formen, je nachdem eine durch die mäze gebotene Zurückhaltung oder ein freieres Sichgehenlassen den Umgangston bestimmt. Temperament und Lebensart äußern sich im Stil. Chrestien ist Realist. Er schaut die Dinge in der Fülle ihrer Gestaltung und in ihrer sinnfälligen Erscheinungsform, und so gibt er sie auch wieder: er erzählt gegenständlich, lebendig, dramatisch bewegt, anschaulich und abgerundet, den einzelnen Fall in seinen charakteristischen Zügen herausarbeitend. Er ist Natur. Seine Menschen äußern ohne Rückhalt ihre inneren Bewegungen, sie sind nicht durch übertrieben höfische Etikette gebunden, sie tun ihren Leidenschaften und ihrer Zunge keinen Zwang an. Hartmann gibt dem überlieferten Stoff einen andern ethischen Gehalt. Ihm schwebt ein ritterliches Lebensideal vor, das durch die mäze bestimmt ist, er will Musterbeispiele für diese Lebensart geben, will höfisch erziehen, bilden. Daher vermeidet er Affektausbrüche, leidenschaftliche Reden, Scheltworte. Darum ist bei ihm auch die innere Form, die Anschauung der Dinge, auf ein ebenes Gleichmaß gestimmt. Die Darstellung ist typisierend, geht mehr auf das Gemeingültige als auf Einzelausführung. Er stilisiert das Leben in idealisierender Richtung, er vertritt einen andern gesellschaftlichen Typus als Chr., sie stehen sich in dem Verhältnis von Kultur und Natur gegenüber. — Durch das Übersetzungsprinzip der Erweiterung erhält der Vortrag ein langsameres Tempo. Bezeichnender als die bloß umschreibenden Dehnungen sind die reflektierenden und aufklärenden Ausschweifungen (die sog. psychologische Vertiefung), die einen Vorgang begründen oder dem Leser das Verständnis für die Sachlage bzw. für eine Handlungsweise erleichtern sollen. Solche überflüssige Partien, die auch nicht immer dem Zusammenhang angepaßt sind, vermehren unnötigerweise die epische Breite. So ist H.s Erzählerstil unwirksamer als der Chr.s mit seiner flotten, kraftvollen Lebendigkeit. Eine vergleichende Zergliederung wird in jedem Satze die beiden Individualitäten gegenseitig abheben. Ein Beispiel für eingehende, vergleichende Methode der Texte möge hier folgen. Chr.s lebensvolle Zeichnung von dem Aufzug der fremden Gesellschaft 139—148 ist bei H. 7—13 abgeblaßt. Chr.: der Ritter sitzt bewaffnet auf seinem Roß, den Schild am Hals, die Lanze in der Faust, bei H. ist er nur ein räter mit der allgemeinen Bestimmung: er war wohl gerüstet im Harnisch, wie es einem guten Knecht geziemte. Die Dame ist mit der einen Eigenschaft ,von hohem Stande' (de grant estre) ausgeprägter charakterisiert als durch H.s drei formelhafte Epitheta gemeit sdicene unde wol gekleit. Über den Zwerg sagt H. gar nichts, Chr. gibt ihm die Geißel in die Hand, die so verhängnisvoll mitspielt, H. erwähnt sie erst nachträglich in einem eingeflickten Relativsatz 54 f. Die Anordnung des Aufzugs ist bei H. nicht klar, es kann nur die Vorstellung aufkommen, daß sie alle drei hintereinander folgen, Chr. aber läßt der Sitte gemäß Herrn und Dame als ein Paar nebeneinander reiten, die Dame auf der rechten Seite. H. 17—22 ist ein höfischer Ein- schub H.s, der den Diensteifer Erecs hervorhebt. — H. 25—27 höfischer als Chr. 155—58: das Hoffräulein soll sich nur erkundigen, wer der Ritter und seine Dame sei; Chr.: er solle kommen und seine Dame mit sich bringen. — Chr. 161—86 = H. 31—58 das Hoffräulein und der Zwerg: bei Chr. erregtes Gespräch, der Zwerg gleich brutal, ein dramatischer Auftritt; H.s Jungfrau hält mit zühten und einem Grüß Gott eine höfisch verbindliche Anrede. — Chr. 189—91 die Jungfrau weint, die Tränen laufen ihr über das Gesicht; §26. Erec 165 H. 61 f. unterdrückt Schmerzäußerungen, sie widersprechen dem höfischen Benehmen. — Chr. 194—204 die Königin redet in erregten Worten; H. 63—65 bringt statt der Rede selbst nur eine Erzählung des Eindrucks, den das Benehmen des Ritters auf die Königin und auf Er. macht. — Chr. 201—04 die Königin schickt Er. aus; H. 66—72 Er. als höfischer Mann erbietet sich selbst. — Chr. 207—16 auch dieser Schlag auf Schlag ablaufende Zank zwischen Er. und dem Zwerg ist von H. 73—94 hingedehnt und gemildert. — Chr. 219—24 man sieht die Peitschenhiebe fallen, man sieht Hals und Gesicht Er.s von den Riemen gezeichnet, die Striemen über den ganzen Kopf; H. erspart seinem Helden eine solche Ausmalung der schmachvollen Entwürdigung. — Der eine Vers 120 bei H. gegen Chr. 236 ist ein Musterbeispiel für die mäßigende, verfeinernde, aber auch entfärbende Stilisierung H.s: bei Chr. sagt Er. von dem Zwerg: er hat mir das Gesicht zerfetzt, bei H. nur: er hat mich lasterlldien geschlagen. Überhaupt paßt die peinliche Beschimpfung von Erecs Ritterehre so wenig in die Verherrlichung des aristokratischen Standesbewußtseins und H. sucht sie deshalb mit kurzer, objektiver Begründung abzuschwächen 100—03, während Chr. 237 —43 Erec sich selbst entschuldigt und gesteht, daß er, als Unbewaffneter, den verwegenen Zornmut des bewaffneten Ritters fürchtete. Ein Hartmannscher Ritter fürchtet sich nicht. — Die Episode von der Erjagung des weißen Hirsches und Artus' Kußrecht Chr. 275—341 übergeht H. und bringt sie, verändert, später 1750—62 im Zusammenhang mit Artus' Hoffest. Diese Umstellung ist ein Beispiel für H.s gelegentliche Freiheit in der Gruppierung des Stoffes und für seinen ordnenden Sinn, zugleich auch ein Beweis dafür, daß er den ganzen Roman so weit überblickte, daß er frei über den Inhalt verfügen konnte. Aus dem folgenden Abschnitt von Tulmein Chr. 345—696 = H. 174—623 können noch einige für H.s Auffassungsweise bezeichnende Stellen erwähnt werden. Das festliche Leben im Schloß, ein kleines Kulturbild, Chr. 348—59, läßt H. aus und spricht nur von einem großen Lebtag (schal) 231 f. Dagegen redet er lang und umständlich von Er.s Wohnungssuche 233—49 und läßt ihn bedachtsam überlegen (er gedähte 257. 264), ehe er in das gemiure des alten Edelmanns eintritt, während das Original gar nichts von der Wohnungsnot Erecs erwähnt und ihn sofort zu dem Alten gelangen läßt 373. Ebenso streicht H. das köstliche Genrebild, wie die Leute in Neugier und Verwunderung und unter gegenseitigen Fragen den ankommenden Er. bestaunen (Chr. 749—72, fehlt H. nach 626): in die aristokratische Stilisierung H.s paßte eine solche Szene aus dem Volksleben nicht (vgl. auch H. 1303—13 u. Chr. 1251—57). — Dem feineren höfischen Takt entspricht es, wenn Er. rücksichtsvoll Eniten die Besorgung des Pferdes abnehmen will H. 342—46 (fehlt Chr. nach 458). Und so übergeht H. auch die Einzelbeschreibung der Knechtsdienste Enitens Chr. 459—68 mit einem allgemeinen Satze 354 f., dagegen erweitert er die zwei Zeilen Chr.s 463 f. zu einem schmeichelhaften Lob des „süßen Schiltknechtes* 356—65. Und seinem Empfinden mochte die prahlerische Anpreisung der Schönheit und Klugheit Enitens durch ihren Vater als würdelos widersprochen haben (Chr. 509—46, fehlt H. nach 525 ff.); allerdings fallen dabei auch die rührenden Liebesworte des Vaters Chr. 541—46 weg. H. hat überhaupt eine würdigere Auffassung von dem Alten. Aber bei H. ist nichts zu spüren von dem erhöhten Lebensgefühl, das diese Szene durch die naturgemäße Freude des Vaters, der Mutter, der Tochter erhält (Chr. 681—90). Hier steht H. noch in den Anfängen seiner Kunst. — Die Abschiedsszene endlich hat Chr. 1458—78 mit starker Rhetorik aufgetragen. Sie ist auf theatralischen Effekt berechnet. Es weint die Mutter, es weint die Tochter und der Vater und achtmal wird das Wort plorer wiederholt. Hier gehen uns H.s einfache, aber warm empfundene Worte 1456—68 tiefer zu Herzen. Der Franzose legt besonderes Gewicht auf schöne Kleidung (Chr. 1344—86), worüber H. kurz hinweggeht (1408—13). Den bewundernswerten Kenntnissen Chr.s in der Toilettenkunst (1587—1672) konnte H. (1537—89) nicht nachkommen und er läßt schließlich den Aufputz in eine lahme Allegorie auslaufen. Die Aufzählung der Gerichte, durch die Chr. das einfache Mahl bei dem armen Edelmann lecker macht (488—503), ersetzt H. durch gutmütigen Humor (386—95); auch das pompöse Festessen bei Artus am Schluß des Gedieh- 166 Die erzählende Dichtung tes (Chr. 6920—46) fehlt bei H. Und auch in der Vorführung intimer Liebesszenen ist H. enthaltsamer als Chr. — Schließlich ist hervorzuheben, daß die dramatische Lebendigkeit des franz. Romans von H. auch in der stilistischen Ausprägung abgeschwächt wird dadurch, daß er häufig die Gesprächsform mit berichtender Erzählung vertauscht. Im Erec hat Chr. auch die tapfersten Ritter der Tafelrunde' verewigt (1691—1750). Das Kunststück, die vielen Namen in Reime zu bringen, ist H. (1628—97) nicht so recht gelungen wie Chr. — Mit der Beschreibung des wunderbaren Pferdes 2 , die nahezu 500 V. umfaßt gegen ca. 40 V. Chr.s (H. 7286—766 = Chr. 5316—53, vgl. schon früher H. 1426-53 = Chr. 1387 — 1422), hat H. gewiß seinen Hörern einen Genuß bereiten wollen. Diese übertriebene Hervorhebung einer Nebensache beweist aber doch, daß es dem jugendlichen Verfasser noch an künstlerischer Berechnung fehlte. Dasselbe gilt von der Klage Enitens über Erecs vermeintlichen Tod, die er zu 371 V. anschwellt (5743—6114), während Chr. es mit 65 V. (4606—71) genügen läßt. 3 Die psychologisch bedeutsamste Stelle des Gedichtes ist die Entfremdung der Gatten (Chr.2473 —764, H.3013—92). Sie entscheidet die Handlungen und die ethischen Bewegungen der folgenden Teile. Der Widerstreit, der in den Seelen der beiden durch die plötzliche Schicksalswende Verworrenen vorgeht, ist von Chr. voll und reich ausgestaltet durch Einzelzüge, Gefühlsmomente, erregtes Reden; er läßt die Entstehung und Zuspitzung des Zwistes im Zwiegespräch sich entwickeln. H. verdichtet den dramatischen Familienauftritt zu einem knappen Bericht (Chr. 2473—615, H. 3013—49); er scheint Anstoß genommen zu haben, konnte aber doch die für die Handlung so wichtige Szene nicht ganz übergehen. Die beiden Dichter haben eine verschiedene Auffassung vom Wertverhältnis zwischen Mann und Frau. H. gewährt der Frau eine minnesingerische Hochstellung, Chr. dagegen als Realist erkennt ihr diesen Vorrang nicht zu: Enite hat durch ihre Vorwürfe gerechten Grund zu ihrer Bestrafung gegeben. Sie mißt sich auch selbst die Schuld bei, reuevoll bekennt sie, daß es ihr zu gut gegangen, daß sie im Übermut sinnlos geschwätzt habe (Chr. 2589— 2610. 3108—18), und Erec sieht ihr Benehmen als ein Vergehen an. Das paßte nicht in H.s höfische Auffassung. Er entlastet En., indem er ihr die verletzenden Worte nicht als eine so schwerwiegende Schuld anrechnet. Zwar klagt auch bei ihm En. sich selbst der Veranlassung zu der gefahrvollen Reise an (5940—73), aber die wirkliche Schuld mißt er Er. bei (wie allerdings erst aus Iwein 2787—98. 2854—78 ganz deutlich wird). Demgemäß sind aber von Chr. und H. auch die Rollen bei der Versöhnung ungleich verteilt: Chr.s Erec verzeiht der schuldigen Gattin (4920—31), der H.s bittet sie um Entschuldigung (6795 —804). Die Sympathie neigt sich bei ihm mehr auf die Seite der Frau, deren Treue denn auch immer hervorgehoben wird. Gegen das Ende gehen die beiden Texte stark auseinander. Bei Chr. fehlen die trauernden Witwen, deren Schicksal so viel Stimmungsgehalt in das Abenteuer von Brandigan bringt und Gelegenheit bietet, Erecs ritterlichen Charakter ins schönste Licht zu setzen. 4 Ganz abweichend von dem deutschen Gedicht spielt in der uns erhaltenen franz. Fassung der Schluß am Hofe des Artus, wo Erec und Enite gekrönt werden und wo die großen Festlichkeiten stattfinden. Hartmann besaß nicht die schöpferische und selbst nicht die darstellerische Kraft Chrestiens. Will man ihn aber richtig beurteilen, so darf man ihn nicht 1 Ernst Friedländer, D.Verzeichnis d. Ritter d. Artustafelrunde im Erec d. H. v. A. verglichen mit dem bei Chr. de Tr. u. bei Heinr. v. d. Türlin, Straßbg. Diss. 1902; Heinzel, Wien. SB. 130 Nr. 1 S. 5 f.; Meyer-Lübke, ZffrzSpr. 44,159 ff.; Singer, Wolfr.s Stil S. 56 ff. 74; Ders., Aufsätze S. 146 ff. 2 Schönbach S. 319—25; Carm. Bur. S. 160 ff. 3 Schönbach S. 427-30. 4 Das Motiv von den unglücklichen Frauen, die durch den Helden der Erzählung befreit werden, ist wohl eine Nachbildung der Arbeiterinnen im Schlimmen Abenteuer des Iwein. Es fehlt auch in der nord. Saga. Ob H. es selbst, unabhängig von einer Vorlage, aus d. Iwein entlehnt hat? §26. Erec 167 an Chrestien messen, man muß ihn nach seinen eigenen künstlerischen Grundsätzen bewerten. Indem er diese befolgte, hat er dem gegebenen Stoff seine Eigenart verliehen und ihm sein eigenes Maß und seine ruhige Lebensform eingegossen. Quellen und Aufbau des Stoffes. Um die Entstehung des Romangebäudes zu durchschauen, muß man die einzelnen Schichten auslösen. Die Grundfabel enthält folgende Hauptmotive: die arme Heirat des Königssohns; das Genußleben und die Vernachlässigung der Pflichten; die Vorwürfe der Gattin; die Bestrafung der Gattin, die zugleich eine Treuprobe ist. Diese Geschichte hat Ähnlichkeit mit der Griseldissage. 1 Durch Umrahmung mit schon verbreiteten oder leicht zu erfindenden Einzelmotiven hat Chrestien diesen Erzählungskern zu dem Umfang eines Romans erweitert. Als Eingang wurde die Artussage von der Jagd nach dem weißen Hirsch verwendet. 2 Ein geißelschlagender Zwerg begegnet auch sonst in Volkssagen. 8 Der Wettstreit um den Sperber ist eine Variante eines verbreiteten Märchens.* Mit dem Eintritt Erecs in die Hütte des armen Edelmanns beginnt die der Griseldissage ähnelnde Grunderzählung, deren erstes Motiv, die niedere Heirat, in der Verlobung mit Enite ausgedrückt ist und deren zweites, die Prüfung bzw. Bestrafung der Gattin, sich in der ersten Abenteuerreihe bis zur Versöhnung abspielt. In die Probeleistungen der Frau ist das Märchengebot (Geß) eingefügt: du sollst während eines gewissen Vorgangs nicht reden. Enite hatte zur Unzeit geredet, dafür wird sie jetzt zum Schweigen verurteilt. Die meisten Szenen in der Abenteuerreihe Er.s sind schablonenmäßige Kämpfe, die nach dem technischen Mittel der Steigerung aufeinander folgen, dazwischen zwei Verführungsgeschichten. Mit der Rache des scheintoten Erec, einer Gespenstergeschichte, 5 und der darauf folgenden Aussöhnung der Gatten schließt der eigentliche Grundplan, die arme Heirat und die Gattinprobe. Indes die Absicht, den üblichen Romanumfang zu erreichen zugleich mit dem Interesse, das Kampfabenteuer bei dem Geschmack der ritterlichen Gesellschaft fanden, veranlaßte Erweiterungen, die über den Abschluß der eigentlichen Fabel hinausgehen: der Kampf Erecs mit Guiv- reiz ist das beliebte Motiv vom Freundeskampf (wie Iwein und Gawein, Parzival und Gawein); die Erlösung der Frauen von Brandigan fällt unter 1 Friedr. v.Westenholz, Die Griseldissage, 1888; Käte Laserstein, Der Qriseldisstoff in d.Weltliteratur, Weimar 1926. — In der ältesten Form der Griseldissage, Boccaccios Novelle, verlangt d. vornehme Gatte von seinem Weibe, sie dürfe über nichts, was er beginne, unzufrieden sein. Enite hat durch ihre im Schlaf enthüllte Unzufriedenheit die Bedingung gebrochen. En. erfüllt wie Griseldis mit Geduld u. Demut die kränkenden Gebote des Gatten. Auch Kleiderwechsel, Urteil der Untertanen, Verbesserung der Lage des Schwiegervaters finden sich in der Novelle. 2 Windisch S. 147. 3 Beitr.30,22; auch Chr.s Ivain 4103—12. 4 Sperber als Schönheitspreis: Meyer-LüBKE S. 141 ff., wo weitere Lit.; Saran, Beitr.21, 351; Euling, Jakobsbrüder S.125 f.; Singer, Festschr. Ehrismann S.61 ff. 5 Erec ist der Wiedergänger, der seine geraubte Frau wieder holt (s. Naumann aaO.). Der gespenstische Gatte führt sein Weib ins Totenreich, dem würdeBrandigan entsprechen. Dann läge dem Schluß der Abenteuer Erecs vom Scheintod bis Brandigan die entsprechende Gespenstersage zugrunde. 168 Die erzählende Dichtung das Befreiungsmotiv, die Hofesfreude ist ein Feenmärchen. Auch diese Schlußgeschichten sind keine bloßen Stoffdehnungen, sondern sie führen den Ideengehalt weiter und geben der Charakterisierung der Personen einen Abschluß. Im Hintergrund des ganzen Romanbildes entfaltet sich das Idealleben der Artusgesellschaft. So durchschlingen sich zwei Lebensgestaltungen: die Heldenhandlung mit den heroischen Partien und die Artushandlung mit den höfischen Festen und Turnieren, gleichsam Ruhepunkte des bewegten Lebens; jene das aktive Moment, diese mehr Dekoration. Die vorstehende Zergliederung des Stoffes gewährt einen Einblick in die Arbeitsweise Chrestiens, 1 der doch wohl als der Schöpfer des Erecromans zu gelten hat. Seine Stärke beruht nicht in der Erfindungsgabe — die Stoffteile sind, mehr oder weniger, aus bekannten Erzählungszügen umgebildet und dem allgemeinen Motivenschatz entnommen —, sondern in seinem großen Erzählertalent, in dem Zusammenbau der einzelnen Episoden, in der seelischen Belebung, in der Durchdringung des Ganzen mit einer Idee (san, Sinn). Aber die Rücksicht auf die fabulierende Wirkung überwiegt die Tragkraft der Grundfabel, denn die Abenteuer werden fortgesetzt auch nach dem Abschluß des Eheromans. Die Komposition verläuft nicht nach einem genau durchdachten Plan, die einzelnen Teile sind in ihrem Werte nicht deutlich abgestuft. Der Eheroman ist verflochten in den Abenteuerroman, die Katastrophe der Entzweiung der Gatten, die das höchste dramatische Spannungsmoment des Gedichtes ausmacht, ist nur ein die Abenteuerhandlung neu belebendes Motiv. Die sittlichen Kräfte und die Charaktere. Im Ausgleich der sittlichen Leitgedanken von Ritterehre und Minne bestand die Aufgabe des vollendeten, d. h. des höfischen Ritters. 2 Die Überschreitung des richtigen Maßhaltens innerhalb dieser beiden Leistungen führt zu Reibungen im sittlichen Bewußtsein und diese lösen sich in Schicksalswirren und Lebensnöten aus. Erec überschreitet das richtige Maß, er huldigt zu sehr der Minne und schädigt dadurch seine Ritterehre; der erotische Trieb erstickt den heroischen. Die Pflicht des tätigen Lebens, der Arbeit, ist hier an einem Einzelfalle verbildlicht. Diese Grundidee ergibt sich aus der Lebensführung des Helden und wird auch an einzelnen Stellen in Worten formuliert: der ungetreue Graf, als er durch Enitens List getäuscht wird, bricht in die Selbstvorwürfe aus Silier sine sacke wendet gar ze gemache . . . dem sol ere abe gän unde schände sin bereit; wer gwan ie frumen an arbeit? 4096—4102; oder wer bejagte noch ie mit släfe dehein ere? 2527 f., 2746. 4977f. 7240 1 Ueber Hartmanns Kompositionsweise: K. Jauker, Ueb. d. chronolog. Behandl. d. Stoffes in den epischen Gedichten Wolframs v. E., im Erec u. Ivvein H.sv.A. u. im Tristan Qotfr.s v.,Straßbg., Progr. Graz 1882; Rud. Fischer, Zu d. Kunstformen d. mittelalterl. Epos, Wien u. Leipz. 1899 (zurEpentechnikv.H.s „Iwein" S. 3—80). 2 Aus den ritterlichen Standesanschauungen in allgemeine Kulturverhältnisse übertragen würde diese sittliche Aufgabe des Mannes lauten: Vereinigung von Beruf und Familienleben (Singer, LG. d. Schweiz S. 15). §26. Erec 169 —63. 9417—31. 9888—98. 10119—24. Eine nähere Erläuterung endlich zu dem Thema sich durch wip verligen (wegen Frauenliebe untätig liegen bleiben) und zu dem Gegensatz von gemach (Bequemlichkeit) und ere gibt H. mit dem Hinweis auf Erec im Iwein 2787—98 und 2854—78. 1 Im Grunde liegt die moralische Schuld Erecs in seiner Unfähigkeit, die Triebe zu zügeln. Er kann aus Willensschwäche seine Lust nicht seiner Pflicht unterordnen. Es ist die tragische Zeitspanne seines Lebens, eine einmalige, durch die neuen Umstände verursachte Schwäche. Er hat sein Selbst verloren. Aber er stellt seine Ehre durch seine Heldentaten wieder her, er erholte sich als ein riter solle Iw. 2795 f. Die Willenskraft kommt sofort mit der wiedererweckten Vernunft zurück. Seine Kämpfe bedeuten eine Läuterung vom Genießen zum Handeln. Und in diesen Taten veredelt er seine Persönlichkeit. Als bloßer Sportsmann ist er sinn- und planlos in die Welt hineingezogen, durch seine Niederlage im Zweikampf mit Guivreiz 7010—22 kommt er zur Erkenntnis, daß seine bisherigen abenteuerlichen Straßenkämpfe nur Torenwerk des Ehrenkitzels waren, unmäze, Vermessenheit, ein Übermaß in der Ritterschaft aus falsch verstandener Ehre. Lange hat er den Weg zu wirklichem Heldentum gesucht, er findet ihn, als er einen vollkommenen Degen von weitgerühmter Tapferkeit, Mabonagrin, trifft. Hier ist es ein wunschspil, sein Leben auf einen Wurf einzusetzen, hier ist wirklich Ruhm und Ehre zu gewinnen 8520—75. Die Ruhmsucht ist jetzt auf eine höhere Stufe der Sittlichkeit gehoben, sie ist geläutert durch demütige Frömmigkeit. Sieg und Ruhm sind nicht eitel Eigenverdienst, sondern sie werden verliehen vonderGnade Gottes 8560—62.8589f. 8855—59.10085—96; doch muß auch die eigene Tüchtigkeit mitwirken 7072. Ritterehre besteht nicht ohne Frömmigkeit, 2 davon zeugt das Gedicht schon vorher an mehreren Stellen, bes. 4232—35. 5375—77. 5561—65. 6117. 6123. 6351. 6713 und 26 (Gott fügt scelekeit, glücklichen Zufall); 5985—91 (Gottes Willen kann niemand widerstreben); 7059—78. Aber hier auf dem Höhepunkt von Erecs Ruhmesbahn, wo der Schwerpunkt ganz besonders auf den ethischen Gehalt gelegt ist, wirkt der religiöse Einschlag stark stimmunggebend mit: Dank, daß Gott den Weg zu Ehre'bringendem Kampf gewiesen 8527—37; der Sieg kommt von Gott 8560—89; die wunderbare Fügung Gottes 8292—8306; Messe, Bitte um Gottes Schutz 8632—44; Aberglaube 3 und echtes Gottvertrauen 8119—53. Und endlich schließt der Roman, der mit einem höfischen Abenteuer begonnen, wie eine Legende mit dem Blick auf die ewige Seligkeit und der Aufforderung zum Gebet um das Seelenheil. 1 Die Romanisten Küchler, ZfromPhil. 40, 83—99,MEYER-LüBKES.145ff., Schurr S.100 messen dem Verliegen eine geringe Bedeutung bei. In der Tat stellt Chrestien den Konflikt zwischen Minne und Ehre im Erec nicht als These in den Mittelpunkt, läßt ihn aber im Ivain deutlich hervortreten. Hartm. aber hebt schon im Erec jenen Widerstreit als moralischen Grundgedanken deutlich heraus, stärker noch an den angeführten Iweinstellen. 2 Religion im Erec: Schönbach S.4—23. 173—75, vgl. 206—08. 209—13; Ehrismann, ZfdA.56, 172 ff. 199—201. » Schönbach S.338f. 170 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Da Erec sich selbst wiedergefunden, ist sein Herz geöffnet für die Leiden der Nebenmenschen. Schon auf seinem törichten Abenteuergang hat er sein Mitleid bei der Befreiung Cadocs bewiesen 5429—34. 5675, jetzt erfüllt er die schönste Aufgabe des christlichen Ritters, notleidende Frauen zu schirmen: an den freudelosen Frauen von Brandigan übt er das Liebeswerk der Barmherzigkeit 8334—49. 8358. 9789—9875. 9903—09. 9920—62. Und selbst der nur in der Absicht auf Ritterruhm unternommene Zweikampf mit Ma- bonagrin hat den Erfolg einer sittlichen Handlung: er wird zu einer Befreiungstat, Erec wird zum Erlöser 9582—9609 [erlassen 9586.9605]. 9666—79, er hat den Bann gelöst, in den Mab. durch seine Dame verzaubert war. Jetzt auch ist die Minne zur wahren Liebe geworden. Sein eigenes Leben wird ihm wertvoller in der Sorge um sein Weib 8351—55. Die entnervende Sinnlichkeit der Minne ist längst überwunden, die Liebe ist eine moralisch stärkende Kraft, die ihn zu mannhaftem Handeln anspornt. Die Liebe hilft zum Sieg, Gottes Gnade verleiht ihn 8860—73. 9181. 9187. 9230 f. Minne und Ehre sind jetzt vereint, sie unterstützen beide einander. Vom Jüngling zum Mann, vom abenteuernden Ritter zum guten Herrscher und Friedenskönig 10083—10106, von der tumpheit (7012 f.) zur wisheit (10084) geht dieser moralische Lebensweg. Die echte Weisheit aber für den, der auf der Höhe der Ehren steht (10037—53) ist es, diese nicht eigenem Verdienst zuzuschreiben, sondern Gott die Ehre zu geben (10085 ff.). Enite ist die rührendste von Hartmanns Frauengestalten, ein Bild der Hoheit in der Erniedrigung. Überaus groß ist die Schönheit dieses adeligen Bettelkindes {därftiginne 694), durch ihre abgerissenen Kleider leuchtete ihr Körper wie die weiße Lilie, die unter schwarzen Dornen steht 323—41, vgl. 310 f. 639—56; sie war die schönste Jungfrau, die je an Artus' Hof kam 1586—1610, als sie zur Tür hereintrat, erschraken die Herren von der Tafelrunde ob ihrer Schönheit 1698—1743. 1763—83; ihre Schönheit reizte die Männer zur Minne 3620—22. 6878—82. Die Wechselfälle menschlichen Schicksals sind ihr nicht erspart geblieben, ihr Lebensweg geht von der Hütte auf den Königsthron und dann folgt der jähe Verlust des Eheglücks. Jedoch die Tugenden der Treue (3262. 67. 78. 3415. 49. 3943. 61. 93. 4145. 6377. 8817. 9703), der Demut und sanften Güte (3448. 53. 9702 f.), aber auch die Klugheit (3842. 3907. 40) bringen ihr das verscherzte Glück rein und dauernd zurück. So wird für beide, für den Mann und die Frau, der Zug in die Gefahren der Welt zur Charakterprobe. Mabonagrins 1 Geschichte ist eine Ergänzung zum Thema des Gedichtes, der Verteilung von Minne und Heldentum. Seine Liebe zu der Dame des Gartens ist als höfische Theorie des Minnedienstes ein Gegenstück zu Erecs und Enitens Gattenliebe. Diese beiden sind man (3160. 3353. 3720. 3770. 3942. 5945 u. ö.; Unterschied von ämts und man 6172) und wip (515. 547. 569. 2967. 3721.5943. u.ö.), dagegen Mab. und seine Dame sind frian- 1 Arendt, Der Riese in d. mhd. Epik, Rost. Diss. 1923 S.21. §26. Erec 171 dinne 9487 und ämts 9695. Auch Mab. stellt ein ritterlichez Idealbild dar, er ist volkomen an degenlicher manheit 8541 f., auch die Minnefreundschaft mit seiner Dame ist innige, ungeteilte, auch aneifernde Liebe 9510—31. 9169—87 und er findet sein ganzes Glück in ihr 9537 f. Auch er besitzt ritterliche Frömmigkeit 9454 f. 9536. 82. 86. Aber gerade in der Gegenüberstellung dieses Liebespaares zu dem Ehepaar Erec und Enite will Chrestien, und nach ihm Hartmann, den höheren Wert der Ehe im Vergleich zu dem höfischen Minnedienst zeigen. Erec lebt, nachdem er den Minnezwang überwunden, in der Welt und tut nach seiner Läuterung gute, soziale Arbeit. Mab. verbringt weltabgeschieden seine Jahre in egoistischer Abgeschlossenheit als Minnesklave und seine Heldensiege schaffen nur Verderben und Elend. Ein weibliches Widerspiel bilden Mabonagrins Dame und Enite: die enge Selbstsucht der Herrin des Freudengartens bannt den Geliebten in 'ihre Liebeslaunen, der hohe selbstlose Sinn Enitens erhebt den in sein Ich versunkenen Gatten zu einem Wohltäter. Eine niederere und eine höhere Stufe des ritterlichen Ideallebens sind gegeneinander abgemessen. Der Erecroman hat viel Wirklichkeitsgehalt, Szenen und Charaktere, wie sie das Leben bietet. So entwickeln sich hier Kulturbilder. 1 Die armselige Wirtschaft in Enitens Elternhaus 250 ff.; der diensteifrige Knappe und die Einkehr der beiden Abenteuerfahrer in dem Hause des besten Wirtes 3472 ff.; der das Pferd Erecs zur Tränke führende garzän, seine rotewange singend 6709 ff.; das Nachtlager im Walde 7079—7111. Auch Erecs Ent- ritterung in der Ehe liegt ein realer Zug zugrunde, dem H. später ein Seitenstück in dem verbauerten Ritter im Iwein 2807—78 gegeben hat. Die Hauptpersonen des Romans, Er. und En., sind zu Trägern menschlicher Schicksale erhoben, die sie umgebenden Nebenspieler bleiben in engerem Rahmen als Mitwirker des ganzen Kulturbildes. Es sind Rittertypen: der heruntergekommene Edelmann 270 ff. 396 ff.; der wegelagernde Raubritter 3116 ff. 3291 ff.; der Ritter als buhlerischer Verführer 3668 ff. 6178 ff.; der ehrenhafte und getreue Ritter (Guivreiz) 4280 ff. usw.; der zur Roheit sich hinreißen lassende Ritter (Oringles) 6515 ff., dieser zugleich ein Beispiel, wie trotz allem höfischen Firnis und trotz der mäze die Rohnatur des Affektlebens auch in vornehmen Kreisen der damaligen Zeit durchbrechen konnte. Poetisch gehobene Wirklichkeit ist die Artushandlung. Die Artusgesellschaft bewegt sich in einer anderen moralischen Schicht. Sie erhebt sich nicht zu dem sittlichen Pathos, das Erec durch seine Lebensprüfung erreicht, hier bleibt es bei der rein weltlichen Rittermoral der Ehre und Frauenhuldigung, Frau Saslde ist Herrscherin 9899—903 und Erec erhält der Ehren Krone, weil niemanden von richer äventiure (von herrlichen Rittertaten) so großer Ruhm erwachsen sei. Doch gehört auch zu dieser weltlich-guten Lebensführung die Nächstenliebe. Mitleid mit dem Schicksal der unglück- 1 Bernh. v. Jacobi, Rechts- und Hausalter- I Helmschmuck: Schwietering, Sievers-Fest- tümer in H.s v. Aue Erec, Gott. Diss. 1903; | sehr. 1925 S.571 ff. 172 Die erzählende Dichtung liehen Witwen bewegt Artus und die Königin und sie verstehen, ihnen heilsamen Trost zu spenden 9904—09. 9920—62. Allerdings ist diese reine Menschlichkeit doch wieder mit bestimmt durch die Wahrung der äußeren Form, die Mehrung der Ehre des Hofes 9944—51. Dichterisch ausgeschmückt sind die Landschaftsschilderungen, aber sie entspringen doch aus der wirklichen Kultur der Zeit: das Lustschloß Penefrec mit dem Wildpark 7124—94; » die furchtbare Burg von Brandigan 7818—93 und ihr Kontrastbild, das Paradies der Hofesfreude 8698—753. 9540—49. Alles soll ein gutes Ende haben. Die Niederlage Mabonagrins ist sein Glück, indem er jetzt seine Freiheit wiedergewinnt 9443—609; und die Trauer der Dame des Gartens wird in Freude verwandelt, als sie in Enite ihre Base erkennt, die theatralische Wendung läßt sie ihr Mißgeschick verschmerzen 9680—743. Optimistisch ist schließlich auch die Idealisierung der Aristokratie: die Verführungskünste des Grafen werden entschuldigt durch die Macht der Minne 3684—721, vgl. auch 6430; der grimme Mabonagrin entpuppt sich als wohlgesinnter Biedermann. Die Lebensstimmung ist optimistisch, der Sinn des Lebens liegt in seiner Bejahung. Schon das ritterliche Tugendgesetz, das auch im Erec ausgesprochen ist: Gote und der werlde wol gevallen 7783 f., daz got siner eren wielte und im die sele behielte 9988 f., enthält die Voraussetzung für die Anerkennung des Lebens, und die lebensgünstige Weltanschauung hängt zugleich zusammen mit der idealisierenden Richtung der Artusromane. Die Irrungen, in die Erec sich durch sein Verliegen verstrickt hatte, lösen sich durch seine läuternden Taten, im Kämpfen und Sichdurchringen besteht die Aufgabe des Lebens, der Ausgang ist glücklich, er bringt die Erfüllung. Die Summe dieses irdischen Daseins lautet zum Schluß: er lebte der Ehre gemäß und Gott schenkte ihm und seinem Weibe nach der Welt Krone den Himmelslohn 10124—29. Auch ein ehrenhaftes Ritterleben ist eine Vorstufe zum Himmelreich. § 27. Iwein Ausg. (s. Henricis Ausg. 2 S. XII ff.): Chr. H. Myller, Samml. dt. Ged. Bd. II (1784); K.J. Michaeler, 2 Bde. 1786. 87 (Ambr. Hs.); Iwein, eine Erzähl, von H. v. A. mit Anmerk. von G. E. Benecke u. K. Lachmann, 1. Ausg., Berl. 1827, 2. 1843, 3. 1868, 4. 1877, 5., durchgesehen v. L. Wolff, 1926 (Lachmanns Ausg., die klass. u. Musterausgabe für mhd. Textkritik), dazu Pfeiffer, Germ. 3, 338, Paul, Beitr. 1, 288 ff., Zwierzina, Anz. 22, 180 ff.; Bech, Dt. Klassiker 3. Teil, 1. Aufl. 1868, 4. 1902; Emil Henrici, 2 Teile, Halle 1891. 93, Germ. Hand- bibl. VIII u. VIII, 2, dazu Cbl. 1891, 856 f. 967 f., Seemüller, DLz. 1891, 1272—74, Behaghel, Lbl. 1891, 367 f., RÖDIGER, Arch. 88,81—85, Tomanetz, ZföG. 43, 530, B. J. Vos, Mod. Lang. Notes IX, 185—89, Böhme, Lbl. 1894,250—53, Wackernell u. Detter, Österr.Lbl. 1895,565f., Zwierzina, Anz. 22 aaO.; E.Mandl, Einige Bemerk, zu Henricis Iweined., Progr.Bielitz 1906. — Benecke, Wörterb. zu H.s Iw., Gott. 1833, 2. Aufl. 1874. 75, 3. Ausg. von C. Borchling, Leipz. 1901, dazu Schröder, Cbl. 1902, 31, Behaghel, Lbl. 1902, 100 f., Panzer, ZfdPh. 35, 412 f., Seemüller, Arch. 112, 170—72. — Könnecke, Bilderatlas u. Lit.atlas, Petzet u. Glauning, Schrifttafeln. Übersetzungen ins Nhd. s. Henrici 2 S. XXXVII. — O. Gerland, Die spätroman. Wandmalereien im Artushof im Hessenhof zu Schmalkalden, 1896; P.Weber, Die Iweinbilder 1 Schönbach S. 329 f. § 27. Iwein 173 aus d. 13. Jh. im Hessenh. zu Schmalk., Zfbild.Kunst 1901, vgl. Cbl. 1901, 1347 f., Haseloff, DLz. 28, 1281 f., Wenck, Anz. 28, 287 f., Panzer, Lbl. 1903,150—52, Bolte, Arch. 112,172 f.; Fuckel, Iweinbilder in Schmalk., Mitteil, an d. Mitglieder d. Ver.f. hess. Gesch. 1921/22, 28f.; Schröder, Münch. SB. 1924, Abh. 3 S. 17; P. Knötel, Schlesische Iweinbilder aus d. 14. Jh., Mitteil. d.Ver. f. Schles. Volksk. 20, 72—98. Hss. (Die Perg.hss. sind von Lachmann mit großen, die Pap.hss. mit kleinen Anfangsbuchstaben bezeichnet): A, Heidelberg, 13. Jh., md.; B, Gießen, Anf. 13. Jh.; C, Münch., 13. Jh. (Petzet S. 345); D, Florenz, Anf. 14. Jh.; E, Berlin, 14. Jh.; F, Linz, 13. Jh.; G, Nürnberg, 13. Jh.; H, Prag, 13. Jh.; I, Wien, 14. Jh.; K, Sigmaringen, 14. Jh.; M, in Henricis Besitz, 13/14. Jh.; N, München, 13./14. Jh.; O.Wien, 13. Jh.; P.Köln; a, Dresden, 14. Jh.; b.Heidelb., 15. Jh.; c, Heidelb., v. J. 1477; d, Ambraser Hs. in Wien, perg.; e, Gießen, perg., v. J. 1531; f, Dresden, v. J. 1415; 1, London, 15. Jh.; p, Paris, 14. u. 15. Jh.; r, Rostock, 15. Jh.; u, Lindau, v. J. 1521; z, Raudnitz, v. J. 1464. CFGHKMNOPe sind Bruchstücke. — Ein sicheres Abstammungsverhältnis der Hss. ist nicht herzustellen, vielleicht hat Hartmann selbst verschiedene Redaktionen ausgehen lassen oder es ist eine Mischung unter Hss. eingetreten. A steht dem ursprünglichen Text trotz sehr vieler Fehler und Willkürlichkeiten am nächsten, die vielfach durch Umsetzung von Hartmanns obd. Sprache in den md. Dialekt des Schreibers von A veranlaßt wurden. Lit. zu den Hss.: Piper S. 125 ff.; Henrici 2 S. XII ff., dazu später gefundene bzw. besprochene Bruchstücke: Friedr. Mayer, Cbl. f. Bibliothekswesen 14,527; Schröder, ZfdA. 40, 242—45. 42, 90—92 (Hs. M); Jul. Wiegand, ZfdA. 47, 301-04; W. Niemeyer, Beitr. 28,454 —56 (H. C); H. Römheld, Üb. d. Nib.hs. h u. d. Iweinhs. a, Greifsw. Diss. 1899; MetaLuckin, Die Sprache des Schreibers der Iweinhs. A, Greifsw. Diss. 1921 (Maschinenschrift u. Auszug). — Hss.verhältn. u. Textkrit.: Paul, Beitr.l, 288-401 u. 3,184—92; Zacher, ZfdPh. 7,175—207; Henrici, Anz. 4, 18 ff., ZfdPh. 24, 219 f.; Zwierzina, ZfdA. 40, 225—42 u. Anz. aaO., auch ZfdA. 45, 317 ff. u. Anz. 27 Reg. S. 341; Ose. Böhme, Die Übereinstimmungen zw. d. Wigalois- texte u.-d. Lesarten d. Hss.gruppe Bb. in H.s Iwein, Germ. 35, 257—86, dazu Henrici, ZfdPh. aaO., Zwierzina, ZfdA. 40, 228 ff. u. Anz. aaO. — Einzelne Stellen: Haupt, ZfdA. 2, 187f.; W. L. Holland, Germ. 2,163; Wackernagel, ebda 17,121—25; Adalb. Baier, ebda 21,404 — 11; Bechstein, ebda 25,319—29 u. 26,385—93; Nerger, ebda 27,350—56; Grimme, ebda 33, 58; Böhme, Beitr. 15, 563—66; Ehrismann, ebda 24, 384—88; Sprenger, ZfdU. 8,126; Hildebrand, ebda 10, 737 f.; Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 9 (1907), 27f.; Schneider, Anz. 42,114 ff. Für die Abfassungszeit des Iwein läßt sich ein Anhalt gewinnen aus Wolframs Parzival: im 5. Buch Parz. 253, 10 ff. spielt Wolfram an auf Luneten rät (= Iw. 1802 ff. 1963 ff.). 1 Dieses Buch aber ist um 1203 bis Sommer 1204 abgefaßt, also wird der Iw. spätestens um 1203 anzusetzen sein (s. unter Wolfram). Als Verfasser nennt sich H. selbst im Prolog 20—30. H.s Quelle ist der Ivain, Le Chevalier au lion (Der Löwenritter) des Chrestien von Troyes, das Meisterwerk Chrestiens, das den Höhepunkt der franz. Hofepik bildet. 2 H.s Iwein ist das sprachlich am meisten durchgearbeitete seiner Werke. 1 Lachmann, Wolfr. S. XIX; Haupt, Lieder u. Büchl. ed. Martin S. XVII. — Erwähnung des Iwein in d. späteren Lit. s. oben; Verbreitung des Namens Iwan: Panzer, Festg. f. Sievers, 1896, S.208 ff.; Kegel S.43 ff. 2 Chr.s Iwein wurde außerdem übersetzt ins Mittelengl. (Gedicht) u. in nordische Prosa (um 1300), auf der ein schwedisches u. ein dänisches Gedicht beruhen. — Der mhd.Wo lf- di et rieh (B u. D) hat mehrere Berührungen mit d. Iwein, bes. in dem Löwenabenteuer, der Verf. des Wolfd. hat wahrscheinl. unmittelbar den frz. Ivain od. e. nahe verwandte Quelle benutzt, s. Brown, Mod. Lang. Ass. XX, 679 f. 697; Ders.,Mod. Philol. IX, 123; Schneider, Wolf dietr. Reg. unt. Iwein u. bes. S.263 ff. 295 f.; 174 Die erzählende Dichtung Inhalt. Prolog 1—30 = Chr. 1—3. Arlus als Vorbild der Ritterehre 1—20; Person des Verfassers 21—30. I. Vorgeschichte 31—944 = Chr. 4—722. Das Pfingstfest zu Karidol. Allerlei Belustigungen der Hofgesellschaft. Sechs Ritter plaudern in engerem Kreise, Kalogreant erzählt ein Erlebnis: auf Abenteuer in den Wald Breziljän ausreitend kommt er an eine Burg, von deren Herrn er freundlich aufgenommen wird, am andern Tag trifft er im Wald einen verwilderten Hirten, der ihm den Weg zu dem Abenteuer der Zauberquelle weist: wer aus einem neben hängenden Becken Wasser in den Brunnen gießt, ruft Sturm und Unwetter hervor. So geschieht's, zugleich sprengt der Herr des Landes heran und wirft Kai. im Zweikampf vom Pferd. Beschämt geht dieser zu Fuß wieder des Wegs zurück. Die Erzählung, der auch die Königin, dann Artus selbst zuhören, wird leidig unterbrochen durch die spöttischen Bemerkungen des „zuchtlosen" Keii. II. Erster Hauptteil Iwein und Laudine 945—2970 = Chr. 723—2638. a) Iweins Quellenabenteuer und Heirat mit Laudine 945—2445 = Chr. 723— 2178. Die Erzählung Kalogreants lockt Iweins Ehrgeiz, das Abenteuer gleichfalls zu versuchen. Es wiederholt sich alles, was jener berichtet hatte, jedoch bleibt Iw. Sieger gegen den Herrn des Landes, den König Ascalon, jagt dem Verwundeten nach auf sein Schloß und führt im Torweg den tödlichen Streich auf ihn. Aber durch Herunterschießen des Fallgatters bleibt er in dem engen, dunkeln Eingang eingesperrt. Da tritt die Zofe der Burgherrin ein, Lunete, die ihm wohlgesinnt ist, weil er sie früher einmal an Artus' Hof rücksichtsvoll behandelt hatte, und gibt ihm einen unsichtbar machenden Ring, der ihn dem suchenden Schloßgesinde verbirgt. Er sieht Laudine, die Witwe des Erschlagenen, in ihrem großen Schmerz und wird von Minne zu ihr ergriffen. Lunete gelingt es, ihre Herrin, die den Mörder ihres Gatten tödlich haßt, durch politische Gründe (das Land und die Quelle brauche einen tapferen Verteidiger) umzustimmen und sie nimmt, unter Zuraten ihrer Vasallen, den eben noch Verabscheuten liebend zum Mann. b) Iweins Abschied von Laudine. 2446—970 = Chr. 2179—638. Artus mit seiner Ritterschaft zieht zur Quelle und tut den Guß; der Burgherr Iwein sprengt heran, wirft Keil, der den Kampf gegen ihn unternimmt, vom Roß und gibt sich zuerkennen; festliche Aufnahme der königlichen Gesellschaft. Gawein warnt Iwein vor dem Verliegen mit dem Hinweis auf Erec und der abschreckenden Schilderung der Lebensweise eines in der Ehe philiströs und bäurisch gewordenen Edelmanns und gemahnt ihn an seine Ritterehre. Iw. nimmt Abschied von seinem Weibe, die ihn ziehen läßt unter der Bedingung, daß er nach einem Jahr wiederkehre. III. Zweiter Hauptteil. Iweins Abenteurerleben 2971—7804 = Chr. 2639—6526. a) Erste Hälfte. 1. Die Katastrophe: Lunetens Verwünschung 2971—3200= Chr. 2639 —773. In den Turnierfreuden vergeht das Jahr so schnell, daß Iw. die Frist versäumt. Lun. erscheint als Botin und klagt Iw. vor versammeltem Artushof der untriuwe, des Wortbruchs, an.— 2. Iweins Wahnsinn und Heilung 3201—702 = Chr. 2774—3141. Der so plötzlich auf ihn eintretende Wechsel seines Glückes benimmt ihm den Verstand. Im Wahnsinn läuft er in den Wald. In dem Zustand eines Vertierten findet ihn die vorbeireitende Gräfin v. Na- rison schlafend. Sie läßt ihn durch eine Dienerin mit einer heilkräftigen Salbe bestreichen. Erwacht findet er sich allein. Er ist genesen. Sein früheres Leben, das herrliche Rittertum, kommt ihm wie ein Traum vor. — 3. Iw. befreit die Frau v. Narison von der Belagerung des Grafen Aliers 3703—823 = Chr. 3142—340. — Iw. befreit einen Löwen aus der Gewalt eines Drachen, der fortan sein treuer Reisegefährte und Helfer bleibt. Davon erhält Iw. den Namen „der Ritter mit dem Löwen" (V. 5502) 3824—922 = Chr. 3341—484. b) Zweite Hälfte. 1. Iwein und Lunete. 3923—4356= Chr. 3485—769. Durch Zufall Zenker, Ivainstud. S. 41 ff. — Ulr. Füetrer aus e. anderen Quelle entlehnt sein (vgl. oben hat in seinem Buch der Abenteuer auch H.s Erec), s. Henrici 2 S. Xf.; Zenker, Ivain- Iwein verarbeitet. Einige Abweichungen, die stud. Reg. S. 351, ZfdA.aaO.; Schneider aaO. Fiietr. gegen H. aufweist, können vielleicht S. 124 ff.; Petzet S. 4. § 27. Iwein 175 kommt Iw. an die Quelle. Die Rückerinnerung an die Zeit seines Glückes überkommt ihn so mächtig, daß er vom Rosse sinkt, wobei er sich mit dem Schwert schwer verletzt. Der Löwe, der ihn für tot hält, will sich mit dem Schwert erstechen. Iw. hindert ihn daran. In der Nähe steht eine Kapelle. Eine darin gefangene Jungfrau hört sein Klagen. Es ist Lunete, die. von ihren Feinden am Hofe, dem Truchseß und seinen zwei Brüdern, des Verrates angeklagt ist und am folgenden Tag verbrannt werden soll, wenn nicht ein Kämpfer für sie eintritt. Iw. gibt sich ihr zu erkennen und verspricht, morgen sich zum Zweikampf für sie zu stellen. — 2. Der Riese Harpin 4357—5144 = Chr. 3770—4315 5 . In der Zwischenzeit befreit Iw. die Söhne eines Burgherrn, der Gaweins Schwester zur Frau hat, aus der Gefangenschaft eines Riesen. Eingelegt 4530—726 = Chr. 3918—39 ist die Episode vom Raub der Königin Ginover durch den fremden Ritter [Meljaganz 5680], die der Burgherr dem Iw. erzählt. — 3. Iwein befreit Lunete 5145—574 = Chr. 4316—660 durch Besiegung ihrer Ankläger. Niemand kennt ihn außer Lun., auch nicht seine Frau, die nach dem Kampfe ihn, den Unbekannten, bewundernd ehrt und zu bleiben auffordert. — 4. Die Töchter des Grafen vom Schwarzen Dorn 5575—6079 = Chr. 4661—5106. Zwei Schwestern führen einen Erbstreit, der durch den Zweikampf ihrer Rechtsvertreter nach sechs Wochen an Artus' Hof entschieden werden soll. Die ältere gewinnt Gawein zu ihrem Kämpfer, die jüngere nach langem Suchen den Ritter mit dem Löwen. — 5. Die Burg zum Schlimmen Abenteuer 6080—866 = Chr. 5107—807. In der Zwischenzeit gelangt Iw. zu einer Burg, in die er trotz der Warnungen der unten in dem Flecken wohnenden Leute und trotz des unhöflichen Empfangs durch den Torwächter eintritt. Drinnen in einem Arbeitshaus findet er dreihundert edle Damen, die in niedrigem Dienste mit Handarbeiten beschäftigt sind. Ihr Landesherr mußte sie als Lösegeld zwei Riesen zum Tribut geben. Er wird von dem Burgherrn und dessen Frau und Tochter freundlich aufgenommen, aber am andern Tag wird ihm eröffnet, daß jeder Gast mit den Riesen kämpfen müsse und wenn er siege, die Hand seiner schönen Tochter und sein Land bekäme. Iw. überwindet die Riesen, schlägt die Hand der Tochter aus, befreit aber durch seine Heldentat die dreihundert arbeitenden Frauen. — 6. Zweikampf zwischen Iwein u. Gawein 6867—7804 = Chr. 5808—6526. In dem Rechtskampf für die zwei Schwestern erkennen sich Iw. und Gaw. erst, als die hereinbrechende Nacht dem heißen Kampf, ohne daß eine Entscheidung gefallen, ein Ende macht. Artus fällt das Urteil zugunsten der jüngeren Schwester. Schluß 7805—8166 = Chr. 6527—818 Die Versöhnung. In der Sehnsucht nach seiner Gattin geht Iw. wieder zur Quelle und ruft das Unwetter hervor. Lunete weiß auch hier wieder Rat: die Herrin soll sich zum Schutze ihres Landes an den Ritter mit dem Löwen wenden als den tapfersten Verteidiger, aber sie werde ihn nur dadurch gewinnen, daß sie ihn mit seiner Gattin wieder aussöhne. Die List gelingt und Laudine erkennt nun in dem fremden Helden ihren eigenen Gemahl. Das Ende ist die Versöhnung. Hartmanns Verhältnis zu Chrestien. 1 Im Iwein hat sich H. etwas enger an die Überlieferung angeschlossen als im Erec, seine allgemeinen Übersetzungsgrundsätze sonst aber beibehalten. Schon die Erweiterung des Umfangs — sein Iwein zählt ca. 1350 Verse mehr als der Chr.s — läßt erkennen, daß auch hier der Ablauf der Darstellung verlangsamt ist. H. ist Chr. im Iwein ebenbürtiger geworden, trotz des engeren Anschlusses an ihn ist er künstlerisch selbständiger. 1 Chr. Rauch, Die wälische, franz. u. deutsche Bearbeit.derlw.sage, Gott. Diss.1869; A.Güth, Arch. 46 (1870), 251—92; Franz Settegast, H.s Iw. verglichen mit s. afrz. Quelle, Marbg. Diss. 1873; Gust. Gärtner, Bresl. Diss. 1875; Bernh. Gaster, Greifsw. Diss. 1896, dazu Kölbing, ZfdPh. 30,387—90; Firmery, Notes crit. S. 55—107, dazu Singer, Anz. 28, 337; Sparnaay, Laudine bei Chrest. u. Hartm., Neophilol.4,310—19, vgl.3,122—29; Schönbach S.412—43; Piquet S. 189-216; Foer- Sters Einl. zu seinen Yvain-Ausgaben. 176 Die erzählende Dichtung Die Einleitung ist eine Erweiterung (H. 1—7 = Chr. 1—3; 8—20 = 35 —41) mit ordnenden Umstellungen (H. 8—20 = Chr. 35—41 [H. 21—30 fehlt Chr.]; H. 31—47 = Chr. 4—7; 48—52 hat Grundgedanken aus Chr. 17—28; 53—58 = 29—32). i Gleich in den ersten Versen tritt uns die verschiedenartige Tendenz der beiden Dichter entgegen: H. beginnt mit einem allgemeinen Prolog von 30 Versen, Chr. führt sofort in die Sache selbst hinein. Dort der Morallehrer, hier der Erzähler. In der Schilderung des Hoffestes H. 62—76 = Chr. 8—28 haben die beiden Dichter ihre Rollen vertauscht. H. hat von Chr. gelernt, Masse in Handlung aufzulösen, in knappen Sätzen gibt er in Einzelheiten ein umfassendes Bild von dem bewegten Treiben beim Hoffest; und während Chr. das Vergnügen auf die Unterhaltung mit den Damen, besonders über die Minne, beschränkt {von seneder arbeit H.), läßt H. auch die männlichen Übungen in den Ritterspielen zur Geltung kommen und schließt die Szene mit einer kräftigen Gegenüberstellung des faulen Keil mit dem ritterhaften Gawein. Mit dem einen Attribut zuhtlös 90 ist Keil für das ganze Gedicht gezeichnet. — Die Nachmittagsunterhaltung 77 ff. gibt Beispiele für H.s Milderung und Verfeinerung des Tones: die Mittagsruhe des Königspaares wird nachsichtsvoller beurteilt H. 77—85 = Chr. 42—50, die Scheltworte der Königin, auch die starken Attribute 69 f. sind weggelassen, ebenso der populäre Ausdruck „eher ließe ich mir ein Auge (oder gar ,einen Zahn') ausreißen" 144. 2 Nirgends tritt Chr.s überragende Kunst stärker hervor als in der Szene von Laudines Stimmungswandel H. 1783—2445 = Chr. 1589—2169. Die dramatische Lebendigkeit des Gesprächs hat H. mehrfach und gerade an ausgeprägter Stelle (das „Plaidoyer" im Monolog Laudines H. 2033 ff. = Chr. 1760 ff.) in bloßen Bericht abgeschwächt. Der Wesensunterschied zwischen H.s und Chr.s Gestaltung dieses seelischen Problems liegt indessen nicht so sehr in der Darstellung der Ereignisse oder der inneren Bewegungen, auch nicht in der gemilderten Abtönung der Erregungsmittel, als vielmehr in der ethischen Wertung, die dem menschlichen Charakter gezollt wird. Mit bewundernswertem Einblick in die dunkeln Tiefen des Herzens enthüllt Chr. schonungslos die Tragikomödie der menschlichen Natur. H.s lebenvertrauender Versöhnlichkeit war dieser ethische Pessimismus unverständlich und die bittere Ironie auf den weiblichen Leichtsinn und die weibliche Schwäche hat er wohl kaum in ihrem ganzen Umfang erfaßt. 3 Ch.s Ausgangspunkt, der Leitsatz für seine psychologische Einstellung, ist die Unbeständigkeit des weiblichen Charakters, weshalb bei ihm auch in dem Konflikt die Frau die größere Schuld trägt als der Mann (vgl. Erec). Die Frau hat tausend 1 Die Art der Benutzung Chr.s spricht dagegen, daß H. die Einleit.erst nach Vollendung des Ganzen hinzugefügt hat (Lachmann, Lesarten zu 7147—209). 2 Andere Milderungen: H. 1307—30 u. 1381 —1402 gegen Chr. 1150—66. 1173—76. 1203 —42; H. 3111—200 = Chr. 2718—73 (Lunete duzt Iw. verächtlich!); H. 6094—6124 = Chr. 5115—41; vgl. Roetteken S. 175 ff. 3 Den staatsrechtlichen Kniff mit der Zustimmung der Hofleute hat er allerdings nicht abgeschwächt, H. 2395—402 = Chr. 2109— 12. 2137—47. § 27. Iwein 177 Stimmungen, die, die sie (Laudine) jetzt hat, wird sie hoffentlich noch ändern, sie wird sie gewiß ändern: diese Verurteilung der weiblichen unstcete läßt H. weg. Einen zweiten Ausfall Chr.s gegen die Frauen 1640—44 übersetzt H. zwar 1863—88, aber nur um sofort den Vorwurf der unstcetekeit zu dem Preis ihrer gäete umzukehren, denn nur in der Wandlung vom Bösen zum Guten besteht ihre unstcete. Und den Schlüssel zu seiner ganzen Haltung gegen die Frauen gibt die endgültige Zusammenfassung seines Urteils ich wil in niwwan guotes jehn, allez guot müez in geschehn. 1 Eine höhere Gewalt ist es, die den unbegreiflich plötzlichen Übergang Laudines von Haß in Liebe bewirkt, das ist die Minne, die Versöhnerin H. 2054—57, fehlt Chr. bei 1773. 2 Also die Idealisierung der Frau und die Minnesentimentalität, die mystische Deutung des Minnewunders, sind es, die H.s Gedankenablauf hier bestimmen. Und so wendet er denn auch den Ausgang dieser moralischen Verwirrungen wohlmeinend ins Gute, indem er den beiden über den Leichnam des ersten Gatten hinwegschreitenden Neuvermählten die Anwartschaft auf Gottes Segen in Aussicht stellt 2421—33. 8139—48. Chr. aber schließt die Tragikomödie der weiblichen Schwachheit in unmittelbarem Lapidarstil 2164 ff: Jetzt ist Herr Iwein Landesfürst. Des Toten wird nicht mehr gedacht, Gemahl ist der ihn umgebracht. Der hat das Weib und sein Begehren. Dem Lebenden gibt man größre Ehren Als je zuvor dem Toten. 3 Mehrfach hat H., abgesehen von den vielen bloß erweiternden Umschreibungen — die Kürzungen H.s fallen weniger ins Gewicht — auch sachlich bereichernde Einlagen gemacht. Das Staunen über die neue Mode des Abenteuerns prägt sich schon **bei Chr. aus in der Verwunderung des kulturfernen Burgherrn im Hinterwald (Chr. 256—61 = H. 369—77) und in der Frage des Waldmenschen äventiure? waz ist dazP (Chr. 362—66 = H. 524—42). H. in seinem Bestreben, das neue höfische Ideal des Rittertums im deutschen Publikum einzubürgern, hebt den Gegensatz zwischen dem höheren genialen Rittergeist und dem niederen Alltagsphilistertum besonders hervor in dem seiner eigenen Erfahrung und Umgebung entnommenen Bild vom verbauerten Edelmann 2807—58 (fehlt bei Chr. nach 2502). Durch riterschaft (Waffenübung, Turniere) Ehre erlangen (ere als Stichwort der ganzen ritterlichen Moralrede Gaweins 2774. 77. 97. 2801. 63. 2901. 4), nicht sich verligen wie Erec, das ist die Pflicht eines guoten knehtes (eines echten Rittersmanns), s. auch 7171—88 (fehlt Chr.). Aus ähnlichem Gedankengang heraus zu verstehen ist die Gegenüberstellung des Idealismus der Jugend und der praktischen Lebenssorge des Alters in der Unterhaltung im Lust- 1 V. 7674—84 hat H. ein weibliches Selbstbekenntnis unüberlegter Rede = Chr. 6396 —98 erweitert, das schließlich in e. Entschuldigung ausläuft. 2 Mit den Zusageworten ich wil iuch gerne, weit ir mich? hat H. die übliche Verlöbnisformel nachgeahmt, vgl. Meier Helmbrecht 1512—28 nemt ir si gerne?. .. ich neme Deutsche Literaturgeschichte III 12 gerne ditze wlp; Nib. (Bartsch) 1685, 2; Ulr. v. Türheim, Tristan ed. Massmann S. 502, 10. 3 Anregung, auch zu der stilistischen Fassung, fand Chr. im Thebenroman, vgl. A. Hilka, Die direkte Rede ... in d. Romanen des Krist. v. Troyes, Halle 1913, S. 128. 178 Die erzählende Dichtung garten 6517—41 (fehlt bei Chr. nach 4537), und zu einem eigenen Erlebnis des Helden ist der Fall aus der Ritterherrlichkeit in den verachteten Zustand eines tören und gebären geworden in dem halbwirren Erwachen Iweins 3505—96 (fehlt bei Chr. nach 3023). In diesen Einschaltungen erweist sich H. als selbständig überlegenden Kopf und diese Szenen tragen entschieden zur Belebung und Vervollständigung des Gesamtbaus bei, wenn sie auch nicht ganz organisch dem Zusammenhang angepaßt sind. 1 Aus dem Rahmen heraus fällt ein anderer längerer Einschub H.s, der Raub der Königin 4526— 726, den Chr. nur in einigen Hauptzügen andeutet 3918—39 (und kürzer schon vorher H. 4289—302= Chr. 3706—15 und nachher H. 5678—81 = Chr. 4740— 45). Es ist ein Teil der Geschichte des Lancelot und H. hat diese deshalb so ausführlich erzählt, weil sie für das Publikum der Artusromane interessant war. 2 Die vorhergehenden Beispiele dürften gezeigt haben, daß schon bei Chr. im Iwein das psychologische Problem tiefer geht als im Erec,und H. hat nun mit gereifter Erfahrung seineEigenart in diese seelischen Vorgänge hineingelegt. Noch feiner als im Erec hat er Chr.s herber, oft maßloser Kraft mäßigende Schranken gezogen. Besonders tritt diese Milde seines Wesens in der wohlwollenden Beurteilung der menschlichen Natur hervor; sein ethischer Optimismus neigt von vornherein zur Abschwächung von Schroffheiten, zur Ausgleichung des Gegensätzlichen, zur Versöhnung: am Schluß 8121—31 bittet Laudine Iwein um Verzeihung (gegen Chr. 6790—94). Seine Übertragung ist auf einen zarteren Ton gestimmt, der Held ist weicher und leidet tiefer an seinem verlorenen Glück. Das Lebensgefühl in dem franz. Werke ist starkes Temperament, im deutschen warmes Gemüt. Chr. istnaiver, H. sentimentalischer Dichter. Quellen und Aufbau des Stoffes. Auch der Iweinroman beruht letzten Endes auf einer bretonischen Vers- oder Prosaerzählung (lai oder conte). 3 Das 1 Iweins lebensfreudige Sommerunterhaltung paßt nicht zu seiner sonst so schwermütigen Stimmung. Eine technisch ganz gerechtfertigte Erwägung mochte H., außer dem starken künstlerischen Eigenwert des Motivs, zu der Einlage von Iweins Traum bestimmt haben, indem dieser belangreiche Wendepunkt im Leben des Helden ein näheres Eingehen verlangte, vgl. Rosenhagen, ZfdU. 28, 99ff.; Beneze, Traummotiv S.7 ff. 2 Den Karrenritter oder Lancelot Chr.s hat H., wie aus einigen Abweichungen hervorgeht, nicht benutzt und es ist nicht festzustellen, woher er seinen Stoff hat, vgl. Lachmann, Lesarten zu V. 21; Foerster, Einl. zum Löwenritter S. XVII u. zum Karrenritter S. LH (große Ausg.); Rosenhagen, Festg. f. Sievers 1896 S. 231—36. — H. beginnt die Episode mit dem spannungweckenden Einsatz Welt ir ein vremde mcere hasren 4528, wie im späteren Volkslied Nun wölt jr hören newe mär u. ähnl., Alb. Daur, Das alte dt. Volkslied, Leipz. 1909, S.78. 3 Lit. zu den Quellen der Iweinsage: s. ob. (Brown, Iwain, Ehrismann, Märch. im höf. Epos, Zenker, Ivainstud.); ferner Ahl- STRÖM, Sur l'Origine du Chev. au Lion, Me- langes Wahlund, Mäcon 1896, S. 289—303; Brown, The Knight of the Lion, Publ. of the Mod. Lang. Ass. of America XX Nr. 4 S. 673 —706; Ders., Mod. Phil. III, 267 ff. VI, 331 ff. VII, 145 ff. IX, 109 ff.; Ders., On the indepe- dent Charakter of the Welsh Owain, Roma- nic Rev. III (1912), 143—72; Baist, Die Quellen des Yvain, Zfrom.Phil. 21, 402 ff.; Windisch S. 78.181 ff. 221 ff.; Rosenhagen, Zf dPh. 29, 150 ff. (Meljacanz); Arendt, Der Riese im mhd. Epos S. 22 u. ö\; Sparnaay, Üb. d. Laudinefigur, Neophilol. 3, 122—29; Singer, Literis aaO. — Die irische Sage von Cuchu- linns Krankheit ist nicht die Quelle für das Iweinmärchen, sondern die Übereinstimmungen beruhen auf gemeinsamem Ursprung, indem auch die Erzählung von Cuch. eine Variante des Verlockungsmotivs ist, das hier auf diesen irischen Nationalhelden übertragen wurde. §27. Iwein 179 Grundgefüge ist einheitlicher als das des Erec. Es ist das im irischen und bretonischen Volkstum so eingewurzelte Märchen von der Feenliebe, und zwar in dem dreifachen Verlauf: Der Held wird von der Fee ins Elfenland verlockt (Iwein und Laudine), er geht in die Menschenwelt heim (Iweins Auszug mit Gawein und Abenteuer), er kehrt wieder zur Fee zurück (die Versöhnung). Das Thema ist durch viele ausbauende, ebenfalls der Zeit geläufige Märchenzüge im einzelnen näher umschrieben. Die Feenlandschaft ist vertreten durch die Linde mit dem herrlichen Vogelgesang und durch die Wetterquelle. Durch diese ist Laudine als eine Wassernixe charakterisiert. 1 Eine Gewässersage ist die Sturmerregung, wie z. B. das schröckliche Wetter im Mummelsee in Grimmeishausens Simplicissimus B. V Kap. 12 (vgl. Grimm, Dt. Sagen Nr. 59). Der gastfreie Burgherr und der Wildhirte (eine in irischen Seefahrtsgeschichten einige Male begegnende Figur) sind Gestalten, die zum Zauberland hinfördern. Der zu überwindende Wächter ist hier zum Gatten der Fee geworden (vgl. Mabonagrin im Erec). Der gefährliche Torweg entspricht der Brücke ins Totenreich. Die Dienerin, juncfrouwe, Lunete, ist eine stehende Figur in den Artusromanen, der unsichtbar machende Ring ein bekanntes Märchenmotiv. Die Erlaubnis zur Rückkehr in das frühere Leben, die die Fee dem Helden erteilt, ist immer an eine Bedingung geknüpft (hier der Jahrestermin) und der Bruch des Gebotes durch den Helden wird bestraft. Die Verwünschung durch die Botin Lunete vor versammeltem Artushof hat eine Parallele an der Vernichtung Parzivals durch die Gralsbotin Kundrie. Der Wahnsinn und das Umherirren im Walde ist speziell irischen (Cuchulinn) und bretonischen Sagen eigen. Zum Grundstock gehört dann die Heilung des Helden, aber diese geschieht hier nicht durch Laudine — nur die Fee konnte nach Märchenbrauch den bösen Zauber, den sie verhängt, selbst wieder lösen —, denn sie hätte erst mit der Wiederversöhnung eintreten können. An Stelle der Fee ist eine irdische Frau getreten, die Herrin v. Narison, das ist eine Nachbildung der Heilung Erecs durch die Königin Ginover. Hiermit ist das Märchenschema verlassen und den Schluß desselben bildet eigentlich das vorübergehende Zusammentreffen Iweins mit Laudine bei der Befreiung der Lunete. Das auffallend Unbegründete bei dieser Begegnung, bei der Laudine ihren Gemahl gar nicht erkennt und er ohne sich zu erkennen zu geben wieder weggeht, erklärt sich eben da- Sage; der moralische Gesichtspunkt fällt hier ganz weg (Umschwung von Haß in Liebe zum Verwandtenmörder auch bei Isolde u. Tristan, dabei Brangäne als Vermittlerin, wie Lunete im Iw.; vgl. auch die Heirat der Tochter mit dem Mörder des Vaters dreimal im Lanzelet). — Kalogreant kann schon der ur- 1 Das Modell für die leicht getröstete Witwe entnahm Chr. der Jocaste des Roman de The- bes (vgl. Foerster, Wörterb. Einl. S. 95* ff.). Die Geschichte von d. Matrone zu Ephesus ist zu e. Thema der Weltliteratur geworden (Eduard Grisebach, Die treulose Witwe, Wien 1873 u. ö., Brown, Iwain S. 9 ff.), unmittelbar aber hat sie nicht auf Chr. eingewirkt. Hier im Iw. ist die „Treulosigkeit" in der ursprüngl. Märchenfassung begründet, da der Wächter zum Gatten gemacht worden ist. Der Held erschlägt den Wächter und dringt in das Feenreich ein, so will es die 12* sprüngl. Erzählung angehört haben, er ist Kontrastfigur zu Iwein, er ist nicht der zur Bestehung der Probe Auserwählte und kommt darum auch nicht in das Zauberreich, wie auch Parzival als Vorherbestimmter, nicht aber Gawein zur Gralsburg gelangt. 180 Die erzählende Dichtung durch, daß hier in der ursprünglichen Quelle Chr.s, der bretonischen Erzählung, die Gatten sich vereinigten, womit jene Dichtung abschloß; im Roman aber wurde die Versöhnung um ein gutes hinausgeschoben, denn alles Folgende ist Erweiterung der ursprünglichen kurzen Feenerzählung zum umfangreichen Roman. — Tiere sind in der irischen und bretonischen Sage öfter Begleiter von Menschen, beimtreuen Löwen mag eine Erinnerung an denLöwen des Androklos mitgewirkt haben. 1 Das schlimme Abenteuer hat als Kern die keltische (irische) Sage von dem den Riesen geleisteten Menschentribut (die Flachsarbeiterinnen). 2 Die scheltenden Leute im Burgflecken und der grobe Torwächter sind Warner. Weitere stehende Motive sind die Kämpfe für bedrängte Frauen, der Freundeskampf zwischen Iwein und Gawein. Die Auflösung des Iwein-Romans in seine einzelnen Grundbestandteile führt hinsichtlich von Chr.s Kunst zu den gleichen Ergebnissen wie beim Erec. Sein Eigenstes ist auch hier die Durchgeistigung des Stoffes mit einer Idee: er hat die Feenliebe des ursprünglichen Märchens zum Eheproblem erhoben und den dämonischen Anziehungszauber des überirdischen Wesens zur Sehnsucht nach der Gattin und zur Gattentreue veredelt. Auch der Aufbau 3 gleicht dem des Erec. Nach der Einleitung, die mit der Artushandlung anhebt, folgt die Erwerbung der Frau und das Zerwürfnis. Dieses gibt den Anstoß zu den Abenteuern (das erregende Moment), dazwischen spielt die Artushandlung hinein und der Schluß bringt die Gattenversöhnung. Die fünf Kämpfe Iweins bilden eine aufsteigende Reihe von Leistungen, jeder folgende ist gefährlicher als der vorhergehende. Es sind keine bloß sportsmäßigen Kraftproben, sondern sittliche Taten zur Hilfe für unschuldig Bedrückte. Die Zusammenstellung des Kampfabschnittes ist verwickelter und künstlicher als im Erec, indem zweimal die Zeitfolge durchbrochen und dadurch die Spannung auf den Ausgang hingehalten wird: zwischen die Befreiung der Lunete ist das Harpinabenteuer ^eingeschaltet, in die Episode der erbstreitenden Töchter das Schlimme Abenteuer (Ein- schachtelung). Der Bau des Romans wird durch die gegenseitige Stellung der drei Hauptpersonen bestimmt: Luneten fällt die Verbindung zwischen 1 Der Löwe als hilfreiches Tier s. Bolte- Poüvka 3, 1; dem Mittelalter bes. in d. Sage von Heinrich d. Löwen bekannt; in der Legende: Goswin Frenken, Wunder u. Taten d. Heiligen, 1925, S. 75 f., 211. 2 Siehe Beitr. 30, 19 u. unten Gotfrids Tristan; zu den Arbeiterinnen s. auch Uhlands Schriften 8, 469 f.; BOLTE-POLiVKÄ 1,495. — Die unklare Stellung des Burgherrn zu den Arbeiterinnen, den Riesen u. dem Gast Iwein erklärt sich aus Motivenvermischung: im Schlimmen Ab. sind zwei getrennte Geschichten zusammengeflossen: der Kampf mit den Riesen um die Befreiung der gefangenen Frauen (der Menschentribut); u. das Iweretmotiv: der Vater fordert den, der die Tochter will, zum Kampf heraus, das in Ulrichs Lanzelet eingeflochten ist: swelch ritter sine (Iwerets) tohter wil, der muoz in mit nitspil in dem Schienen walde bestän Ulrichs Lanz. 3885 —87. — Die schimpfenden Bürger entsprechen den Leuten von Brandigan im Erec. 3 Rud. Fischer, Zu d. Kunstformen des mit- telalterl. Epos, s. ob.; Elise Richter, Die kün stier. Stoffgestaltung in Chr.s Ivain, ZfromPhil. 39 (1918), 385ff.; Küchler, Üb. d. sentimentalen Gehalt der Haupthandl. in Crestiens „Erec" u. „Ivain", ebda 40 (1920), 83 ff.; O. Schulz, Die Darstellung psycholog. Vorgänge in d. Romanen des Krist. v. Troyes, Halle 1903. §27. Iwein 181 Iwein und Laudine zu, sie knüpft die Ereignisse und löst die Verwicklungen, sie ist die Leiterin des Spiels. Aber sie wird bei ihrer Mitwirkung an dem Geschick jener beiden Personen aus ihrer aktiven Rolle in tragisches Leiden gestürzt und so geht durch das Stück hindurch eine abgerundete Luneten- handlung, eine Lebensbahn von der Höhe zum Sturz und zum Wiederaufstieg mit dem endlichen Triumph der guten Sache. In der ursprünglichen kurzen bretonischen Erzählung war Lunete zweifellos nur eine Nebenspielerin, aber bei der Ausdehnung zum Roman bot ihre Person günstige Gelegenheit zur Ausfüllung des weiter gewordenen Rahmens und zu fesselnden Szenen. Aus der einstigen Botin der keltischen Sagendichtung wurde durch Vermischung mit der Figur der antiken Kupplerin die gewandte, die Fäden der Handlung spinnende Kammerzofe. Der Ideengehalt 1 im Iwein bewegt sich um das gleiche Problem wie der Erec, nur in umgekehrter Beleuchtung. Iwein kann seinen ritterlichen Ehrgeiz nicht mit der Rücksicht auf seine Frau und seinen Fürstenpflichten in Einklang bringen; der heroische Drang beherrscht ihn zu sehr. Erec „verliegt sich", Iwein verrittert sich, dort zu wenig, hier zu viel Tätigkeit. Das richtige Maß ist nicht eingehalten. H. hat den Grundgedanken stärker formuliert als Chr., der dem Gedicht überhaupt nicht in dem Maße wie H. einen gedankenhaften Gehalt unterlegen wollte (s. oben Erec). Ist das Eheleben der ethische Kern dieses einzelnen Falles, des Iwein- romans, so stellt H. 1—20 von vornherein sein Gedicht unter den allgemeinen Gesichtspunkt einer höfisch-ritterlichen Morallehre durch die Mahnung zu rechter (d. i. ritterlicher) Tüchtigkeit {rehtiu güete, preu et cortois Chr. 3) 2 nach dem Vorbild des Königs Artus. Als Ziel des sittlichen Handelns hat H. die Formel scelde und ere aufgestellt, die auch sonst häufig vorkommt (Mhd. Wb. II, 2, 34 ff), bes. aber im Iwein als Segenswunsch got gebe in s. u. e. 4854 f. 5530 f. 6412. 6864 und als Schlußvers 8166 {enor et joie Chr. 5338—41 = H. 6409—12, s. u. e. ein Geschenk von Gottes Gnade). — Bemerkenswert ist es, daß H. nirgends im Iwein den Grundsatz der ritterlichen Morallehre, Vereinigung von Weltlehre und Gotteshuld, als höchstes sittliches Ziel ausspricht. 3 Der religiöse Einschlag 4 tritt trotzdem im Iwein noch stärker 1 Zuerst bestimmt von Wackernagel, LG. 1. Aufl. (1848—53) S. 164.191 (2. Aufl. v. Martin S. 209. 245); Heinr. ROckert, Kl. Sehr. 1 (1877), 137—54; Bech, Iwein 1 , Einl. S. XIII; Ludw. Blume, Ueb. d.Iwein des H. v. A., Wien 1879, dazu Lambel, Germ. 24,252—55, Hen- Rici, Jenaer Lit.Zeit. 1879 Nr. 21, Wilken, Gott. g. A. 1879, 605-08. 2 Relitiu güete ist soviel wie Chr.s proesce, ad. preu, d. i. die probitas des Kaplan Andreas. Morum probitas ist eines der Mittel, Minne zu erwerben.TROjEL S.14, u. die Quelle wahren Adels S. 17 f. u. ö. 3 Wirnt hat in seiner Einleitung zum Wiga- lois Hartmann, den er hier nachahmt, in diesem Sinne ergänzt: den got hie scelde hat gegeben und dort ein iwiclichez leben 5, 20 —6, 2. — Der Prolog H.s, der von Artus handelt, ist rein weltlich gerichtet, Artus ist nur ein Vertreter des höfisch-gesellschaftl. Ritterideals. Die Ansicht der Geistlichkeit über Artus vertritt Thomasin, der in seinem W. Gast 3525—50 gerade gegen diese Stelle von H.s Iwein ankämpft (Schönbach, Anfänge d. Minnesanges S. 62 f.) u. Artus als ritterliches Muster samt der Ruhmsucht verdammt. Der Jugend allerdings, die noch nicht ze sinne komen ist, mögen Artus u. die Aventiure zur Bildung gereichen, W. Gast 1045 f. 1079 ff. 4 Schönbach S. 23— 47; Ehrismann, ZfdA. 56, 206—09. — H. weicht in der Verwendung religiösen Materials von Chr. in bezeichnen- 182 Die erzählende Dichtung hervor als im Erec, schon dadurch daß die Kämpfe des Helden im Dienste der Barmherzigkeit und des Rechts vollbracht werden. Charaktere. Als moralisches Problem gefaßt lautet die Gesamthandlung: ein edler Mensch verfällt durch einen einmaligen Fehltritt einem schweren tragischen Geschick. Einmal ist er, der Treue, sich selbst untreu geworden. Iweins Schuld ist untriuwe, Verletzung des gegebenen Versprechens 3172— 96. 3208—10. Er verliert die Liebe seiner Frau, sein Land. Heimatlos in der fremden Welt irrend verfolgt ihn der Gedanke an sein verscherztes Lebensglück. Aber die Treue zu seinem Weib und die Erfüllung seiner ritterlichen Berufspflichten, wobei er jetzt die bedungenen Fristen treulich einhält (4869 f. 4902. 6870-81) sühnen die Schuld {erbarmen 4390. 4740. 4857. 4932-36. 6407—15). Die moralischen Verhältnisse vollziehen sich in einem Artusroman in den Standesformen des Rittertums, darum sind Heldentaten die läuternden Mittel. Treue ist die schicksalbestimmende Macht, sie ist auch eine Iwein innehaftende Tugend und begleitet ihn durch sein freudloses Wanderleben bis zu seiner Wiederaufrichtung (singröziu triuwe sines stceten muotes 3210). Es ist die treue Liebe zu seiner Frau, die sin herze tougen zallen ziten an sack 5190, die treue Dankbarkeit gegen Lunete 4247—60. 4341—45. 7979—87 und die allgemein menschliche Treue in der Hilfsbereitschaft für jeden Leidenden. In der Treue und Mannhaftigkeit (manhaft u. unwandelbare 3251 f.) ist Iweins sittliches Leben umschlossen. Der Löwe, sein unzertrennlicher Gefährte, ist ihm symbolisch als Sinnbild der Treue beigegeben, er ist gleichsam sein leibhaft gewordenes Wappenzeichen. Iwein ist eine ausgesprochen sympathische Persönlichkeit, weil er selbst reich ist an sympathischen Gefühlen der Gattentreue und Barmherzigkeit. Ein innerlich gemütvoller Mensch von schwerflüssigem Temperament, der den Ernst des Lebens schmerzlich empfindet. Er ist kein Kraftmensch, der sich energisch das Leben selbst gestaltet, andere bestimmen sein Schicksal, Laudine, Lunete, Gawein. Doch er ist von Tatenlust beseelt und ein tapferer Held im Kampf und da wo es gilt zu helfen. Das Gegenstück zu der Treue Iweins ist Laudine, die leicht getröstete Witwe. Iwein besitzt die wahre Liebe, er kann sein Weib nicht vergessen, die Sehnsucht treibt ihn immer wieder in ihre Nähe: wand ichniemerwerden kan stcete deheinem wibe wan ir einer übe durch die min herze vreu.de enbirt 6808—11; sin herze wart bevangen mit senlicher triuwe 3088 f.; der jämer nach dem wibe 3213; sein Traumglück 3515—48; seine Ohnmacht und Klage an der Quelle 3923—4010. 4231—46; seine zweite Rückkehr zur Quelle 7781—804; Iweins senen 2962. 3083. 3982—84. 4236 (s. ZfdA. 54, 204). Laudine dagegen hat ihn leicht hingegeben und sie nimmt ihn auch nur wieder auf, weil sie durch den erlisteten Eid dazu gezwungen ist; den Fällen ab. So kürzt er liturgische Handlungen, es fehlt die Gebetsanrufung an die glorreiche Jungfrau, die Himmelskönigin, u. an die Engel Chr. 4063—75 (bei H. 4854). H. vermeidet, das Liturgische als literarischen Apparat zu verwenden. § 27. IWEIN 183 die Verletzung der Rücksicht gegen sle(ahte 8081. 88), die er sich hat zuschulden kommen lassen, schmerzt sie mehr als der Verlust des Gatten (H. hat auch hier, 8121 ff., Laudinen freundlichere Züge verliehen). In ihrer Seelen- losigkeit schimmert noch ihre ursprüngliche Dämonennatur durch. So treten sich die beiden Frauengestalten in H.s Artusromanen, Enite und Laudine, einander gegenüber als selbstlose und selbstische Grundform, als menschliche Güte und unnatürliche Schroffheit, als Treue und Wankelmut. Lunete ist schon von Chr. über das gewöhnliche Maß eines Kuppelweibes erhoben. Ihre Tätigkeit greift in den politischen Wirkungskreis, Staatsklugheit spricht mit. Ihre Moral kennzeichnet H. mit den Versen er (der Knappe) künde ir helfen liegen and äne schalkheit (ohne Hinterlist) triegen 2183f. Der erste Beweggrund zu ihrem Eintreten für Iw. ist ein Gefühl des Dankes für früher bewiesene Freundlichkeit Chr. 1004—15 = H. 1181—97. Sie ist eifrig bemüht, Iw. zur Herrschaft im Lande zu bringen 1786 f., aber sie riet in guter Absicht, durch allez guot 1785, durch guot 1862, in Treue 1978—84. 2018—24. So gehört Lunete zu den Treuen H. 3151.5199-216 = Chr.4357— 84 (diu vilgetriuwe L. 5215, diu reine guote magt 5229); H. 5549—62 = Chr. 4635—50 (so getriuwe und so gewcere was diu guote L) ; Treue um Treue H. 7979—8016 = Chr. 6689—716. Iwein und Lunete verfallen der gleichen Anklage, der der Treulosigkeit und des Verrats, Iw. in den V. 3111—200. 4180—209, Lun. in V 4045—68. 4109—44. 5249—58. 5267—72; darauf beruht ihre tragische Not, aus welcher sie beide sich gegenseitig befreien. Mit dem Preis der Lunete als Versöhnerin schließt das Gedicht, H. 8137—58 = Chr. 6809—13. Auch Gaweins Rat 1 ist ein Ausfluß der Treue, im Sinne von Kameradschaftlichkeit ^ und H. knüpft an ihn eine Bemerkung über Freundestreue 2697—716 (fehlt Chr.); Gäw. der getriuwe man 2768. Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß gerade er durch seinen Rat den Unstern des Freundes verschuldet 3029—36 (fehlt Chr.). Wie Iwein erfüllt auch er seine Ritterpflicht in der Hilfeleistung. Der Iweinroman hat stark ethischen Gehalt. Das Grundproblem von Ehe und Standesehre ist im Verlauf der Ereignisse erweitert zu einer Erscheinungsform mittelalterlicher Humanität. An Artus wenden sich die Rat- und Hilfesuchenden 4510f. 4162—68.4275—89.4510—25.4727—39.5659ff., an seinem Hof sind Kampfgenossen, die den Schutzbedürftigen beistehen 4517—19, allen zuvor Gawein. Es liegt viel Tragik in den Erlebnissen: Iwein, Lunete sind die Opfer ihrer eigenen Schuld; der Ritter, dessen Söhne gemartert werden, die edeln Frauen, die niedere Arbeitsdienste verrichten müssen, die Verlassene, die ihres Erbes 1 Der Begriff der .Treue" im Artusroman ist wesenhaft verschieden von der germanischen Treue im deutschen Volksepos. In diesem ist die Treue der Grundbegriff der Sittlichkeit und zugleich des sozialen Lebens, das bindende Verhältnis zwischen dem Fürsten und seinen Mannen; hier im Iwein ist triuwe =Ehrenwort,Gattentreue (Iwein).Dank- barkeit (Lunete), Kameradschaft (Gawein). 184 Die erzählende Dichtung beraubt wird, sie alle leiden unschuldig. Aber das Leiden der Welt wird gelindert durch Mitleid und Barmherzigkeit. Wie ein glückseliges Märchen geht das Stück aus. Trotz des phantastischen Hintergrundes von Wunderquelle und Zauberwald und trotz der Abenteuerfahrt des Helden mit dem treuen Löwen finden wir uns doch häufig in die wirkliche Welt versetzt. Lebensbilder bieten sich dar: das Pfingstfest und die Unterhaltung der höfischen Gesellschaft, der Wildhirte (eine Gestalt aus den britannischen Wäldern), Laudinens Burg mit dem engen Durchgang, der gefügige Staatsrat, die politische Heirat, der verbauerte Ritter, Iwein und der Einsiedler, die Plauderei im Baumgarten, die Arbeiterinnen, die gottesgerichtlichen Zweikämpfe. Der Erec und der Iwein stehen in einem Gedankenparallelismus hinsichtlich des Eheproblems, bei dem im Erec der Mann, im Iwein die Frau die überlegene und gebietende Stellung einnimmt, womit dort die Frau, hier der Mann der leidende Teil ist; dort die Treue der Frau, hier die Treue des Mannes. Der Iwein (zumal der H.s) ist nicht nur das formal vollendetere, sondern auch das gedanklich tiefere Werk. Iwein ist innerlicher veranlagt und gemütsvoller als der mehr naturhafte Erec. Seine Taten sind in seinem Sittichen Bewußtsein zweckbegründet, die Erecs planlos. § 28. Gregorius Lit. Piper, Höf. Ep. 2, 65ff.; Wackernagel-Stadler S. 18ff. — Ausg.: Oreith, Spici- legium Vaticanum, Frauenfeld 1838, S. 135—303 (Vatic. Hs.), dazu J. Grimm, Göft. g. A. 1838,134—41 = Kl. Schr.5, 273—77; Lachmann, Berl. 1838, Lesarien ZfdA.5,32—69, dazu (Benecke?) Gott. g. A. 1838, 1353; Bech, Ausg. 2. Teil; Paul, Halle 1873 (im Nachtrag [1876] S. 1—9 Einl. u. Lesarten der Thuner Hs.), dazu Bartsch, Germ. 19, 228—35; d. vollständ. Text: Paul, Ad. Textbibl. 2, Halle 1882, dazu Toischer, Lbl. 1882,453, 5. Aufl. 1919. — Übersetz.: S. O. Fistes, Halle 1851, 2. Aufl. 1855; Pannier, Reclam Nr. 1787 (1883). Hss.: A.Vatican, Perg. 13. Jh. (ed. Greith, Kollation dazu von Bartsch, Germ.14,239—43; B, Straßburg, Johanniterbibl., Perg., jetzt verloren (erhalten sind 399 Zeilen in Glossarium Germ. v.Scherz u.Oberlin, Straßbg.1781.84), eine Abschrift d.Hs. aus d. 18. Jh. in d.Straßbg. Stadtbibl.: Martin, ZfdA. 40, 220—23), vgl. Haupt, ZfdA. 3, 534 f.; C, Veesenmeyersches Brachst. Ulm, Perg.bl., abgedr. Greith S. 166—76; D, Salzburg, Brachst. 3 Bl., Pap. 14. Jh., md., abgedr. Pfeiffer, Quellenmat. zu ad. Dichtungen, 1867,1,47—49 (aus: Denkschriften d. Wiener Akad. XVI); E, Wien, Hof- u. Staatsbibl., Pap. 15. Jh., bair.-östr.; G, Erlau, Pap. 2. Hälfte 14. Jh., bair.-östr., lückenhaft, abgedr. Pfeiffer 1, 20—46, s. auch Bartsch, Germ. 6, 372—75; H, Köln, 2 Perg.doppelbl. 14. Jh., rheinfrk., abgedr. K. Schröder, Germ. 17, 28 —39 (mit textkr. Bemerk, v. Bartsch), dazu Kollation v. J. Franck, ZfdA. 44, 117; I.Bern, Spiezer Hs., Pap. 15. Jh., alem., gefunden v. Hidber auf Schloß Spiez am Thuner See u. veröffentl. Beitr. 3, 90—133, daran anschließend Paul, Zur Krit. d. Gregorius S. 133—39; K, Konstanz, Pap. Ende 14. Jh., schwäb.; der in d. Hs. stehende Greg, entdeckt von Zwier- zina 1888, ZfdA. 37, 129 ff., mit Kollat.; Berl. Brachst., 3 Perg.doppelbl. 13. Jh., abgedr. Joachim Kirchner in: Fünfzehn Jahre Kgl. u. Staatsbibl., 1921, S. 148—56. Für die Textkrit. kommt noch in Betracht die Prosaauflösung F, auch Arnolds v. Lübeck lat. Übersetzung (Zwierzina S. 148—55). — Die Hss. scheiden sich in zwei Gruppen: AHI — BCEGK, D ist unbestimmt. Keine der Hss. ist sorgfältig, es finden viele Kreuzungen statt. Nur I u. K haben die vollständige Einleitung V. 1—170, G hat statt dessen nur 40 V., A beginnt mit 171, E mit 177. §28. Gregorius 185 Lit. zur Textkrit.: Zwierzina, Überlieferung u. Krit. von H.s Greg., ZfdA. 37, 129—217. 356—416 (Muster textkrit.Methode); Ders., Anz. 26 Reg. S. 345, ZfdA. 45,360 ff., Anz. 27 Reg. S. 341; Jos. Egger, Beitr. z. Krit. u. Erklär, d. Greg. H.s v. A., Progr. Graz 1872, dazu Schönbach, ZfdPh. 5, 116—18; Ad. Seelisch, Zur Textkrit. von H.s Greg., ZfdPh. 16, 257—306; Herm. Seegers, Neue Beitr. z. Textkrit. von H.s Greg., Kieler Diss. 1890, dazu Zwierzina, Anz. 17, 258 f. u. ZfdPh. 39, 130, Rosenhagen, ZfdPh. 25, 125—28. — Einzelne Stellen: Martin, 2. Aufl. v. Haupt, A. Heinr. u. Büchl. S. XX; Höfer, Germ. 14, 420—27; Bartsch, ebda 427—31; Erdmann, ZfdPh. 28, 47—49; H. Fischer, GRM. 7, 157; Schröder, Anz. 35, 398 -400. Inhalt. Der religiöse Prolog 1—176 behandelt das Thema von Sünde und Buße, der Grundgedanke ist: Reue befreit auch von der größten Sünde, Verzweiflung an Gottes I ^ Gnade ist die verderblichste der Versündigungen. Der Held der Dichtung ist ein Beispiel ' für die Lehre von der seligmachenden Wirkung der Buße. Zu Beginn stellt der Dichter sein Werk als persönliche Frömmigkeitsleistung dar: es ist eine Absage gegen seine bisherigen weltlichen Dichtungen zur Erleichterung seiner in Worten begangenen Sünden. Am Schluß 171—76 nennt sich Hartm. als Verfasser lind gibt den Titel seines Werkes an: von eint guoten sündare. ____ I. Die Eltern, die Geburt und Jugend des Gregorius 177—922. Ein Fürst von Aquitanien hinterläßt zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, in jugendlichem Alter 177—272. Der böse Feind betört dem Bruder den Sinn, daß er die Schwester verführt. In der Angst um ihr und des erwarteten Kindes Seelenheil und wegen der Schande vor den Leuten wenden sie sich an einen alten Vertrauten, auf dessen Rat der Vater zur Buße nach dem heiligen Grab fährt, wo er stirbt 273—656 [825—52]. Der göttlichen Eingebung folgend setzen der Ratgeber und die Mutter das neugeborene Kind in einem Kästchen, das mit einer Elfenbeintafel, auf der die Herkunft des Kindes geschrieben steht, in eine Barke gesetzt wird, auf das Meer aus 657—922. II. Gregorius der Klosterschüler 923—1824. Das Schifflein wird durch Wind und Wetter an einen Strand getrieben, an dem ein Kloster liegt. Der Abt übergibt das Kind einem der Fischer, die es gefunden, und tauft es auf seinen eigenen Namen Gregorius. In der Klosterschule zeichnet er sich besonders aus 923—1284. Da erfährt er durch Zufall in einem Zank von seiner Pflegemutter, der Fischersfrau, daß er ein Findelkind sei 1285—1384. Da will er das Land verlassen und will Ritter werden, trotz der Warnungen des Abtes vor der Welt 1385—1824. III. Gregorius im Weltleben 1825—2750. Das Schiff, auf dem Greg, aus dem Klosterfrieden planlos in die Welt fährt, landet bei einer von den Feinden bedrängten Stadt. Die Herrin ist seine Mutter. Er befreit sie von den Feinden und sie wählt ihn zum Manne. So ward der Sohn seiner Mutter Ehgemahl 1825—2276. Durch die Tafel, die Greg, jeden Morgen heimlich liest und mit Tränen begießt, kommt das entsetzliche Verhängnis zutage. Nach der Sünde bleibt ihnen nur die Buße. Die Mutter will durch ein asketisches Leben Sühne tun, der Sohn aber rennt im Bettlergewand in die Wildnis 2277—2750. IV. Gregorius' Buße und seine Erhöhung durch die Gnade 2751 - 3958. Er kommt zu einem rohen Fischer, dessen Beschimpfungen er geduldig erträgt. Er läßt sich von ihm mit Eisenbanden auf einen Felsen im See anschließen; der Schlüssel wird ins Meer geworfen 2751—3136. Siebzehn Jahre verbringt er hier in schwerster Buße. Da stirbt der Papst in Rom. Gottes Stimme verkündet zwei Senatoren Greg, als den Nachfolger auf dem Stuhle. Auf dem Steine finden sie den abgemagerten Büßer, der Schlüssel wird in dem Magen eines Fisches gefunden. Nach langem Sträuben und erst, da er das Schlüsselwunder als Bestätigung von Gottes Willen erfahren und auch die wiedergefundene Tafel dafür zeugte, läßt er seine Bande lösen. Wunder geschehen auf der Reise nach Rom 3137—784. Als Papst ist er das Vorbild eines gerechten Herrschers. Alles Seelenleiden der schuldlos Schuldigen wird in Freude verkehrt, da Mutter und Sohn vereinigt werden und ungetrennt bis an den Tod ein gottseliges Leben führen 3785—3958. 186 Die erzählende Dichtung V. Schluß 3959—4006. Lehre: Reue und rechte Buße. — Bitte des Dichters an die Hörer oder Leser um Fürbitte für sein Seelenheil. H.s Quelle ist das franz. Gedicht Vie du pape Gregoire, das wohl im letzten Drittel des 12. Jh.s verfaßt wurde. 1 Bei der Übertragung hat er auch hier seine eigene ethische und künstlerische Auffassung mitsprechen lassen, ohne im Stoff oder im Problem Wesentliches zu ändern. Die Wiedergabe hält hier etwa die Mitte zwischen der größeren Freiheit im Erec und der strengeren Bindung im Iwein. Die Übereinstimmung mit der Vorlage erstreckt sich oft auch auf zufällige und ausmalende Züge und ist zuweilen wörtlich. Der franz. Dichter erzählt lebendig und anschaulich und liebt starke Affektausbrüche, H. dehnt gern und erweitert (sein Gedicht hat 4000 V. gegen ca. 2700 der franz. Vorlage), er schaltet allgemeine und persönliche Erfahrungen ein, Reflexionen und Austüftelungen seelischer Zustände, Begründungen für Erzählungsmomente. Der tiefe Wesensunterschied aber zwischen dem franz. und dem deutschen Dichter liegt in der Stellung zum Leben; er tritt nicht besonders wertbestimmend hervor, aber H. läßt ihn doch mehrfach durchscheinen. Der Franzose läßt dem Leben, der Natur ihr Recht, bei H. überwiegt die transzendente Idee, der legendarische Gehalt überwuchert in solchen Fällen das rein menschliche Empfinden. H. übergeht 783 den Seelenschmerz der Mutter, als sie ihr Kind dem Meere preisgibt, der im franz. Gedicht so menschlich und rührend hervorbricht; er lenkt die Gedanken vielmehr auf die harte Pflicht der Buße. Und auch als Greg, von der Mutter sich trennt 2736—50, ist es ihm nur um die Buße zu tun, während das franz. Gedicht das rein menschliche Empfinden des Unglücklichen in einfach natürlichen Worten ausspricht. Und so verstärkt H. auch einige Male selbständig den religiös-legendarischen Charakter: der Rat des Vasallen zur Buße der Fürstin 599 ff.; die Reue und Bekehrung des Fischers 3305 ff.; das Bild des idealen Papstes 3793-829. Mit dem Gregorius hat H. die erste höfische Legende geschaffen. Die Beobachtung seiner stilistischen Technik führt zu dem Ergebnis, daß der Greg, und der Arme Heinr. nach dem Erec und vor dem Iwein verfaßt sind. Aus seinen Kreuzliedern wissen wir, daß er, besonders durch den 1 Bekannt sind fünf Hss.: Ai Tours; As Paris, Arsenalbibl. 283; As Par. Nationalbibl.; Bi Brit. Mus. London; B 2 Arsenalbibl. 325; Hartm. hat e. Hs. der Gruppe B benutzt. — Ausg.: Vie du Pape Gregoire le Grand von Vict. Luzarche, Tours 1857 (Hs. Ai), dazu Littre, Journ. des Sav. 1858 u. Hist. de la langue franc. II, Paris 1869, S. 170 ff.; vgl. Holtzmann, Germ. 1, 373 f. — Jos. Strobl, H.s Greg. u. seine Quelle, Germ. 13, 188—95; Friedr. Lippold, Üb. d. Quelle d. Greg. H.s v. A., Leipz. Diss. 1869, dazu Bartsch, Germ. 17,106 f.; Hugo Bieling, Ein Beitragz.Oberlieferung d. Greg.-Leg., Jahresber. d. Sophienrealschule in Berlin 1874 u. Arch. 47, 290 f. 452, dazu Kölbing, Germ. 21, 81—83; Otto Neussell, Üb. d. afrz., mhd. u. mittelengl. Bearbeitungen d. Sage v. Greg., Hall. Diss. 1886; Eug. Kölbing, Üb. d. engl. Version d. Gregoriussage in ihrem Verhältn. z. frz. Ged. u. zu H.s Bearbeit., in KÖLBING, Beitr. z. vergleich. Gesch. d. romant. Poesie u. Prosa d. MA.s, Bresl. 1876, S. 42—79; Gl. G. Allen, The relation of the germ. „Gregorius auf d. Stein" to theold french poem „La vie de S. Gregoire", California Stanford Univers. 1913. — Da keine der erhaltenen frz. Hss., von denen zudem nur die durch Luzarche hgb. gedruckt vorliegt, die unmittelbare Quelle H.s wiedergibt, kann eine Vergleichung nicht in jedem einzelnen Fall volle Sicherheit gewähren. . § 28. Gregorius 187 Verlust seines Herrn, der tiefe Spuren in sein Inneres gegraben, eine Zeit innerer religiöser Einkehr erlebte und in dieser Stimmung würden seine beiden geistlich gerichteten Gedichte auch ihre seelische Begründung finden. Ihre Abfassung wird also, mit dem Tod des Dienstherrn und dem Kreuzzug zusammenhängend, in die Jahre um und nach 1195 fallen. Die Gregoriuslegende. In Deutschland fand H.s Gedicht verschiedene Bearbeitungen. Bald nach seinem Erscheinen übertrug es Arnold, der Abt des Johannesklosters zu Lübeck, ins Lateinische (Gesta Gregorii peccatoris ad penitenciam conversi et ad papatum promoti) im Auftrag des Herzogs Wilhelm v. Lüneburg, des Sohnes Heinrichs d. Löwen, (f 12. Dez. 1213). 1 In der Widmung an den Herzog hebt er hervor, daß ihm die Arbeit, das Werk de teutonico transferre in latinum, sauer gefallen sei, weil er nicht gewohnt war, solches zu lesen und ihm vor der ungewohnten Ausdrucksweise grauste. 2 Er übersetzte, wie er selbst sagt, nicht Wort für Wort, sondern dem Gang der Erzählung folgend zur Erbauung der Hörer (den Frommen zu einer Erbauung, den Lasterhaften ein Antrieb zur Buße V. 1242 ff.). Er ahmt die vierhebigen Reimpaare H.s nach (H.s Name ist nicht genannt), was ihm anfangs weniger, später besser gelingt. Die Verse sind also meist vierfüßige Jamben bzw. dreifüßige Trochäen mit überklingender Silbe, dazwischen, bes. am Anfang, längere und kürzere Zeilen, auch leoninische Hexameter. Die 4210 Verse sind in vier Bücher geteilt. Die Übersetzung ist frei, zuweilen erweiternd (anschauliche, aus dem Leben gegriffene Bilder), bes. später auch kürzend. Der geistliche Ton ist gegenüber dem höfischen verstärkt. Noch ein zweites lat. Gedicht, in 453 dem Ovid nachgeahmten Hexametern, das in einer Münchner Hs. des 14. Jh.s enthalten ist, beruht auf H.s Erzählung. 3 Es ist eine freie, kürzende Wiedergabe, vom Wortlaut H.s völlig unabhängig. Die 17 einleitenden Verse ergeben in einem Akrostichon den Titel Gregorius Peccator. Der Stil ist stark verkünstelt und enthält Anspielungen auf die Bibel und die klassische Mythologie. 1 Arnoldi Lubecensis Gregorius Peccator, hgb. v. Gust. v. Buchwald, Kiel 1886, dazu Martin, DLz. 1886,440; Paul, Lbl. 1886,355, Cbl. 1886,227, Steinmeyer, Anz. 12,200—05, Seelisch, ZfdPh. 19, 121—28; J. Mey, Zur Kritik Arnolds v. Lüb., Leipz. Diss. 1912, bes. S. 81—100, dazu DLz. 34,562 f., Chr.Reuter, Zs. d. Ver. f. Lüb. Gesch. u. Altertumsk. 15, 173 ff.; E. Schuppe, Zur Textkrit. d. «Greg. Pecc." Arnolds v. Lüb., Leipz. Diss. 1914; Strobl aaO., Lippold S. 1—6, Seegers S. 3 —28, Zwierzina, ZfdA. 37, 130. 152—55. — Vollst. Hs. im Kloster Bödeken in Paderborn, 15. Jh.; Berl. Bruchst., verloren, 36 V. (= H. 914—47), abgedr. Leo, Bl. f. literar. Unterhalt., Leipz. 1837 S. 1432 f., u. J. Grimm, Lat. Ged. d. X. u. XI. Jh.s S. XLVf., Lippold aaO. — Arnold v. Lübeck, ein klassisch geschulter Geistlicher, in Braunschweig zur Zeit Heinrichs d. Löwen gebildet (Epilog S. 127), ist bekannt als Fortsetzer der Wendenchronik Helmolds (Chronica Slavorum), die er bis 1209 führte. Erstarb 1212. An seiner Greg.- Übersetzung arbeitete er also zwischen 1209 u. 1212. 2 Die obd. höfische Dichtersprache war also für einen Niederdeutschen um 1200 etwas Fremdes, ein für die sprachlich-literarischen Beziehungen zwischen Nieder- und Oberdeutschland bedeutsames Geständnis. Aber der gelehrte geistliche Herr mochte wohl das deutsche Gedicht schon an sich als ein barbarisches Machwerk gering schätzen. — Beziehungen zwischen dem Braunschweiger Hofe und den Zähringern (Hartmann): Schröder, ZfdA. 51,108. 3 Hgb. von Schmeller, ZfdA. 2, 486-500; Lippold S.63; Seelisch, ZfdPh. 19,121—28, dazu ebda 19, 405 u. A. 1. 188 Die erzählende Dichtung Waren die lat. Bearbeitungen meist nur literarische Seltenheiten, die auf einen kleineren Kreis von Interessenten beschränkt blieben, so erlebte H.s Dichtung in der Prosaübertragung im Spätmittelalter eine neue Blüte, indem sie in solcher Form in die weitverbreitete Legendensammlung „der Heiligen Leben" (im Winterteil) aufgenommen wurde, 1 die, im späteren 14. Jh. verfaßt, in vielen Hss. und in Drucken von 1471 bis in die zwanziger Jahre des 16. Jh.s überliefert ist. Dieser Prosa-Gregor wurde im Anfang des 16. Jh.s ins Schwedische übersetzt. 2 Die letzte literarische Stufe der Gregoriuslegende in Deutschland ist das Volksbuch, 3 das auf die Gesta Romanorum zurückgeht. Die Gregoriuslegende ist zum Besitz der Weltliteratur geworden. 4 Den Ausgang nimmt ihre Geschichte von dem afrz. Gedicht Vie du pape Gregoire. Aus ihm stammt: 1. Das mhd. Gedicht Hartmanns, aus dem die beiden lat. Gedichte und die Prosa in Der Heiligen Leben, daraus die schwedische Übersetzung, geflossen sind. 2. Das englische Gedicht vom Anfang des 13. Jh.s (in 3 Hss. überliefert). 3. Die lat. Prosa der Gesta Romanorum, 5 aus der die Erzählung in Albrechts v. Eyb Ehebüchlein (1472) und die des deutschen Volksbuchs stammen, sowie eine franz. Übersetzung von 1521 (Violier des hystoires Rommaines), die polnische Übersetzung von 1663, die im 17. Jh. ins Russische 6 überging (2 Versionen), die bulgarische Legende von Paul v. Cäsarea 7 und die serbischen Volkslieder vom Findling Simeon. Nach Spanien 8 gelangte die Leg. der Gesta Rom. durch eine Novelle in der 1 Die Prosalegende, F, eine ziemlich getreue Auflösung von H.s Gedicht, ist hgb. von J. V. Zingerle, Von Sant Qregorio auf dem Stain und Von Sant Gerdraut, Innsbr. 1873, nach e. Innsbr. Hs., Pap. von 1442 (S), e. Brixener Hs., Pap. 15. Jh. (B) u. dem ersten Druck (D), Augsburg bei Günther Zeiner 1471, der H.s Ged. näher steht als der öfter benutzte Straßbg. Druck von Johannes Grü- ninger 1502 (s. auch Seelisch, ZfdPh. 19, 405 A. 1). Nach der Heidelbg. Hs. Cod. pal. germ. 119,15. Jh., ist die Prosaleg. abgedr. von W. Martens, Progr. Tauberbischof sh. 1882/83, dazu Steinmeyer, Anz.10,192, Kinzel, ZfdPh. 15, 381; zur Hs.: Bartsch, Katal. S.32L, v. D. Hagens Germ.9, 247 f.; Kinzel, Der Junker u. d. treue Heinr., 1880, S. 16 f.—Zur Prosa F: Lippold S. 6; Seelisch, ZfdPh. 16,299— 306; Zwierzina, ZfdA. 37, 130. 148 ff. 2 R. Köhler, Germ. 15, 284 ff.; Seelisch, ZfdPh. 19, 405. 8 Simrock, Volksbücher 12, 83—113; Gör- res, Die teutschen Volksbücher, Heidelbg. 1809 pass.; Rich. Benz, Die dt. Volksbücher, Jena 1913; Lippold S. 64; Seelisch, ZfdPh. 19,400 ff.; Sparnaay, Verschmelzung S. 13 ff. 21—23. — EinekurzelateinischeProsalegende von Gregorius, fälschlich überschrieben De Albano, in einer Breslauer Hs. lateinischer Exempla, Mitte 14. Jh., geht ebenfalls auf H.s Gedicht zurück; hgb. v. Jos. Klapper, Erzählungen d. MA.s, Wort u. Brauch H. 12, Bresl. 1914, Nr. 79 S. 296—98, verdeutscht S. 90-93.' 4 Piper, Geistl. Dicht. 2, 3—6; Paul in den Einleitungen sein. Ausgaben; Greith S. 148 f f.; D. Comparetti, Edipo e la mitologia com- parata, Pisa 1867; Lippold S. 50 ff.; R. Köhler, Germ. 15, 284—91 u. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. 11,313 ff.; Creizenach, Judas Ischa- riot in Leg. u. Sage d. MA.s, Beitr. 2,177—207; A. Heinze, Greg, auf d. Steine, d. m.alterl. Oedipus, Stolp 1877; Leop. Constans, La legende d'Oedipe etudiee dans l'antiquite, au moyen-äge et dans les temps modernes, Paris 1881, s. Lbl. 1881, 75; Holtermann, Ueb. Sprache, Poetik u. Stil d. altengl. Gregorleg., 1882 (mit Lit. üb. d. Leg.); Seelisch, ZfdPh. 19, 385—421; Alph. Steinberger, Die Oedi- pussage, Regensbg. 1889; H. Sparnaay, Zur Entwickl. d. Gregorsage, Neophilol. 5, 21 ff.; Ders., Verschmelzung aaO. 5 Cap. 81, Grässe 1,153 ff.; Oesterley, Gesta Romanorum, Berl. 1872.S.399—409 u. Cap.244, S. 641—46. 746; Seelisch S. 400 ff.; Sparnaay, Verschmelzung S. 13 ff. 6 Paul, Einl.zurkl.Ausg.; Seelisch, ZfdPh. 19,401 ff. 405 f.; Sparnaay, Verschmelz. S.26f. 7 Diese vielleicht durch griechische Zwischenstufen, R. Köhler, Germ. 15, 288 ff. 8 v. d. Hagens Germ.8, 201 ff.; R. Köhler, Germ. 15, 286—88. § 28. GREGORIUS 189 Sammlung des Juan Timoneda 1576 (in der es nicht zu der Heirat von Mutter und Sohn kommt) und durch das sehr gemilderte und stark ausgeschmückte Drama El marido di su madre des Juan de Matos Fragoso im 17. Jh. Auch die koptische 1 (christl.-ägypt.) Bearbeitung wird sich durch die weite Verbreitung der Gesta Rom. erklären lassen. Die Gregoriuslegende gehört dem Sagentypus von Oedipus an, der im MA. in verschiedenen mehr oder weniger ähnlichen Fassungen verbreitet war. 1. Eine unmittelbare Übertragung der Oedipussage in den christlichen Gedankenkreis ist die mehrfach bearbeitete Judaslegende 2 (älteste Erzählung im 13. Jh.): Judas wird als Kind von der Mutter ausgesetzt, weil ihr träumt, er werde einst seine Eltern töten. Das Kästchen landet auf einer Insel und Judas wird von der dortigen Königin als Sohn angenommen, mißhandelt aber deren echten Sohn und erschlägt ihn. Er flieht, tötet im Streit seinen Vater, ohne ihn zu kennen, und heiratet seine Mutter. Ganz ähnlich lautet die russische Andreaslegende, 3 das Ende gleicht dem der Gregorius- geschichte: nach schwerer Kerkerbuße — der Kerkerschlüssel wird im Leibe eines Fisches gefunden — wird Andreas Bischof von Kreta. Also eine Zusammenschweißung von Oedipussage und Gregoriuslegende. 2. Weiter ab von der Oedipussage steht eine zweite Gruppe von Legenden: a) die von Albanus, 4 die italienische von Vergogna und b) die von Gregorius. Das charakteristische Unterscheidungsmoment gegenüber der Oedipussage besteht darin, daß der Vatermord fehlt, dagegen das Inzestmotiv gedoppelt ist, und zwar derart, daß in Albanus und Vergogna zu der Mutter-Sohnesehe noch das Verhältnis von Vater und Tochter hinzutritt, im Gregorius das zwischen Bruder und Schwester. 6 Trotz manchfachen Abweichungen der Albanus-Vergogna-Fassung vom Gregorius deutet doch der Grundbau des Inhalts und die legendarische Tendenz auf einen gemeinsamen Vorstellungsherd. Geht man endlich vom Greg, wieder auf Oedipus zurück, so findet man eine in den Hauptzügen gleiche Motivenreihe: Aussetzung, Aufnahme und Erziehung durch einen hohen Gönner mit Bestimmung zum Nachfolger, Entdeckung der unechten Herkunft durch den Vorwurf der Findlingsschaft, Auszug zur Elternsuche, Befreiung der Mutter, Heirat mit ihr. Es ist nicht wahrscheinlich, daß eine solche Übereinstimmung zweier zusammenhängender Gedankenreihen auf Zufall beruhen sollte, mit anderen 71 1 R. Köhler, Germ. 25, 198 ff. 2 D'Ancona, La leggenda di Vergogna e la leggenda di Giuda, Bologna 1869; Creize- nach aaO. 3 Seelisch S. 416 ff. 4 Zu Albanus s. LG. II, 1, 155-57 u. Gesta Rom. ed. Oesterley Cap. 244. 6 Weitere Züge, die Alb. von Greg, unterscheiden: das Kind wird zu Lande, nicht aufs Meer ausgesetzt, von einem König, nicht von einem Abt, erzogen, es fehlt die Elternsuche und die Befreiung der Mutter. Verg. hat mit Greg, gemein die Aussetzung aufs Meer, den Tod des Vaters auf der Fahrt nach Jerusalem, Befreiung der Mutter von zudringlichen Werbern, aber diese Näherungen an Greg, hat eben Verg. vielleicht erst wieder aus Greg, entlehnt. Im MA. selbst wurden Alb. u. Greg, verwechselt, so in der von Klapper hgb. Sammlung, und die Hist. de sco Gregorio papa der Heidelbg. Hs. 118 entspricht in dieser Zusammenstellung der Albanus-Leg. in Albr.s v. Eyb Ehebüchlein, s. v. d. Hagens Germ. 9, 247. 190 Die erzählende Dichtung Worten, daß die Gregoriussage eine völlige Neuschöpfung durch eine erneute Zusammentragung der einzelnen gleichen Züge ohne Beziehung zur Oedipus- sage sein sollte. 1 Aber der Weg, auf dem diese ins christliche Mittelalter gelangte, läßt sich historisch nicht verfolgen. Eine aus dem Altertum ununterbrochen fortgepflanzte Sagentradition ist unwahrscheinlich. 2 Die Anlage zu einem christlichen Legendenhelden liegt in Oedipus, insofern er ein Märtyrer seiner Lebensschicksale, die Frevel durch Leiden sühnt. Ein fester Anhaltspunkt für den Ursprung der Gregoriuslegende aus der Oedipussage ist aber durch die ritterliche Tendenz gegeben, denn gerade die ritterliche Auffassung des Stoffes ist ihre Wesensbedingung. Damit ist etwa die Mitte oder die zweite Hälfte des 12. Jh.s als Entstehungszeit anzunehmen. 3 Ob das franz. Gedicht ihr erster literarischer Niederschlag ist oder diesem, was wahrscheinlich ist, eine andere Quelle, vielleicht eine lat. Prosa, vorangeht, ist unentschieden. Jedenfalls aber, und das ist wesentlicher, hat der franz. Dichter ihr die fortan maßgebende Form verliehen. Gewiß mochten bei den mittelalterlichen Sittlichkeitsverhältnissen die Fälle von Blutschande nicht so gar selten gewesen sein, und so ist es erklärlich, daß gerade diese Sünde ein so häufig vorkommendes Legendenthema ist, 4 denn es sollte an ihm gezeigt werden, wie auch ein so großes Vergehen durch Buße gesühnt werden könne. 6 1 Die Abweichungen von Greg, gegen Oed. lassen sich leicht als Neuerungen begreifen: der Vatermord fiel weg, da er kein Legendenmotiv für einen Heiligen ist; unter dem technischen Mittel der Motivenwiederholung wurde das beliebte Thema des Inzestes nochmals gebracht; die Aussetzung aufs Meer statt aufs Land ist eine leichte Aenderung der Szenerie; der Abt als Gönner statt des Königs hebt den legendenhaften Einschlag der Erzählung. 2 Die Geschichte des Oedipus war im MA. bekannt, die Thehais des Statius wurde in den Klosterschulen gelesen (Conr. Hirsau- giensis ed. Schepss S.72L; Manitius 1,634) und ist in dem afrz. Roman de Thebes bearbeitet (1. Hälfte des 12. Jh.s); vgl. auch d. lat. Klagegedicht des Oed. bei Du Meril, Poesies ined. S. 310 ff., Berl. Hs., 13. Jh. Auf diesem Wege kann die Oedipussage zur Gregoriuslegende umgestaltet worden sein, als gelehrte Mönchserfindung des 12. Jh.s. Auch die Albanusleg. bzw. die ihr und der Greg.leg. gemeinsame Quelle könnte unter solchen Voraussetzungen erst in d. mittel- alterl. Kenntnis d. Oedipussage ihren Ursprung haben.— Die Greg.leg., jedoch mit Wendungen nach der Oedipussage hin (Prophezeiung, Tötung v. Vater und Mutter, aber kein Inzest), hat der Verf. des mittelniederl. Kreuz- findungsromans Seghelijn vanJherusa- lem als Rahmenerzählung benutzt, vgl. Hein- zel, Ueb. d. Ged. v. Kg. Orendel, Wiener SB. 126 (1892), 51 ff.; Kraus, Dt. Ged. d. 12. Jh.s S. 198 A. 2; Schneider, Wolfdietr. S. 369. Und schon vorher in dem m.alterl. humanistisch gerichteten Liber mathematicus des Hildebert v. Tours (?). Danach scheint das Wiederaufleben der Oedipussage im MA. in d. Tat mit dem Studium der klassischen Lit. zusammenzuhängen, vgl. Alex. Baumgärtner, Die lat. u. griech. Lit. d. christl. Völker, 3. u. 4. Aufl., Freib. i. B. 1903, S. 384 ff. Aber das Inzestmotiv von Mutter und Sohn war in der 1. Hälfte des 12. Jh.s auch ein Problem der Moraltheologie, wie die Behandlung dieses Kasus in dem Sentenzenwerk des Rober- tus Pullus (um 1140) beweist (s. Schönbach, Ueb. Hartm. S. 100 ff. 404 ff.), und greift dann ein in das kirchl. Gesetz von der Heirat in verbotenen Verwandtschaftsgraden. Also hatte die Gregoriusleg. einen vorbereiteten Boden in der Kenntnis der Oedipussage und in dem Interesse, das die Zeit an dem Inzestthema fand. 3 SparnaayS. 12 f. 24. 4 Seelisch, ZfdPh. 19, 410ff.; Otto Rank, Das Inzest-Motiv in Dichtung u. Sage, Leipz. u.Wien 1912; Sparnaay S. 30 ff. 5 So knüpft Caesarius v. Heisterbach (um 1220) an einen Mutter-Sohn-Inzest die Belehrung: Contritio (die Bereuung) delet pec- cata multo majora (noch größere als die Blutschande), näml. idolatria, haeresis, abnegatio Creatoris. Ista sunt ex insania diabolica, peccata vero carnalia ex infirmitate humana, Dialogus Miraculorum Dist. II Cap. XI, ed. Strange 1, 77 f. § 28. Gregorius 191 Dadurch daß der Held der Legende den Namen berühmter Päpste trägt, ist ihr eine historische Weihe gegeben. Aber der Name hat keine geschichtliche Grundlage, von keinem Papste oder Bischof wird etwas Ähnliches berichtet. Auch hat die Gregoriuslegende keine kirchliche Anerkennung erlangt. Dieser Gregorius ist nie zu einem Heiligen geworden, wenn er auch in verschiedenen Fassungen als solcher angesehen ist. 1 Die Hauptzüge der Gregoriuslegende begegnen in anderer Verwendung und Zusammenstellung auch sonst häufig in der Literatur der Zeit: 2 Der Geschwisterinzest und die unbewußte Heirat zwischen Mutter und Sohn; die Kindesaussetzungen oft in höfischen Erzählungen und Romanen, besonders im Gaweinkreise, in zwei Lais der Marie de France, im Richars li Biaus, aber auch in Volkssagen; die Elternsuche ebenfalls im höfischen Epos (Vatersuche im Volksepos), die Befreiung der Dame (ein Hauptmotiv der Artusromane). 3 Der Schlußteil, die Buße Gregors und die Vereinigung mit der Mutter, ist rein legendarisch und zusammengesetzt aus geläufigen Sagen- und Legendenformeln: der Ring im Fischmagen,* die Selbsterneuerung der Speisen, das automatische Glockengeläute, die Krankenheilungen. Auch die Bekehrung des Übeln Fischers gehört zu den letzten Wundern. Als Legende bezeichnet H. selbst das Gedicht, indem er ihm den Titel gibt diu seltscenen mcere von eim guoten sündcere 174 f. = franz. bonpecheor (Ac), ferner 671—73. 2552. 2606. 4001, vgl. 3825 f. — In der „höfischen" Legende von Gregorius ist das legendäre Element in ritterlich-höfische Umwelt verwoben. Das aristokratische Weltleben und der legendenhafte Bestandteil begegnen sich in der Abstufung von Welttätigkeit und Askese. Aber das Weltwesen wird mehr und mehr abgestreift und verblaßt schließlich ganz in der Glorie-der Heiligkeit. Die religiöse Idee des Gedichtes 6 ist im Prolog voraus bestimmt, sie ist zusammengefaßt in dem Polarismus von Schuld und Erlösung, von Sünde und Gnade, von Verdammnis und Heil, von Hölle und Gotteskindschaft, der überbrückt wird durch die Buße. Der Zweck der Legende ist mehr auf Belehrung gerichtet als auf Erbauung, eine Ermahnung für den sündigen Menschen, sein Seelenheil zu bedenken; denn die rechte Buße vermag auch 1 Der Abfasser der franz. Version von Tours nimmt Gregor d. Großen als Helden der Legende an, wird aber in e. andern franz. Hs. widerlegt, Neussell S. 34. * Sparnaay, Verschmelzung, dazu Ehrismann, Anz.43,63-7, Hausrath, Phil.Wochen- schr. 1923 Nr. 23, Arch. 147 (1924) H. 1/2, Krappe, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 23, 3. Juli 1924; Kurt Wagner, Lbl. 1926, 7 ff. 3 Sparnaay S. 30 ff. — Die Grundbestandteile sind also, soweit sie nicht rein legendenhaft sind, höfisch stilisiert. — Ueb.die„ Knaben- streitformel" 1285 ff. s. Fr. Rolf Schröder, Nibelungenstud.,1921,S.27.—lieber legenda- rischeMotive s. das schöne Buch von Goswin Frenken, Wunder u. Taten der Heiligen. 4 Schönbach, Wien. SB. 139 Nr. 5, 136. 5 Greith S. 148 f.; Rud. Schreiber, D. Gregor H.s v. A, e. Beitr. z. Lehre von Schuld u. Vergebung im MA., Theol. Stud. u. Kritiken 1863 H. 2; Zwierzina, ZfdA. 37,400 ff.; Schönbach bes. S. 48—73. 83—130. 191— 204. Zum Prolog: Martin, ZfdA. 29, 466 f.; Seegers S. 27 ff.; Machule, ZfdPh.32,192ff. Die zweite Hälfte des Prologs 87—170 mit d. allegorischen Erklärung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter ist ein etwas wirrer Versuch H.s zu predigtartiger Auslegung des Themas von Sünde u. Gnade, s. bes. Zwierz. u. Schönb. 192 Die erzählende Dichtung die schwerste Sünde zu tilgen. Nur den Zweifel, die Verzweiflung an Gottes Barmherzigkeit, kann niemand wieder gutmachen. 1 H. betrachtet aber seine eigene Tätigkeit als Dichter unter dem Gesichtspunkte des Themas seines Werkes. Es ist gleichsam eine Bußtat für die Sündenlast, die er durch Worte auf sich geladen. Er macht den alten Unterschied zwischen weltlicher und geistlicher Dichtung als zwischen lüge und wärheit (wärh. = das Wort Gottes, die christliche Lehre). Danach sind weltliche Gedichte Erdichtungen, Lügen, leeres und unnützes Gerede. Sie gehören zu den Sünden des Mundes (peccata oris, der zunge V. 2) und dienen der Weltwonne und dem weltlichen Ruhm V. 4. 2 Mit dieser Absage gegen seine vorherigen weltlichen Gedichte folgt H. einem allgemeinen Gebrauche, schon lat. Dichter des frühen Christentums schickten späteren geistlichen Werken Reuebekenntnisse voraus und solche wurden dann zu einer stereotypen Formel in mittelalterl. Prologen religiöser Dichtungen. 3 Damit verliert auch H.s Selbstanklage an persönlichem Gewicht. Immerhin aber wird sie nicht lediglich eine äußere Formalität gewesen sein, denn schon daß H. sich einem so streng kirchlichen Stoff wie dieser Büßerlegende widmete, setzte eine angemessene religiöse Stimmung voraus. In einer solchen Gemütslage befand sich H. zur Zeit seines Kreuzzugs. Wenn er sich doch dann später mit dem Iwein wieder zu dem weltlichen Abenteuerroman wandte, so ist das kein Wandel in der Gesinnung, sondern sowohl sein Erec und Iwein wie die beiden religiösen Gedichte haben eine sittliche Tendenz, nur betreffen sie zwei verschiedene Stufen der menschlichen Sittlichkeit: Erec und Iwein sind Idealbilder edler menschlicher Gesittung, die Legende vom guten Sünder aber gibt ein Beispiel zur Erlangung des höchsten Gutes, das ist die Gnade Gottes zur Heiligung der Seele. Und H. selbst reiht seinen Iwein in eine andere, niederere Ordnung ein als den Gregorius und den Armen Heinrich, indem er ihm eine geringere subjektive Erlebnisstärke beimißt, Iw. 23—25: er dichtete an ihm, wenn er nichts Besseres zu tun hatte. Aber für uns bleibt doch ein Rest des psychologisch Unerklärlichen: die Beklagung seiner profanen Gedichte als einer schweren Sündenbürde und die Rückkehr zu dem weltlichen Iwein gehört schließlich doch zu den Widersprüchen des mittelalterl. Denkens und Empfindens. 4 geistlicher u. weltl. Dichtung zeigt am besten Thomasin im W. Gast 1023—1162, aber gerade bei ihm sieht man die Unklarheit, das Schwanken in dieser moralischen Frage: 1135 ff. dankt er den Äventiure-Dichtern, aber im Weiterreden läuft es auf eine Abmahnung hinaus. 1149—62 u. 3535—44 beim Laster der Ruhmsucht wird Artus verdammt, weil er uns Stoff zu großer Lüge gibt. Das eine Mal betrachtet er die Abenteuerromane vom streng kirchlichen, das andere Mal .von dem niederen, dem Laien zulässigen Standpunkt aus. Es ist eben nicht leicht, sich mit einer doppelten Moral abzufinden. 1 Ein packendes Beispiel für diese Lehre fibt „DieVorauer Novelle", SCHÖNBACH.Wien. B. 140 (1899) Nr. 4. 2 Bamberger Glaube u. Beichte MSD. I 3 S. 304, 190; daselbst d. Register der Sünden in lugisagilon, in lugispellen usw. Z. 192. Hastu ... vil vnnutzer ding od. wort, od. v'nnutze rede als mcerelieder (mereäder Hs.) erdacht, gesagt od. gesungen : Heinr. Werber, Die Bamberg. Beichtbücher aus d. ersten Hälfte d. XV. Jh.s, Kempten 1884, S. 67. Vgl. LG. I, 58 ff. 3 Schwietering, Demutsformel S. 75 ff. 4 Die m.alterl. Beurteilung der Abstufungvon § 28. Gregorius 193 Nach dem moraltheologischen Gehalt betrachtet entwickelt sich die Erzählung in drei Akten: vom Fall in die Sünde durch Reue und Buße zur Wiederherstellung in der Gnade. Aber da das Motiv vom Inzest wiederholt ist, so zerfällt der ganze Verlauf auch in eine zweimalige sittliche Wirrung und Entlösung, wobei der zweite Fall eine Steigerung des ersten ist. Um die tragischen Konflikte zu verstehen ist der Ausgangspunkt alles Unheils, die Inzestschuld, 1 nach den mittelalterlichen Anschauungen zu bewerten. Offenkundig ist die Schuld der Eltern, aber sie werden entlastet dadurch, daß sie der Wirkung des mächtigen Menschenfeindes, des Teufels zugeschrieben wird, dem sogar Gott sein Verführungsgeschäft zuläßt 335—38. 1960. 2240. 2495. 2602. Ein schwieriger kasuistischer Fall aber ist die doppelte Schuld Gregors, die von den Eltern an ihm haftende und seine eigene mit der Mutter. Für seine Abstammung kann er eigentlich nicht verantwortlich gemacht werden, da das Kind nicht die Schuld der Eltern erbt 475. Aber nach strengerer kirchlicher Ansicht lastet doch auf ihm der Makel der Infamie, und die Missetat der Eltern wirkt in ihm weiter. Das ist auch die Moral in unserer Legende 752 ff. 1750 f. 1779 f. Auch die Verbindung mit der Mutter kann ihm nicht angerechnet werden, da sie unbewußt von ihm geschieht. Hier widersprechen sich die normale kirchliche Anschauung, nach der Greg, in der Tat frei von Schuld ist, und die Volksmeinung, die die Blutschande mit der Mutter absolut verabscheut. Das Gedicht folgt auch hier der unduldsameren Auffassung. Schließlich wurzelt Gregorius' Katastrophe darin, daß er den Rat des Abtes, im Kloster zu bleiben, nicht befolgte und seine Warnung vor dem Ritterstand, also vor dem weltlichen Leben, in den Wind schlug 1787 ff. So weit reicht seine Schuld, aber im Gedicht selbst wird darauf nicht zurückgekommen. Auch die Pflichten gegen die Welt haben ihre Berechtigung, für die in der Welt Lebenden 2215—24 (Gott und Welt auch 441. 639 f. 2070). Doch die Folgen zeigen, welche der beiden Lebensgestaltungen, die mönchische oder die ritterlich-weltliche, den höheren sittlichen Wert in sich trägt. Das Gedicht hat starke Realität, einmal in dem dargestellten Leben und dann in der subjektiv dichterischen Erlebtheit. Ein anschauliches Kulturbild tut sich auf. Es ist ein Feudalstaat, an der Spitze der Landesfürst, der bei wichtigen Angelegenheiten die Großen (die Optimaten, die besten von dem lande 196 usw. zur Beratung beizieht. Das höchste Ansehen genießt der alte Familienratgeber, der mächtigste unter den Vasallen 490—500 u. ff. In schwieriger politischer Lage haben die landherren der verwitweten Fürstin gegenüber selbständiges Vorschlagsrecht 2185—224. Das Standeszeremoniell wird streng beobachtet: der alte Ratgeber ist bestürzt, daß sein geborner herre vor ihm kniet 534—46. Die Regentenpflichten waren geregelt, es gab eine eigene Literatur darüber 2 (244—59; Greg, als gerechter Herrscher, 1 Schönbach S. 89—94. 100—03. 404 f. I A. 4, Reg. unt. Fürst S. 351. Fürstenlehren und 2 Siehe LG. II, 1, 198 u. A.2. 256 A. 1. 276 | Aufzählungen v. Herrentugenden: Veldekes Deutsche Literaturgeschichte III 13 \ 194 Die erzählende Dichtung Schützer des Landes, Friedensfürst 2257—76; der geistliche Fürst 3789—830; dieTugenden des sceldenrichen Jünglings 1235—84; Frauentugenden 864—68). Auch ein Einblick in ein aristokratisches Familienleben wird eröffnet (Beschreibung des Geschwisterlebens 273—303). Das alles ist Wirklichkeit. Aber viel phantasievoller ist die Welt, die sich im Kopf des jungen Klosterschülers spiegelt. Das ist die des Artusritters. 1 Er träumt von der Scelde, die er erjagen will, guot und ere will er erwerben und damit Ruhm erlangen, und im Geiste Gaweins verschmäht er gemach für ere und will sich nicht durch gewach verligen 1675—1720. Aber doch hat auch diese Jugendschwärmerei einen habhafteren Hintergrund. Greg, hat es nicht nur auf Ruhm, sondern auch auf guot abgesehen 1684 f. 93—96. 1717. 26, s. 1654-73.2 Und im Befreiungskampf der Mutter setzt er sein Ideal in die Tat um. Auch hier verschwimmt die Erzählung nicht im Nebel der Phantasie. Trotz der Verwerfung seines früheren weltlichen Dichtens hat also H. auf das Leben der höheren Gesellschaft auch hier einen Abglanz der höfischen Epik fallen lassen und diese ritterliche Legende mit heldenhaften Zügen ausgestattet. Auch die Schilderung des Zweikampfs 2091—2164, dazu vorher 1999—2042, gehört hierher. Und bekannte Minneweisen klingen an: von der vrou Minne, si machet ie nach liebe leit 451—56; der Herzenstausch 831—52; Minnedienst 1710; die das Lebensgefühl erhöhende Liebe 1966—71; die sündhafte Minne 318. 23. 46; die Gottesminne 871—85 in weltlicher Aufmachung. Später, im rein legendenhaften Teil von Gregorius' Buße, hören solche Töne auf. Seitab vom Treiben der Welt liegt das stille Kloster am Meeresstrand. Andere Lebensbilder tauchen auf. Die armen Fischer rackern ihr mühsames Leben ab und das Fischerweib keift, weil sein Söhnchen im Knabenspiel geschlagen wurde. Die Fischer hadern mit dem Abt und die Mönche treiben Spott über die wohlgesetzte Rede des ungebildeten Mannes 1123—26. Das Fundkind wird von den Fischerleuten aufgezogen, der Abt nimmt es mit sechs Jahren ins Kloster auf, wir sehen den strebsamen Jüngling die einzelnen Stufen der Klosterschule durchmachen — eine unterrichtsgeschichtlich recht lehrreiche Beschreibung 3 1173—97. Aber der treffliche Klosterschüler hat ein zu unbändiges Blut, um es in der Enge des Klosters aushalten zu können. Es folgt die dramatisch sich steigernde Unterredung mit dem Abt. En. 12614—29 (vorbildl., vgl. Behaghel, En. S. CCX1V); A. Heinr. 50—74; Parz. 170, 15 —173, 6; Gotfr.s Trist. 5020-43; Herbort v. Fritzl. s. o.; Wigalois 293, 30—294, 8; Schönbach S. 131 ff. 198; DLz. 1909, 1633. 1 Doch ist das ihm vorschwebende Bild vom Rittertum nicht lediglich romanhaft, sondern das in der Wirklichkeit anerkannte Ideal, das man in der niederrheinischen Ritterschaft erblickte. 2 Und auf die Hoffnung, seine Rechtlosigkeit zu tilgen, Schönbach S. 303. Als uneheliches Kind und ohne Ahnen konnte Greg. eigentlich nicht Ritter werden — eine Mahnung, daß man die mhd. Dichtungen doch nur mit Vorsicht als historische Dokumente benutzen darf (vgl. Schönbach S. 62 f.), s. Petersen, Ritterwürde S. 2. 142 ff., Schönbach S. 301 (der Abt hat ihn tatsächl. zum Ritter gemacht, denn er hat gewunnen ritters namen 1646 f. 54. 65). 3 Schönbach S. 59—73.198—200.220—26. 286-90. 289-302. 430-32. — Auch Hildebert v. Tours in seinem Liber mathematicus läßt den ausgesetzten Knaben das Trivium und Quadrivium lernen. J §28. Gregorius 195 Darauf geht die Handlung wieder über in das Weltleben und läuft nach dessen Abschluß mit dem Bußgang Gregorius' in das legendarische Element aus. Hier herrscht das Wunderbare. Aber das Wunder ist ja in der Anschauung der gläubigen Seelen ebenfalls Wirklichkeit und wir erleben die siebzehnjährige Marter und die Erhöhung zum Papste mit als eine höhere Stufe der Realität. Unter den Werken H.s hat der Gregorius die umfassendste kultur- und religionsgeschichtliche Weite. Nicht nur die Aristokratie, sondern auch ein Stück Volksleben kommt zur Geltung. Mehr auch als sonst läßt der Dichter eigene Stimmung und Lebenserinnerung mitsprechen. Aus der Erfahrung heraus schildert er des Gregorius Studiengang 1173—97 und überhaupt mag viel persönliche Erinnerung Hartmanns bei der Schilderung des Klosterlebens nachklingen; und besonders in der Ritterfreudigkeit des Helden glauben wir ein stilles Bekenntnis von H.s eigenem Trieb zu verspüren. Und so wäre schließlich das Bußgedicht ein Wettstreit zwischen den beiden Lebensführungen, dem Rittertum und dem Mönchtum, dem „tätigen und dem beschaulichen Leben", wobei die Neigung den Dichter zum ersten Zustand, die Pflicht zum zweiten zieht und wobei dem zweiten, der Geistlichkeit, die höhere Seinsstufe zuerkannt wird. 1 Hartmanns Gregorius als Dichtung. In der Anlage eines biographischen Romans wird das Leben des Helden erzählt von den merkwürdigen Umständen seiner Geburt an, zuweilen mit genauen chronologischen Daten, bis zu seinem Lebensende. Sein Geschick ist unauflöslich mit dem seiner Mutter verbunden, darum sind auch seine Eltern in einer Vorgeschichte mit einbezogen. Es entwickelt sich wie eine antike Schicksalstragödie. In christliche Vorstellungen übertragen ist die eijuag/nevri dargestellt durch den Teufel, der aber nur mit der Erlaubnis Gottes in das Menschengeschick eingreift. Und im Menschen selbst liegt die Empfänglichkeit für die Schuld, in seiner Begierde, in der Concupiscentia 323—25. Die Handlung ist reich an dramatischer Wirkung und an spannenden Momenten. Sie erfährt eine Steigerung, indem der zweite Greuel, die Ehe mit der Mutter, den ersten noch übertrifft und die Buße zu völliger asketischer Selbstabtötung getrieben wird. Die Katastrophe ist vernichtend, die Lebenshoffnung des Helden ist zertrümmert, aber ein größeres Glück ist ihm beschieden, die Rettung seiner und seiner Eltern Seele. Aller Sündenjammer ist vorbei, Gott hat Mutter und Sohn zusammengesendet ze vreuden in beiden 3939. Der Gregorius ist somit doch keine antike Schicksalstragödie, sondern eine christliche Erlösungsdichtung. Das religiöse Grundmotiv, die Buße, ruft auch die herrschende Stimmung hervor: es ist ein Schwelgen im Jammer, in Reueszenen. Aber diese Gebärdensprache gehört zum Stil der Zerknirschung, und mehr zum Herzen sprechen einfach menschliche Gemütsbewegungen: der Schmerz dessterben- 1 Günther Müller, Gradualismus, s. ob. Einl. 196 Die erzählende Dichtung den Vaters um die verlassenen Kinder 203—13; das Trennungsleid, das dem Bruder das Herz bricht 830—52; wie das Kindlein in der Tonne den Abt anlacht 1035—39; wie der Abt und Greg, beim Abschied sich mit den Augen verfolgen, bis sie sich nicht mehr erblicken können 1817—24. Auch die Charakterisierungskunst hebt die Lebensfülle. Die Menschen sind lebensnäher als die der Artusromane, trotz der außerordentlichen Schicksale und der Legendenwunder. Wir haben den Eindruck, daß der Held wirklich so war und so werden mußte. Er wird in den Zwiespalt zwischen angeborener Natur und aufgedrungener Lebenslage versetzt, die Stimme des Herzens ist entscheidend zu seinem Fall, aber unentwegt steht von Kindesanfang an seine sittliche Überzeugung fest, das ist die Frömmigkeit, und auch im Weltleben stellt er sich in den Dienst christlicher Ritterpflicht zur Hilfe für die Schwachen. Seit er seine sündhafte Geburt erfahren, lastet auf ihm die Tragik unverschuldeten Leidens, aber er überwindet sie durch das heroische Selbstopfer seines Märtyrertums. Mehrfach dient das technische Kunstmittel des Gegensatzes zur Heraushebung der Charaktere. Der Bruder ist weich und erliegt seinem Verhängnis, die Schwester, energisch und lebenstüchtig, hält ihn aufrecht: gehabe dic/i als ein man, lä din wtplicli weinen stän 466 f. Ein Gegensatzpaar bilden auch die beiden Fischerbrüder: der eine was arm, der ander rieh 1063; und der rohe Fischer mit seiner gutherzigen Frau, der unguote man 3019, daz guote wip 2835 ff. 2887 ff. 3065 ff. Der höfische Aristokratismus tritt dabei zutage, der das Volk durch sein pöbelhaftes Benehmen niedriger stellt, hier wie bei dem Geschimpfe des ersten Fischerweibes 1306 ff. Indes auch H.s persönliche Menschenfreundlichkeit bewährt sich hier, indem er den rohen Fischer sich reuig bekehren läßt. Die sympathischste Gestalt aber ist der Abt, der getriuwe man 1739, der triuwen veste 1756, mit seiner unendlichen Liebe und Geduld und seinem offenen Verständnis für das menschliche Herz, der seine Güte,auch dem noch bewahrt, von dem er zurückgestoßen wird. § 29. Der Arme Heinrich Lit.: Piper, Höf. Ep.2, 84—86. — Ausg.: Chr. H. Myller, Sammlung dt.Ged. I (1784), 197—208 (Straßbg. Hs.); Brüder Grimm, D. a. H. von H. v.d. Aue, aus d. Straßbg. u. Vatikan. Hs.,Berlin 1815; Lachmann, Auswahl(1820) S.l— 52; Wackernagel, Ad.LB.I (1835), ö.Aufl. 1873 Sp. 523-62; Wilh. Müller, Gott. 1842; Haupt, Lieder u. Büchl. u. d. a. Heinr. von H. v. A. 1842, 2. Aufl. v. Martin 1881; Wackernagel, D. a. H. Herrn H.s v. A. u. zwei jüngere Prosalegenden verwandten Inhalts, Basel 1855, dazu Pfeiffer, Germ. 1, 126—28; Bech, Ausg. Teil 2, 3. Aufl. 1891; Bernh. Schulz, 6 Lieder u. d. a. H., Leipz. 1871; Müllenhoff, Ad. Sprachproben, 3. Aufl. 1878, Sp. 136—52; Wackernagel, Der a. H ___ usw. mit Anm. u. Ab- handl. hgb. von Wilh. Toischer, Basel 1885, dazu Burdach, Anz. 12, 189 ff., Martin, DLz. 1885 Nr.31; neu hgb. von Ernst Stadler, Basel 1911, dazu Schröder, Anz.35, 278 f., Leitz- mann, ZfdPh.44, 369f., Ehrismann, Lbl. 1913, 321 f.; Paul, Ad.Textbibl. 3, Halle 1882, dazu Toischer, Lbl. 1882, 453—55, 6. Aufl. 1921; Piper, Höf. Ep. 2, 86—125; John G. Robertson, D. a. H ___ edited..., London 1895 (engl.); Erich Gierach, Germ. Bibl.3, Heidelberg 1913 (grundlegende textkrit. Ausg. mit d. gesamten Oberlieferung), dazu Helm, Lbl. 1915, § 29. Der Arme Heinrich 197 325 f., Piquet, Rev. crit. 76, 513, Richter, Arch. 137, 112, E.H.Mensel, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 14, 121—23; Gierach 2. Aufl. 1925, dazu Schröder, Anz.45, 39 f. — Guido C. L. Riemer, Wörterb. u. Reimverzeichn. zu dem A. H. H.s v. A., Gott. 1912, dazu Gierach, DLz. 34, 2406—08, Kip, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 12, 644-46, Vos, Mod. Lang. Notes 21, 25—27. — Obersetzungen: Büsching, 1810 (verunglückte Modernisierung, s. J. Grimm, Heidelbg. Jahrb. 1912 Bd.l, 49—57 u. Kl. Sehr. 6, 64-70; Simrock 1830. 1875, Ad. Leseb. (1854) S. 261 ff., in Prosa: Dt. Volksb. 6 (1847); Gust. Schwab, Buch d. schönst. Gesch. u. Sagen I, 1836 (Prosa); Ad. v. Chamisso, Dt. Musenalmanach f. 1839 S.7—26 (gekürzt); Jos. v. Führich, mit Zeichnungen, Leipz. 1877; die Prosaübertrag, in d.Ausg. d. Br. Grimm S. 1 — 30, neu hgb. von Reinh. Steig, Wiesbad. Volksbücher Nr. 51, 1904, W. Grimm, Prosa-Übertr. mit Holzschn. 1926; H. v. Wolzogen bei Reclam (1880); Gotth. Bötticher, Halle 1891, 4. Aufl. 1907; Will Vesper, Münch. 1905; ital. A. Baragiola, Straßburg 1881; engl. Dante Gabr. Rossetti 1897. Siehe Wackern.-Stadl. S. 34—36; Gierach 1 S.IXf. Hss. (Gierach l S. VII—IX, ZfdA.54, 257—95. 55, 303—36. 503—68): A, Straßburg, Perg. 14. Jh., 1870 verbrannt; B a , Heidelbg. Cod. pal. germ.341, erste Hälfte 14. Jh.; B b , Kaloczaer Cod., Kalocza (Ungarn), mitB a aufs nächste verwandt, gehen auf eine gemeinsame Quelle zurück; 1 C, St. Florian (Oberösterreich), Brachst., 4 Perg.bl. 56 V., 13./14 . Jh., gegenwärtig Kgl. Bibl. in Berlin, abgedr. Pfeiffer, Germ. 3, 347—50, vgl. Franz Kocian, Progr. Budweis 1878, Willy Scheel, Festg. f. Weinhold 1896 S.37 f.; D, Indersdorfer Brachst, jetzt Münch. Cgm. 5249, 2 Perg.bruchst. 14. Jh., 119 V., bair., abgedr. Keinz, Germ. 31, 80—83. — Die Überlieferung ist schlecht: A ist unzuverlässig, noch fehlerhafter sind B (= B a B b ) u. das mit B verwandte Brachst. D, C dagegen ist vortrefflich. Einzelne Stellen: Krieg, Germ. 31,80—83; Sprenger ebda 37,171—73; Burdach, Anz. 12, 196—98; Zwierzina, ebda 27 Reg. S.341; Ehrismann, Beitr. 24,388—91; Schröder, ZfdA.50, 219; Seipgens, Taalstud.VI Nr. 4—6; Willy Kaspers, Neue Jahrb. f. d. klass. Alt. usw. 23. Jahrg. 1920 Bd. 45.46 S.396; Eggert S. 27 ff.; Greve S.52—55. Inhalt. Prolog 1—28 Verfasser, Quellenangabe, Demutsformel und Bitte um Fürbitte. — I. 29—80 Der Herr Heinrich von Aue war ausgezeichnet durch alle Rittertugenden, die Fülle weltlicher Ehren war auf ihn gehäuft, nichts fehlte ihm zum vollkommenen Weltglück. II. 81—1352 Da ward an ihm offenbar, daß, wer in höchstem irdischen Werte steht, vor Gott gering geschätzt ist: er wurde vom Aussatz befallen und allen Menschen widerwärtig. Das Leben wurde ihm zum Fluch. (163) Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer war ihm geblieben, die Heilkunst der Ärzte. Er fuhr nach den berühmtesten Stätten der medizinischen Wissenschaft, nach Monpellier, dann nach Salern, aber nur um hier den Untrost zu holen, daß er allein durch das Herzblut eines reinen Mädchens genesen könne. (233) Da war ihm alle Hoffnung benommen, er verteilte sein Vermögen zu wohltätigen Zwecken bis auf einen abgelegenen Hof im Wald, den einer seiner Pächter, ein freier Bauer, mit seiner Familie bewirtschaftete. Dahin zog er sich zurück und wurde freundlich verpflegt. Mit rührender Treue hing ein Töchterchen der Bauersleute an ihm, ein Kind von acht Jahren. Es war seine tägliche Gespielin, so daß er es scherzhaft sein Gemahl nannte. (350) Nach einigen Jahren traf es sich, daß der Ritter mit dem Meier und seiner Frau zusammen im Gespräch saß und sie ihn fragten, ob er denn nicht geheilt werden könne. Er sagte ihnen den Bescheid des Arztes. (459) Da beschloß das Mädchen, das alles mit anhörte, ihren Herrn zu erretten, und ließ sich auch durch keine Bitten der Eltern und des Ritters abbringen, ihr Leben zu opfern. (1049) Fröhlichen Mutes zog sie mit ihm nach Salern und schon war der Arzt daran, ihr, die entkleidet auf dem Tische lag, das Herz auszuschneiden, da drang der Ritter, der den Vorgang durch ein Loch in der Wand mit ansah, von seinem Gewissen getrieben in das Gemach und hinderte das blutige Opfer. — IL 1353—1514 Da erkannte der barmherzige Gott ihr beider Treue und Heinrich gesundete und wurde auf der Reise 1 Genaue Beschreibung des Kai. Cod.: Erich Mai, Das mhd. Ged. vom Mönch Felix, Acta Germ. N. R. 4, 1912, S. 4 ff. 422 ff. 198 Die erzählende Dichtung in die Heimat schön wie vor zwanzig Jahren. (1451) Zu Hause nahm er mit Zustimmung des Familienrates seine vertraute Gespielin, der er seine Gesundheit verdankte, zur Frau. — Schluß 1515—20 Ausblick auf die ewige Seligkeit. Die Sage. Der Aussatz, 1 eine im MA. in ganz Europa verbreitete und wegen ihrer Bösartigkeit und der Ansteckungsgefahr sehr gefürchtete Krankheit, stammt aus dem Orient. Ins Abendland kam die Seuche von Ägypten (Plinius, Lucrez), aber schon das Alte Testament kennt sie als eine Strafe Gottes.* Gegen die Aussätzigen bestanden strenge Bestimmungen, sie wurden aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen, mußten sich schon durch die Kleidung zu erkennen geben und durch eine Klapper auf ihre Nähe aufmerksam machen; später wurden sie in Siechenhäusern (Gutleuthaus) am Ende der Städte abgesondert untergebracht. Die Arzneibücher enthielten vielerlei nutzlose Mittel, heilbar aber war der Aussatz nur durch Gott, der ihn als Sündenstrafe verhängt hatte. Fest haftete jedoch der Glaube, daß Menschenblut, besonders das von Kindern, wirksam sei (schon Plinius). Die Aussatzsage ist besonders in zwei Abwandlungen verbreitet: 1. in der Silvesterlegende, 3 2. verbunden mit der Freundschaftssage inAmicusundAme- lius (lat. 12./13. Jh., franz. Ged., s. ob. Athis), in Konrads v. Würzburg Engelhard, in Kisteners Jakobsbrüdern, 4 in Der Seelen Trost (Wack.- Stadler S. 181 ff.) und in einer Novelle in den Sieben Weisen Meistern. 5 Sie trägt schon im Stoff einen ethischen Gehalt, da es sich um die Selbstlosigkeit handelt. In der Silvesterlegende erscheint die Selbstverleugnung in der besonderen Form der Barmherzigkeit, in der Freundschaftsversion als Freundestreue; im A. H. aber sind die ethischen Bezüge viel feiner abgestuft und mehr verinnerlicht. Seelische Kräfte werden ausgelöst in beiden Personen, nicht nur in der befreienden, sondern auch in der leidenden, beide erlösen sich, eins das andere, denn was sie äußerlich tun, geht aus innerer Selbststeigerung hervor, sie bestehen beide die Treuprobe. Diese triuwe ist aber noch eine höhere, geistigere und umfassendere Sittlichkeit als die Freundestreue, es ist die über den einmaligen Fall der Treuleistung erhobene, unbedingte Selbsthingabe, die Nächstenliebe, die Grundbestimmung des christ- 1 Brüder Grimm, Ausg. S. 154—207. 217 ff.; Simrock, Uebersetzg.; Selig Cassel, Weimar. Jahrb. 1 (1854), 408—78; Paulus Cassel, Die Symbolik d. Blutes u. d. a. Heinr., Berl. 1882, dazu Schröder, DLz. 1882, 1410; Wack.- Stadler S. 189ff.; v.Wlislocki, Volkstüml. z. A. H., ZfdPh. 23, 217—25 (ist die armen. Erzählung aus d. Buckowina erst eine neue Umdichtg. aus e. nhd. Uebersetzg.?); Plau- mann, Der Mythos v. Admet u. Alkestis u. d. Sage vom a. H, N. Jahrb. f. Phil. 67 (1897), 205 ff. 293ff. 337 ff.; Schönbach, Die Gesch. d. Rud. v. Schlüsselberg, Wien. SB. 145 (1902) Nr. 6; A. von Ow, Die „Arme Heinrich"-sage, Hist.pol.Bl. 1913,151.169 ff. 286 ff.; Bolte- PoLiVKA 1,56. — Aussatz mhd. diu miselsuht, von mlat. misellus, zu miser, der üzsetze der Ausgesetzte, Ausgestoßene, Aussätzige, adj. üzsetzic, erst in der 2. Hälfte d. 13. Jh.s dazu gebildet der üzsaz als Name d. Krankheit. 2 Uhlands Sehr. 2,63; Wack.-StadlerS. 215 —17; Schönbach S. 75; in der Predigt des 3. Sonntags nach Epiph., Ev. Matth. Kap. 8: Jos. Klapper, Die Legende v. A. H, Progr. Breslau 1914, S. 18—20. — Hiob ist d. Typus für d. Aussatz im MA. 3 LG. II, 1 Reg. unt. Silv. S. 357 u. bes. S. 273. 277 u. Konr. v. Würzburg. Silv. LG. II, 3. Aussatz als Strafe auch Crescentia, LG. II, 1 Reg. S. 350. 4 ed. Euling S. 7. 41 ff. 46. 6 Adelb. Keller, Dyocletianus Leben von Hans v. Bühel (1841) S. 169 V. 7.553 ff.; Ders., Ad. Ged. (1846) S. 200 ff. § 29. Der Arme Heinrich 199 liehen Sittengesetzes. Auch in diesem Sinne ist der Aussatz von der Kirche moralisierend gedeutet: er bezeichnet den Eigenwillen, die superbia, und mahnt zur Demut, zur humilitas. Über seine Quelle macht H. im Prolog eine allgemeine Andeutung: er will eine rede (poet. Erzählung) diuten (veröffentlichen), die, bzw. deren Stoff, er (in einem Buche) geschrieben fand. Wahrscheinlich war diese geschriebene Erzählung ein kurzes lateinisches Stück in einer Sammlung von Legenden, Mirakeln, kleineren Geschichten, wie sie im MA. besonders zu belehrenden, erbaulichen, moralisierenden Zwecken angelegt wurden. 1 Insofern solche Erzählungen speziell als Beispiele für irgend welche Themata in den Predigten gelten sollten, hießen sie Exempla, auch Predigtmärlein. In der Tat findet sich eine kurze lat. Fassung der Sage vom A. H. in zwei Breslauer Exempel- sammlungen aus dem 14. und 15. Jh., die aber auf ältere Sammlungen des 13. Jh.s zurückgehen. Die beiden Fassungen A und B (diese kürzer als A) unterscheiden sich nicht in wesentlichen Punkten. 2 Dieses Exemplum steht auf einer niedrigen Bildungsstufe und ist eben für das Durchschnittspublikum einer Sonntagspredigt berechnet. Der Grund, welcher die Jungfrau zu ihrem Opfer bewegt, daß sie gerne für den vornehmen Herrn stirbt, ist die Erinnerung an Kleider, die er ihr einst durch ihren Vater gegeben hat. Die Meiersfamilie fehlt. Der Ritter, Henricus pauper in B, heißt in A Albertus pauper. 3 Diese oder eine ähnliche kurze Erzählung wird H. gelesen und für sein Gedicht als Grundlage benutzt haben. 4 Nur die notwendigsten Stoffelemente hat er vorgefunden und das in der Aussatzsage selbst liegende geistliche Thema der Barmherzigkeit. Jedenfalls hat erst H. den nackten Bericht zu dem ergreifenden Lebensbilde ausgestaltet, ihm seelische Begründung verliehen und mit tiefem Gemüt und religiöser Wärme erfüllt. 1 Dieverbreitetsten: DieVitaepatrum; Gregors d. Gr. Dialogi; Petrus Alfonsus, Disci- plina Cleric. (um 1420, s. ob.); Caesarius v. Heisterbach, Dialogus miraculorum, um 1220; Jacobus de Vitriaco, Sermones vulgares, vor 1240 (ed. Crane) ; Vincenz v. Beau- vais (Vincentius Bellovacensis), Speculum historiale, um 1250; Thomas v. Chatimpre (Cantipratensis), vor 1280; Legenda aurea des Jacobus a Voragine, vor 1280; Hugo v. Trim- berg, Solsequium, um 1280; Gesta Romanorum, Auf. 14. Jh.; Die 7 weisen Meister; Der Seelen Trost. — Pfeiffer, Predigtmärlein, Germ.3,407—44, Ad. Leseb. S. 191—99,From- mannsDt.Mundartenl854—56;GREiFF,Germ. 18, 353f.; Schönbach, Die Reuner Relatio- nes, Wien. SB. 139 Nr. 5 S. 2 ff.; Klapper, Exempla aus Hss. d. MA.s, Heidelbg. 1911; Hilka, Neue Beitr. z. Erzählungslit. d. MA.s (die Compilatio Singularis Exemplorum d. Hs. Tours 468 usw.), 90. Jahresber. d. Schles. Ges. f. vaterl. Cultur 1913; Carl Reinholdt, Die Wundergeschichten des Cod. Pal. germ. 118, Greifsw. Diss. 1913, dazu Hilka, Archiv 139, 261—63; Margaret D.Howie, Studies in the use of exempla. Lond. 1923; Klapper, Merker-Stammlers Reallexikon d. dt. Lit.gesch. 1 (1925), 332—34 (mit reicher Lit.). Gesch. d. Predigt: Cruel S.251 ff.; Linsenmayer S. 177 ff. 2 Hgb. v. Klapper, Erzählungen des MA.s Nr. 6 S. 233 f., übersetzt S. 22 f.; Ders., Die Legende vom A.H., Progr. Breslau 1914; Bae- secke, Wissenschaftl. Forschungsber. 1919, S. 125. — Ueb. d. Namen „Armer Heinrich': Br. Grimm, Ausg. S. 208 ff.; Wack.-Stadler S. 235f.; Cassel, Symbol. S. 228ff. 3 Anfang in A: Pulcrum de leproso curato. Non est melius medicamentum lepre spiri- tualis quam benignitas et misericordia. Legitur quod fuit quidam miles strenuus circa Rerum Albertus nomine; in B: De Misericordia. Comes quidam strenuus nomine henricus. 4 Der Beweis, daß das lat. Exemplum nicht sekundär erst aus H.s Gedicht ausgezogen ist, liegt in einigen Stellen, die es mit dem bibl. Buch Hiob gemein hat und die nicht aus H. stammen können, s. Klapper, Progr. S. 31 f., daselbst S. 26—31 Vergleich des Exempels mit H.s Gedicht. 200 Die erzählende Dichtung In H.s Darstellung ist das Aussatzmotiv zu einer Familiensage verarbeitet. Es ist ja doch ein ganz gewöhnlicher literaturgeschichtlicher Vorgang, daß allgemein verbreitete Sagen, Märchen, Legenden usw. auf bestimmte Persönlichkeiten übertragen werden (die Aussatzsage z. B. auf einen Ritter v. Schlüsselberg, v. Haigerloch). Die Veranlassung zur Festlegung dieser Sage auf einen Vorfahren von H.s Herrengeschlecht liegt aber im Dunkel, denn seine Quellenangabe im Prolog ist unklar. 1 Der Prolog ist ein sittliches Bekenntnis des Dichters, die Aufgabe, die er sich in diesem Werke gestellt hat, ist: Gott dienen und den Menschen wohltun. Ewigkeit und Erdenpflicht vereinigen sich in seinen den Sinn des Daseins suchenden Gedanken, das Lebensgefühl ist mit dem Gottesgefühl eins. Er kennt das viele Menschenleid, aber er weiß auch, daß Gottes Gnade unergründlich ist. Dafür ist das Schicksal des „armen" Heinrich ein Beispiel, der nach schwersten Stunden der Hoffnungslosigkeit Trost und Heilung gefunden hat. In seinen beiden religiösen Dichtungen hat H. ein anders gestimmtes Publikum im Sinn als in den beiden Artusromanen, er spricht zu Menschen, die religiöses Bedürfnis haben. Hier hat er darum auch die formelhafte Bitte um Beihilfe für sein Seelenheil anbringen können (im Greg, am Schluß, im A. H. im Eingang). Aber das Einleitungsprogramm des Greg, ist erfüllt von der persönlichen Sündenangst um die eigene Seele, das ist diu gröze swcsre, die er verringern will Greg. 38; im A. H. dagegen will er swcere stunde der Nebenmenschen erleichtern und will ihnen ein Wohlgefallen sein: 2 das ist die Sprache der ritterlichen Ethik, die auch das Diesseits in Betracht kommen läßt. Der A.H. ist eine erbauliche Erzählung, eine Legendennovelle mit dem doppelten Zweck, Andacht zu erwecken und Unterhaltung zu bieten. Das Gedicht nimmt in der Abstufung vom Reich des Geistes zum Reich der Natur eine Mittelstellung ein zwischen dem Gregor und dem Iwein: es hat teil an beiden Sphären der Wirklichkeit, der weltliche Gehalt gehört 1 Er hat nach V. 29 die Geschichte als das Erlebnis eines Herrn Heinrich v. Aue gelesen. Aber warum hat er sie erst aus einem Buche kennen gelernt, da sie doch von seinem Herrengeschlecht handelte und ihm also doch bekannt gewesen sein mußte? Und weshalb hat er erst vorher in verschiedenen Büchern nachgesucht? (vgl. Klapper, Progr.S. 32). Die Bedenken lösen sich am ehesten bei der Annahme, daß H. wirklich nach einem erbaulichen und tröstlichen Stoffe suchte und dieses oder ein ähnliches mcere in der Tat in irgendeiner Mirakel- oder Exempelsammlung gefunden hat, das er dann für ein Erlebnis in der Geschichte seines Herrenhauses ausgab. Die Personalbestimmung am Eingang der Erzählung 29 ff. entspricht der Eingangsformel in einem großen Teil dieser Geschichtchen, wie z. B. Legitur quod (erat) quidam comes (nobilis, miles). Ganz ähnlich beginnt die Historia infidelis mulieris (Schönb., Rud. v. Schlüsselbg. S. 2 [Anf. 13. Jh.]): Erat olim in Franconie partibus miles quidam, nomine Rudolfus de Slusselberg (= wie ein herre wcere ze Swäben gesezzen 30 f.), qui et ar- morum excellencia et suorum precellebat ortu natalium et diviciis affluebat (er hete ze sinen handen geburt und dar zuo rlcheit) exhabun- dancia facultatum (ouch was sin tilgend vil breit). — Wollte H, indem es dieses Treuwunder auf die Familie seiner Lehensherren übertrug, der unstandesgemäßen Heirat eines früheren Gliedes eine höhere Weihe geben? (Wack.-Stadler S. 234 f.; Schulte, ZfdA. 41, 268). Die ganze Quellensuche von V. 6 an wird man nicht gern als bloß „fingierte Quellenangabe" preisgeben wollen. 2 d. i. zunächst den religiös Empfänglichen, Schönb. S. 439. § 29. Der Arme Heinrich 201 der niederen Region der Natur an, der legendarische der oberen des Geistes. In der Wandlung des Helden 1 vollzieht sich bildhaft dieser metaphysische Aufstieg von der Welt zu Gott, moralisch formuliert: vom Fall zur Erhebung, von der Schuld zur Entsühnung. Der Ritter Heinrich besitzt alle preiswerten weltlichen Eigenschaften, Gut und Ehre, er hat ein Wunschleben der Weltwonne 387.393, aber das höchste Gut, Gottes Huld, ist in diesem glänzenden Tugendspiegel eines Weltmannes nicht vertreten. Die eine, wichtigste, die wirklich sittliche Tugend fehlte ihm, die demütige Frömmigkeit: er hat getan, wie alle werlttören, die meinen, daz si ere unde guot (die Tugenden des Hone- stum und Utile, s. oben Einl.) äne got (ohne Gottes Huld) mügen hän 392— 403, er hat Reichtum und Glück seinem eigenen Verdienst zugeschrieben statt der Gnade Gottes. 2 Das ist die Schuld des Herrn Heinrich, der Hochmut (der sündhafte höhe muot, der Ehrgeiz 82) und der moralische Anstoß zu der Handlung. Somit verläuft die sittliche Entwicklung des Gedichtes in drei Lebensstufen des Helden, deren erste, das Wunschleben (1—80) ein jähes Ende nimmt: zur Strafe {räche 409) für sein törichtesWeltstreben (383—411, eine nachträgliche -Begründung für seinen Sturz) verhängt Gott den Aussatz über ihn. Damit ist er in ein zweites Leben eingetreten, in ein Dasein des Elends (81—1352), aus dem er sich durch Prüfungen sittlich emporarbeitet. Das Schwergewicht der Handlung ist in diese zweite Lebensstufe, in die Läuterung, verlegt. Sie beginnt erst allmählich in ihm zu keimen. Bitter empfindet er, der an Ehrung Gewöhnte, die Mißachtung der Welt, er hat nicht die entsagende Geduld Hiobs gefunden. Erst als ihm alle Hoffnung auf Heilung geschwunden ist, beginnt sein innerer Umschwung. In drei Akten der Frömmigkeit geht der Aufstieg von der Welt zu Gott, von der Hoffart zur Demut: % den Anfang macht das äußerliche Verdienst guter Handlungen, die wohltätige Verwendung seines Vermögens (246—58); eine höhere hat er erreicht durch die Erkenntnis seiner Schuld, der. Hoffart (383—417); die völlige Reinigung von seiner ehemaligen Weltlichkeit erlangt er durch die schwerste Leistung, den vollen Verzicht auf Lebensglück (1225. 1233— 56) und demütige Hingabe an Gottes Willen (1276. 1352). Vor der Tür des Arztes, als er den jungen süßen Leib zum Blutopfer ausgestreckt sieht, geht in ihm die Wiedergeburt des inneren Menschen vor, er gewan einen niwwen muot 1235, er wandelte sein altes Wesen, die Selbstsucht, in eine niuwe gäete, in ein neues, ein reines Gutsein. Das Erbarmen mit dem Kinde, das ihm sein Leben zum Opfer bringt, ist ein Zeichen, daß die triuwe von seinem Herzen Besitz genommen. Damit ist er innerlich reif geworden, die Gnade Gottes zu empfangen (1385 f.), aus dem armen Heinrich ist der guote herre Heinrich geworden (1372). Er hat den Zustand seines ersten Glücks wieder erlangt (1353—Schluß), jetzt aber der stceten ere und des wahren Glücks, 1 Religion und ethischer Gehalt: ScHÖNB. 73-79. 130—56. 191 ff. 204—06. 451—54; Ehrismann, ZfdA. 56, 188—94; Ders., Prager dt. Studien, Festschr. f. Kelle, 1908. 2 Vgl. ob. Erec 1085—96. 202 Die erzählende Dichtung das nicht nur in guot und weltlicher ere besteht, sondern in der Huld Gottes (1430—36). Die reine Jungfrau, die durch ihre triuwe 1 den weltschuldigen Herrn rettet, ist die ethische Zentralsonne des Gedichts. Güete ist die angeborene Wesenseigenschaft des Kindes: si hete gar ir gemtlete mit reiner kindes güete an ir Herren gewant (321 ff. 305. 310. 466. 522). Mit der güete verbunden bringt die triuwe, die barmherzige Nächstenliebe, Charitas (574. 942. 1001. 1356) das Wunder der Erlösung hervor. Aber die triuwe selbst ist erst eine Frucht des heiligen Geistes, von Gott kommt ihr der Wille zur Hingabe ihres Lebens (855—74. 1036-40, auch 693—97). Ethisch bewertet ist also das Gedicht ein literarisches Beispiel für das Prinzip der mittelalterl.-christlichen Ethik: alle guten Handlungen des Menschen sind das Werk der in ihm wirkenden Gnade Gottes. Ein Gnadenwunder ist die Erleuchtung der Jungfrau zum Erlösungsopfer, und ihre sittliche Kraft bewirkt die Seelengenesung des Herrn, denn ihre triuwe erzeugt auch in ihm die triuwe und schafft das Wunder seiner leiblichen Heilung. Treue um Treue. Beide haben die Probe bestanden, denn das über sie verhängte Geschick war eine Prüfung Gottes (1353—70). Das Blutopfer selbst wird nicht vollzogen, die Rechtfertigung liegt in dem rein innerlichen Vorgang der triuwe, die das Kind von jeher besaß und zu der der Ritter sich emporgeläutert hat. 2 In dem transzendenten Weltbild 3 wurzeln die religiösen Gedanken der gotterfüllten Jungfrau. Sie kann sich nicht genug tun, ihrer Weltverachtung und Himmelssehnsucht Worte zu leihen. In schärfsten Gegensatz stellt sie die lockenden Scheinfreuden der Welt gegen die glänzende Himmelskrone (688—736. 775—98. 1289-1382, auch 688 f. Teufel und Gott, 690—99 Weltlust und Hölle). Der legendarische Gehalt ist zusammengefaßt in der Person der Heldin des Gedichtes. Sie ist in Wirklichkeit eine Heldin, eine christliche Heroine, die den Märtyrertypus einer Heiligen trägt. 4 Schon ihr kindliches Spiel war, ihr selbst unbewußt, ein Liebeswerk der Barmherzigkeit und in exstatischer Verzückung drängt sie zur himmlichen Glorie, als ihr der Weg sich öffnet zur Darbringung des größten Liebesopfers, zur Hingabe des eigenen Selbst. Qottesstaates, geworden. Die Eltern sind Kinder des Gottesreichs (sie haben triuwe 985 f. 1015); auch der Arzt, denn er schreibt die Macht zur Heilung Gott zu 204, er hat Erbarmen mit dem Mädchen 1201. 15. Das Mädchen war stets ein gottbegnadetes Kind. 4 Ehrismann, Festschr. f. Kelle.—Die Sprache des A. H. ist überreich an Bildern (s. unten ,Stil'), deren meiste der Bibel oder kirchlichen Schriftstellern entnommen sind, Schönbach S. 130—55.191 ff. 204-06. Auch die lat. Zitate gehören zum Legendensiil,PiQUETS.280, und der Abschluß mit amen wie im Greg., Schönb. S. 79. Der Schluß der Hs. B a B b ist ganz mönchisch: die Vermählten gehen sofort ins Kloster, s. Wack.-Stadler S. 243. 1 Wenn man eine geheime irdische Liebe des Mädchens zu dem Herrn mitsprechen läßt, bringt man moderne Empfindungsweise und ein uns beliebtes Romanmotiv in die m.alterl. Legende und zerstört die einheitliche Größe der gottbegeisterten Frömmigkeit; Cassel, Weim. Jahrb. S. 460; Burdach, Anz. 12, 199 f.; Ehrismann, Festg. f. Kelle; Stadler bei Wack.-Stadler S. 242. 2 Der Wille, nicht die Handlung ist entscheidend zum sittlich Guten, die Gesinnung, daz gemilete 1038. 1209, muot 1235. 3 Johannes Fiebach.D. dualist. Weltanschauung im A. H., Beitr. 44,279—88: Heinr. ist aus e. civis diaboli, des Weltstaates, der der su- perbia verfallen war, zu e. civis Dei, des § 29. Der Arme Heinrich 203 Alle irdischen Regungen sind in ihr erstorben und die Sehnsucht nach dem Himmelsbräutigam ist mächtiger als die Sorge um die armen, verlassenen Eltern. Das Wunder ist die Atmosphäre, die dieses schon über der Erdenwelt schwebende Wesen umgibt, der heilige Geist hat sie erfüllt mit Weisheit und flammender Beredsamkeit. Das Natürliche ist in diesen Momenten der Exstase abgestreift im Triumph jenseitiger Vergeistigung. Aber unter den Himmelsphantasien des erdentrückten Mädchens geht das natürliche Leben mit seinen sozialen Einrichtungen und Alltagsbedürfnissen. Nebeneinander liegen Wunderwelt und Wirklichkeit. Aus keiner Dichtung der mhd. höfischen Epik spricht so unmittelbar das wirkliche, gegenwarterfüllte Leben. Die Familiengeschichte hat ein ausgesprochen historisches und lokales Gepräge. Eben dadurch wird der Eindruck des Tatsächlichen verstärkt, daß der Name und die Heimat des Helden gleichsam urkundlich angegeben werden (31 f. 48 f. 1419 ff.), ja daß er dem Herrengeschlechte des Dichters selbst angehört. Wir werden in eine Umgebung geführt, in der Hartmann selbst lebt. Von der wunderbaren Genesung abgesehen könnte sich fast alles wirklich so begeben haben, wie es erzählt ist: die Standesverhältnisse, 1 der Aussatz und die Absonderung, das Aufsuchen der berühmtesten Ärzteschulen, das Leben auf dem Pächterhofe, das Kinderidyll, der bäuerliche Vorstellungskreis der Tochter (747—98), höfische Züge wie die ritterliche Reiseausrüstung (1020—26), die gute Lebensart des Ritters (1338—41), dann der Empfang bei der Rückkehr in die Heimat (das Lob der Schwaben J.419—27, vgl. Iwein 2693 f.), die Berufung der Magen und Mannen in der Vermählungsfrage. Gegen die Heirat des hohen adligen Herrn mit der Bauerntochter bestand kein Rechtshindernis, da sie freier Herkunft war (269. 1497), aber doch war es immerhin eine Mißheirat. 3 Wie im Stoff des Greg., so kreuzen sich also auch im A.H. zwei poetische Vorstellungskreise: der Greg, ist eine Legende in höfisch-romanhafter Umwelt, der A.H. eine historische, also in die Wirklichkeit versetzte Sage mit legendenhaftem Einschlag. Bei der geschichtlichen Auffassung und in dem bäuerlichen Lebenskreise ist kein Platz für höfische Romanmotive, Heldentaten, Abenteuer, Frauendienst. Die Erzählung verfolgt gerade den Zweck, die oberflächlich höfisch-weltmännische Konvention herabzusetzen. 3 Die sittliche Idee ist in beiden Werken die gleiche: von der Weltschuld zu Gottes Gnade. Aber die Läuterung des aussätzigen Ritters zu barmherziger Selbstentsagung ist innerlicher, sittlich tiefer und menschlich wärmer als das mönchischasketische Bußmartyrium des guten Sünders. Im A. H. ist das Ziel die Gestaltung des Lebens, im Greg, seine Überwindung. 4 Der Sieg über das Leben und über den Tod verleiht jeder Legende einen freudig triumphierenden Ausgang, freudvoll ist auch der Abschluß der Leidenszeit im A. H., aber nun ^CHöNB.S.SOSff.; Schulte, ZfdA.41,264f. 2 Wackern. zu 1497; Schönb. S. 306—15; Schulte aaO. 3 Piquet S. 279 f. 4 Vgl. Jodl, Gesch. d. Ethik 2 S. 128. 204 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG ganz wieder im Sinne einer realistischen Lebensgestaltung, mit einer glücklichen Heirat. — Im A. H. gibt H. seine wahre Stellung im Verhältnis zu Welt und Gott. Im Gegensatz zu der einseitig kirchlichen Richtung im Greg, ist es die tüchtige Laienmoral: seine Pflichten gegen Gott und gegen den Lebensberuf zu erfüllen, nach süezem lanclibe do besäzen si getiefte daz ewige rlche 1514—16. Alle vier epischen Dichtungen H.s sind ethisch bezogen und haben gleichen inneren Verlauf: der Held verläßt die ihm gesetzte Ordnung, dadurch gerät er in Schuld, von der er sich durch Bewährung seines ursprünglich guten Charakters wieder herstellt. Von den beiden Polen Schuld und Sühne wird die moralische Handlung bestimmt. Hartmanns Armer Heinrich ist ein Meisterwerk der mhd. Erzählungskunst. Der Dichter beherrschte den Stoff und formte ihn zu einem einheitlichen Organismus, dessen Glieder in sich und im Verhältnis zum Ganzen ein wohlgeordnetes Gesamtbild ergeben. Es wird hier deutlich, daß die mittelalterl. Dichter doch nur kürzer angelegte literarische Formen völlig zu durchdringen und in richtigen Maßen zu halten vermögen. Die Stoffmassen der großen Epen, die durch Aneinanderreihen von Abenteuern, durch Erweiterungen und Motivwiederholungen zu ihrem erheblichen Umfang aufgebauscht sind, schlottern wie weite Gewänder um die leibliche Substanz des Romangebildes. Hier, in dem engeren Rahmen einer Novelle, hemmt nicht die Hypertrophie „höfischer Partien" die natürliche Entfaltung der Dinge. Selbst die große Rede des Mädchens 663—854 lassen wir uns an dieser Stelle gefallen, denn sie bildet den Höhepunkt der inneren, religiösen Handlung. Mit weiser Mäßigung hat H. die Grenze zwischen Realismus und rohem Naturalismus eingehalten. Zu einer Ausschlachtung des Häßlichen bot der Stoff reichlich Gelegenheit, aber H. sagt gar nichts über die abstoßenden Symptome der Krankheit. In den einen Satz, in die rein sachlich medizinische Diagnose in ergreif diu. miselsuht 119, ist das Schrecknis des Siechtums zusammengeballt und nur die Wirkung auf die Umwelt hält dem Leser das ganze Elend des Unglücklichen vor Augen. Die chirurgische Behandlung durch den Salerner Arzt ist dagegen genau beschrieben (1085—97. 1204— 21) und eben dadurch wird die Zeichnung der Charaktere, des Mädchens, des Ritters, des Arztes, gehoben. Goethe verursachte die Lektüre des Gedichtes, das er in Büschings übler Erneuerung las (Annalen 1811), „physisch-ästhetischen Schmerz": „den Ekel gegen einen aussätzigen Herrn, für den sich das wackerste Mädchen opfert, wird man schwerlich los". Das MA. war ihm nicht innerlich verwandt, „hier hatte sich eine alles verwandelnde Zeit dazwischen gelegt". 1 Was Hartmann gerade sorgfältig verhüllte, das Ekelhafte der Krankheit, das schuf er mit seinem alles plastisch sehenden Auge sinngreiflich nach. Die mittelalterl. Gedankenwelt lag ihm zu ferne .und so sah er in der Todeshingabe 1 Wack.-Stadler S. 237 f.; Burdach, Anz. 12, 199. § 30. Hartmanns Stil und Metrik 205 nur das. Opfer eines wackern Mädchens, nicht ein Symbol der Erlösung. Er selbst hat uns ein solches, ein unvergleichliches, geschaffen. Eine reine Jungfrau hat die tobenden Furien des Orestes beschwichtigt. „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit." Die reine Menschlichkeit ist mittelalterlich aufgefaßt die triuwe. Aber hier nun klafft der Riß zwischen unserm ethischen Empfinden und dem des MA.s: nicht der autonome Wille des erlösenden Menschenkindes, die unmittelbar von dessen sittlicher Reinheit ausströmende Beseligung vollbringt das Heilungswunder, sondern die Gnade Gottes erst schafft die sühnende Kraft der triuwe. — Die neue Zeit, der durch die Romantik der Sinn für das MA. wieder aufgegangen ist, fand in Hartmanns Gedicht das bleibend Gültige heraus, den Erlösungswillen, 1 und ein Hauch der Gnade streift auch das himmlisch-irdische Liebeswunder des kleinen Gemahl in Gerhart Hauptmanns moderner Mystik. Wer aber immer in der Tat des reinen Kindes ein Abbild des göttlichen Erlösungsopfers schaut, der wird die Seelentiefe von Hartmanns Werk empfinden. „Wie du dich sanft geneiget und über mich gebeuget, da schwand die Fieberwut." §30. Hartmanns Stil und Metrik Lit.: in d. Anmerkungen Lachmanns zum Iwein, Haupts zum Erec, auch in den Registern dieser Ausgaben; W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 212ff. pass., 4, 331 f.; Pfeiffer, Freie Forsch. 343— 60; die Untersuchungen von Kraus u. Zwierzina s. ob. (bes. Zwierzina, Festg. f. Heinzel); H. Roetteken, Die ep. Kunst H.s v. Aue usw.; Q. Jeske, Die Kunst H.s v. A. verglichen mit der seiner Nachahmer, Greifsw. Diss. 1909; Schmuhl, Beitr. z. Würdigung d. Stiles H.s v. A., Progr. Halle 1881, dazu JB. 1882,119 f.; Gust. Schmidt, Die natürl. Bedingungen f. d. formalen Gegensätze im Kunstepos u. Volksepos usw., Rostocker Diss. 1878; Faust, Dichotomische Responsion, ZfdA. 24, 1—25; Fr. Hausen, Die Kampfschilderungen bei H. v. A. u. Wirnt v. Gr., 1885, dazu Niedner, DLz. 1885,1110, Lbl. 1885,484, Cbl. 1886,838; Schwietering, Zur Gesch. v. Speer u. Schwert, Festschr. f. Sievers 1925 S. 33 ff. u. ö.; Schwartzkopff, Rede u. Redescene, Pal. 74 Reg. S. 147, dazu Rosenhagen, DLz. 1910,550ff., Lunzer, Anz.35,131 — 40; Helm. Peetz, D. Monolog bei H. v. A., b. Ulr. v. Zaz. u. b. Wirnt v. Gr., Greifsw. Diss. 1911; Rosenhagen, Dt. Vierteljahrsschr. 2, 803f.; Ehrismann, Duzen u. Ihrzen, ZfdWortf. 5,136ff.; Bernhart, ZfdPh. 33, 368ff.; Dexel, Üb. gesellschaftl. Anschauungen usw., Greifsw. Diss. 1909; Th. Langer, Der Dualismus der Weltanschauung bei H. v. A., Greifsw. Diss. 1913; W. Heyne, Die Technik d. Darstellung lebender Wesen bei H. v. A., Greifsw. Diss. 1912; E. Stadler, Verhältn. d. Hss. D u. G von Wolframs Parz., Straßbg. Diss. 1907. — L. Bock, Üb. einige Fälle des Conjunctivs im Mhd., QF.27 (1878), dazu Behaghel, Germ.24,378—81; Leop. Weingartner, Die von L. Bock aufgestellten Kategorien des Conj. im Mhd. untersucht an H. v. A., Progr. Troppau 1881; Starr Willard Cutting, Der Conj. bei H. v. A., Germ. Studies I, Chicago 1894, dazu Reis, Lbl. 1896, 226; Sylvius v. Monsterberg-MOnckenau, D. Inf. in d. Epen H.s v. A., Germ. Abh. 5 (1885), dazu Löhner, DLz. 1885, 1745, Klinghardt, Lbl. 1887,9; Ders., Der Inf. nach wellen usw. in d. Epen H.s v. A., ZfdPh. 18, lff. 144ff. 301 ff.; Rob.Kynast, Die temporalen Adverbialsätze bei H. v. A„ Bresl.Diss. 1880, dazu DLz. 1881, 1657; K. Peters, Die Synt. d. Objekts- u. Subjektssatzes mit bes. Berücksichtig, d. Werke H.s v. A., Rost. Diss. 1877; C. Hornig, Form u. Gebrauch d. mhd. Satzartikels od. d. Conj. daz bei H. v. A., Brandenbg. 1847; Ders., Die Wörter 1 H. Tardel, „Der arme Heinr." in d. neueren Dichtung, Berl. 1905, dazu R. M. Meyer, ZfdPh.38,557— Rud.Borchardt, H.s „Armer Heinrich",Preuß.Jahrb.l925 3.Sept.,Bd.201, 246-63. 206 Die erzählende Dichtung der diu daz als Pron. dem. usw., Treptow 1854; W. Kammel, Üb. d. Stellung des Gattungsnamens beim Eigennamen in d. Werken H.s v. A., ZfdPh. 41, lff.; R. Barz, Das Part. imlw. u. d. Nib.liede, Progr. Riga 1881; Berth. Schulze, Berl. Diss. 1892; Emma Bürck, Sprachgebr. u.Reim in H.sIwein,Münch.Texte2, II, 1922; Jul.Weigand, ZfdU. 31 (1917), 131 ff.; Strauch, Anz. 41, 53; Erich Mai, D. mhd. Ged. v. Mönch Felix, Reg. S. 495 f.; s. auch Ludwig unt. Albr. v. Halberst., Preuss, Myska, Hansen, Heidingsfeld unt. Gotfr. v. Straßbg. u. ob. unt. H.s Leben. Hartmann hat das von Veldeke begründete neue Formprinzip zu einer schönen Regelmäßigkeit vervollkommnet und hat eine individuelle Kunstsprache geschaffen auf Grund der Sprechart der gebildeten Hofkreise seiner obd. Heimat. Seine Sprache ist ein Ausdruck seiner natürlichen Grundveranlagung, der mäze. Gotfrid hat ein treffendes Bild von ihr entworfen (Trist. 4619—35). Er faßt das Wesen von H.s Sprachkunst als eine harmonische Übereinstimmung von Wort und Sinn: kristallhell und rein sind diese lieblichen, schmiegsamen Worte, in ihrer Klarheit liegt ihr Schmuck. H. wirkt nicht durch Virtuosität und rhetorische Kunstmittel wie Gotfrid und nicht durch auffallende Seltsamkeiten wie Wolfram. Er will überhaupt nicht durch äußere Formmittel wirken, vielmehr ist ihm die Sprache einfache Wiedergabe seiner Gedanken; nur an bestimmten Stellen ist sie rednerisch zu höherer Wirkung gesteigert. „Seine Rede bewegt sich immer frei, leicht und natürlich", „natürliche, anmutige Freiheit des Vortrags" (Beneckes Anm. zu Iw. 22.1248). Er folgt der mittleren, der gemäßigten Schreibart. In H.s Stil ist eine Entwicklung in aufsteigender Linie von größerer Freiheit im Erec zu bewußter Sorgfalt und zugleich zur Annäherung an die natürliche, gesprochene Rede im Gregor und Armen Heinrich zu beobachten. Im Iwein ist schließlich der Ausdruck peinlich geregelt, der Iwein ist überhaupt „das sauberste und regelmäßigste unter den höfischen Gedichten" (Lachmann im Eingang zu den Lesarten des Iwein S. 359). So erscheint das dichterische Werk H.s als ein künstlerischer Organismus mit folgerichtiger Formentwicklung. Im Erec haftet die sprachliche Fassung noch merkbar an der älteren und volkstümlichen Tradition. An sie erinnern sog. unhöfische bzw. veraltete Wörter (gemeit, magedin, garwe u.a.), formelhafte Wendungen, 1 nachgesetzte Epitheta und persönliche Pronomina {riter guot, tohter min), die freiere Wortstellung der älteren Epik, martialische Kampfschilderungen; das Maß der Komposition ist stellenweise durch lange Beschreibungen überschritten (Enitens Pferd); franz. Wörter werden häufiger als in den andern Dichtungen zugelassen. 2 Im Iwein hat H. seine Idealsprache durchgeführt (doch erst etwa nach V. 1000, und auch die letzten 500 V. sind sorgloser). Die Rückstände des Erec sind ausgeschaltet, die Stellung des Verbums im Satz folgt der gesprochenen Sprache (nicht mehr Endstellung im Hauptsatz wie noch im A.H. V. 1 Ein riter so geleret was, dafür im Iw. 21 Umwandlung I 1 Zwierzina, Festg.f.Heinz.S.506ff.; Roet- teken S. 104 ff.; Langer pass.; v. Jacobi, Rechts- u. Hausaltert. S. 5 ff. 2 Veraltete (unhöf.) u. franz. Wörter s. oben Einl. u. unten bei Wolfr.s Stil; E. Naumann, ZfdA.22, 55 f.; Saran, Beitr.24,55 f.; Zwierzina, Festg. S.445 ff. u.ö., ZfdA. 45, 262 f. — Piquet S. 377; Schröder, Rittermaren• S.XI. § 30. Hartmanns Stil und Metrik . 207 in einen Nebensatz der geleret was). H.s formal geschultes Talent und seine pünktliche Beobachtung der sprachlichen Norm tritt besonders darin zutage, daß er Doppelformen im Reime meidet, d. h. er gebraucht, wenn die Dichtersprache zwei Formen für das gleiche Wort bot, nur eine einzige oder er drängt beide zurück (z. B. began und begunde). Die Satzbildung 1 ist einfach. Nebenordnung und Unterordnung wechseln ab. Im Erec überwiegt noch etwas die Beiordnung (Nebenordnung), während sich im Iwein beide die Wage halten. Manchmal treten kurze Sätze mit längeren in Gegenwirkung. Charakteristisch für H.s Gedankenstilisierung ist die ordnende Gliederung, die sich formal darstellt als zwei- oder mehrgliedriger Parallelismus, logisch als Beiordnung der Begriffe — wobei beide-eine Synthese oder eine Antithese bilden können; oder als Unterordnung der Begriffe unter einen Gesamtbegriff. Die Grundlage für diese systematische Denkweise erhielt er in der Dialektik der Schulmethode, sie eignet auch der Predigt und dem theologischen Traktat. 2 Die bei ihm so häufige antithetische Formulierung der parallelen Anordnung (antithetischer Parallelismus) entspricht zugleich dem auf Gegensätze gegründeten Inhalt seiner Werke, besonders der beiden religiösen. Der einfachste Parallelismus, die Zweigliedrigkeit von Worten, mit und oder oder verbunden, begegnet bei H. sehr häufig: Synonyma oder zusammenstimmende Begriffe wie ledic unde blöz, riuwec u. unvrö, lanc u. breit, sdicene u. wlt, trüebe u. naz ; oder gegensätzliche wie gröz u. kleine, alte u. junge, lebende ode tot. Vier Verse von je einem Wortpaar Iw. 6464—67. Längere Parallelreihen (Aufzählung, Häufung): Erec mustert 20 der 80 trauernden Frauen, eine dünkt ihn immer schöner als die andere (Steigerung, Klimax), H. markiert sie pedantisch durch Numerierung einiu, diu ander, diu dritte usw. Er. 8261 —88. Häufung auch: stein nodi stec, gebirge noch walt, ze heiz noch ze kalt, ruh u. enge, wallen u. klimmen, waten u. swimmen Greg. 82—92; teilweise mit Anapher: wis getriuwe, wis sta>te, wis mute, wis diemüete usw. Greg. 248—58, auch 864—68; asyndetische Häufung: rot, grüene, wlz, gel, brün, geworht sinwel Er. 8924. Kunstvoll ist das Festgewoge Iw. 62—72 in der Sprache nachgebildet durch kurze Sätze, die anaphorisch einsetzen mit gliederndem dise, wobei immer zwei Verse im Gegensatz stehen, je nach der galanten oder der ritterlichen Beschäftigung, mit zusammenfassendem Abschluß 74—76. Ähnlich gebaut ist die anaphorische Reihe Iw. 6201—05. Sehr häufig bewegen sich H.s Gedanken in antithetischem Parallellauf: ntt u. haz gegen triuwe u. stcete Er. 1495—97; weder ze nider noch ze hö, weder ze kurz noch ze lanc, weder ze gröz noch ze kranc 7341—43 und gleich darauf 7346—48. Die Begriffe rieh — arm sind weiter ausgeführt in der Allegorie von der frouwe Armuot und Richeit Er. 1579—89, und dasselbe Thema e wärt ir arm, nä sit ir rieh ist mit besonderer Ausführlichkeit hervorgehoben unter elfmaliger Wiederholung der anaphorischen Gegensatzworte e — nü Er. 6471 —94. Nach dem Schema des Predigtstils, auch hinsichtlich der gliedernden Formeln nü ver- nemet u. a., ist die Schilderung der fünf alten und fünf jungen Könige eingerichtet (pedan- M/ 1 Fr. Karg, Hypotaxe bei H. v. A., Festschr. f. Sievers 1925 S. 445-77. 2 Predigtstil: Augustinus, De doctrina Christ. B. IV, bes. Cap. 10. 11. 26, 2 f.; Hrabanus Maurus, De clericorum institutione B. III Cap. 28 ff., bes. Cap. 30; Alanus de Insulis, Summa de arte praedicandi Cap. I, Migne 210,111 ff.; Surgant, Manuale curatorum, Basel 1502. 1508; Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im MA., bes. S. 595ff. — Martin Grabmann, DieGesch. d. scholast. Methode. 208 Die erzählende Dichtung tischer als bei Chrestien) Er. 1941—2117 ir wären zehen . . . fünve junc u. fänve alt... die jungen . . . die alten; Nu prüeve ich iu der jungen wät; ditz was diu junge rittersdiaft, nü körnen dar . . . fünf alte künege riche 1978; dazwischen Abschweifungen und zum Ende eine Entgleisung in der zeitlichen Reihenfolge (2073 ff. hinkt nach). Im Iwein ist H.s Formempfinden feiner, auch in der Modellierung gegensätzlicher Gedanken ist seine Sprache freier, er braucht sich nicht mehr an eine schematische Aufzählung zu halten. Mit dem Herzenstausch zwischen Iwein und Laudine 2984—3029 und dem „Geteilten Spiel" (Gewissenskampf Iweins zwischen zwei Pflichten) 4869—913 hat H. bekannte Gegensatzmotive ausgesponnen. Tiefer an menschlichem Gehalt sind Gegenüberstellungen von Lebensstimmungen: die Unterhaltung des jungen und des alten Paares im Burggarten 6517—41; Iweins Nachsinnen über die Nacht als Glückbringerin gegenüber dem sonst so geliebten, jetzt verhaßten Tag 7381—414, dazu 7437 f. 7491 ff.; s. auch Iw. 3350—58 der edel töre; auch 8057 f. Im Gregorius und im A. Heinrich gibt die Weltanschauungsantithese des MA.s 1 den Grundplan für den Inhalt ab. Im Greg, läuft sie mehr als Unterton durch die Tragik der Erzählung und ist nur einige Male auch sprachlich auffallender hervorgehoben wie durch gelinge — vorhte 112—19; sele und llp 436—51.2645—64; liep — leit 451—56 (dazu 462 —64) und 789—99, trurec und vrö 1747—55. Besonders eindringlich wird das Aussehen des lebenden Märtyrers Gregorius entworfen durch das Mittel der Enttäuschung 3379—405: einen sehr schönen Mann — es wird das Muster eines modischen Elegants vorgezaubert —, den fanden sie da nicht, sie fanden einen Bettler — und jetzt wird die Jammergestalt des Büßers bis auf die Knochen beschrieben. Im A. Heinrich prägt sich stärker als im Gregorius die gegensätzliche Denkart auch in der Sprache aus. Hier ist wirklich das Wort die Form des Geistes und wohl in keiner mhd. Dichtung ist die Manchfaltigkeit der Sprachgestaltung zu einem so einheitlichen Ausdruck der inneren Form zusammengehalten als im A. H. Der sprachliche Bau ist logisch durchdacht in wohlgeordneter Gliederung, zugleich aber wird die Phantasie angeregt durch anschauliche Bilder. So ist der Stil harmonisch ausgeglichen durch Vereinigung seiner beiden psychologischen Untergründe des Verstandes und der Einbildungskraft. Besonders der Eingang ist ein Muster für diese Art sprachlicher Anschauung: V. 10—15 Zerlegung in drei Glieder von je zwei Versen, von denen die beiden letzten wieder in einem gegensätzlichen Zusammenhang stehen (got— Hute); 38—46 antithetischer Parallelismus: a) äußere Güter 39, b) innere Güter 40, Zerlegung dieser Antithese 40—46; 50—74 Reihenparallelismus, von 60 —74 in Metaphern gekleidet; die aufgezählten guten Eigenschaften sind sowohl äußere, gesellschaftliche Vorzüge 60. 61. 63. 71 als solche des Charakters 62. 64. 65. 66 f. 68 f. 70, Synthese 72—74, in deren Abschluß 74 die vorhergehenden Eigenschaften zusammengefaßt sind, und zwar die gesellschaftlichen mit hübesdi, die des Charakters mit wis. 75—162 Gegensatz zwischen dem früheren Wunschleben und der jetzigen Erniedrigung stark ausgeprägt in einzelnen sprachlichen, meist bildkräftigen Antithesen, 163—232 die gegensätzliche Stellung geht weiter, flaut aber im sprachlichen Ausdruck ab. Stark ausgeprägt durch Gegenüberstellung ist dann das ethische Thema des Gedichtes „Welthoffart — Demut vor Gott" 383—403. — Den Höhepunkt der Ausdrucksfähigkeit erreicht die Sprache in der schwärmerisch asketischen Rede des vom heiligen Geist verzückten Mädchens, wo der Gegensatz zwischen der Süßigkeit der Welt und der Himmelssehnsucht in immer neuen Wendungen \ und Bildern geoffenbart wird 681—854. — Alle diese Formen ergeben sich organisch aus dem Stoff. Gelehrtenarbeit ist die Zerlegung eines Gedankens in zwei oder mehrere Einzelbegriffe; Iw. 6051—58 Da Ihr so in Ehren steht, so eret got und diu wlp: so sit ir hövesch unde wls; nun erhöht noch Euer beider Ruhm, den iuwern an den eren und den ir antne guote. Greg. 323—28: der Junker hatte vier Gründe für seine Sinnbetörung, daz eine... 1 Langer aaO. § 30. Hartmanns Stil und Metrik 209 daz ander... usw.; dreierlei Schmerz trug die Frau im Herzen, Missetat, Krankheit, Furcht 805—30, dazu kommt noch der Tod des Bruders, so waren es vier Herzeleide 850; ein Leib in drei Erscheinungsformen 3831 f. Formal angesehen ist auch die Stichomythie 1 (rasche Wechselrede, womöglich von Vers zu Vers) eine Reihenbildung. H. verwendet sie häufig: im Erec z. B. 4058—83. 5362— 65. 6168—74. 7493—7525. 7926-43. 9027—49; im Iwein 483—95. 1805f. 2117—19. 2206- 15. 2290—95. 2348-55 u.ö.; Greg. 1299-1306. 3916—24; A. Heinr. 907—11. 1260-68 (passend zu der Aufregung des Zwiegesprächs); 100 Verse lang ist die Reihenrede im Büchl. 1168—1268. Durch Wortwiederholung 2 wird der herrschende Begriff hervorgehoben: erbarmen (5mal) Er. 9785—98 (dazu Haupts Anm.); ähnlich hie inne (5) Er. 9545—61; gliche (12) in anaphor. Reihenaufzählung Er. 9934—39; kumber (5) Iw. 7797—802. — Zur sprachlichen Künstelei wird die Wiederholung im Wort- und Reimspiel, wobei das wiederholte Wort meistens in verschiedenen grammatischen Formen abgewandelt ist (grammatische Figur): Er. 9249—58 slac sluoc siege usw. 8mal. Öfter im Iwein: guot muot (gemtlete) tuot (die 3 Wörter zusammen 14mal) 1867—88 und 2905—11 (3Reimpaare); schaleschalcliche 6238—42; das übertriebene Wortspiel zwischen vaz und haz (auch daz baz laz besaz; Chrest. 6005— 97 gibt wohl die Gedanken, hat aber nicht das Reimspiel) 7015—54, worauf der ganze Abschnitt beschlossen wird mit dem Oxymoron den sige kds: mit sige sigelös usw. 7069—74. Im Greg, kommt nur das eine Wortspiel von muot und guot 607—24 vor, im A. Heinr. gar keines. Parallelismus, Antithese, Wortwiederholung sind logische Stilformen, indem sie mehr auf dem begrifflichen Denken beruhen, die ästhetischen Stilformen richten sich mehr an die Phantasie. Es sind hauptsächlich die Tropen oder Figuren, die Bildersprache. Metaphern liebt H., er häuft sie im A. Heinr. Ausgeführte Bilder und Vergleiche beleben oft seine Darstellung, sie sind aber wenig originell, und zu weit ausgedehnt hemmen sie den epischen Fluß. Bilderreich ist das Büchlein, das selbst auf einer Personifikation beruht: 448—64 Bild von der Nuß, daran anschließend der Wasserkessel 465—77, Sommer und Winter 821—48, Kräuterallegorie 1269 ff. Auch der Erec ist mit Bildern reich ausgestattet, z. B. Enitens Schönheit ist wie wenn Rosenfarbe unter weiße Lilien gegossen wird 1700— 06. 1712. 1716—25, ihre Schönheit überstrahlte die andern Frauen wie der Mond in dunkler Nacht die Sterne 1767—83, vgl. auch 329f.; Bild vom Meer 779—97. 7061—72; von Kampf und Spiel 867—83; von der Härte des Diamanten 8427—41; anderes: 1862—69. 1879—86. 5615—27. 6594—97. 6655. 6659—61. 6783—86. Seltener sind Bilder im Iwein, z.B. 1577— 84. Die aus der klassischen Literatur- überkommene Stilform der Personifikation 3 ist in der höfischen Sprachkunst eingebürgert. Ohne vrou Minne kann auch H. nicht auskommen; sie greift ein im Er. 3684—721, vgl. auch 1857—61, noch mehr, schon bei Chrestien, im Iwein, und H. geht hier noch weiter: die Minne im Zwiegespräch mit dem Dichter gelegentlich des Herzenstausches 2971—3028 (= Chr. 2639—69 ohne Personif.); gegen Chr. hat H. die Minne als Persönlichkeit auch Iw.2054—56.3249—56, s. auch 1335-37. 1419-21. 1519—21; in Übereinstimmung mit Chr. 1537—92. 1605-53 (= Chr. 1356 ff.). 7015—54 (= Chr. 6013 ff.). Andere Personifikationen r'vrou Scelde Er. 3460. 9899—902, Greg. 1697— 1706, vrouwe Soelicheit Greg. 1235—37, Saide — Unscelde Greg. 2562—69, Unscelde Iw. 4449—52; vr. Armuot — Rlcheit Er. 1579ff., fr. Melde Er.2516—20 (s. dazu Haupts Anm.); diu Gefuoge Er. 7541. H.s mehr theoretische als anschauliche Gedankenbildung verbindet leicht den einzelnen Fall mit dem Allgemeinen, an das einmalige Ereignis knüpft er gern eine allgemeine Betrachtung, eine Sentenz. 4 Allerdings ist ihm schon Chrestien mit der Einflechtung von 1 W. Grimm, Kl. Sehr. 3,246. 2 Behaghel, Beitr. 30, 431 ff. 3 Mhd. Wb. unter ere, minne, scelde u. a.; Schmuhl S. 24 f.; Roetteken S. 79 ff.; Rich. Deutsche Literaturgeschichte III 14 Galle, Die Personif. in d. mhd. Dicht., Leipz. Diss. 1888. — J. Grimm, Mythol. 4 S. 733 ff. * W. Weise, Die Sentenz bei H. v. A., Marbg. Diss. 1910; F. C. Lorenz, Üb. d. lehrhafte Ele- : 210 Die erzählende Dichtung solchen typischen Aussprüchen vorangegangen, aber H. hat noch viele eigene hinzugetan, z. B. Er. 348 f. 2527 f. 3876 f. 4096—102. 4293—97. 4559—61. 4801 f. 5056—58. 5669—73. 5985—90. 6254—57. 7010f. 8621—30. 9422—31 (vgl. 1523—33. 3245—58. 5763—73). 9823- 25; Greg. 475—77. 842f. 1504—06. 1517—21. 1681-83. 2716—20; A.H. 101—04. 949—54. 1422—25; Iw. 193—95. 206-09. 818—22. 2524f. 2683—94. 2702—08. 2731—38. 3032—36. 3077—79. 3267—70. 3691—93. 4252—54. 4326—30. 4389—92. 4413-21. 5196—98. 5350, 6064—66. 6619. 6636.6935f. 6997—7002.7147-49.7171—80. — Attributive Beiwörter 1 verwendet H. verhältnismäßig sparsam, selten heben sie den stilistischen Ausdruck. — Die Natur ist für H. kein unmittelbares Erlebnis. Zumeist ist sie ihm ein künstlerisches Mittel in allgemein auch sonst gebrauchten Bildern und Vergleichen. 2 Ein Hartmanns freundlicher Wesensart eigener Humor gibt einigen Stellen, bes. im Erec, eine gemütliche Stimmung: das Gespenst unter den Hochzeitsgästen Er.6624ff.; die humoristisch-ironische Behandlung der Zuhörer 7512 ff., vgl. auch 7618 (wer's nicht glaubt, geh' hin und seh'); auch 366—85. 386—95. Das »Hervortreten der Persönlichkeit" 3 des Dichters überbrückt den Abstand von dem Objekt, den Ereignissen, und erweckt den Eindruck historischer Nähe. Der Dichter zeigt Teilnahme mit seinen Helden, er lebt mit ihnen. Er gibt ihnen in schwerer Schicksalslage einen Segenswunsch, nü müeze got gesenden disen eilenden . . . ros da sl üf fiten Er. 6698—701, nä sl got der in «er 6901, ebenso 7077 f. 10072. Iw. 6956—76. Wo ihm ein Auftritt in der Erzählung zum Selbsterlebnis wird, da klingen zuweilen gemütvolle Andeutungen durch, wie bes. in Selbstbeziehungen: niemals möge mir ein so großes Abschiedsleid geschehen Greg. 644—47; ich siufte, so ich vrö bin, minen kunftegen ungewin Iw. 3098—100; so liebe als ir da geschach, als liebe müeze uns noch geschehen, daz wir uns alse liebe gesehen Iw. 5969—71 (dazu Beneckes Anm.); hierher auch Greg. 789—804. Iw. 48—58. Humoristische Zwischenbemerkungen Er. 6641. 6680f. 9209f.; Bescheidenheitsbezeugung Er. 1590—1610; Verdeutlichung Er. 8002—06; der Dichter will sich kurz fassen Er. 7429f. 7450—61. 7483—92, Iw. 1029—45. 6939—46;.er tritt als Verteidiger auf Iw. 1871— I 88. Am breitesten läßt H. in dem Gespräch mit der Minne sich selbst mitspielen Iw. 2971 ff. Unerheblich sind Ich-Sätze wie Er. 5172—75. 6127—31, Greg. 724 f., Iw. 1135. 3031.3036. — Der Dichter versetzt seine Hörer und sich selbst in die unmittelbare Anschauung der Vorgänge, meist durch rhetorische Fragen: wer sol nä sin arzät sin der heile sine wunden? Er. 7207 f., wer zceme baz an slner stat? Er. 10071 (erweitert 10076), Wer solt in ab daz enblanden? Er.7163—66 (vgl. Er. 6667 f.) und dazu 7179 und die humoristische Aufforderung 7182—87; öwe der frowen dritten! waz sol doch sl nü fiten? Er. 7264—68; nü waz weit ir daz der künec tuo? Er. 6902, ähnlich Iw. 3309 und Er. 9263; wes möhten st langer biten? Er. 2121, vgl. Iw. 6977—80; suln wir nü ze fuoze gän? daz haben wir selten e getan Er. 6994—97; das Erzählte als gegenwärtiger Vorgang Er. 2070 f. 7767; Aufforderungsformel nü seht Er. 6815. Iw. 694. 3102. 7202, nü sprechet Er. 6669. ■ Noch lebhafter gestaltet der Dichter den Verkehr mit den Hörern, wenn er sie selbst gesprächsweise in die Unterhaltung mit hereinzieht („fingierter Dialog'): 4 der Dichter fragt das Publikum und gibt selbst die Antwort (im Er. häufig, doch erst von 4150 an, seltener im Iw.): Frage Fragt ir v/az dar inne st? Antwort da wären inne besunder usw. Er. 7145 ff.; Fr. Sprecht ir wie daz mohte sin? Antw. von diu usw. Er. 10049 ff., auch Er. 4150 ff. 7769 ff. 8745 ff. Oder der Dichter legt dem Publikum eine Frage an ihn in den Mund und beantwortet sie: Fr. nü sage, waz was ir bettewat? Antw. entriwen, als ez der walt hat. . ., dann eine Zurechtweisung der fingierten Frager: waz touc daz lange fragen"? ment in d. mhd. Kunstepen, Rost. Diss. 1881 (Hartm. S.20ff.). 1 Hugo Zell, D. Adj.b.Wolfr. v.E.,H.v.A. u. Gotfr. v. Str., Straßbg. Diss. 1909; W. Lotz, I Müller, Naturgefühl im MA., Reg. S. 301 D.attrib.Beiwort bei H.v.A., Gieß.Diss.1910; 3 Roetteken S. 195ff., bes. S. 203ff. Nolte, ZfdA. 52, 76—80 (Bildungen mit -rieh, \ * Schwarzkopff, Rede S. 131 ff. -beere). 2 Biese, Entwickelung des Naturgefühls S. 104f.; Lüning, Die Natur pass.; Ganzen- § 30. Hartmanns Stil und Metrik 211 Er. 7106—11; ähnlich Er. 7826—33, mit vertraulicher Anrede: geselle Hartman, nä sage usw. Er. 9169 ff.; Ich warne, vrinnt H., da missedenkest dar an, war umbe spridiestä daz? usw. Antw. nä wil ich iu bescheiden daz Iw. 7027 ff. — Die Beschreibung von Enitens Pferd Er. 7286—766 ist eine für sich abgeschlossene Einlage, sie ist für den Geschmack der Hörer berechnet und darum wendet sich gerade hier der Dichter mit besonderer Vorliebe an sie, führt mit ihnen eine Unterhaltung. Auch die Abschweifung auf das Pflaster der Fämurgän bewegt sich in solchem mehr unterhaltenden Ton, Er. 5153 f. 5162—64. 5166. 5172-74. 5215. 5223—32. 5237. 1 Metrik Lit.: Haupt, Erec Anm. zu V. 1036; W. Grimm, Kl. Sehr. 4,125ff. u. Reg. S. 331 f.; Henrici, Ausg. Bd. 2 S. XXXIV ff.; Saran, Dt. Verslehre, Reg. S. 348 u. bes. S. 261 f. 266 ff., dazu Pfannmüller, Ob. metr. „Stilarten" in d. mhd. Epik, Beitr. 40, 373—81; Saran, H.s Lyrik S.49ff.; Ders., Beitr. 23,1 ff. 24,1 ff.; Kraus, Metr.Untersuch. überReinbots Georg, Gott. Abhandl. NF. VI Nr. 1 (1902), 167—222; Ders., Festg. f. Heinzel aaO.; Zwierzina ebda, Zwierzina, ZfdA. 44 u. 45 aaO.; B. J. Vos, The Diction and Rime-Technic, 1896, dazu Heinzel, Kl. Sehr. S.432—35 u. ZföG.49,134—37, Schönbach, Östr. Lbl. 1898, 718, Helm, Lbl. 1898, 234; Schirokauer, Beitr. 47,1 ff. u. Reg. S. 124; Schröder, Münch. SB. 1924,3. Abh. S. 6 f. — Nolte, D. klingenden Reime bei H., Gotfr. u. Wolfr., ZfdA. 51,113—42; K. Stahl, D. Reimbrechung bei H. v. A., Rost. Diss.1888, dazu Glöde, Lbl. 1889,407; Wahnschaffe, Enjambement, Pal. 132, dazu Behaghel, Lbl. 1921, 228f., Hübner, Arch. 142,301 f.; B. Ritter, D. metr. Brechung in d. Werken H.s v. A., Hall. Diss. 1913; Anna Siemsen, D. Wörter der Form c — >< in d. Versen H.s v. A., Bonn. Diss. 1909; U. Friedländer, Metrisches zum Iwein, Festschr. f-. Schade 1896, S. 365—74; s. auch Ludwig, Albr. v. Halberst. S. 26-32. Hartmanns rhythmischer Formsinn hat die Hinneigung zur Freiheit, er ruht in der altheimischen Betonungsart. Die Freiheit besteht in der Behandlung der Senkungen: senkungslose Takte (beschwerte Hebung) werden unbedenklich zugelassen, sie machen im Erec über 37 Proz. aus, im Iwein über 32 Proz. Das Büchlein hat im Anschluß an die Lieder, denen es inhaltlich und zeitlich nahe steht, einen ziemlich regelrechten Versbau. Im Gegensatz hat der epische Stil des Erec einen viel eckigeren Tonfall, der den Eindruck rhythmischer Lässigkeit macht. In den folgenden Dichtungen gewinnt die Rhythmik wieder größere Sorgfalt (glattere Verse im Greg, und A. H.), im Iwein ist sie getragen von dem in H. herrschenden Kunstprinzip der natürlichen Sprechweise. Zwischen dem Betonungsethos des Erec und dem des Iwein besteht eine Kluft, gerade in Betracht der „unregelmäßigen" (in der Ausfüllung der Senkungen freieren) Verse: im Erec lassen sie sich oft nur schwer in das System der vier bzw. drei Hebungen einzwängen. H. hat eine Vorliebe für sie, verwendet sie wohl auch schon im Erec häufig in bewußter Absicht als Ausdrucksmittel, besitzt aber noch nicht das rhythmisch geübte Gefühl, um sie kunstgerecht zu gestalten. Im Iw. sind diese freieren Verse 1 Diese Form des fingierten Verkehrs mit der Zuhörerschaft ist in der Predigt üblich, z.B. Berthold v. Regensburg 1, 42, 11 ff.: Frage Owe, bruoder Berhtolt, wie sullen wir denne tuon? Antw. Daz künde ich didi wolgeleren usw., ähnl. S. 43,38 ff. u.ö. Die Anredeformel an die Hörer Nu sprechet ist in den mhd. Predigten sehr beliebt. Einwand u. Antwort ist auch die Form der theol. Lehrmethode, vgl. Grabmann bes. Bd. 2, 516 ff. u. Reg. unter Distinctio 2, 578. — Die Tonart der unmittelbaren Zwiesprache mit den Hörern in den beiden letztangeführten Episoden bei Hartmann könnte indessen doch dem wirklichen Umgangsverkehr nachgeahmt sein, wie wenn einer in der Hofgesellschaft ein merkwürdiges eigenes Erlebnis zum besten gab. 212 Die erzählende Dichtung in ihrer Harmonie mit dem Sinn oft wirkliche Kunstformen. Zu packender Rhetorik verwendet sind die stark hervortretenden Hebungen z. B. in der Beschreibung des Waldmenschen Iw.446—59 (vgl. auch 3734—38). Solche Verse sind auf nachdrucksvolle Deklamation berechnet und erfordern dazu die entsprechende Melodik und die durch die psychophysische Wechselwirkung gebotene Mimik; der alternierende franz. Rhythmus kann solche Wirkung gar nicht erzielen (vgl. Chrestiens Ivain 288 ff.). Die Betonung hebt durch das getragene zurückgehaltene Tempo solcher „unregelmäßiger" Verse oft den inneren Gehalt, wenn mehrere derartige Verse durch die akustische Abwechslung aus der Umgebung alternierend gebauter Verse heraustreten wie z. B. Iw. 581-84. 1331-39 (bes. 1335 f.). 6217; zur Hervorhebung eines Gegensatzes 1983 f. 3615 gegen 3612; zum Abschluß einer Handlung 3652-54. Die Reime sind rein, aber ca. 15 Bindungen sind nur im Dialekt genau (alemann.): 1 m:n wie tuon : ruon, stein : oeheln neunmal im Erec, dreimal im Büchlein; entaste (Prät. zu leschen): glaste Er. 1780; ch : c im Iw. bestreich : sweic 3463, pflac: ersach 4431. — Auch mit den rührenden Reimen 2 wird H. sparsamer, der Erec hat fünfmal mehr als der Iwein. 2. Wolfram von Eschenbach § 31. Literatur Bötticher, Die Wolfram-Lit. seit Lachmann mit krit. Anmerkungen, Berl. 1880, dazu JB. 1880 S. 186 f. 1881 S.150L; Panzer, Bibliographie zu W.v.E., Münch. 1897, dazu Golther, DLz. 1897, 456f., Cbl. 1897, 277, Behaghel, Lbl. 1898, 220, Schröder, Anz. 24, 316—18; Piper, W.v.E. 1,1 ff.; Bötticher in .Ergebn. U.Fortschritte dergerm. Wissensch." 1902 S.273 — 80; Ehrismann, Wolframprobleme, GRM. 1 (1909), 657—74; James Douglas Bruce, The Evolution of Arthurian Romance II, 1924, 398—406. — Über Wolfr. im allgemeinen (Leben u. Werke): Lachmann, Üb. d. Inhalt d. Parz., ungedruckte Rede 1819, veröffentl. v. G. Hinrichs, Anz. 5, 289—305; v. D. Hagen, MS. 4, 192—230; San-Marte, Leben u. Dichten W.s. v. E., 2 Bde., Magdeb. 1836. 1841, 2. Aufl. Leipz. 1858, 3. Aufl. Halle 1887, dazu Hertz, Lbl. 1887, 293f., DLz. 1887, 464, Martin, Anz. 13, 191 f., Bötticher, ZfdPh.21, 121; die Einleitungen bzw. Erläuterungen zu den Übersetzungen v.Simrock, Bötticher, Hertz (Nachtr. 5. Aufl. 1911 v. Rosenhagen). Bartsch, W.s v. E. Parz. als psychol. Epos (1871), Ges. Vortr. u. Aufs. 1883 S. 109—31; K. W. Piderit, Bilder aus Parcival, Gütersloh 1875; Steinmeyer, Allg. D.Biogr. 6 (1877), 340—46; Burdach, Reinmar u. Walther S. 125 f.; Ders., Walther v. d. Vogelw. S. 12 ff. 97. 125 f. 170; Ders., Der myth. u. d. geschichtl. Walther, Dt. Rundschau 1902, Okt., Nov.; Paulus Cassel, Aus Lit. u. Symbolik, 1884, S. 18—151; Bötticher, D. Hohelied v. Rittertum, Berl. 1886, dazu Niedner, DLz. 1886,1166—68, C. Bock, Lbl. 1886,133-35, Martin, Anz. 12, 205—09, A. Schulz (San Marte), ZfdPh. 21, 232—42 u. Erwiderung v. Bötticher 383 f.; G. Gietmann, Parz., Faust, Job, Freiburg i. B., 1887, S. 1—245; Lucae, Der Parz. W.s v. E., Ges. Vortr. 1889; Schönbach, W. v. d. Vogelw. S.91—105, 4. Aufl. v. H. Schneider 1924; Schönbach, Dt. Rundschau 1891 Sept.; Placid Genelin, Unsere höf. Epen u. ihre Quellen, Innsbr. 1891 S.46—82; Lamprecht, Dt. Gesch. 3 2 (1895), 237 ff.; Konr. Borchling, D. jung. Titurel u. s. Verh. z.W.v. E., Göttinger Preisschr. 1897; Martin, W. v. E., Kaisergeburtstagsrede 1903 ; Kuno Francke, Kulturwerte 1 (1910), 143ff.; Dilthey, Erlebnis u. Dichtg. 3 (1910), 221—23; Roethe, Velhagen u. Klasings Monatsh. 36 (1921), 495—501; Ders., D. Dichter d.Parz., Univ.- rede Berl. 1924; Th. Matthias, Rede, ZfDeutschkde.35,241—51; Wilh.R. Valentiner, Zeiten 1 VosS.68; ZwiERZiNA,ZfdA.45,72; BOrck I 2 W. Grimm S. 129ff.; Zwierzina, ZfdA.45, S. 20. ! 286 ff.; v. Kraus, ZfdA. 56,1 ff. (Hartm. S.3 ff.). § 31. Wolfram v. Eschenbach, Literatur. § 32. Wolframs Leben 213 d. Kunst u.d. Religion, Berl. 1919, S. 119—218; Alb. Schreiber, Neue Bausteine zu e. Lebens- gesch. W.s v. E., Frankf. a. M. 1922, dazu Mod. Lang. Rev. July 1923, Ranke, Anz. 45, 9 ff., Blöte, Museum31,152—56, Günther Müller, ZfromPhil.44(1924), 744 f.; B. Jansen, Trist. u.Parz., einBeitr.z.Kulturgesch. d. MA.s, Diss. Utrecht 1923, dazu Neophil. 9,152 f.; W.Gol- ther, Parz. u. d. Gral, Stuttg. 1925 (zitiert „Gralb.'). Ausgaben. Gesamtausgaben: Lachmann (die grundlegende Ausg.), Berl. 1833,2. u. 3. Ausg. 1851 u. 1872 durch Haupt, 4.1879 durch Müllenhoff, 5.1891 durch Weinhold; Piper, Kürschners D. Nat.-Litt. Bd. 5, 3 Teile in 4 Bden. (1890. 93), gekürzt; A. Leitzmann, Ad. Textbibl. Nr. 12—16, 5 Hefte, 1902—06, dazu Behaghel, Lbl. 1904, 271—73; 2. Aufl. 1926 ff. — Par- zival: bei Lachmann, Piper, Leitzmann, außerdem K.Bartsch, D.Klassiker d. MA.s 9— 11, 3 Bde. 1872, 2. Aufl. 1875—77, 3. Aufl. Helioplandr. 1924; Ernst Martin, Germ. Hand- bibl. IX, 1 u. 2, 2 Bde. 1900.1903, Teil I Text, II Komment., dazu Leitzmann u.Martin, ZfdPh. 35, 237—43, ebda 36, 427—29 u. 569 f., Behaghel, Lbl. 1904, 271—73, Piquet, Rev. crit. 56, 312 f., Cbl.1904, 726 f., Seemüller, Arch. 115,190—93, Singer, Anz. 48,81—87; H. Jantzen, Samml. Göschen, neue Aufl. 1925, dazu Piquet, Rev. germ. 1926, 251 f. — Titurel bei Lachmann S.391—420, Bartsch 3, 211—71, Piper 1, 133—192, Martin I S.XLVI—LH u. 297— 315, II S. XXXV—XXXVII; Leitzmann H.5, 157—178. — Willehalm: Lachmann S.423— 639, Piper 1, 192—318 (376), Leitzmann H. 4. 5. — Lieder: Lachmann S.3—10, Piper 1, 123—33, Leitzmann H.5,179—87; s. außerdem „Minnesang". —Nur historischen Wert haben die alten Hss.abdrücke des Parz. v. Chr. H. Myller, Sammig dt. Ged. aus d. XII. XIII u. XIV. Jh. Bd. I, Berlin 1784; des Willehalm v. J. C. G. Casparson, W. d. Heil. v. Oranse I u. II, Cassel 1781. 84; des Titürel v. Docen, Erstes Sendschreiben üb. d. Tit., 1810 (Hs. G); vgl. Ders., Sammig. f. ad. Lit. u. Kunst 1812 S. 234 ff., A.W. Schlegel, Heidelb. Jahrb. 19 (1811), 1073—1111, J. Grimm, Leipz. Lz. 1812 u. Kl. Sehr. 6, 116—27, Benecke, Gott. g.A. 1812, 937ff., J. M. Schottky, Wiener Jahrb. d. Litt. VIII (1819), Anzeigebl. S.30—35. Obersetzungen. Bodmer, Der Parzival, Zyrieh 1753 (Bearbeitg. in Hexametern), s. Gol- ther, Gralb. S. 281 ff., Merker, Festg. f. Ehrismann 1925 S. 196ff.; [Bodmer], Wilh.v.Oranse in zwey Gesängen 1774; San Marte, Leben u. Dichten Bd. 1: Parz., Bd. 2: Lieder, Wilh. v. Orange u. Titurel (z. Teil im Auszug); Ders., Wilh. v. Orange. Zum ersten Male aus d. Mhd. übers. 1873, dazu Cbl. 1873 Nr. 41, Gott. g. A. 1874 Nr. 11; Simrock, Parz. u. Tit., 2. Bde., Stuttg. 1842.49. 57. 62.76.84, mit Einl. Bd. 2, 491-580 u. Anm. S. 581—606, hgb.v. Klee 1907; Gotth. Böt- ticher, Parz. v. W. v. E. in neuer Übertrag., Berl. 1885.93. 1906, dazu Martin, Anz. 12, 97— 100, C. Bock, Lbl. 1886,133—35, Kinzel, N. Jahrb. 1885,557—62, Wackernell, ZföG. 1885 j 762—66, 2. Aufl. bespr. v. Singer, ZföG. 46 (1895), 527—31; Engelmann 1888 (gekürzt);' Pannier, Reclam, 2. Bde. 1897, 2. Aufl. 1902; W. Hertz, Parz. v. W. v. E., neu bearb., Stuttg. 1897, dazu Behaghel, Lbl. 1898, 262, Schönbach, DLz. 1898, 307—11, Cbl. 1898, 1731, 5. Aufl. v. Rosenhagen, mit Nachtrag, 1911, wohlfeile Ausg. m. e. Nachwort von v. D. Leyen 1911.1926; Ausg. im „Druck für die Hundert" Nr. 30/1, Münster 1921; W.v. E., Parz., K. Sim- ROCKS Übertragg. zugrunde gelegt, in „Die Legenden v. Gral", Münch. 1923; Th. Matthias, W. v. E., Werke, im Geiste d. Dichters erneuert, 2 Bde., Hamb. 1925, dazu Hübner, Anz. 45, 99—103. — Franz. Parz.-Übersetzg.: A. Grandmont, Liege 1892; engl. Jessie L. Weston, 2 Bde., Lond. 1894, dazu Cbl. 1895, 859, Martin, Anz. 21, 144, Heinzel, ZföG. 46 (1895), 757—60, Golther, ZfvglLG.10,353f. — Reimregister zu W.s Werken: San-Marte, Quedlinb. u. Leipz. 1867; Karl Thalmann, Reimformenverzeichnis, Münch. Texte, Ergänzungsreihe H. 4, 1925. § 32. Wolframs Leben • Keine Urkunde, keine Chronik nennt den tiefgründigsten Dichter unseres deutschen MA.s, aber aus den vielen persönlichen Andeutungen in seinen ■Siehe oben S.147. Panzer, Bibl. S. 1—3; I Wissenschaft!. Forschungsber. 1914— 17S.69. Piper 1,1 ff.; Martin IIS. IV—XIV; Baesecke, | v. d. Hagen, MS. 4, 192—230; San-Marte, 214 Die erzählende Dichtung Werken und aus den zerstreuten Bezugnahmen anderer, gleichzeitiger oder späterer Verfasser gewinnen wir ein äußerlich umrissenes Bild seines Lebens. Seinen Namen gibt W. viermal an, selbstbewußt stellt er sich vor als Dichter: ich bin Wolfram von Eschenbach unt kan ein teil mit sänge P. 114, 12, ferner P. 185, 7 und am Schluß des Parz. 827, 13, im Wh. 4, 19, immer in der Formel ich W. v. E. (Singer, Festg. f. Heinzel S. 417 f.). Er war ritter- bürtig und war selbst Ritter: Schildes ambet ist min art 115, 11, der Dienst mit dem Schild ist mein angeborener Stand. Darum wird ihm auch von den Späteren der Titel her gegeben. Die große Heidelberger Liederhs. C (die Manessische) um 1330 faßt ihn ebenso in seiner Eigenschaft als Ritter auf: im Wappenrock, von Kopf bis zu Fuß in Eisen gepanzert steht er neben seinem gesattelten Pferde. Seine Heimat ist die kleine Stadt (Ober-)Eschen- bach in der heutigen bayer. Provinz Mittelfranken, 2 Meilen südöstlich von Ansbach. Er war ritterbürtigen Geschlechtes, das wahrscheinlich dem Dienst- mannenstande 1 angehörte. In der Deutschordenskirche zu Eschenbach, dem Frauenmünster, sah Jakob Püterich von Reichertshausen 2 Ws Grab und Wappen, wie er in seinem 1462 verfaßten „Ehrenbrief" Str. 127—30 berichtet (ZfdA. 6, 31—60). Das von ihm beschriebene Wappen ist das gleiche wie das in Conrad Gruenenbergs Wappenbuch (Konstanz, zwischen 1480 und 1493) abgebildete, ein Topf mit Henkel, aus dem 5 Blumen herausragen. Und noch im Jahr 1608 hat der Nürnberger Patrizier Kreß den Grabstein gesehen und das Wappen ähnlich beschrieben (Frommann, Anz. f. Kunde d. d. Vorzeit 1861 Sp. 355—59). Dagegen bringt die große Heidelberger Liederhs. fälschlich das Wappen der oberpfälzischen Eschenbacher, zwei aufrecht stehende Beile. 3 Der Verfasser des jüngeren Titurel nennt Wolfram mehrfach {min) vriunt von Blienvelden, das ist Pleinfeld, 5 Stunden südöstlich von Eschenbach; so auch Püterich aaO., dem jüngeren Titurel folgend. Wolfram selbst rechnet sich zu den Baiern P. 121, 7 ff., vielleicht stammte sein Geschlecht aus Baiern. Es ist eine stilistische Eigentümlichkeit Wolframs, seine Persönlichkeit und seine Umgebung in den Stoff hineinzutragen, gleichsam mitspielen zu lassen. Viele solche Einfälle betreffen Örtlichkeiten seiner engeren und der daran sich schließenden weiteren Umgebung, die zusammengefaßt ein kleines geographisches Bild ergeben. 4 In seiner fränkischen Heimat, nahe östlich von Leben u. Dichten 2, 297—356; Belger, Mor. Haupt aaO.; Schönbach, Walther S. 91— 105, 4. Aufl. v.Schneider; die Übersetzungen v. Bötticher u. Hertz; Roethe, Anz. 23, 310—12; J. B. Kurz, Heimat u. Qeschl. W.s v. E., 61. Jahresber. d. hist. Ver. f. Mittelfranken 1916, dazu Heidingsfelder, Hist.-pol. Bl. 160,141—47, L. Grimm, Das Bayerland 28, 390—92, s. ebda 31, 21—35; Fl. H. Haug, W. v. E., e. Lehensmann d.Grafen v.Wertheim, Jahrb. d.hist. Ver. Alt-Wertheim 1917,41—47; bes. Schreiber, Neue Bausteine; Ludw. Wolff, ZfdA. 61,188-92. ' * Also wie Hartmann u. die meisten mhd. ritterlichen Dichter. Daß er ein frier, ein freier Herr war, ist nicht sicher nachzuweisen. Vgl. Schreiber S. 21.83. 2 Püterich s. Panzer S. 3. 3 W.s Wappen: Panzer S.l f. u. Zeichnungen vor dem Titelblatt; Piper 1, 6—8; Martin II S. V; Schmeller, Üb. W.s v. E. Heimat, Grab u. Wappen, Abhandl. d. bayer. Akad. 2 (1837), 189—208; Helm, Beitr. 33, 323—27; KURZ aaO. bringt noch andere Abbildungen. 4 Siehe Panzers Skizze am Schluß seiner Bibl. § 32. Wolframs Leben 215 Eschenbach, liegt das Schloß der Grafen v. Abenberg, dessen vielbetretenen Anger er dem verlassenen Burghof von Munsalvaesche gegenüberstellt P. 227,7. Eines guten Rufes müssen sich die schmackhaften Krapfen von Trühen- dingen (Wassertrüdingen, südlich von Eschenbach) P. 184,24 erfreut haben, und belustigend mögen die Fastnachtskämpfe der Krämerfrauen vonTolnstein (Dollnstein bei Eichstätt) P. 409,8 ff. gewesen sein (Singer, Neidh.-Stud. S.44). Der Sand Wh. 426, 30 ist jetzt als Stadtteil in Nürnberg erwiesen (Schreiber S. 86—88). Östlich aus Baiern erwähnt Wolfram den kostbaren Regensburger zindäl, einen Webestoff, P. 377,30, die Bernhartshüser Hüte und deren Walkung Wh. 397,4 (Beratzhausen bei Regensburg), und P. 403, 25— 404,16 preist er die Markgräfin vom Heitstein 1 (Elisabeth v. Vohburg, Haid- stein bei Cham im Baier. Wald), ihre feine Bildung und Geistesart vergleichend mit Antikonte, der melde zühte rieh (P. 405, 22). Südlich von Franken, nach Schwaben, führt die Erwähnung von Nördlingen mit seinen Flachsschwingen Wh. 295, 16, westlich davon liegt der große Wald Virgunt Wh. 390, 2 und weiter ab das Lechfeld bei Augsburg, erwähnt in dem humoristischen Vergleich der Größe des Angers von Schastelmarveil P. 565, 4; im Herzen von Schwaben die Pfalzgrafschaft Tübingen Wh. 381, 27, an der Grenze der Schwarzwald P. 379, 6, Wh. 390, 2, Tit. 1, 31, und der Bodensee Wh. 377,5. Die Zitierungen von entfernteren Örtlichkeiten sind lediglich stilistische Einflechtungen und geben nicht Zeugnis für die Heimatsbestimmung Wolframs und seinen Heimatssinn (Wein von Bozen Wh. 136,10; Rhein und Rhone Wh. 404, 22; die Maler von Köln und Maastricht P. 158, 14; Aachen Wh. 396, 22; Wtzsant P. 761, 28, zwischen Wizsant und Stire Wh. 366, 28 (s. Martin I S. 500). Solche Andeutungen wurden von seinen Hörern wohl verstanden und machten ihre Teilnahme an der Erzählung rege. Die Kreise, für die er diese großenteils humoristischen Anspielungen bestimmte, setzten sich ja aus den adeligen Geschlechtern jener Gegenden zusammen. Für die Kenntnis seiner Lebensumstände ergeben sie uns nicht viel, Licht aber werfen auf diese einige andere persönlichen Bemerkungen. Bei der Schilderung von der Hungersnot in der belagerten Stadt der Condwiramurs sagt er humorvoll: min herre der gräf von Wertheim weer ungern saldier da gewesen P. 184, 4—6, und darauf erinnert ihn der Mangel der Belagerten an sein eigenes Haus, wo er Herr ist, und er beklagt (P. 185,9) seine Armut: da wirt gefreut vil selten mus, denn die müßte ihre Speise stehlen 184, 27 —185, 9. Als Wolfram dieses IV. Buch dichtete, stand er in Diensten des reichen Grafen von Wertheim: Boppo II von Wertheim war Stifter des Deutschordenshauses zu Eschenbach und in drei Urkunden zwischen 1272 und 1315 kommen Angehörige von Wolframs Geschlecht als Lehensleute der Grafen Von Wertheim vor (Schreiber S. 20—35). Bei Boppo also wird sich Wolfram zeitweise aufgehalten haben (die Hs.gruppe G liest 184, 4 der grave ppope v. Werth). Jenseits des 1 Wilhelm, Münchn. Mus. 4 H.3. 216 Die erzählende Dichtung 1 Mains, Wertheim gegenüber, zieht sich das unbewohnte Waldgebirge der Spehteshart, Spessart, hin, das Wolfram dreimal erwähnt P.216, 10 ff. Wh. 96, 15 ff. 377, 23 ff., und geographisch ist hier anzureihen Kitzingen (oder Kissingen, Schreiber S. 76 f.) Wh. 385, 26. Ganz klar weist aber der Ausdruck, in dem er von Wildenberc redet, darauf hin, daß er sich während der Abfassung des V. Buches dort aufgehalten hat: so gröziu fiwer sit noch e sach niemen hie ze Wildenberc P. 230, 12. Dieser groß angelegte Rittersitz, dessen Trümmer, die Wildenburg, südlich von Amorbach im Odenwald, noch heute von einstiger Herrlichkeit zeugen, gehörte den Herren von Durne (Walldürn), die mit den Grafen von Wertheim in freundschaftlichen Beziehungen standen. 1 Am stärksten bezeugt ist Wolframs Aufenthalt am Thüringer Hofe beim Landgrafen Hermann. 2 Er preist den mllten fürsten P. 297, 16—30, aber er ist entrüstet über das zuchtlose Treiben der zuströmenden Schmarotzergesellschaft, wovon her Walther singe „guoten tac, bces unde guot"; hier täte ein Hofmarschall not wie Keie oder Herr Heinrich von Rtspach. 3 Auch die neuen Tänze aus Thüringen P. 639, 11, deuten auf ein flottes höfisches Leben. Also mit Walther zusammen war Wolfram an dem kunstsinnigen Dichterhofe Hermanns. Das von ihm zitierte Gedicht Walthers ist verloren, aber in dem Spruch Der In den ören siech von ungesühte si (Walth. 20, 4) drückt jener in gleicher Weise seinen Unwillen über die lärmende Hofhaltung des Landgrafen aus. Den wichtigsten Anhalt für die Zeitbestimmung Wolframs gibt die Bemerkung über die von der Verwüstung noch zertreten liegenden Weingärten von Erfurt im VII. B. des P. 379, 18: Hermann war von König Philipp, seinem Vetter, abgefallen und belagerte ihn im Sommer.1203 in Erfurt. Philipp entkam, aber Thüringen war durch den Krieg grausam verheert. Erst nach dem Friedensschluß im September 1204 4 kamen wieder ruhigere Zeiten in das heimgesuchte Land. Jene Verse mochten also um die Wende von 1204/5 verfaßt worden sein. Auf jene Jahre deutet auch die Vergleichung mit dem früheren Reichtum des griechischen Kaisers 563, 8, die nach der Eroberung Konstantinopels im J. 1204 fallen muß. Wolfram verweilte wohl auch später wieder in Thüringen, denn vom Landgrafen erhielt er die franz. Quelle für seinen Willehalm, Wh. 3, 8, und er preist dessen Freigebigkeit im letzten Buch des Wh., 417, 22—26 (s. unt.). In einer Titurel- strophe, 82 a , ist ihm ein ehrenvoller Nachruf gewidmet (s. unt.). — Zwei 1 Roethe, Anz. 23, 310—12; Schröder, ebda24,317f. 41,88f.;u.bes.ScHREiBERS.36 —58. — Munsalvaesdte, mons silvaticus, Übersetzung von Wildenberg? Lichtenstein, Beitr. 22, 72: Schreiber S. 40; dagegen Singer, W.s StilS. 89 f. 2 Thüringischer Einfluß in der Sprache, von Lachmann angenommen (masc. Artikel md.die für obd. der), s. auch Kinzel, ZfdGymnasialw. 1877,587, Behaghel, Germ. 24,487 f., zurückgewiesen von Paul, Beitr. 2,65, Gebhardt, ebda 24,406—8. J Ist nicht sicher ermittelt: Haupt, ZfdA. 6, 187; Martin II S. 259; Schreiber S. 86. 4 L. Wolff, ZfdA. 61, 188ff nimmt mit beachtenswerten Gründen an, W. sei vor Hermanns Abfall am Thüringer Hofe gewesen, also etwa 1202, und in Erfurt, wo W. mit dem Heere Philipps eingeschlossen gewesen, sei die Anspielung im Herbst 1203 entstanden. § 32. Wolframs Leben 217 dem Weifenhause ungünstige Bemerkungen Wh. 381, 26 ff. 393, 20 ff. sprechen dafür, daß Wolfram Anhänger der staufischen Partei war. 1 Auf eigener Landeskenntnis Wolframs beruhen wohl auch die eingehenden geographischen Angaben über Trevrizents Ritterfahrt nach Steiermark P. 496, 15—497, 1. 498, 20—499, 10 (Wh. 366, 28). Beziehungen zwischen Adelsgeschlechtern, die zu Wolframs Bekanntenkreisen gehörten, zu Steiermark mochten ihn dahin geführt haben. 2 Des Dichters Lebenszeit ist umschrieben etwa durch die Jahre 1170 und 1220, auch die Entstehung seiner Werke läßt sich nur im allgemeinen datieren, der Parzival mag um 1197 oder 1200 begonnen, um 1210 vollendet worden sein, der Willehalm fiele zwischen 1212 und 1218, seine letzte Dichtung war derTiturel; die Lieder gehören wohl zumeist in die frühere Parzivalzeit. Ein Ritter aus armem Dienstmannengeschlecht, vielleicht ein nachgeborener, nicht erbberechtigter Sohn P.4,27ff y war er auf Dienste an fremden Höfen angewiesen, die ihn nach Wertheim, Wildenberg,Thüringen führten. Mit Treue und Liebe hängt er an seinem auf dem ärmlichen Burgstall zu Eschenbach zurückgelassenen Weibe und seinen Kindern. Banges Gefühl von zukünftigem großen Leid ergreift ihn bei dem Gedanken, sein Weib könne ihm durch den Tod entrissen werden (Tit. 18). Ihm war die Familie der feste Untergrund seines sittlichen Seins. Der Mann, dessen Geist in die verborgensten Tiefen menschlichen Wissens und Ewigkeiterkennens einzudringen strebte, bewahrte sich ein kindliches Gemüt und eine naive Freude am Kinderleben (P. 372, 15—21; Tit. 30. 86, weitere Belege bei Schreiber S. 98 f.). Bei der Pracht heidnischer Wappenröcke denkt er mit Humor an die Puppe seines Töchterchens Wh. 33, 24, bei dem Zerwürfnis zwischen Terramer und seiner Tochter durch ihre Heirat sorgenvoll an ihre dereinstige Vermählung Wh. 11, 22—24; zum Bild der kleinen Dame Obilot mag ihm sein eigenes Kind Züge geliehen haben und aus einfühlendem Herzen mag es gesprochen sein, wenn er die in keuscher Ehe erworbenen Kinder das Glück des Mannes nennt P. 743, 21. Auch von Schwester und Bruder redet er gelegentlich (P. 686, 29 f. 740, 29). Und so ist denn „reine Menschlichkeit" überhaupt der Sinn dieser geistigen Form „Wolfram", das natürliche Menschsein. Darum ist seine Bewußtheit von dem Wert seiner eigenen Arbeit nicht zwiegeteilt in Rittertum und Dichtkunst, sondern er spricht als Dichter eben gerade das aus, was ihm den Wert des Daseins bedeutet. In seiner sog. „Selbstverteidigung" P. 114, 5— 116, 4 (vgl. auch 612, 7—12), die wohl mehr ein Selbstbekenntnis ist, legt er seine Grundsätze über seinen Lebensberuf nieder. Er ist durchdrungen 1 Singer, Wh. S.4.76.111 f. 123; Schreiber S. 78-80. — W.s Reichsgesinnung: Wh.434, 6-15. 2 Haupt, ZfdA. 11,46—49; Bartsch, Germ. Stud. 2,135; Alfr. v. Siegenfeld, Das Landeswappen v. Steiermark, 1900, dazu Schönbach, Anz. 27, 149—155; Schönbach, Anfänge d. dt. Minnesangs S.78ff.; Lichtenstein, Beitr. 22,61; Hagen, ZfdPh. 38, 20 ff. 198 ff.; Heinzel, Wien. SB. 130, 20 f.; Jos. Weiss, ZfdA. 28, 136—39; Rich. Müller, ebda31,103; Schulte, ebda41,265; Martin, QF. 42, 17, Ausg. II S. 100; Rosenhagen S. 552; Golther, Rede S. 22, Gralb. S. 181 f.; Schreiber S. 89—97. 218 Die erzählende Dichtung von aristokratischem Standesbewußtsein, „Schildes atnbet ist min art. u Und seine ritterliche Arbeit steht ihm noch höher als sein Dichten: nicht mit Minnesang, sondern mit Schild und Speer will er den Lohn der Frauenminne verdienen P. 115, 15—20. Trotzdem ist er von einem starken Künstlerbewußtsein durchdrungen 114, 12 f. Ritterschaft und Minne sind auch seine hohen Ziele. 1 Als Ritter huldigt er auch dem Minnedienst in seiner gesellschaftlichen Üblichkeit (s. unten „Lieder"). Verherrlichung des Rittertums aber, das ist die treibende Kraft seines Dichtens. Sein Parzival soll kein „Buch" sein, seine Erzählung stützt sich nicht auf Literaturkenntnis, er verschmäht die Buchgelehrsamkeit. 2 Und mit der gleichen selbstfreudigen Unwissenheitsbeteuerung tritt er vor den Hörer oder Leser im Prolog zum Wh. 2, 19—22: Was in den Büchern steht geschrieben, daraus habe ich nichts gelernt, wenn ich Kunst besitze, so hat sie mich der Geist, „das natürliche Denken", die Intuition gelehrt. Man hat diese Stellen ganz wörtlich genommen: ine kan decheinen buochstap 115, 27, als ob er wirklich keinen Buchstaben gekannt habe, nicht habe lesen und schreiben können. Es ist nur humoristische Über-, treibung im Gegensatz zu Hartmann, der im Eingang seines Armen Heinrich und seines Iwein gerade auf seine Gelehrsamkeit pocht, ein ritter so ge- leret was. Seine Stellungnahme gegen das Buchwissen beweist nur, daß er keine gelehrte lateinische Schulbildung genossen hat. 3 Daß er aber im Gegenteil einen großen Wissenstrieb besaß, das zeigt er selbst durch die Ausbreitung so vielartiger Kenntnisse und gelehrter Einzelheiten, und es wird nicht zu bezweifeln sein, daß er wenigstens lesen gelernt hat. Französisch war ihm geläufig, er mag in Frankreich gewesen sein, aber er scherzt selbst über seine üblen französischen Kenntnisse Wh. 237, 3—14, und es gerieten ihm manche Mißverständnisse. 4 Eine ausgeprägte Persönlichkeit tritt uns in Wolfram entgegen. Er ist ein Eigengänger, er will anders sein als jedermann, anders auch als seine Dichterkollegen. Und so zeigt er denn gern auch seine wahre Natur. Er läßt sein Eigenwesen mitsprechen, er ist offenherzig, er tritt mit seinem subjektiven Urteil hervor und mit Hereinziehung seines Interessekreises. Dichtung und Leben sind bei ihm zur Einheit verwachsen wie bei keinem andern mhd. Epiker, man spürt seine menschliche Lebensnähe in seinem formgewordenen Werke. Gern läßt er humoristisch, auch ironisch, seine eigene Stimmung durch- Beitr. 22,77f.; Saran ebda 24, 32 ff.; Leitz- 1 Singer, Festg. aaO.; Vietor, Beitr. 46, 85 ff. 2 Dieser Ablehnung der „Bücher" widerspricht der Respekt vor den geheimen Quellen üb. den Gral in heidnischer Schrift und vor den latinsdien buodien in Anjou 452, 28 ff. Sie ist im Grunde doch nicht so ernst gemeint, ist eine scherzhafte Bescheidenheitsformel, die ja schließlich auch in ein humoristisches Bild ausläuft 116,1 ff. s Haupt bei Beiger; Wackernagel LG 2 1, 136; Piper 1,15; Martin II S. IX, Rede S. 8 f.; Heinzel, Wien. SB. 130, S. 1; Lichtenstein, mann, ZfdPh. 36,428; Rosenhagen S.554f. ; L. Grimm, W. u. die Zeitgenossen S. 1 ff. 6.13 —16; Domanig, Die KulturS.280ff.; Singer, Wh. S. 4; Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. Ems S. 13. 22; Schwietering, Demutsformel S. 43f. 46 f.; Roethe, Rede S. 7; Golther, Lbl. 1918, 89, Gralb. S. 196 ff.; Schreiber S. 126 Anm. 4 Bartsch, Geun. Stud. 2,133; Lichtenstein, Beitr. 22,57; Heinzel, Wien. SB. 130, 11 ff.; Singer, Wh. S.48.81.104; FRANTZEN,8.Nederl. Philol.-congres, Leiden 1916, 109 ff. § 33. Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger Wolframs 219 brechen und scheut auch nicht vor einem derben Witz oder vor gewagten erotischen Anzüglichkeiten zurück. Er hat sich der Natur, dem natürlichen Menschen nicht entfremdet, und angeborenen inneren Wert schätzt er höher als angelernte Etikette. 1 Aber doch hat er mit Hartmann und den andern deutschen Um dichtem den deutschen Zug gemein, Leidenschaftsausbrüche des franz. Vorbildes zu mäßigen, den Umgangston zu verfeinern, die Charaktere zu veredeln, selbst an dem Schicksal seiner Personen teilzunehmen. Auch seine ethischen Anschauungen (s. unt.) bringt er über die Vorlage hinaus — sowohl im Parz. als im Willeh. — zur Geltung, seine religiöse Innerlichkeit und das Nachdenken über theologische Fragen, die triuwe als Grundlage der sozialen Ethik, die Gattentreue in der Ehe, sein Interesse für das Rätsel der Minne und für das Wesen der Frauen. Eine überragende Phantasie mit ungemein beweglicher Gedankenverknüpfung schafft in ihm die Wirklichkeit zu einem unendlichen und unsagbaren Weltbild. Zur Phantastik versteigt sich die Einbildungskraft in dem geheimnisvollen Zauber, den ein Wissen von seltsamen Dingen, eine krause Gelehrsamkeit, die abenteuerliche Ferne des Orients auf ihn ausübt. Und trotz allem Reichtum der Gedanken und dem Aufstieg zur übersinnlichen Welt lebt dieser geistgerichtete Mensch im realen Dasein, er beobachtet mit gegenständlichem Sinn die Dinge und die Vorgänge und er hat seine Freude am Glanz und an den Genüssen der irdischen Gaben. Nicht in Technik und Form, im künstlerischen Planbau, liegt die Stärke Wolframs. Die Fülle des Stoffes im P. wirkt überwältigend, aber diese Masse ist nicht episch beherrscht, das persönliche Eingreifen und Abschweifen stört oft den Fluß der Erzählung und zieht von der augenblicks herrschenden Bildeinstellung ab, dann verdeckt die Auswucherung die plastischen Umrisse. Denn nicht kunstgemäßem Formsinn entspringt die Dichtung Wolframs und alles ist in eine dunkle, seltsam verschnörkelte Sprache gezwängt, die keine ruhige Klarheit epischer Abrundung aufkommen läßt. Wolframs dichterische Kraft ruht in dem Gefühl für die Menschenseele und in der Ehrfurcht vor großen Gedanken. § 33. Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger Wolframs 2 Wie Hartmann und Gotfrid so preist auch Wolfram Heinrich von Vel- deke als seinen Meister: 3 so tnüese ich tninen meister klagen von Veldeke Wh. 76, 24 f. und betrauert seinen Tod P. 404, 28 öwe daz so fruo erstarp von Veldeke der wise man, ferner P. 292, 18 ff. Beziehungen auf Veldekes Eneide: P. 399, 11 ff. (Eneas und Dido), 419, 11 ff. (Turnus und Tranzes), 1 Petersen, QF. 106,124 ff. 2 v.d.Hagen, MS.aaO.; MartinII S.LXXXVff.; Bötticher, Übertrag 3 S.54ff.; Lichtenstein, Beitr. 22, 71; Heinzel.WSB. 130,4 ff.; Ludw. Grimm, W. u. die Zeitgenossen, Leipz. 1891, dazu Nolte, Anz. 25, 292—304, Bötticher, ZfdPh. 13, 420ff.; Singer, W.s Wh. S.III u. an vielen Stellen; Roethe, Rede S. 14. 3 Behaghel, En. S.CCXIVff.; John Meier, Festschr.d. Basler Phil.-Vers. 1907,508f.517f.; Singer, Aufs. u.Vortr. S.168f.; Ders.,W.sWh. S.U. 19. 31 u. ö.; Palgen, Beitr. 44, 222 ff.; Schwietering, ZfdA. 61, 71 ff. (Einfluß d. Eneide auf P. I. II); Kurt Wagner, Eilh. I S. 19* Anm. — Veldekes Minnebaum: Weise, Sentenz bei Hartm. S. 35. 220 Die erzählende Dichtung 481, 30 ff. (Eneas und Sibille), 504, 25 ff. (Camille vor Laurente), 532, 1 ff. (die Minnefamilie Amor, Cupido, Venus), 589, 8 ff. 592, 1 ff. (Sarg und Grabmal der Camille), 767, 3 ff. (diu gotinne Juno); Wh. 229, 27 ff. (Carpite, Camille). — Auch die Einflechtung von Liebesbriefen hat schon Veldeke. Leicht gleitet Wolfram durch Gedankenverbindung auf Hartmanns Erec über, 1 den ersten Artusroman in Deutschland. Viele Namen hat er aus ihm bezogen. 2 Der Eintritt des unhöfischen und bäurisch gekleideten Parzival an den Königshof ruft in ihm die Vergleichung mit Enitens Eintritt bei Artus hervor 143, 21—144, 4, und mit einer scherzhaften Drohung gegen Hartmann richtet er die Spitze gegen die ungünstigen Kritiker und Spötter in der Hofgesellschaft (vgl. 1, 15. 338, 8 ff. 399, 1 ff.).a Und auch in den andern Zitaten aus Hartmann spricht nicht die Ehrerbietung, die er gegenüber Veldeke erkennen läßt, sie dienen oft nur dazu, die betr. Personen des Parz. in ein helleres Licht zu setzen: Enitens Schönheit ist geringer als der Glanz der Cöndwiramurs 187, 14; Gawan wurde inSchanpfanzun besser empfangen als Erec in Karidoel 401, 5—21, welche Erinnerung einen gedrängten Auszug aus Erecs Vorgeschichte nach sich zieht; Gawans Minnekummer wiegt schwerer als Erecs Kampf mit Mabonagrin und Iweins Brunnenabenteuer 583, 26—584, 4; der Treue Sigunes wird der leichtfertige Rat der Lunete gegenübergestellt 253, 10ff. 436, 5ff.; 357, 21—25 Meljacanz und Kei. Aus Erec: Erecs Land Destrigleis 382, 16; Orilus ist der Schwager Erecs, dabei wird das Turnier von Prurin und der Sperberpreis erwähnt 134, 5—19. 135, 7—12; der Kampf um den Sperber auch 178, 11—13, daselbst auch Mabonagrin, Brandigan und Schoydelakurt 178, 20—23, auch 220, 7—10. 429, 21; Brandigan das Land Clamides 184, 20. 206, 30. 210, 5; beim Schweigegebot Loherangrins wird humoristisch an Erec erinnert 826, 29 f. Am meisten verweilt Wolframs Interesse beim Eingang des Erec und bei der zauberhaften Schoydelakurt-Episode. 4 Die Verehrer Hartmanns, der doch als Begründer des Artusromans anerkannt wurde, mochten den hier gegen ihn angeschlagenen Ton als Überheblichkeit auffassen, und gegen den neu heraufgekommenen Umstürzler wendet sich Gotfridv. Straßburg als Verteidiger Hartmanns und des Kunstprinzips der Schönheit. Unvereinbar sind Kunst- und Lebensanschauung Wolframs und Gotfrids. 5 Schon aus naturhaftem Widerstreben ist die bis zur Tücke 1 Wolfram u. Hartmann,Erecu.Iwein: Haupt, Erec-Ausg., im Eingang der Anmerkungen; Bartsch, Germ. Stud. 2, 124 ff.; Schönbach, Üb. Hartm. S.444f.; Stosch, ZfdPh. 28, 55; Wallner, ebda 565 f.; John Meier aaO. S.509 f. 517; Singer, Aufs. u.Vorlr. S. 169; Ders., W.s Stil S 57—61, oft W.S Wh. —Beziehungen z.Qre- gorius: Parz. 142, 11 ff. — Greg. 2775 ff.; Schröder, Anz. 35,398—400 u ZfdA. 53,398 f. * Oder aus d. franz. Erec? Singer, Stil S. 56—61. 3 Vielleicht hat sogar seine Abwehr derBuch- gelehrsamkeitParz. 115,25ff.eineSpitzegegen H.s Hervorhebung seines Buchwissens A. Heinr. 1 ff., Iw.21 ff. (doch auch Willeh.2,19ff.), vgl. Wolframs ine kan decheinen buochstap Parz. 115, 27 gegen H.s A. Heinr. 2 daz er an denbuodienlasswazerdarangesdiribenvant. 4 Verschiedene dieser bezüglichen Stellen finden sich nicht in Chrestiens u. Hartmanns Erec u. mögen wohl W.s Erfindung sein. 6 Kläden, v. d. HagensGerm. 5, 240ff.; H. Kurz, Übertrag, v. Trist, u. Is. S. LXXIX; John Meier, Basler Philo!.-Vers. 1907 S. 507 ff.; Rosenhagen S. 552; Wilhelm, Beitr. 33, 336ff.; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 166ff., Wh. § 33. Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger Wolframs 221 übelwollende Kritik Gotfrids, Trist. 4636—88 (s. unt. bei Gotfr.), zu begreifen. Er, der ästhetische Feinschmecker, trifft in den Kern von Wolframs Eigenart, wenn er seine knorrige Selbstwilligkeit, sein unbekümmertes Umspringen mit der Überlieferung, seine ungeschminkte Natürlichkeit, seine Geheimnistuerei, seine gesucht geschraubte Sprache tadelt. Wolframs Verteidigung gegen seine Kritiker Wh. 4, 19—24 ist maßvoll und läßt jedem das Seine. Ob er wirklich dabei auf den heftigen Angriff Gotfrids zielte? und gar mit Wh. 237, 8—14? —-Das Bild vom aufgescheuchten Hasen (schellec hase) P. 1, 19 wird von Gotfrid gehässig aufgegriffen: swer nü des hasen geselle st Trist.4636, l und der Seitenhieb Trist. 7939—65 ist der Ausfluß einer unangenehmen Empfindung über die Behandlung von Anfortas' Wunde P. 481, 6—484, 17 {rede diu niht des hoves si, vgl. Heinzel, Kl. Sehr. S. 39 f.). Die Geschichte Tristans hat Wolfram offenbar aus Eilharts Tristrant gekannt 2 und aus ihm schöpfte er seine Anspielungen P. 144, 20 (Curne- val); 187, 19 (die beiden Isalden); 573, 14—19 (Kahenis); 49, 5. 67, 19. 73, 18. 82, 11. Namen: 86, 14 (Morholt v. Yrlant), Riwalin von Lohneis 73, 14-16, Tinas 429, 18, Garschiloye 255, 9. 806, 14. Der Vers P.662,19 mit den scheenen schenkein Maarin stammt aus Zazik- ho vens Lanzelet 3052.3487 mit den liehten seh. her M. und nicht umgekehrt. 3 „Eraclias ode Ercules ai P. 773, 22 ist einer der Steinkundigen, auf die sich Wolfram beruft. Er war durch Ott es Erzählung bekannt, Wolfram nennt ihn aber nicht nur mit lat. Namen Eraclius wie Otte, sondern auch Ercules, das ist franz. Eracles. Mit Walther v. d. Vogelweide 5 verbanden Wolfram bei seinem Aufenthalt in Thüringen kollegialische Beziehungen. Noch schärfer als Wolfram wendet jener sich gegen die allzu laxe Hofhaltung des Landgrafen (s. ob. S. 216). Im Wh. 286, 19, wo der gereizte Tölpel Rennewart den Meisterkoch unter den Küchenkessel ins Feuer wirft, fällt Wolfram Walthers Spruch vom „Spießbraten" ein (Lachm.,Walth. 17,11 ff.) und launig zitiert er „herVogelweid von braten sanc". — Auf Walthers Seite steht Wolfram auch, wenn er sich gegen dessen Nebenbuhler Reinmar ausspricht. 6 Wie Walther tadelt er S. 3; Th. Absil, Q.s. Trist, u. Is. u. W.s Parz., Tijdschr. v. Taal en Letteren 11 H. 2, dazu Jansen ebda 12 H.l/2; QoLTHER,Qralb.S.195; s. unt. Gotfr. 1 Die umgekehrte Ansicht, daß W. mit 1,15 der Einleitung des P. gegen Gotfr. 4636 ff. auftrete (Lit. bei Rosenhagen aaO.), bedürfte wohl stärkerer Begründung. Über das typische Eingangsmotiv der tumben u. wisen s. ZfdA. 49, 417ff.; Schwietering, Demutsformel S.29ff. 2 Singer, W.s Stil S. 61; Kurt Wagner, Eilh.I S. 13*. 16*. 3 Ulr. v. Zaz. hat auch sonst solche nähere Bestimmungen zu Personen: mit dem. käenen herzen Kuräus684, erhiez Dodines dervtilde mit den breiten handen 7098. derwirtMäbüz der blcede 3551, er ist genant Iweret von dem sdicenen walde Beforet 332, auch 688. 6891. 7544. 7990; s. auch Haupt, ZfdA. 11, 491.— Bartsch, Germ. Stud. 2,127; Heinzel, WSB. 130, 6; Singer, Festg. f. Heinzel S. 430 ff.; Ders., Aufs. u. Vortr. S. 144 ff., W.s Stil S.61. 4 Graf, Eraclius S.39f.; dagegen Schröder, Gott. g. A. 1884, 569 u. Münch. SB. 1924 Abh. 3 S. 13. 5 Schönbach, Walther aaO.; Burdach, Walther S. 58 ff. 97 f. u. Dt. Rundschau 1902 Nov.; Ludw. Grimm S. 22—27; John Meier S. 519; Wallner, Beitr. 44,117—19; Singer, ebda S. 426 ff.; Schröder, ZfdA. 63, 224; Schreiber S.61. 128f. 213ff. 6 Stosch, ZfdA.27,317ff.; L. Grimm S.22 —27; J.Meier S.518f.; Vogt, MF. Anm. zu 159, 1 ff. 222 Die erzählende Dichtung diesen, daß er alle andern Frauen zugunsten seiner eigenen herabsetze P. 115, 5 ff. Die Wendung mat sprechen scheint den Ausdruck Reinmars MF. 159, 9 aufzunehmen. — Neidharts rüde Bauernpoesie paßt so recht als Umwelt für den ungeschliffenen Rennewart, der mit seinem Schwert wie ein rechter Dorfgeck aufsteigt, Wh. 312, 11—14 (s. auch Singer, Neidh.-Stud. S.19ff.). Aus der franz. Literatur hat Wolfram wohl auch selbständig einige Beziehungen übernommen (hier tritt die Quellenfrage — Kyot ein, s. unt.), wie z. B. Alexander und Surdamur P. 586, 27. 712, 8 und der Name Clias 334, 11 aus Chrestiens Cliges entlehnt sein wird; der Frauenräuber Meljacanz im Kampf mit Lanzilot 387, l- 1 —8. 583, 8—10 aus einem franz. Lancelotroman. Mit der Heldensage war Wolfram wohl vertraut, ein volkstümlicher Zug lag ja überhaupt in seiner Veranlagung. Die Krafttaten Etzels, Ermenrichs, Witeges, die er humoristisch übertreibt, sind geringer als die Kämpfe auf Alischans Wh. 384, 18-30; Uote als Bild treuer Fürsorge Wh. 439, 16; Si- beche, der kluge Ratgeber, dient dem feigen Liddamus zur Entschuldigung P. 421, 23—28; Wolfhart als Draufgänger 420, 22; andere Namen aus der Heldensage s. Bartsch, Germ. Stud. 2, 128 ff. Eigentümlich liegen die Beziehungen zwischen Wolfram und dem Nibelungenlied. Die Berührungen sind von zweierlei Art, einmal nur die Namen im B. I des Parz. Zazamanc und Azagouc 16, 2 (die andern Stellen s. Martin 1,29, Anm. zu 16,2); dann aber die die ganze Situation charakterisierende und humoristisch färbende Berufung des Liddamus auf „Rumoldes rät" 420, 25—421, 10. 1 — Zahlreich sind besonders stilistische Anklänge an Wolfram in der Klage. 2 In der Gudrun begegnet eine Reihe von Ähnlichkeiten mit Wolfram, z.B. 1 Rumoldes rät hat W. aus d. Nib.lied entlehnt, Nib. Str. 405-09 Lachm., 1465—69 Bartsch, u. zwar nach der Hs. C* (sniten bosn P. 420,29 = sniten in öl gebrouwen nur in C, Bartschs große Nib.ausg. 1,212 Str. 1468, 7). Rumold Wiederholtseine Abmahnungnochmals vor der Abreise der Burgunder Lachm. 1457f., Bartsch 1517f. Eine zweite Erinnerung an Rumold ist P. 206, 28—207, 2 = Nib. Lachm. 720, Bartsch 777, wo die Kessel scherzhaft Untertanen des Küchenmeisters genannt werden. — Und so sind wohl auch die Namen Zazamanc u. Azagouc P. 16, 2. 27, 29 eher Entlehnungen W.s aus d. Nib.lied Lachm. 353, Bartsch 362 (ABC) u. Lachm. 418, 6, Bartsch 439 (nur BC, fehlt A) als umgekehrt, um so mehr alsW. gerade im B.I eine Menge Namen anderswoher entnimmt, von Azagouc samlt P. 234, 5 ist aus Nib. 418 (439) von Azagouc der siden geholt, denn das Nib.lied liebt die Bezeichnung ausländischer Kostbarkeiten nach ihren Ländern: Goldu. Seide von Arabi, Edelsteine von India, Pfeiler aus Lybian, Seide ausLybien,Marroch,Ninive. Lit.: bes. Braune, Beitr.25, 87 ff., ferner Bartsch, Germ. Stud. 2, 129 /Hagen, ZfdPh. 38, 234-36; H. Fischer, Münch. SB. 1914, Abh. 7; Singer, Stil S. 107 f. u.Wh. S. 112; Martin II S. LXXXVIf.; Leitz- mann, Beitr. 26,132 u. ZfdA. 61,50; de Boor, ebda 61, 1—11; Droege ebda 62, 193 ff.; Golther, Gralb. S. 211. — Steinmeyer, Epitheta, Prorektoratsrede, Erlangen 1889, S. 17 Anm. 9: klär in Nib.hs A, Lachm. 1594, Bartsch 1654, aus Parz.; Schröder, ZfdA. 59,244: harnaschvar Nib. aus P. 588,13, dazu Leitzmann, Germanica, Festschr. f. Sievers 1925 S. 553. 2 Bartsch, Germ. Stud. 2, 129 f.; Panzer, Hilde-Gudrun S. 149—51; Hagen, ZfdA. 47, 214f.; Meissner, ebda 60,129 ff.; Frings, ebda 61, 195 f. — Anklänge an W. im Bite- rolf: Leitzmann, Festschr. f. Sievers 1925, 550—53. Viele Entlehnungen aus d. Wh. in derVirginal: Lunzer, ZfdA.52, 113—134. Im Wolfdietrich Dv 133 (Jänicke, Dt. Heldenbuch 4. Teil 2. Bd. S. 61) ist Wolfram der werde meister von Esdienbadi als Verfasser ausgegeben; über den „falschen Wolfram" s. Schneider, Wolf dietr. Reg. S. 420. Auch ein Trojanerkrieg (Göttweiher Hs.) empfiehlt sich als Werk W.s, s. oben S. 98 Anm. 4. § 33. Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger Wolframs 223 die Metapher von der selten (= nie) rauchenden Küche Str. 99 = P. 485, 7; eine vierfache Hochzeit am Schluß der Gudr. 1666 wie P. 729, 27—730, 19. 755, 14; der edle Heidenkönig (Sifrid) u. a. Keiner der folgenden erzählenden Dichter 1 ist an Wolfram vorübergegangen, sie erkennen ihn als einen der drei großen Meister an, von denen sie gelernt haben, viele sind auch unmittelbar Nachahmer seiner Kunst und seines Stils, andere zeigen mehr oder weniger seinen Einfluß durch irgendwelche Anklänge. Ausschlaggebend für die Einwirkung der drei Klassiker auf die Nachfolger war ihr Stil. Die natürliche Ausdrucksweise, die mittlere Stilart, die Hartmann vertrat, blieb immer in Geltung bei den nicht nach besonderen Ausdrucksmitteln strebenden Dichtern. Gotfrids Eleganz gefiel dem feinen Geschmack, wurde aber leicht zu spielerischer Formkünstelei, Wolframs dunkles, schwerflüssiges Pathos erweckte den Eindruck tiefer Weisheit, aber die Nachahmer verfielen leicht in lächerlich dunkeln Schwulst. Aus der Formensprache der Meister, die ihrem Kunstwillen als Stil eigentümlich war, wurde bei den Epigonen zügellose Manier. Aber Wolfram erlebte den höchsten Nachruhm. 2 Während Gotfrid ihn als einen Versündigerander Kunstbrandmarkte, huldigten ihm viele der nachfolgenden Poeten gerade wegen seiner wilden mcere und seiner unebenen Rede. Ein Zeugnis für den großen Eindruck, den der Parz. auf die Zeitgenossen ausübte, gibt Wirnt v. Grafenberg ab, 3 der in seinem Wigalois zuerst Hartmann folgte (bis ca. V. 6300), dann aber, da er W.s Parz. kennen lernte, an diesen sich anschloß (bes. nach V. 9000), aber er kannte nur die sechs ersten Bücher des Parz. Von Wirnt stammt das geflügelte Wort her Wolfram, der wise man von Eschenbach .. . lelen munt nie baz gesprach (Wigal. ed. Pfeiffer 163, 39 ff.). 4 Heinrich v. d. Türlin 6 stellt in seiner Krone um 1220 dem Parzival Wolframs Gawein als Gralhelden gegenüber und nennt Wolfram nur mit einem Seitenblick 6380, während er dem von ihm verehrten Hartmann eine solenne Totenklage widmet 2348—2437 (s. oben S. 142. 147). Sehr belesen in der Ausdrucksweise Wolframs ist Berthold v. Holle. 6 Rudolfs v. Ems Stil gibt ein Beispiel, wie man Wolframsche Formeln in Gotfrids zierliche Kunstform einimpfen konnte. 7 Der Pleier hat seine Romane zusammengewürfelt aus Erinnerungsstellen, darin vieles aus Wolfram. 8 Reinbot v. Durne leitet seine ritterliche Legende vom heiligen Georg ein mit der Entstehung von W.s Willehalm und steht überhaupt ganz unter Wolframs Einfluß." Reich ausgespickt mit Wolframzitierungen ist der Reinfrid v. Braunschweig. 10 Stark benutzt ist 7 1 v. d. Hagen aaO.; Hertz S. 458 ff.; Piper 1, 23—29; Martin II S. LXXXV—XCV; s. unten »Stil". 2 Ranke, ZfdA. 55,417. 3 Lachmann, Iwein, Anm. zu 1328 S. 413. 4533 S. 479; Sprenger, Germ. 20, 432—37; Zwierzina, Festg. f. Heinzel S. 474 f. 4 Martin II S. X. 5 Zingerle, Germ. 5, 468—79; Golther, Gralb. bes. S. 215 ff. 6 Leitzmann, Beitr. 16, 346—60. 7 Ehrismann, Stud. S. 68 f. 8 Steinmeyer, GgA. 1893,97 ff.; Zwierzina, Anz. 22, 353—63. 9 C. v. Kraus, Reinbot-Ausg. Reg. S. 307 u. überall in d. Anmerkungen. 10 Gereke, Beitr. 23,416 ff. 224 D'E ERZÄHLENDE DICHTUNG der Parz. von Albrecht v. Scharfenberg, dem Verfasser des jüngeren Titurel, im Seifrid de Ardemont 1 (um 1280), und Ulrich Füetrer hat den Parz. in sein Buch der Abenteuer aufgenommen (um 1490). Die Romanliteratur war ein erziehendes Bildungsmittel, so ist das Lehrgedicht Der Winsbeke, 2 dessen Verfasser ein Landsmann Wolframs war, auf den Grundsätzen von Gurnemanz und Trevrizent aufgebaut. Auch das Lehrgedicht von Tirol, 3 ein Fürstenspiegel, hat Stellen und Namen aus Wolfram entlehnt, steht aber in seinen praktischen Anweisungen weiter von ihm ab als der Winsbeke. — In Gegensatz zu allem höfischen Nimbus setzt sich die Satire von der bösen Frau (Von dem Übeln wtbe), in der hauptsächlich Wolfram als Vertreter der ritterlichen Ideale parodiert wird. 4 Was Wolfram geschaffen, lockte nicht nur zur Nachahmung, sondern auch zu unmittelbar weiterbildenden Neuschöpfungen. Sein Willehalm umfaßt nur einen Teil der Lebensgeschichte des heiligen Helden, sie wurde weiter gefühlt von Ulrich v. Türheim (der starke Rennewart, um 1247—50), durch eine Vorgeschichte ergänzte den Willehalm Ulrich v. d. Türlin (zwischen 1261 und 1269). Die Titurelbruchstücke wurden durch Albrecht v. Scharfenberg zu dem umfangreichen jüngeren Titurel 5 ausgesponnen (vor 1272), einem der angestauntesten Werke der sinkenden höfischen Kunst. Und noch im 14. Jh. (1331—36) wurde der Parz. von zwei elsässischen Reimern, Claus Wisse und Philipp Colin, durch einen, den franz. Fortsetzern entnommenen riesenhaften Einschub erweitert. An den Schluß des Parz. knüpft das strophische Gedicht von Parzivals Sohn Loherangrin an, der Lohengrin (zwischen 1283 und 1290). Die dunkle Gelehrsamkeit verlieh Wolframs Parzival eine zauberumsponnene Weihe und in dem Geheimnisvollen ahnte die Nachwelt verborgenes Wissen. Im Wartburgkrieg führt Wolfram mit Klingsor einen Rätselstreit über mystisch-religiöse Fragen und verjagt selbst den Teufel, der ihn auf sein Wissen prüft. Die Meistersinger zählten ihn zu den zwölf alten Meistern und benannten verschiedene ihrer Töne nach ihm. So lebte Wolfram im 14. und 15. Jh. als verehrter Meister weiter, oft zitiert und auch inhaltlich und formal — durch die beliebte jüngere Titurelstrophe — nachgeahmt. 6 Mit dem Wiederaufleben der altdeutschen Studien im 18. Jh. wurde auch das dichterische Interesse an der Gralsage aufs neue lebendig und Bodmer verfaßte im Anschluß an Wolframs Parzival eine Nachdichtung der Gralszenen in Hexametern (i. J. 1753. 1767, s. ob. S.213). Die ritterliche Mönchsbruderschaft in Goethes „Geheimnissen", 7 auf dem Klosterberge Monserrat, lebt in einem geistigen Bund wie die Gralritter, und die Lehre, die von Goethes 1 Panzers Ausg. S. ClXff. u. ö. " Leitzmann, Beitr. 13,277.14,149—52. 3 Bartsch, Germ.Stud.2,129f.; Leitzmann, Ausg. S. 3 f. * L. Bock, QF. 33,56 ff. 5 Siehe bes. Borchling aaO. 6 Über die in niederdeutschen Städten im 14./15. Jh. u. noch lange nachher sogen. Grale, lärmende Festlichkeiten, s. Hertz S. 460ff.; Goetze, Neuphilol. Mitteil. 25 (1924), 118— 124; Golther, Gralb. S. 257—65. 7 Witkowski, Chron. d.Wien. Goethevereins 10 (1898), 40ff.; Köster, Anz.23,369; Golther, Gralb. S. 286—88. § 34. Parzival 225 Humanus ausgeht, die menschenbefreiende Kraft der Selbstüberwindung, ist auch das Grundgebot des Gral: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet" und „Beltp des willen unverzagt" ; von der Notwendigkeit zur Freiheit durch den sittlichen Willen. Goethes „wunderbares Lied" in seiner christlichen Kreuzesmystik ist unabhängig von Wolframs verborgener Märe von dem Gral. Idee und Einkleidung sind ewiger Besitz der Menschheit. Das 19. Jh., das, durch Goethe gelehrt, die Dichtkunst als erscheinunggewordenes Symbol der Ewigkeit erkannte, hat auch den Zauber der mittel- alterl. Mystik der Gralsage verspürt und zahlreich sind die neueren Dichter, 1 die es versuchten, das Gralrätsel poetisch zu lösen. Immermann hat in seinem Merlin ein Weltanschauungsbild seiner Zeit gegeben in großgeschauter Ideentiefe, hineinversetzend in den Gegensatz zwischen dem Naturreich der Artusritterschaft und dem Gnadenreich des Gral. Aber wie zeitenferne ist diese Geistesart der mittelalterl. Weltdeutung! „Der Gral ist ein Geheimnis, eine Schickung", aber der Schluß ist nicht die Versöhnung der beiden Reiche, von irdischem Triebe und himmlischer Charitas in dem sittlichen Willen unverzagter Entsagung, nicht Erlösung, sondern unsägliches Leiden. Das wunderbare Mysterium von der Erlösung hat Richard Wagner geschaffen, er hat das Mitleid zur alldurchdringenden Idee erhoben, wie in Wolframs Gedicht das christliche Gebot der erbarmenden Liebe das Leiden aufhebt. „Gesegnet sei dein Leiden, das Mitleids höchste Kraft und reinsten Wissens Macht dem zagen Toren gab." Das ist Trevrizents Lehre von der erbarmenden triuwe und von dem reinsten Wissen, von Gott. Die Gralsburg aber hat mit sinnendem Künstlerauge HansThoma geschaut, wie sie fern über dunkle Wälder und brauende Nebel hoch über alles Land unnahbar menschlichen Tritten in lichtem Glänze zum Himmel ragt. § 34. Parzival Hss. s. Lachmann, Vorrede S. XV—XXVI; Piper S. 32—37; Martin I S. II— XLI. II S. II; Schreiber, N. Baust. S. 107 ff. Die sehr zahlreichen Hss. zerfallen in zwei Gruppen, benannt nach den Haupthss.: D, St. Gallen, Perg. Mitte 13. Jh. (enthält auch den Willeh. u. die Nibe- lungenhs. B); G, München, Cgffl. 19, Perg. 13 Jh., mit Bildern, Petzet S.33—36, die andern Münchn. Hss. ebda S. 102. 351—53 u. Reg. S. 363. Im ganzen sind etwa 70 Hss., 15 mehr od. weniger vollständige (4 von d. Gruppe D, 11 von G), die übrigen in Bruchstücken, auf uns gekommen, dazu der älteste Druck, Straßbg. 1477.— G: Ranke, ZfdA.55, 413ff., zu G c : Doll- mayr, ebda 58, 222—24, zu Gl: Th. Preger, 54. Jahresb. d. hist. Ver. f. Mittelfranken (1907) S. 124ff.; zu den Münchn. Hss. G,E,G k , G n ', G/> 2 ,f s. Petzet aaO.; zuD,G, G k , n: Schreiber aaO. — Scheel, Festg. an Weinhold 1896 S. 63—67; Ant. Beck, Die Amberger Parzifalfragm. usw. 1902, dazu Steinmeyer, Anz. 29, 149—51, Leitzmann, ZfdPh. 35,244 f. — Hss.verhältn.: 1 Muncker, Münchn. SB. 1902, 325—83; Wechssler, Sage v. Gral S. 84 ff.; O. Mensen- DIECK, Die Gral-Parzivalsage u. R. Wagners Parsifal 1914; Golther, Ges. Aufs. S; 173— 193, Gralb. S. 290-368. Nur selten hat die bildende Kunst im MA. Vorwürfe aus Wolfr. entnommen. Ein Teppich aus d. 14. Jh. aus Braunschweig: Golther, Deutsche Literaturgeschichte III 15 Ges. Aufs. S. 193; Martin II S. XCIV — Verbreitet war die Sitte, den Kindern Namen aus W.s Werken zu geben, bes. inBai«rn, s. Martin ebda; PANZER,Festg.f.Sieversl896,210ff.; Kegel, Hermaea 3,64ff. — Ed. Jacobs, Parz. u. Parzivalsbreite in d. Grafsch. Wernigerode, Zs. d. Harzvereins 28, 371 ff. 226 Dm erzählende Dichtung Paul, Beitr. 2, 64—97; Stadler, Üb. d. Verhältn. d. Hss. D u. G von W.s Parz., Straßbg. Diss. 1907; Ferd. Kittelmann, Einige Mischhss. v. W.s Parz., QF 109 (1910), dazu Piquet, Rev. crit. 71,349 f., Helm, Lbl. 1912,234 f., v. Kralik, Allg. Lbl. 21,240—42; Walt. Maushake, Hss.- kunde u.Textgesch.d.Parz., Qött. Diss. 1920 (Maschinendr.); Theob.Gebert, Untersuchgn. zu d. Hss. d. Gruppe D von W.s v. E. Parz. I, Diss. Wien 1921; Wern. Kupferschmid, Üb. d. Wortschatz d. Berner Parz. — Hs., Bern 1923, dazu Hübner, DLz. 1924, 2418—20. Nach Martins Ausg. gefundene Bruchstücke: Bohnenberger u. Benz, ZfdA. 49,123—35 (Tüb.); Wilhelm, Münch.Mus. 1, 367 f. (Freibg. i. B.); Schneiderwirth, ZfdA. 53, 359-68 (Dorsten i. Westf.); Basler, Festschr. Mogk 1924 S. 146—49 (Freibg. i. B.); in Köln 1925 e. Pap.-Hs des P. im Dialekt vom Hunsrück gefunden. Die Überlieferung ist nicht nur sehr umfangreich, sondern bei der großen Anzahl alter u. sorgfältiger Hss. ermöglicht sie auch, den Urtext verhältnismäßig treu wieder herzustellen. Die alte u. gute Hs. D bildet die Grundlage für die Textkritik, G zeigt das Bestreben, die Eigenart der Sprache W.s dem regelmäßigen mhd. Sprachgebrauch anzupassen und dem Stil Hartmanns zu nähern. Zu den Parz.-Bildern: K. J. Benziger, Parz. in d. dt. Hss.illustration d. MA.s, Straßbg. 1914; Petzet S. 34 f.; zu d. Bildern von o (Dresd. Hs.): Kautzsch, Diebolt Lauber, Leipz. 1895 S. 43. Bildl. Darstellungen s. noch Golther, Ges. Aufs. aaO. Facs.: Könnekes Bilderatlas (große u. kleine Ausg.); Petzet u. Glauninü, Schrifttafeln III; Vogt u. Koch, LG. 1 unt. W. v. E. Einzelne Stellen. Bis 1897 s. Panzers Bibliogr. S. 12—15, auch Piper in d. Textanmkgen. seiner Ausgabe. Ferner Homeyer, Berl. Ak. 1852, 17ff.; Alb. Ilg, Beitr. z. Gesch. d. Kunst u. Kunsttechnik, Wien 1896 S. 90—117; in ZfdA.: Sievers 20, 215f., Kochendörffer 28, 246— 50, Lucae 32,472.33,256, Roethe41, 169, Sonnleithner, Anz.23,204f., Bötticher u. Schröder, ebda 27, 109 f. 219f., Drescher, ZfdA. 46, 301—03, Wilmanns 49, 467, H. Fischer 50, 148, Lessiak 53, 134, Schwietering 57,140—43 („Sigune auf d. Linde"), Schröder 59,244; Germania: Behaghel 34, 487—90; Beitr.: John Meier 15, 218—22, Gebhardt 24, 406—09, Braune 24,188—205.27,565—70, Leitzmann 27,570 f., Wallner 33,59 f. 44,117—19, Helm 41, 367—74; Palgen 46, 309ff.; Rud. Hildebrand, ZfdUnt. 10, 737f.; Jellinek u. Kraus, ZföG. 44 (1893), 685 u. ö. u. Euphorion 4, 685 f. 5, 465 ff., Niejahr, ebda 5,445; Singer, Festg. f. Heinzel S. 353—436, dazu Panzer, ZfdPh. 33,123 ff., Martin, Anz.25,360; Singer, Prager dt. Stud. 8, 307 ff.; Ch. F. Seybold, ZfdWortf. 8,151 f.; P. R. Pape, Mod. Lang. Not. 8, XII, 16; Heck, Mitt. d. Inst. f. österr. Gesch.forschg. 28,44—46; Schölte, Neophilol. 5 Nr.2; Thalmann, Reimformenverzeichn. S. 139f.; A. C. L. Brown, Mod. Lang. Notes 41, April 1926, S. 226—33. §35. Inhalt B. I. II. Vorgeschichte. Gahmuret. B. I. Gahm. u. Belak ane. G., jüngerer Sohn des Königs Gandin von Anschouwe (Anjou), zieht auf Abenteuer aus in das Morgenland zum Baruc v. Baldac (Kalif v. Bagdad), befreit die belagerte Mohrenkönigin von Zazamanc, Belakane, erringt mit ihrer Hand zugleich ihr Land, trennt sich aber, von Abenteuerlust getrieben, bald wieder von ihr mit der Begründung, weil sie Heidin sei. Sie gebiert einen schwarz-weißen Sohn _(Feirefiz) . — B. II. Gahmuret u. Herzeloyde. G. erringt als Sieger im Turnier die Hand der Herzeloyde, wird durch sie König von Waleis und bald auch durch den Tod seines Bruders Galoes König von Anschouwe. Sein unruhiger Geist treibt ihn wieder in den Dienst des Baruc, in dem er kämpfend den Tod findet. In tiefem Jammer gebiert Herzel. einen Sohn, Parzival. B. III. IV. V. VI. Parzivalhandlung. B. III. Parzivals Jugend und Auszug ins Leben. Nach Gahmurets Tod zieht sich Herzel. in «iie Waldeinsamkeit zurück, sie will den Sohn von aller Welt fernhalten, um ihn vor den Gefahren des Rittertums zu bewahren. Er wächst als Naturkind auf. Sie gibt ihm Lehren von Gott und dem Teufel, jener ist hell wie der Tag, dieser schwarz und untreu. Eines Tags begegnet der Knabe vier dahersprengenden Rittern in glänzender Rüstung. Er hält den Vordersten für Gott und fällt betend vor ihm auf die Knie. Zu Hause verlangt § 35. Inhalt des Parzival 227 er von der Mutter ein Pferd, um an Artus' Hof zu ziehen und Ritter zu werden. Sie steckt ihn in Narrenkleider, damit er, von der Welt verachtet, zu ihr zurückkehre, und gibt ihm vier Lehren mit auf den Weg: er soll nur an hellen Stellen über ein Wasser gehen, jedermann grüßen, alten Mannes Lehren folgen, gute Frauen küssen und ihren Ring erwerben. Der Abschied vom Sohn bricht der Mutter das Herz. Ihre Lehren befolgt er wörtlich, wozu seine folgenden Erlebnisse Gelegenheit geben. An einer dunkeln Furt bleibt er bis zum hellen Morgen stehen, der schlafenden Jeschute nimmt er ihren Ring und küßt sie, worüber ihr nachher kommender Gatte Orilus in Eifersucht gerät und sie fortan schlecht behandelt. An einem Felsen findet er eine klagende Jungfrau mit einem erschlagenen Ritter im Schoß: es ist Sigune_mit ihrem toten Geliebten Schianatulander. Sie erkennt ihn und lehrt ihn seinen Namen und sein Geschlecht. Er kommt an Artus' Hof, erschlägt im Kampf den Helden Ither, den roten Ritter, und legt dessen Rüstung an. Am Abend kommt er zur Burg des alten Gurne manz, der ihn freundlich aufnimmt und ihn Rittersitte lehrt, unter anderm auch die verhängnisvolle Mahnung: .irrt sult niht vil gevrägen". B. IV. Parz. u. Condwiramurs. Auf seiner weiteren Fahrt befreit er die in Pelrapeire belagerte Königin Condw., gewinnt sie zur Frau und wird König des Landes. Abenteuerlust und die Sehnsucht, nach seiner Mutter zu sehen, treibt ihn wieder zum Wandern. B. V. Parz. auf der Gralsburg. Aufs Geratewohl hinreitend kommt er am Abend an ein Wasser, an dem Fischer ankern. Einer derselben, in reicher Kleidung, weist ihn auf seine Frage den Weg zu der nächstliegenden Burg. Es ist Munsalvaesche, die Gralsburg. Im Saale liegt Anfortas, der kranke Burgherr, auf einem Spannbett, umgeben von ritterlicher Gesellschaft. Ein Knappe trägt eine blutende Lanze herein, worauf lautes Klagen durch den Palast erschallt. Darauf naht sich langsam und still ein langer Zug von Frauen, deren letzte, Repanse de Schoye, auf einer Platte von grünem Achmardi ein Ding trug, daz hiez der Gräl, umgeben von strahlendem Lichterglanz. Ein Mahl wird aufgetragen, aber alles ist so sorgenvoll und seltsam. Doch Parz. fragt nicht, denn er erinnert sich an Gurnemanz' Gebot. Die Nacht wird er prächtig gebettet. Am andern Morgen findet er Gänge und Gemächer leer und unter Beschimpfung eines Burgknappen zieht er ab. Weiterhin trifft er Sigune mit dem toten Geliebten in den Ästen einer Linde sitzend, die ihm flucht, daß er nicht aus Barmherzigkeit nach dem Leiden des Gralskönigs gefragt. Den Orilus besiegt er im Zweikampf und söhnt ihn mit der gepeinigten Jeschute aus. B. VI. Parz. am Artushof. Drei rote Blutstropfen im weißen Schnee, aus der Wunde einer Wildgans geflossen, rufen in ihm die Erinnerung an sein Weib hervor. Aus der Versonnenheit erweckt ihn Qawan, indem er die blutigen Tropfen mit einem Tuche bedeckt, und führt ihn in das nahe Lager des Artus. Hier wird er an der Tafelrunde besonders gefeiert. Aber im höchsten Glänze folgt sein jäher Sturz: Cundrie, die häßliche Botin des Grals, tritt in den Ring und verflucht ihn als ehrlos vor aller Gesellschaft, weil er den „traurigen Fischer" nicht von seinen Leiden erlöst habe. Und gleich darauf erscheint ein Ritter, Kingrimursel, und beschuldigt Gawan einer Mordtat, zu deren Sühne er ihn zum Zweikampf binnen 40 Tagen herausfordert. Aus ist das freudige Hoffest. In innerem Zusammenbruch sagt sich Parz. von Gott los. Für die nächste Zeit verschwindet er aus der Erzählung. I B. VII. VIII. X. XL XII. XIII. Gawanhandlung. Parz. erscheint außer dem IX. B. nur vorübergehend im Hintergrund der Ereignisse. B. VII. Obie und Obilot. Gaw. befreit den in Bearosche belagerten Fürsten Lippaut. Dessen kindisches Töchterchen erkürt ihn zu ihrem Ritter und wird darob von der älteren Schwester Obie verhöhnt. B. VIII. Gawan und Antikonie. Das zweite Liebesabenteuer Gawans. In Ascalun, dem Bestimmungsort des Zweikampfes, angelangt wird Gaw. sofort in ein intimes Liebesverhältnis mit Antik., der Schwester des Königs und Burgherrn Vergulaht, verwickelt. Sie werden überrascht, flüchten sich auf den Turm und wehren sich gegen den andringenden König und seine Leute. Gaw. wird unter der Bedingung, den Gral zu suchen, freigegeben. 15* 228 Die erzählende Dichtung \y B.IX. Parzival-Episode, P. und Trevrizent. Viele Länder hat P. auf der Gralsuche durchstrichen. In einer Waldklause trifft er Sigune als Klausnerin, sie gibt ihm den Weg nach der Gralsburg an, aber er verfehlt ihn. Einen ihn angreifenden Gralsritter wirft er vom Pferde. Am Karfreitagmorgen begegnet er einem Ritter, der mit seinen Töchtern eine Pilgerfahrt tut. Eine lange vorbereitete, innere Umkehr geschieht in ihm, er sehnt sich nach Gottes Hilfe für sein verlassenes Dasein. Die Pilger weisen ihn zu einem heiligen Manne in der Nähe. Sein Pferd nimmt von selbst den Weg dahin. Er findet den Einsiedler Trevrizent, dessen Lehre ihn mit Gott versöhnt (s. unten). B. X. Gawan und Orgeluse, das dritte Damenabenteuer Gawans. Er trifft die stolze Orgel, in der Landschaft des Wunderschlosses, Schastelmarveil, die seine Minnewerbung höhnisch zurückweist. Er besiegt den gewaltigen Lischois gwelljus. Der reiche Fährmann Plippalinot bringt ihn über den Fluß an den Fuß der Burg. B.XI. Gawan in Schastelmarveil, Höhepunkt seiner Abenteuer. In dem Schloß des Zauberers Clinschor sind 400 edle Frauen gefangen, deren vornehmste, wie sich später herausstellt, die Mutter des Artus Arnive, deren Tochter die Mutter Gawans Sangive, und seine Schwester Itonje sind. Gawan erlöst sie durch Bestehung der Gefahren (das Wunderbett, der grimmige Löwe). B. XII. Gawan und Gramoflanz. Auf Orgeluses Verlangen holt er einen Kranz aus dem Garten des unbesiegten Gramofl., was ihm ihre Minne einträgt. B. XIII. Fest auf Schastelmarveil, Hochzeit Gawans mit Orgeluse. Artus lagert sich mit seinem Heer in der Nähe und wird von Gaw. und seinem Gefolge festlich empfangen. B. XIV. Parzival und Gawan treffen im Zweikampf zusammen, beenden denselben sofort, als sie sich erkennen. Großes Fest bei Artus, Hochzeit des Gramofl. mit Itonje. Parz. stiehlt sich unbeachtet von dannen. ß. XV. XVI. Schluß. Parzivalhandlung. B. XV. Parzival und Feirefiz. Parzivals schwerste Prüfung, der Kampf mit seinem ihm unbekannten Bruder, der aus dem Heidenlande ausgezogen ist, um seinen Vater aufzusuchen. Der Kampf bleibt unausgetragen, die Brüder erkennen sich. Da erscheint Cundrie und beruft Parz. zum Gral. B. XVI. Parzival Gralkönig. Auf der Gralsburg tut Parz. die erlösende Frage, An- fortas gesundet, Parz. wird König des Gralreiches. Condwiramurs mit ihren beiden Söhnen Kardeiz und Loherangrin trifft ein. Nachdem Parz. noch seinen Oheim Trevrizent aufgesucht, Sigune aber tot in ihrer Klause gefunden hat, wird beim Gral ein großes Fest gefeiert. Feirefiz läßt sich taufen und erhält Repanse zur Frau. Dann folgt noch ein Ausblick auf den Priesterkönig Johann im Orient, den Sohn von Feirefiz und Repanse, und auf die Lohengrinsage. § 36. Komposition und Darstellungskunst Verwirrend wirkt aufs erste die fast unübersehbare Fülle der Personen und der Ereignisse, aber ein übersichtlicher Grundplan hält die Masse in Ordnung. 1 | Die Vorgeschichte, der Gahmuret-Roman B. I. II, enthält als Exposition die I Voraussetzungen für die kommenden Begebenheiten. Das Schicksal Parzivals vollzieht sich nicht in ununterbrochenem Ablauf, sondern dem Aufstieg in 1 Siehe bes. Hertz S. 448 ff.; Lichtenstein, Beitr. 20, 79 ff.; Kuno Francke 1, 143 ff.; Golther, Gralb. S.198f. — Rührmund, Chro- nolog. Bestimmungen d. Begebenheiten inW.s R, ZfdA. 6,465-78; Jauker, Chronolog.Be- handlg. d. Stoffes b. Wolfr. usw., Progr. Graz 1882. —Äußerlich ist dieGliederung übersichtlich durch die E i n t e i 1 u n g in 16 Bücher, die in der Hs. D durch große Goldinitialen gekennzeichnet sind (wie sie sich allerdings auch noch an 8 anderen Stellen finden). Von B.V ab sind in vielen Hss. kleinere Abschnitte von 30 Zeilen durch größere Initialen bezeichnet, allerdings nicht ganz regelmäßig; auch die vier ersten Bücher lassen sich in solcheDreißiger-Ab- s c h n i tte teilen (wobei jedoch auch manche mit etwas mehr od. weniger Zeilen mit unterlaufen). Sie stammen wahrscheinl. aus der Ur-Hs. Diese § 36. Komposition und Darstellungskunst 229 seiner Jugend und deren katastrophalen Abschluß B. III —VI folgen die Abenteuer Gawans in B. VII. VIII und X—XIV, diese aber sind getrennt durch den geistigen Höhepunkt des Gedichtes, Parzivals innere Wandlung im B. IX. Die letzten zwei Bücher XV XVI gehören wieder dem Helden allein an und bringen ihn zur Vollendung. Es durchschlingen sich also zwei Lebenskreise, die Parzival-Gralhandlung und die Gawanhandlung, das treibende Moment, von dem beide ausgehen, liegt in der Verwünschung Parzivals und Gawans durch Cundrie am Schluß des VI. Buches. Jede der beiden Handlungen ist in sich geschlossen und hat ihre besonderen Entwicklungsbedingungen, aber sie werden zusammengehalten durch den technischen Kunstgriff, daß Parz. von Zeit zu Zeit in der Gawangeschichte gleichsam auf der Bildfläche erscheint 1 und sozusagen im Hintergrund mitspielt. Beide Handlungen haben von vornherein verschiedene Ziele, die jedoch in die gleiche Idee ausmünden, in die Befreiung schicksalsbedrückter Menschen. Verschieden ist der szenische Aufbau: die Parz.handlung ist ein Entwicklungsroman, in dem sich das innere Leben des Helden in einheitlich psychologischem Zusammenhang entfaltet, die Gawanhandlung ein Abenteuerroman mit drei Liebschaften, die durch Zufall sich ergeben. Wie die Gesamthandlung nach einem Grundplan geordnet ist, so ist auch die Personenmasse übersichtlich gegliedert, denn sie verteilt sich nach einem genealogischen Prinzip: auf der einen Seite die Gralsfamilie, auf der andern die Verwandtschaft von Artus, beide aber sind vereinigt in dem Helden, Par- zival.' Personen treten nach einiger Zeit wieder auf, auf frühere Ereignisse wird angespielt, und so laufen Beziehungen durch das ganze Gedicht und befestigen den Strukturzusammenhang. Sehr verschieden sind die einzelnen Bücher im Gewicht und im Tempo der Erzählung. Die Vorgeschichte in den beiden ersten Büchern erhebt sich mit den abgebrauchten Schilderungen von Kampf und Minne nur selten über den Durchschnitt, erst am Schluß, da mit dem Tode Gahmurets die Katastrophe eintritt, steigert sich das innere Leben zu dem ergreifenden Schmerz der jugendlichen Witwe. Stark fühlbar ist ein Rhythmus der seelischen Bewegung bei den einzelnen Büchern des Hauptteils. Sehr mannigfaltig an Erzählungsstoff und psychologischem Gehalt ist die Jugendgeschichte in B. III, wo in dramatischer Lebendigkeit oft fast balladenhaft die Bilder sich ablösen, demgegenüber das IV. B. mit vielem leeren Ritterwesen angefüllt ist. Und so wechseln die folgenden Bücher mit tiefem und leichtem Inhalt: innerlich reich und äußerlich bewegt sind die zu sittlichen Symbolen vergeistigten Abschnitte hatte 30 Zeilen in den Spalten einer Seite (Bartsch, Ausg. Bd. 1 S. XIX), aber viele mochten auch von W. selbst, dem Format seiner Urausgabe entsprechend, beabsichtigt sein. Vgl. Lachm. S. IX u. Anm. zu III. 125; Haupt, ZfdA. 11, 49 f.; C. Bock, Beitr. 11, 194 ff.; Hagen, Germ. 37,74 ff.; Heinzel, WSB. 130, 11; Ludw. Grimm, Zeitgenossen S. 10 ff., da- '!>- zu Nolte, ZfdA. 44,241—48 u. Anz. 25, 294 f.; MartinI S.XXXI1I; Hagen, ZfdA. 45, 197, dazu Roethe, ebda S. 223. 227; Helm, ZfdPh. 35,199; Vyskocil s. JB. 1912, VII, 113; Schreiber S. 118 ff. mit weiteren Nachweisen. 1 B. VII, 338, 7. 370, 18. 388, 6 ff. 392, 20 ff. VIII, 398,4-6. 400,15ff. 424,15ff. B. IX. XI, 559,9 ff.-XII, 618,21. XIII, 646,14 ff. 678, 18 ff. 230 Die erzählende Dichtung von Parzival und dem Gral B. V. VI. IX, flotte Partien bei langstieligem Zubehör enthalten noch die drei Abenteuer Gawans B. VII. VIII und X. XI, aber die folgenden Bücher XII—XV erlahmen und erwecken mit den Tjosten und dem zeremoniellen Artushofleben den Eindruck von höfischen Paradestücken, die von der Absicht bloßer Erweiterung und Raumfüllung belastet sind. Erst mit dem Auftreten der Gralbotin am Schluß von B. XV erhebt sich das Lebensgefühl zu den großen Gedanken eines erhabenen Abschlusses. Wenn auch die Grundlinien des Aufbaus durchsichtig sind, so ist doch die Fülle des Stoffes nicht im einzelnen einheitlich ausgearbeitet und bei Wolfram gar zersprengt die Willkür der Abschweifungen und persönlichen Anspielungen das Maß künstlerischer Form. Durch solche Seitensprünge wird die Masse von Einzelszenen noch verworrener und einige Male gerät überhaupt die Erzählung in ein Durcheinander. 1 Die Natur 2 ist nur in knappen aber markigen Strichen entworfen, die in ihrer Gesamtheit ausreichen, um in der Landschaft den Lebensvorgängen einen stimmungsvollen Hintergrund zu verleihen und den Unterton des Märchenhaften zu verstärken. Ohne Wegkenntnis reitet Parz. nach seinem in unbekannten Fernen liegenden Ziele auf kaum betretenen Pfaden, durch Gebirg und Feld und Moor, am strahlenden Sommertag oder wenn Schnee die einsamen Steige verhüllt. Menschenleer dehnen sich die Wälder und wilden Hochgebirge, durchrauscht von schnellen Wassern, stille Klausen stehen an steilen Felswänden. Da erhebt sich mit einemmal ein türmereiches Schloß aus der Ebene, davor der grüne Anger, von breiter Linde beschattet. Nach Munsalvaesche aber gehen unkunde Wege, in dreißig Meilen ist kein bebautes Land zu schauen, unnahbar trotzt sie jedem Sturm, viel Türme, mancher Palas stand da in wundersamer Wehr. Gawans Abenteuerreise führt nicht zum weltfernen Gral, sondern auf die Burgen schöner Damen, in Wundergärten mit ausländischen Bäumen und auf das Zauberschloß Schastelmarveil, und an der Quelle trifft er nicht eine büßende Klausnerin, sondern eine kokette Weltdame. Wolframs Blick haftet nicht an den Einzelheiten der natürlichen Umwelt, aber er faßt sie sicher in hervortretenden Merkmalen. Es ist ebenso bei der Beschreibung der körperlichen Gestalt. 3 Jeder Hörer oder Leser trug sein ritterliches Idealbild in sich und die dichterische Wiedergabe ist typisch: ein jeder Held ist schön, stattlich, stolz, einzelne Differenzierungen, ob klein oder groß, schlank oder beleibt, jung oder alt werden nur bei besonderen 1 Widersprüche im Parz.: Bahnsch, Progr. Danzigl880 S.14ff.; HEiNZEL,WSB.130,23ff. 41 ff. 101 ff.; Sonnleithner, Anz. 23, 204 f.; Jellinek u. Kraus, ZföQ. 93, 685 ff.; Helm, Beitr. 41, 372 ff.; Schreiber S. 196; Karg- Gasterst. S. 72 f. 2 Otto Unger, Die Natur bei W. v. E., Greifsw. Diss. 1912; Jacobsohn, Farben, Teutonia 22 (1915). 3 Alb. Ilg, Beitr. S. 90—117; Alex. Himpel, Die Darstellg. d. Gestalten in W.s P., Greifsw. Diss. 1921, Maschinendr.; Schwietering, Die Bedeutung des Zimiers bei W. v. E., Festschr. f. Sievers 1925 S.554—82. Das Glänzende als typisches Schönheitsideal: Burdach, Reinm. S.49; Singer, Stil S. 21 f.; Jacobsohn, Farben. § 36. Komposition und Darstellungskunst 231 Gelegenheiten erwähnt. Aber im Parz. leuchtet das süße Bild des reinen Toren in lichtem Glänze aus seiner Umgebung. Auch Kleidung und Rüstungsgegenstände werden selten eingehender beschrieben. Der Treffpunkt für den Sehsinn ist dann die Farbe: grün sind Wappen und Gewand Gahmurets 14,15—15,7. 36, 21—37, 9, vgl. 59, 3—14; farbenprächtig, gold und rot zeichnet sich der Schild Fridebrants aus, die Brünne warf einen Glast wie Feuersglut 70, 21—71, 28; wortspielerisch wird das rot des roten Ritters wiederholt 145, 16—146, 4, ein ganzes Farbenspiel leuchtet auf dem Staatskleid, das Parzival in Gurnemanz' Schloß angelegt wird 168, 2—20. Beschränkt ist die Kunst der Charakterisierung 1 des inneren Menschen. Es fehlt der Blick, oder die Ausdrucksfähigkeit, seelische Wesensarten abzutönen oder folgerichtig zu entwickeln. Der ethische Optimismus, der das Charakterbild einer Person der Gesellschaft möglichst von Makel rein halten wollte, gab Anlaß zu manchen psychologischen Unstimmigkeiten. So stört manchmal ein Widerspruch zwischen den veredelnden Worten des 'Dichters | und den Handlungen der betr. Person (vgl. unten Gahmuret). Hemmende Abschweife vom epischen Fortgang der Erzählung sind häufig: Reflexionen über die Minne, persönliche Auslassungen, Anspielungen auf Umgebung und Zeitverhältnisse (s. oben), Namenaufzählung (z. B. 770, 1—30. 772, 1—23. 791, 1—30). Die Erzählungskunst Chrestiens und der Artusdichter ist stark in Steigerungen und Kontrastwirkungen. Die Gawanhandlung als ein Stück Artusroman ist nach dem Gesetz der Steigerung aufgebaut: drei Damenverhältnisse, die von bloßer Spielerei (Obilot) und sinnlicher Reizung (Antikonie) zu ernster Verliebtheit (Orgeluse) aufsteigen, drei Tapferkeitsproben (Bearosche, Ascalun, Schastelmarveil), deren letzte die schwerste Leistung ist. Ebenso sind die Kämpfe Parzivals gegen Gramoflanz, Gawan, Feirefiz Beispiele der Steigerungstechnik der Artusromane. Auf Antithese beruht die ganze Idee des Gedichtes (s. unten), in Parallelismus gestellt sind die Handlungen Parzivals und Gawans. Ebenfalls zum Bau der Artusromane gehört die überraschende Katastrophe (s. oben S. 140), die hier in der Verfluchung Parzivals den Umschwung der Handlung bedingt. Aber auch sonst, in Einzelauftritten, ist das Gedicht reich an dramatischen, unerwarteten Wendungen, so die jähe Vernichtung von Herze- loydes Glück, später ihr plötzlicher Tod, das unfreundliche Ende des ersten Gralbesuches, die plötzliche Störung des Schäferstündchens mit Antikonie, das Zerbrechen von Parzivals Schwert und die gegenseitige Erkennung der Brüder. Beim Parzival liegt schon im Stoff ein stark spannendes Moment, da die Geheimnisse der Gralsburg Aufklärung erfordern. Mit B. V und der Kata- 1 Charaktere: Bahnsch, Untersuchg. üb. d. Darstellg. u. üb. d. Zeichng. d. Charaktere in W.s v. E. Parz., Danzig 1880; W. Mielke, D. Charakterentwicklg. P.s, Progr. Gartz 1904. Üb. Optimist. Charakterisierung, bes.d.Antikonie: Rolf Weber, Journ. of Engl. andGerm.Philol. 17, Julyl918S. 15f. 232 Die erzählende Dichtung Strophe in VI wird das Rätsel aufgegeben, erst im IX. B. wird es gelöst, aber das Schicksal des Helden entscheidet sich überhaupt erst am Schluß. Das Lebensrätsel des reinen Toren beginnt mit seinem ersten Auftreten und wird in Spannung erhalten bis zu seinem Eintritt in die Lichtwelt des Grals. In der nach dem Muster eines Artusromans verlaufenden Gawanhandlung liegt das Kunstmittel der Spannung zumeist in der herkömmlichen und abgebrauchten Form der Kampfschilderurigen. § 37. Entstehungsweise des Parzival Nach den oben verzeichneten Anhaltspunkten ist das VII. B. etwa 1204/5 (oder 1203?) geschrieben (379, 18); das V. B. in Wildenberg (230, 13), das IV. wahrscheinlich in Wertheim (184, 4). Das III. B. erwähnt Hartmanns Erec (143, 21), das V. den Iwein (253, 10), die um 1190 (1192) bzw. bald nach 1200 erschienen. 1 Der Parz. wurde nicht gleich im Gesamtumfang veröffentlicht, sondern in Abschnitten. Die sechs ersten Bücher bildeten eine Erstausgabe, am Schluß von B. VI macht Wolfr. selbst die Fortsetzung von dem Wunsche einer Dame abhängig und jene sechs Bücher allein waren Wirnt v. Grafenberg bekannt. Gewisse Wandlungen im Sprachgebrauch im Wortschatz und in den Reimen sind beobachtet worden, die sich aus „Arbeitspausen" 2 erklären lassen: nach B. VI. VIII und XIV, auch nach B. II und XV. Wolfram hat den Parz. wohl auch nicht sofort in der jetzigen Fassung hergestellt, sondern nachträglich Änderungen angebracht. Ohne Entscheidung der Quellenfrage (Chrestien und Kyot, s. unten) läßt sich über die Art und den Umfang späterer Einschaltungen etwas Sicheres nicht bestimmen. Eine auffallende Abschweifung aus der Erzählung ist die Einlage nach B. II, die sog. Selbstverteidigung 3 114, 5—116, 4 (s. oben S. 217), auf die der Schluß von B. VI, 337,1—30 Bezug nimmt. Umstritten ist auch, ob die Vorgeschichte Gah- murets B.I. II von vornherein den Anfang des Werkes gebildet habe oder erst später nachgedichtet worden sei; 4 ebenso die Entstehungszeit des Prologs. 1 Abfassungszeit u. Zeitfolge der Bücher (s. auch unten Willeh., Titurel): Panzer, Bibl. S.llf.; Martin II S. XIII f.; Lachmann S. XIX, Iwein, Lesarten 1328. 4533, S. 413. 478 f., Anm. 6943 S.344L; Haupt bei Beiger; Wackernell, Germ. 22, 280—84; Naumann, ZfdA. 22,41; Hoffmann, Einfluß des Reims S. 37; Schönbach, DLz. 1898, 308; Saran, Beitr. 24. 53f.; Leitzmann, ebda 26, 145 ff.; Burdach, Walther S. 58 ff.; Helm, ZfdPh. 35,196-203; Ludw. Grimm pass., bes. S. 66f.; Nolte, Anz. 25,302 ff.; Domanig. Die Kultur (1911) S. 266ff.; Singer, Wh. S.7; Palgen, Stein der Weisen S. 41—59; Margaret F. Richey, Gahmuret Anschevin, Oxford 1923 S. 68—96, dazu Blöte, Anz. 44, 23—25; Schreiber S. 169—79. 200 ff.; Elisab. Karg- Gasterstädt, ZurEntstehungsgesch. d. Parz., Halle 1925, dazu Blöte, Anz.45,14ff., Richey, Mod. Lang. Rev. July 1926; Ludw. Wolff, ZfdA. 61, 181—92; Schwietering, Festschr. f. Sievers 1925, 554 ff., f. Ehrism. S.42. 2 Zwierzina, Festg. f. Heinzel S. 436—511, bes. S. 452 ff.; Panzer, ZfdPh. 33, 134 ff.; Elsa-Lina Matz, Formelhafte Ausdrücke im Parz., Kiel. Diss. 1907 S. 102ff.; Bohner, D. Beiwort d. Menschen in W.s Parz., Heidelbg. Diss. 1909 S. 5 ff. 3 Haupt, ZfdA. 11, 49 ff.; Stosch, ebda 27, 313—32; KOck, Beitr. 22, 105 ff.; Schönbach, DLz. 1898,308; Nolte, Anz. 25,293f.;. Zwierzina, Festg. S.475; Singer, Stil S. 26; s. unten W.s Lieder. 4 Schreiber nimmt einen Ur-Parz. an, der erst durch nachträgliche Überarbeitung die endgültige Gestalt gewonnen habe; die eingeschobenen Stellen erschließt er aus dem inneren Zusammenhang u. bes aus d. unregelmäßigen Dreißiger-Abschnitten. Auch Karg-Gaster- städt scheidet, durch rhythmisch-melodische Beobachtungen, eine Menge nachträglicher Einschübe aus. § 37. Entstehungsweise des Parzival. § 38. Die Quellen des Parzival 233 § 38. Die Quellen des Parzival Die Forschung über Wolfram stellt die schwierigsten Aufgaben. Er ist der offenherzigste der mhd. Erzähler und doch stoßen wir überall auf dunkle Gründe. Er hat dem Leser manchen vorüberhuschenden Einblick in seine Lebensverhältnisse gewährt, aber die kurzen Andeutungen sind nur Spuren, die sich ins Unbetretene verlieren und geben der Wißbegierde nur noch weiteren Anreiz. Er hat in seinen Werken eine Schau in ein unendlich reiches Geistesleben und zu den höchsten Ewigkeitsgedanken eröffnet, aber wir kennen die Quellen nicht, aus denen ihm das Wissen geflossen. Zweifel um Zweifel, Fragen, nichts als Fragen. Unentschieden ist die Quellenfrage. Ein großer Teil des Parzival stimmt überein mit Chrestiens v. Troyes „li Contes del Graal". Dieser „Perceval" ist Chrestiens letztes Werk, er ist vor seiner Vollendung gestorben. Es fehlt der Schluß, auch hat er Gahmurets Vorgeschichte nicht bearbeitet, so daß sein Perceval Wolframs Büchern III bis gegen Ende von XIII entspricht. Chrestien hat sein Gralbuch für den Grafen Philipp v. Flandern verfaßt, vor 1190, denn Philipp starb 1191 im heiligen Land. Aber Chrestiens Conte del Graal ist nicht die erste epische Bearbeitung der Parzivalgeschichte, sondern er hat ihn nach einem franz. Buch, le Livre, gedichtet, das ihm der Graf Philipp gegeben hat. So berichtet er in der Widmung 1—68, 1 die er diesem seinem Gönner zugedacht hat und worin er dessen Kirchlichkeit, Freigebigkeit und Nächstenliebe (charite) preist. Chr.s Perceval ist also nicht der erste Parzivalroman, da ihm wenigstens noch le Livre (X) vorangegangen ist, aber er war der angesehenste und erfolgreichste, denn von ihm geht die Parzival- literatur aus: der kymrische Peredur (Mabinogi) 2 und die altnordische Prosabearbeitung, die Parcivalssaga, um 1300, 3 vor allem aber gab er Veranlassung zu mächtigen Fortsetzungen, 4 meist wirren Abenteuerromanen, die zu einem Umfang von etwa 60000 Versen anschwollen (Anonymus, Wauchier de Denain, Manessier bis ca. 1220—30; Gerbert de Montreuil machte vor dem Teil des Manessier einen nachträglichen Einschub, um die Mitte des 13.Jh.s). In Prosaübertragung wurde Chr.s Conte del Graal im J. 1530 in Paris gedruckt. 5 Auch eine Vorgeschichte wurde hinzugedichtet (Bliocadransfragment, s. unten). Diese Ausweitungen von Chr.s Gedicht haben auch noch aus anderen schriftlichen Quellen oder aus mündlichen Erzählungen geschöpft. Denn eysen, Zfkelt. Phil. 18, 185—89, Marie Ro- ques, Rom.39,383—85; Zenker, Rom. Forsch. 40 (1926) H.2; Bruce 1, 342 ff.; Golther, Gralb. S. 109 ff. 3 Hgb. von Kölbing, Riddarasögur S. 1 ff.; Ders., Die nord. Parz.saga u. ihre Quelle, Germ. 14, 129—81 u. Nachtr. 15, 89—94. 4 Ausg. dieses „Conte del Graal" von Potvin, Perceval le Gallois ou le Conte del Graal, 6 Bde., Mons 1866. 5 Textverhältnis der Prosa zu Chr.s Ged.: Brown, Mod. Lang. Notes 41 (1926), 230ff. 1 Die Zitate beziehen sich auf den Abdruck von Baist 1910 (nicht im Buchhandel). 2 Lit. üb. Mabinog. s. oben S. 137. Zum kymr. Peredur: Birch-Hirschfeld, Sage vom Gral S. 204ff.; Golther, Münchn. SB. 1890, 174-217; Heinzel, WSB. 130, 47-50; Windisch, Das kelt. Brittannien S. 190 ff.; Wechss- ler, Sage vom Gral S. 34 u. Anm. Nr. 44; Hagen, Germ. 37, 125—45; Mühlhausen, GRM. 10, 367 ff., dagegen Zenker, ebda 11, 240ff.; Mary R. Williams, Essai sur la com- position du roman gallois de Peredur, Paris 1909, dazu Golther, Lbl. 1912,397, Thurn- 234 Die erzählende Dichtung die Parzival- und Gralsage war nicht nur in der geschriebenen Buchliteratur festgelegt, sondern sie war lebendig in den mündlichen Unterhaltungsvorträgen der Conteurs und Geschichtenerzähler und eine Fülle von Einzelzügen mochten da umgehen, deren manche auch von den Dichtern aufgenommen wurden. Auch die mittelenglische Romanze Sir Perceval of Galles, 1 Mitte des 14. Jh.s, mit volkstümlichen Tönen, geht wohl auf Chr. zurück, mit Benutzung anderer, vielleicht kymrischer Überlieferung. Verwandt mit diesem englischen Sir Perceval ist der italienische Carduino des 14. Jh.s. Das englische Gedicht enthält nur die Jugendgeschichte, etwa = Wolframs B. III. IV, Sigune und Jeschute von B. V und einiges vom Artushof B. VI, vom Gral aber wird nicht gehandelt. 2 Niemand würde zweifeln, daß Wolfram in den mit Chrestien zusammenfallenden Teilen diesen allein nachgeahmt hat. Aber er selbst übt Quellenkritik, er nennt einen andern als Gewährsmann, einen in der Literaturgeschichte bis heute unbekannten Kyot (allerdings er selbst nennt ihn IX, 453, 11 K. der meister wol bekant). Er zitiert ihn an sechs Stellen des Parz. von B. VIII, 416, 20 an: dreimal in den bloß formelhaften Beglaubigungen VIII, 431, 2 ich sage in als Kyot las, XV, 776,10 ob Kyot die wärheit sprach, XVI, 805, 10 op der Provenzäl die wärheit las; dreimal aber mit inhaltsreicheren Andeutungen: a) VIII, 416, 10—30: Kyot la schantiure (le chan- teur, oder l'enschanteur, Zauberer? Singer, Stil S.43f.; Vietor, Beitr. 46,111; Palgen, ebda 310) hieß er, der durch seine Kunst im Singen und Sprechen vieler Herzen erfreute; Kyot ist ein Provenzäl, der dise äventiur von Parzival heidensch geschriben sach usw. Bei diesen Personalangaben ist einiges auffallend: ein Provenzale, der französisch dichtete, zudem ein Epos, während sonst in der provenzalischen Literatur die epische Gattung nicht gepflegt wurde; die Bezeichnung chanteur, Sänger, Liederdichter, für den Verfasser eines Romans; die nordfranz. Namensform Kyot = Guiot (prov. Gui- zot). —• b) Am rätselhaftesten ist die Quellenangabe im IX. B. vor der Erklärung des Gral 453,5—455,12: Kyot fand in Toledo verborgen 3 die Quelle 1 Zum engl. Sir Percev.: Martin, Anz. 15, 208; GOLTHER, Münchn. SB. 1890, 230 ff.; Heinzel, Gralromane S.22 m. WSB.130, 50 f. 112; Wechssler, Sage v. Gral S. 39ff. 143; Hertz S. 435 ff., dazu Rosenhagen S. 565 f. 572; Gaston Paris, Hist. Litt, de la France 30, 259 ff.; Carsten Strucks, Der junge Parzival, Münster. Diss. 1910, dazu Golther, Lbl.1912, 393 ff.; Weston Bd. 1, Reg. S.343, Bd. 2 Reg. S. 354 (s. unten Lit. zur Gralsage); Griffith, Sir Perceval of Galles, dazu Golther, Lbl. aaO., Brugger, Zffrz. Spr. u. Lit.44,137—85; Pschmadt, ZfdA.55, 63ff.; Singer, Berl. Ak. 1918 Nr. 13 S. 7; Brown, Mod. Phil. 1919.1920.1921.1924, dazu Golther, Lbl. 1925, 283 f.; Sparnaay, Verschmelzung S.66f.; Bruce, Arth. Rom. 1, 309 ff.; Golther, Gralb. S. 118—23; Hans Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur S. 66ff., 80f. 90; Marie Ramondt, Zur Jugendgesch. d. Parz., Neophilol. 9,15—22. — Vaterrache im Arabischen: Singer, Berl. Ak. aaO. 2 Zugrunde liegt zum Teil Chr.s Gedicht, aber einige Züge stammen wohl aus britischer Volkssage wie die Vaterrache (Anklänge bei Wolfr. in den Lehren der Mutter [Lähelin] P. 141,7.154,25), die Rückkehr P.s zur Mutter und ihre Heimholung in sein durch die Heirat mit Lufamour (= Condwiramurs) erworbenes Reich, die dem Stil eines regelrechten Märchenschlusses entspricht. 3 nigromanzi 453, 17: Schönbach, Wien. SB. 139(1898) Nr.V. S.79-85,ebda 140(1899), IV. S.47ff.; Palgen, Der Stein der Weisen, Bresl. 1922. § 38. Dm Quellen des Parzival 235 der Geschichte vom Gral in heidnischer (d. i. wohl arabischer) Schrift, der Heide Flegetanis, ein Naturkundiger (Fistön), der ein Kalb anbetete, und mutterhalb von Salomo abstammte, schrieb die Aventiure vom Gral, er hatte den Namen des Gral in den Sternen gelesen und daß eine Schar von Engeln ihn auf der Erde gelassen, die über die Sterne fuhr. Kyot fand außerdem in einer lateinischen Chronik von Anjou das Geschlecht dieses Hauses und andrerseits das der Gralhüter. Diese seltsamen Vorstellungen von literarischer Überlieferung tragen ganz den Stempel „fabulistischer Quellenangaben" 1 und können also in dieser Form für die Existenz eines Kyot nichts beweisen. Aber wenn auch diese Berufungen auf Kyot und Flegetanis fabulös sein mögen, so würde damit doch die Person Kyots nicht aus dem Wege geschafft, denn Wolfram mochte gerade diese erdichteten Angaben bei Kyot vorgefunden und von ihm übernommen haben. Andrerseits würde eine solche phantastische Erfindung Wolfram wohl entsprechen und auch nicht den Bereich seiner Kenntnisse übersteigen, denn Toledo war ein berühmter Sitz arabischer Wissenschaft (über Flegetanis s. unt). — c) Am Schluß des Gedichtes XVI, 827, 1—18 legt Wolfram seine Stellung gegen Chrestien dar: dieser habe die Erzählung nicht richtig überliefert, Kyot hat uns die richtige Darstellung entboten: endgültig erzählt der Provenzal, wie Parzival den Gral erwarb, von der Provence sind uns diu rehten mcere und der Abschluß der Geschichte nach Deutschland gebracht worden usw. Ein Dichter Kyot, also ein Provenzale, ist uns nicht bekannt, auch findet sich keine Spur von einem Gral- oder Parzivalroman in der franz. Literatur unter solchem Namen. Man vermutet, daß Wolfram den franz. Dichter Guiot deProvins (Provis,Wh.437,11) gemeint habe, der am Anfang des 13. Jhs. das satirische Lehrgedicht la Bible verfaßte, auch als Liederdichter bekannt war. 2 Es stehen sich in der Frage nach den Quellen des Parzival zwei Ansichten gegenüber: a) hat Kyot existiert oder b) ist er eine Erfindung Wolframs? bzw.: hat Wolfram Kyot als Vorlage gehabt (der dann für die Bücher III — XIV des Parzival stark mit Chrestien übereinstimmte) oder nur Chrestien? a) Die früheren Forscher, Lachmann, Haupt, Wackernagel, San Marte, haben überhaupt nicht an Kyot gezweifelt: Lachmann S. XXI — XXVI; Haupt bei Beiger S. 280 ff.» 1 Burdach, Dresd. Phil.-Vers. 1897 S.28 ff. u. Preuß. Ak. 1918, 1021; Vogt, N. Jahrb. 3 (1889), 139; Ders., Festschr. d. Ünivers. Bres- laul911,513ff.; Wilhelm, Beitr.33,286—339,' bes. S. 286—89. 336—39; Ders., Denkmäler dt. Prosa H. 8 Kommentar II, 141; Singer, Festg. f. H. S. 426 ff.; Ders. W.s Stil S. 45; Vietor, Beitr. 46, HOL; Golther, Sage von Trist. u.Is. S.73.79f. u. Gralb. S. 199ff.; Günther Müller, Dt.Vierteljahrsschr. 2,690; s. ob. S. 45 Anm. 7. — Wiezweiflerisch man die Quellenangaben W.s aufnehmen muß, das beweist seine Zitierung des Cristjäns (Chrestien) im Wh. 125, 20ff. (Singer, Ws.Wh. S.52), den er spöttisch wegen einer Behauptung rügt, die er in dem franz. Volksepos von d. Bataille d'Aliscans gemacht haben soll — als ob Chr. auch diese verfaßt hätte! 2 Wackernagel, Afrz. Lieder u.Leiche S. 191, auch LG. 2 1,251; SAN-MARTE,Parz.-Stud.Bd.l (Ausgabe des Guiot), dazu Pfeiffer, Germ. 6, 235—43; San-Marte, Germ. 3, 445—64 u. ZfdPh. 15, 385-419; Heinzel, WSB. 130 S. 2L; Brugger, Arch. 118, 233ff.; BruceI, 313ff.; Golther, Gralb. S. 136ff.; Martin II S. XXXVII f.; Gröber, Grdr. S. 703f. 3 Lit.: Bötticher, Wolfr.-Lit. S. 44—60; PanzerS. 25-27; Piper 1,109L; Pfeiffer, 236 Die erzählende Dichtung b) Kyot ist Wolframs Erfindung, Wolfram ist selbst der Erfinder aller der Bestandteile, die von Chrestien abweichen oder bei ihm nicht nachzuweisen sind; Kyot ist Wolfram (Golther). Gotfrids v. Straßburg heftiges Losfahren gegen den Erfinder wilder Geschichten wäre um so besser begründet, wenn er wußte, daß Wolfram seinen Kyot frei ersonnen: das ging gegen die Überzeugung, die er, Gotfrid, von der Dichterehre hatte. So könnte Gotfrid als Zeuge für die Selbständigkeit Wolframs angerufen werden. 1 Methode der Quellenforschung. Die Forschung nach den Quellen des Parzival hat zur einzig sicheren Grundlage nur die Vergleichung mit Chrestiens Conte del Graal. Auf diesem Wege werden sich gewisse wiederkehrende Abweichungen von Chrestien ergeben, die psychologisch sich aus ein und derselben Persönlichkeit erklären lassen. Aus dem Gesamtschaffen Wolframs sowohl, aus seinem seelischen Inhalt, soweit dieser sich aus der Übereinstimmung aller seiner Werke erschließen läßt, als auch aus seiner in diesen Werken beobachteten Arbeitsweise — hinsichtlich des Willehalm ist für Wolfram eine große Selbständigkeit festgestellt (Singer, W.s Willeh.), den Titurel hat er frei entworfen — werden wir ein Bild von seiner Eigenart zu gewinnen suchen. Es wird bei der Vergleichung mit Chrestien jeweils zu erwägen sein, ob Wolfram die Änderung aus eigenem Antrieb, eben aus jenem eigenen Gedanken- und Gefühlsleben heraus, auch aus eigenem Wissen und eigener Kenntnis literarischer, schriftlicher oder mündlicher, bes. französischer Überlieferung gemacht haben kann — oder ob notwendig außer Chrestien noch eine andere Quelle vorauszusetzen ist. Als allgemeiner Grundsatz ist festzuhalten, daß Wolfram noch weniger Germ. 6, 237 f.; Bartsch, Ausg. 1 S. XXVII u. Germ. Stud. 2, 114 ff.; TH. Urbach, Üb. d. Stand d. Frage nach d. Quellen d. Parz., Progr. Zwickau 1872; Bötticher, Wolfr.-Lit. u.Zfd- Ph. 12, 377 f., ebda 13, 420—39, Parz.-Über- trag. 3 S.35ff; KüPP,ZfdPh.l7,1—72; Nutt, Studies, bes. S. 164ff. 262ff.; Golther, Rom. Forsch. 5,115—22; Heinzel, Gralromane u. WSB. 130; P. Hagen, QF. 85, Germ. 37, 74— 104. 121—45, ZfdPh. 38, 1—38. 198—237 u. SA., Zf d A. 45,187 - 217.47,203—24; M artin, Rede S. 12, Anz. 15, 208. 20, 255—58. 25, 360 -62, Ausg. II S. XXXVII ff; Nutt, Athenäum 1906,422, s. PRiEBSCH,ebdaS.608f. ; Wechss- LER, Festg. f. Sievers 1896 S. 231—51, Sage v. Gral S. 75 ff. 164 ff.; Singer, Festg. f. Heinzel 5. 353-436, ZfdA. 44, 321—42, Stil pass., Literis 3, 129 f.; Weston pass.; Frantzen, 6. Nederl. Philol.-congres, Leiden 1910, 87 —96. Neophil.5,115 ff., Museum 17, 255-57. 18, 15—17; Schölte, ebda 27, 129—133; Junk, Gralsage; Vietor, Beitr 46,119; Pal- GEN, Stein der Weisen; Baesecke, Wissen- schaftl. Forschungsber. S. 70; Sparnaay, Verschmelzung bes. S. 88.112; Schreiber S. 131 ff.; Schneider, LG. S. 281. 496. (Die oben angegebenen Schriften üb. d. Gral s. auch unten, Gralsage.) 1 Gegen Kyot: Rochat, Germ. 3, 81—120. 4,414—20; Simrock, Übersetzg. 2 4 , 505ff., dazu 5. Aufl. S. 340-42; Zarncke, Beitr. 3, 317ff.; Birch-Hirschfeld S. 243-71. 272— 91; Gaston Paris, Rom. 22,166; Golther, Münchn. SB. 1890, II, 212ff.; Panzer, Festg. f. Sievers 1896 S. 212 Anm.; Lichtenstein, Beitr. 22, 1—93; L. Grimm, Zeilgenossen S. 54—63; Behaghel, Lbl. 1898. 115. 263; Vogt, N. Jahrb. 1899, I, 133ff.; Nolte, Anz. 25,292f.; Blöte, ebda S.346ff.; John Meier, Basler Philol.-Vers. 1907 S. 515-17; Brug- GER, Arch. 118, 230 ff.; Baist, Rede 1909; v. D. Leyen, Wohlfeile Ausg. von Hertz 1911 S. 410ff.; FÖRSTER.Wörterb.zu Krist. v.Troyes S. 187* ff.; Roethe, Rede; Bruce, bes. 1, 318ff.;ScHWiETERiNG,ZfdA.61,71ff.,Festschr. f. Sievers 1925 S.554—82; Karg-Gasterstädt S. 56f.; Golther, Münchn. SB. 1890, 212 ff., Rede S. 16, Vortrag S. 166, Lbl. 1918, 86 ff., LG. 2 S.206ff., Gralb. bes. S. 199ff.; Günther Müller, ZfromPh. 44, 744. - Die Schwierigkeit, zu einem gesicherten Ergebnis in der Entscheidung für oder gegen Kyot zu gelangen, heben hervor: Hertz S.417ff. u. Rosenhagen, Nachtr. S. 560 ff.; Vogt, LG. 2,278 ff.; Helm, Lbl. 1908, 92 f.; Rosenhagen, DLz. 1926, 804 ff. § 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL ÖRAAL 237 als Hartmann bloßer Übersetzer war. Eine wirkliche Übersetzung, d. h. eine wörtliche oder dem Inhalt fortlaufend auch nur genau folgende Umsetzung des fremdsprachlichen Originals ist überhaupt nicht die Methode der mhd. Epiker. Zutreffender als der Begriff mechanischer Übersetzung wäre der weitfassendere „Übertragung". Im Falle wirklich ein Parzivalroman eines sonst nicht belegten Kyot vorhanden war, so können für die Entstehung von Wolframs Gedicht verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen werden: Wolfram benutzte sowohl Chre- stien als Kyot (Bartsch, Simrock 8 , Hertz); K. hat Chr. bearbeitet und diesen K. hat W. benutzt; es gab eine gemeinsame Quelle (X, le Livre), aus der beide, K. u. Chr., schöpften, diesem K. folgte W. (Heinzel, WSB. 130, 39f.); K. hat neben X auch Chr. benutzt, nach diesem K. arbeitete W. (Singer S. 46 f.). Es bedeutet eine schmerzliche Entsagung, daß wir nicht zur vollen Erkenntnis unseres größten mhd. Dichters gelangen können, daß uns die Mittel fehlen, um sein geistiges Eigentum voll abgrenzen zu können. Wir werden uns dabei bescheiden müssen, daß in Wolframs Parzival außer der in Chrestiens Gedicht vorliegenden Stoffmasse noch andere französische Quellen verarbeitet sind. Ob er dabei einen einheitlichen franz. Roman (Kyot) vor sich hatte oder ob 'er nur Chrestien kannte und die bei diesem fehlenden Bücher der Einleitung und des Schlusses, auch Abweichungen im Innern, bes. im IX. B., teils frei erfand, teils auf Grund anderer franz. Überlieferungen (vgl. Sir Perceval, Bliocadrans, Moriaen) frei bearbeitete, dafür finden wir keinen sichern Entscheid. Jedenfalls hat er aber, auch wenn er einen einheitlichen Roman (Kyot) zur Vorlage hatte, diesen bedeutend umgestaltet, er hat aus ihm das Fundament und den Rohbau für sein Werk entnommen, aber er hat die Ansichtsseite wolframisch stilisiert. Er hat zu dem Überkommenen sehr vieles aus seiner eigenen äußeren und inneren Erfahrung hinzugetan. Vor allem hat er den Stoff in seiner eigenen Anschauung aufgefaßt und in sich selbst erlebt und hat, selbstbewußter und tiefgründiger als Hartmann, ein Stück seiner Seele hineingelegt. Dann, wenn „Kyot" zu Recht besteht, wird man einen Mittelweg einzuhalten haben, man wird zwar einerseits nicht die eindeutige Formel „Kyot ist Wolfram" aufstellen können, als ob Wolfram Kyot nur als Deckname für seine Freimachung von Chrestien vorschob, andererseits wird man aber auch seine Selbständigkeit nicht allzuweit hinein anzweifeln und möglichst alles als Entlehnung ansehen (Wolfram ist Kyot). Diese Gegensätze sind am eindrucksvollsten und kenntnisreichsten durch Golther (bes. Lbl. 1918, 86 ff. u. Gralb.) und Singer (bes. in W.s Stil) vertreten. § 39. Vergleichung von Wolframs Parzival mit Chrestiens Conte del Graal Wirklich wörtliche Wiedergaben von Chrestiens Text sind nicht häufig, wie z. B. min muoter /reisen von im saget 120, 21 = plus effree que rien del mont 116; unz im der liehte tac erschein 129, 15 = Tant que li jorz clers aparut 614; bring im widr sin goltvaz 158, 23 = E portez sa cope le roi 1179; wannen iwer reise v/wre 189, 14 == Sire, dou venistes vos hui? 1859; e daz ich si gereche 199, 1 = Tant que vangence an avrai 238 Die erzählende Dichtung prise 2286; rnanegez er der gadem erlief 247, 3 = si s'an va vers les huis des chambres 3333, usw. Bei der Schilderung von Cundrie scheint W. die spätere Fratze des Zwerges P. 520, 6 vorgeschwebt zu haben (Lichtenstein S. 52): linde als ein swlnes rückehär 313, 20 = comepors qui es hericiez 6954; hierbei läßt sich in wenigen Versen die Selbständigkeit Wolframs beobachten: die Verbindung weit auseinander liegender Stellen und der Humor, mit dem die Schweinsborsten als linde bezeichnet werden. Am sichtbarsten tritt Wolframs freies Schalten mit dem Stoff in formalenÄnderungen hervor: er erweitert den Text der Vorlage, kürzt, stellt um — oft auf entfernte Stellen —, verdeutlicht und gibt nähere Erklärungen, hängt Reflexionen an. Von den Wandlungen des Inhalts kann ein Vergleich der einzelnen Bücher Wolframs mit den entsprechenden Abschnitten Chrestiens eine Vorstellung geben. Das III. Buch ist um 318 V. gegenüber Chr. 69—1678 erweitert. Die erste Szene, das Waldleben, beläuft sich bei Chr. auf nur 30V. (69—99), bei W. auf 94 V. (117,7—120, 10). Die Jägerei des Knaben ist bei Chrestien nur als ein einmaliger Waldspazierritt aufgefaßt, Wolfram dagegen gibt in einer durch viele Einzelheiten veranschaulichten Buntheit ein Gesamtbild von P.s Kindheitsgeschichte. Zweifellos hat er hier nicht Chrestiens Darstellung als Vorlage, sondern eine andere franz. Überlieferung, die dem engl. Sir Perceval nahe steht, 1 denn auch dieser faßt die Waldgeschichte als einen ganzen Lebensabschnitt, nicht als ein einmaliges Geschehnis: 15 Jahre wohnt die Mutter im Wald (14 Jahre in der Bliocadrans-Einleitung), bis zu der Zeit, da Parz. den Rittern begegnet, und der Lebenslauf wird in den gleichen Einzelheiten gezeichnet (der Knabe soll nie von Ritterschaft erfahren, erlegt Vögel und Hirsche, bringt das Wild nach Hause u. a.). Die Fassung von Wolfram und Sir Percev. (Bliocadr.) ist aber ursprünglicher als Chrestien. Das Verhältnis liegt hier nicht so, daß man W. aus Chr. zu erklären hat, sondern umgekehrt, Chr. aus W. Man kann Chr.s Arbeitsweise erkennen: er tritt mitten in die Dinge: an einem schönen Frühlingsmorgen erhob sich der Sohn der Witwe usw. Die Einzelheiten flicht er dann z.T. in die spätere Erzählung ein (Vögel u. Tiere schießen 200—05, die Religionslehre 113— 20. 135—56. 170—72. 177-79. 547—72, die Flucht in den Wald 431). Chrestien hat also die einheitliche Erzählung der Waldjugendzeit Parzivals aufgelöst und gelegentlich später nachgeholt. Dieses methodische Verfahren ist viel wahrscheinlicher als das umgekehrte, daß Wolfr. und Sir Percev. unabhängig voneinander die zerstreuten Einzelheiten zusammengesucht und zu einem einheitlichen Entwicklungsgang verarbeitet hätten. Den Stoff also hat W. in den Hauptpunkten entlehnt, aber die tiefere, seelische Durchdringung wird er ihm gegeben haben. Es ist ja an sich die nationale Eigenart der deutschen Umdichter, das Innenleben stärker mitsprechen zu lassen. Wolfram auch hat den tieferen Grundgehalt der triuwe. in die Gotteslehre der Mutter hineingelegt, denn die Treue ist der Grundstein seiner sittlichen Anschauungen. Der zweite Auftritt, P.s Begegnung mit den Rittern, ist bei W. 120,11—125,26 gegenüber Chr. 100—340 2 stark gekürzt, die Entwicklung verläuft rascher und einheitlicher. Einzelnes wirkt bei W. schlagender, so die Anrede P.s an die Ritter hilf got! 121, 2, nü hilf mir, hilfericher got 122, 26, ay ritter got 123, 21; dagegen ist die Vorstellung der Ritter bei Chr. 102 u. 157 klarer als bei W. 120, 24—26.121,13—27. Zwei verschiedene Persönlichkeiten, dichterisch und menschlich gemessen, enthüllen sich in den wenigen hundert Versen, und gleich hier treten mehrere, W. kennzeichnende Stilisierungen hervor: die persönliche Bemerkung über das Wesen der Baiern 121, 7—12; die verdeutlichende Erklärung 121, 18—22; die literarische Anspielung 125, 11—16; das Übergehen bloß äußerlich religiöser Förmlichkeiten (Chr. 117—20. 154—56). Das Zwiegespräch zwischen dem Dümmling und \ dem Ritter ist bei Chr. ausführlicher und mit größerem Behagen an dem Unverstand des Knaben in die Länge gezogen; Chr. hat eine Freude, die Hörer die närrischen Einfälle des 1 Strucks S. 9 ff.; Hertz S. 436—38 u. I ther, Gralb. S. 118—34; weitere Lit. s.oben Rosenhagen S. 565 f.; WestonI, 87ff., Gol- [ S.234Anm.l. § 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL GRAAL 239 „wälschen Dummkopfs" auskosten zu lassen, W. aber verleiht dem Naturkind einen Liebreiz durch den Blick auf seine Schönheit 122,13. 123, 12—18. 124, 17—21; Chr. hat es mehr auf Witz abgesehen, W. nimmt stärker mit dem Gemüt teil. Endlich läßt sich noch eine andere psychologische Wesensverschiedenheit beobachten: die realistische Sinnenschärfe des franz. Dichters. Hörbar ist der Lärm der Waffen, sichtbar ihr Glanz, man hört und sieht die Ritter heransprengen, Chr. 100—10. 125—34 (Li vaslez ot 111, il vit 127); W. hat dafür nur ganz kurze, abgeblaßte Angaben 120, 15. 24—26, später aber 122, 2—12 (dazu 123, 21 — 124, 4) beschreibt er die Rüstung des Führers: er hat aus dem lebendigen Ereignis der erzählten Handlung bei Chr. ein bloßes Ausstattungsstück gemacht. W.s Text in diesem 2. Auftritt läßt sich durchweg aus Chr. erklären, für seine Abweichungen braucht keine andere Quelle angenommen zu werden, sie ergeben sich ohne Zwang aus seiner persönlichen Eigenart. Auch die dritte Szene überschreitet bei Chr. den Umfang bei W. bedeutend, fast um das Dreifache (W. 125, 27—129,4 gegen Chr. 341—612). Rasch drängt es sich bei W. zum Abschied, nur die Nacht noch bleibt der Knabe bei der Mutter 127,12 (bei Chr. 486 noch drei Tage). Alles entwickelt sich schneller, der Schmerz der Mutter ist nur mit wenigen Worten gezeichnet 126, 1—5, dann zwischenhinein nur angedeutet 126, 15. 127, 10, aber aus ihren Handlungen, ihrer Sorge für ihr Kind ist ihre starke innere Bewegung herauszulesen; bei Chr. heftige Leidenschaftsausbrüche, eine stärkere seelische Erregung ist bei ihm über den ganzen Auftritt ausgebreitet. Fühlbarer noch äußert sich die verschiedene Gemütsverfassung des deutschen und des französischen Dichters in der Haltung des ins Leben stürmenden Knaben: W. hat ihm, seiner idealisierenden Lebenswertung entsprechend, das Liebliche nicht abgestreift, bei Chr. ist er mehr ein Bengel, er macht der Mutter kindische Vorwürfe (363— 82), kümmert sich nichts um ihre Sorgen und verlangt nur gleich zu essen 469—75 und / läuft endlich lieblos weg, obgleich er sie zu Boden sinken sieht. Diese Schattierungen des überlieferten Stoffes (Milderung der Leidenschaft, Veredelung) entsprechen W.s 1 sonstiger Pinselführung. In einem scheinbar kleinen, aber für die Folge nicht bedeutungslosen Punkte weicht W. von Chr. inhaltlich ab: bei Chr. fällt die Mutter beim Abschied wie tot zur Erde, bei W. ist sie wirklich tot, aber er weiß weder von Ihrer Ohnmacht noch von ihrem Sterben. Darum fallen die späteren diesbezüglichen Bemerkungen Chr.s über die Ohnmacht (pasmee cheoir) bei W. weg. 1 Durch diese Hinweise tritt bei Chr. der Tod der Mutter im Leben des Helden bedeutungsschwerer hervor und wird zu einer moralischen Schuld, die den eigentlichen Grund bildet, weshalb P. die Frage beim Gral unterläßt (Chr. 3555—57. 6361 — 70). Doch gehen diese Gefühlsmomente nicht tief (si ne sai, s'ele est vive ou morte 1562); W. hat dagegen nur die wenigen, schlichten Worte: siner muoter er gesweic mit rede, und in dem herzen niht; als noch getriuwem man geschiht 173, 8—10. Zweifelhaft bleibt die Entscheidung über die Quellenfrage bei den vier Lehren der Mutter (W. 127, 13—128, 12 = Chr. 506—78, immerhin lassen sich die Abweichungen W.s aus seiner Arbeits- und Denkweise erklären. 2 In dem 4. Auftritt, Jeschute, 3 W. 266 V, Chr. 199 V., geht W. in den Leitlinien mit Chr. zusammen, seine Abstände lassen sich alle aus seiner Übertragungsart erklären und liefern weitere Belege für dieselbe. 1. Umstellungen: die richtige Ordnung bei Chr. J ''fi ' 1 Chr. 1555-68 u. 1675—78 fehlen bei W. 176,29; 2874—84. 2942—46. 2952—55 fehlen W.223, 20f.; 3556. 3574-87 fehlen W. 252, 15—17; 6356-60 fehlt W. 476,12. 2 Vgl. Lichtenstein, Beitr. 22,13; Singer, Festg. f. Heinzel S. 354 ff., Stil S. 70; ein- gehendGoLTHER,Gralb.S.148ff. Chr.s Damenlehren sind Regeln für den Minnedienst eines höfischen Ritters (servir 511. 521), W. hat den Dümmlings- u. Märchencharakter naiver gewahrt: dreist u. ungalant und gegen die Hofsitte ist es, wenn sich der Junge zum Kuß des guten Weibes stürzen und ihren Leib fest umfassen soll. — Kirchliches Zeremoniell (die Lehre vom Kirchenbesuch) meidet W. auch sonst, ebenso wie Hartmann. 3 Griffith, Sir Parceval of Galles, 1911, S. 5. 105ff.; Pschmadt, ZfdA. 55, 63-75. 240 Die erzählende Dichtung ist dadurch gestört, die gegebene Folge wäre 130, 26. 29f. 27. 131, lf. 130, 28 usw. Den Spangenraub (fürspan), den W. jetzt gemäß Chr. in 531. 36 anbringt, hatte er selbst gar nicht erwähnt. 2. Persönliches über die Schönheitsreize der Dame 130,3—17.3. Das Farbenbild, in dem das Zelt bei Chr. erstrahlt, kommt in der steifen Beschreibung W.s nicht zur Geltung. 4. Die Zurüstung der feinen Mahlzeit bei Chr. 716—40 wird bei W. 131, 27—30 rasch abgemacht (vgl. oben Hartmann). 5. Lehrreich für die verschiedene Geistesrichtung des Franzosen und des Deutschen ist das Verhalten des Gatten: nachdem Orilus bei Chr. seiner Frau die schimpflichsten Strafen angedonnert hat, setzt er sich und speist 811, wohingegen W. mit einem Blick in das Seelenleiden des unglücklichen Weibes und seinem persönlichen Mitempfinden schließt 127,20—30. 6. Hingegen zeigt sich der Franzose als geübter Menschenkenner in der Entwicklung des Geständnisses 768—800; seine Je- schute redet auch nicht so unvorsichtig von der Schönheit des Knaben wie die W.s, die dadurch nur den Verdacht des Gatten verstärkt. Hier ist W. seinem poetischen Gefühl, den Toren in seiner Schönheit liebenswert zu machen, zum Opfer gefallen. 7. Ein gutes Beispiel für W.s häufig angewendetes Mittel der Zusammenstoppelung gibt die Prahlrede des Orilus 134, 5—135, 24, die aus lauter einzelnen Zitaten aus dem Erec (Iwein) und dem Parz. selbst zusammengesetzt ist. Mit dem folgenden, dem 5. Abschnitt 138, 9—142, 1 beginnt der das ganze Gedicht durchziehende Sigunenzyklus. W. verbreite! ihn über vier Begegnungen, bei Chr. kommt Parz. nur einmal mit der trauernden Jungfrau zusammen, nach seinem Abschied von der Gralsburg 3390—652. Der Inhalt dieser ersten Sigunenszene ist bei W. auf zwei verteilt: 1 138, 9—142,1 und, wie bei Chr., nach der Gralsburg 248,17—255, 30. Die erste Begegnung bei W. ist wohl eingeschaltet, um gleich hier den Namen seines Helden und sein Geschlecht bekannt zu geben. Zu W. stimmt der erotische Witz 139, 15—18; das Interesse für Genealogie 140, 21—141, 1; die triuwe 140, 19; die Auslassung des rohen Zuges, daß dem Ritter der Kopf abgeschnitten sei Chr. 3417, die Beziehung auf Lähelin 141, 2—9. 25— 28 (vgl. 138, 3—12). In der 2. Sigunenszene 2 beschränkt sich das bei Chr. vom Gral Gesagte auf Anfortas' Krankheit (die später im IX. B. genau beschrieben wird) und auf das Schwert; die Aufklärung über den Fischerkönig und die Wiederholung der Vorgänge auf der Gralsburg fehlt, ebenso der Tod der Mutter, der bei W. erst später im IX. B. erzählt wird. Dagegen ist die Benennung von Land und Burg und die Genealogie der Gralskönige 251, 2 — 16 zugefügt. Die Abweichungen W.s von Chr. hängen zum Teil mit der Umgestaltung zusammen, die der Stoff bei W. im IX. B. gegenüber Chr. erfahren hat, und auch die Quellenfrage für die zweite Sigunenszene und das IX. B. sind nicht wohl zu trennen. In der dritten Szene trifft Parz. Sigune als Klausnerin 435, 1—443, 4. Die gleiche Rolle wie hier Sigune vertritt die um ihren im Kriege gefallenen Gatten trauernde Inclusa in der Queste du St. Graal, 3 die Tante Percevals (bei Chr. und W. die Base), die ihm ähnliche Auskunft gibt wie Sigune bei Chr. u. W. Die Queste fußt zwar auf Chr., aber nicht zufällig wird es sein, daß diese Parallelfigur in der Queste eine Klausnerin ist. Also wird W. auch diese Szene irgendwo vorgebildet gefunden haben. — Aus der franz. Literatur stammt auch das unheilvolle Hundehalsband. 4 Einzelheiten, die mit einiger Sicherheit W. zugesprochen werden können: die Tötung Schianatulanders durch Orilus (439, 30 = 141, 9.252, 19); die Treue als ethische Unterlage, dabei das Zitat von Lunetens Rat (436, 4—10 = 253, 10); der bleich gewordene Mund (435, 26—28 = 252, 27); Parz.s Gedanken an den Gral und sein Weib (441, 4—14 = 427, 26-30. 329, 25—30. 333, 23—40); Sigune als Ratgeberin (442, 2. 21 = Trevr. 448, 23. 501, 18); W.s Gedankenkreis angemessen sind die allgemeine Bemer- 1 Lichtenstein, Beitr. 22,15. 36—38; Gol- THER, Gralb. S. 158 ff. 2 Singer, StilS.95f.; Schwietering, Sigune auf d. Linde, ZfdA. 57, 140—43; Burdach, Ackermann S. 189. 3 Birch-Hirschfeld S. 40 f. 4 Heinzel, WSB. 130, 81; Hertz S. 494 u. Rosenhagen S.569; Singer, Stil S. 72 ff. § 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL GRAAL 241 kung über die Frauen 436, 11—32, die spöttische Anspielung auf Sigunes Ring 439, 11—15 (vgl. 487, 11 ff.); seiner Gemütsart entspricht die Versöhnung 441, 15—19, als Lösung des früheren Streites 225, 21—30. — Die vierte Sigunenszene im B. XVI, 804,7—805,10 fällt unter die gleiche Quellenbeurteilung wie die drei letzten Bücher überhaupt. Das kleine Zwischenstück, die Einkehr bei dem Fischer 142, 11—144, 16 = Chr. 812— 38, hat W. selbständig in Erinnerung an Hartmanns Gregorius umgemodelt, gegen den er sich auch persönlich wendet 143, 21—144, 4. 1 In der Szene mit dem roten Ritter 2 (Chr. 443 V. = W. 502 V.) liegt der Unterschied einmal in der Bewegtheit, indem von W. der dramatisch belebte Vortrag und die leidenschaftlichen Erregungen des franz. Gedichtes in die bedächtigere deutsche Art umgesetzt sind; und dann in der Auffassung des Menschen, da der wilde Ither zu einem Muster von Rittertugend veredelt ist (wohlwollende Charakterbeurteilung). Auch die Tölpelhaftigkeit des Knaben ist gemildert und bei der Entkleidung der Leiche geht es gesitteter zu. 3 Die Schlußszene des III. Buches, Parz. bei Gurnemanz (Chr. 395 V. = W. 528 V.) gibt zunächst einen Blick in die verschiedene Gedankenbildung der beiden Dichter: Chr. beschreibt das Schloß, W. braucht ein barockes Bild (hervorgerufen durch nestre, nessoient Chr. 1304 f.), Chr. schaut die Dinge, W. denkt sie sich aus. Die Reihenfolge zwischen 162, 6 und 175, 18 = Chr. 1395—1669 verläuft bei W. regelmäßiger, bei Chr. sind Waffenlehre 1403—1510 und Sittenlehre 1615—46 durch die Bewirtung 1511—1614 getrennt (Umstellung). Bei W. ist mit den feinen, höfischen Kulturformen ein reiches Sittenbild entfaltet, bei Chr. herrscht der lehrhafte Zweck vor. — Mit den Lehren des alten, weisen Mannes ist die Aufgabe, die dieser Abschnitt im Spielplan hat, erfüllt, aber bei W. folgt noch eine tragische Nachgeschichte. Ob er die Gestalt der Liaze erfunden oder anderswoher übernommen hat, kann wieder nicht durch zwingende Beweise entschieden werden. Auch Hartmann erzählt, daß die schöne Tochter eines Burgherrn auf einen Gast einen liebenswerten Eindruck machte, Iwein 314ff.; hier auch die gemeinschaftliche Mahlzeit, auch der Ritter mit dem müzerhabedi Iw. 284, vgl. P. 163,8; daß der Vater seine Tochter mit dem Gast verheiraten möchte, kommt im Iw. 6605 ff. 6799 ff. vor. Das Schicksal der unglücklichen Söhne des Gurnemanz ist zusammengestoppelt aus Stellen und Namen des Erec und des Parz. selbst. Im III. Buch konnte eine Reihe von Zügen als ausgesprochen Wolframsche Prägung anerkannt werden. Um seinen eigenen Anteil am Parz. einigermaßen festzustellen, werden diese Motive auch für die andern Bücher herauszuheben sein. B. IV. Objektive Schilderung der Hungersnot bei Chr., wie es wirklich in der Stadt aussah, bei W. Wirkung des Elends an den grotesken Hungergestalten und subjektive Anspielungen auf sich und umgebende Örtlichkeiten 183, 19—185, 11 gegen Chr. 1725— 49. Statt Chr.s prächtiger Schilderung der Schloßherrin 1771—1805 bei W. Superlative Ver- gleichung mit andern Schönheiten (Aufzählung) 187, 11—23 = Chr. 1771—1805 und ein gemeingebräuchliches Bild 188, 6—13. Die Liebe zwischen Parz. und Condw. (Blancheflor) ist bei Chr. mehr eine höfische Amourschaft, bei W. das eheliche Weib in Treuen. Sinnliche Auffassung der Minne W. 193, 1—14. 193, 29-194, 4. 202, 29—203, 10; erotische Anzüglichkeit W. 192, 9—17; allgemeine Betrachtung über die Minne 201, 21 ff. Weglassung der Prozession (Chr. 2900) als kirchliche Förmlichkeit. Im B. V hat das Gesamtbild bei W. ein weiteres Ausmaß. In großer Pracht entfaltet sich die Feierlichkeit auf der Gralsburg {hart mer von rldiheite sagen 237, 21), bei Chr. vollzieht sich alles in einfacheren Formen. Einige Züge können aber W. wohl nicht ohne weiteres als eigene Erfindung zugeschrieben werden: die Trauer der Gesellschaft; nur eine keusche Person kann den Gral tragen; der alte Mann im Nebengemach: diese Ergänzungen finden sich 1 Schröder, ZfdA. 53, 398—400; Singer, Stil S. 71 f. '' Schölte, Der rote Ritter, Neophilol. 5,115 —121 (den Namen hat W. nicht aus H.s Erec, sondern aus Kyot). Deutsche Literaturgeschichte III 16 3 Lichtenstein, Beitr. 22,18 f.; Singer, Stil S.76L; Golther, Gralb. S. 150 ff. Das Nicht- sprechen des Antanor kann doch W.s Einfall sein, es ist eben das Zeichen eines tören, nicht reden zu können.vgl. Diu halbe bir 165ff. 324 ff. i 242 Die erzählende Dichtung gerade im B. IX, das ja mit B.V in unmittelbarem Zusammenhang steht, hier auch bewegt sich das Leben in der großen Umgebung der ritterlichen Bruderschaft der Templeisen. Mit Chr.s un graal 3182 wußte W. offenbar nichts anzufangen, denn er nennt ihn nur daz was ein dinc, daz hiez der Grdl 235, 23, deshalb hat er auch Chr.s Beschreibung 3194—3201 weggelassen (s. unten). Ein Unverständnis des franz. Textes ist es auch, wenn er un tailleur d'argent, Vorschneideteller, Chr. 3192 f. 3249 mit zwei mezzer usw. übersetzt 234, 18—24. 316, 27, und ganz naiv gibt er in seiner erklärenden Manier noch dazu eine Beschreibung dieser zwei fraglichen Messer und ihrer Schärfe. Den verblüffenden Abschluß mit der Scheltrede des Knappen am Tor darf man wohl W.s volkstümlicher Urwüchsigkeit zutrauen; es klingt daraus wie ein persönlicher Ärger über die Torheit seines Helden. — Die Schilderung von Orilus' Rüstung ist aus auch sonst im Parz. vorkommenden Namen zusammengesetzt. Der Eid auf das Heiltum ist wohl einem späteren Vorgang bei Chr. entnommen * (willkürliches Umspringen W.s mit der Vorlage). Die bedeutenden Erweiterungen im B. VI (W. 1500 V. — Chr. 680 V) kann man zum Teil ohne Bedenken W. zuschreiben: die Ausdehnung des Hoflebens, des Auftretens der Cundrie und Kingrimursels, Gawans Abschied, die Anrede an die Minne mit der Berufung auf Vel- deke, die persönliche Bemerkung 337, 1—6. 23—30; die Ehrenrettung Keies mit dem Seitenblick auf den Thüringer Hof, der Schmerz der Königin beim Gedenken an Ither; vielleicht auch die Heidin von Janfuse als Klagetrösterin und ihr Bericht über Feirefiz (W.s Vorliebe für die orientalischen Beziehungen), der Aufbruch des Hofes, die Heirat Cunnewares mit Clamide als Entschädigung für die so ungerecht mißhandelte Dame und als günstiger Romanabschluß. Die Quelle, aus der W. die Kenntnis von Gawans Minnenöten bezog, auf die er 301, 8—20 anspielt, ist unbekannt; hat er sie selbst in eigener Erinnerung aus einem franz. Artusroman entnommen oder bei Kyot vorgefunden? (Singer, Stil S. 99 f.). 2 Die Parzival-Gralhandlung geht B. IX weiter. Mehr als in allen andern Büchern gehen W. u. Chr. hier auseinander, schon der Umfang, der bei W. das Siebenfache von dem bei Chr. beträgt (W. 433,1—502,30 = Chr. 6179—6480), läßt dies äußerlich erkennen. Der ganze Inhalt bei Chr. ist (außer 6377—95, vgl. W. 470, 5) eine Beichte Parzivals vor dem Einsiedler, 3 während bei W. mit dieser eine Erklärung des Grals und der Rätsel von Munsal- vaesche verbunden sind. Auch die Einzelausführung in diesem dogmatischen Teil geht bei W. vielfach andere Wege. Der Schwerpunkt von P.s Gewissensnöten liegt bei W. in dem bedanken an den Gral und sein Weib 467, 26—30, vgl. 441, 5—9. 732, 2. 19, bei Chr. in der unterlassenen Frage. Diese aber hat erst bei W. die tiefere, ethische Bedeutung mitleidsvoller Teilnahme erhalten (Mitleidsfrage), während sie bei Chr. noch mehr die ursprüngliche Märchenart einer Zauberformel (3547—52) hat und zu einer Neugierfrage gesunken ist (wem dient man mit dem Gral 3207. 3255. 4623. 4698. 6342. 6381). Die ganze religiöse Handlung dringt bei W. erhebender und wärmer zu Gemüt als Chr.s Auffassung, die mehr an der kirchlichen, formellen Pflichtleistung haften bleibt. Und so ist denn überhaupt Wolfr. von viel stärkerem religiösen Pathos ergriffen, nur sein Parz. erleidet jenen tieftragischen sittlichen Zusammenbruch nach der Verfluchung durch Cundrie, der ihn bis zur Absage, zum Haß gegen Gott führt (we waz ist got! VI, 332, 1—8 und IX, 461, 9—26, dagegen Chr. 4689—702. 6328). Die Religionslehre vom Fall Luzifers an bis zur Höllenfahrt Christi 463, 1—465, 30 kann wohl eine selbständige Ausführung W.s sein, ihm lagen ja religiöse Fragen am Herzen und auch im Willehalm hat er Religionsgespräche eingeschaltet (Singer, Wh. S. 43 ff. 96 f.). Die Natur Christi P. 464, 23-465,10. 27—36 und die Höllenfahrt hat auch Chr. kurz vorher 6216—63, vgl. 563—71, Liebe als die Eigenschaft Gottes P. 466,1 ff.; bei Chr. im Prolog 46 f. Aber die wesentlichste Spaltung zwischen W. und Chr. liegt in der Erklärung der wunderbaren Vorgänge beim Gral, denn nur die Hostie ist beiden gemein- 420; Heinzel, Gralrom. S.23; HertzS.509; 1 Lichtenstein S. 41; Golther, Gralb. S. 164 f. 2 Die drei Blutstropfen im Schnee: Zimmer, Kelt. Stud. 2, 200 ff., dazu Martin, Anz. 10, Bolte-Poüvka 2, 461 f. 3 Seeber, Die Laienbeichte bei Wolfr., ZfdPh. 12, 77—80. § 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL QRAAL 243 sam, W. 470, 1—10, Chr. 6377—90, die kurze Andeutung Chr.s über die Gralfamilie und Anfortas' Speisung verschwindet gegen W.s eingehender Darstellung. All die vielen Merkwürdigkeiten, wie das Keuschheitsgebot für den Gralkönig, die Heilversuche, die am Gral erscheinende Schrift, die die Hostie tragende Taube, die Berufungen zum Gral, der Gral als Stein, dazu die oben angegebenen Punkte hat nur Wolfram. Hat er sie selbst erdacht, oder waren sie ihm aus anderer Gralliteratur bekannt, oder fand er sie zusammen mit den andern Abweichungen von Chr. in seinem Kyot? Aber die Erklärung der Messer als Werkzeuge zum Abschaben 479,20' kann er doch nicht bei Kyot gefunden haben, denn dieser verstand gewiß unter tailleor richtig „Teller". Damit müßte der ganze Vorgang mit der Lanzenspitze Wolfram zugeteilt werden, was allerdings die Folgerung erlaubt machen würde, daß Wolfram überhaupt noch weit stärkere Eingriffe in diesem Buche getan hätte. Und die Fahrten Trevrizents in Steiermark zeugen doch von einer selbständigen Stellung gegenüber dem Stoff, und unter den Heilmitteln 481, 6 ff. konnten ihm die vier Paradiesesflüsse, der Zweig der Sibille (aus Veldekes Eneide), pellicänus und momcirus 2 (aus dem Physiologus) bekannt sein. Aus den Büchern der Gawanabenteuer, VII—XIII (ausschl. IX), können noch folgende aus Wolframs dichterischer Individualität entsprungene Abweichungen von Chrestien ausgezogen werden: B. VII. Der gesellschaftliche Ten im Streit zwischen Obie und Obilot ist anständiger, es fallen keine Ohrfeigen und groben Schimpfworte; Wohlwollen des Dichters: er entschuldigt Obie. B. VIII. Literarische Zitierungen 399,11—14; Persönliches 403,30—404,8.409,5—22; sinnliche Anspielung 406,28—407, 9; die Schimpfworte der Antikonie fehlen (Chr. 5914—21); der Auflauf der Bürger ist nicht so lebendig bewegt wie bei Chr. 5867—913, der Naturalismus ist abgeschwächt. Veredlung des Helden: Gawan ist unschuldig an dem Tode von Vergulahts Vater 413, 13—20. Der Preis der Antikonie 427, 5—18 klingt wie eine Polemik gegen Chr.s Verwünschung 5802 —27 (auch 223,28 sagt W. das Gegenteil von Chr. 2885—87, auch 177, 1—4 stehen gegen Chr. 1676—78 [1555—70]). — Die Berührungen, die W. gegen Chr. mit dem franz. Thebenroman 3 gemein hat, aus dem auch der Name Antikonie = Antigone herkommt (bei Chr. nur pucele, demoisele), beweist nicht unumgänglich für das Bestehen Kyots, da W. die Stelle aus dem Roman de Thebes, der ja sehr bekannt war, entlehnt und mit dem Namen Kyot nur seine Abweichung von Chr. gedeckt haben kann. 4 Die folgenden Berufungen auf Veldekes Eneide und auf das deutsche Volksepos sind ja sicher Ausschmückung von W. 6 B. X. Wolfr. gehört auch zu die Minnelehre 532,1—534,10; die sinnliche Situationsmalerei 555, 19—556, 2. Die Mißgeschöpfe vom Wasser Ganjas (Ganges) und die Töchter Adams 517, 28—30. 518, 11 ff. hat er aus dem deutschen Lucidatius beigebracht (Singer, Wh. S. 17). B. XII. Anrede an die Minne 583, 1—588, 6 mit Beispielen aus der höfischen Romanliteratur. Die Ausdrücke des Hasses der Orgeluse sind gemildert oder weggelassen (auch die stehende Bezeichnung la male pucele u. ä. Chr. 8293. 378. 422 u. ö. Auf die Benutzung der Eneide 9392 ff. bei der Beschreibung von Schastelmarveil 589,1—590,16 deutet W. durch Nennung der Camille selbst hin und wörtliche Übereinstimmungen mit Veldekes Text beweisen es. 6 1 Singer, Stil S. 88 f. 2 Monosceros im Straßbg. Alex. 5578, s. KiN- zel, Ausg. S. 503. 3 Singer, Stil S. 53. 104 ff., auch Berl. Ak. 1918 Nr. 13 S. 7 f. 4 Guiot v. Provins hat eine ähnlich unsoldatische Gesinnung wie Liddamus P. 419,1 ff., bezügl. dessen Wolfr. auf Kyot hinweist 416, 17 ff., s. San-Marte, Germ. 3, 449 ff., vgl. auch Ermoldus Nigellus, De gestis Ludovici B. I. 5 Behaghel, Lbl. 1898, 263; de Boor, Ru- moldes Rat, ZfdA. 61,1—11. 16* 6 Behaghel, Eneide S. CCXV. Der esterich van edelen steinen En. 9458 mag W. schon für 566,20—28 vorgeschwebt haben; zu der Aussicht von der Säule 590, 7—14. 592,1-13 vgl. En. 5962—71. Die Ideenverbindung, die W. dazu brachte, den Turm Chr.s zu einer Säule zu machen, läßt sich verfolgen: bei Chr. fand er die Betonung der Rundsicht, da erinnerte er sich an den gleichen Gedanken in der Beschreibung von Camillens Grabmal bei Veldeke. 244 Die erzählende Dichtung Unmittelbar vergleichbare Quellen fehlen für jene Teile von Wolframs Gedicht, die über Chrestiens Perceval hinausgehen, also für die beiden ersten Bücher I u. II und für die letzten, B. XIII vom Schluß an, XIV. XV. XVI. Für die Vorgeschichte, B. I. u. II, bestand eine franz. Überlieferung, mit der Wolfram in einigen wesentlichen Zügen übereinstimmt. In zwei Hss. von Chr.s Gedicht ist diesem eine Einleitung von ca. 1280 V. vorangestellt, welche die Schicksale seines Vaters Blio- cadrans 1 erzählt: durch den Tod seiner im Turnier gefallenen Brüder erbt Bl. das Reich; Trauer um deren Tod; er wird im Turnier tödlich verwundet und fern der Heimat begraben, kurz vor der Geburt seines ersten Kindes; ein Knappe bringt die Nachricht zurück. Die Witwe wird ohnmächtig; ein alter Berater tröstet sie; sie zieht sich in die Wildnis zurück und weilt hier 14.Jahre; dann beginnt Parzivals Geschichte. Im Bereich der franz. Literatur sind auch Belakane und Feirefiz vorgebildet: Moriaen, 2 der Held eines niederl. Romans, der auf franz. Grundlage beruht, ist der Neffe (oder Sohn) Parzivals und einer Heidenprinzessin, ein Mohr; er zieht aus, seinen Vater zu suchen. Das Thema der Feirefiz-Sage ist die Vatersuche, das spezielle Merkmal besteht darin, daß die verlassene Frau und der Sohn Mohren, Heiden, sind. 3 Woher W. die Kenntnis der Bliocadrans- und Feirefiz- erzählung zugeflossen ist, gehört zu den vielen Rätseln der Quellenfrage. Doch da diese Zusammenklänge von Blioc. u. Moriaen mit dem Gahmuretroman nicht zufällig sein können (eine umgekehrte Einwirkung W.s auf diese franz. Dichtungen ist selbstverständlich ausgeschlossen), so muß wohl angenommen werden, daß W. den Umriß seiner beiden einleitenden Bücher nicht selbst erfunden, sondern einer franz. Quelle entlehnt hat. 4 Die Erzählung von Belakane und Feirefiz findet ihren Abschluß in B. XV u. XVI, die B. I voraussetzen, Anfang und Ende des P. entspringen einem einheitlichen Grundplan. Hat Wolfram den über Chr. hinausgehenden Schluß B. XIII — XVI selbst erfunden in Hinsicht auf die „Vatersuche" des Feirefiz und überhaupt in Ausbauung von vorher in der Erzählung gegebenen Motiven? Oder spricht auch hier Kyot? Dazwischen, am Abschluß von P.s Jugendlaufbahn VI, 328,1 ff., ist (wohl vonW.) die Erinnerung an den weiß und schwarzen Herrscher von Azagouc und Zazamanc wach erhalten. 5 Auf franz. Einfluß in der Vorgeschichte deutet wohl auch die Anknüpfung Gahmurets an das Haus Anjou. 6 Diesem hochmögenden Fürstengeschlecht — das Haus Anjou-Plan- tagenet hatte den Thron Englands geerbt, erheiratete durch Fulco v. Anjou das Königreich Jerusalem und war mit den Weifen verwandt — wird eine ruhmvolle Abstammung zu- 1 Bartsch, Germ. Stud. 2,116; Martin, QF. 42,16; Heinzel, GralromaneS. 78ff.; Weston 1,62 f. 71 ff. u. Reg. Bd.l u.2 unt. Blioc; Singer, Stil S. 64; Palgen, Stein d. Weisen S.41 ff.; Bruce 2, 85—90; Golther, Gralb. S. 139 f. 2 Martin, QF.42,18; Hertz S. 476; Wechss- ler, Sage v. Gral S. 39 ff. 143, dazu Blöte, Anz. 25,360; Singer, Festg. f. H. S. 372—74, ZfdA. 44, 325, 7, Stil S.64; Weston 1, 125; Brugger, Festschr. f. Morf (1922), 59 ff. 65 ff.; Sparnaay, Verschmelzung S. 44; Bruce 1, 331 f.; s. auch Schönbach, DLz. 1898,307ff. 8 In dem Gahmuretroman sind also die Moriaen- u. Bliocadransfabel zusammengeflossen : dem Mor. entspricht Belakane-Feire- fiz, d. h. B. I des Gahm. (die verlassene Frau), u. auch B. XV, Feirefiz' Vatersuche (diese ganz verdunkelt, 750, 30); dem Blioc. der Schluß von B. II, Gahm.s Tod. B. I u. II sind auf schablonenhafte Weise aus den Grundzügen der Mor.- u. Blioc.-Erzählung zu einem Romanbild erweitert durch die bekannten Motive von der Gewinnung der Frau durch Befreiung (Belakane) bzw. durch Turniersieg (Herzel.). 4 Dagegen sind die Berührungen mit dem frz. Roman Saune de Nausay, Mitte d. 13. Jh.s, nur allgemeiner Art und erweisen keinen not- wendigenZusammenhang mit d. Vorgeschichte des Parz. Singer, ZfdA. 44,327 ff., Stil S. 55 f., aber Bruce 1,350ff.; Golther, Gralb.S. 192. — Über Gahmurets Liebesabenteuer und die mittelalterl. Eneide s.ScHWiETERiNG,ZfdA.61, 71 ff. 5 Fraglich ist, ob die Anknüpfung an die Schwanrittersage 823,27—826,28 jener Quelle angehörte, s. Singer, Stil S. 121 f., aber Bruce 1,353; Golther, Gralb. S. 191. 6 ZARNCKE,Beitr.3,323; Heinzel, WSB. 130, 33; Hertz S. 468. 480. 543, Rosenhagen S. 558f.; Wechssler, Sage v. Gral S. 173ff.; FÖRSTER, Wörterb. S. 198* f.; Baist, Rede S.38f.; Martin, RedeS.12f.; Golther, Rede S. 22; Singer, Stil S. 48; Bruce 1, 321 f.; Golther, Gralb. S. 181 f. § 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL GRAAL 245 erteilt, indem es der Gral- und Artusfamilie angegliedert ist. 1 Eher wird ein französischer Dichter Veranlassung gehabt haben, das Haus Anjou zu feiern als der Deutsche Wolfram. — Auch der Name Feirefiz = vaire fiz, der gefleckte Sohn, weist auf das Vorhandensein einer franz. Gahmureterzählung (Singer, Stil S. 51). Den Prolog und die Einleitungen 2 zu den einzelnen Büchern hat W. ebenfalls nicht bei Chr. vorgefunden. Es steht nichts im Wege, sie für sein Eigentum zu halten, wenn auch manche Gedanken aus der provenz. und franz. Literatur stammen: solche sind literarisches Gemeingut geworden und eine bestimmte Quelle braucht W. nicht vorgelegen zu haben. Der Prolog 1—14 enthält W.s sittlich-religiöse Weltanschauung und faßt den Ideengehalt des Gedichtes zusammen: dieses sind sicher W.s eigene Auffassungen. Auch die Gegenüberstellung der tumben und wlsen lag ihm nicht fern, es ist eine in Einleitungen beliebte Wendung an das Publikum, schon in der Kaiserchronik begegnet sie (ZfdA. 49, 417 f.). Auch die Bucheinteilung, meist gekennzeichnet durch allgemeine Einleitungen (und durch große Anfangsbuchstaben, s. oben S.228,1), hat W. wohl selbst gegeben. Er brauchte nur Chr. zu folgen, der oft den Abschluß von Szenenwandlungen durch die Handlung andeutet, z. B. s'an part 1675 — urloup nam 179, 7 u. Ähnliches. In den Bucheinleitungen kehren einzelne Ansichten mehrfach wieder, gerade solche, die W. auch sonst äußert 3 Der Wert der Namen 4 für die Kritik der Quellenfrage ist recht zweifelhaft. Dieses Material ist flüchtig und willkürlich. Die mittelalterl. Dichter, die gern mit Namenlisten prunken, schaffen die einzelnen Namen wahllos zusammen oder erfinden auch eigene selbst dazu. Chr. ist sparsam mit persönlichen Benennungen, und die ihm entnommenen sind bei W. oft entstellt, oder auch vertauscht, wie Chr.s Blancheflor durch Condwiramurs. Woher rührt die große Masse der übrigen Namen bei W.? Sicher von ihm eingeführt sind die in der deutschen Literatur begegnenden, bei Eilhart, Veldeke (Behaghel, En. S. CCXIX), Hartmann, und so doch gewiß auch die deutschen Namen in B. I Vridebrant, Vrideschotten, Schiltunc, Hernant, Herlinde und wohl auch die dicht danebenstehenden Hiuteger und Isen- hart, auch Lambekin. Aber auch Namen aus der franz. Literatur kann W. wohl selbst beigebracht haben, wie Antikonie (s. oben), Schoysiane, Titurel, Loherangrin, Clias, Surdamur 1 In der Tat führten die Herzoge von Anjou ihren Stammbaum auf eine Fee zurück (vgl. P.56,18 f. 400, 7-9.496,8.585,13—19), aber dieses Zusammentreffen ist kein sicherer Grund für die Annahme, daß W.s Quelle von jener Stammsage etwas wußte, denn es kann auf Zufall beruhen, da von jeher Fürstengeschlechter sich von halbgöttlichen Wesen ableiteten. — Hertz S. 474 f.; Weston, Übersetzg. d. Parz. 1, 291; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 158; vgl. Schwietering, ZfdA. 61, 71 ff. — Der Panther als Wappen Gahm.s.P.101,7f. kann dem engl. Leoparden entsprechen, Hortzschansky, ZfdPh. 12, 73—77. Daß die histor. Wirklichkeit nicht gewahrt ist (Könige v.Anjou,Beal- zenän als Hauptstadt) kann in einer Dichtung nichts beweisen. 2 Prol.: Singer, Festg. f. H. S.353L 360 f., ZfdA.44,321—23, StilS.ll—15; Einl.:HEiN- zel, WSB. 130, 7. 11: Singer, Stil S. 64 f. 108. 115f. 3 Der Schritt zur Personifizierung der Aven- tiure in der Einleitung zum IX. B. lagW. schon durch Chr. nahe, der an entsprechender Stelle 6176—79 (vgl. 6476—80) sagt: die Erzählung, li contes, schweigt hier, die Geschichte, l'estoire, erzählt dieses; u. gerade W. liebt es auch sonst, der äventiurerzdendtu. handelnde Prädikate beizugeben (in d. Einleitungen zitiert er sie V, 224, 2. VII, 338, 3. XII, 583, 4. XV, 734, 10), vgl. R. Galle, Die Personifikation, Leipz. Diss. 1888, S. 80. Bei dem Zwiegespräch zwischen d. Dichter u. d. vrou Äventiure mag eine Erinnerung an die Unterhaltung Hartmanns mit d. vrou Minne I w. 2971 f. mit untergelaufen sein, kurz nachher 436,5—10 spricht Wolfr. von Luneten Rat. 4 Bartsch, Germ. Stud. 2, 114 ff.; Piper 1, 15 f. 110 ff. — Belger, Mor. Haupt S.275; San-Marte, Germ.2,385ff., ZfdPh.15,399ff.; Kupp, ebda 17, 69ff.; Hagen, QF. 85, 33 ff., dazu Singer, Anz. 27, 34f.; Hagen, ZfdPh. 38,3 ff. 218 ff., ZfdA. 47,203 ff.; Lichtenstein, Beitr. 22, 73ff,; Hertz u. Rosenhagen pass.; Martin, QF. 42,4-15, Ausg. II S. XL. XLV1I f.; Heinzel, WSB. 130, 5f. 8f. u. ö.; Singer, W.s Stil an vielen Stellen, ZfdA. 44, 321—42; Wesselofsky, Arch. f. slav. Phil. 23, 321 ff.; Iselin S. 35ff. 125ff.; Palgen pass.; Helm, Beitr. 41, 369 ff.; Guido Taube, Die Eigennamen bei W. v. E., ungedr. Diss., Bresl. 1919; Schölte, Neophil.4,115—21 (Ither); Meissner, Gustrate, ZfdA. 60, 130 (Gylstram, P. 9, 12), dazu Frings ebda 61,195f.; Golther, Gralb., bes. S. 139—46. 192 f. 201—15. 246 Die erzählende Dichtung u. a., und auch die orientalischen und gelehrt lateinischen, die hauptsächlich im IX. und XV. B. auftreten. Die List der von Feirefiz besiegten Könige 770, 1—30 ist aus dem lat. Geographen Solinus geholt, die Reihe der Sterne 791, 1—30 aus Marbods über de gemmis 1 — daß beide gerade 30 Zeilen ausfüllen, also einen Dreißigerabschnitt, spricht für W.s Urheberschaft. Unbekannter Herkunft sind die Namen der von Parz. Besiegten 772, 1—24; für die Namen der vier abtrünnigen Engel IX, 10—14 (Martin II, 356), der Schlangen 481, 8—10 (Hagen, ZfdPh. 38, 3 f., ZfdA. 45, 207) lag wohl jeweils eine einheitliche Quelle vor (die Namen aus dem Physiologus s. ob. S.243 und wie immer in Martins Kommentar). Orientalische Namen angehäuft: die Planetennamen 782, 1—12 sind arabisch (Schwally, ZfdWortforsch. 3, 140 f.; Seybold ebda 8, 147-151; Singer, Stil S. 121, Wh. S. 3); Flegetanis ist = Felek thani, Titel einer arab. Weltbeschreibung; Kancor und Thebit 643,17 sind arab. Gelehrte, (Martin II, 350. 445; Singer, Stil S. 44 ff.). Eine große Gelehrsamkeit ist in diesen Namen zusammengetragen, die nicht von W. selbst beschafft worden sein konnte. Man nimmt deshalb an, er habe einen gelehrten Berater, einen Kleriker, zur Seite gehabt. Freilich sind damit die Zweifel nur verschoben, nicht voll behoben. Der Name Parzival, 2 Chr. Perceval, Nom.Percevaus (im Kymr. Mabinogi Peredur) kommt schon in Chr.s Erec vor und danach in Hartmanns Er. 1511. 1683. Er wird von einem der Fortsetzer Chr.s als Taldurchdringer gedeutet {perce val). — Man kann W. auch nachweisen, wie er franz. Namen selbst baut: Condwiramurs aus dem Inf. conduire und amour, was zusammen eine falsche Substantivbildung ergab; Munsalvaesche 251, 2 = mont sauvage, Wildenberg, mit den falschen Nachbildungen Terre de Salvassche 251, 4, de Salvasche ah muntane 261, 28, wo salväsche als Subst. behandelt ist; Schahtelakunt 43, 19, wörtliche, aber ganz unfranzösische Übersetzung von burcgräve, und mit derselben deutschen Stellung der beiden Glieder der Zusammensetzung sarapandratest 50, 6. 68, 8 = teste de serpent. Einem Etymologen, der das Wort saranthasme (= exarentasmata) 629, 17—30. 756, 28. 808, 4—8, vgl. Willeh. 63, 16. 375, 18. 452, 29 in zwei Bestandteile zerlegt und daraus eine kleine Geschichte erfindet 3 (629,17 ff.), kann man allerhand zutrauen. Dieser phantasievolle Dichter aber war nicht etwa Kyot, sondern Wolfram, denn er hat den kostbaren Stoff saranthasme aus Veldekes Eneide (Behaghel, En. S. CCXIX), wo er 9310 unmittelbar mit dem Seidenstoff drianthasme zusammen genannt ist, den W.775,5, also bald nach 756,28, anführt. Wolframsche Falschbildungen können auch die Feminina Bearosche, Beafontane, Beaflurs, bea gent mit masc. bea- statt fem. bele sein, nach den masc. Beacurs, Beamunt etc.; templeis mit Endung -eis ist Nachbildung von der Waleis, Berteneis, Punturteis, Schamponeys, Nebenform zu -ois: Franzois, Graharzois, Burgenjoys. § 40. Die Entstehung des Stoffes Wenn man den ganzen Roman in typische Stoffelemente auflöst, so ergeben sich drei epische Einheiten, deren Sammelpunkt Gral, Parzival, Artus bilden. Als Hauptziel der Handlung und als höchste Region der Ereignisse ist der Gral gedacht, das bezeugt schon die Benennung Chr.s Ce est 11 contes del Graal 66. Eng verbunden mit der Legende vom Gral ist die auf dem Dümmlingsmärchen beruhende Geschichte Parzivals. Erweitert ist diese Gral-Parzival-Erzählung durch Angliederung des Artusromankreises. Der Schöpfer dieses Gral-Parzival-Artus- Romans ist Chrestien. Schon in seiner Quelle, le Livre, waren Parz. und Gral verbunden, auch an den Artushof 1 Hagen, ZfdA. 45, 202 ff.; Roethe ebda 223—27; Hagen, ebda 47,217; Rosenhagen S. 558. 2 Hertz S. 490ff.; Bruce 1, 251 f. mit Lit. 3 Franz Lichtenstein, ZfdA. 27,302 f.; Hagen, ebda 47,210ff. ; Martin II, 439. — Zu Sares vgl. Isidor, Etymol. IX, 2,40. XIV, 3, 29; Du Cange: Serga, Serica, Seriealis; Rud. v. Ems, Weltchron. 2048—52. § 40. Die Entstehung des Stoffes 247 war Parz. gelangt, aber erst Chrestien hat durch Zufügung der Gawanaben- teuer dem Ganzen das Gepräge eines Artusromans verliehen. Die Gralsage. 1 Die Graldichtungen. Die Legende vom heiligen Gral hat in der afrz. Literatur eine reiche Überlieferung. Die Vorgeschichte ist erzählt V ^ 1 Lit.: Panzer S. 20—22 (vgl. S. 16—19); Wechssler, Bibliogr. in „Sage v. heil. Gral" S. 193—212; Nutt, Les derniers travaux alle- mands sur la legende du S.-Gr., Revue celt. 12,181—228; Bruce, 2,398—406. — Grässe, Die großen Sagenkreise des MA.s, 1842, S. 95 —110. 132—261. 489; San-Marte, Leben u. Dicht.2,359—454, Parciv.-Stud.3, dazu Pfeiffer, Germ. 6, 235—43 u. Freie Forsch. S.94— 108 ; San-Marte, Üb. d. Bildungsgang d. Gral- u. Parz.-Dichtg. in Frankr. u. Deutschi., ZfdPh. 22, 287—311. 427—54; Simrock, Übersetz. B. 2 S. 528 ff.; Zarncke, Z. Gesch. d. Gralsage, Beitr. 3, 304—34; Birch-Hirschfeld, D. Sage v. Gr., ihre Entwickig. u. dichterische Ausbildg. in Frankr. u. Deutschi., Leipz. 1877, dazu Bartsch, Germ. 23, 247 ff.; Domanig, Parz.-Stud. 2; Martin, Z. Gralsage, QF. 42, dazu Cbl. 1881,1205, Lucae, DLz. 1881, 517 -519, Bötticher, ZfdPh. 12,377—80; Ders., Übertrag. 3 S. 40 ff.; Zimmer, Kelt. Stud. 2, 200 ff., dazu Martin, Anz. 10, 420; A. Nutt, Studiesonthe Legend of the Holy Grail, Lond. 1888, dazu Martin, Anz. 15, 207—09 u. 18, 192 ff., Zimmer, GgA. 1890, 1, 488—528, Gaston Paris, Rom. 1889,588—90; Golther, Ch.s Conte del graal in s. Verhältn. z. wälschen Peredur u. z. engl. Sir Percev., Münchn. SB. 1890, II, 174—217; Ders., Ursprung u. Entwickig. usw., Bayreuther Bl. 14 (1891), 201 — 218; Heinzel, Gralromane, Denkschr. d. K. Ak. d.Wissensch. in Wien 1891, dazu Martin, Anz. 18, 253 ff., Golther, Lbl. 1892, 50, Suchier, ZfromPh. 16,269—74; s. auch Heinzel, Österr. Wochenschr. NF. 1872 u. Kl. Sehr. S. 73 ff.; M. Gaster, The Legend of the Grail, Folk-Lore (Review) II, Lond. 1891, 50-64. 198—211, dazu Nutt S. 211-19; Hertz S. 413—66, Rosenhagen S. 511-66; Ed. Wechssler, D. Sage v. heil. Gral in ihrer Entwickig. bis auf R.Wagners Parsifal, dazu Golther, Lbl. 1899,16—18, Blöte, Anz. 25, 348 —360; Singer, ZfdA. 44,323; P. Hagen, D. Gral, QF. 85, dazu Panzer, Lbl. 1901, 147— 152, Singer, Anz. 27,30—36, Blöte, Museum 8 H.9; Wesselofsky, Zur Frage üb. d. Heimat d. Legende v. heil. Gral, Arch. f. slav. Phil. 23, 321-86; W. W. Newell, The leg. of the h. Grail, Cambridge Mass. 1902; Willy Staerk, Üb. d. Urspr. d. Gralleg., dazu Burdach, DLz. 1903, 3050—55, vgl. ebda 2821—24 u. Vorspiel 1,1, Blöte, Anz. 48,36; Martin, Kaisergeburtstagsrede 1903, Ausg. II S. XLIX—LXIV; R. v. Kralik, Die Gralsage, ges. u. erläutert, 2. Aufl. 1907: Ges. Werke 2. Reihe Bd. 1,1909; Jessie L. Weston, The Leg. of Sir Perceval usw. 2 Bde., Lond. 1906.1909, I Chretien de Troyes and Wauchier de Denain, II The Prose Perceval aecord. to the Modena MS., Lond. 1909, dazu Blöte, Anz. 32,24—39.34,242— 255, Brugger, ZffrzSpr. 31,122—62. 36, 7ff., Golther, Zfvgl. LG. NF. 18, 135—38, Stengel, Cbl. 60, 1690f., Bruce 2, 91—103; Th. Sterzenbach, Ursprung u. Entwicklung usw., Forsch, u. Funde I H. 2, 1908, dazu Martin, DLz. 1909, 1247 f.; William A. Nitze, The Fisher King usw., Publ. of the Mod. Langu. assoc. of America 24, dazu Brugger, ZffrzSpr. 36,71—74; Ders., The sister's son and the conte del graal, Mod. Philol. 9 Nr. 3 u. SA., dazu Golther, Lbl. 1912,393 ff. (s. auchCLAiRE H. Bell, The sister's son in the medieval germ. epic [Mutterrecht]), Berkeley, Calif. 1922; A. E. Waite, The Hidden Church of the Holy Grail usw., Lond. 1909; L. E. Iselin, D. morgen- länd. Ursprung d. Gralleg, Halle 1909, dazu Jordan, Lbl. 1910, 373 f., Spiller, Cbl. 62, 305 ff., Schönbach, Allg. Lbl. 20,337, Brugger, ZffrzSpr. 36, 74—77; Baist, P. u. d. Gral, Prorektoratsrede, Freiburg 1909; Golther, D. Gralsage bei W. v. E., Univers.-Vortrag, Rost. 1910, dazu Blöte, Anz. 35, 91—93, Hagen, ZfdPh. 42, 461 f., Piquet, Rev. crit. 71, 43, Frantzen, Museum 18, 15—17; Golther, Ges. Aufs. 1911,154-93 (S. 154-73 = dem Univers.-Vortr. 1910), s. auch Xenienbücherei Nr. 5; Arthur C. L. Brown, The Bleeding Lance, Publ. of the Mod. Langu. Ass. of America 25, dazu Brugger, ZffrzSpr. 36,187—90; Brown, Did Chretien identify the Grail with the Mass? Mod. Langu. Notes 41, April 1926, S. 226ff.; V. Junk, Gralsage u. Graldichtung, Wiener SB. 168 (1911), Abh. 4, 2. Aufl. 1912, dazu Hagen, ZfdPh. 46, 109—14, Golther, Cbl. 63,127—29 u. Lbl. 1912, 393 ff., Barat, Arch. 129, 230—33, Piquet, Rev. Germ. 8, 475f., PoiROT.Neuphil.Mitteil. 1914,141— 43; Leop.v.Schroeder, Die Wurzeln der Sage v. heil. Gral, Wiener SB. 166 (1910), 2. Aufl. 1911, dazu Brugger, ZffrzSpr. 37,163—67, Piquet, Rev. Germ. 9, 247; J. PoKORNY, D. Gral in Irland u. die myst. Grundlagen der Gralsage, Mitteil. d. anthropol. Ges. Wien 1912,340-52, dazu DLz. 1914, 2076 f.; Windisch, Das kelt. Brittannien, pass.; W. A. Nitze, The Castle of the Grail — an Irish analogue, Studies in honour of A. Marshall Elliott, 1913; Jos. Dostal, D. Heimat d. Gralsage, Progr. Krem- sier 1914 u. Dostal-Winkler, 2 Hefte, Krem- sier 1914.15; Franz Kampers, D. Lichtland d. Seelen u, d. heil. Gral, Görresges. 2. Vereins- schr. 1916; Ders., Turm u.Tisch der Madonna, Mitt. d.Ver. f. Schles. Volkskunde 19,73-139; Ders., Gnostisches im Parz., ebda 21, 1—62; Ders., Die Mär von d. Bestattung Karls d. Gr., Zur Gralleg. u. d. Karlssage, Jahresb. d. Görres- 248 Die erzählende Dichtung in der Verslegende Joseph des Robert v. Boron, 1 der sein Gedicht im Auftrag des Grafen Gautier v. Montbeliard um 1180—1199 (der Graf zog 1199 nach Palästina) verfaßte, also nicht lange nach [oder vor?] Chrestien. Es enthält die Geschichte der Abendmahlschüssel 2 und der ersten Gralgemeinde, deren frommes Leben seinen Mittelpunkt hatte in der Erinnerungstafel an Christi Abendmahl. Ein Jude fand das Gefäß des Sakraments, Pilatus überließ es dem Joseph von Arimathia, der darein mit Nicodemus das Blut Christi am Kreuze sammelte, das aus den Wunden floß, als sie den Gekreuzigten wuschen. Joseph wird von den Juden ins Gefängnis geworfen, aber Gott (Christus) kam zu ihm und brachte ihm das Gefäß, das durch hellen Glanz seinen Kerker erleuchtete. Nach langen Jahren durch den Kaiser Vespa- sian befreit zieht er mit seinem Schwager Bron (= Hebron) und einer kleinen Schar Christen in ein fernes Land. Auf Geheiß des heiligen Geistes stellt er für die Gemeinde eine Tafel der Erinnerung an den Tisch des Abendmahls her, auf der ein Fisch und das Gefäß aufgetragen wurden. Das Gefäß wird der Graal genannt, keiner kann ihn sehen, dem er nicht angenehm ist. Brons Name ist fortan „der reiche Fischer", weil er den Fisch gefangen hatte. Bron zieht nach England, sein Erbe ist Alain, von dem die kommenden Gralshüter abstammen. Der Inhalt von Roberts Josephslegende zerfällt in zwei Teile. Die Vorgeschichte des Gral, die eigentliche Legende von Joseph von Arimathia, hat ihren Ursprung in den Evangelien, ihre Grundzüge hat sie erlangt in altchristlichen Legenden, deren älteste die Gesta Pilati sind, worauf das Evangelium Nicodemi beruht. Die spätere Vindicta Salvatoris berichtet von Josephs vierzigjähriger Gefangenschaft bis zu seiner Befreiung durch Vespasian. Der zweite Teil erweitert sich zu einer Geschichte der ersten Gralgemeinde und der Einführung des Christentums im Westen, in England. Dieser Sagenteil ist mittelalterl. Ursprungs und wahrscheinlich in englischen Klöstern entstanden. Die historische Quelle dafür ist die Chronik De anti- quitate Glastoniensis ecclesiae (um 1135, mit Nachträgen von 1191), von der Gründung des Klosters Glastonbury (südl. von Bristol). 3 Roberts Gedicht läuft in einen nicht zu Ende geführten Merlin aus, der in Prosa fortgesetzt wird. An Robert schließt sich eine umfassende Prosa- X ges. für 1917, s. auch Münchn. Neueste Nachr., Beil. 9. Mai 1926; E. Vettermann, Die Baiendichtungen u. ihre Quellen, Beihefte z.Zfrom- Phil. H. 60; Th. Absil, D. Gral im Parz., Tijd- schr. v. Taal- en Letteren Jaarg. 7,154 ff. 8,19 ff.; F. Rohr, Parz. u. d. heil. Gral, Hildesh. 1922, dazuGiERACH.DLz. 1925,1946— 48,Golther, Lbl. 1925, 214f.; Sparnaay, Verschmelzung S. 57 ff.; Rud. Palgen, Der Stein der Weisen, Quellenstud. z. Parz., Bresl 1922; Schwie- tering, Der Fischer am See Brumbane, ZfdA. 60,259—64; Bruce, The Evolution of Arth. Ro- mance, pass.; A. Zimmermann, Herleitung des Fremdwortes „Gräl" aus dem Griech., Philol. Wochenschr.1924 Nr. 18; Golther, D.Grali. d. frz. u. dt. Ged. d. MA.s, Der Türmer 1923; Ders., Gralb. pass; Burdach, Vorspiel I Teil 1: Longinus u. d. Gral, Der Ursprung der Grallegende, D. Judenspieß u. die Longinussage, D. Longinusspeer im eschatolog. Lichte. 1 Boron übersichtl. bei Zarncke, Birch- Hirschf., Hertz S. 420 ff., Bruce 1, 237 ff. 2,114 ff. 2 Christus erklärt bei seiner Erscheinung, „das Gefäß" wird Kelch (calices) genannt werden. Hier wird also die Schüssel als Abendmahlskelch aufgefaßt. 8 Zarncke S.325ff.; Baist S.39ff.; Rosenhagen S. 565; Weston 1, 191. 2, 269f. 281; Bruce 1, 262 ff.; Golther, Gralb. S. 27 ff. Üb. d. Legende v. Fescamp s. Weston, Reg. zu Bd. 1 u. 2. § 40. Die Entstehung des Stoffes 249 romanliteratur vom Gral an. 1 Zunächst wurde sein in Prosa aufgelöstes Gedicht zu einem Zyklus erweitert, Joseph — Merlin — Perceval — Artus' Tod. In vielen Hss. seit ca. 1270 ist die sog. Vulgata der Gralromane überliefert, enthaltend die Estoire del Saint Graal (oder Grand St. Graal), Merlin (Prosaauflösung von Roberts Merlin), Lancelot, La queste (die Suche) del Saint Graal (hier ist Galaad, der Sohn Lancelots, Gralfinder), Mort Artur (Arturs Tod). Eine Sonderstellung nimmt der Prosaroman der Didot-Hs. ein (Didot-Perc, besser in einer Hs. in Modena). Noch kommt hinzu der Prosaroman Perceval le Gallois oder Perlesvaus (dieser auf Chrestien und seinen Fortsetzern fußend). Die Prosadichtungen fallen in das erste Drittel des 13. Jh.s (oder später, wie die Estoire, erst um die Mitte?). Eine und die andere wurde ins Kymrische, Irische, Niederländische, Spanische, in älterer Form auch ins Portugiesische übersetzt. In Roberts Gedicht zusammen mit den Prosaromanen ist die ganze Geschichte des Gral von den Ursprüngen bis zur Erwerbung durch den Gralsucher erzählt. Darin und nicht eben in dem poetischen Wert der Prosaromane liegt ihre literaturgeschichtliche Bedeutung. Zum Kunstwerk hat Chrestien die Gralsage erhoben. Mit Chrestiens Conte del Graal und Roberts Joseph beginnt die uns erhaltene Dichtung vom Gral. Aber es muß schon vorher eine gewisse Tradition der Gralsage gegeben haben, wie denn auch Chr. aus einer Vorlage, le Livre, schöpfte. Robert hat den legendarischen Stoff als Legende behandelt, Chrestien hat ihn zu einem Ritterroman umgedichtet. Der Inhalt der ritterlichen Gralsage, wie sie durch Chrestien und Wolfram klassisch geworden ist, läßt sich in kurzen Zügen dahin zusammenfassen : Das lebenspendende Gefäß, der Gral, steht auf waldgebirgumschlossener Felsburg in der Pflege einer ritterlichen Gemeinschaft, deren Herr, der „Fischerkönig", an einem schweren Siechtum leidet. Nur durch einen von geistiger Sittlichkeit durchdrungenen Ritter kann er erlöst werden, der im Anschauen der seltsamen Vorgänge um den Gral die Frage danach tut. Der zur Erlösung bestimmte Ritter, der, in Waldeinsamkeit weltfremd aufgewachsen, auf seinem Zug ins Leben zu der Burg gelangt, unterläßt, in törichter Befolgung einer höfischen Anstandsregel die Frage nach der Bedeutung der rätselhaften Vorgänge, des feierlichen Umzugs mit Gral und blutender Lanze, und verscherzt dadurch die Erlösung des kranken Königs und sein eigenes Glück. Nach langem Irrsuchen gelangt er wieder zu der Burg des Gral und erwirkt durch die nun getane Frage die Genesung für den König, für sich selbst aber die Nachfolge im Gralsreich. Viel umstritten ist der Ursprung 2 der Grallegende. Vereinzelt sind keltische Sagenzüge in die literarischen Denkmäler der Sage eingedrungen, 1 Bruce 1,365-495.2,1—41.136—72.308 —379, Bibliographie 2, 406—12; Golther, Gralb. S. 63—109. 2 ChristlicherUrsprung: Zarncke.BiRCH- Hirschf., Heinzel, Hertz, Wechssler, Golther (der Gral eine Reliquie, so in d. Legende von Jos. v. Arimathia); Sparnaay (vgl. Golther) ; Burdach (byzantin. Messe); Schwie- tering (altchristl. Kulthandlung); Domanig, Parz.-Stud. 2, 20ff. (Bibelparadies). — Kelti- 250 Die erzählende Dichtung 2 aber sie bilden nicht den Ausgangspunkt. Zur Verbindung mit irgendwelchen Mythen oder orientalischen Kulten fehlt jeder historische Zusammenhang. Aus Roberts und auch aus Chr.s Auffassung geht dagegen mit Sicherheit hervor, daß die Gralsage auf christlichen Vorstellungen beruht: die neuen Christen Josephs v. Arimathia und die heiligen Geräte, die sie bewahren, sind ein Abbild der Abendmahlsgemeinde und -feier. Roberts Josephslegende ist eine Umsetzung der Meßliturgie in eine historische Legende, Chrestiens Roman eine märchenhaft dichterische Verweltlichung des segenspendenden Kelches, seiner Wunder und seiner Pfleger. 1 Der zweite Stoffkreis der Gral-Parzival-Erzählung, die Geschichte Par- zivals, hat seinen Ursprung im Märchen vom Dümmling (Dummling, der glücklich gewordene Tor), der unerfahrene und für unwert gehaltene Junge, der in die Welt zieht und durch tüchtige, von andern, Bevorzugtem, unerfüllbare Leistungen sein Glück macht. Von seinem Bauernhof im Walde rennt Parzival, der Naturbursche, in die Ritterwelt hinaus, verrichtet staunenswerte Taten, befreit eine Prinzessin und erhält sie zur Frau. Auf der Heimkehr zur Mutter verirrt er sich und kommt zu einem verwunschenen Schloß. Er hätte die Geistergesellschaft vom Zauber erlösen können, wenn er gefragt hätte. Am andern Morgen ist das Schloß verödet. Erst als es ihm ge- ingt, zum zweitenmal in die Gespensterburg zu dringen, entzaubert er den Spuk durch die Frage, gewinnt ein Wunschding und wird Erbe des Reichs. Das Dümmlingsmärchen ist Gemeingut der fabulierenden Völker und hat in verschiedenen Wendungen weite Verbreitung. Überraschende Ähnlichkeit mit dem Grundplan haben einige Märchen bei den Brüdern Grimm, bes. sehe Hypothese: Nutt (der Gral ein in der irischen Sage bekannter Kessel, e. Nahrung spendendes Gefäß, die Leute auf dem verwunschenen Schloß sind die Bewohner der andern Welt); Zimmer, Brown (Kessel u. Lanze aus d. irisch. Sage); Martin, GralsageS.30ff. u. Ausg. II S. XLIX ff. (der kranke Gralkönig ist Artus in Avalon), Windisch (brittannische Rachesagen, Lanze und Schlüssel als keltische Racheembleme), Rosenhagen (Heimat der Gralbesucher kelt.). — Klassisch-mytho- log., indogerm.-mytholog., oriental. Ursprung: Simrock (Mythus vom sterbenden Sonnengott Adonis); Weston (Adoniskult); Nitze (Eleusin. Mysterien); Gaster (Sonnentempel in Alexanders Iter ad Paradisum); Hagen (der Gral ein Baetylus, Meteorstein, oriental. u. griech. Kultobjekt); Staerk (das irdische Paradies, Elisium, Insel der Seligen); Wesselofsky (Widerspiegelung von Legenden christl.-jüdischer Gemeinden in Syrien, Palästina, Aethiopien); Sterzenbach (Misso- rium, Tragaltar, aus dem Oriental, tabula Sa- lomonis); Iselin (Quelle ein syrisches Sagenbuch), Rosenhagen (Gral als Stein aus Überlieferung morgenländ. Christen); L.v. Schroe- der (altarische u. idg. Mythen von Sonne u. Mond), Junk (desgl., unmittelbare Quelle die breton. Erzählung von Peronnik dem Toren), ähnl. Dostal-Winkler ; Pokorny (ebenfalls idg. Mythus u. irische Cuchulinnsage); Kampers (babylon.-assyr. Götterberg, Thron des Sonnengottes, Wanderung d. Seele zum Berg d. Paradieses); Palgen (alchemist. Quelle); Absil (der heil. Stein im Tempel Salomos). 1 Noch dramatischer als der abendländ. Meßritus ist die Prozession der byzantin. Messe (vom 4./5. Jh. an), in der außer dem Kelch auch die heil. Lanze herumgetragen wird (auch in Frankreich nachgewiesen: Heinzel, Gralrom. S. 9 f.; Bruce 1,258 f.). - Die abendländ. Meßliturgie s. bei Honorius Augusto- dunensis, Migne 172, 541 ff. und Golther, Gralb. S. 8 f. Die byzantin. Zeremonien kamen aus den kultischen Handlungen der Christen Jerusalems, Burdach, DLz. 1903, 2821 ff. 3050 ff., N. Jahrb. 37, 25 ff., Berl. Akad. 1920, 294—321 und Vorspiel aaO.; Rosenhagen S. 564; Rose J. Peebles, The Legend of Lon- ginus, Bryn Mawr Monogr. IX, 1912; Schwie- tering, ZfdA. 60, 264; Brown, Mod. Lang. Notes 41, April 1926, erklärt auf Grund des franz. Prosaromans die Stelle von der Messe bei Chr. als nicht von Chr. herrührend, sondern als Einschub. § 40. Die Entstehung des Stoffes 251 Nr. 36. 57. 62. 63. 64. 97. 106.i Der Treffpunkt der Gralgeschichte, das lebenspendende Gefäß, ist zugleich auch das Glücksziel in den Märchen Vom Tischleindeckdich (Nr. 36), Das Wasser des Lebens (Nr. 97), Der goldene Vogel (Nr. 57). Das der Parzivalsage unmittelbar zugrunde liegende Dümmlingsmärchen wird seine Heimat bei den Briten haben, da ja die Helden der höfischen Romane dem britisch-bretonischen Sagenkreise angehören. 2 Belebt wird das ganze Märchenbild von dem wildwachsenen Toren durch aufeinanderfolgende Einzelmotive: die Lehren der Mutter, Andeutung der Familienrache (Lähelin); die lachende Jungfrau und der redende Tor; begegnende, Weg weisende oder die Verhältnisse aufklärende Personen: Sigune, der Fischer; drei Blutstropfen im Schnee. Zum Märchenstil gehört es, daß die Personen bei Chrest. oft keinen Eigennamen haben: Herzeloyde ist la veuve dame, Ither — li Vermauz Chevaliers, der rote Ritter, Sigune — la pucele, dameisele, Anfortas — li rois pescheor, Trevrizent — Termite. Die Urgestalt der Parzival-Gralsage ist also eine Verschmelzung des Dümmlingsmärchens in der charakteristischen Form des Wunschgefäßmotivs (Tischleindeckdichmotiv) mit der Grallegende auf dem Wege analogischer Verknüpfung: der verzauberten Schloßgesellschaft glich die Gralgemeinde, dem gespenstischen Aufzug der Schloßbewohner entsprach die Gralprozession, dem verzauberten Schloßherrn der König des Grals, seine Verzauberung als zu märchenhaft phantastisch wurde in eine Krankheit rationalisiert, der Glücksgegenstand wurde ersetzt durch den Gral, das Wunschding wurde zur Reliquie, der sein Glück machende Dümmling zum Gralfinder. Das Wort Gral, 3 afrz. graal, Nom. graalz, graaux, prov. grazal, ist ein Appellativum und lebt noch heute in südfranz. Mundarten. Es bezeichnet ein Tafelgeschirr, eine Schüssel. Der Mönch Helinandus (aus der Diözese Beauvais in Nordfrankreich) gibt in seiner um 1200 verfaßten Chronik eine Etymologie und Bedeutungserklärung des Wortes „Gradalis sive Gradale": es wird in Frankreich für eine weite und ziemlich tiefe Schüssel gebraucht, in der kostbare Speisen auf den Tisch der Reichen stufenweise, gradatim, Stück für Stück in verschiedener Anordnung vorgesetzt werden und sie wird 1 Zur Verbreitung der betr. Nummern s. BOLTE-POLiVKA. 2 In mehreren Artusromanen wächst der Held in Abgeschiedenheit auf, so Lanzelet.Wigalois, Wigamur (Heinzel, Kl. Sehr. S.73ff.; Hertz S. 438 ff.; Naumann, Prim. Gemeinschaftskultur S. 66 ff. 80 f.); in niederer Dienstbarkeit: Rennewart (vgl. Siegfried beim Schmied). Auch der irische Nationalheld Cuchulinn kommt als Junge von seiner Mutter weg an den Hof seines Oheims, des Königs Concho- bar, wo er sich durch seine Kraft hervortut. Unmittelbare Wandlung der Cuchulinnsage in die Parz.-Sage, also aus dem Irischen ins Britische, ist bei der allgemeinen Verbreitung solcher Märchenzüge zweifelhaft. Aber wohl nicht auf bloßem Zufall beruhen die Übereinstimmungen zwischen der Sage vom irischen König Cormac in der Visio Tnugdali (s. Bd. II, 162—65) u. Anfortas, s. Beitr. 30, 48 f. 8 Haupt bei Beiger aaO.; Zarncke S. 308; Birch-Hirschf. S. 33 ff.; Heinzel, Gralrom. S. 6 f.; Hertz S. 419 f.; Wechssler S. 10. 114; Foerster, Wörterb. S. 174*; Bruce 1, 253 ff.; Golther, Gralb. S. 7 f. 64f. — Von gr. xQaxrjQ abgeleitet s. Singer, Stil S. 83 ff., neuerdings Zimmermann. Bei Chr. hat das Wort schon auch die individuelle Bedeutung eines Eigennamens. 252 Die erzählende Dichtung ste^tm f J J graalz genannt, weil sie für den Speisenden grata et acceptabilis, wohlgefällig und angenehm, ist. Diese letztere Begriffsdeutung hat Helinand aus Robert v. Boron bzw. dem großen Prosa-Perceval bezogen. Die einzelnen Hauptzüge der Gralerzählung bei Chrestien und Wolfram. 1 In der Darstellung der Beschaffenheit und der Eigenschaften des Grals gehen beide Dichter in einigen Punkten auseinander. Weder von Chr. noch von W. ist der Gral genau beschrieben. Er enthält bei Chr. die Hostie, er ist ein Hostienbehälter, eine Monstranz (Hauptstellen bei Chr.: 3182—201. 4621—23. 4693—702. 6341 f. 6362 f. 6377—93). Der silberne Teller, tailleor (3193. 3249. 3529) diente wohl als Untersatz für den Gral. Wolfram hatte nur eine sehr unklare Vorstellung von dem Gral, er sagt nur daz was ein dinc, daz hiez der Gral. Die Prinzessin Repanse trug ihn, den wünsch von pardis, des Paradieses Preis, erden Wunsches überwal, die Überfülle irdischer Glückseligkeit 235, 20 ff. 254, 26. Sie setzte iHn auf die Tafel vor den Hausherrn. Wonach einer von den Tischgästen die Hand bot, vor dem Gral er es liegen fand, Speise warm und Speise kalt, Speise neu und Speise alt, von zahmen Tieren und von wilden usw. Dieser Gral also ist ein irdisches Wunschding, vom Tischleindeckdich heißt es (Grimm Nr. 36): und standen da „Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem" . . . „wenn eine Schüssel leer f W^MA£i r . geworden war, so stellte sich gleich eine volle an ihren Platz". Den Gral jsi^ stellt sich also Wolfram vor als irdischen Speisespender, wie das Tischleindeckdich im Volksmärchen. Aber eine andere Anschauung vom Gral lehrt Trevrizent 469, 1—471, 29: er ist ein Stein 2 und hat andere, stärkere Kräfte als „das Ding", das Parz. auf der Gralsburg gesehen hat. Dort sind köstliche Gerichte vor dem Gral auf reichbesetzter Tafel ausgebreitet, hier verleiht sein Anblick den Begnadeten unverwüstliche Lebenskraft und dauernde Jugend. Er erhält dem alten, am pogrät (Podagra) gelähmten König (Titurel) das Leben und die lichte Farbe der Haut 501, 20 ff.; und der junge, an der unheilbaren Wunde sieche König (Anfortas) kann bei ihm nicht sterben. Auch hier also ist der wünsch von pardis doch bloß ein irdischer Glücksbringer und selbst aus der Oblate, die die Taube jeden Karfreitag auf den Gralstein niederlegt, empfängt er nur, was Gutes auf der Erde webt von Trinken und von Speise. Also ist er im Grund doch trotz aller geistlichen Verbrämung durch die Hostie und die das heilige Meß- \ 1 „Die sechs Bedeutungen des Grals in sämtlichen erhaltenen Graldichtungen" stellt WECHSSLER zusammen auf einer Tafel am Schluß seiner „Sage v. hl. Gral"; vgl. Hein- zel, WSB. 130, 16-20; Hertz S. 429—35, Rosenhagen S. 560ff.; Weston, Reg. 1,342. 2, 351; Singer, Stil S. 83—87; Golther, Gralb. S. 6 ff. 189 ff. 2 Der Gral ist bei W. nicht wie bei Chr. der Hostienbehälter, sondern der Altarstein, auf den die Hostie niedergelegt wird (Golther, Gralb.). — Er heizet lapsit exillls (so die meisten Hss.). Die Ansichten über diesen gehen auseinander: Der Stein der Kaaba zu Mekka; der heil. Stein im Tempel Salomos; ein aus Stein gefertigtes Gefäß; = lapis ex celis; lapis electrix; lapis elixir (Gral als al- chymist. Symbol. Lit.: Heinzel, WSB. 130, 16 ff.; BLÖTE, ZfdA. 47,101 ff.; Iselin S.12— 15; Palgen, Stein der Weisen; Golther, Gralb. S. 204 ff. — Nach dem Wartburgkrieg ist der Gral ein Stein, der aus der Krone Lu- zifers sprang, als Gott ihn aus dem Himmel stieß, Simrock, Wartburgkrieg S. 4.143 ff. § 40. Die Entstehung des Stoffes 253 brot bringende Taube nur ein irdisches Wunschding wie auf der Gralsburg, und immer noch gehen Legende und Märchen, Himmlisches und Irdisches in der Phantasie des Dichters durcheinander. Auch der fromme ritterliche Einsiedler — und Wolfram (Kyot?) selbst — hat das irdisch Materielle nicht zum Jenseitssymbol vergeistigen können, oder wollen. Chr. sagt nichts über die Herkunft des Gral, Wolfr. (Kyot?) rückt seinen Anfang hinauf in die ältesten Zeiten, an den Beginn der Heilsgeschichte, in den ersten Kampf des Guten und Bösen. Ein Engelchor 1 hat ihn, wie Flegetanis in den Sternen gelesen hat, vom Himmel auf die Erde gebracht, aber vom Gral selbst weiß der heidnische Naturkundige nichts zu sagen (454, 24—26. 463, 1—14. 471, 15—25. 798, 6—22). Als erlösende Bedingung ist Parz. aufgegeben die Frage sowohl nach dem Gral als nach der blutenden Lanze, 2 Chr. 6334 ff. Bei W. dient denn auch das Eisen der Lanze, um das Gift aus Anfortas' Wunde zu ziehen 490, 13, eine rationalistisch-abergläubische Erklärung für die Heilkraft der Lanze, da die ursprünglich religiös symbolische Bedeutung nicht mehr verstanden wurde, denn die Lanze stammt aus der byzantinischen Liturgie. Zu den beiden fragwürdigen Wundern beim Gral — Gral und Lanze — fügt W. noch die auf Mißverständnis beruhenden zwei Messer 255, 11. 316, 27, ebenfalls mit materieller Erklärung 490, 20ff., während vorher auf der Gralsburg zwei silberne Messer bei Tisch verwendet wurden 234, 18—235, 3. Die Verwirrung wird noch dadurch größer, daß die Lanze das bewegende Moment in der Gawanhandlung bei Chrestien ist: Gawan soll dort die Lanze holen Chr. 6074—80. 6124—35. 6149—60. Hier ist ein keltischer Sagenzug von der Lanze, 3 mit der einst das Königreich Logres (England) 6131 zerstört werden wird (oder worden ist) mit der Lanze vom Gral vermengt. — Das siegverleihende Schwert, 4 das Anfortas seinem Gaste Parzival schenkt 239, 19 ff. 253, 2 ff. 490, 24. 501, 1, vgl. 643, 18 f. ist ein Reststück eines größeren Sagenblocks und nur ein literarisches Ausstattungsmittel, das für Parzivals ferneres Schicksal keine Bedeutung hat; wohingegen sein erstes Schwert, das er Ither beim Leichenraub abgenommen, zu einem ethischen Symbol wird: es zerspringt in dem Kampf mit dem unbekannten Bruder 744, 10ff., damit ist der letzte Rest seiner einstigen „tumpheit" getilgt. 3 Weston, Reg. 1,341.2,350; Schorbach, Parzifal v. Wisse u. Colin S. LVIIff. Femer: Birch-Hirschfeld S. 120—22; Windisch 1 Es waren diejenigen Engel, die im Kampfe zwischen Gott u. Luzifer unentschieden blieben, die sog. „neutralen" Engel, Heinzel, WSB. 130, 9f. 16f.; Seeber, ZfdPh. 24, 32— 37; Strauch, ebda 25, 566; Hagen, QF. 85, 67ff.; Martin, Rede S. 13f., Ausg. II S.XLIV Hertz S. 521. 524, Rosenhagen S. 470 Singer, Festg. f. H. 361-82, Stil S. 12. 86 f. Iselin S. 39 ff.; Roethe, Rede S. 10; Spar- naay S. 94; Golther, Gralb. S. 2C0ff. 2 Die Lanze als Speer des Longinus s. oben S.250 Anm. 1; ferner auch Heinzel, Gralromane S.9; Singer, Stil S.87 f.; Sparnaay S.89ff.; Bruce 1,256—59. Für Blutstillung ist derLon- ginussegengut: MSD. 3 II, 275.298; LG. 1, 103. S. 190 ff.; Brown, The Bleeding Lance; Liebermann, Arch. 143, 248. 4 San-Marte, ZfdPh. 16, 129 ff.; Birch- Hirschf. S. 266ff.; Heinzel, WSB..130,43f.; Martin II S. LXI; Weston 1,132 ff.; Singer, Stil S. 91; Golther, Gralb. S. 11 ff. — In dem Märchen vom Wasser des Lebens kommt der Jüngste in ein verzaubertes Schloß, in einen Saal, darin verwünschte Prinzen sitzen; da findet er ein Schwert und ein niemals alle werdendes Brot, mit denen er ganze Reiche von Feinden befreite und speiste. 254 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Die Auffassung von der Gralhandlung ist bei Chrestien und Wolfram nicht symbolisch, nicht eine mystische Ausdeutung des heiligen Abendmahls, sondern im Vordergrund stehen Vorgänge poetischer Wirklichkeit ohne religiös geistige Beziehungen. Doch schimmern religiöse Elemente besonders bei W., noch stark durch. Der Stoff wurde durch Chrestien ins Ritterlich - Höfische stilisiert, die Gralgemeinde ist jetzt eine ritterliche Gesellschaft, ein geistlicher Ritterstaat, und Wolfram (nicht Chrestien) nennt die Glieder unmittelbar nach dem Templerorden Templeisen 444, 23. 468, 28. 792, 21. 793,21. Es ist eine riterltchiu bruoderschaft 470, 19, ein werdiu bruoder- schaft 473, 5 ff. In dieser hat Wolfram die höchste Form des Rittertums, den christlichen Ritter, gezeichnet und zwar einen mehr mönchischen Typus, der dem doch in der Welt und nicht nach einer Regel lebenden Gottesstreiter des Rolandslieds und des Willehalm in der religiösen Stufenfolge noch übergeordnet ist. In dieser Verweltlichung des Legendenhaften wurde die Liturgie zum höfischen Zeremoniell, die Christgemeinde zum Abbild eines geistlichen Ritterordens, ja die ursprünglich liturgische Prozession wurde von Knappen und von Frauen vollzogen, und der Ehrendienst, das heilige Gefäß, das nun die Bedeutung als Reliquie, als Abendmahlskelch verloren hatte, zu tragen, wurde einer hohen Dame zuteil. Die Umstellung des legendarischen Gralaufzugs in eine höfische Gesellschaftsform ging doch nicht ohne merkliche Eingriffe vonstatten. Jetzt ist die Meßprozession zu einem Festgelage geworden, das Abendmahl zu einem leckeren Herrenessen, in dessen Nachtisch Chrestien geradezu schwelgt. — Die rätselhafte Gestalt des vornehmen Fischers ist ein Legendenrest, aber ohne Spur von der altchristlichen Symbolik des i%&ve — Christus. Ein Legendensplitter ist auch der alte Mann im Nebengemach, Titurel. Im Zusammenspiel der Stoffteile hat diese Person keine selbständige Bedeutung mehr, sie dient hauptsächlich, um das Staunen von der Wunderkraft des Gral zu verstärken. Er ist der erste Gralsherr und entspricht also in dieser Hinsicht dem Joseph v. Arimathia; er ist der Vater des reichen Fischers, ihm dient man bei Chr. 6371 ff. mit dem Gral. Noch weniger tritt sein nur bei Wolfram vorkommender Sohn Frimutel hervor, der Vater des Anfortas; sein Rittertum ist im Gegensatz zu Anfortas' Amourschaft als Beispiel ehelicher Minne aufgestellt 474, 11 ff. 478, 1. In der ursprünglichen Legende hat der Erbe des Gralshütertums keinen Namen, auch bei Robert v. Boron ist er nur „der Sohn des Sohnes" von Bron. In einigen franz. Prosaromanen heißt der Gralfinder 1 Galaad, in der Krone ist es Gawein. 2 & Das Fragemotiv ist in der Märchenpoesie zwiefach gewendet, positiv als Gebot, der Held soll fragen, negativ als Verbot (Gess), er soll nicht 1 Hertz S. 435; Wechssler S.130f.; Spar- naay S. 101 ff.; Bruce 2, Reg. S. 428 unter Galaad; Golther, Gralb. S. 167f. u. Reg. unt. Galahad. 2 Heinrichs v. d. Türlin Krone gewährt vielfach Aufschluß über volkstümlichere Vorstellungen vom Gral; Golther, Gralb. S. 215— 231. § 40. Die Entstehung des Stoffes 255 fragen. Dem ersten, dem Parzivaltypus, steht der zweite, der Lohengrin- typus gegenüber. Und mit diesem Märchengegenstück schließt der Parzi- valroman: gevräget nimmer wer ich st 818, 24 ff. 825, 19 ff. ist die Bedingung, die Parzivals Sohn Loherangrin seinem Weibe stellt. Die Nicht- befolgung des Verbots zerstört das Lebensglück der Liebenden. Und für immer. Durch Parzival aber ist dem kranken König diu wäre helfe gekommen 789, 19 und nun wird freu.de an im vernomen 792, 9. Der Gralfinder bzw. Gralsucher stammt aus dem Märchen: drei ziehen aus, z. B. um das Wasser des Lebens zu holen. So gehen auch in den franz. Prosaromanen mehrere auf die Gralsuche, z. B. in der Queste du St. Graal Galaad, Lancelot, Gauvain, Boort, Perceval und 150 andere; und im Parz. selbst Parzival und Gawan 428, 24. 503, 25. Der dritte Stoffkreis des Parzivalromans, der Artuskreis mit den Gawanabenteuern, hat zum Höhepunkt ebenfalls die Erlösung einer ritterlichen Gesellschaft und Schastelmarveil ist wie die Gralsburg ein verzaubertes Schloß. Hier liegt der Ursprung in dem keltischen Mythus vom Totenreich in Verbindung mit dem Märchen von der Feenverlockung. 1 Ereignisse und Personen haben ihre Entstehung in der keltisch-irischen Märchenwelt. Orgeluse ist eine Quellenfee wie Laudine im Iwein, Gawan trifft sie an einem Brunnen 508, 17 ff. Aber als Märchenfigur aufgefaßt hat sie eine doppelte Rolle: einmal ist sie die verlockende Fee, die Gaw. in die „andere Welt" ziehen will, das ist der Garten des Gramoflanz, „Clinschores Wald", in den er durch den Kampf mit Gram, eindringen soll, um den Kranz zu holen; dann aber auch die Warnerin vor dem Zauberschloß, denn ihre Grobheit ist ein Abwehrmittel vor Gawans Unternehmen, wie das Schelten der Bürger vor dem Schlimmen Abenteuer im Iwein 6085 ff. Schastelmarveil, das Totenreich, und der Feengarten stehen nebeneinander wie Schloß Brandigan und der Garten der Hofesfreude im Erec. Ins Totenreich von Schastelmarveil gelangt man über den Totenfluß 535, 1 ff., Plippalinot ist der Totenfährmann, die lustigen Leute im Baumgarten 513, 1 ff., der Alte an der Krücke 513, 27 ff., auch Urians 522, 1 ff., sind Warner vor dem Totenreich (wenn sie im Roman vor Orgeluse warnen, so ist dies eine Verwirrung der ursprünglichen Märchensituation). Der Eingang in das Wunderland, Terre marveile, muß erkämpft werden, das geschieht in der Tjoste mit Lischoys 536, 10 ff. Der Krämer am Eingang des Schlosses ist ein Lockvogel 561, 5. 2 Die Sage vom Zauberer Clinschor, 3 der das Zauberschloß erbaut hat, gehört nicht in den Märchenplan, denn das keltische Totenland hat keinen Gründer. Bei Chr. ist der Zauberer uns sages clers d'astrenomie 7512 ohne Namen, Wolfr. (Kyot?) 1 Irische Totenwelt u. Feenverlockung auch im Erec u. Iwein, s. oben S. 134 f. u. Ehrismann, Beitr. 30,14ff., bes. S. 46f. 2 Chrest. sagt, man habe in dem Schlosse Tücher kaufen können 8782 ff. (Singer, Stil S. 115): im Schloß des Schlimmen Abenteuers Iwein 6186 ff. gab es eine Tuchfabrik. 3 Hertz S. 538f.; Martin II S. LXIIf. I 256 Die erzählende Dichtung \ hat die Geschichte ausführlich erzählt 655, 28—659, 16, nach dem Vorbild der Geschichte vom Zauberer Virgilius. §41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 1 Durch das bunte Spiel romantischer Abenteuer ziehen sich die höchsten Gedanken von den Grundfragen des Daseins. All jenes Tun und Treiben ist nur der farbige Abglanz von Gottes ewiger Weltordnung. Im Einzelschicksal spiegelt sich der Sinn und Wert des Menschenlebens. Die Dichtung ist ein Symbol der ritterlichen Weltanschauung. Während die andern höfischen Romane nur Ausschnitte aus dem Leben sind mit den bloß weltlichen Wunschbildern von Minne und Rittertum, findet dieses Gedicht seine Vollendung erst in der höchsten Idee, in der religiösen. Ein höheres und ein niedereres Rittertum stehen in ethischer Wertung nebeneinander, der geistliche oder vergeistigte Ritter, Parzival, der Welt und Gott als Einheit in sich verbunden hat, und Gawan, der in Heldentum und Frauendienst der höfischen Gesellschaft als Vorbild gezeichnet ist (Thomasin, W. Gast 1041—78); auch er, wenn auch auf einer niederem Stufe der Realität, doch an seiner Stelle ein wertvolles Glied im göttlichen Weltplan. Durch diese Gegenüberstellung ist der ethische Grundriß gegeben: er beruht auf der Antithese zweier Lebensformen und schließt in B. XVI mit der Szenerie des Weltstaates am Artushof und des irdischen Gottesstaates auf der Gralsburg. Bestimmte Stellen sind es, die den Ideengehalt vornehmlich entwickeln: der Prolog I, 1, 1—4, 26; die drei Lehren: der Mutter III, 119, 16—30, des Ritter-Oheims Gurnemanz III, 170, 15—173, 6, des Einsiedler-Oheims Tre- vrizent IX, 446, 1—502, 30; die Berufung Parzivals zum Gral durch Cundrie XV, 781, 12—782, 30; im B. XVI: Parzival und Trevrizent 797, 16—798, 30, die Taufe des Feirefiz 817, 11—30. Die ersten Verse des Prologs 2 geben die ethische Disposition für das Gedicht. Poetisch eingekleidet ist dieses Programm in einen farbensymboli- 1 Panzer S. 3 f. 9—11. — San-Marte, Parz.- Stud. II (dazu Pfeiffer, Germ. 6, 235 ff.) u. III, Vergleichung v. W.s Parz. mit Albr.s Titurel in theolog. Beziehung, Germ. 8, 421—61, Zur Theologie in d. P., ZfdPh. 17, 174—200; J. Seeber, Die leitenden Ideen im P, Hist. Jahrb. d. Görres-Ges. 2,56—75; A. Sattler, Die religiösen Anschauungen W.s v. E., Grazer Stud. 1,1895, dazu Roediger, Arch. 97 H. 1, Minor, Cbl. 1896,707 f., Zwierzina, ZföG. 48,50—52, Martin, Anz. 23, 200—02, Michels, GgA. 1887, 738 ff.; Vogt, N. Jahrb. 2 (1899), 133— 153; Kinzel, ZfdPh. 18, 447—58 {kiusche); Bötticher, Parz.-Übertrag. 3 S. 63ff.; Singer, Festg. f. H. 353—412; Lichtenstein, Beilr.22, 61 ff.; Braune ebda 24,201 ff.; BuRDACH.Wal- ther S.97, Der myth. u. d. geschichtl. Walther, D.Rundschau 49 (1902) Nov.; Petersen, Johannes Rothe S. 142ff.; Ehrismann, ZfdA.49, 405—65, GRM. 1, 667 ff.; Marie v. Eschen, Parz. u. Faust, Leipz. 1906; Regine Strümpell, Gebrauch von saslde, Leipz. Diss. 1917; Rud. Pestalozzi, N. Jahrb.41 (1918), 195ff.; Rolf Weber, Askese u. Quietismus bei W. v. E., Journ. of Engl, and Germ: Phil. 17 (1918), 376—98; W. Scherer, Das Problem der Vorsehung in W.s v. E. Parz., Hist.-pol. Blätter 165(1919), 727—40; L. A.Fischer, TheMystic Vision in the Grail Legend and in the Divina Com., dazu Gardner, The Mod. Langu. Rev. 1918 Okt.; Ehrismann, Dantes Göttl. Kom. u. W.sv.E. Parz., Voßler-Festschr. S. 174 —93; Günther Müller, Dt.Vierteljahrsschr. 2,691 ff. 2 Panzer S. 12; Lachmann, Ueb. d. Eingang des Parz., Berl. Ak. 1835 u. Kl. Sehr. 1, 480— 518; Bötticher, Das Hohelied v. Rittertum S.7— 31; Nolte, Der Eingang d. Parz., Marb. Diss. 1900, dazu Martin, DLz. 1900, 1828 f., Leitzmann, ZfdPh. 35,129—38, Bötticher, Arch. 107, 137—45; Hertz S.467 f., Rosenhagen S.567; Singer, Festg. f. H. S.354 f. 360ff.372.412f., ZfdA.44, 321 f., Stil S. 11 ff.; Max Rieger, Zf dA. 46,175—81; John Meier, § 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 257 sehen Vergleich: es gibt in sittlicher Richtung drei Menschenarten, gute und schlechte und gemischte, bzw. weiße und schwarze und elsterfarbene, bei denen weiß und schwarz gepaart ist. Wolfram bestimmt sie nach der Morallehre seiner Zeit, danach sind die steeten die sittlich gefestigten Menschen, die unsteeten die Charakterlosen, sittlich Verdorbenen, zugleich sind jene die Gotteskinder, die die Farbe des hellen Tages tragen, diese die Kinder des Teufels und schwarz wie die Hölle; der weiß-schwarz Gemischte hat an beiden teil, am Himmel und an der Hölle. Damit ist das Bild in religiösem Sinne gefaßt, und die dritte Art, die Gemischten, sind die Zweifler, 1 sie sind nicht rettungslos der Hölle verfallen: wer auch im Zweifel unverzagten Mannesmut bewahrt, trägt noch eine Zier an sich und ist nicht ganz verunstaltet. Der unverzagte Mannesmut aber ist die erste Tugend des Ritters und damit ist diese Morallehre im engeren Sinn auf den Ritter bezogen und der Held der Dichtung, Parzival, ist ein Beispielsfall für den Zweifler, der auch in dem Glaubenszwiespalt mit Gott den unverzagten Mannesmut behält. 2 Die steete ist die Grundbedingung des sittlichen Charakters, die dem Individuum dauernd eigene Naturanlage, Beständigkeit ist treues Festhalten, wie die Treue selbst, aber die mhd. triuwe hat einen weiteren Sinn, es ist die Selbstlosigkeit, die Hingabe an das Wohl der andern, der Altruismus in umfassender Bedeutung. Die triuwe* ist das Band der natürlichen Herzensgemeinschaft zwischen Gatten, Eltern und Kindern, Verwandten, zwischen den Pflichtgenossen im Beruf, sie ist der Inbegriff des höchsten christlichen Gebots, der Gottes- und Nächstenliebe, der Charitas. Das aber ist die unergründlich tiefe Bedeutung von Wolframs Werk, daß es ein Lied von grözen trluwen ist, 4, 9. Die drei Lehren bedeuten drei Marksteine in der sittlichen Lebensgeschichte Parzivals. Die Mutter lehrt den Knaben den naiven Gottesglauben, den dem kindlichen Gemüte verständlichen Kindergott: er ist noch heller als der Tag, der Hölle Wirt aber ist schwarz, ihn fliehe, und auch den Zweifel. Es ist die erste Stufe in der sittlichen Entwicklung des Helden. Durch Gurnemanz wird der Jüngling zum Weltmann gebildet, er eröffnet ihm die Tugenden des Honestum, er will ihn zum Fürsten erziehen und Basler Phil.-Vers. 1907, 512 ff.; Ehrismann, ZfdA.49, 405 ff.; H. Fischer, ebda 50, 148; Leitzmann, Anz.33, 122 f.; Siebs, Beitr.37, 165—68; Burdach, Faust u. Moses, Berl. Ak. 1912,635; Günther Müller, Dt. Vierteljahrs- schr. 2, 691 f. 1 Auch Hartmann hat im Prolog zum Gre- gorius das religiös-sittliche Problem des Zweifels vorausgeschickt und scheidet unter den vom Teufel auf den Weg zur Hölle Verführten diejenigen, die sich durch Buße zu Gott bekehren und Gotteskinder werden — das sind gesprochene Analogie mit dem Gregorius beweist, daß im Parz. der religiöse Zweifel gemeint ist. 2 Ein anderes Beispiel für die Halben, Unentschiedenen sind die „neutralen Engel".— Der schwarze Charaktertypus kommt bei dem ethischen Optimismus des Artusromanstils in dem Gedicht nicht vor (Schlechte treten nur vorübergehend auf: der Frauenräuber Melja- kanz 343, 24 f.; der Frauenschänder Urjans 524,19—528,30; mehr komisch der feige Lid- damus416,17 ff.). die Zweifler — von jenen, die ganz an Gott i s Bötticher, Parz.-Uebertr.S. 63—74; ZfdA. verzweifeln (s. ob. S.19H.). Auch diese aus- j 49, 412. 422. 428 ff. 442; s. oben Arm. Heinr. Deutsche Literaturgeschichte III 17 258 Die erzählende Dichtung hält ihm einen Regentenspiegel vor, aber sein einfach menschliches Empfinden wird gehemmt durch die Beobachtung der äußerlichen Mode. Aus Furcht, gegen die Sitte zu verstoßen, unterläßt er angesichts der Qualen des Anfortas die durch die natürliche Teilnahme eingegebene Frage nach seinen beiden. Er hat das Gebot der Barmherzigkeit verletzt. Das ist die tragische Schuld, die zu der weiteren des Zweifels führt, ja zum Haß gegen Gott. , Aber in seinem Bewußtsein selbst war die Möglichkeit, die Anlage zum Guten, vorhanden, daß sein Gemüt für die sittliche Rettung, für die Reue empfänglich war: der vom Vater angeborene ritterliche Mannesmut 317, 6—30, aber auch die durch Gurnemanz ihm eingepflanzte Beherrschung der Eigentriebe und Erbarmen für die Bedrängten 451, 4 f. und die von der Mutter ererbte Eigenschaft der triuwe 317, 20. 451, 6, dazu sein treues Festhalten an zwei hohen Idealen, dem Gral und seinem Weib 296, 5—8. 389, 104 467, 26—30. 441, 10—14. 618, 21—619, 19. 732,1—733, 20. 740,19— 22. 1 Und aus der Zerrissenheit führt ihn die Gnade durch den Rat der Sigune 442, lff. und der Pilger 1 446, 1 ff. 448, 23 und durch die richtige Spur seines Pferdes 452, lff. den Weg zum Heil: der Einsiedler 2 rettet ihn aus der äußersten Gottverlassenheit, dem Zweifel an der allmächtigen Güte, er gibt ihm die Versöhnung mit Gott, er lehrt ihn die Erkenntnis Gottes in seinen Eigenschaften der Barmherzigkeit, Treue, Wahrhaftigkeit, Liebe 461, 27—462, 30 und erweckt damit in ihm das Gottvertrauen 489, 16; er entlastet ihn von der unbewußten Sünde des Verwandtenmords an Ither und von der unfreiwilligen Schuld an seiner Mutter Tod, er lehrt ihn zum Schluß die Pflichten des rechten Rittertums: Frauen und Priester ehren und schützen 502, 4—22. Das Mittel ist die Beichte mit Reue und Buße, das gewonnene Heil ist die Befreiung vom Zweifel. Die geordnete Vernunfterkenntnis ist durch die Religionslehre und durch die Erklärung vom Wesen Gottes in ihm hergestellt, aber sie allein reicht nicht aus, um in dem richtigen Verhältnis zu Gott zu beharren, es muß auch der Wille dazu vorhanden sein: belip des willen unverzagt. Dieses ist der vergeistigte Sinn von unverzaget mannes muot, es ist nicht nur der Heldenmut des Ritters, sondern die sittliche Willenskraft überhaupt. Vernunft und Wille sind in dem System des Einsiedlers vereint, zuerst muß die Vernunft hergestellt werden, denn sie hat den Willen zu leiten. Trevrizent riet riterllchen. Voluntaristisch muß die Lebensanschauung des Ritters sein, seiner Stellung in der Welt entsprechend. Wolfram stellt sich auch den vergeistigten Ritter doch zunächst als mannhaften Helden vor. Durch die Erfüllung der ihm an seiner Stelle in der Weltordnung zugewiesenen Aufgabe, das ist die Ritterpflicht, besteht Parzival die noch weiter ihm auferlegte sittliche Prü- 1 Am Karfreitag beginnt Parzivals innere Einkehr, am Karfreitag beginnt Dante seine Jenseitsreise, Inferno 1, 1 ff. 2 Nolte, Komposition derTrevriz.-Szenen, ZfdA. 44, 241—48; Bötticher, eoda 45, 149 —152; Faust, Mod. Philol. 1, 275 ff.; J. Austermann, Aufbau u.Bedeutung d. Trevri- zentszene, Progr. Attendorn 1906; Laienbeichte s. Seeber, ZfdPh. 12, 77—80. § 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 259 fung, und geläutert ist er würdig, den Gral zu erlangen. Die Läuterung ist beendet, jubelnd verkündet ihm die ihn einst fluchend aus dem Kreis der Edeln gestoßen, Cundrie, seine Erhöhung zum Gralsherrn und mahnt ihn zum Inhalt seines künftigen Daseins: na wis kiusche unt da bi vrö 781, 12, Freudigkeit in reinem, entsagungsbereitem Herzen wird jetzt seine selige Pflicht sein, die laetitia coelestis, die Freude in Gott. Und in kurzen Worten zieht sie das Gesamtergebnis seines Strebens: Dein junges Leben stand in Sorgen, da nahte der Freude froher Morgen. Du hast der Seele Ruhe erstritten, um des Leibes Freude viel Leid erlitten 782, 27—30. Die Ruhe in der Ewigkeit, das ist das Ziel der ruhelos ringenden Menschenseele 499, 27—30. So entfaltet sich das sittliche Lebensbild des Helden in seinen Taten und Gesinnungen von der naturhaften Kindheit bis zur Vollendung der geistigen Persönlichkeit und der Grundgedanke dieses inneren Werdens ist die vom Irrtum zur Wahrheit, von der Verworrenheit zur Klarheit, vom Unbewußten zum Bewußten, von der Natur zum Geist sich durchringenden Seele. Parzivals Lebensgang ist ein Erziehungsroman. Er wird durchs Leben erzogen. In seiner Umwelt findet der weltunerfahrene Tor seine ersten Lehrmeister. Das Wohlgemeinteste, wenn auch nicht das Klügste, gibt ihm die Mutter mit auf den Weg. In den ersten Tagen seiner Ausreise wird er in die Rittersitte eingeführt, der glänzende Ritter Karnahkarnanz und der kleine Knappe Iwanet sind Vorläufer des Gurnemanz für P.s Ausbildung im Waffenhandwerk, bei den Herrschaften am Artushofe sieht er höfische Umgangsformen, Sigune gibt ihm die erste Kunde vom Gral, alle helfen in ihrer Art an seiner Erziehung, Gurnemanz bildet aus dem Knaben den Mann im Sinne der Welt, Trevrizent leitet ihn aus dem Welterleben empor zum religiösen Erlebnis. Mit psychologischer Folgerichtigkeit verläuft diese geistige Bildungsgeschichte und sie hat ihren natürlichen Boden in den Grundbedingungen der menschlichen Geistesformung, denn diese erziehende Lebensgestaltung wird getragen und ermöglicht durch die angeborene Natur. Die erworbenen Eigenschaften stehen in Wechselwirkung mit den ererbten: geprägte Form, die lebend sich entwickelt. In der Geschichte Parzivals erfüllt sich symbolisch das Erlösungsdrama der Menschheit in seinen drei Akten: aus der Einfalt der Kinderwelt, aus dem Kindheitsparadies der Einheit mit Gott wird der Mensch, durch den Sündenfall Gott entfremdet, in die Wogen der Welt hinausgestoßen, aus dem Kampf seiner Doppelnatur von Fleisch und Geist kehrt er geläutert zur Einheit mit Gott zurück. • In dem ritterlichen Idealstaat des Grals ist die ethische Idee des Rittertums verkörpert, Weltstaat und Gottesstaat, das Menschliche und das Göttliche, das Humanum und das Divinum sind vereinigt. Das ist Wolframs Humanismus und ist in die Schlußworte des Gedichtes zusammengefaßt: Wes Leben sich so endet, daß er Gott nicht entwendet die Seele durch 17* ] / J 260 Die erzählende Dichtung des Leibes Schuld und dabei doch der Welt Huld mit Ehren sich erhalten kann, der hat nutzbringende Arbeit getan 827, 19—24, vgl. 472, lf. / 499, 29 ff. 782, 29 ff. Weltehre und Gottes Gnade zusammen haben, die Gunst der Menschen haben und doch sein Seelenheil bewahren, das ist das sittliche Lebensideal des in der Welt lebenden Menschen, des Laien. 1 Die Charaktere. In der Gestalt Parzivals hat die höfische Dichtung für die Idee der mittelalterlichen Seele den tiefsten und innigsten Ausdruck gefunden. Ein romantischer Zauber liegt über diesem Leben, der es selbst in seinen Wirrungen liebenswert macht. Parzival ist von triuwen komen 111, 7. 140,1. 451, 6f. In sehnsüchtiger Treue verzehrt er sich um sein verlassenes Weib 246, 19—22. 282, 23—283, 22. 293,5—11. 302, 4f. 389, 11. 441, 6ff. 467, 27—29. 619, 4ff. 696, lOff. 732, 1 ff. Als Kind bringt ihn der Tod der Vögel zum Weinen und als Jüngling rührte ihn jedes Menschenelend zur Teilnahme (Sigune 138, 28 ff. 249, 26 ff., Cunneware 153,17. 158, 27ff., Gurnemanz 179, 5f., Condwiramurs 195, 13, Jeschute 258, 23ff.), aber die höfische Erziehungskunst hat ihn so unsicher gemacht, daß er sich selbst untreu wurde und beim Anblick des kranken Königs die Treufrage der menschlichen Teilnahme zurückdrängte. Vom Fluch getroffen verliert er v das Vertrauen zu Gott und schiebt in törichtem Standeswahn, als ob Gott, sein Lehensherr, seine Treupflicht gegen ihn nicht gehalten, die Schuld auf ihn, der doch die tritiwe ist und der gütige Helfer 119,24. 448,10. 461,13—462,30. 465,9f. 466,12, (Christus) 113,19ff. 448, lOff. 752, 27—30. Schon in seinem knabenhaften Spiel offenbart sich sein Charakter: sehnsüchtig und ahnungsvoll, heldisch und mitleidig zugleich; ein Kinderidyll, in dem doch schon die künftige Tragik des Mannes verborgen schlummert. Unverdorbenes Menschentum leuchtet aus der Schönheit des Knaben, die alle Begegnenden bezaubert, und seine treue Reinheit bewahrt er sich auch in seinem kampferfüllten Weltgang in der unwandelbaren, verehrenden Liebe zu seiner Frau. Die Sehnsucht ist der Urquell, aus dem # Parzivals handelndes Leben entspringt, Sehnsucht zieht den einsamen Knaben in die Welt und den enttäuschten Mann zu der weltfernen Burg des Grals, dem großen himmlischen Geheimnis, Sehnsucht nach seinem Weib, dem unergründlich süßen Geheimnis der Liebe, begleitet den heimat- ; los Irrenden auf seinen dunkeln Pfaden. Eine so fein geordnete Menschenseele muß sich an der harten Wirklichkeit stoßen, sie ist von Natur vorausbestimmt zum Entsagen, zum Leiden. Dieser Mensch ist nicht wie die andern, er muß leiden, denn die höhere geistige Individualität, der ausgeprägt sittliche Charakter empfindet seine Fehler schmerzlich, wovon der natürliche Sinnenmensch noch nicht einmal eine Ahnung hat. Es ist die Macht des Gewissens, die ihn die Verletzung des sittlichen Gesetzes schwer büßen läßt. Parzival fühlt, er gehört nicht in die Gesellschaft der Fröh- 1 Domanig2, 73 ff.; Ehrismann, ZfdA. 56, 175 f.201f.,Festschr.f.Voßler S. 181 f.; Petersen, GRM. 6 (1914), 141; Roethe, Rede S.10. § 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 261 liehen: ich pin trürens unerlöst, und von dem schönsten Fest am Artushof stiehlt sich der freudenflüchtige Mann weg am grauenden Morgen: got gebe freude al disen schäm, ich wil Hz disen freuden varn 733, 16 ff. Die höfische Artusgesellschaft kennt nicht dieses Sehnen und diese „himmlischeTraurigkeit", die tristitia coelestis, sie ist erdgebunden. Gawan, ihr edelstes Mitglied, leidet nicht um sein Seelenheil, sondern um Minnenöte; sie hat nur Lebenswillen, keine Weltanschauung, sie kennt nur diesseitige Lebenswerte, Ruhm und Minne, nicht Drang zum Ewigen; sie befolgt gläubig, ohne in Zweifel zu verfallen, die Vorschriften der Kirche, aber sie hat kein religiöses Bedürfnis, noch weniger ein Sorgen um Erlösung. Gawan kommt auf seiner Wanderung nach dem Gral zu schönen Frauen, Parzival zu weisen Männern; jener ist der erfahrene Weiberkenner, der gleich auf sein Ziel lossteuert, dieser weiß in naiver Unschuld nicht, was er mit der Ehe anfangen soll. Gawan kommt nur zum Wunderschloß des Zauberers, dessen Reich man durch Bestehen von Teufelsspuk gewinnt, und befreit die Frauen der Artusfamilie, Parzival gelangt nach Munsalvaesche, die nur ein Auserwählter finden kann, und erlöst den kranken König des Heilsgefäßes. Aber Gawan ist nicht sittlich minderwertiger als Parzival, sondern nur anders zu werten. Er hat die vollkommene Welttüchtigkeit in Tapferkeit und Frauen Verehrung, er besitzt die edle Sitte: seine erste Sorge, als er aus schwerer Ohnmacht erwacht, ist, daß die Hoffräulein ihn sus un- gezogenliche Ugen fanden 576, 23; und er ist fromm und verrichtet in lebensgefährlicher Bedrängnis sein Gebet um Gottes Hilfe 568, 1 — 14. Er ist nie in Zweifel geraten und hat keine seelischen Konflikte durchzumachen, sein Ziel ist nicht das Parzivals, die Erhöhung der innern Persönlichkeit, sondern die Erringung von Ansehen und Geltung bei den Menschen, und sein sittlicher Gesichtskreis beschränkt sich auf Erfüllung der Standespflichten der Ritterehre. Der ethische Gegensatz zwischen weltlichem und geistlichem Rittertum scheidet die Personen in Weltkinder und Gotteskinder. In Parzivals Leidensgang und Siegesverklärung verwirklicht sich der Aufstieg von der niedereren zur höheren Stufe. Im Templeisenstaat ist er mit den ritterständigen Gotteskindern vereinigt. Einen andern Weg zur Vollendung hat Trevrizent eingeschlagen. Einst zog er gegen das Gebot des Grals im Minnedienst auf Abenteuer aus: swer Schildes ambet Heben wil, der muoz durchstrichen lande vil 499, 9. Aber er hat sich ganz von der Welt, ja selbst von der Gemeinschaft des Grals losgelöst und die Gott nächste Stufe der Heiligung erlangt: Parzival steht noch in dem aktiven Leben hilfreichen Liebeswerkes, der Einsiedler lebt der Askese, ganz der Kontemplation hingegeben. Aber weil er die ritterfreudige Gesinnung aus eigenem Erleben kennt, so ist er auch für Parzival der verständnisvollste Ratgeber, aber doch nur der Wegbereiter für Parzival, dem die höchste Aufgabe anvertraut ist, den irdischen Gottesstaat zu leiten. So stellt sich der ritterliche Dichter die sittliche Wertabstufung vor, in seiner humanistischen Lebensauffassung. 262 Die erzählende Dichtung Die Weltkinder tragen die Züge Gawans, doch jeder in einer andern Ab- artung. Gurnemanz ist „houbetman der wären zuhf, ein „weiser Meister wahrer Zucht, seine Sitte war ohn allen Tadel" 162, 23f. Gahmuret 1 wird als Vater Parzivals, dessen männliche Eigenschaften der Sohn erbt, hoch gepriesen als ein Muster ritterlicher Trefflichkeit 108, 3—28. 750, 15—751, 30. 771, 1—5, seine mannhafte Treue gibt ihm im Himmel lichten Glanz und auch seine reuige Beichte, an ihm war keine Unechtheit 107, 25—8. Aber seine Taten stimmen nicht überein mit dieser stilisierten Veredlung. Bei all seinen Siegen ist er ein Charakterschwächling. Im Grunde ist er ein Abenteurer und wird angestaunt als Sieger nicht nur über eisengepanzerte Männer, sondern auch über verliebte Damenherzen. Schianatulander scheitert an der Überspanntheit der rein weltlich-gesellschaftlichen Mode des Minnedienstes. Mit besonderer Sympathie verweilt der Dichter bei Feirefiz, dem schwarz-weißen Sohn. Schon der Fernschein des Morgenlandes, der an diesem seltsamen Menschenwunder (317, 9 f. 328, 15—7) haftet, sein ungeheurer Reichtum, der ihm vorangehende Ruhm (316, 30— 317,10.328,1—30) machen ihn „interessant". Damit hat dieses Weltkind, dessen Lebensinhalt in echter Ritterweise durch Minne und Ruhmsucht ausgefüllt ist (736, 1 ff.), dieser Frauenritter und Liebling der Weiber, das Musterbild eines „edeln Heiden", 2 noch einen Reiz der Anziehung vor Gawan voraus und seine Taten, nicht die Gawans, bilden das abschließende Nachspiel zu der zu neuem Leben erweckten Gralsburg. Auch er gelangt zu höchstem ritterlichen Ziel, zur Aufnahme in die Gralsgemeinde, und damit zu der geistigen Vervollkommnung in der Einheit von Welt und Gott. Aber die dichterische Kraft war nicht stark genug, dieses Gnadenrätsel zu enthüllen. Die magische Weihe des Taufsakraments mit der symbolischen Bedeutung der Aufnahme in die Kirche vollbringt an sich und ohne sittliches Zutun des Menschen das Wunder. Aus Verliebtheit läßt sich der Frauendiener (328, 30. 727, 27 ff. 753, 26 ff. 771, 15 ff.) taufen, seine eigentlich verdienstlichen Taten im Gedichte sind doch nur seine edle Gesinnung und die Tapferkeitsproben, er ist der echte Sohn Gahmurets und trotz Anfortas hat er den Gral eben „erstritten" 814,22—815,10. Nichts wird von einer geistigen Wandlung gesagt, nichts von einer inneren Wiedergeburt im Glauben. Die übrigen Ritterfiguren sind im Artusstil gehalten, nach ihren hervorgehobenen Eigenschaften gehören sie besonderen Typengruppen an. Ither z. B. ist höfisch herausgestrichen, Orilus handelt unhöfisch an seiner Gattin, Kingrun ist der übliche Gefolgsmann, Kingrimursel desgleichen in schärferer Tonart, der Draufgänger im Gegensatz zu dem feigen Liddamus; wieder anders gefärbt ist Lyppaut, der getreue Vassall, dem der Seelenkonflikt auferlegt ist, gegen seinen Herrn kämpfen zu müssen (Singer, Stil S. 102 f.). 1 Nolte, Anz. 25, 295 ff.; Margaret F. I on thestoryofGawaininChrestienandWolfr., Richey, Gahm. Anschevin; Schwietering, Journ. of Engl, and Germ. Phil.24Nr.4(1925). ZfdA 61,72ff.u.Sievers-Festschr.l925S.581f. j 2 H.Naumann, Ehrismann-FestschriftS.90f. — Gawan: Edmund Kurt Heller, Studies § 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 263 Keie hat seine alte Art, nur Urjans ist ein ganzer Schandbube. In Gramo- flanz ist die Übertreibung des Heldentums abgeführt, höfisch ist er doch und läßt einen nach den Regeln der Rhetorik stilisierten Liebesbrief schreiben 715, 1—30. Die nur auf Kraft und höfische Zucht gestellten Helden vermögen wohl stoffliches Interesse zu erwecken, aber sie tragen nur selten eine so tief poetische Wärme in sich wie Parzival und Trevrizent. Auch die Frauencharaktere 1 sind auf diese zwiefache Atmosphäre abgestimmt. Die um Parzival haben ein zarteres Seelenleben, ihr Los ist Entsagen, die Damen um Gawan stammen aus der höfischen Welt lebenwollenden Genießens. Um Treue leiden, das ist das Schicksal der Herzeloyde, die aus Trauer über den Tod ihres Gatten auf ihre königlichen Ehren verzichtet und in Armut auf einem abgelegenen Bauernhofe ihre Witwenjahre verbringt, bis ihr der Abschied des Sohnes das Herz bricht. Sie ist ein menschliches Abbild der schmerzensreichen Mutter Jesu 113, 17—26, auch sie ahnt, wie Maria, daß ihr Sohn in der Welt geroufet unt geslagen werden wird 126, 28. Aber die Torenkleider, 2 die sie ihm anzieht, schützen ihn so wenig vor den Fallstricken der Welt wie die Rüstung, die der klügere Abt dem Gregorys reicht. Narr oder Ritter, jeder hat seinen Dämon: „so mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen". — Aus Treue leidet Sigune, 3 als Büßerin für ihre irdische Minne lebt sie allein noch der himmlischen Liebe, wie eine Legendenheilige, die ihren Weltsinn sühnt durch strenge Askese. Sie ist ein weibliches Gegenstück zu Trevrizent, auch darin, daß sie wie dieser Parzival über den Gral belehrt. Jeschute ist die treu duldende Frau, die die rohe Behandlung des Gatten demutsvoll trägt, nur um des trotzdem Geliebten Heil besorgt; ihr Nebenbild hat sie in der Enite des Erec. Alle \ drei tragen sie die heiligen Züge der Hoheit in der Erniedrigung. Ein tragisches Geschick ist auch Belakanen 4 beschieden, das der verlassenen Geliebten. Das schönste Los aber ist Condwiramurs geworden, die in Treue des rückkehrenden Gatten harrt und dessen rettender Stern sie in der Nacht seines Zweifels bleibt. Treue um Treue. Auf und ab wogt die Stimmung in dem Gedichte mit den Wandlungen der Schicksale, die die Menschen ertragen müssen. Wolfram selbst hat von vornherein auf die seelischen Untergründe vorbereitet: „Nun höret dieser Aventiure Weise, diu lät iu wizzen beide von liebe und von leide: zwischen Freud' und Sorge ist sie geteilt" 3, 28 ff. Das ist das Los der Menschheit: hiute freude, morgen leit 103, 23 f. Die offizielle Gesellschaftsstimmung freilich 1 Simrock 2, 511 ff.; Kinzel, ZfdPh. 21, 48 —73 u. ZfdA. 30,357—65 (Antikonie); B. Qu. Morgan, Some wotnen in Parz., Journ. of Engl, and Germ. Phil. 12 (1913), 175-98 (Vergleich zw. Wolfr. u. Chrest.). 2 Die 2 Reimpaare 126, 26—29 sind unnachahmlich schön in Gehalt: die sorgende Mutter in ihrer rührenden Hilflosigkeit; in dem akustischen, impressionistischen Klang der Vokalmelodik und in demstilistischen Bau mit dem plötzlichen Einsatz des Hauptbegriffes V. 26. 3 Eine Baumheilige: Schwietering, ZfdA. 57, 140-43. 4 Schwietering, ZfdA. 61, 65 ff. (Belakane u. Dido). 264 Die erzählende Dichtung verlangt fröude, Zurückdrängen persönlicher Gedrücktheit. Die Artusleute leiden nicht am Leben. Wie viele Beschwernisse Gawan durchzukämpfen hat, es sind doch nur größere oder geringere Hemmnisse auf seiner Jagd nach dem Glück. Aus tieferen Gründen quillt das Stimmungsleben bei den Menschen um Parzival. Die „edeln" Herzen werden durch Leiden gestärkt, oder gebrochen: Herzeloyde, Sigune, Jeschute. Aber in lebenbejahendem Zusammenklang lösen sich schließlich auch hier, wie überhaupt in den höfischen Romanen, die Widerstände auf. Am Artushof herrscht eitel Festesfreude, in Munsalvaesche aber ruht das wiedererstandene Glück in der Gnade Gottes. § 42. Wolframs Stil und Metrik l Wolframs Charakter findet seinen zutreffenden Ausdruck in seiner Sprache. Es entspricht seinem aristokratischen Selbstgefühl, abzukehren von dem gewöhnlichen Wege. Das geistige Individualitätsbewußtsein des Dichters und Denkers erhebt sich über die Verständnislosigkeit und Dumpfheit der tumben; sein grübelnder, im Geheimnisvollen tiefe Weisheit suchender Verstand kleidet die Gedanken in eine schwerflüssige Wortkunst. Diese ist nicht aus einem Ringen mit dem spröden, sprachlichen Material hervorgegangen, als ob seine Zunge sich nur mühsam löste, sondern sie ist ein Kunsterzeugnis, eine Manier, es ist der „dunkle" Stil. Im sinkenden Altertum kam gegen den klassischen, reinen Kunststil ein unklassisches, hohles Pathos auf, aus Asien, daher Asianismus 2 genannt, mit dem die spätsophistischen Rhetoren des Hellenismus ihre Reden aufputzten und wichtig machten. Der Asianismus ging ins lateinische MA. über, oft gallicanus cothurnus, gallischer Schwulst 1 Panzer S. 4—6; Bötticher, Wolfr.-Lit. S. 20 ff.; Martin II S. LXIVff. — Sprache: Wimmer Ueb. d. Dialekt W.s v.E., Progr. Kalksburg 1895 (Thüring.Einflußs. ob. S.216Antn.2). Syntax: die Nummern 60—72 bei Panzer; Behaghel, Lbl. 1891, 188, Beitr. 30, 431 ff.; Berth. Schulze, Berl.Diss. 1892; R.Radtke, D. Artikel bei W. v. E., Straßbg. Diss. 1907; V. E. Mourek, Zur Syntax d. mhd. Konjunktivs, mit Belegen aus W.s v. E. Parz., Sitzber. d. böhm. Ges. d. Wiss. 1910; K. Bacher, Ueb. W.s indikativische Konjunktive, ZföG. 62, 675 —83; Joh. Lassen Boysen, Ueb. d. Gebrauch d. Genitivs in d. Epen W.s v. E., Würzbg. Diss. 1910, dazu Behaghel, Lbl. 1914, 145— 47; H.W.Church, The Compound pasttenses, s. ob. Veldeke; Karg-Gasterstädt S. 124 ff.; Leitzmann, 'An6 xoivov bei W. v. E., Beitr. 50, 90—99, vgl. Sievers, ebda S. 99-111. — Wiessner, Ruhe- u. Richtungskonstruktion, Beitr. 26, 367-556. 27, 1—68; Ehrismann, Duzen u. Ihrzen, ZfdWortforsch. 5, 145 ff., Bernhardt, ZfdPh.33,368ff.; Dickhoff, D. zweigliedrige Wort-Asyndeton, Pal. 45, 81 ff. — Stil (s, auch unt.Willeh.,Tit.): Lachmann, Kl. Sehr. S. 480 f.; Haupt zu Erec 2788; Pfeiffer, Germ. 6, 235-43 u. Freie Forsch. S. 94—108; P. T. Förster, Zur Sprache u. Poesie W.s v. E., Leipz. Diss. 1874; Kinzel, Zur Charakteristik d. Wolframschen Stils, Zfd- Ph. 5,1—36; Bötticher, Ueb. die Eigentümlichkeiten d. Sprache W.s, Germ. 21,257—332 u. SA.; Willy Hoffmann, D. Einfluß d. Reims auf die Sprache W.s v. E., Straßbg. Diss. 1894, dazu Erdmann, ZfdPh. 28,267—69; Borch- ling, D. jung. Tit. pass.; Wolfg. Moebius, D. sprachl. Ausdrücke für Gradverhältnisse im P., Leipz. Diss. 1898; Panzer, D. ad. Volksepos, Halle 1903; Ehrismann, GRM. 1 (1909), 664 —67, Stud. üb. Rud. v. Ems S. 23—36; Fr. Dahms, Die Grundlagen für d. Stil W.s v. E., Greifsw. Diss.1911; Singer, W.s Stil u. Stoff d. Parz., Wien. SB. 180 Abh. 4 (1916), dazu Golther, Lbl. 1918, 86-90, Schölte, Mus. 27,129— 33,Baesecke, Wissensch.Forschungs- ber. 1914/17 S. 70; Stadler aaO.; Roethe, Rede S. 11 ff.; Günther Müller, Dt. Viertel- jahrsschr. 1,73; Golther, Gralb. S. 134,193— 96.198; H.Brinkmann, Entstehungsgesch. d. Minnesangs, 1926, S. 150. 2 Norden, Antike Kunstprosa, Reg. S. 962; Ehrismann, Beitr. 22,313 ff., ZfdPh.33,395ff. 42, 489 f., GRM. 1, 664 ff., Stud. üb. Rud. von Ems S. 24ff.; O. Mordhorst, Egen v. Bamberg u. „die geblümte Rede", Berl. 1911; bes. Singer, Stil S. 5 ff.; s. oben Einl. S. 32. § 42. Wolframs Stil und Metrik 265 genannt, und wurde von provenzalischen, dann auch von französischen Dichtern nachgeahmt. Das provenzalische trobar eins, das „verschlosseneDichten", der dunkle Stil, geht aus dem künstlerischen Prinzip hervor, daß Dichten eine wirkliche Kunst, eine xi%wi, eine ars, eine Wissenschaft 1 sei, die nur den Eingeweihten — den wisen — zugänglich sein soll. Darum ist die kennzeichnende Eigenschaft dieser Manier das Anderssein, das Außergewöhnliche, Seltsame, darum schwer Verständliche, und sie kann nach zwei Richtungen hin übertrieben werden: der Ausdruck wird geschraubt, verschnörkelt, wird zu lächerlicher Erhabenheit, zum Schwulst und Bombast, oder er wird geziert und verliert sich in Wortgeklingel und nichtige Spielerei. Dort Barock, hier Rokoko. 8 Wolframs .dunkle' Sprache steht also innerhalb eines historisch bedingten Formprinzips. Allerdings hat er gewiß auch aus Ungeschick oder im raschen Hinwerfen der Sätze manches unklar ausgedrückt; Grundsatz und Zufall treffen dann für die Formgebung zusammen. 3 Rudolf v. Ems hat im 2. Buch seines Alexander die Formtendenz der großen Epiker treffend gekennzeichnet (abgedruckt bei Junk, Beitr.29, 423 f.; Ehrismann, Stud. S. 33 ff.). Hartmanns und Gotfrids Ausdruck ist eben, sieht schlicht, einfach, siieze lieblich, anmutig, wobei Gotfrids reich geschmückte Schönheit noch besonders gepriesen {speehe, weehe kunstvoll, geschmückt), aber auch als wilde ungewöhnlich, bezeichnet wird. Wolframs Art dagegen ist starc kräftig, wilde, speehe, mit vremden Sprüchen weehe kunstvoll geschmückt mit fremdartigen, auffallenden, seltsamen Redeweisen; in manege wts gebogen; (vgl. Wh. 237, 11 min tiutsch ist etswä doch so krump), im Gegensatz zu eben und sieht = ausgeschweift, verschnörkelt, schwerverständlich. Hartmanns Stil ist gemäßigt, Wolfram und Gotfrid vertreten zwei Richtungen des erhabenen Stils, die pathetische und die zierliche (s. oben Hartmanns Stil), sind aber unterschieden im Grundgesetz von Dunkelheit und Klarheit. Die Darstellung von Wolframs Stil hat die charakteristischen Eigenheiten zu beobachten, die zusammenwirken, um ihm das ungewöhnliche Gepräge zu verleihen. Schon das architektonische Bild macht den Eindruck des Unregelmäßigen. Die Gliederungsverhältnisse 4 der Wortgruppen sind ungleich- mäßig, die symmetrischen Ordnungen des Parallelismus und der Antithese 1 Burdach, Reinmar S. 30—33. 136—38; Roethe, Reinm. v. Zweter S. 186 ff. 2 Die stilistische Geschmacksrichtung, die in der Absonderlichkeit besteht, geht durch die Jahrhunderte und taucht bald stärker, bald schwächer, immer wieder auf: der spanische Qongorismus u. der italienische Marinismus, das frz. Preziösentum u. der englische Euphuis- mus, der deutsche „LohensteinscheSchwulst", der moderne Expressionismus, in Perioden, die kein eigenes, sicheres Formgefühl haben. In der Dichtung des späteren 13. Jh.s u. dann weiter kam es zu der geblümten Rede (Beitr. 22,313ff.; Mordhorst, Egen v. Bamberg), deren hohler Schwulst u. abgeschmackte Künstelei eine Folge der Nachahmung Wolframs u. Gotfrids sind. 3 Singer hat in seiner bewundernswürdig reichhaltigen Abhandlung üb. W.s Stil Wolframs Selbständigkeit aufs äußerste eingeschränkt, wonach er mit dem deutschen Stil, ebenso wie mit dem Stoff, ganz von Kyot abhängig wäre. Zu einer solchen radikalen Auslöschung von Wolframs eigener Persönlichkeit s.Vogt, Mhd. LG. I 3 , 314f. u. oben über die Kyotfrage. 4 Ueb. die Redeteile: Schwartzkopff, Rede u. Redeszene, Pal. 74; über die seltene Sticho- mythie: W. Grimm, Kl. Sehr. 3,246; Singer, Stil S. 20. r>t 266 Die erzählende Dichtung oder Zweigliedrigkeit der Distinktionen bestimmen nicht so stark wie z. B, bei Gotfrid den Bau des Wortmaterials. Die sprachliche Willkür entspricht Wolframs Denken: es ist unsystematisch, ungeschult in Rhetorik und Dialektik. Der Satzbau ist im ganzen einfach und recht frei, oft gibt Wolfram seine Gedanken ungefähr in der Fassung, wie sie in ihm auftauchen, ohne sie grammatisch und logisch genau zu formen, daher die mancherlei Ana- koluthien, elliptischen Sätze, Parenthesen, 'Ano xoivov. Solche Satzbildungen tragen oft zur Schwerverständlichkeit bei, zu der „Dunkelheit". Noch mehr ist dies der Fall bei „Kürzungen" oder „Zusammen Ziehungen", wo der Gedankengehalt in wenigen Sprachstoff gepreßt ist, z. B. er bradi durch blates stimme en zwlc 120,13 „um mit dem Blatte eine Stimme hervorzubringen"; Anfortas vor siecheit zu 815,11 „vor der Zeit seines Siechtums". Wolfram hat sich für seine stilistische Technik ein eigenes Formensystem gebildet, Ausdrucksmittel, die sich leicht anwenden ließen zur sprachlichen Fassung häufig eintretender Gedankenformationen und die auch bequem zur Reimbindung waren. Er hat dabei auch gern Motive benutzt, die ihm schon durch die frühere und auch volkstümliche Dichtung geboten waren. Die einfachste Art solcher typischer Kunstmittel ist die bloße Umschreibung, die dem Gehalt nur scheinbar eine größere Fülle gibt, tatsächlich aber, meistens wenigstens, nur formale Bedeutung hat. So die sehr beliebte Dehnung eines Begriffs in Substantiv mit Genitiv, wobei das grammatische Grundwort begrifflich eigentlich überflüssig ist, höchstens nur eine leise Schattierung gibt. Es sind bequeme Reimwörter: zil (: vil, wil), z. B. jämers zil der äußerste Schmerz 318, 29, ähnl. 159, 6. 519, 8 u. a.; site siten (: mite [gejriten) : mit freude siten 615, 21 = froh; kraft (^.schaft): mit zornes kraft 470, 20; kür(:für): nach zühtekür 84, 19 mit Anstand; vllz (günstiges Reimwort zu Fremdnamen auf 4z): ir höch- verte vliz 353, 20 ihren Übermut; nach zühte lere 88, 23; trürens urhap, freuden twinc 314, 112; der unstete geselle 1, 10 der Geselle der Unsläte = der Unstäte selbst; wandeis Urkunde 14, 2. Umschreibung der Person durch einen Körperteil oder eine Eigenschaft (schon biblisch): min llp — ich, aldä begreif des knappen hant 123, 25, Gramoflanzes ougen si erkanten TIA, 24, nach der sin herze weinet 633, 14. Abgeblaßt ist auch die Bedeutung in den Adjektiven, die verneinenden Sinn haben und zur Umschreibung von »ohne* dienen: valsches laz, valsches leere, an freuden lam; kranc, weise. Umschreibende positive Adjektiva: diu frouwejamers balt 117,7 leidengeprüft, jammervoll, gein valsche snel, gein valscheit der trage 66, 12; wert erkant = wert. Bei Umschreibungen des Personennamens durch eine Eigenschaft oder einen Satz muß man die Person oft aus dem Zusammenhang erraten: des site man gein prise maz 145, 3, es handelt sich um Parz.; Diu magtuomllche minne im gap 805, 1 = Sigune gab. Umschreibungen des Verbums bes. durch beginnen, kunnen; leren, raten, erkant, kunt tuon (werden) u. dgl. bedeuten im allgemeinen: veranlassen, verursachen: groz milede und släf in lerte 166, 17. — Ganz gewöhnlich in der vor Wolfr. liegenden Dichtung des 12. Jh.s ist die negative Satzumschreibung durch ein verneintes Verbum verneinenden Inhalts: läzen, vermiden, vergezzen, verdriezen (Antiphasis): diu känegin dö niht enliez sine spräche 405,4; häufig auch einfache Verneinung solcher Verba ohne Nebensatz: ein tjost im sterben niht erlouc 27,30. Eindringliche Verneinung durch Zusetzen des Gegensatzes: den jungen niht den alten 43, 14; diu wise niht diu tumbe 779, 7; al weinde sunder lachen 137, 20. TMit den „Formeln" hat W. ein beliebtes Stilmittcl der volkstümlichen und Spielmannspoesie und der Predigt sich angeeignet, sie eignen sich leicht zu Flickversen oder Reimbehelfen: Quellenberufungen (zugleich Beteuerung für die Wahrheit des Erzählten): man § 42. Wolframs Stil und Metrik 267 sagt, als mir diu äventiure saget u. a. Wolfram denkt sich sein zuhörendes Publikum vor sich, daher die zahlreichen Wendungen an die Zuhörer: des Sit gewis, geloubet mir, Aufforderung zur Aufmerksamkeit: nü sult ihr hären, seht wie, ich sage iu wie 1 u. a.; Erinnerung an schon Gesagtes: ir habt gehceret e; Abbrechen der Erzählung: die rede lät sin ; Aufforderung zur Teilnahme an den Personen der Erzählung: nujehts im niht ze schänden 445, 2; niemen sol des lachen. Rhetorische Fragen: wer solle se drumbe prlsenl 538, 1, waz möhte in liebers sin gescheht 567, 28. In der bildhaften Sprache, Metapher, Bild, Vergleich, Personifikation, liegt die eigentlich sprachschöpferische Kraft Wolframs, die in einer regen Beobachtung der Umwelt begründet ist und in einem phantasievollen Einfühlen in die Dinge. Ein weiter Kreis von Natur- und Lebensgebieten befruchtete sein gegenständliches Bewußtsein. Auch hier spürt man, wie nahe Wolfram dem Leben in seinen manchfaltigen Erscheinungsformen stand. Besonders in seinem eigensten Tätigkeitsgebiet, dem Rittertum, bewegt sich seine Bildvorstellung. „Er verrittert das Universum." Lebens- und Seelenbewegungen stellen sich ihm als ritterliche Vorgänge dar, entsprechend seinem Apperzeptionsmittelpunkt .Schildes ambet ist mm art". Die bildliche Ausdrucksweise 2 besteht zum größten Teil aus einzelnen Wendungen, bei denen das Metaphorische mehr nur Umschreibung ist, z. B. ein würzet der güete, ein stam der diemüete (Herzel.) 128, 26; aller manne schäme ein bluomenkranz (Parz.) 122, 13; sin höher muot kam in ein tal 195, 10; der zadel (Mangel) hüener abe in schdz 194,5; der groteske Vergleich der Taille der Antikonie mit einem aufgespießten Hasen oder einer Ameise 409, 26. 410, 11; Orgelusens Minne dringt Gawan durch die Augen ins Herz wie die herbe Nieswurz in die Nase 593, 14; weit ausgesponnen ist das Bild vom Zwang der Minne, der als gegen das Herz ansprengender Reiter vorgestellt ist (her minnen druc) 533, 1.* Ausführliche Bilder noch 57, 9. 103, 18. 128, 26. 245, 1. 252, 16. 311, 15. 613, 9. 661, 24. In sich geschlossen und für sich selbst wirkende, den poetischen Gesamteindruck hebende Gleichnisse zu bilden liegt nicht in Wolframs dichterischer Vorstellung und Formgebung. Verhältnismäßig selten wird die Natur in ihrer beruhigenden Schönheit oder in bedräuendem Sturme bildhaft geschaut (doch bes. feierlich die Stimmung in dem Nachtbilde 638, 1 ff.). Die im vorhergehenden aufgestellten Formelemente der Umschreibungen und Bildersprache bedingen den „dunkeln" Stil Wolframs. Aber ein Gesamturteil muß nachdrücklich darauf hinweisen, daß der „dunkle" Stil wohl der für sein Sprachbild charakteristische Ausdruck ist und die überragende Formwirkung ausübt, aber keineswegs die durchgehende Grundform darstellt. Der künstliche Zierat ist in das einfachere Gewebe eingestreut und, stärker oder schwächer hervortretend, gibt er dem Ganzen eine farbigere Abtönung. Nicht die ganze Redeweise Wolframs ist dunkel, sie ist nur „kunstvoll geschmückt mit seltsamen Sprüchen" (Rud. v. Ems) und er selbst schränkt die Eckigkeit seines Deutsch ein durch etswä, hie und da (s. oben S. 265). Da, wo er in seine Manier verfällt, kann wohl die Einbildungskraft oder mehr noch der Spürsinn angeregt werden, aber das Herz wird nicht warm dabei. Das ist, was Gotfrid abgestoßen hat: dane gät niht guotes muotes van, dane Itt niht herzelastes an. 1 Panzer, ZfdPh.33,135ff.; Matz S. 107. 2 F0ERSTERS.43ff.; KlNZEL S. 14ff.; BÖT- ticher S. 51 ff.; L. Bock, W.s v. E. Bilder u. Wörter für Freude u. Leid, QF. 33, dazu Steinmeyer, Anz. 7,63 ff.; K. Ludwig, D. bildliche Ausdruck bei W. v. E., Progr. Mies 1889 u. 1890; Borchling, J.Tit. S. 156 ff.; Jacobsohn, Farben. * Näher gen hier wie öfter im Mhd. = weiter weg gehen (Beitr. 20,69 f.), also hier = reitet fort, lenkt eure Kriegsfahrt anderswohin als zum Herzen. 268 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Die Eigenart von Wolframs Stil tritt auch im Wortschatz 1 hervor. Mit seinem Zug zum Volkstümlichen hängt zusammen der Gebrauch sog. unhöfischer, 2 d. i. veralteter Wörter. Er läßt die von Hartmann und Qotfrid zum Teil ganz gemiedenen, zum Teil spärlich angewendeten Heldenwörter zu: wigant, recke, degen, helt, eilen, verch, Adj. mcere, balt, ge- meit, stiel (= tapfer), ellenthaft, ellensrich, veige, küene, vrech, vrävel, dürkel, volkstümlich sind auch Wortstellungen wie der Gäwänes munt, der bruoder Liäzen, anker die swceren ; Übergang von der direkten in die indirekte Rede. Aber daneben ist er übertrieben höfisch mit seiner Liebhaberei für französische Fremdwörter 3 und Wendungen. Es sieht manchmal ganz buntscheckig aus: min cläre süeze beäs ämis 613, 1, der minnecllche beä kunt 46, 17, beä curs reimt immer auf Cundwir ätnärs, kurtoys kurteys auf die Endung -ois, -eis: er was kurtoys, sin vater was ein Franzoys 46, 21; ganze Zeilen bestehend aus einer patronymischen Bezeichnung: fil li roy Gandin (= Gahmuret). Manchmal hat er franz. Wörter übersetzt: beä curs, der natne ist Huschen sdicener lip 187, 22. Wolfram ist reich an Beiwörtern, 4 aber sie wirken im allgemeinen nicht kräftig zur Charakterisierung mit. Durch sein Beispiel hat er zur Verbreitung einiger Adjektiva beigetragen : wert, dar, auch gehiure, kluoc (Steinmeyer, Prorektoratsrede, Erlangen 1889; Zwier- zina, ZfdA. 45, 342 f.). Originell ist W. auch in der Verwendung seltener Wörter und in Neubildungen; Ableitungen auf -rieh: slözlich Tit. 1,101, wolkenllch Wh. 53, 7, hälscharlich P. 292, 4, vindenächiu flust 19,547, selpschouwet 148,23, sin höchvart-swindens tac 197,16, Parz dervalscheitswant296, 1. Die Wortwiederholung 5 ergibt sich meist logisch aus dem Inhalt bei nachdrucksvoller Betonung eines Begriffs: minne in den Betrachtungen über ihr Wesen oder in Minnegesprächen 365, 1. 532, 4—534, 10 und 510, 9, Qottesminne 456, 16. 466, 1, als rhetorischer Schmuck in Liebesbriefen76, 23—77,18.715,1— 30 (hier auch gräezen, tröst); gedanc 466,15; helfe der einzige Rettungsgedanke in P.s verzweifelndem Gemüt 451, 13. 461, 23—462, 17, in Gawans Bittgebet 568, 1. Der zierlich prunkvolle Schmuck des Wortspiels war weniger im Geiste von Wolframs eckiger Schwere als von Gotfrids einschmeichelnder Virtuosität. Auch jene Eigenschaft Wolframs, die ihn so frisch und lebensnah erscheinen läßt, sein Humor, 6 hat einen überaus befruchtenden Einfluß auf seine Ausdrucksweise. Aus ihm entspringt ein großer Teil seiner Bilder und Umschreibungen. Des Außergewöhnlichen seines ironischen Tones ist er sich wohl bewußt, er selbst nennt eine solche Behandlung ernster Dinge einen Unfug: Wes spotte ich der getriwen diet? min alt unfuoge mir daz riet 487f. So taucht neben dem Erhabenen auch oft unvermittelt ein Stück Kleinleben auf und in diesem Gegensatz zwischen dem hohen Ideal und der bedeutungslosen Wirklichkeit äußert sich das Wesen seiner humoristischen Weltbetrachtung. 1 BadstüBER, Die nomina agentis auf jere: Innsbr. Diss. 1901; Alice Vorkampff-Laue, Zum Leben u. Vergehen einiger mhd. Wörter. 1906; Kupferschmid, Wortschatz der Berner Parz.hs. 2 Unhöfische Wörter: W.Grimm, Kl. Sehr. 3, 521.524;O.JAENlCKE,DedicendiusuW.deE., Hall. Diss. 1860; Pfeiffer, Freie Forsch. aaO.; Zwierzina, Festg. f. Heinzel S.445 ff. u. ö.; Panzer, ZfdPh.33,127 ff., Das ad.Volksepos S. 16 ff.; Zwierzina, ZfdA. 44,84 (unhöf. balt.) ; Nolte, Anz. 25, 298ff.; P. Abel, Veraltende Bestandteile d. mhd. Wortschatzes, Erl. Diss. 1902. 3 Steiner, Bartschs Germ. Stud. 2,245—50; Leo Wiener, French Words in W. v. E., Amer. Journ. of Phil. 16,1326ff.; Suolahti, Der frz. Einfluß auf d. dt. Sprache im 13. Jh., Helsinki 1910; Frantzen, Het Fransch van W. v. E., Rede, 8. Nederl. Philol.-congres, Leiden 1916, 109ff.; Singer, Stil pass.; Palgen, Beitr.46, 309 ff.; Karg-Gasterstädt S. 85 ff. 135 ff.; Fremdwortlit. s. oben S.29 Anm.l. 4 Burdach, Reinm. S. 49 Anm.; Guido C. L. Riemer, Die Adjektiva bei W. v. E., Leipz. Diss.1906; J. G. Bohner, Das Beiwort des Menschen usw.,Heidelbg.Diss. 1909; H. Zell, Adjektiv bei W. v. E. usw., Straßbg. Diss. 1909; ERiCHWoLFF.D.zusammengesetzten Adjektiva u. Adverbia bei W. v. E., Greifsw. Diss. 1913. 5 Behaghel, Beitr. 30,432—564; Ehrismann, Stud. üb. R. v. Ems S. 69ff.; Herb. Bellmer, Die Wortwiederholungen in d. Werken W.s v. E., Greifsw. Diss. 1923, Maschinendr. 6 K Kant, Scherzu.Humor in W.sv.E.Dichtungen, Heilbr.l878,dazuSTEiNMEYER,Anz.7, 63 ff.; Chr. Stark, Die Darstellungsmittel des Wolframschen Humors, Rost. Diss. 1879, dazu Steinmeyer aaO.; Borchling J. Tit. S. 166ff. § 42. Wolframs Stil und Metrik 269 Metrik. 1 Auf die künstlerische Formung der Verse hat Wolfram nicht besonders Bedacht gehabt. In der Behandlung des Reims läßt er über den vollendet höfischen Sprachgebrauch hinausgehende Freiheiten zu, indem er der Mundart mehr Raum gestattet. Also auch auf die Reimkunst hat der in ihm liegende volkstümliche Zug Einfluß. Apokope des schwachen e ist ziemlich häufig: D. Si. gast : von dem ast 522, 17; dem frewwelin : sin 370, 21; Adj.: diu liehtgemäl: Parziväl 619,9 u. ö. — Die Quantität der Vokale wird leicht | vernachlässigt: a : ä, seltener e : e, o : ö, u : u, natürlich nie i: i. Oft u:uo \ vor n, auch vor r sun : tuon, kunt: stuont, hurte : ruorte, im Ausl. nu : zuo; il: iie künde : stüende; i: ie vor ht niht : lieht, pflihte : liehte, vor r dir: stier; sogar liep : sip (Sieb) 599,3, fuoz: guz 572,1. Konsonantisch ungenaue Bindungen: ougen : rouben 10, 25, gäben : lägen 17, 29, Razalic : wip 46, 1, selbe : velde 93, 23, Gesähen : pflägen 164, 7; porten : vor(h)ten 182, 5, ort: unervor(h)t 222, 25 sind wohl literarische Reime durch Veldekes Einfluß. Der rührende Reim, 2 den Wolfram, bes. bei fremden Wörtern, ohne Übertreibung zuläßt, hat bei ihm keine formale Bedeutung. Auf die Reimbindungen hat also Wolfram keine besondere Sorgfalt verwendet. So wiederholt sich das Reimpaar kint: sint 56mal, wip: lip 123mal; ein Lieblingsreim ist riuwe : triuwe. 3 Und so liegen ihm Reimkünsteleien fern. Nicht zufällig ist die Vorliebe Wolframs für die stumpfen Reime, 4 denn sie machen etwa vier Fünftel aller Bindungen aus. Es scheint, daß ihm sein rhythmisches Gefühl den kräftigen stumpfen Versabschluß als Norm eingab und er von diesem zum klingenden Ausgang nur abwich, wenn er ihm durch das sprachliche Material unwillkürlich dargeboten wurde. Eine Gleichgültigkeit gegen die poetische Form, gegen die akustische und zugleich sinnbestimmte Bedeutung der Verseinheit ist auch das Enjambement, das Wolfram weiter zuläßt als Hartmann und Gotfrid. Den Kunstausdruck rime samnen unde brechen kennen wir aus Parz. 337, 25. Die Grundform des Versbaus ist Regelmäßigkeit im Wechsel von Hebung und Senkung. Von Auflösung (zweisilbige Senkung) und Zusammenziehung (beschwerte Hebung, Fehlen der Senkung), die der Freiheit des deutschen Verses eigentümlich sind, macht er zwanglos, aber mit Maß Gebrauch nach den sonst üblichen Betonungsgesetzen. Gegenüber dem Streben Hartmanns, die natürliche Sprache auch im Rhythmus zum Ausdruck gelangen zu lassen, 1 Panzer S.6. W. Grimm, Kl. Sehr. 4 Reg. S. 36; Jaenicke S.31f.; Martin II S.LXIV—LXVI. LXXIV—LXXXV; SARAN.VerslehreReg. S. 355 (zuS.261 vgl. Pfannmüller, Beitr. 40,373— 81); Foerster, Kinzel, Bötticher, Wimmer s. ob. S. 264 Anm.l; Moldaenke, Progr.Osterode 1880, dazu Behaghel, Lbl. 1881,426 f.; Hoffmann, Einfluß d.Reims; Zwierzina, Beobachtungen, Kraus, D. sog. II. Büchl.,beidein Festg. f. Heinzel, Zwierzina, ZfdA. 45,19—100 (Beitr. 28,442); Kraus, Metr. Untersuchungen über Reinbots Georg S. 167—222; Schirokauer, Beitr. 47,1 ff.; Plenio, Beobachtungen zu W.s Liedstrophik, Beitr.41,47-127, dazu Baesecke, Wissenschaftl. Forschungsber. S.120f.; Karg- GasterstäDT S. 8—81. Reimregister s. oben S 213 • W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 131; Zwierzina, ZfdA. 45, 289ff.; v. Kraus, ebda 56, 15—19. 3 Bock, W.s Bilder S. 52 ff.; Nolte, ZfdA. 51, 115 ff. 4 Schröder, Rittermjeren x S.Xf.; Nolte, D. klingenden Reime b. Hartmann, Gotfrid u. Wolfr., ZfdA. 51,113—42. 270 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG sucht Wolfram viel mehr die kunstgeregelte Form. Größere Freiheit gestattet er sich im Anfang des Verses, wo mehrsilbiger Auftakt das rhythmische Gleichgewicht an sich weniger stört als Überfüllung der Senkung im Innern. Der rhythmisch-melodische Ausdruck des Sprachstoffes ist für Wolfram nicht in demselben Maße Formerlebnis wie die stilistische Bewältigung der Gedanken. Doch hat er manchmal eine pathetische Wirkung durch Häufung beschwerter Hebungen erzielt und erreicht, so in dem senkungslosen Verse Cundwir ämurs 283, 7, wo sich in den Namen der geliebten Frau die Sehnsuchtsgedanken des fernen Gatten gesteigert zusammendrängen (Kraus, Metr. Untersuchungen zu Reinbot S. 213 f.). § 43. Wolframs Willehalm 1 Hss. Lachmann, Vorrede S. XXXIII—XXXVII; Piper 1,192—96; Leitzmann, Ausg. H. 4 u. 5.— Später gefundene Brachst.: Lemberg: R. M. Werner, ZfdA. 35, 345—48; Marburg (zu Piper Nr.51): Roethe, ebda41, 251—53; Seitenstetten: Schönbach, ebda 47, 183f.; Pfaffs Brachst., Alemannia 1904,192; Hs. in Hoya, verloren: Schröder, Gott. Nachr. 1909, 82; Enns: Gärtner, ZfdA. 48, 409—15; Arolsen: Schröder, ebda 49,466f.; Ockstadt, Schröder, ebda 50, 132—35; Strauch, ebda 52, 351 ff.; Ampezzo: Zwierzina, Beitr. 45, 443—52 und Pohlheim u. Zwierzina, Glückwunsch f. Ferd. Eichler 1920; S. Lamprecht: Wonisch, Der Wächter 4 (1921), 167—70, s. auch Centralbl.f. Bibl.wesen 35,64ff.; zu d. Berl. Brachst.: Scheel, Festg. an Weinhold. 1896, 68—70; zu den Münchn. Bruchst.: Petzet S. 346—49. — K. v. Ämira, Die große Bilderhs. v. W.s Wh., Münchn. SB. 1903, III, 213—40 u. 1917, VI; Ders., Die Brachst, d. großen Bilderhs. v. W.s Wh., Faks., Münch. 1921; R. Freyhan, Die Illustrationen zum Casseler Willeh. — Codex, Marbg. Diss. 1923. — Das Verhältnis der Hss.» ist unklar und noch nicht festgestellt. Die wichtigste Hs. ist die, allerdings für den Wh. nicht zuverlässige Hs. K., die berühmte St. Gallener Hs. (s. ob. S. 225). Die andern vollständigen Hss.: 1 Heidelbg. Cod. pal. germ. 404, m Wien 2670, n Kassel (Abdruck von Casparson), o Wolfenbüttel, p Wien aus Ambras (für Kg.Wenzel geschrieben, reich ausgestattet), g Köln (Groote), die Erlauer u. Efferdinger Hs. (Singer, TürlinS. VIII f.) enthalten alle drei Gedichte des Willehalm-Kreises, Türlins Wh., Wolfr.s Wh., Türheims Rennew. Abfassungszeit. Im Prolog nennt sich Wolfram selbst als Verfasser und spricht von der teils wohlwollenden teils ablehnenden Aufnahme, die sein Parzival gefunden habe. Die Zurückweisung ist wohl hauptsächlich gegen Gotfrids Vorwürfe gerichtet. Hieraus ergibt sich die bezügliche Abfassungszeit des Wh.: 3 nach dem Parz. und nach dem Tristan. Auch die vielen Beziehungen auf den Parz. sprechen für die vorhergehende Entstehung des 1 Lit.: BöTTiCHER,Wolfr.Lit.S.32—35.41 f. 44f.; Panzer S.30-34; Piper 1, 197—206; Golther, Gesch. d. dt. Lit. in Kürschners Dt. Nat.-Litt. Bd. 163,127—30; Martin II S.XIVff. — San-Marte, Leben u. Dichten 2, 25—29. 76—84; M. W. J. A. Jonckbloet, Guillaume d'Orange, 2 Bde., LaHaye 1854; CLARUS,Her- zog Wilh. v. Aquitanien,Münster 1865; L. Gau- TIER, Les epopees franc. Bd. IV 2 , Paris 1882; Ph. A. Becker, Die afrz. Wilhelmsage, Halle 1896; J. Bedier, Les legendes epiques 1, Le cycle de Guillaume d'Orange, Paris 1908; E. Beneze, Orendel, W. v. Orense u. Rob. d. Teufel, Halle 1897, dazu Jiriczek, Mitteil. d. Schles. Gesellsch. f.Volksk. 5, 64 f., Singer, Anz. 24,370—73, Shumway, Americana germ. 2, 1, 94—100, Euph.5,410; Singer, Wolframs Willehalm, Bern 1918, dazu Blöte, Anz. 39, 130—33, Schölte, Museum 27,152 f., Ehrismann, DLz. 1922, 444—46. — Ausg. des Wh. s. oben S.213. 2 Zum Hss.verhältn.: Paul, Beitr. 2, 318— 38; Panzer, ebda 21, 225—40; Kraus, ebda 540 - 61. — EinzelneStellen (Nachtr. zu Piper): Haupt, ZfdA. 13,384; Schönbach, Wien. SB. 144 (1902), IX S.30; Suolahti, Mem. de la soc. neophilol. de Helsingfors6(1917), 109 ff. 3 Stosch, ZfdA. 32, 471; Behaghel, Germ. 34,10; Nolte, Anz.25,304; Leitzmann, Beitr. 26,152ff. ; HELM,ZfdPh.35,196-203; Singer, Wh. S. 111. 119f. 127; L.Wolff, ZfdA.61, 191 f. § 43. Wolframs Willehalm 271 Parz. Der Landgraf Hermann v. Thüringen hat dem Dichter die Erzählung bekannt gemacht 38 f. Zwei historische Jahresdaten lassen sich dem Gedicht selbst entnehmen: die Krönung Ottos IV. in Rom, B. VIII, 393, 30—394, 5, fand im Oktober 1209 statt; der Dribock, eine III, 111, 9 und V, 222, 1 genannte Belagerungsmaschine, wurde in Deutschland erstmals bekannt im J. 1212. J Den großen zeitgeschichtlichen Hintergrund des Gedichtes bildet der Kreuzzugsgedanke (Singer S. 4 f. 29.68.111.117.123), der seit der zweiten Krönung Friedrichs IL in Aachen im Juli 1215, wo er das Kreuz nahm, die äußere und damit auch die innere Politik beherrschte. Wolfram wird also den Wh. um 1215 begonnen haben, jedenfalls nach 1212. Für die untere Zeitgrenze ist in dem Gedicht kein Anhaltspunkt gegeben. Es ist unvollendet abgebrochen. 2 Der letzte Gedanke Der markgräf (markis) guotgeleite dan gap dem hoch gelopten man 3 ist nicht das letzte Wort über ein Heldenleben, das der Verteidigung der höchsten Güter geweiht ist. Die Veranlassung, weshalb Wolfram den Willehalm unvollendet ließ, ist nicht bekannt. Eine Wendung in seinem Lebensschicksal muß hier eingetreten sein. Oder hat ihn der Tod ereilt? 4 1 Alw. Schultz, Höf. Leben l 2 , 375 ff.; Schreiber S. 153 f. — Der Preis des römischen Kaisers IX, 434, 6—15 bezieht sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt, sondern ist, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, ein Ausfluß der imperialistischen Reichsidee (Singer S. 122 f.). — Die antiwelfische Gesinnung W.s (Singer S.lll) reicht nicht zur Bestimmung eines genauen Zeitpunktes aus. 2 Zur Frage .ist der Wh. vollendet?': Bernhardt, ZfdPh. 32,36—40.34,548f., wo weitere Lit.; SingerS. 2 f 91.91. 103. 3 Das Schlußwort lautet: sus rämt erProven- zälen lant. In K (von anderer Hand als der des Hauptschreibers) und in m folgen noch 15 Verse (Lachmann S. XXXIV, Leitzmann, Ausg. H. 5 S. 155, auch S.X), die jedoch höchstwahrscheinlich unecht sind (Bernhardt, ZfdPh.32, 38; Singer S. 128, anders Paul, Beitr. 2,322). Sie sind nur ein kurzer Auszug aus 452, 15—460, 26: dort tröstet Bernart v.Brubant 456,28, hier der wise Glbert 467,21 (vgl. 179,15), Bernarts Bruder, der oft im Wh. mit ihm zusammen genannt ist (vgl. bes.467, 20 u. 457,4. 467,22f. u. 457, 6f. 460,18—20). Auch nach Ulr.v. Türheim bricht W.s Wh mit dem Satz sus rümt er . .. ab (Lohmeyer, Die Hss.d.Wh. Ulr.s v. Türh., Kassel 1883 S.26; Eberhard K. Busse, Ulr.v.Türh., Pal. 121 (1913), 168; und dieser Vers ist ein typischer Buchschluß, vgl. I, 57,28. II, 105,28. VI, 313, 27, u. öfter im Parz., s. ob. S. 245. Der Stil ist W. nachgeahmt, aber nur unbeholfen. Kurze Zusätze von Schreibern oder Lesern begegnen auch sonst am Schluß von Hss. oder nahe vor solchem, z.B. A.Heinr., Gierach S.82. 94; Iwein Hs.B, Lachmann, S.356; Ulr.v.d.Türl. Willeh., Singer S.396f. (auch hier im Zusatz Klage u. Trost). 4 Dieses ist d. verbreitetste Ansicht. Daß der Tod seines Gönners, des Landgrafen (26. April 1217) ihn von der Vollendung abgehalten habe, ist nicht zu erweisen. Das diesem gespendete Lob der Freigebigkeit IX, 417,22 —26 (vgl. P.297, 20) klingt für einen Nachruf zu dürftig und es liegt auch gar nichts von einer Anteilnahme des Gemütes darin, die man einem vor kurzem Verstorbenen zollt, vgl. Helm aaO.; Singer S.7.120; Palgen, Beitr. 44, 241. — W. hatte auch nicht beabsichtigt, aus freien Stücken hier einen Schluß zu machen, sonst wäre er nicht an dem V11I. B., das nur eine Ausspinnung weniger Zeilen der Vorlage ist, solange haften geblieben, sondern er hätte die abschließenden Ereignisse nach der franz. Vorlage erzählt. Dies hatte er offenbar einem noch folgenden X. B. vorbehalten. Am Abschluß von B. VIII glaubte er, aus nicht angegebenen Gründen, sein Werk einstellen und die Vollendung einem andern überlassen zu sollen, wie er 402, 17—30 selbst bemerkt (Seeber S.17—25. 34; Nordewier S.53 ff.; Bernhardt, ZfdPh. 32,40. 34,548 f.; Leitzmann, Beitr. 26,150 ff; Helm, Zf dPh.35,196 ff.); die sprachl. Technik weist auch auf einen Einschnitt hin (Panzer, ZfdPh. 33, 1341). Auch am Schluß des VLB. im Parz. 337, 23—30, als er die Arbeit aussetzte (Arbeitspause), überläßt er es einem andern kunstgeübten Manne, das Gedicht fortzusetzen. Trotzdem fand er nach Abschluß des VIII. B.Wh., offenbar nach einer gewissen Unterbrechung, wieder Zeit, um weiterzufahren Das IX. B. beginnt mfi einer Anrufung der Giburc, der heiligen Frau 403,1 —10. Aber in dem B. IX selbst ist von ihr fast gar nicht dieRede (trotz 4,6 f.), in dem beabsich- 272 Die erzählende Dichtung Inhalt. B I Einleitung 1,1—5,15, Gebet zu Gott 1,1—2,27; Vorstellung des Helden 2,27— 4,18, dabei der Veranlasser des Gedichtes, Landgraf Hermann v. Thüringen; Anrufung des Helden, des sanct. Willehalm 4,19—29; Empfehlung dieser äventiure 4,30—5,15. Die Erzählung beginnt 5,16. Vorgeschichte 5,16—7,10 Graf Heimrich v. Narbon schickt seine sieben Söhne in die Welt. Einer von ihnen, Willalm, erwirbt Arabele, die Tochter des Heidenkönigs Terramer und Frau des Heidenkönigs Tybalt, die in der Taufe den Namen Gyburc annimmt. Mit 8,15 beginnt die Haupthandlung, der Krieg zwischen den Christen und Heiden, a) Die erste Schlacht bei Alischans. Terramer mit Tybalt vereinigt zieht mit großem Heer übers Meer gegen Wh. Die Heere treffen auf dem Feld bei AI. zusammen, teils allgemein, teils Einzelkämpfe zwischen den beiderseitigen Führern. Besonders zeichnet sich Vivianz aus, der junge Neffe Wh.s 22, 30 ff. Tödlich getroffen 46, 24 bricht er ohnmächtig zusammen 49,29. B. I schließt mit der Vernichtung des Christenheers, Wh. hat alle seine zwanzigtausend Mann verloren bis auf vierzehn. B. II Wh.s Flucht nach Oransche (Orange). Er findet Vivianz für tot auf der Erde liegen 59,21. Totenklage 60,21. Viv. erwacht, legt vor Wh. seine Beichte ab 65,1. Wh. schlägt sich durch die Scharen der Feinde nach seiner Burg Oransche 88, 30. Vor dem Tor harrend wird er von Gyburc für einen Heiden gehalten und erst eingelassen, als er sich durch eine alte Narbe als ihr Gatte ausweist. Belagerung von Oransche durch Terramer 96, 7. Trauliche Eheszene 99, 15. Gyburc rät, er solle bei seinem Schwager, König Loys (Ludwig) Hilfe holen 103, 9. Wh. gelobt ihr, im fremden Land treu zu bleiben und nur Wasser und Brot zu genießen, solange er sie nicht befreit habe. Dann reitet er die Straße nach Frankreich 105,30. b) Willehalm am Hof. B. III Seine Verhandlung mit König Loys in Munleun (Laon). Terramer macht Gyburc unannehmbare Friedensbedingungen 109, 16, darauf Belagerung von Oransche 111, 1. Wh. reitet nach Munleun. Unterwegs in Orlens (Orleans) Streit wegen des Zolls 112,2, besiegt im Tjost seinen Bruder Amalt, ohne ihn zu kennen 117, 22. Abends gute Aufnahme in einem Kloster 125, 5. Bei Hofe, besonders von der Königin Irmschart, seiner Schwester, mit Groll und Argwohn empfangen. Heftige Auftritte. Von Zorn hingerissen schlägt Wh. der Königin die Krone herunter, packt sie an den Zöpfen und will ihr den Kopf abhauen. Seine Mutter, Heinrichs v. Narbon Frau, hindert ihn daran. B. IV Nun wird ihm Hilfe zur Entsetzung von Oransche zugesagt. Eine neue Person, die in der Folge eine führende Rolle übernimmt, erscheint. Wh. sieht eines Abends einen jungen Küchenknecht von gewaltiger Stärke mit einem Wasserzuber über den Hof gehen: es ist Rennewart, den der König einst von überseeischen Kaufleuten erstand. Seine Herkunft ist unbekannt (er ist Terramers Sohn, Bruder der Gyburc). Wh. erbittet ihn zum Diener 191, 19. Auch im Knechtsgewand erkennt man seine edle Geburt. Aber im Zorn kann er ungemütlich werden. In der Küche zerschlägt er die Kessel, weil die Köche ihm das Haar anbrannten, der Hofkoch entrinnt nur mit Not 198, 20. Den Küchenmeister haut er tot, die andern prügelt er, weil man ihm seine eiserne Stange, seine Waffe, versteckte. Alyze, die Tochter des Königs, diu junge reine süeze dar 154, 9 entläßt Rennewart mit einem Kuß. c) Schauplatz wieder Oransche. B. V Während einer Waffenruhe führt Gyburc ein Religionsgespräch mit ihrem Vater Terramer über Christentum und Heidentum. Die Heiden ziehen ab 226, 16. Wh. kommt mit dem franz. Heer an. Freudiges Wiedersehen der Gatten 229, 19. Auch Heimrich bringt Truppen 235, 14. Empfang der Fürsten, Festmahl 244, 1. B. VI Rennewarts Taten: er prügelt die Knappen, die ihn aushänseln 269,20 und begeht andere Tölpeleien; seine Vorgeschichte 282, 19; Kinderliebe zwischen Rennewart und Alyze. Fürstenrat, Gyburgs große Toleranzrede 306, 1—310,30. Allgemeines Festmahl 311, 7. tigten X. B. würde ihr die §chöne Aufgabe zuteil geworden sein, nach dem Schlachtenlärm im Verein mitihrem Gatten das Glück ihres wiedergefundenen Bruders.des Rennewart.zu begründen. So sind B. IX und das ungeschriebene B. X vom Dichter aufgefaßt als Abschluß seines zweiten großen Werkes, u. dem Gebet zu dem heiligen Helfer Willehalm 4, 4 ff. am Beginn des Heldenliedes entspricht am Schluß die Anrufung der heiligen vrouwe Giburc. § 43. Wolframs Willehalm 273 d) Die zweite Schlacht von Alischans. B.VII Vorbereitungen zur Schlacht. Die Mutlosen bringt Rennew. um, andere ermutigt er 324, 8. B. VIII Die Schlacht. B. IX Fortsetzung und Ende der Schlacht. Wh. und Rennew. vollbringen Wunder der Tapferkeit. Sieg der Christen. Wh.s Klage um den vermißten Rennewart 452, 15, um die Gefallenen 459,21. Schluß 461, 23—467,8: Wh., großmütig gegen den Führer der gefangenen Heiden Matribleiz, läßt die heidnischen Toten begraben und gibt ihm Geleite zur Heimfahrt. [Hier bricht Wolframs Gedicht ab. In der franz. Quelle kehrt Rainouart nach Orange zurück. Guiborc erkennt in ihm ihren Bruder, er erzählt seine Schicksale, wird getauft, zum Ritter geschlagen und erhält die Königstochter Aelis, Guillaumes Nichte, zur Frau.] Komposition und Stoffteile. Die Ereignisse entwickeln sich in folgerichtigem Auf-_ bau. Sie sind in ein symmetrisches Schema eingeteilt: A. Die erste, verlorene Schlacht bei Aliscans, der tragische Held: Vivianz, B.I.II.B.a) Zwischen den Schlachten, Wh. am franz. Hof, B. III. IV. b) Wh. in Oransche, Ruhepause, B. V. VI. C. Zweite, siegreiche Schlacht bei Aliscans, der komische Held: Rennewart, B. VII. VIII. IX. Der Bau ist nicht wie in einem Artusroman episodisch, eine Aneinanderreihung von Abenteuern, sondern organisch entwickelt in historischem Zusammenhang der Teile. Innerhalb des äußeren Gefüges der drei Teile sind die einzelnen Bestände geordnet, in denen sich das ganze, in dem Gedicht gestaltete Leben entfaltet. Da der Kampf zwischen Christen und Heiden den Inhalt ausmacht, so ist dieser verteilt auf Spieler und Gegenspieler, wobei das Hauptinteresse weit überwiegend auf der befreundeten Partei ruht. Das sagenbildende Grundmotiv liegt in den beiden Schlachten bei Aliscans, nach anfänglicher Niederlage der endgültige Sieg. Es sind die heroischen Partien, abwechslungsweise Scharenschlachten und Einzeltjoste, Verwandtenkämpfe (12, 9. 117, 27—118, 26. 442, 19—23), Aufzählung der Helden, Beschreibung von Rüstungen. In ihnen kommt die Grundidee des Gedichtes zum Austrag, der Kampf zwischen Christentum und Heidentum. In diesen Ä Grundstock spielt eine sagenhaft-historische Nebenhandlung hinein, der Verwandtenzwist B. III und IV, der aus der Vassallensage stammt. Aus beiden historischen Momenten setzt sich ein weltgeschichtliches Bild zusammen, bestehend in Kriegsereignissen und in politischen Verhandlungen (B. III. IV VI, 296, 25—304, 5. VII 339, 30—359, 30). In den historischen Gesamtgrund ist eine Familiengeschichte hinein verwoben, ein Entführungs- ^ und Eheroman, der eine besondere Wesenswirksamkeit dadurch erhält, daß er in den Widerstreit der religiösen Mächte eingreift und den Sieg des Christentums, der durch Heldenkampf errungen wird, auch im familiären Leben bekundet. Die geschichtliche Grundlage. Der Willehalm, Wolframs zweites großes Epos, ist ein Lied vom Kreuzrittertum, eine Verherrlichung der Gottesstreiter. Vom Artusroman des Parzival, der in der frei schaffenden Märchendichtung seinen Urkeim hat, wandte er sich zu der historischen Legende des heil. Wilhelm. Es sind verschiedene Entstehungsbedingungen, dort wurden Phantasiegebilde in die ritterliche Standesanschauung eingekleidet, hier schaffen Wirklichkeiten ritterlichen Lebens eine feste Grundlage. In Wolframs Weltanschauung liegen sie nicht getrennt, sie haben einen gemeinsamen Ursprung in der ihm eigenen, religiös betonten Menschheitsform. Deutsche Literaturgeschichte III 18 274 Die erzählende Dichtung Der Held ist eine historische Persönlichkeit aus hohem Geschlechte, 1 der Graf Wilhelm (ahd. Willehalm, woraus franz. Guillaume) v. Toulouse, der Befreier Südfrankreichs von den Sarazenen, der Christen von den Ungläubigen. Durch seine tapferen, wenn auch nicht siegreichen Taten in der Schlacht am Orbieu (bei Narbonne, 793), in der er trotz der Flucht der andern Heerführer stand hielt, wurden die in Aquitanien eingefallenen Araber zum Rückzug bewogen. Karls d. Großen Sohn Ludwig (später Ludw. d. Fromme), den schon als Kind Karl zum König über Aquitanien setzte, führte er zur Eroberung von Barcelona — diese Tat wird von Ermoldus Nigellus in seinem Lobgedicht auf Kaiser Ludwig d. Frommen B. I poetisch besungen 2 — und legte damit den Grund zu der spanischen Mark a. 801. Später tat er seine weltlichen Würden ab und zog sich in das von ihm gegründete Kloster Gellone (Vallis Gellonis) bei Monpellier zurück, a. 806, wo er a. 812 als heiliger Mönch starb. Seine zweite Gemahlin ist urkundlich als Guitburga (Gyburc des Gedichtes) überliefert. Dieser historische Graf Wilhelm v. Toulouse wurde zum legendarischen St. Wilhelm. 3 Die älteste lat. Legende von der Mönchung des heil. Wilhelm findet sich eingeschaltet in dem Leben des heil. Benedict von Aniane von Ardo genannt Smaragdus, dem Nachfolger S. Benedicts, f 843. Die selbständige Legende des heil. Wilhelm, die in den Acta Sanctorum (Tom. VI, 810 ff., Antwerpen 1688) veröffentlicht ist, wurde im 11. Jh. verfaßt. Sie enthält in ihrem ersten Teil die Kriegstaten Wilhelms, im zweiten das Klosterleben und beruht teilweise auf franz. epischen Gedichten. Zeugnis über die Verbreitung der Legende im 11. Jh. geben der normannische Mönch Ordericus Vitalis (| nach 1141) in seiner Kirchengeschichte, wo unter den Beispielen heiliger Krieger auch S. Guillelmus angeführt ist; und der Mönch Alberich von Trois Fontaines in seiner Chronik (Mitte 13. Jh.s), der ihn als Krieger und als Heiligen preist (San-Marte, Leben und Dichten 2, 83f.; Jonckbloet 2, 38—40).* Die Geschichte wird zur Sage und Dichtung, in der Dichtung erhält sich die Sage, in ihr ist sie „literarisch gefestigt". 5 Wilhelm ist zu einem französischen Nationalhelden geworden, auf ihn wurden die Taten anderer Träger des Namens Wilhelm und andere Sarazenenkämpfe übertragen, so wirkte auch der Ruhm Karl Martells in ihm nach, der 732 bei Poitiers die Araber besiegte unter ihrem König Abderrhaman (Desrame im franz. Gedicht, Terramer in Wolframs Willeh.). Eine Erweiterung erhielt die ursprüngliche Wilhelmssage, der Glaubenskrieg, durch die Verbindung mit der Vasallensage, die einen eigenen Kreis des franz. Nationalepos ausmacht. Ihr 1 Jonckbloet 2, 21 ff.; Ph. A. Becker S. 1 —10. 1 Jonckbloet 2, 27 ff.; Ebert 2 1 , 170 ff.; Ph. A.Becker S. 10—16. 3 Jonckbloet 2, 30—40. 67 ff. 117—35; Ebert 2', 347Anm.2. Verwandtschaft mit der Mönchung des Waltharius in der Novaleser Chronik (LG. I, 394 f.): Jonckbloet 2, 134 ff.; Ph. A. Becker S. 89 ff. 104 ff. — Einzelne Wunderlegenden: GoswinFrenken, Wunder u.Taten d. Heiligen, Münch. 1925, S. 145.226 f. 4 Der heil. Wilhelm in Dantes Paradies 18, 46 f., Göttl. Com. ed. Philalethes 3, 262 f.; Ehrismann, Festschr. f. Voßler S. 177—79. 5 Gröber, Grdr. S. 453; vgl. auch Ph. A. Becker S. 136. § 43. Wolframs Willehalm 275 Inhalt sind Empörungen und Kämpfe der Großen des Frankenreichs gegen die Krone zur Zeit der Merowinger und der späteren Karolinger. Der schwache, willenlose König ist im Wh. Ludwig d. Fromme, der Karies sun Löys, Wh. 354, 3. Die erste Stufe der Dicntung ist das epische Lied, das unmittelbar oder bald nach dem Ereignis entstand, die zweite das Epos, das verschiedenartige Berichte und Motive vereinigte. Dieses Nationalepos, die Chanson de geste (geste = [res] gesta, geschichtlich Geschehenes) ist eine Schöpfung der nordfranzösischen Spielleute, Si. Jongleur (afrz. .jouglere, jougleor = lat. jocularis, joculator), die es seit dem 12. Jh. zu reicher Blüte entfalteten. Abgefaßt sind die Chansons in der volkstümlichen, epischen Form der Tiraden, in ungleichen Strophen von 10- bzw. 11 silbigen assonierenden Versen. Die Nationalepen zerfallen in drei Gruppen, Karlssage, Adelskämpfe, Guillaume d'Orange. Die umfangreichste ist die Wilhelmsepik, der Zyklus von Guill. d'Or. (auch G. Fierebrace, G. au court nez genannt) oder Geste de Garin de Monglane, ein Kreis von ca. 20 Epen (Zweige, branches), die die Vorgeschichte, Jugend, Kämpfe, Mönchsleben Guillaumes und die späteren Erlebnisse des Rainouard (Rennewart) erzählen. Im Mittelpunkt steht die Bataille d'Aliscans, die Schlacht, durch die Wilhelm Südfrankreich von den Sarazenen befreite. Der Platz, auf dem die Schlacht stattfand, Aliscans (Elysii campus) war eine römische, dann altchristliche Gräberstätte bei Arles an der untern Rhone, wo viele Steinsärge, die z. Teil noch heute vorhanden sind, gefunden wurden: daran knüpfte sich die Sage, es sei hier eine große Sarazenenschlacht geschlagen worden; vgl. Wh. 259, 4—12. 357, 16—30. 386, 6 f. 394, 20—25. 437, 20—25.1 Quelle. Diese franz. Chanson de geste von der Bataille d'Aliscans ist die Quelle von Wolframs Willehalm, 2 aber er hat eine andere Fassung vor sich gehabt als die, welche uns in den erhaltenen Hss. überliefert ist, denn sein Text enthält oft Stellen, die er in der uns bekannten Fassung nicht vorfand und die doch aus einem franz. Original der Chanson d'Aliscans stam- 1 Liebrecht, Gervasius v. Tilbury S. 42 f. 149.153f.; SAN-MARTE,Wilh.v.OrangeS.31ff.; Bacon S. 107 ff.; Bernhardt, ZfdPh. 32,56 f.; Singer S.86; Palgen, Beitr.44,216; Schreiber S. 49. 2 Quelle: Panzer S. 32. — Ausg. der frz. Bat. d.'Alisc.: Jonckbloet aaO.; Gust. Rolin, Alisc. mit Berücksichtigung v. W.s v.E. Willen. krit.hgb.,Leipz.l894; E. Wienbeck, W. Hart- nacke, P. Rasch, Halle 1903. — San Marte, Ueb. W.s v. E. Rittergedicht Wilh.v. Orange u. s. Verhältn zu d. altfrz. Dichtungen gleichen Inhalts, 1871; Suchier, Ueb. d. Quelle Ulrichs v. d. Türlfn 1873 S. 39—41; Saltzmann, W.s v. E. Willen, u. s. frz. Quelle, Progr. Pillau 1882.83, dazu Arch.71, 225, Paul, Lbl. 1884, 351 f.; Seeber, Ueb. W.s Wh., Progr. Brixen 1884, dazu Arch. 73,448, Khull, Zfösterr. Real- 18* ' sch. 1885; Genelin, Unsere höf. Epen S. 30— 38; Lichtenstein, Beitr. 22, 59 f.; E. Bernhardt, Zum Wh.W.sv.E., ZfdPh. 32,36-57; Johanna Maria Nassau Noordewier, Bij- drage tot de beordeeling van den Willehalm, Groninger Diss., Delft 1901, dazu Bernhardt, ZfdPh. 34, 542—49; Susan A. Bacon, The sourceof W.s Willeh., Spracheu. Dichtung. H.4 (Lit. S. 3 -10), dazu Blöte, Anz.36,145—47, Leitzmann, ZfdPh. 45,303 f., Helm, Lbl. 1914, 109, Frantzen, DLz. 1911,3169—71, Piquet, Rev. germ. 7, 358 f. u. Rev. crit. 71, 349 f., Minckwitz. Rom. 40, 462—64, Schönbach, Allg. Lbl. 20,625f.; M. J. Minckwitz, Encore le Willehalm de W. v. E., Rev. germ. 9, 36—65; Singer, W.s Willehalm (maßgebend); Palgen, Wh., Rolandsl. u. Eneide, Beitr. 44,191—241. 276 Die erzählende Dichtung men müssen. Vielleicht hat er aus einer Hs. des Wilhelmzyklus, deren Inhalt ihm durch Erzählung oder durch eigenes Lesen nur oberflächlich bekannt wurde, weitere Kenntnis der franz. Literatur über Guill. d'Orange erhalten. 1 Wahrscheinlich ist es also, daß W. noch andere Zweige (Branchen) des Wilhelmzyklus gekannt hat. Verschiedentlich stößt man im Wh. auf Stellen, die in anderen Chansons des Sagenkreises erzählt sind, zumeist in solchen, die der Schlacht von Aliscans voraus liegen (bes. die Vorgeschichte von der Erwerbung der Arabele in den Chansons Charroi de Nimes und Prise d'Orange). Obwohl also die Vergleichung von Wolframs Wh. mit unserer franz. Ch. d'Alisc. vielfach unsicher bleiben muß, so ist doch mit Sicherheit nachgewiesen (Singer), daß er seine Vorlage sehr frei und oft nur in allgemeinen Umrissen wiedergegeben hat. Er hat ihr eine ausgeprägtere künstlerische Form und einen humaneren geistigeren Gehalt verliehen und hat damit das franz. spielmännische Volksepos in die höfische Sphäre erhoben. Die äußeren Änderungen beruhen auf einer stärkeren und sorgfältigeren Durchdenkung des Stoffes. 2 Durch Umstellung der Reihenfolge, Vorwegnahme zeitlich früherer Begebenheiten, Zusammenfassung von Szenen ist der Stoff sinngemäß geordnet (Sing. S. 13. 22. 23. 26 usw.); mit reicherem Leben ist er erfüllt durch Einführung neuer Auftritte, z. B. von Liebesszenen 99,15 ff. u. 279,1 ff. (Sing. S.41. 90), realistischen Einzelheiten (eine Mahlzeit 103, 23—25, Sing. S.42); Unterteile werden eingehender gezeichnet, wodurch allerdings auch der Fluß der Erzählung gehemmt werden kann, desgleichen wie durch ausführende Begründung von Erzähltem und durch Zusätze von Reden oder Auflösung der Erzählung in Redeszenen (Sing. S. 62). Die größte Freiheit hat Wolfram im VIII. B. entfaltet: die Schilderung einer regelrecht sich entwickelnden Schlacht ist ganz sein Eigentum. — Das franz. Original und die deutsche Bearbeitung sind schon im innersten Grunde der Lebensanschauung getrennt. Sie stehen auf zwei verschiedenen Kulturstufen: die Helden des franz. Spielmannsgedichtes haben die Sitten einer älteren Zeit und einer niedereren Bildungsschicht, der deutsche Ritter veredelt das Leben zu höfischen Kulturformen. Aber die stärkste geistige Umformung hat Wolfram dadurch geschaffen, daß er die religiöse Intoleranz durch ihr Gegenteil, durch Humanität ersetzt hat; die menschenfreundliche Behandlung der Heiden durch Willehalm am Schluß ist z. B. Zusatz von Wolfram. Stark beeinflußt sind Inhalt und Stil durch Wolframs außerordentliche Be- 1 Vgl. Bernhardt, ZfdPh. 32, 51—56. 34, 546—48; Bacon pass.; Singer S. 91. 94; Martin II S. XVII. — Man unterschätzt auch hier W.s Selbständigkeit u. Literaturkenntnis, wenn man annimmt, daß er alle die Stellen, die er mit andern Zweigen gemein hat, schon in der ihm vorliegenden Ch. d'Alisc. vorgefunden habe. Ein Beispiel: die Stelle 298,11. 14—16, die in Charroi de Ntmes ihren Ursprung hat, soll in W.s Chans. d'Alisc. gestanden haben (Bacon S. 60f.); aber die ganze Beratungsszene 295, 25-311, 6 ist von W. selbst eingeschaltet (Singer S. 94—97); wo sollen denn dann in d. frz. Ch. d'Al. die Verse, die W. mit 298, 11 ff. übersetzte, angebracht gewesen sein? 2 Mißverständnisse s. Singer S. 104. § 43. Wolframs Willehalm 277 weglichkeit in der Gedankenverknüpfung. Er schafft mit dem stilistischen Material seines Parzival, Schritt auf Schritt trifft man Anklänge an diesen, Bilder, Wendungen. Auch zur inhaltlichen Schattierung hat er Farbentöne geliefert: Feirefiz gibt Züge ab für Rennewart (Sing. S.72), Josweiz ist nach seinem Muster schwarz und weiß geteilt 386, 1 ff. (Sing. S. 112); der Dümmling Parzival und der Küchenknecht Rennewart gleichen sich schon im Typus. Näher verwandt aber im Sagenkern und in der ganzen szenischen Vorstellung ist der Wh. mit dem Rolandsliede, und dieses hat dem Dichter denn auch sehr oft im Gang der Handlung und auch schon im Prolog vorgeschwebt. Der Glaubenskrieg Willehalms ist gleichsam als eine Wiederholung von Karls und Rolands großen Taten aufgefaßt. Für die dogmatische Grundlage einer religiösen Überzeugung bot ihm aber das Rolandslied unmittelbar keinen Anhalt, die Zwiesprache zwischen Gyburc und ihrem Vater erhob er zu einem Glaubensbekenntnis und zur Begründung der Wahrheit gegenüber der Verblendung der Heiden nach dem Muster der Religionsdisputation in der Silvesterlegende der Kaiserchronik (107, 13—22 und 110, 21—30. 215, 10—221, 27. 306, 29-309, 30, Sing. S.43-45. 78f. 96f.). Nur stilistische Bedeutung haben die nicht seltenen Anklänge an Veldeke (minen meister 76, 25 f.), wichtig dagegen für Wolframs gelehrtes Wissen ist der Nachweis, daß er den deutschen Lucidarius benutzt hat (35,12—17, Sing. S. 17). Mehrfach sieht man ihn von der geistlichen Literatur beeinflußt (Marienklage und die Totenklage auf Vivianz 60, 21 ff., Sing. S.27f.); seine Neigung zum Volkstümlichen ist bekannt (Heldensage 384, 20—30. 439, 16 f., Sing. S.55. 122. 124). Bedeutungslos sind die Bezüge zum Erec und Iwein (Sing. S. 86. 96. 109. 110) und, vielleicht, zum Alexanderlied, Herzog Ernst, Nibelungenlied, Albrecht v. Halberstadt, Herbort v. Fritzlar (Sing. S.55. 87. 110. 114. 125); auf Walther (her Vogelweid von braten sanc 286, 19), Neidhart (312, 12—14, Sing. S. 92. 97 u. ob. S. 221 f.). Persönliches: Selbstzitierungen mit ,ich' sind sehr häufig. Lokale Bezugnahmen (s. oben S. 215): Sand, Spessart, Kitzingen (oder Kissingen?), Beratzhausen, Nördlingen, Schwarzwald und Virgunt, Bodensee, Bozen, Aachen, Rhein und Rhone, Wizsant und Stire. Personen: Landgraf Hermann 3, 8f. (machte ihn mit der Quelle des Wh. bekannt), 417, 22—30 (Preis seiner Freigebigkeit). Historische Anspielungen: Otto IV. 393, 30—394, 5 (Kaiserkrönung in Rom); Weif 381, 26f. (seine Schlappe vor Tübingen). 1 Wie im Parzival hat W. auch im Willehalm seine innere Art stark hervortreten lassen. Das Ichbewußtsein der Persönlichkeit steht in Lapidarstil am Eingang vor der Erzählung: Ich Wolfram von Eschenbach 4, 19. Mit Künstlerstolz sieht er auf die Buchgelehrsamkeit herab (s. oben S. 218). Das ganze Werk atmet seinen eigengearteten Geist, im Gehalt und in der Form. Auch einzelne Züge entspringen dieser Gemütsnähe: gelegentlich in der Erzählung denkt er an seine Kinder 11, 22-24.33,24—26 (152, 14), an seine Armut 376, 11 f.; er äußert seine Teilnahme an dem Leiden seiner Helden 13, 21—30. 23, 15f. 48, 28-30. 111,30—112, 2. 400, 8; seine Achtung auch vor der Tüchtigkeit der niederen Leute 428, 3f. (Sing. S. 121 f.); sein Nationalstolz: ir 1 Der Ausfall gegen Chrestien 125, 20—23, als ob dieser die frz. Chanson verfaßt habe, scheint in das Kapitel „fabulistische Quellenangaben" zu gehören. Er tadelt ihn wegen einer Kleinigkeit. Der Zweck dieser Polemik ist nicht ersichtlich, da ja die Chanson mit Chr. nichts zu tun hat. Ist es ein bloßer Scherz? Absichtliche Irreführung? 278 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG wizzet wol min besten kraft hinder mir ze Huschen landen 210, 28 f. (Sing. S. 75); seine politische antiwelfische Stellung 381, 26—30. 393, 30—394, 5. 434, 6—15; die Offenherzigkeit in ehelichem Minnespiel 99, 29—100, 25. 279, 1—280, 12; anzügliche Scherze 231, 24— 27. 243, 23—30. Auch sein Humor durchbricht manchmal den Ernst der Ereignisse, z. B.: die Nachtigall, die so wenig trinkt und doch süßer singt, als wenn sie allen Wein von Bozen tränke 136, 7—10; die Selbstironisierung wegen seiner schlechten französischen Sprache 237, 3 ff.; die Ente, die den Bodensee austrinkt 377, 4—6; Spott auf die Übertreibungen der Heldensage 384, 23—30; O weh, wenn ein struppiger Bart auf süßen Frauenmund küßt! 229, 24f.; die Angst der Höflinge und des Königs Loys 141, 11 ff. 148, 3ff.; die ganze Person des tölpelhaften Rennewart ist ein großes Stück Humor. Der ethische Gehalt. Die eigentlichen, historisch-politischen Beweggründe zum Krieg sind für die Heiden: Rache für Arabeles Übertritt 44, 6 ff., später aber, 339, 3 ff., Rache für die Verluste, die ihnen die Christen zugefügt, außerdem will Terramer den Stuhl zu Aachen besitzen, dann Rom und die römische Krone erobern. Die Christen wollen ihren Glauben, ihre Ehre und ihr Land verteidigen 17, 5. 19 und ihre gefallenen Freunde rächen 297,5ff. Der gegebene Stoff wurde höfisch stilisiert und erfüllt mit den idealen Werten des Rittertums, Heldentum und Minne. Der Mannesmut aber fand seine Auswirkung nicht wie im Artusroman in bloß persönlichen, meist planlosen Abenteuern, sondern in der weltbewegenden Idee des Ringens um den Glauben. Gottesverehrung ist die sittliche Triebkraft zum Handeln für den Christen und sie ist für den Wunschkreis des höfischen Ritters verstärkt durch das irdische Reizmittel der Frauenminne: 1 zwei lön uns sint bereit, der himel und werder wibe gruoz 299, 26 f., durh zweier slahte minne, uf erde hie durh wibe lön und ze himel durh der enget dön 16, 22—17, 2, ferner 303, 8—13. 310, 10 und 12. 371, 21—30. 381, 21 f. 400, 1—7. 409, 11 f.; und Gyburc läßt sich taufen durch liebes fHundes minne und durch minne von der hcehsten haut 9, 17—20. 215, 16—216, 3. 220, 30.260, 6 f. 298, 21—23. 310, 18 f., dasselbe von Willehalm 466, 11 — 13. Aber der höhere Gewinn ist doch diu ruowe äne ende 400, 1—7. Als selbstverständlich ist vorausgesetzt, daß der Ritter von Heldenmut beseelt ist und daß die Ritterehre, das zweite irdische Ideal, ihn zum Gotteskampf anspornt 14, 16—20 und 27 f. 320, 25—30. Bloß weltlich aufgefaßt ist der Ritter, dem nur der Frauendienst Beweggrund zum Glaubenskampf ist wie 7, 3 ff. 329, 16—18. 385, 1—12, auch 29, 4 f., oder dem Frauendienst und Herrendienst hohen Lohn gibt 5, 25—6, 16. 7, 1—10. 398, 18 f. Dieses christliche Frauenrittertum ist besonders durch Heinrich v. Narbon und die Seinen vertreten, vgl. bes. noch 385, 13—22. . Gemeinsame Standesideale sind für die christliche und heidnische Ritterschaft verbindlich, auf gleicher Lebenswertung beruht der Geist des internationalen Rittertums: Terramer begründet seine große Ansprache an die Führer 338, 1—355, 30 durch unser gote und durch diu wip zu kämpfen; durch die gote und durch die minne nach prises gewinne sul wir noch Mute 1 Über den Lohn der Kreuzfahrt s. Wolfram, ZfdA.30,106 ff. § 43. Wolframs Willehalm 279 werben 338, 9 ff. u. ö., nach der gote löne 349, 16. 351, 20, der wlbe Ion 342, 16 ff. 344, 26 u. ö. Die Heiden finden ihren höchsten Ruhm, als Frauenritter zu kämpfen 24, 4—7. 25, 14—17. 26, 6—9 u. ö. Selbst der heidnische Küchenknecht Rennewart erstrebt eine wert ämie 193, 26. Die beiden Gegenparteien der Christen und Heiden werden sich geradezu als Gottesstreiter und Frauenritter gegenübergestellt:' prächtige Gewänder trugen die Heiden, die ihnen ihre Freundinnen sandten, die Getauften, die gotes soldiere, streben nach dem ewecltchen prise 19, 17—29 und bes. noch 339, 30—359, 30. Die Heiden sind Diener der Welt, sie haben die glänzenden Tugenden des weltlichen Ritters, sind tapfer und edelmütig, reich und prachtliebend und erwählte Minnediener, sie halten an ihrem Glauben und ehren ihre Götter, den heiligen Tervigant, Mahumet und Apolle und Kahun. Aber sie werden von ihnen betört 110, 24—30. 352, 14 und erwerben den zwiefachen Tod, des Leibes und der Seele. Ihr Gott Tervigant ist schuld, daß sie zur Hölle bestimmt sind 20, 10—12: so findet Wolfram in ihnen das reine Menschenbild, er entschuldigt sie und beklagt ihr Los, daß sie durch eine höhere böse Gewalt ins Verderben gezwungen sind. Daß sie nicht „getauft" sind, ist doch ein Hindernis für ihre unbedingte Wertschätzung, dadurch sind sie von vornherein minderwertiger als die Getauften, z. B. 191, 15—18. Moral und Religion fallen zusammen. Minne soll wäriu trluwe sein 15, 16. Die reinste Minne auf Erden ist die zur eigenen Frau, ist die eheliche Liebe, und ihre schönste Verklärung in der mittelalterlichen Literatur hat sie in Wolframs Willehalm gefunden. Im seligen Besitz der Treue seines Weibes kann Willehalm auch die schmerzvollsten Leiden ertragen, Gyburc ist seine Trösterin und Kampfgenossin und das Weib selbst wächst in Gottesliebe und Gattenliebe zur Heroine. Ihm ist seine Frau die süeze ämte 39, 6—30. 63, 20. 162, 10—163, 10, in ihren Rat legt er ihr beider Schicksal 95, 9—96, 6. 103, 6—8, und treu hält er ihr das Gelöbnis, bis zu ihrer Befreiung aller Freude zu entsagen und ein Asketenleben zu führen 104, 1—105, 13. 133, 1 ff. Der christliche und der weltliche Ritter sind keine Gegensätze, sondern nur zwei Wertstufen der gleichen sozialen Richtung, ein höheres und ein niedereres Rittertum. Das Gedicht ist ein Erbauungsbuch für den Ritterstand, in dem die Gottesverehrung und zugleich weltliche Ehre und Zucht gelehrt werden. Der alte Heimrich gibt seinen Söhnen praktische Maßregeln mit auf den Lebensweg 5, 25 ff. (Aufzählung von Rittertugenden 87, 16—21. 368, 17—19) und in dem Schwertsegen 299, 13—302 w j r d au ß e r dem in der kirchlichen Formel geforderten Schutz der Witwen und Weisen auch der dienst nach der wlbe Ion eingeschärft. Das ist nicht mehr der kirchliche Typus des christlichen Ritters, sondern der auch auf das weltlich- 1 Diese starke Hervorhebung des Minne- dienens bei den Arabern bzw. Sarazenen ist bei der Frage nach der Entstehung des Minnewesens mit zu berücksichtigen, vgl S.U. 14.33. 86f. 2 Petersen, Joh. Rothe S.161. Singer 280 Die erzählende Dichtung ritterliche Standeszeremoniell verpflichtete Kavalier. Und mitten im Kampf um den Glauben wird doch die weltliche Kultur gepflegt und die schöne Lebensform. Ein solch geschmücktes Dasein entfaltet sich bei dem Empfang der Gäste in Oransche durch Willehalm und Gyburc 244, 1—251, 2, wobei Gyburc ihren Jungfrauen Lehren der hövescheit gibt, sich gesellschaftlich zu benehmen und keine Unfreude aufkommen zu lassen 246, 28—248, 8. Im Humanismus des Rittertums ist die Harmonie zwischen Diesseits und Ewigkeit hergestellt, hier der Mannesruhm und dort das Paradies 14, 27. In der Geschichte selbst liegt die Notwendigkeit für die Wertschätzung des ritterlichen Laientums, denn ohne seinen Arm würde die Kirche ihre religiöspolitischen Ziele nicht erreichen können. Der Willehalm ist eine ritterliche Legende, demnach ist der ethische Gehalt religiös begründet, aber ritterlich-weltlich bezogen. Einen großen Raum in der Gesamteinrichtung nehmen die religiösen Stoffteile ein. Gleich durch den theologischen Prolog 1, 1—2, 25 wird die religiöse Richtung des Gedichtes gekennzeichnet: es ist der Inhalt des apostolischen Glaubensbekenntnisses, 1 die Trinität mit den Eigenschaften der drei Personen als Macht, Weisheit, Güte, (der Vater 1—18, der Sohn 19—28, der heil. Geist 2, 16— 25). Besonders hervorgehoben wird Gott als Weltschöpfer 2 und daran wird ein kosmisches System geknüpft: Planeten, die vier Elemente, die Tiere, die Sonne und Tag und Nacht, Steine und Pflanzen 1, 29—2, 15. Es sind die der Zeit geläufigen Grundlehren des Glaubens und des Weltganzen, die die Legende vom Sieg des Christentums mit stimmungsvoller Größe einleiten. In das Universum hat Wolfr. die Taten seines Helden und seiner Mitstreiter hineingestellt als ein weltgeschichtliches Ereignis, als einen Teil des göttlichen Weltplans. Der religiöse Grundgedanke, der Krieg als Glaubenskampf, wird immer wieder hervorgekehrt. Das letzte Ziel des Kreuzritters ist doch nicht Frauenminne;, die ist eben nur eine Verschönerung des irdischen Daseins, der dauernde Gewinn ist die Erwerbung der ewigen Seligkeit, der soll (Lohn) des ewegen lebennes 37, 21, swer durch Willehalm erstarp, der sele sigenunft erwarp 37,29 f.; des libes tot, der sUe vride erwarben Franzoyscere da 32,6; des libes armuot — der sele richeit 216, 28. 3 Kreuzzugsstimmung ist auch der Inhalt verschiedener Ansprachen Willehalms. In beiden Kreuzreden, mit denen er die Helden vor der ersten und der zweiten Schlacht vorbereitet 16, 22— 17, 22 bzw. 319, 29—320, 30 und 322, 1—30, ist das anspornende Motiv das Heil der Seele und der Gruß werter Frauen. Die mehr politischen Reden im Fürstenrat 295, 25—304, 5 betonen dazwischen ebenfalls die beiden 1 Ehrismann, Stud. S.47—49, Festschr. f. Voßler S. 177 f.; Nachahmungen des Willeh.- Prologs: R. Ritter, Die Einleitungen der ad. Epen, Bonner Diss. 1908, 19. 2 Damit beginnt das einleitende Gebet des Rol.lieds u. Wolfr. ist vielleicht durch dieses angeregt worden, Singer S. 1. Einiges wenige vielleicht aus d. Prolog zu d. lat. Vita, Singer S. 2. » Äuch3,4f. 14,8—25.16,22. 31,12—32,7. 48, 29. 101,5—7. 309, 5. 320,27—30. 322,4— 30. 344, 28—30. 363,29 f. 405, 22. 420,6—18. 435,1. 447, 10. 451, 4 f. u. 10. 454, 18-21. § 43. Wolframs Willehalm 281 Lohnungen, von Gott und von den Frauen (im Schwertsegen 299, 13—30, auch 303, 10—15). Der geistige Streit zwischen Christen und Sarazenen beruht in der Verschiedenheit der Religionen. Dieses Thema wird ausgeführt in dem Glaubensgespräch zwischen Gyburc und ihrem Vater Terramer in den Eingängen von B. III und V, die inhaltlich zusammen gehören, = 107, 13—110, 30 und 215, 10—221, 27. Es ist eine Disputation zwischen Christ und Heide über die bessere Religion. Der religiöse Standpunkt ist stärker dogmatischtheologisch als im Prolog des Parzival und in der Belehrung des Trevri- zent, die mehr auf das gemeinverständliche Empfinden wirken. Der Heidenkönig führt die bekannten Gründe gegen das Christentum ins Feld: der ans Kreuz gehangene und wieder auferstandene Gott Jesus (Jesus ist ein Zauberer 357, 23), das Unglaubhafte der Trinität, der Magdgeburt, Jesus als Brecher der Höllenpforte; die Christen als Säufer und Luderer 44, 10—19. Aber die Macht des Christengottes wird von dem heidnischen Widersacher doch bewundert 107, 13—24. Gyburc sucht ihren Vater zu widerlegen durch eine Heilsgeschichte von der Schöpfung an — wobei die gleichen Gedanken wie im Prolog 2, 1—15 etwas weiter ausgeführt werden — bis zur Erlösung 219, 13. Aber diese Verteidigerin des Christentums kennt noch ein anderes Gebot als das des Glaubens, das sie noch stärker bindet, das ist der Wille ihres Mannes. Die Überzeugung von der höheren Wahrheit des Christentums ist unzertrennlich von der Hingebung an ihren tapferen Gatten: ick diente im and der hcesten hant 215, 16—216, 3. 220, 1—30. Auch hier der Humanismus des Rittertums. Den ethischen Höhepunkt des Gedichtes bildet die große Toleranzrede Gyburgs 306, 1—310, 30. In ihr hat Wolfram seine Überzeugung von der sittlichen Grundbedingung des religiösen Empfindens niedergelegt. Es ist seine Konfession, sein Humanitätsideal. Nachdem die Herren im Fürstenrat sich politisch über Ursache und Fortsetzung des Krieges besprochen, erhebt Gyburc ihre Stimme ebenfalls für den Kampf um die christliche Ehre und für die gefallenen Glaubensgenossen. Aber sie stellt den Krieg unter eine höhere Gesittung, unter die schönste sittliche Macht, die Barmherzigkeit: schönt der gotes hantgetät 306, 28 (vgl. 253, 6—11). In scholastischer Methode, aus der Bibel und der Glaubenslehre, beweist sie diesen Satz. Die stärkste Begründung folgt am Schlüsse: er ist der Gott der minne, der triuwe und der helfe, den Trevrizent dem verzweifelnden Parzival lehrte, den alle Kreatur bedarf. Und wieder kommt Wolfram dann auf das große Wunder des Weltalls, die Planeten, die den Himmel durcheilen und die ganze Natur mit Leben erfüllen, daß die Bäume wieder im Safte schwellen und im Maien die Blumen aus der wiedererwachten Erde sprießen. Das ist die Mahnung, die die christgewordene Heidin ihren neuen Glaubensgenossen in den Vernichtungskampf mitgibt. Und in dem Geist versöhnungsvoller Menschlichkeit schließt die große Tragödie: mit ritterlichem Edelmut preist y 282 Die erzählende Dichtung Willehalm die Tugenden des gefangenen Heidenkönigs 461, 23 ff. und läßt ihn frei mit dem Segen Gottes: dem der der sterne zal wetz unt der uns gap des mänen schtn, dem müezet ir bevolhen sin 466, 30. Aber freilich, die harte Wirklichkeit lautet anders: daß man die Heiden zusammenschlug wie das Vieh, als große Sünde muß ich das ansehen: ez ist gar gotes hant- getät 450, 15—19 (vgl. 81, 12 ff.). So klagt Wolfram. Ein Vergleich von Wolframs Willehalm mit dem Rolandslied des Pfaffen Konrad (s. Bd. II, 1, 273 ff.) zeigt die Kulturwandlungen im Rittertum vom 12. auf das 13. Jh. in der Verfeinerung der Sitten und der Veredlung menschlicher Gesinnung. Sie entsprechen der Entwicklung vom wilden Fanatismus des ersten Kreuzzugs zu den humaneren Formen des internationalen Rittertums der späteren Züge. Der Gegensatz zwischen Christen und Heiden ist indessen auch im Rolandslied 1 nicht ausschließlich, denn auch da sind jene nicht absolut schlecht, sondern ebenfalls nur moralisch minderwertiger als die Christen. Der Grundgedanke des Gedichtes, der Glaubenskampf um das Christentum, ist verkörpert in den Charakteren. Der Typus des christlichen Ritters erreicht in dem Helden, dem heiligen Wilhelm, eine erhabene Größe. Er entspricht der Idee des höchsten Rittertums, das ist die Vereinigung von Natur und Gnade. Wolfram entwirft sein Bild in der Einleitung 2, 26—4, 18. Auch er war ein sündhafter Mensch, aber Gottes Gnade verlieh ihm die Kraft, durch sittlichen Charakter zu sühnen. Kiusche und diemuot hat er mit des Höchsten Hilfe erstritten. Aber mit dem Gottesstreben hat er die weltlichen Ideale von Heldentum und Minne vereinigt, er hat die Herzensnot der Minne gekostet, ritterlicher Kampf war seine Freude und er stand in hohen Ehren bei der Welt. Darum ist er ein Gottesbote, der Schutzpatron (helfaere) der Ritter. Das ganze Gedicht ist eine Beleuchtung seines Charakters, der seine schönste, göttlich-menschliche Höhe in der Duldsamkeit entfaltet. Gyburc ist die weibliche Ergänzung zu Willehalm, erfüllt wie er von christlicher Frömmigkeit und dabei von reiner Minne. Sie ist Heroine und liebendes Weib, heldenmütig zugleich und voll Güte (bes. 95, 3. 99, 15— 103, 21. 226, 29 ff. 272, 1. 290, 1 ff.) und sie, die einstige Heidin, ermahnt die Christen zum christlichen Gebot der Barmherzigkeit. Darum verehrt sie der Dichter wie eine himmlisches Glück verleihende Heilige 403, 1—10. Im Willehalm wie im Parzival hat Wolfram das ihn bewegende Gedankenproblem durchdrungen: die Stellung des Menschen zu Gott, die irdische Zeitspanne und die jenseitige Erfüllung, wobei naturgemäß der religiöse Grundton in der Legende viel stärker ausgeschöpft ist als in dem Ritterroman. In den beiden Helden stellt er zwei Typen des religiösen Menschen dar: Parzival ist der aus dem Irrtum zum Glauben gereinigte Zweifler, Willehalm der von Anfang an in sich gefestigte Gläubige; jener strebt zum Besitz des Heils, dieser trägt es in sich. Darum muß Parzival eine Läuterung 1 Singer S. 11; Naumann, Festschr. Ehrismann S. 80 ff.; GOnth. Müller, Dt. Viertel- jahrsschr. 2, 703. § 43. Wolframs Willehalm 283 durchmachen durch äußere Schicksale und innere Leiden, eine Selbsterhöhung in der Einzelseele, Willehalm hat von jeher seine feste Aufgabe in dem allgemeinen Ziel, der Stärkung des Gottesreiches auf Erden. Vier Schichten in der Hinordnung zu Gott stuft das religiöse Weltbild ab, das Wolfram in den beiden Bekenntnisdichtungen aufbaut: auf der untersten stehen die Ungetauften im Willehalm, zwischen ihnen und dem weltlichen Ritter Gawan liegt die tiefe Kluft des Glaubens, Parzival ringt sich zu der höheren Stufe des christlichen Ritters auf, Willehalm, der Gottesstreiter, hat die höchste weltliche Stufe des Seelenweges erreicht; durch sein weltentsagendes Mönchtum, das aber jenseits von Wolframs Gedicht liegt, erhebt er sich über die weltliche Schicht zur reinen, geistigen Frömmigkeit, wie Trevrizent, der Einsiedler. Parzival und Willehalm vereinigen in sich die Eigenschaften des idealen Rittertums, wie es Wolfram vorschwebt, jeder in anderer Menschheitsform: Tapferkeit und eheliche Liebe, getragen von der Arbeit um das höchste Gut, die Gottesnähe. Die Heiden sind nur typisch geschaut als tapfere Welt- und Frauenritter, sie sind nicht individuell abgestuft, sondern etwa nur nach äußerer Macht- und Prachtentfaltung. Hervor treten die Führer, an ihrer Spitze Terramer und Tybalt, die durch den Verlust der Tochter und Gattin am meisten in Mitleidenschaft gezogen sind. Auf die Masse kommt es an und auf den Glanz vieler fremder Namen. Das seelische Leben kommt bei den Christen zur Entfaltung. Um Willehalm sind die Getreuen geschart, und hier bestimmt der Stoff die Personenverteilung. Im Mittelpunkt der ersten Schlacht steht die Aristie des Vivianz. Dieser jugendliche Held und Glaubensmärtyrer ist die Lieblingsgestalt und das poetische Idealbild des ganzen Gedichtes, und die Rührung über sein frühvollendetes Geschick zieht als Unterströmung durch die Gesamtstimmung. Sein Ende ist von dem Glänze der Engelspoesie verklärt, Kerubin selbst erscheint ihm als Bote Gottes, da ihm die Sinne schwinden, und noch hat er die Kraft, vor seinem Oheim die letzte Beichte abzulegen, in der er als seine schwerste Sorge ausspricht, ob er auch seine Treupflicht recht erfüllt habe. In der zweiten Schlacht zeichnet sich Heim rieh, der Vater Willehalms, mit seinen vier (fünf) Söhnen, Willehalms Brüdern, besonders aus. Aber auch im Rate hat er die erste Stimme 300, 1 ff. und die höfischen Obliegenheiten bei Empfang und Festmahl leitet der alte, wohlwollende Herr als vollendeter Kavalier. In dieser zweiten Hälfte des Gedichtes tritt nun aber eine neue, der ersten fremde und fremdartige Persönlichkeit auf, die dem äußern Verlauf und dem innern Empfindungsgehalt eine ganz andere Wendung gibt: die Märchenfigur des Rennewart. Vivianz, der ernste Held eines Trauerspiels, wird abgelöst durch den frischfröhlichen Draufgänger eines Spielmannsstücks. Wieviel auch Wolfram die brutale Posse des französischen Spielmannsepos ins Ritterliche veredelt hat, so ist doch durch diese beiden 284 Die erzählende Dichtung Charakterfiguren ein starker und lebendig wirksamer Kontrast zwischen der ersten, unglücklichen und der zweiten, siegreichen Schlacht hervorgerufen. Der Markgraf hat den ursprünglich heidnischen Küchenjungen zu einem für die Christen kämpfenden Ritter erzogen 191, 22. Aus dem gewalttätigen Knecht wird allmählich ein manierlicher Edelknabe und schließlich wächst er sich zu einem Befreier der Gottesstreiter aus. Dieses Wunder ist vollbracht durch Menschengüte. Die angeborene, durch Bosheit und Unverstand seiner Umgebung unterdrückte edle Natur des zum Küchenjungen erniedrigten Fürstenkindes erblüht unter der Freundlichkeit seines neuen Herrn 194, 2. 213, 5 u.ö. und unter Gyburgs Güte, und das wundersamste der Wunder, die Liebe, löst das zurückgehaltene Gemüt zu höherer innerer Schönheit auf. Die Geschichte Rennewarts ist, aus dem Gesamtplan des Gedichtes losgetrennt (190, 25—191, 18. 272, 1—30. 282, 19—285, 22. 291, 11-293 12), eine Märchennovelle, die aus bekannten Erzählungsmotiven zusammengesetzt ist. Zugrunde liegt das Dümmlingsmärchen: ein junger Mensch von hoher Geburt wächst in niedriger Stellung auf, kommt in die Welt und erringt durch seine Tüchtigkeit ein Weib und hohes Ansehen. Lebensvolle Ausgestaltung erhält das allgemeine Schema durch einzelne Sonderzüge: der Knabe wird durch Kaufleute entführt, an einen fremden Hof gebracht in niedere Dienste wird er Gespiel einer Prinzessin (Kinderliebe); ein Befreier erhebt ihn aus seiner Schmach, diesem leistet er tapfere Hilfe (Rennewart der riesische Helfer), befreit sein Land und erringt die Königstochter. Bekannte Typen sind zusammengeflossen: der von Kaufleuten geraubte Tristan; Taillefer — Aschenbrödel; Kinderliebe und Trennung in der Flore-Sage, auch bei Sigune und Schionatulander; Wate in der Gudrun als riesischer Helfer, ebenso Asprian und Widolt im König Rother. 1 Wolfram selbst schwebte bei der Zeichnung des Rennewart sein Parzival vor: Rennew. besaß ebensolche Schönheit und Kraft wie der junge Parzival und ebenso war ihm tumpheit zugesellt; keiner von beiden war seiner Herkunft gemäß erzogen, darum waren sie beide um ihre Edelkeit betrogen Wh. 271, 15—26. Der Willehalm hat einen ausgeprägt kulturgeschichtlichen Hintergrund und viel realistischen Einschlag. Historisch gegeben ist das Eingreifen des Orients in das Abendland. Durch die Masse der Heidenschaft ist das Morgenland (Asien, Afrika) vertreten und Wolfram zeigt auch hier sein Interesse an fremdländischem Wissen: merkwürdige Völkerschaft 35,3—36,4; Rüstung aus Samargön (Samarkand) 125, 8—19; Speisen aus Samarkand, Indien usw. 447, 12—29; Verwünschen in ferne, fremde Länder 141, 11— 23; heidnische Sprache 192, 6—193, 5; heidn. Verfassung 434, 1—5. Das historische Kolorit wird verstärkt durch realistische Einzelheiten: Mahlzeiten 103, 23—25. 133, 11—134, 19. 447, 12—448, 17; medizinische Heil- 1 Zu den Motiven vgl. Bolte-Poüvka 1,183. 3,110 f.; Deutschbein, Stud. zur engl. Sagen- gesch. S. 103-20,149 f.; Panzer, Hilde-Gudrun bes. S. 126 ff. 286 ff.; Ders., Italien. Normannen in deutscher Heldensage 1925 S.76f.; Arendt, D. Riese im mhd. Epos, Rost. Diss. 1923 S. 14 ff. § 43. Wolframs Willehalm 285 mittel 99, 22—28; Willehalm, der zollfrei reisende Ritter und seine Händel mit den anrückenden Bürgern in Orlens 112, 3—117, 26; die rohen Auftritte am Königshof, bes. 147, 11—148, 2. Die Bedeutung dieses ritterlich-religiösen Gedichtes ist in dem einmaligen historischen Ereignis nicht erschöpft, es erhebt sich zum Symbol einer Weltanschauung, deren Grundstimmung tragisch ist. Wolfram selbst nennt sein Werk „eine Klage" 1 4, 25-29, die er und viele (Christen), Mann und Weib, in mitfühlendem Herzen bewahrt haben seit Jesus die Taufe empfing (d. i. seit Entstehung des Christentums). Nur durch Kämpfe und Leiden kann die Gottesidee auf Erden durchgesetzt werden. Von Klagen und Sorgen ist das ganze Gedicht, bes. aber der erste Teil, erfüllt, Willehalm ist durchdrungen von der Tragik seines Geschicks, mitten in seinem Herzen lag der Urgrund der Sorge, der Schmerz um den Verlust seiner Verwandten und um Gyburgs Not 162,10—163,10 u. ö. In langgedehnten und oft wiederholten Totenklagen strömt das Pathos des Schmerzes, sie vor allem, besonders die sentimentalen Klagen um das frühe Ende des jungen Helden Vivianz, sind die stimmungstragenden Stoffteile 60, 21—64, 30. 67, 9—30. 101, 27— 102, 30. 152, 1—27. 164, 10—165, 13. 167, 1—168, 30. 452, 15—456, 24 (Klage um den vermeintlichen Tod Rennewarts) 459, 21—460, 26; zuweilen beschwichtigen Klagetröster die Erregung. Aber auch die Heiden mußten große Verluste beklagen 7, 23—8, 23.106,6—107,12 u.ö. Bei allem Kampfesmut und begeisternder Hingabe der Helden an ihre Gottesidee wird doch dieser Krieg mit seinen unsagbaren Opfern als ein großes Leiden empfunden und die in dieses verketteten Personen sind leidende, tragische Gestalten, die Christen sowohl als die Heiden; aber der Siegesjubel der himmlischen Heerscharen überjauchzt alles irdische Leid. Die tragische Schuld lastet auf Gyburg, und sie ist sich dessen wohl bewußt, daß aller Jammer von ihr kommt, aber die Huld Gottes und auch zum Teil die Liebe zum Markgrafen war ihr Schicksal 7, 23—8, 1. 306, 1. 12—17. 310, 8—30. 350, 5 f., und der Dichter spricht sie frei von Schuld, denn sie hat sich „des Wortes" wegen taufen lassen, das uns erlöste 30, 21—31, 20. Es herrscht das große Lebensgesetz vom Wechsel von Glück und Leid. Wolfram weiß es über der Welt walten, es ist die Erfahrung seiner und aller Zeiten (280, 7—281, 16): Nach trürn solfreu.de etswenne komn, damit hat die Freude eine an ihr wohlbekannte Eigenart angenommen: denn jämer ist unser urhap (Anfang), mit jämer kom wir in daz grap, ine weiz (ich 1 Klage als Dichtgattung s. oben S. 155. — Klage ist hier die Trauer über die Tragik der von den Feinden und Ungläubigen bedrohten Christenheit — das eben ist der Inhalt des Gedichtes- , nicht allgemein.Trauer über den Weltlauf überhaupt. Die vielen Klagen im Gedichte betreffen immer die schweren Kämpfe u.Verluste der Christen oder zuweilen auch der Heiden. Die Zeitangabe der Taufe Jesu bedeutet den Anfang des Christentums, nicht den der Welt. Der weltgeschichtliche Moment, von dem das Gedicht ausgeht, liegt in der Taufe Jesu. Auch im Eingang des Parz. spricht Wolfr. nur von fröud? und angest dirre även- tiure, d.h. von der nun folgenden Erzählung; s. ZfdA. 49, 462; Palgen, Beitr. 44, 239 f.; Wallner,' ebda 47, 221—25. 286 Die erzählende Dichtung weiß nicht) wie jenez leben erget: alsus diss lebens orden (Ordnung) stet. Wer zu aller Zeit in Freuden fährt, dem ward nie innere Ruh' beschert; 1 ja sol diumanltch arbeit werben liep unde leit, mannhafte Pflichterfüllung in dem Mut, der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen, ist das sittliche Gesetz für den Ritter. Ouwe vreade, din gewin git an dem orte (am Ende) smcehen Ion 167,18; gelücke ist sinewel (rund) 246, 28 (8, 19); Stimmung ferner 7, 1.8, 4 —23. 12, 1—3. 246, 29f. 259, 26. 446, 2f. 447, 7. 448, 16f. Die künstlerische Form, sowohl den ,dunkeln' Stil als die maßvolle Freiheit in der Verskunst, in Rhythmus und Reim, hat Wolfram aus seinem Parzival übernommen. Hier, Wh. 237,3—14 spottet er humoristisch über sein „krummes Deutsch" und über seine französischen Kenntnisse. Die sprachliche Ausdrucksform ist dem in Gegensätzen — Christen und Heiden — sich bewegenden Inhalt entsprechend stark antithetisch stilisiert. Anhang. Bearbeitungen von Wolframs Willehalm. Wolframs Gedicht erhielt sich, wie die vielen Handschriften bezeugen, durch die Jahrhunderte. Im späteren MA. wurde es dem neuen Geschmack angepaßt und in Prosa aufgelöst. Die Prosabearbeitung (das Volksbuch) 2 ist in einer Züricher Papierhs. des 15. Jh.s, einer Sammelhandschrift meist prosaischer Unter- haltungs- und Erbauungsliteratur, überliefert. Sie enthält die Geschichte des heil. Wilhelm nach den drei Gedichten Ulrichs v. d. Türlin, Wolframs und Ulrichs v. Türheim. Der Umarbeiter war ein Geistlicher, der seine Vorlage öfter geändert hat durch religiöse Zusätze oder durch Besserungen von unklaren und nachlässigen Stellen oder auch aus Mißverständnis. Das höfische Gewand ist abgestreift, das poetische Pathos der Verse ist in einer kunstlosen natürlichen Sprache abgetöntundeinegewisseTreuherzigkeitsprichtunmittelbarzum Gemüt. Eine lateinische Übersetzung des Eingangs von Wolframs Willehalm hat Lachmann S.XLII f. abgedruckt (letztes Blatt einerMünchn. Hs. des 13. Jh.s, offenbar von dem Verfasser des lat. Stückes selbst geschrieben). Es sind 60 Hexameter, einige paarweise gereimt, mehrere, bes. am Schluß, mit Reimen der Zäsur auf das Versende (leoninische Hexameter). Sie entsprechen V. 1—24 von Wolframs Wh. Die fließende Übersetzung folgt dem deutschen Text genau. Es ist wohl ein Versuch, eine sprachliche Übung, beweist aber doch das Interesse der Geistlichen an der Legendendichtung der großen deutschen höfischen Epiker (vgl. die Übersetzung von Hartmanns Gregorius durch Arnold v. Lübeck). 3 1 Ruhe, gemach nach der Konjektur von Lachmann S. 553, vgl. Singer S. 90 f.; die Hss. lesen ungemadi (so auch Leitzmann, Ausg.H.VS.lVu.10), daswürde bedeuten: wer ständig in Freuden lebt, der füllt nicht das ganzeu.wahre Leben aus, das aus freude und fingest besteht 281, 30. 2 Suchier, Germ. 17,355—57; Ders.,Ueb.d. Quelle Ulrichs Wd. Türlin 1873 S. 12 f. Ausg.: Bachmann u. Singer, Deutsche Volksbücher aus einer Zürcher Hs. d. 15. Jh.s, Lit.Ver.185 S. XXXVII-XXXIX und 139-64; Singer, Willeh. von Ulr. v. d. Türlin, Prag 1893, S. VI. 3 Einige Male hat der Uebersetzer den deutschen Text falsch aufgefaßt: der rehtensdirift 15 ist wiedergegeben mit gressus justorum 29, wo offenbar sdirift mit sdirite verwechselt ist; in lat. 30—33 = Wh. 18—22 ist Wolframs Charakter falsch verstanden: Wolfr. schätzt die Gelehrsamkeit gering und ist stolz auf sein dichterisches Genie, derUebersetzer meint umgekehrt, W. entschuldige seine Unkenntnis, weshalb allein der Geist sein Lehrmeister sei. § 43. Wolframs Willehalm. § 44. Wolframs Titurel 287 Kitzinger Bruchstücke der Schlacht von Alischanz. 1 Etwa 700 zusammenhängende, aber zum Teil verstümmelte Verse einer Bearbeitung der franz. Bataille d' Aliscans sind erhalten in vier zu Falzen zusammengeschnittenen Pergamentblättern vom Ende desl3. oder Anfang des 14. Jh.s, gefunden im Stadt. Archiv zu Kitzingen, bair. Unterfranken. 2 Die Übersetzung, wahrscheinlich vom Ausgang des 13. Jh.s, ist ein Auszug aus dem franz. Original (das Bruchst. fällt in die zweite Schlacht bei Aliscans) und unabhängig von Wolframs Gedicht. Die Darstellung des seltsamen Machwerks ist höchst ungewandt, die Form ganz roh. Der Verfasser denkt in Prosa und hat, wie es scheint, so etwas im Sinn wie die Tiradenreime seiner franz. Vorlage und zwar solche der älteren, freieren, assonierenden Art. Er reimt meist zwei, aber auch drei oder mehr Verse, wobei es fast nur auf gleichen Klang der Vokale ankommt, ob lang oder kurz ist einerlei (dabei oft ä dialekt. > ö), und zwar am häufigsten mit a, ä, seltener mit andern Vokalen. Dabei befindet er sich in äußerster Reimnot. Er stoppelt die Reime oft nur rein mechanisch zusammen, indem er an den Schluß des einen Verses ein dare, an den des andern ein gare anhängt, oder auch dö:sö; manchmal läßt er für ganze Versreihen die Reime überhaupt weg. Der Versbau ist sehr unregelmäßig. 3 Über die Ergänzungen von Wolframs Willehalm, die Vorgeschichte von Ulrich v. d. Türlin, die Fortsetzung von Ulrich v. Türheim und den Einschub von Claus Wisse und Philipp Colin s. oben S. 224. § 44. Wolframs Titurel Lit. (Ausg. s. oben S. 213): Panzer S. 15 f.; Piper 1, 133ff. — Bartsch, Einl.S.XIVf.; Martin I S. XLVI. II S. XXXV-XXXVII. XLIX. Pfeiffer, Germ. 4, 301—08 und Freie Forsch. S. 85—93; Domanig, Parz.-Stud. 1, 1888, vgl. Lucc, Anz. 6, 152—55, auch San- Marte, ZfdPh. 15, 389 ff., Kinzel, ebda 11, 126—28, dazu Domanig, ebda S. 486 f.; Ders., Die Kultur 1911 S. 278ff.; Leitzmann, Beitr. 26, 93 ff.; Hagen, ZfdPh. 38, 236f. — Zarncke, Der Graltempel, Abh. d. Sachs. Ges. d. Wissensch. VII Nr. V, 1876; Borchling, Der jung. Titurel. Hss. G, die alte Hs. d. Parz. in München Cgm. 19, Abdr. von Piper, Nachtr. z. alt. dt. Litt, in Kürschners dt. Nat.Lit. Bd. 162 [1897], 352—66; M, München, Bruchst. 8 Perg.streifen, die zu 2 Bll. gehören, u. 1 Bl., 13. Jh., gefunden u. hgb. v. Golther, ZfdA. 37, 280—88; H, Hs. 1 Lit.: Panzer S. 34. — Suchier, Bartschs Germ.Stud.1,134—58.316; Leitzmann, Prag, dt. Stud. 8,387-99, wo beide Male Lit. Ueb. die handschriftl. Vorlage s. Bacon S.9. 131 ff. Facs. Petzet u. Glauning III. Abt. 2 Zur Gesch. der Bruchstücke: die Blätter waren zu Falzen an eine Hospitalrechnung v. J. 1613 verwendet. In der ersten Hälfte des 17. Jh.s wurden in Ostfranken auch d. Renner- hss. W b u. X zu Einbandzwecken zerstört, vgl. Hugos v. Trimberg Renner, Lit.Ver. Bd. 256 S.47. 106 f. 3 Die Sprache ist gemischt aus überwiegend hochdeutschen m. nordmittelfränk. (nordripua- rischen) Formen, u. zwar befinden sich unter den hochd. Bestandteilen ausgesprochen ost- fränk. Mundartlichkeiten. Eine sichere Entscheidung über die Heimat des ursprüngl. Gedichtes ist wegen der Unreinheit der Reime schwer zu treffen. Die früher herrschende Ansicht (Suchier) sprach sich für Mittelfranken aus, eine neuere ist für Ostfranken (Leitzmann). Zu ostfränk. ou für o (Leitzmann S. 391 f.) vgl. jetzt Zwierzina, Festg. f. Luick 1925S.122ff.: ostfränk. age}auge, oge)ouge. Der ostfränk. Schreiber der Würzburg. Hs. von Herborts Trojanerkrieg hat diese Dialektformen oft in seine Abschrift des hessischen Originals eingemischt (s.Zwierzina S. 123 f.). Darf man diesen Fall als Analogie beiziehen, dann würden ebenso die ou der Kitzing. Bruchst. erst von dem ostfränk. Schreiber eingesetzt worden sein u. das Original wäre nordmittelfränk. gewesen (vgl. auch bllscepe, quätic, Suchier S. 138). 288 Die erzählende Dichtung I & d. Ambraser Heldenbuchs v. J. 1507, jetzt in Wien, die ersten 68 Strophen; 1, Der jüngere Titurel, in den die alten Bruchstücke, aber mit Zäsurreimen, verarbeitet sind (Str. 476—779. 1140—88 Hahn). Die Überlieferung 1 ist recht ungünstig, auch die Grundhss. G und bes. das noch öfter willkürlich ändernde M haben den Urtext nicht genau bewahrt, die Reihenfolge der Strophen ist gestört, bes. empfindlich bei 78. 81. 79. 80. 82, und mehrmals verschieden; auch in Einzelheiten weichen G u. M vielfach voneinander ab. I steht näher zu M als zu G, aber die. Strophen haben großeÄnderungen erfahren. Die Hauptunterschiede liegen im Strophenbestand: in G fehlen die 5 nicht zäsurgereimten Str. 30. 31. 36. 53. 82 a (Lachmann, Martin, 82 a bei Lachmann S. 404 Anm. = Str. 61), sind aber wohl echt und erst später in ein Manuskript Wolframs eingefügt worden, etwa am Rand oder auf eingelegten Zetteln. Sie stehen in M (30 u. 53 fehlen in Lücken von M, waren aber ursprünglich in M enthalten, Leitzmann, Beitr. 26, 97) und stehen auch in H (82 a fällt nicht mehr in die Tit.strophen von H) und in I (hier sind die Zäsuren der beiden ersten Zeilen entsprechend dem metrischen Schema des jung. Tit. gereimt). M, H u. I wären dann aus dem späteren Manuskript Wolframs, das die 5 Strophen zufügte, abgeleitet. — Nun stehen aber in M, übereinstimmend mit (H) I, gegen G auch 6 Strophen mit Zäsurreimen in den beiden ersten Versen: Lachmann, Martin 33.34.78 a —78 d (Martin, bei Lachmann S. 403 f. Anm. = Str. 56—59 b ). Diese rühren offenbar nicht von Wolfram her, vermutlich hat sie der Dichter des jung. Titurel (I), der ja den Zäsurreim in seinem Werke durchgeführt hat, abgefaßt und die Vorlage von MH (= Z, M u. H haben auch gemeinsame Fehler, wodurch die gemeinschaftliche Quelle Z bezeugt ist) hat diese zäsurgereimten Strophen aus I entnommen (weniger wahrscheinlich ist der umgekehrte Fall, der Verfasser von Z habe diese 6 Strophen gemacht und I habe Z als Vorlage gehabt). 2 Was aber ist der Grund, weshalb Wolfram den Roman nicht fertig stellte? 3 Es mochten mehrere hindernde Bedingungen zusammengewirkt haben. Der Titurel war für ihn eine selbstgewählte Nebenarbeit, die er im wesentlichen nach eigenem Plane ausbauen mußte und durch das gezwungene Versmaß wurde die Aufgabe noch mehr erschwert. Zu solcher Arbeit mochte ihm zeitweilig die nötige Muße und wohl auch die Lust gefehlt haben. Welche tatsächlichen Hemmungen in seinem bewegten Leben die Vollendung durchkreuzten, ob der Tod ihr ein Ziel setzte, wir wissen es nicht. Das Zeitverhältnis des Tit. zu den beiden andern Werken Wolframs ist umstritten, 4 aber da der Inhalt den Parzival voraussetzt, so müssen die Bruchstücke nach diesem entstanden sein. Und endgültig auch nach dem Willehalm, denn dreimal sind im Tit. Namen und Verhältnisse genannt, die Wolfram erst im Willehalm erwähnt und die ihm zur Zeit der Arbeit am Parzival 1 Lachmann S. XXVI ff.; Haupt, ZfdA. 4, 396 f. u. 13, 384; Zarncke, Der Graltempel S. 420—29; Ders., Beitr. 7, 602-09; Her- forth, ZfdA. 18, 293 f.; Stosch, ZfdA. 25, 189—207. 26, 145-49; Leitzmann aaO.; Erich Franz, Beitr. z. Titurelforsch., Gott. Diss. 1904, dazu Martin, Anz. 30, 222—24; Singer, Prag, dt Stud. 8,310f.; Ludw. Poh- NERT, Kritik u. Metrik von W.s Tit., ebda 12. Heft, dazu Martin, Anz. 34,111—13, Leitzmann, ZfdPh. 41, 535 f. 2 Bartsch hat aus dem jung. Tit. noch zwei weitere Bruchstücke (von 30 u. 32 Strophen) ausgezogen, die er für Bearbeitungen aus Wolframs Tit. hielt, Germ. 17, 1—37, und hat diese in seiner Ausgabe Bd. 3, 244—51 u. 263 —71 mit Tilgung der Zäsurreime veröffentlicht, ebenso ihm folgend Piper in seiner Ausg. Aber es liegen keine genügenden Anzeichen vor, daß diese 2 Stücke wirklich zu Wolframs Tit. gehörten, s. bes. Leitzmann, Beitr. 26, 107 ff. 3 Pfeiffer, Germ. 4, 301 ff. u. Freie Forsch. S.85ff.; Panzer, Lbl. 1898,123; Leitzmann, Beitr. 26,145. 4 Lit. bei Leitzmann S. 145ff.; nach 1901: Helm, ZfdPh.35, 196—203; Martin II S.XIV u.Anz.30,224; Franz S. 41 ff.; Singer S.21; Schreiber S. 180ff.; Richey S. 84f.; Blöte, Anz. 44,25; L. Wolff, ZfdA. 61,191. — Helm u. Wolff setzen den Tit. zwischen B. VIII u. IX des Willehalm. § 44. Wolframs Titurel 289 noch nicht bekannt waren: der bäruc Ahkarin 40, das Land Berbester 42 (s. Martin II, 542), der römische Kaiser und der admirat nebeneinander 93 wie Wh. 434, 1 ff. (erst im letzten Buch des Wh.). 1 Inhalt (Strophenfolge nach Martin). Erstes Bruchstück Str. 1—131, Sigunes und Schionatulanders Jugend und Minne (im Parz. lautet die Namensform Schianatulander). I. Exposition Str. 1—12. Der alte Gralkönig Titurel übergibt die Regierung an seinen Sohn Frimutel mit einer Ansprache vor versammelter Gralgemeinde. II Vorgeschichte. Kindheit von Sigune und Schion. 13—46. a) Sigune 13—36. b) Schion. 34 (Martin)— 46. c) Kernpunkt, Minne Schion.s und Sig.s 47—131. 1. Wesen der Minne und Anwendung auf Sig. und Schion. 47 — 55. 2. Liebeserklärung. Seh., zuerst von Liebe ergriffen, lehrt Sig. das Wesen der Minne, Sig. verlangt Minnedienst, den ihr Seh. verspricht 56—72. 3. Gahm. zieht nach Baldac, Seh begleitet ihn; Abschied Sch.s von Sig., Gahm.s von Herzel. 73—82. 4. Sch.s Liebeskrankheit, Gahm. rät ihm, Sig.s Minne durch tapfere Taten zu verdienen 83—107. 5. Sig.s heimliche Minne, sie entdeckt sie Herzel., diese erlaubt ihr die Minne 108-131. Zweites Bruchstück Str. 132—170, Das Brackenseil. Die Liebenden ruhen in einem Zelt im Walde, da springt ein Bracke vorbei. Seh. fängt ihn und bringt ihn Sig. 132—37. Der Bracke trägt ein mit Edelsteinen kostbar verziertes Halsband mit langem Seil, auf dem eine Inschrift mit rührender Liebesgeschichte steht: die erste Besitzerin war Florie, die starb, da ihr Geliebter Ilinot in einer Tjoste gefallen war; ihre Schwester Clauditte erbt Land und Hund von ihr und sendet diesen ihrem Geliebten, dem Herzog Ehkunaht (Ehcunaver). Diesem war der Bracke heute entronnen 138—153. Aber während Seh. im nahen Bache Fische angelt und Sig. die Schrift liest, entspringt der Bracke 154—59. Seh. eilt ihm nach, kann ihn aber nicht einholen und kehrt unverrichteter Sache zurück 160—62. Zwiegespräch. Sig. verlangt das Seil, Seh. will ihr den Bracken im Minnedienst verschaffen 163—69. Es ist der Anfang vieles Leides, wie das ausging 170. Der Titel für das Gedicht ist nach mittelhochdeutscher Bezeichnungsart aus dem ersten Verse entnommen, 2 hat aber nur Beziehung zu dem Einleitungsstück Str. 1—12; denn der Ahnherr Tit. tritt weiterhin nicht mehr auf. Die richtige Bezeichnung wäre „Sigune und Schionatulander" oder „Schionatu- lander" in Hinsicht darauf, daß Wolfram selbst diesen als Helden der Erzählung, dirre äventlure herre 39, ankündigt. Der Gattung nach ist das Gedicht ein Liebesroman, von dem der Verfasser Wolfram aber nur zwei Episoden bearbeitet hat. Diese beiden Stücke sind also nicht als „Lieder" anzusehen, als einzelne, nicht zusammenhängende Balladen, und die Bezeichnung „Titurellieder", als ob Wolfram einen Liederzyklus beabsichtigte, ist unrichtig: 3 der Titurel ist ein episches Gedreht mit stark lyrischem Einschlag. Es erhebt sich damit die Frage nach der Entstehung des Titurelromans, die enge zusammenhängt mit der Quellenforschung. 4 Die Titurelbruchstücke enthalten die Vorgeschichte der Sigunenhandlung des Parzival. Es war der Plan Wolframs, die früheren Schicksale der Sigune 1 Stosch, ZfdA. 32, 471; Behaghel, Germ. 34, 488; Burdach, Reinmar S. 126; Leitz- mann S. 153—55; Helm S. 201. 2 Lachmann S. XXIX. 3 MüLLENHOFF,ZfdA.18,297; Stosch, ebda 25, 189—207; Domanig, Parz.-Stud. 1, 32f.; Deutsche Literaturgeschichte IH 19 H ■ Heinzel, WSB. 130,24—26; bes. Leitzmann, Beitr. 26,128ff., Lit. S. 140; Franz S.41—52. — K. Jauker, Üb. d. chronolog. Behandlung des Stoffes in d. ep. Ged. W.s v. E. usw. 4 Heinzel, WSB. 130, 2. 24 ff. 81; Hagen, ZfdPh. 38, 237. 290 Die erzählende Dichtung und ihres Geliebten, die im Parzival nur angedeutet waren, zu einem vollständigen Lebensbild auszubauen. Wer war denn jene seltsame weibliche Gestalt in der Felsenöde, die den toten Geliebten im Arme hielt und dessen Sarg sie dann hütete? Wer war der treu Geliebte? Was war es mit dem Brackenseil, das ihm den Tod brachte? Der Keim für den Tit. liegt im III. B. des Parz. 141, 8— 24: Herzeloyde hat Sigune erzogen, Schianatulander, der als Vassall Gahmurets nach dessen Tod das Land verteidigte, leistete als Knabe schon der Sigune Minnedienste, sie hat ihm ihre Minne nicht gewährt, ein Brackenseil hat seinen Tod verschuldet im Dienst um Sigune, Orilus hat ihn im Tjostieren erschlagen (135, 20—24. 252, 19. 439, 30. 440, 6). B. IX, 476, 12 ff. erzählt Trevrizent dem Parzival die Schicksale der Gralsfamilie, wobei er auch die fünf Kinder des Frimutel aufzählt (s. auch 823, 8—26 und 477, 2—14. 800,1-8). Im ersten Bruchstück ist überall Kenntnis des Parzival vorausgesetzt. 1 Vieles ist hier nur angedeutet und wird erst durch die ausführliche Erzählung im Parz. verständlich. Zweimal weist Wolfram selbst auf seinen Parz. hin, Str. 37 und 78, auch einzelne Erinnerungen an den Parz. tauchen auf: der Swarzwalt 31 (P. 379, 6); Azagouc 80 (P. 22,17. 27, 29. 51, 28. 750,19); Agremonttn und die Wurme Salamander 121 (P. 735,24. 812, 19—21); Tit. 81, 3. 4 = P. 644,1; Wolfram der Kinderfreund 30. 64. 86; Sigune gleicht in ihrer altklugen Kinderminne der Obilot. Durch Vergleichung des Tit. mit dem Parz. gewinnt man einen Einblick in die Arbeitsweise, wie Wolfram seinen Liebesroman entworfen hat. Die gesamte Genealogie (die Gralsfamilie 1 — 12) ist dem Parz. entnommen. Diesen Grundstock der handelnden Personen hat Wolfram als Eröffnungsszene vorangestellt. Nach dem Geschlecht des Grals wird die engere Familie der Heldin des Gedichtes, Sigunes, besprochen, ebenfalls nach Andeutungen im Parz. 180, 24-28. 186, 21—27. 194,18—20. 211, 1. 222,15. 293,12f. 477, 2-14. 2 494, 15-30. 800, 1—8. 808, 27. Die Jugend Schionatulanders 35. 37—47 hat Wolfram selbst erfunden im Anschluß an Parz. 76, lff. und 178, 15—24, indem er ihn in die Familie des Gurnemanz einreiht (41—46, auch 84. 126 f.), Anpflisen zu seiner Erzieherin 3 und Gahmuret zu seinem Dienstherrn macht — schon im Parz. steht Schianatulander unter der Landeshoheit Gahmurets bzw. Herzeloydes 141, 2—4. Überhaupt schließt sich das, was von Gahmuret und von Anpflise erzählt wird, an Parz. B. I und II an (37—40. 54f. 73 f. 79-82. 92. 96. 99 f. 122—24). 1 Verhältn. zw. Parz. u. Tit.: Domanig aaO.; Herforth, ZfdA. 18, 287ff.; Luoe, Anz. 6, 152—55; SAN-MARTE,ZfdPh. 15,389;Stosch, ZfdA. 25, 287ff.; Heinzel.WSB. 130, 2. 22ff. 93f.; Hagen, ZfdPh.38, 236f.; Borchling, J. Tit. pass.; bes. Leitzmann, Beitr. 26 aaO.; Schreiber S. 180—97. 223 f. 2 Daß Schoysiane die Condwiramurs erzogen habe 805, 6—8, steht im Widerspruch mit Tit. 19.25, s. D omanig 1,27—29; Heinzel S.25f.45; Martin 2,522f. 3 HierkannmaneinenBIickinW.sArtderGe- dankenverbindung tun: im Parz. ist es Gahmuret, der von Anpflise in die Höfischheit eingeweiht wird 325,27—29, dieses Erzogenwerden überträgt er im Tit. von Gahm. auf Schio- natulander. § 44. Wolframs Titurel 291 Aus dieser Personenmasse hebt sich der lyrische Höhepunkt des Stückes ab, das sind die Minnereden, eingeleitet durch das Erstaunen des Dichters über das Minnewunder bei Kindern 47—131. Diese Reden stehen in dem Gedankenkreis von Yeldekes Minneauffassung: die Liebeskrankheit des Eneas, En. 10991 ff., und die des Schionatulander, das Gespräch der unerfahrenen Lavine mit ihrer Mutter, die ihre Liebesschmerzen erkennt, En. 10497 ff., und das gleiche Verhältnis zwischen Schion. und Sig. gegenüber ihren Erziehern Gahmuret und Herzeloyde. Aus dem durch den Parz. gegebenen Hintergrund treten somit drei von Wolfram eigens erfundene Partien hervor: die Einleitungsrede Tit.s, die Jugend der beiden minnenden Kinder, die Minnegespräche. Das zweite, viel kürzere und in sich geschlossenere Bruchstück, das Brackenseil, ist handlungskräftiger, belebter, untermischt mit prunkvoller Schilderung, aber geringerem lyrischen Anteil; der Dialog ist kürzer und drängt energisch auf den Zweck des Gesprächs, die Dienstleistung durch die Gewinnung des Seiles.- Wolfram hat diese Szene aus eigener Erwägung heraus gedichtet. Den Anlaß gaben die V. P. 141, 16—18 ein brachen seil gap im den pin. In unser zweier dienste den tot hat er bejagt. Für die Ausführung mochte ihm das Liebesidyll des Eneas und der Dido in Vel- dekes En. 1759ff. vorgeschwebt haben: dort fand er einen Bracken 1767 mit einem langen leideseil 1776, die halse was ein borte 1783 = Tit. 137, 2, das Seil war geflochten van siden 1779 = Tit. 139, 2. Auch an den Bracken Hiudan in Tristans und Isoldes Waldleben bei Gotfrid 16650-64. 17246—78 und an den Spürhund 17337—50 wäre in diesem Zusammenhang zu erinnern. Das auf dem Seile eingeschriebene Minneunglück von Ilinot und Florie 147 f. hat Wolfram aus Parz. 585,29—586,11 (383,4) herübergenommen, aus dem Parz. stammen auch die Namen des damit verbundenen Minnepaares Clauditte und Ehkunat (Martin II S. 303 zu P. 372, 24. II S. 174 zu P. 178,19). Ehk. ist nach Tit. 42 = P. 178, 19 Bruder der Mahaute, also Oheim Schio- natulanders. Für eine andere Quelle als Wolframs eigenen Parzival bleibt also nicht viel übrig. Einiges kann er noch anderswoher bezogen haben, 1 doch bleibt wenig Raum dafür, daß er etwa bei Kyot eine ausführliche Sigunenepisode als Grundlage für seinen Titurel vorgefunden haben sollte. Aus der Analyse des Stoffes läßt sich der Plan ableiten, den Wolfram für den Tit. in sich trug. Indem er von Ereignissen ausging, die im Parz. Ob das mit Edelsteinen verzierte Halsband ; Stud. 2, 142 f. 153) kann Wolfr. irgendwo auf- aus der franz. Lit. stammt, ist nicht sicher auszumachen, Anregung mag Wolfr. daraus geschöpft haben (Heinzel aaO. S. 81; Ders., Kl. Sehr. S. 77; Singer, Stil S. 73). Die Frage nach der Herkunft der franz. Eigennamen im Tit. ist inbegriffen in das Eigennamenproblem bei W. überhaupt, s. ob. S.245f. Gräswalddn, Gardeviaz, Beuframunde (s. Bartsch, Germ. 19» gelesen haben. Salväsdi flörie 151 ist eine sicher von»ihm erfundene Nachbildung von Salväsdie ah muntäne usw. im Parz., denn diese Bildungen sind unfranzösich (Singer, Stil S. 89 f.). Er konnte dadurch den Reim Flörien: ätriien 147 auch in 151 Salväsdi fIonen: ämlen verwenden. 292 Die erzählende Dichtung über Sig. und Schion. erzählt wurden, war ihm schon der Aufbau gegeben. Demgemäß führte er zunächst das erste Bruchstück aus, wofür ihm die Grundlinien im Parz. vorlagen. Ferner war ihm im Parz. vorgezeichnet der durch das Brackenseil bedingte Tod Schionatulanders: die Geschichte des • verhängnisvollen Halsbandes arbeitete er dann im zweiten Fragment aus. Fragm. I ist ein in sich fertiger Abschnitt, die letzte Strophe, 131, enthält einen deutlichen Schluß; auch der jüngere Tit. 781 macht hier einen Absatz. Wie I ist auch II mit dem zusammenfassenden Eingang (Sus) und der vorausdeutenden Betrachtung in der letzten Strophe, 170, scharf begrenzt. Zwischen I und II aber fehlt die vermittelnde Situation: die erste Strophe von II, 132, setzt einen bestimmten Vorgang voraus (Sus). Dieses Zwischenstück hat Wolfram zunächst offen gelassen, er fand dafür im Parz. keine Winke. Auch für die fehlende Schlußepisode, Schionatulanders Kampf mit Orilus und seinen Tod, war im Parz. nichts vorgearbeitet als diese nackte Tatsache. Geplant war also ein Liebesroman, dessen Held Schion. war, Str. 39. Fertig wurden nur die zwei Bruchstücke. Es fehlten wohl nur noch zwei Episoden, das Mittelstück zwischen I und II und der Schlußabschnitt. Der Umfang des ganzen Romans würde nicht beträchtlich gewesen sein, denn die zwei ausstehenden Episoden hätten doch in dem Umfangverhältnis zu den beiden fertigen Teilen stehen müssen. Das fehlende Zwischenstück brauchte nur kurz die Rückkehr Schionatulanders vom Baruc zu enthalten, 1 nachdem Gahmuret im Kampf gefallen war, Parz. 14, 3 ff. 101, 20 ff. 106, 7 ff., sowie das Wiederzusammentreffen mit Sigune und die Waldreise, 2 vielleicht auch die Erwähnung von der Verteidigung von Gahmurets Erbland, nach P. 141, 2—7. Dagegen hätte der Schlußteil Gelegenheit zu ausgedehnter Kampfschilderung und reichlicher Totenklage gegeben. Minne 3 ist der Leitgedanke des Gedichtes. Der Dichter stellt selbst sein Thema fest: Ich seit in von ir kintlicher minne vil Wunders 52, ich wil künden in von magtuomlicher minne 37, von der Minne zweier Kinder will er erzählen, von jungfräulicher Minne. Aber wie unsere stärkeren mittelhochdeutschen Epiker nicht nur unterhalten, sondern auch sittlich wirken wollten, so ist auch hier das Lebensschicksal Symbol einer ethischen Idee: Owe minne, waz tone din kraft ander kinder? 49, Owe des, si sint noch ze tump ze solher angest 48, vgl. 46,3. 47,2 ff. 71, 2. 102. 127. Diese hier erzählte Aven- tiure ist nur eines der unzählbaren Beispiele für die Macht der Minne. So birgt der Roman eine Minnelehre in sich und die Gespräche der Liebenden sind gehalten in der konventionellen Auffassung der höfischen Minnetheorie. Es ist die hohe Minne, die Sicherheit und scelde verleiht 3, äne wanc und 1 Str.40 wird gesagt, Gahm. habeSchion. vom Baruc wieder nach Waleis zurückgebracht. Das ist ein Widerspruch mit Str. 73 f., eine Vermischung der zwei Fahrten Gahmurets nach der Heidenschaft. Nach Waleis konnte ja Gahm. von der ersten Fahrt nie zurückgekehrt sein, da er dieses Land erst durch die Heirat mit Herzel. erhielt und auf der zweiten Fahrt in der Heidenschaft umkam. 2 Der Verfasser des jung. Tit. bringt die Ausfüllung in Str. 780—1139. 3 Burdach, Reinm. S. 126; Schwietering, Festschr. Ehrism. S. 42 ff. § 44. Wolframs Titurel 293 äne zwifel 52, wärm minne mit triwen, wie sie im Gralsgeschlecht erblich ist 4, und aus luterlicher minne waren die Kinder geboren 53. Die romantische Einbildung vom Minnedienst erscheint hier noch überspannter, da Unerwachsene altklug davon reden 71. 72. 106. 166. 169. So sehr beherrscht die Liebe den Inhalt des Gedichtes, daß alles minnt oder geminnt hat: der alte Titurel 3, Gahmuret 74. 90. 93 usw.; Gahmuret, Gurzgri, Ilinot büßen ihr Leben für die Minne ein. Minne ist die größte Macht auf Erden und sie führt zum Himmel, Dia minne hat begriffen daz smal und daz breite 51. So wird eine Schrulle der höfischen Konvention zu einer sittlichen Welt- . anschauung erhoben und die Minne wird mit dem Heldentum zusammen die ideale Betätigung des Mannes, denn nur durch tapfere Taten kann der vollkommene Ritter die Minne der Dame erwerben 2 f. 71 f. 102. 106. 129 f. Darum lautet in Str. 56 Wolframs Programm umfassender als bloß von kint- licher minne 52: magtlich sorge unde manheit mit den arbeiten will er erzählen, eine Aventiure von Sorgen der Jungfrau und von schwerem Ringen des Mannes, von Bangen um den Geliebten und von Kämpfen um die Huld der liebenden Frau. Aber wesentlich bestimmt ist die Offenbarung des Dichters doch für die, die von minnen kraft durch herzeliebe ie senende not erfänden 56, 4, für die schmerzlich sehnsuchtsvoll Liebenden. Ein ideales Rittertum ist dargestellt, alle gehören sie zur Gemeinschaft der Edeln, Auserlesenen. Minne, Treue, Schönheit sind dem Gralsgeschlecht schon als hohe Erbschaft angeboren 4. 43—46. 53. 58. 104, und auch dem jungen Helden von seinen Eltern aus Gurnemanz' Stamm 89. 126—28. Adliges Geschlecht verleiht an sich auch edle Tugend. Das ist Wolframs Standesbewußtsein und darum legt er auch im Tit. so viel Wert auf Genealogie. Eine schöne und hoheitsvolle Lebensführung herrscht in diesem Kreise. Zusammengefaßt ist sie in der Rede Tit.s, in der er sein Vermächtnis vom Fürstenamt den Templeisen verkündet, vom orden des Grals, von seinen Pflichten und Aufgaben. Und auf dem Halsband des Hundes Gardeviaz ist der Moralsatz des Rittertums eingegraben: Mann und Weib, die ihren Lebensgang rein bewahren, die machen ihren Weg hie in der werlde gunst, und wirt in dort saelde ze töne 144. Eine große Tragik durchzieht das Gedicht und ein Zug des Leidens liegt in der Stimmung. Alle Personen leiden und der Sinn des Lebens ist sus nimet diu werlt ein ende: unser aller süeze am orte (am Schluß) ie muoz suren 17, des Lebens Süßigkeit muß enden mit Bitternis, vgl. 20. 125. 128. 134. Die Erfahrung, die der Liebesroman lehrt, lautet nicht anders als das Lebensgesetz, das in den Glaubenskämpfen der Ritterlegende vom heiligen Wilhelm zu herber Wahrheit wird. Das Minneproblem ist hier in seiner überstiegenen Ausartung angefaßt. Der Minnekult als bloß höfische Galanterie gibt sich als verschrobene Laune einer überbildeten jungen Dame, der Geliebte opfert sein Leben für eine Hundeleine. Im Parzival und im Willehalm gewährt die Gattenliebe das 294 Die erzählende Dichtung dauernde Lebensglück, die Kinderliebe im Titurel ist ein süßes, rasch dahinschwindendes Geheimnis. Sie fällt einem Standeswahn zum Opfer. Durch das unglückliche Ende wird das Unsinnige der übertrieben höfischen Gesellschaftsformen dargetan. Dem gesunden Sinn Wolframs widerstrebt das im Grunde nur spielerische Dienen um Minne. Aber Sigune sühnt ihre Betörung durch eine höhere sittliche Kraft, die Treue. Uns liegt ein solches Empfinden fern, es ist ja auch nur Auswuchs eines bestimmten Kulturgeistes, der nur unter diesen einmaligen Bedingungen, der höfischen Formbildung, geworden ist. Um es zu begreifen, daß der Dichter an eine Nichtigkeit wie den Kinderminnedienst ein so hohes Pathos verschwendet, müssen wir uns in die Denkweise der Zeit versetzen. Aber auch unmittelbar, ohne dieses Medium des Verstandes, werden wir doch von dieser Schöpfung Wolframs einen tiefen Eindruck erhalten. Überall empfinden wir die Wärme dichterischen Gemütes, mit Rührung ergreift uns das Sehnen zweier jugendlicher Herzen und das Leiden vieler treuer Menschen. Und zu den schönsten Blüten unserer mittelhochdeutschen Literatur gehört die an Töne des Volksliedes erinnernde Liebesklage Sigunes 117—20: Umsonst nach liebem Freunde geht abends all mein Schauen, Aus Fenstern über die Heide, auf die Straße und nach den lichten Auen ... So geh' ich aus dem Fenster wieder an die Zinnen: da schau' ich ostwärts, westwärts, ob ich sein würde innen, der mein Herz so lang schon hat bezwungen. Metrik. Auch durch die Wahl der künstlerischen Form hat Wolfram seinem Titurel einen eigenartigen Ausdruck verliehen und seinen persönlichen Charakter aufgeprägt. Ein höfisches Epos in Strophen. Er, der Freund der volkstümlichen Literatur, hat auch diese selbstgeschaffene höfische Erzählung in das Gewand des nationalen Heldenepos gekleidet. 1 Die Strophe ist eine Weiterbildung von der des Nibelungenliedes, V. 1 und 2 sind gleich V. 3 und 4 der Gudrunstrophe. Das Charakteristische der strophischen Architektur liegt in folgenden metrischen Formteilen: alle vier Verse, auch die Halbzeilen, gehen klingend aus (zuweilen nur die ersten Halbzeilen); die dreimalige Wiederholung der gedehnten Verse 2. 3. 4 von fünf Hebungen klingend; die Verkürzung des 3. Verses auf eine Halbzeile, wodurch die Länge der vierten Langzeile um so stärker ins Gehör und in die innere Auffassung fällt, so daß damit die ganze Strophe mit Zeile vier einen gewichtigen Abschluß gewinnt. — Die Rhythmik der Verse ist insofern ziemlich frei, als regelmäßiger Wechsel von Hebung und Senkung nicht als Gesetz gilt. Häufig fehlen die Senkungen (Zusammenziehung, einsilbige Takte), seltener begegnet die umgekehrte Freiheit, zweisilbige Senkung (Auflösung, dreisilbige 1 Lachmann S. XXVIII; Müllenhoff, Z. Gesch. d. Nib.not S. 15; Pfeiffer aaO.; Bartsch, Germ. 13,1 ff.; E. jANDER.Ueb. Metrik u. Stil in W.sTit., Rost. Diss. 1883; Stosch, ZfdA. 25,189ff.; Borchling S. 110ff.; Leitz- mann S. 128ff.; P. Rogozinski, D.Stil inW.s v. E. Tit., Jen. Diss. 1903, 42 ff.; Franz S. 49 ff.; Pohnert S. 23—80, dazu Martin, Anz. 34, 112 f.; Leitzmann, ZfdPh. 41, 5351; Roethe, Anz. 39,174f.; Saran, Verslehre S. 262. 269. 295f.; Plenio, Beitr. 41, 58. — Martin II S. LXXXIII—LXXXV. § 44. Wolframs Titurel. § 45. Wolframs Lieder 295 Takte). Dadurch entfernt sich der Rhythmus von dem des gesungenen Liedes und kennzeichnet sich als gehobener Sprechvortrag. Allerdings steht der Formenrhythmus des gesamten Strophengebildes in harmonischem Zusammenhang mit dem stark hervortretenden Stimmungsgehalt: das Übergewicht der klingenden Reime gibt der Abtönung einen weichen, verweilenden Ausklang und die lang hingezogenen Fünfhebungsverse rauschen dahin in getragenem Pathos. 1 In langsam feierlichem Vortrag sind die erhabenen wie die kindlichen Geschicke ausgesprochen. Aber episch geeignet zu fortschreitendem Fluß der Erzählung ist diese Reihe lang ausholender Verse nicht. Am sinnfälligsten tritt die seelische Wirkung der Titurelstrophe ins Gehör, wenn man sie mit der Nibelungenstrophe vergleicht. Dort in dem Heldengedicht der kraftvolle Versabschluß der stumpfen Reime, hier in dem höfischen Minneroman die geringere Energie der klingenden Ausgänge. 2 Die dunkle Manier des Stils erhöht den feierlichen Eindruck der Vortragsweise. Die Stilmittel sind die gleichen wie im Parzival und Willehalm: Beziehungen zu seinem Ich (Ich-Sätze), Anrede an die Hörer, Berufungen auf die Quelle (Stellen bei Rogozinski S. 10 ff.), sprichwörtliche Erfahrungssätze (17, 4. 86, 4. 87,4), franz. Wörter mit deutscher Übersetzung (143,4. 151,1 u. 152,4), eigene Wortbildungen (Rog. S. 36 f.). Aus dem Stil des Volksepos, den Nibelungen, stammen die Hindeutungen auf die Zukunft (Leitzmann S. 142 f.; Rog. S.25f. 54). Frisch und erdkräftig heben sich in dieser Idealwelt kleine Bilder aus dem unmittelbaren Leben, Genrebilder, ab, wie die kindliche Bitte der kleinen Sigune 30, der angelnde Liebhaber 154. 159. Seinem eigenen Lebensempfinden gewährt der Dichter auch hier Spielraum: sein Familien- und Kindersinn 18.30.54.86, das unbefangene Enthüllen weiblicher Reize 36. 81. Und so ist die romantische Geschichte doch stark in kulturgeschichtlicher Wirklichkeit begründet: die Regierungsübergabe, die Lebensgeschichte der Schoysiane (Werbung, Hochzeit, Geburt des Kindes, Tod der Mutter, ihr Begräbnis, Vater und Oheim entsagen dem ritterlichen Beruf), Kindererziehung 25 ff. usw. § 45. Wolframs Lieder 3 H s s.: Lachmann S. XI—XIV: Die Liederhandschriften A (ein Lied); B (drei Lieder); C (sechs Lieder); zwei Lieder in d. Münchn. Parz.hs. G, abgedr. bei Piper, Nachtr. S.366, s. Petzet S. 33-35. 1 Der Grund, weshalb Wolfr. seinem Titurel- roman Strophenform gab, lag wohl nicht in dem lyrischen Einschlag (Franz S. 49 ff.). Es ist fraglich, ob für ihn und seine Zeitgenossen strophischer Bau als besonders lyrisch, liedhaft galt. Den Epigonen jedenfalls nicht, vgl. Wartburgkrieg, Lohengrin, Jung. Tit. Nibelungenlied und Gudrun haben ja den gleichen strophischen Typus, andere Heldenepen sind ebenfalls in Strophen gegliedert. Vielmehr dürfte W. diese für ein höfisches Epos eigenartige Form statt der gewöhnlichen Reimpaare deshalb gewählt haben, weil es in seiner Natur lag, etwas Besonderes zu bringen, etwas Eigenartiges, also aus psychologischen Gründen, wie sein dunkler Stil und die Erfindung seltsamer Geschichten, wilder tncere. * Man lese z.B. nacheinander die beiden inhaltkräftigen Strophen Tit. 2 und Nib.lied 186 (Bartsch). — Eine Mittelstellung zwischen der Nibelungenstrophe u. der Titurelstr. nimmt die der Gudrun ein, wie auch das Gudrunlied in seinem seelischen Gehalt milder ist als das Nib.lied. 3 Lit.: Panzer S. 6—8; Ausg. s. oben S. 213; Martin II S. XIV—XVI. — Paul, Beitr. 1,202 ff., 296 Die erzählende Dichtung Auch in seinen Minneliedern tritt uns Wolfram als einzigartige Persönlichkeit entgegen. Es ist wohl nicht bloßer Zufall, daß unter den acht Liedern, die wir von ihm besitzen, fünf Tagelieder sind gegen drei Werbelieder. Er, der große Erzähler, ist auch Meister des Tagelieds, jener lyrischen Gattung, in der die Empfindung in einem episch anschaulichen Momentbild verkörpert ist und die so reich ist an poetischem Gehalt. Er faßt die Minne in lebenskräftiger Sinnlichkeit, sie ist episch erlebt. Der Liebesbesitz fesselt sein Liebesleben, nicht der Erwerb, wie auch in seinen Epen seine Phantasie gern bei der ganzen Hingabe der beiden zueinander strebenden Seelen verweilt. Wie in seinen Romanen scheut er auch hier nicht vor der Enthüllung der innigsten Liebesnähe zurück; in seiner Zeit durfte man solches wohl vor keuschen Ohren nennen. Die epische Situation wird durch den Wächter, den erst Wolfram in das deutsche Tagelied eingeführt hat, dramatisch verstärkt. — Die verbotene Liebesnacht naht dem Ende, am Horizont taucht der fahle Schein des Morgens auf, der Wächter auf der Zinne verkündet den Tag und mahnt die Liebenden an ein Scheiden: durch wölken dringet ein tagender glast, hiiet din, wache, süezer gast. Dann folgt die schmerzliche Trennungsklage und eine letzte Umarmung. Dieses typische Schema des Tages- bzw. Wächterliedes wird variiert in 4, 8. 6, 10, in 3, 1 wird der Wächter nur erzählend erwähnt, in 7, 41 bemerkt die Liebende selbst den nahenden Tag; auch sonst, z. B. im Zwiegespräch, herrscht Abwechslung. Das fünfte Tagelied aber, 5,34, ist eine „Absage an das Wächterlied": jetzt lehnt Wolfram diese erdichtete Vorstellung höfischer Minneschwärmerei ab. Seinem echt ritterlichen Geradsinn sagte solches Heimlichtun nicht zu und gegenüber der falschen Sentimentalität verborgener und unerlaubter Liebe gedenkt er seines eigenen Familienglücks und spricht im Geiste seines Parzival und Willehalm von der wahren Minne, die doch nur ein eigen süßes Weib gewährt. In den drei andern Liedern wirbt der Dichter bei einer spröden Dame um Erhörung. Es sind minnesingerische Huldigungen mit Anbietung des Dienstes. Aber die Eigenart Wolframs spricht sich auch hier aus in der Phantasie der Sprache und Bildkraft. 1 Bringt man die Lieder in den Zusammenhang mit Wolframs Leben und Dichtung, so lautet die Frage, wieviel biographische und psychologische Realität liegt ihnen zugrunde? Das Ergebnis ist gering. Sie gehören zur konventionellen Gesellschaftspoesie des Minnesangs, sind Dichtungen zur Scherer, Dt. Stud. II, 50 ff. (106 ff.); Be- HAüHEL, Germ. 34, 488 ff. 36, 257; SCHÖN- bach, Anfänge des Minnesangs S. 20; Rich. Müller, ZfdA. 25, 50—57; Kück, Beitr. 22, 94—114; Ludw. Grimm, Zeitgenossen S. 21 —26; Domanig, Die Kultur S. 285 ff. Tagelieder: Burdach, Reinm. S. 82 Anm.; Ders., Ursprung des Minnesangs, Berl. Ak. 1918 S. 1077; Roethe, Anz. 16,75 ff. (Besprechung von de Gruyter, D. dt. Tagelied S. 75—97); Ders., Rede S. 6. 8; Plenio, Zu W.s Liedstil, Beitr. 41, 47-128; L. Wolff, ZfdA. 61, 184; v. Kraus, D. Lieder Reinmars III, 1919, S. 15. 1 Die drei letzten Strophen von 9, 3 haben nichts von Wolframs ausgeprägtem Stil und sind ihm abzusprechen, während die drei ersten seine Ausdrucksweise tragen: Paul, Beitr. 1, 203f.; Behaghel, Germ. 24, 288 90; Kück, Beitr. 22, 94ff.; Roethe, Anz. 16, 95; Plenio S.99f. § 45. Wolframs Lieder. § 46. Gotfrid v. Strassburg, Liter, und Handschr. 297 Unterhaltung der Hofkeise, keine Erlebnisbekenntnisse, außer allein die Absage vom Wächterlied. Diese fällt aus der Anschauung des Minnesangs ganz heraus und entspringt Wolframs eigener sittlicher Überzeugung von dem höchsten Wert der ehelichen Liebe, die er im Parzival und im Willehalm zur Grundlage des Verhältnisses von Mann und Frau macht. Die „Absage" ist, wie der Tit., eine Verwerfung des übertriebenen Minnekultus. An drei Stellen seines Parzival bringt Wolfram seine Dichtung mit dem Frauendienst in Verbindung: in der sog. Selbstverteidigung am Schluß der Vorgeschichte Gahmurets II, 114, 5 ff. versagt er in zorniger Aufwallung und unter Hintansetzung aller Courtoisie einer Dame wegen ihres Wankelmuts den Treudienst, obgleich er weiß, daß er durch seinen rücksichtslosen Haß auch den Unwillen der andern Frauen erregt. Diese Worte setzen ein Minnedienstverhältnis zu einer Dame voraus, das diese durch eine schwere Kränkung des Dichters verletzt haben muß. 1 Am Schluß des VI. Buches, in welchem er mehrfach eine verunglückte Werbung durchblicken läßt 337, 1 ff., mildert er jenen heftigen Ausfall und macht die Fortsetzung seines Parzival von dem Wunsch einer Dame abhängig, und mit dem letzten Wort, mit dem er den Parzival beschließt, ehrt er wiederum eine Frau, um derentwillen er die Erzählung bis zum Ende geführt habe. Das sind Huldigungen, wie sie der höfische Ritter einer hohen Herrin zollt. Ein solches Frauendienstverhältnis konnte neben der Ehe bestehen, denn es war eine höfische Form und keine Herzensgemeinschaft. 2 Der Stil der Lieder in seiner schwerflüssigen Fülle ist echt wolframisch. Die Tagelieder, als hoch gewertete Kunstgattung, haben meist abwechslungsreichen Vers- und Reimbau, was auch auf eine besonders melodiöse Begleitung schließen läßt. 3. Gotfrid von Straßburg § 46. Literatur und Handschriften Ausg.: Christoph Heinr. Myller, Sammlung dt. Ged. aus d.l2.,13.u.l4.Jh.,II.Bd.l785 (nach Hs. F), mit H.s v. Freiberg Fortsetz.; Eberh. v. Groote, Berl. 1821 (Hs. FL), mit Ulr.s v. Türheim Fortsetz.; v. D. Hagen, 2 Bde., Breslau 1823, mit beiden Fortsetzungen; Massmann, Dicht, d. dt. MA.s, 2. Bd., Leipz. 1843, mit Ulr.s v. Türh. Fortsetz.; Reinh. Bechstein, D. Class. d.MA.s Bd. 7.8, Leipz. 1869.70, 4. Aufl. 1924; Golther, Kürschn. D. Nat.-Litt. 4, 2 Teile, mit 1 Irgendwelche Beziehungen zwischen dieser Aufkündigung und jener Spröden, um deren Minne er in den drei Dienstliedern wirbt, ist nicht festzustellen, denn jene will ja nichts von ihm wissen, kann also auch nicht, wenigstens nicht zur Zeit der betr. Lieder, des Wankelmuts beschuldigt werden. 2 P. 246, 11—22 unterscheidet Wolfr. Minnedienst in speziellem Sinne vom Zudiensten- stehen, das die Höfischheit dem Ritter einer vornehmen Dame gegenüber gebietet. Nur solchen Dienst will Parz. der Repanse leisten, die als Schloßherrin ihn durch Ueberreichung eines Mantels geehrt hat. Parzival kennt neben der Ehe keinen Minnedienst und hat auch nie einer Frau um Minne „gedient", so wenig wie Erec und Iwein. Gawans Dienst gegen Obilot ist Spielerei, bei Orgeluse wirbt er um die Ehe und Schionatulanders kindischer Dienst gegen Sigune wird durch den unglücklichen Ausgang als Torheit verurteilt. — Stellen über die Frauen und die Minne: Reflexion u. Schelten 114, off. 116, 5—14. 201, 21 ff. 291, 1-293, 16. 337, 1 ff. 365, 1 ff. 368, 23 ff. 518, 25-519, 1. 532, 1-534, 10. 643, 1—26. 827, 25—30; Klage über unerhörten Dienst 287, 10 ff. 292, 5 ff. 334, 9 f.; Weiteres s. L. Grimm, Zeitgenossen S. 21—29. 29-35; Singer, Stil, bes. S. 221; Schreiber S. 198 ff. 298 Die erzählende Dichtung Auszügen aus d. Fortsetz. Ulr.s u. Heinr.s, o.J.; Karl Marold, I. (einz.) Teil, Teutonia6, Leipz.1906, dazu Martin, DLz. 1907, 1755f., Cbl. 1907, 1220f., Piquet, Revue crit. N. S. 64 (1907), 342f., Behaghel, Lbl. 1909, 228—30, vgl. v. Kraus, ZfdA.51, 301, Schröder, ebda 53, 99f., Ranke, ebda 55, 157—204. — Übersetzungen: Herm. Kurtz, Stuttg. 1843, 3. Aufl. 1877, dazu Behaghel, Germ. 24, 1101; Simrock, 2 Teile, Leipz. 1855, 2. Aufl. 1875; Wilh. Hertz (in klangvoll poet. Sprache), mit Anmerk., Stuttg. 1877, dazu Scherer, Kl. Sehr. 1, 717 f., Bechstein, Germ. 24, 106—10, 2. Aufl. 1894, 3.1901, 4.1904, 6.1911 mit Nachtr. von Golther.Wolfg. (Text-)Ausg. mit Nachwort von Fr. v.D.Leyen 1909.1912, 9.— 13.Taus.1923; Rosa v. Kremer, Die Tristansage nach Gotfrit v. Straßburg in Prosa bearb., Leipz. 1926, dazu Gierach, DLz. 1926, 1047 f. — Engl. Obersetzung: Jessie Weston, 1901. — Bildliche Darstellungen: Zingerle, Germ. 2,467ff.; Golther, Tristanb. S. 407—20; Loomis, Illustrations of medieval romance, Urbana 111.1916; Ranke, Tr. u. Is. S. 276—83; Lit.: Petzet S. 85f. — Die allgem. Lit. üb. Tristan s. ob. bei Eilhart, davon kommt für Gotfr. in Betracht: v. D. Hagen, Minnesinger; Kölbing, Die nord. u. engl.Version usw.; Bedier, Le Roman de Tr. par Thomas; Golther, Tristanbuch; Schoepperle, Tr. u. Is.; Ranke, Tr. u. 1s. — Lit. zu Gotfrid im speziellen: Bartsch, Vortr. u. Aufsätze, Freibg. i. B. u. Tüb. 1883, 132—57; Bechstein, Allg. D. Biogr. 36, 502—06; Heinzel, ZfdA. 14, 272—447; Ders., Kl. Sehr. S. 18—63, s. dazu Singer, Aufs. u. Vortr. S. 183ff.; Firmery, Notes eritiques S. 108—29, dazu Golther, Lbl. 1903, 82 —84; Singer, Anz. 28, 338—42; F. Piquet, L'Originalite de G. de Str. dans son poeme de Tr. et Is., 1905, dazu Golther, ZffrzSpr. 29,159f., Martin, DLz. 1906, 483—85, Cbl. 1906, 1243 f., Marold, ZfdPhil. 40,377—80, R. M. Meyer, Anz. 31,198 f., Hilka, Roman. Jahresber. VIII (1908), II S. 319, s. ferner Berl. JB. 1905, VII, 58. 1906, VII, 75; Ulr. StöKLE, Die theol. Ausdrücke u. Wendungen im Tr., Tüb. Diss. 1915 (Ausz. in d. Hist.polit. Bl. 155, 573 ff. 663 ff.), vgl. ZfGesch. d. Oberrheins 31, 470—73; Herm. Fischer, Münch. SB. 1916, 5.Abh., dazu Baesecke, Forschungsberichte S. 70. — Personennamen bei Gotfr. s. Panzer, Festg. f. Sievers 1896, 217ff.; Kegel S. 108ff.; Joh. Kottenkamp, Zur Kritik u. Erklärung d. Tristan G.s v. Str., Gott. Diss. 1879. Einzelne Stellen: Bechstein, Germ. 12, 318—22 (Septimunt). 24, 9—12; Sprenger, ebda22,406—12; Ders., ZfdPh.7,64; Jänicke, ebda2,183—85 (Setmunt); Kaindl, Germ. 37,416; Konr. Zacher, Beitr. z. dt. Philol., Jul. Zacher dargebr. S. 305—13; E.A. Kock, Festschrift f. Söderwall, 1912, 307f.; Wallner, ZfdPh. 39, 223—25; Leitzmann, Beitr. 43,534 —40; Schröder, ZfdA. 53, 99f.; Suolahti, Mem.de la soc. neo-philol. deHelsingfors6(1919), 109ff.; San Marte, Wer ist San Ze? (V.8066), Beitr. 9,145f.; Vogt, Septimunt, in Eulings Jakobsbrüdern, Germ. Abh. 16,1261; Kaindl, Germ. 37, 280—82; Vogt, Z.d.Ver.f.Volksk.3 (1893),367 (Trist.7165, vgl. 14474); Bruch, frz. curee, Arch. 144(1923) H.l/2; Schölte, Neophil. 9,172-78; Schneider, Wolfdietr. Reg. S. 418. ss.: 1 11 vollst. Hss. u. 12 Bruchst. — M, München, Cgm. 51, Perg. 1. Hälfte 13. Jh.s, darin 15 Bl. mit doppelseitigen Bildern (Petzet, Catal. S. 84—86; Kurt Herold, Der Münchn. Tr., QF. 114,1911; Wilhelm, Münchn. Mus. 3, 255), Dial.elsäss. Der Schreiber von M hat auch den ersten Teil derMünchn. Hs. G von Wolframs Parz. u.Titurel geschrieben. — B, Köln, Perg. 14. Jh., mit Federzeichnungen, mfrk. — E, Modena, Pap. 15. Jh., elsäss. — H, Heidelberg, Cod. pal. germ. 360 (Bartsch, Katal. Nr.187), Perg. 13. Jh., elsäss. — F, Florenz, Perg. 14. Jh., Dialektformen schwankend, in der Grundlage elsäss. — N, Berlin, Perg. 14. Jh., mfrk. — R, Brüssel, Pap. 15. Jh., mit Bildern, elsäss., geschrieben in der Werkstatt Diebolt Laubers in Hagenau, Kautzsch, Diep. Lauber S. 49. — S, Hamburger Stadtbibl., Abschrift (Uffenbach, 1722) einer ehemals Straßbg. Hs. v. J. 1489, elsäss. — W, Wien 2707, aus Ambras, Perg. 14. Jh., elsäss. — O, Köln, Pap. 15. Jh., mfrk. od. rhfrk. (?) — P, Berlin, aus Meusebachs Bibl., Pap. v. J. 1461, 1 Th. v. Hagen, Gott. Diss. 1868 u. Bartschs Germ. Stud. 1, 31—46, dazu Jänicke, ZfdPh. 2, 2281, Cbl. 1869 Nr. 10; Paul, Germ. 17, 385—407; Kottenkamp, Gott. Diss. 1879 u. Germ. 26,393—401, dazu Anz. 6,114; Marold, Festschrift f. Schade (1896) S. 177-86; Ders., Ausg. S.VIII-LXVI; Ranke, Die Ueberliefe- rung von G.s Tr., ZfdA. 55, 157-278. 381— 438. — Faksimile bei Könnecke, Marold, Petzet u. Glauning III. Bd.; Petzet, Katal. S. 85. § 46. Gotfrid, Liter, und Handschr. § 47. Gotfrids Leben 299 enthält auch Eilh.s Tristrant (s. oben S. 68), schwäb. — Bruchstücke: aus d. 13. Jh.: m, Berlin, Perg.-Doppelbl., elsäss.; f, Köln, 2 Perg.bl., alem.; a, Innsbruck, 2 Perg.bl., elsäss.; t, Tübingen, Perg.-Doppelbl, elsäss.; s, Straßburg, 1 Perg.streifen; z, Zürich, 2 Perg.-Doppelbl., elsäss.; h, verschollen, alem. — 14. Jh.: b, Wien, 2 Perg.bl., ostmd.; 1, Berlin, Perg.bl., elsäss.; r, Frankfurt, Perg., wenige Zeilen; w, Wien, Pergbl. elsäss. — 15. Jh.: n, Scheinfeld, 8 Bl. Pap., ostfrk. Die Hss. zerfallen in die 2 Klassen: X M B E H und Y, diese wieder in Gruppe a = FN (Mischhs. aus M u. a) R S, und /S = WOP. Die Verwandtschaftsverhältnisse sind durch alte Hss.kreuzungen verwickelt. Die Herkunft der Hss. weist offenkundig auf das Elsaß, auf Straßburg, als Ausgangspunkt für die Tristan-Überlieferung, und zwar das 13. Jh. hindurch; besondere orthographische Eigentümlichkeiten deuten auf eine einheitlich-bestimmte Schreibstube. M mit B E nimmt insofern eine gesonderte Stellung ein, als es eine nach bestimmten Grundsätzen angelegte Umarbeitung von G.s ursprünglichem Text ist. Die Selbständigkeit des dabei beobachteten Verfahrens weist auf einen ästhetisch-kritisch gebildeten Verfasser, in dem man den Straßburger Notarius burgensium (Vorsteher der städtischen Kanzlei) Meister Hesse, der um 1230/40 daselbst amtete, erkannt hat. 1 § 47. Gotfrids Leben Von Gotfrids Lebensverhältnissen 2 wissen wir nichts. Aus seinem Werke erfahren wir nicht einmal seinen Namen: es ist unvollendet, er würde sich wohl am Schlüsse genannt haben. Als Verfasser des Tristan kennen wir ihn durch die Mitteilungen Späterer: seine Fortsetzer Ulrich v. Türheim und\/ Heinrich v. Freiberg beklagen in den Einleitungen ihrer Tristanepen seinen vorzeitigen Tod (Ulr. 1—24 [15—20], Heinr. 1—52 [32.40—52]). Gleich diesen preist seine Kunst Rudolf v. Ems im Alexander 3139—70 (Beitr. 29, 424) und im Wilhelm v. Orlens 2185—91; seinen Spruch vom gläsernen Glück zitiert er im Alex. 20621—40 (Beitr. 29, 436). Konrad v. Würzburg beruft s'ich im Herzmsre (8—28) auf die Einleitung zumTr. 87—1223 unc } zollt Gotfrid hohen Dichterpreis in der Gold. Schmiede 94 ff. Ulrich Füetrer im Buch der Abenteuer und Püterich in seinem Ehrenbrief nennen ihn mit Wolfram zusammen. Ein Akrostichon der 11 vierzeiligen Strophen des Eingangs V. 1—44 und V. 45 ergibt die Buchstabenfolge G Dieterich T I, wobei G = Gotfrid, T — Tristan, I = Isöt oder Isolt zu fassen ist; Dieterich ist vermutlich der Name des Gönners, dem das Gedicht gewidmet ist. 4 Gotfr. war bürgerlichen Standes (vielleicht gehörte er zu der vornehmen städtischen Gesellschaft in Straßburg), von Ulrich v. Türheim, Heinr. v. Freiberg, Rud. v. Ems (im Alexander) und Konrad v. Würzburg wird er ,meister' tituliert, ebenso in der Manesseschen Hs. 6 Er besaß eine für seine Zeit große Gelehrsamkeit in lat. Sprache und Literatur und in theologischen Dingen, die 1 RankeS. 406. 414f.; Martin, Straßburg. Stud. 1, 99. 384; C. Schmidt, Ist G. v. Str. Stadtschreiber gewesen? S.8ff. Ueber Meister Hesse s. ferner Rud. v. Ems, LG. II, 3. 1 v. d. Hagen, Minnesinger aaO.; Beckstein, Allg. d. Biogr. aaO.; Lorenz u. Scherer, Gesch. d. Elsasses, 3. Aufl. 1886 S. 47 ff.; Heinzel, Kl. Sehr. aaO.; Golther, Tristanb. S. 165ff.; PiquetS.313— 15; Herm.Fischer aaO.; v. Kraus, ZfdA. 50, 220—22. 51, 373 —377; STöKLEaaO. S.100Anm.2u. 102-05. 3 v. d. Hagen S. 619 ff. — Anspielungen auf Tristrant bzw. auf Tristan s. oben bei Eilh. S. 69 Anm. 1. Tristan als Vorbild für Junk- herren: Thomasin im Wälschen Gast 1051; Tristan bei Wolfram s. ob. S. 220 f.; bei späteren: v. d. Hagen, MS. 4, 863 ff. 4 v. Kraus, ZfdA. 50, 220-22. 51, 373-77; Schröder ebda 53, 99f.; Schwietering, Demutsformel S. 17. 5 ,Her' ist offizielle Titulierung der Ritter u. d.Geistlichen, als Höflichkeitsbezeugung auch Bürgerlichen gegenüber angewendet; meister, magister, bezeichnet entweder den Lehrer im 300 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG er sich nur in einer Kloster- oder in einer Dom- bzw. Stiftsschule erworben haben kann. Französisch war ihm vollständig vertraut, Übersetzungsfehler, wie sie Wolfram häufig und sogar Hartmann begegneten, sind ihm nicht nachzuweisen. Er war ein „Studierter", ein „Klerk", aber was für eine Lebenstätigkeit er hatte, ob er ein Amt bekleidete, wissen wir nicht. 1 Seine feine, aristokratische Bildung läßt schließen, daß er in angenehmen Verhältnissen lebte und in vornehmen Kreisen verkehrte, bei den Patriziern der Stadt oder dem benachbarten Adel oder auch am bischöflichen Hofe. Ein einigermaßen relatives Datum für die Abfassungszeit des Tr. läßt sich aus den Beziehungen zu Wolfram gewinnen: da G. seine literarische Kritik gegen Wolfr. richtet (4636—88) und dieser im Willehalm 4, 22—24 darauf anspielt, so muß der Trist, zeitlich zwischen den Parzival und den Willehalm fallen, also etwa gegen 1210 erschienen sein. 2 § 48. Tristan, Inhalt Inhalt. Im Prolog 1—242 (darunter 15 vierzeilige Strophen) entwickelt der Dichter zuerst das Verhältnis von Künstler und Kritiker 1—44, dann sein Programm 45—122: für die „edeln Herzen" hat er sich seine Arbeit (unmüezekeit) auferlegt, es sind die Sehnsüchtigen, die Liebeslust und Liebesleid zusammen in einem Herzen tragen (Publikum), damit sich mit seiner Erzählung ihre Sorge lindere (Zweck), denn Beschäftigung beruhigt das Liebesnot tragende Herz (Begründung). Dem Stil der mittelalterl. Prologe entsprechend wird kurz der Inhalt angegeben (Namen des Liebespaares) und die rechte literarische Quelle: Thomas v. Britanje 123—66. Den Schluß 167—242 bildet die moralische Empfehlung des Werkes, seine tugendfördernde Eigenschaft, das Liebespaar als Beispiel für die Minne edler Herzen. Der Tristan ist ein biographischer Roman. Er beginnt mit der Vorgeschichte, der Erzählung von der Minne der Eltern, und hätte, wenn er vollendet worden wäre, mit dem Tode des Helden geschlossen. Die Vorgeschichte 243—1788. Bedeutungsvoll führt die tragische Liebesgeschichte der Eltern die sehnsüchtige, leid- und freudvolle Stimmung des Gedichtes ein: Der Herzog Riwalin und Blanscheflur, des Königs Marke Schwester, sind in heimlicher Liebe verbunden. Aber rasch verweht das Glück, der Gatte fällt in der Schlacht, das junge Weib stirbt vor Herzeleid, nachdem sie einem Knaben das Leben geschenkt. Tristans Kindheit und Jugend 1789—5870. Der Marschall Rual li foitenant (= der Treue haltende), der Reichsverweser, und seine sorgsame Frau erziehen den elternlosen Knaben und Gegensatz zum Schüler (Jünger), den dieser als Meister oder Vorbild anerkennt oder verehrt; oder einen Virtuosen, einen hervorragenden Ausüber seiner Kunst, einen Gelehrten, der die Kunst gelernt hat, oder einen Meister seines Handwerks. Danach wird es zum erstarrten Titel für Handwerksmeister u. für bürgerliche Dichter von Beruf. Wacker- nagel, LG.l 2 ,128 Anm. 138 Anm.; Schulte, ZfdA 39, 185-251; Wallner, Beitr.33, 483 —540; Petersen, Joh. Rothe S. 131 ff.; Kluckhohn, ZfdA. 52,135 ff.; Ders., Arch. f. Kulturgesch. 11,389 -410; Schwietering, Demutsformel S. 45—70; Stammler, Dt.Viertel- jahrsschr. 2 S. 2f.; DWb. 6, 1952. — Das Bild Gotfrids in der Maness. Hs.: F. X. Kraus, Die Miniaturen d. Maness Liederhs., 1887. 1 Er war kein Geistlicher, vgl. 17947, u. die Art, wie er sich über den trügerischen Eid ausläßt 15737 ff. — Durch falsche Lesung einer Urkunde (rodelarius statt Cidelarius) nahm man früher an, G. sei Stadtschreiber von Straßburg gewesen: Elard Hugo Meyer, Walther v. d. Vogelw. identisch mit Schenk Walther v. Schipfe, Bremen 1863, S. 5; Herm. Kurz, Germ. 15, 207-36. 322—45; Heinzel, Kl. Sehr. S. 19 f.; richtiggestellt durch C. Schmidt, Ist G. v. Str. Straßburger Stadtschreiber gewesen? Straßbg. 1876, dazu Steinmeyer, Anz. 1, 212 f., Behaghel, Germ. 24, 111; Hertz, Anmerk. in s. Tristan-Uebersetzung; Golther, Tristanb. S. 165ff.; H. Fischer aaO.; M. Thiel, Hat G. v. Str. dem Kreise der Geistlichkeit angehört? Histor. Jahrb. 41, 1. 2 Lachmann, Anm. zu Iw. 6943 u. Lesarten zu 4533, Parz. S. XIX, Anm. zu Walther 20, 4 (S. 146); Schröder, Rittermaeren' S. XVII f. § 48. Tristan, Inhalt 301 taufen ihn auf den Namen Tristan {von triste Tristan was sin nam 2001). Er erhält die sorgfältigste Bildung 1789—2146. Aber mit 14 Jahren wird er von Seefahrern entführt und an die Küste von Kurnewal verschlagen 2147—756. Der König des Landes — es ist sein Oheim Marke — nimmt das in allen Künsten gelehrte Wunderkind, unerkannt, in seinen Hofstaat auf 2757—3754. Erst nachdem Rual ihn dort nach langem Suchen aufgefunden, wird seine Herkunft bekannt. Durch die Verleihung des Schwertes (Schwertleite) erhält er die Ritterwürde 3755—5066. Seine erste Tat ist die Rache für den Tod seines Vaters durch Besiegung von dessen Gegner 5067—870. Nun beginnt die eigentliche Tristansage, die Liebestragödie 5871—19552. Die Einleitung zum tragischen Leiden besteht aus zwei Szenengruppen: im Zweikampf mit Morold, den er tötet, empfängt Tr. eine vergiftete Wunde 5871—7234, die nur durch die Königin Isolde von 'Irland, die Schwester Morolds, geheilt werden kann. Als Spielmann Tantris verkleidet fährt Tr. nach Irland, erwirbt die Gunst der Königin und deren gleichnamiger Tochter, wird geheilt und kehrt nach Kurnewal zurück 7235—8229. Die zweite vorbereitende Gruppe spielt wieder in Irland: Tr. wird von Marke nach Irland geschickt, um die junge Isolde für ihn zu werben 8230—900. Eine hemmende Episode ist eingeschaltet: der Drachenkampf Tr.s und die Entlarvung des trügerischen Truchseßen, der sich für den Besieger des Drachen ausgibt 8901—9986 und 10807—11370. Dazwischen wird die eigentliche Handlung fortgeführt: die junge Is. erkennt Tr. an einer Scharte in seinem Schwerte als Mörder ihres Oheims Morold. Aber da er die Werbung vorbringt, erlangt er Verzeihung und führt Is. als Braut seines Oheims nach Kurnewal. Jetzt erst tritt die tragische Wendung in dem Schicksalsverlauf ein. Auf der Fahrt trinken Tr. und Is. durch Zufall aus dem Becher, der einen Zaubertrank der Mutter Isoldes enthält, durch den Marke und sein junges Weib in dauernder Liebe verbunden werden sollten. Damit ist das Lebenslos der beiden jungen Menschen bestimmt: die Liebe ist ihr Geschick und List ist das Mittel, dieses Geschick zu erfüllen. Die ersten Folgen der unerlaubten Liebe äußern sich an zwei Untaten gegen Brangäne, die treue Dienerin: das trügerische Beilager der Brangäne mit Marke in der ersten Nacht 12439—678 und der' mißlungene Mordplan, durch den die Mitwisserin, Brangäne, beseitigt werden soll 12679 ' —13100. Ein Zwischenstück ist die Entführung Is.s durch einen fremden Ritter, Gandin, 13101-454. Das ehebrecherische Verhältnis spielt sich ab in einer Reihe von Liebeslisten. Die Verdachtsgründe der Gegner am Hofe werden pariert von der Listabwehr der Liebenden. Zwischen den beiden Parteien steht der betrogene Gatte mit seinem Schwanken zwischen Argwohn und Gutgläubigkeit. Fünf Szenen sind auf dieses Ränkespiel verwendet. Der Truchseß Marjodo entdeckt zuerst den heimlichen Verkehr 13455—676; durch die List der Is. und - der Brangäne läßt sich der gutmütige Gatte von der Unschuld der Verdächtigen überzeugen 13677—14238; die Späne als Liebesboten 14239—586; das belauschte Stelldichein: der König, in den Zweigen eines Ölbaums verborgen, wird durch die Liebenden, die ihn bemerken, betört 14587—15050; auch durch das letzte Trugabenteuer, das Gottesgericht des glühenden Eisens, weiß Is. ihre Unschuld zu erlügen 15051—768. Eine hemmende Episode ist die Szene mit dem leidstillenden Hündlein Petitcriu 15769—16406. Eine tragische Wendung nimmt das Gaukelspiel, indem bei Marke der Argwohn so stark wird, daß er sie vom Hofe verbannt 16407—682. Sie fliehen in den Wald und führen in derMinnegrotte das schönste Liebesidyll 16683—17278. Noch einmal beginnt das alte Spiel: Marke entdeckt ihr Versteck, sieht sie schlafend, aber durch ein Schwert getrennt 17279—662. Die Liebenden läßt der auf diese Weise wieder getäuschte König zurückkehren, bald aber überrascht er sie im Baumgarten in innigster Umarmung. Sie sehen, daß der König nun selbst ihre Liebe entdeckt hat und sie trennen sich 17663—18408. Der Schluß 18409—19552 ist abgebrochen: Tr. findet in seiner freiwilligen Verbannung eine neue Liebe, es beginnt das Verhältnis zu Isolde mit den weißen Händen. 302 Die erzählende Dichtung § 49. Die Quelle des Tristan Quelle. 1 Im Prolog 131—166 nennt G. seinen Gewährsmann: Viele haben die Geschichte von Tristan erzählt, aber nur wenige haben sie richtig erzählt, in der Weise wie Thomas v. Britanje, der sie in britischen Chroniken gelesen hat. Thomas dichtete seinen Tristanroman zwischen 1155 und 1170 in England in anglo-normannischem Dialekt. Ob er selbst englischer Normanne war, ist nicht sicher (in den Fragmenten seines Gedichts begegnet sein Name zweimal, 2134 und 3125, bloß als „Thomas". Er folgt, wie er selbst 2120 (Bedier I, 377) angibt, dem Breri. 2 Von diesem wissen wir nichts, vermutlich war er ein welscher Chronist aus der Bretagne oder aus dem britischen England. Die Quellenberufung, die G. hier in seinem Prolog bringt, hat er dem Thomas 2107—23 nachgeahmt, was er also 150—54 überThom. sagt, das gilt eigentlich von Breri. Ein zweites Mal nennt G. den Thomas 322—32, und zwar wiederum als den glaubwürdigen Autor gegenüber den Meinungen anderer.— Auch Eilharts Tristrant 3 hat G. gekannt, wie aus einigen wörtlichen Anklängen (etwa 16) hervorgeht. In fünf, meistens nebensächlichen Punkten bekämpft er dessen Ansicht: an der eben angeführten Stelle 322 ff. = Eilh. 75ff.; 5967ff. = Eilh. 431 ff.; 8605ff. = Eilh. 1381 ff.; 8621 ff. = Eilh. 1473ff.; 10875—78 = Eilh. 2053ff. 2106ff. 2115ff. Aber es handelt sich hier nicht um eine unmittelbare Polemik G.s gegen Eilh., da er wenigstens die vier ersten Fälle aus Thomas entlehnt hat. Von Thomas' Gedicht sind nur Bruchstücke von 5 Hss., im ganzen 3144 Verse auf uns gekommen. 4 Der größte Teil der von Th.s' Gedicht erhaltenen Verse (von 143 an, Bed. I, 266) fällt aber in die von Gotfrid nicht mehr bearbeitete Schlußpartie, so daß beide, G. und Th., nur die V. 18199—313 (114 Verse) = Thom. 1—52 (Bed. I, 248—50) und 19424—552 (Schluß von G.sTr., 128 Verse) = Th.53—142 (= 78 Verse, Bed. S. 261—66) gemeinsam haben. Durch Th. hat die franz. Tristandichtung die Wandlung von einer Spielmanns- geschichte~(3ie Estoire) zu einem höfischen Roman, von der alten Starrheit zum neuen poetischen Geist durchgemacht. Diese besteht sowohl in der Verfeinerung der rauheren Sitten und Erhöhung des inneren Gehalts als in der formvollendeteren Darstellung. Es ist ein ganz neues Werk entstanden, schon im Umfang bedeutend erweitert (Th.s' Tristan umfaßte etwa 18000 V gegen 7000 V. des Urtristan) durch neue Szenen und durch eine ausführlichere, 1 Ueb. Thomas: Bedier I u. II (bes. II, 37— 55.95—103); HEiNZELaaO.; Novati, Studj di filologia romanza 2,369 ff.; Golther, Sage v.Tr. u. Is. S. 101 ff., Tristanb. S. 138—165; Schoepperle pass. — Singer, Thomas' Tr. u. Benoit de Ste. Maure, ZfroraPhil. 33, 729 ff. u. Aufs. u. Vortr. S. 162—65, s. auch Singer, Wolframs Stil S. 22 ff. 2 Windisch, Das kelt. Britannien, Reg. unt. Bledhericus S. 292 u. Breri S. 293; Bedier II, 95; Weston, Legend of Sir Perceval I, Reg. S.340. II, Reg. S. 349; R. S. Loomis, Mod. Lang. Notes 39,319 ff.; Singer, Abh. d. preuß. Ak. 1918, 13 S. 10 u. Wolframs Stil S. 101; Zenker, Ivainstud., Reg. S. 349;. Brugger, ZffrzSpr.47,162-85; SchüRR, GRM.9,103f.; Bruce, Evolution 2, 285 f. 294; Ranke, Tr.u. Is. S. 273; Singer, Literis 3,128 f. 3 Burdach, Reinm. S. 74; Lichtenst., Eilh. S. CXCV- CXCVI1I u. Anz. 10,11; Bedier II, 81—86; Piquet S. 143—45. 151. 162. 164. 174. 177. 188. 226-28. 237. 282. 287. 296. 306—10; Rreuss (s. unten), Anm. S. 8—10; Golther, Tristanb. S. 171 f. 4 Bedier II, 1—9; Piquet S. lff. § 49. Die Quelle des Tristan 303 leicht ins Breite gehende Erzählungsweise. Die einzelnen Episoden stehen nicht mehr so unvermittelt nebeneinander, sondern sind mehr ineinander verknüpft. Von dem Inhalt der Spielmannsfassung, zu der auch Eilh.s Gedicht gehört, weicht Th. (und ihm folgend Gotfr.) stark ab, besonders in folgenden Partien (vgl. oben die Inhaltsangabe zu Eilh.s Tristan): zugesetzt hat Th. die ganze Jugendgeschichte, den Liebesroman von Riwalin und Blanscheflur, den treuen Rual, die Entführung durch die Kaufleute, so daß die große Strecke bei G. 243—5870 den wenigen Versen Eilh. 54—350 entspricht. Neu hinzugetan hat Th. ferner die lose eingefügten Episoden von Gandin und von Petitcriu; das Gericht über Isolde und ihre Bestrafung hatTh. als Erzeugnisse einer roheren Kultur und dem höfischen Geschmack anstößig / ausgeschaltet und durch das sinnreichere Gottesurteil mit dem zweideutigen Eid ersetzt; übergangen hat er das Eingreifen Artus' und die Wolfsfalle, und auch weiterhin wieder, nach dem Abbruch von G.s Gedicht, bis zu Tristans Tod bringt er eine Reihe ganz anderer Szenen. Der Spielmann und sein Publikum, Ritter oder Volk, Leute derberen Schlags, haben ihre Lust an dem, was sie begreifen, am empirischen Geschehen, an den ergötzenden oder betrübenden Vorfällen, am bloßen Spiel der Dinge, am Stoff; die höfische Gesellschaft dagegen verlangt mehr, sie hat eine tiefere Geistesbildung. Th. hat sich aufs Gedankenhafte und Seelische eingestellt, er erkennt den Kausalzusammenhang zwischen den Ereignissen und den psychologischen Bedingungen. So ist aus dem schadenfrohen Schelmenstück der Urfabel mit dem betrogenen Herrn Gemahl eine Tragödie seelischer Qualen und vernichteten Lebensglücks geworden. Auch durch Seelenmalerei also und Reflexion hat Th. sein Gedicht weiter angefüllt, er läßt lange Gespräche führen, bringt Gelehrsamkeit herein, er ist Rationalist, er hat kein Verständnis fürs Märchenhafte (vgl. den Ausfall gegen die Erzählung vom Schwalbenhaar bei G. 8605 ff.). Aber seine höhere Kunst ist nicht immer die bessere: in seiner einfachen Schlichtheit und Natürlichkeit vermag oft der naive Spielmann stärkere Wirkung auszuüben als der in die Schranken seiner höfischen Grundsätze gewiesene, sentimentalisch gerichtete Dichter der adligen Gesellschaft. Th. hat den Stoff nicht völlig beherrscht. Durch seine Änderungen hat er oft Widersprüche, Unklarheiten, Wiederholungen, Zusammenhangsstörungen hervorgerufen. Reden und Selbstgespräche, spitzfindige moralische Erwägungen mit fortwährend gleichen Gedanken überwuchern zuweilen die Handlung und werden manchmal geradezu langweilig, so z.B. in dem Gewissenszwist bei der Hinneigung Tristans zu der zweiten Isolde mit den weitläufigen Betrachtungen des Dichters 53—420. 447—640. 641—74, ferner auch 991— 1123. 1265—616. 1617—748. 2395—571. 2887—966. Gotfrid und Thomas. Die unmittelbare Vergleichung 1 zwischen G. und 1 HEiNZELaaO.; A.BosSERT.Tristanetlseult, Germ. 11,493—97; Ders., La legende chevale- poemedeG.de Str. compareäd'autrespoemes i resque de Tr. et Is., Paris 1902, vgl. Golther, sur le meme sujet, Paris 1865, vgl. Lambel, | ZffrzSpr. 24, 143 f., Piquet, Kev. crit. 36, 304 Die erzählende Dichtung Th. muß sich auf die erhaltenen Verse beschränken, für alles übrige haben die norwegische Saga und der englische Sir Tristrem (s. oben Eilh.), die aus Th. geflossen sind, einzutreten. 1 Die Saga übersetzt wörtlich, aber sie läßt nach bestimmten Grundsätzen gewisse Teile aus: sie kürzt Monologe, unterdrückt psychologische und moralische Erwägungen sowie nordischem Interesse Fernliegendes, selten auch ganze Episoden. Ihr kommt es auf den fabu- listischen Inhalt an. Wenig für die Beziehungen G.s zu Th. läßt sich aus dem englischen Sir Tristrem gewinnen, weil hier das Thomasgedicht gekürzt und ganz frei wiedergegeben ist. Wie eine Vergleichung des deutschen Gedichtes mit den Thomasbruchstücken und der nordischen Saga ergibt, hat G. die Motive des Inhalts des franz. Gedichtes nicht geändert, wohl aber die äußere Form und den Gehalt sehr frei behandelt. So ist er kein bloßer Übersetzer, sondern ein selbständiger Bearbeiter, der den Gesetzen seiner eigenen Kunst folgt. Mängel des franz. Gedichtes hat er zu glätten gesucht: er tilgt Widersprüche, unnötige Wiederholungen oder Züge, die seiner künstlerischen Auffassung nicht zusagen und schafft bessere Ordnung in das Gefüge der Disposition, in den Reden, Monologen und Reflexionen entwickelt er die Gedanken in logischerer Abfolge. Seine Erweiterungen sind nicht, wie oft bei Veldeke, breite, umständliche Dehnungen, sondern dienen zur Bereicherung des Inhalts, zur tieferen Begründung des Erzählten, zur Charakterisierung einzelner Momente. Die ausführenden Schilderungen von Vorgängen und Gegenständen runden sich oft zu kleinen poetischen Bildern ab. Nicht nur die äußere, auch die innere Form ist in eine höhere, geistigere Sphäre gehoben. Gestützt auf eine vornehme Bildung hat G. die Tristandichtung zu einem Muster feinster Höfischheit geläutert, er hat die manchmal noch rauheren Sitten seiner Quelle gemildert, Ausbrüche der Leidenschaft gemäßigt, Schimpfwörter unterdrückt, Altertümliches modernisiert, Personen edlere Gesinnung und Gesittung verliehen — besonders Marke und Brangäne —, Auffassungen seines Vorgängers idealisiert. Das innere Leben hat er noch reicher ausgestaltet, er hat Gefühlstöne zarter Menschlichkeit hinein verwoben oder die leidenschaftliche Erregung in dem Ablauf des unvermeidlichen Geschickes verstärkt. Dazu ist seine Darstellung lebendiger und wärmer, die stilistischen Mittel des Th. hat er zu höchstem Glänze ausgebildet, und musikalisch wie der süße Wohllaut der Sprache ist die ganze Stimmung in diesem Liebeslied der „edlen Herzen". So ist Gotfrids Tristan eine der vollendetsten Schöpfungen des mittelalterlich-ritterlichen Geistes, wogegen das Thomasgedicht, am Anfang der höfischen Epik stehend, noch eine ältere Stufe darstellt. Stilhistorisch betrachtet bilden Eilhart—Thomas — Gotfrid drei Typen einer aufsteigenden künstlerischen Reihe, Thomas hat 47f.; Firmery aaO.; Bedier, Bd. I u. II (hier bes. S. 76-81); Piquet aaO.; Golther, Tristanb S. 165 - 80; Ranke S. 176 ff. — G.s u. Th.s' Stil s. unten. 1 Heinzel, ZfdA. 14 aaO.; Bedier II, 64— 88; Piquet aaO.; Glöde, Germ. 33,17—27, dazu Kölbing, ebda 34, 187—94. § 49. Die Quelle des Tristan 305 aus dem Spielmannsgedicht den höfischen Typus des Tristanepos geschaffen, Gotfrid hat diese Gesellschaftsform zur feinsten Blüte erhoben. 1 Schon eine Gegenüberstellung der Texte der beiden kurzen, direkt vergleichbaren Bruchstücke läßt G.s Arbeitsweise einigermaßen erkennen. G. 18199 —313 = Th. 1—52 (Bed. I S. 248—50): gleich der bedeutende Unterschied im Versbestand zeigt, daß G. seine Vorlage erweiterte: zu dem, was Th. in 52 Versen bringt, verwendet G. 114 V. Das Gerüste des Inhalts hat G. übernommen, aber er hat es in eigener Weise ausgefüllt. Er hat nicht Zeile für Zeile übersetzt wie der nordische Sagamann, noch daß er gar den franz. Text ganz wörtlich wiederholt hätte. 2 Er läßt den Zwerg nicht mitspielen, der ist überflüssig, ja störend, er war überhaupt in den letztvorhergehenden Szenen nicht mehr aufgetreten. Infolge davon fällt die Rede Markes an den Zwerg weg (Th. 8—13), ihren Inhalt bringt G. als Teil der fortlaufenden Erzählung 18, 236—48, wodurch die Wiederholung vom Gang ins Palais (Th.10.16.21) und der Ratsberufung (Th. 10—13 = 21—23) vermieden wird, und zugleich ist dabei das barbarische Urteil, das Marke im franz. Gedicht verhängen will, die Strafe des Verbrennens Th. 13. 23, gemildert: bei G. soll nach lantreht gerichtet werden 18248. Der ganze folgende Auftritt ist von lebendigster Wirkung. Eben die selige Ruhe der liebend Vereinigten und nun die Vernichtung des Lebensglücks dreier Menschen. Mit tiefer Seelenkunde schaut G., was im Innern des betrogenen Mannes vorgeht: „abgetan war all der Zweifel und der Wahn, er wähnte nicht, er wußte". Jetzt hat er die Gewißheit dessen, was er hat wissen wollen, und doch: „ihm wäre sicherlich, däucht mich, beim Wähnen wohler als beim Wissen". In diesem Falle ist der Dichter durch die Kundgebung seines eigenen Urteils dem Leser wirklich zu einem Interpreten geworden. Dieses durchdringende Seelengemälde (18219—34) ist G.s eigene Erfindung. Und ebenso hat er erst das schreckensvolle Erwachen der Liebenden zu einem dramatisch bewegten Auftritt gesteigert: schweigend entfernt sich der König, Tristan sieht ihn von dem Bette weggehen, sein erster Gedanke ist an Brangäne: sie hat nicht Hut gehalten (G. sucht überall die Mitspielrolle der Brangäne zu verstärken). Die Vorstellungen jagen sich in ihm und hastig sprudeln die Worte der entsetzlichen Überraschung, keines ist zu viel, jedes an seinem Platze, nichts von stilistischen Floskeln, und sie gipfeln in der Gewißheit: es geht uns an das Leben, wir müssen uns scheiden. Anders als der franz. Dichter empfindet G. den Abschied der Liebenden: er hebt nicht 1 Hertz 3 S.471 u.474; Golther S. 179f. 2 Dieses nur etwa bei: mit armen zuo einander 18200 = Enz es bras 1; vielleicht un- muoze 18218 = ovraine 5; und noemen umbe si beidiu war 18244 = Verront com les avon trovez 12; so daz erwadiete oudi Tristan und sach in 18252 f. = Tristan s'esvella a itant, Voit le roi 14 f.; Isöt wadiet..., ich warne wir verraten sin 18258 = Yseut car esvelliez: Deutsche Literaturgeschichte III 20 Par engien somes agaitiezl 18; er get von uns 18264 = vait 21; vergezzet min durch keine not 18287 = Neme metes mie en obli 32; küsset mich 18289 = me baisies 36; siuf- tende 18291 = sospire 39; nemet hin diz vingerlin 18311 = cest anel prenez 51. — Bedier I. 252 f. hebt auch die nahen inhaltlichen Gleichungen hervor. 306 Die erzählende Dichtung so sehr, wie jener, ihren Trennungsschmerz hervor, sondern das Gefühl der Treue und des unlöslichen Zusammengehörens, Th. sieht also mehr den natürlich menschlichen und subjektiven Trieb, G. die sittliche Persönlichkeit. Auf diesem höheren, ausgesprochen ethischen Standpunkt veredelt er auch die Gesinnung des liebenden Mannes: der Tristan des Th. ist ein Egoist, er denkt zunächst an sich: „Ich will fortgehen, schöne Freundin, ihr braucht keine Sorge um das Leben zu haben, denn ihr werdet nicht überführt werden können, ich werde Freude fliehen und aufgeben, ich werde Verbannung und Gefahren zu erdulden haben, ich wage nicht länger zu bleiben; dagegen bei G.: Tristan kann sich und die Geliebte nur als eine Einheit denken: ich werde sterben müssen, er betreibt unseren Tod, herzefrouwe, schcene Isöt, nu mileze wir uns scheiden, wir werden nie mehr Freude haben wie ehedem, wir haben in reiner Minne uns angehört bis auf diesen Tag. Inniger sind auch die aus Leid geborenen Liebkosungsworte Tristans bei G.: isöt wachet, armez wip, wachet, herzekünigin! 18258 f., herzefrouwe, schcene Isöt 18270, herzefriundin 18284, dazu das franz. duze amie, bele Isöt 18288, bei Th. dagegen konventionell: AmieYseut 18, Ma doce dame 31. Zurückhaltend ist Isolde mit Koseworten, sie redet Tristan nur an mit gesellschaftlichem herr' 18292. 302, Th.: Amis 45. 52, Amis, bei sire 40. Die zweite bei G. und Th. zusammenfallende Partie, 19424—552 = 53 —142, bei G. ebenfalls erweitert, unterscheidet sich von der ersten dadurch,, daß sie keine Erzählung enthält, sondern nur einen Entschlußmonolog Tristans: die Notwendigkeit der Trennung von Isolde. Auch hier istTh. ursprünglich — triebhafter, G. kultivierter. Mit nacktem Egoismus beruhigt sich der Th.sche Tristan: was nützt es, eine Liebe aufrecht zu erhalten, wenn daraus kein Gut erwächst? 93 f. 98, während der G.s sich humaner ausdrückt: meine Treue und Liebe vermag mir nicht zu helfen. Dem Tristan des Th. kommen die Erwägungen impulsiv aus dem Gefühl, er schwankt hin und her zwischen Vorwürfen und Entschuldigungen: die Geliebte lebt in Freuden, ich verbringe mein Leben in großem Schmerz, von ihr bin ich ganz vergessen, doch nein, durch einen magischen Rapport unserer Herzen fühle ich, daß sie mir Treue gehalten hat. Bei G. ist Tristans Monolog die dialektische Entwicklung eines Minneproblems mit dem Thema: leidvolle Liebe, die zu keinem befriedigenden Ziele führt, kann man durch eine neue Liebe vergessen (19428—35). Dieses wird theoretisch begründet durch eine Autorität: 1 ich hän doch dicke dazgelesen 19436—68; dann praktisch wie bei Th. durch die momentanen Lebensbedingungen der beiden Personen. Doch geht hier G. weiter als Th.: er hat nur Anklagen gegenüber Isolde, nicht auch Entschuldigungen, und zwar, unter Voraussetzung des obigen Themas der Minnetheorie, logisch ganz mit Recht, denn je unentschuldbarer das Benehmen der Isolde ist, je größer der Abstand zwischen ihrem Freudenleben und Tristans Verlassenheit, zwischen seiner Sehnsucht und ihrer Gleichgültigkeit, um so gerechtfertigter ist 1 Ovid, Remedia Amoris 441 ff., vgl. 2. Büchlein 507 ff. (oben bei Hartmann). § 49. Die Quelle des Tristan 307 seine Abkehr von ihr zu einer neuen Liebe {mit fremedem liebe 19435); was zu beweisen war. Erloschen jedoch ist Tristans Liebe nicht, es ist nur ein hoffnungsloses Sehnen 19475. 489 f. 503 f., aber die Lebenseinheit der beiden Liebenden ist zerrissen 19484 ff. In diesem Abschnitt, der nur eine einzige Gedankenreihe enthält, war für G. weniger Gelegenheit zu Änderungen gegeben, aber auch hier zeigt sich seine schon an dem ersten Bruchstück beobachtete Eigenart in den inhaltverstärkenden Erweiterungen (die V. 19436 ff. nach Ovid, das Leben der Fahrenden 19516—42), in der klaren und korrekten Gedankenführung und in dem zarteren Ausdruck des seelischen Leidens. Aus diesen, den beiden Werken gemeinsamen Versen und aus der Darstellungsart des Th.s in den nicht mit G. zusammenfallenden Teile unter Anwendung von Analogieschlüssen, endlich unter Beiziehung der.Saga läßt sich die Arbeitsweise G.s durch sein ganzes Werk erhellen. Bemerkenswerte Beispiele gewähren folgende Stellen: Der auch für Th. vorauszusetzende Prolog ist bei G. bedeutend erweitert (1—242), und zwar sind hier Grundgedanken der V. 45 ff. aus Th.s' Epilog 3125—44 aufgenommen. Ganz G.s Eigentum sind die an die Leser gerichteten Strophen mit dem Widmungsakrostichon 1—44, indes klingt ihr Inhalt doch an die Captatio benevolentiae bei Th. 3131 f. an. Im eigentlichen Prolog sind G.s V. 45—70 (die edeln Herzen) angeregt durch Th.3126—30; 1 71—100 (Linderung der Liebesschmerzen) durch Th. 3139—44; 131—166 (die Wahrheit der Erzählung) = Th. 3133f. u. 2107—56; 211—42 (ein Beispiel für Liebende) = Th. 3136; von G. allein rührt die Polemik 101—118 her. Aber des Th. spärliche Linien sind unter G.s glänzender Übermalung ohne nachspürende philologische Exegese nicht wieder zu erkennen. Hier offenbart sich gleich am Anfang des Gedichtes G.s stärkere Geistigkeit: mit dem ganzen Zauber seiner Sprache hat er die bloßen Stimmungsverse des Th.s zu der ethischen Grundidee des Gedichtes erhoben. — Aus G.s eigener Erfahrung stammt die Ironie über das Gottesurteil 15734ff.; auch die an seinen literarischen Zeitgenossen geübte Kritik, die in die Erzählung von Tr.s Schwertleite eingeschaltet ist 4619—818; dagegen hat er die kurz vorangehende Allegorie von den Tugenden als Kleiderverfertigerinnen 4553—80 2 nach seiner eigenen Angabe seiner Quelle entnommen. Auch die Anlage zu der Schilderung des Frühlingsfestes 534—84 und der Minnegrotte 16683 ff. hat er dort vorgefunden, aber er erst hat sie zur höchsten poetischen Form verwirklicht. Dem Porträt Riwalins hat er die Züge von Hartmanns höfischem Herrn Heinrich verliehen (G. 243—316 vgl. A. Heinr. 29—74). Auch seine Schuld ist 1 Amerus der Liebende, emvius ist der G. den hohen Menschentypus der ,edeln liebe gernde G. 94, desirus der senedcere Herzen'geschaffen und damit die zweiWelten pensis der sorgehaften muot 79 hat; die 50 u. 58 und so des Th. Widmung an „alle enveisiez sind die liep, Freude, haben, Liebenden" zum Grundgesetz seiner Werte die purvers jene, die leit haben. Aus der vergeistigt. bloßen Aufzählung der tuz amanz mit ihren 2 Vgl. Petersen, Joh. Rothe S. 113. verschiedenen Liebeszuständen bei Th. hat I 20* 308 Die erzählende Dichtung der übermuot G. 266. 297, durch den er zu Fall kommt 314—16, aber G. hat diesen Fehler entschuldigt als eine jugendlich überschäumende Unbesonnenheit, er hat den rauflustigen Gewaltsmenschen des Th., den volksmäßigen Rittertyp älteren Schlags, modernisiert zu einem um feinste Bildung besorgten höfischen Herrn. Seine Tendenz zur Veredlung der Charaktere, zum Ideal des „edeln Herzens" und zur hovesite 492, tritt hier zutage. Und reiches, blühendes Leben hat erst seine Zauberkunst über die Liebesgeschichte von Riwalin und Blanscheflur ausgebreitet. Er auch hat die Liebe der beiden durch den Trank verwirrten Selig-Unseligen aus der Pathologie ganz in die psychologische Auffassung übertragen, denn bei Th. ist sie ein Krankheitsgift, zu dessen Heilung man den Arzt holen sollte. § 50. Der ethische Gehalt. Die Charaktere Die sittliche Tendenz seines Werkes hat G. im Prolog ausgesprochen, sie zieht sich durch das ganze Gedicht durch als eine hohe Geistesbildung, mit der ihr notwendig anhaftenden seelischen Stimmung. Es ist eine besondere Welt, es ist nicht,aller Welt', sondern eine andere Welt, es ist die Welt der edeln Herzen 1 und zugleich G.s eigene Welt. Weit ab stehen sich die beiden 1 Mit der Erklärung des „edlen Herzens" hat Vogt, Der Bedeutungswandel des Wortes edel, Marb. Rektoratsrede 1909 (bes. S. 10— 13 u. Anm ), den Grund zum tieferen Verständnis G.s gelegt; s. ferner Bezzenberger, Freidank, Anm. zu V. 54, 6. 7; Roethe, Reinm. S. 231 f. 450—52 u. Anm. S.592; Burdach, D. Rundsch. März 1914 S. 370 u. Ackermann S. 318ff. 341; Nolte, ZfdA. 52, 73ff.; Vossler, Die philos. Grundlagen z. „süßen neuen Stil" 1904 (bes. S. 24ff); Wechssler, Reg. S. 485; Pope, Epitheta S.59 (Zitate); Fr. v. Bezold, Aus MA. u. Renaissance S. 24 ff.; Ehrismann, Stud. zu Rud. v. Ems S. 15. — Das Adj. edele, ursprüngl. edle Herkunft, Geburtsadel, erscheint auf dem ethischen Gebiet übertragen zum erstenmal hier bei Gotfr., = Seelenadel. Die höhere Wertung des Geistesadels gegenüber dem Geburtsadel ist schon eine Folgerung des Intellektualismus der griech. Philosophie, nach der allein der Weise, der Philosoph, der höchsten Tugend fähig ist. Vgl. Cicero, De off. I, 33; Seneca, Ep. 44: «Wer ist ein Edelgeborener? Der von Natur zur Tugend wohl Ausgerüstete", „Gesinnung ist es, die adelt", denn „alle Menschen stammen von den Göttern her", ähnl. Boethius, De consol. B. 111 Cap. 8 (VOGT aaO.); ferner Ovid, Juvenal, lat. Sprichwörter. Die Discipl. Cler. Ex. IV, 2. 3 „De vera nobilitate" gibt rein weltliche Wissenschaften, Fertigkeiten u. An- standsregeln. Aus der antiken Sittenlehre hat die moralis Philosophia des MA.s die „Nobilitas animi" übernommen (Hildebert, Migne 171 Sp. 1043, in der tieferen Bedeutung nicht verstanden von Wern. v. Elmendorf, ZfdA. 4, 309, 901—40). — Das Urteil der hu- manist.-aufgeklärten höf. Gesellschaft gibt der Capl. Andreas, indem er die morum probitas als den ursprüngl. Adel der Menschen erklärt (Trojel S. 17 f. 24 ff., s. Vogt S. 35, Wechssler S. 350; probitas schon Ovid Ex Ponto 1, 9,39). Diese Moralisierung des Adelsbegriffes ist in Deutschland, bald sprichwörtl., zum Gemeingut geworden, ausführl. auseinandergesetzt von Thomasin im W. Gast 3855—926, nach Seneca u. Boethius; viele mhd. Beispiele s. bei Vogt, Bezzenberger, Roethe. — Das Herz ist edel, wenn es edle Gedanken, Empfindungen, Strebungen hat, wenn es der Tugend zugewendet ist (Thomasin 3860—62) Cordis nobilitas beim Capl. Andreas (Trojel S. 198): Die Liebe ist ein Gnadengeschenk u. kommt allein aus adliger Gesinnung des Herzens. Das Wort war schon von den Trubadur geprägt: gentil cor (Wechssler S. 329. 352— 55) u. von d. frz. Trouveres aufgenommen (genta euer, Vogt S. 32); ausderfrz Liebesdoktrin haben die ital. Dichter des dolee stil nuovo das cor gentil zum höchsten Wert erhoben (gentil bei Gotfr. 3353. 13302. 16191). Diesen Schritt hat schon vor ihnen Gotfr. getan. Das ,edle Herz' der Minnesänger und die „edle Seele* der Mystiker (Vogt S. 12 f. 33; H. Messer, Wort und Begriff eäeliu sele bei Meist. Eckart, Greifsw. Diss. 1923, Auszug, im Maschinendruck Literaturangaben; W.Müller, Das Problem der Seelenschönheit im MA., Bern 1923) haben verschiedenen Ursprung: jenes gehört der feudal-weltl. Lebensauffassung an, diese stammt aus Piatos Seelenlehre (Timäus); die höhere Seele der Neuplatoniker; die Vernunftseele des Thomas v. Aquino, ein Werk des göttl. Wunders (vgl.auchAlcuin, Dcanima rat. Cap. 10; Ostler. Psychol. Hugos v. S. Victor S. 15). Für Gotfr. u. seine Zeitgenossen § 50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 309 Welten als eine hohe Essenz und eine niedere Existenz, als eine auserlesene geistige Gemeinschaft und eine grobsinnliche Masse, als die sittlich Edeln und sittlich Unedeln oder als die Gebildeten und die Ungebildeten (incultus, Capl. Andreas S. 24), die Höfischen und Unhöfischen, afrz. courtois und vilain = höfisch und bäurisch (torperhelt 15485.506, torperle 16620 niedere Handlungsweise), die guoten {die besten) und die bcesen {boese = gemein, von niedriger Gesinnung). 1 In der Minnemoral entspricht der Gegensatz von hoher und niederer Minne, der edeln Liebe des Minnedienstes und der sinnlichen des bloßen Genusses, und führt in letztem Betracht auf die ethischen Prinzipien von Sittlichkeit und Sinnlichkeit. — So ist bei G. der transzendente Dualismus des Christentums zwischen Gott und Welt zu einem immanenten, innerhalb der Welt selbst bestehenden Gegensatz zweier sittlicher Typen, der feinen und der rohen Menschen geworden. Die höhere Welt der edeln Herzen ist die der feinen Höfischheit, ihr sittliches Wahrzeichen ist: Freud' und Leid zusammen in einem Herzen tragen; die süße Qual, das liebe Leid, die Herzenslust und Sehnensnot ist die „reine Liebe" (Prol. 45—242 und ofteinzeln). 2 bestand zwischen dem Adel des Herzens und dem der Seele noch der ganze Dualismus des MA.s, wonach die menschl. Seele ein geistiges Wesen und unsterblich ist, das Herz aber ein Teil des Körpers und m t diesem vergänglich. Edeliu sele ist kein Begriff der weltl. Minnedialektik, sondern der Mystik, nur das Herz, nicht die Seele gehört in den Gesichtskreis der höf. Gesellschaft. 1 Wilmanns, Leben Walthers' S. 156 ff., ed. Michels S. 262ff. u. Anm.; courtois—vilain: Wechssler S. 348—55; Schrötter, Ovidu. dieTroubad. S.50ff.; gebür: Burdach, Reinm. S. 171 f. — Die beiden Welten, die der Edeln und der Gemeinen, der rechten und der unrechten Minne, werden öfter einander gegenübergestellt: Thomasin läßt auf den Preis des Herzensadels als Gegenstück die Warnung vor dem. gelust folgen 3927—4144, wobei er einige Typen von rohen Genußmenschen kennzeichnet; in der Lehre des Minneboten, Docens Mise. 2, 306 f ; im Moritz v. Craon 321—96; bes. bei den Epigonen, die den Verfall des höf. Lebens beklagen: der Stricker gibt in der Frauenehre, ZfdA. 7, 478[f., eine Darstellung von der werlde lebene unt waz diu werlt selbe si V.9321: es sind diejenigen, die großer Freude walten, sie haben die weltlichen Tugenden (das Honestum, ZfdA. 56, 137ff.) 1010—20. Nicht Freude und Leid, sondern nur Freude also ist der Wahlspruch dieser Welt; allerdings heißt es vorher, daß derjenige Ehre hat, der liebe und leide in der Minne kennt Strick. V. 774—78. Diese,Weltkinder' halten die Mitte zwischen den .Gotteskindern' u. den .Teufelskindern'. Aehnliche Zeitsatiren des Strickers sind seine Klage (Anklage, Hahn, Kl. Ged. v. d. Stricker S. 52 ff.) u. Die Herren zu Oesterreich (Meyer-Benfey, Mhd. Uebungsstücke 2 S. 63ff.); ferner in Ulr. v. Lichtensteins Frauenbuch, bei Seifrid Helb- ling XIII Ged. (Seemüller S. 14 ff.). Rud. v. Ems im Willeh. 9796-852 stellt den pöbelhaften Unterhaltungston der ungebildeten Kunstverächter in grellen Gegensatz zu der edeln Haltung seines Romans u. zu den feinen Menschen, den werden Hüten 5639 ff., den Kindern der Ehre 12 ff., der Tugendlehre des reinen Herzens 1 ff. 2 Liep u. leit: Wilmanns, Leben 1 S. 192 ff. u. Anm. (spez. 197 f.), ed. Michels S. 275 ff. u.Anm. (spez. S. 275—80); Burdach, Reinm. S.25f. 68—71.103.109.126.127.142; Wechssler S. 83 ff. 233 ff. 256 f. u. Reg. unter joi; Settegast, Joi, Ber. d. sächs. Ges. d. Wissen- sch. 1889; Schrötter S. 64; Michel, Heinr. v. Morungen S. 75—99. 182. 186, dazu R. M. Werner, Anz. 7,124; Lüderitz, Minnetheorie S.74—79; Hansen, Affekte imTr. S.46—51; Bezzenberger, Freidank, Anm. zu V. 85,17. 18. — G. macht einen Unterschied zwischen fröude und liebe, ohne denselben jedoch in seinen Worten genau zumAusdruck zu bringen: zuerst meint er überhaupt Freude im Gegensatz zum Schmerz, die Allerweltmenschen sind die, die nur ein Lustleben führen wollen. Dann aber spezialisiert er den Begriff .Freude' auf .Liebesfreude' u. somit ist jetzt der Gegensatz eingeschränkt auf .Liebesfreude u. Liebesleid' (mhd. liep liebe sowohl = Angenehmes, Freude als = Liebe). Danach scheiden sich auch die mhd. Stellen von liep u. leit'vn. solche mit dem Sinn .Freude u. Leid' u. solche = .Liebe u. Leid'; aber beide Bedeutungen gehen oft ineinander über. Die umfassendere Antithese .Freud u. Leid' ist die ältere, Volkstum- 310 Die erzählende Dichtung Aus der Empfindungssphäre des Minnesangs stammt der innere Gehalt dieser höheren Welt, das Leid der Liebe ebenso als notwendigen Teil des Daseins hinzunehmen wie die Freude. Die Liebe Tristans und Isoldes ist ein Symbol für den ethischen Leitsatz von G.s Minnepsychologie: Swem nie von liebe leit geschach, dem geschach ouch liep von liebe nie 204. Damit ist sein Gedicht unter den sittlichen Gesichtspunkt einer Wertlehre des menschlichen Gefühlslebens gestellt. Der Polarismus von Freud' und Leid 1 durchzieht als stimmendes Motiv das ganze Gedicht. Er ist im Stoff begründet: es ist das Schicksal der beiden Liebenden, Vereintsein und Trennung; immer wiederholt es sich in den Abenteuern, das Minnegeheimnis und seine Entdeckung. Die Tragik liegt in der gewaltsamen äußeren Spaltung der beiden seelisch Zusammengehörenden. 2 Die Lösung des tragischen Geschicks bringt der Tod, die ewige, die trennungslose Vereinigung, mit dem Sinnbild von Rose und Rebe, die aus ihren Gräbern sprießen (Eilh. 9510—19, s. oben S. 71 Anm. 2). Die Quelle dieses weichen Empfindungslebens ist der Frauenkult und die Frauenkultur der höfischen Zeit. Mit der Frauenverehrung des Minnesangs hat G.s Gedicht seine Stimmung gemein. Es ist ein lyrisches, sentimentales Erlebnis, nicht ein heroisches wie Erec und Iwein, und nicht ein religiös-heroisches wie Wolframs Parzival. Liebe und schöne Höfischheit, nicht Rittertum und Mannestat, sind die Lebenswerte dieser Welt der edeln Herzen. Wie nun das edle Herz beschaffen ist und die Höfischheit, die in jenem feinen Wesen ihre Heimstätte hat, darüber gibt G. an verschiedenen Orten lieh gewesene u. gebliebene, u. sie bildet z.B. die tragische Grundstimmung im Nib.lied (vgl. Nib. 2315,4, während 17,3 ebensowohl auch Liebesfreude u. -leid bedeuten kann) u. ist von Wolfram im Parz. u.Willeh. als Gedankengehalt des Gedichtes ausgesprochen, s. oben u. vgl. Burdach, Reinm.S.126); 2. Büchlein 429 ff.; Thomasin 2821 ff.; am ergreifendsten imAcker- mann von Böhmen Kap. 12, 15 ff. Die Einschränkung des Gegensatzes auf»Liebesfreude u. -leid" gehört dem Empfindungskreis des Minnesangs u. denJVUnnereflexionen des höf. Epos an. Die Erfahrung, daß das Leben aus Freud u. Leid gemischt ist u. daß die Freude mit Leid endet, entspricht germ. Lebensauffassung. Auch das klass. Altertum hat diese Antithese gebildet, im Alten Test, ist sie ausgesprochen Prov. 14, 13, zum Gemeinplatz des Minnesangs ist sie durch die provenzal. Trubadur geworden, die von Ovid beeinflußt waren. Auch hier trifft die Minnepoesie mit der Mystik zusammen: laetitia und tristitia spiritualis bona est, darum sollst du zugleich geistige Freude u. geistige Trauer im Herzen tragen, Pseudo-Bemhard, Liber ad Sororem Cap.XI; Hugo v. S. Victor, Migne 176, 619 (amor Dei et amor mundi) bes. am Schluß; vgl. Burdach, Ackermann S. 220f. 303; Carl Schulze, Die bibl. Sprichwörter der deutschen Sprache S. 53 f.; J.V. ZiNGERLE, Die deutschen Sprichwörter im MA. S. 88ff.; Seiler, Das deutsche Lehnssprichwort I (1921), 193; Fr. Rolf Schröder, GRM. 10 (1922), 375; LG. II, 1, 221. 1 Vgl. Ewald A. Boucke, Goethes Weltanschauung auf historischer Grundlage, 1907, ; S. 378. 424. 2 Siehe 18339—62.18495—557. Wirzweisin iemer beide ein ding an undersdieide 18357: Tr. u. Is. eine Einheit, ein Itp, ein leben 18348 (129 f.). Sie tauschen ihr Leben 18510 f. Dadurch tritt bei örtlicher Trennung der beiden die Spaltung der einen Person ein: Is. ist hier auf dem Lande bei Marke u. dort auf dem Meer bei Tr. 18542—45. Hier klingt das Motiv vom Herzenstausch an, Iw. 2981— 3028 [2990—94], (Chrestien 2639—60); Rud. v. Ems, Gut. Gerh. 4346—48; bei den Minnesängern: Wechssler S. 227—29; Burdach, Preuß. Ak. 1918 S. 1076 ff.; Lüderitz S. 100. — Die Mehrheit in der Einheit lag dem mittelalterl. Denken nahe durch die wichtigen Dogmen von der Trinität u. von der doppelten Natur des Gottmenschen; vgl.WiLMANNS, Walther Anm. zu 19,9. §50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 311 begriffliche und anschauliche Bestimmungen, ist doch daz edele herze der Ausgangspunkt seiner ganzen Ethik. Den Inhalt dieser neuen sittlichen Menschenbildung lehrt der Spielmann Tantris die Königstochter Isolde: es ist die Moraliteit, die Erzieherin der edeln Herzen (8018) 7843—84. 7966—8145, spez. 8006—30, mit dem Gesetz der ritterlichen Weltanschauung: got unde der werlde gevallen 8017; ir lere hat gemeine mit der werlde und mit gote 80 1 4 f.; sie lehrt höfische zuht: schcene site 8009; durch sie lernte die junge Königin schönes und reines Innenleben und süßes Benehmen. Ohne Moraliteit hat Niemand guot noch ere, d. i. Besitz noch Tugend. 1 — Auch Kurvenal, der Lehrer Tristans, war von edeles herzen art gedelt 2261 f., und Riwalin riet sein edelez herze, seine Sitten zu vervollkommnen 458. In einer weichen, sich den Eindrücken leicht hingebenden Gemütslage erlebt das edle Herz die Schönheit der Natur 551. 583, des Gesanges 4767, eines edlen Frauenbildes 632 ff. Solches tuot dem edeln herzen sanfte, verleiht ihm fröude und höhen muot, der stärkste Zauber aber ist der Minne Wonne und Weh. Ein solches ästhetisches Genußleben führen Tristan und Isolde in dem aus allen Tugenden kostbar und prachtvoll erbauten Minnetempel 17143—278. 351—97. Für solche feinfühlige Menschen hat G. gedichtet, um ihre liebessehnsüchtige Not zu lindern 47. 117. 216. 233. 11914.« In der Person seines Helden hat G. das Ideal feinster höfischer Bildung gezeichnet (höfescheit, curtoisie, hovesite, schoene site 2240.2752.5003.8009. 8047.10174, edeles herzen art 2261, vuoge, tugenf). Den ganzen Erziehungsgang 3 eines adligen Jünglings hat er in seinen Roman verwoben: als Kind steht Tr. bis zu 7 Jahren in der Obhut der Frauen. Folgt die Schulzeit (der buoche lere), mit der die Sorgen beginnen; neben der Wissenschaft lernt er den Ritterbrauch. Mit dem vierzehnten Jahre wird er auf Reisen gesandt, um fremde Länder und Leute kennen zu lernen. Durch seine Entführung ins Leben geworfen erregt der vierzehnjährige Wunderknabe das Staunen seiner Umgebung durch seine außergewöhnlichen Fertigkeiten im Schachspiel, in fremden Sprachen und im Gesang bei den Kaufleuten und Pilgern 2214—95, durch seine Jagdkunde bei den Jägern 2786—3078, durch Harfenspiel und Singen 4 und Sprachkunde bei Marke 3503—739; Markes Hof war 1 Schönes Benehmen und Tugend: das ist die griech. xaXoy.ayadta. G. sieht das Sittliche um Gewände der Schönheit, er betrachtet die Welt als ein ästhetisches Problem, seine Weltanschauung ist ästhetisch (s. unten). — Die Moraliteit lehrt also Ehre (Tugend) und Gut, das ist der Inhalt der Moralis philosophia; aber auch Gott gefallen: das ist Aufgabe der Moraltheologie; endlich auch die höfische zuht. ' 2 V. 101—05 wendet sich G. gegen die, die behaupten, Beschäftigung mit Liebeserzählungen vermehre nur. die Liebesnot: diese Fundgruben 1, 321 mit Gotfrids Rat überein. 8 Karl Müller, Charakteristik des höf. Lebens zur Zeit seiner Blüte, mit bes. Berücksichtigung der einschlägigen Stellen aus G. v. Str., Progr. Weilburg 1899; bERGEMANN, Das höf. Leben nach G. v.Str., Hall. Diss.1876, dazu Bechstein, Gerjn. 24,429—32; Wechss- ler, bes. S. 27 ff. u. Reg. S. 487 unter cortezia ; Petersen, Joh. Rothe S. 142 ff., wo weitere Lit.; Rust, Die Erziehung des Ritters in der afrz. Epik, Berl. Diss. 1888. — Trist, als höf. Bildungsideal s. auch oben Eilh. gegenteilige Ansicht vertritt der Caplan An- ! * Den stimmungsvollen Ausdruck findet die dreas in seiner Praefatio (Trojel S. 2). Dagegen stimmt das> Rezeptgegen den sieclituom der Minne in dem Arzneibuch in Hoffmanns ethisch-ästhet. Bildung in der Musik u. Dichtkunst, G. selbst ist heimisch in der Welt der Töne, s. bes. 2291—93.3503-686.4749—818. 312 Die erzählende Dichtung eine weitberühmte Bildungsstätte für feinste hovesite 448—61.482—521. Abgeschlossen ist die Lehrzeit durch die Schwertleite, die Überreichung der ritterlichen Waffen 4545—5066. Dann tritt Tristan als selbständiger Mann handelnd ins Leben. Seine erste Tat ist die Erfüllung einer Sohnespflicht: die Vaterrache; die zweite ist die Pflicht gegen König und Vaterland: die Befreiung von dem Bedränger Morold, die dritte die Pflicht gegen sich selbst: seine Heilung. Dann wirft ihn der Minnetrank aus den normalen Bahnen. — Sein pädagogisches Interesse zeigt G. auch bei der Erziehung der Isolde. Zuerst wird sie von einem Geistlichen in Büchern und Saitenspiel unterrichtet 7700—31, von ihrem zweiten Lehrer aber, dem Spielmann Tantris, empfängt sie mehr: die Lehre von der Moraliteit. Das höfische Moralsystem. 1 Die Welt der edeln Herzen ist der Schauplatz für diese ethisch-psychologische Spannung. Ein Beispiel für diese Form der sittlichen Welt entfaltet der Dichter, sein Werk gibt innerhalb der Moraliteit, eine Lehre der Höfischheit, eine höfische Tugendlehre, und zwar in erster Linie eine Minnelehre, denn die Minne ist in diesem System die Grundlage der Sittlichkeit. So läßt sich aus G.s Tristan das höfische Moralsystem ableiten, in klaren Umrissen und in einer Vollständigkeit, wie sie sonst nur die lehrhaften Minnedichtungen gewähren, die jedoch nur das System geben, nicht das lebendige Leben, und nur Regeln bleiben und nicht Tatsachen der Wirklichkeit offenbaren. Minne ist der Lebensnerv des Gedichtes, von dieser Urkraft aus pulsiert alle Bewegung, sie lenkt die Geschicke der Menschen und bestimmt ihre ethischen Bezüge. Aber sie ist eine Leidenschaft, Amor est passio, 2 in stürmischem Angriff raubt sie mit Gewalt dem Menschen die Besonnenheit 959—63, sie macht ihn zu ihrem Sklaven, denn ihr kann nichts widerstehen; er hat keinen freien Willen, es ergeht ihm wie dem Vogel, der sich auf die Leimrute setzt und mit den Füßen daran festklebt und je mehr er flattert und davon will, um so fester haftet, bis er am Ende ermattet und liegen bleibt 11793 ff. Die Minne ist Trieb, Begehren, der Wille beherrscht die Vernunft. 3 Zweimal schildert G. die Entstehung und dabei das Wesen der Minne, in dem Verhältnis von Riwalin zu Blanscheflur und in dem von Tristan und Isolde. Der psychologische Prozeß ist in den Grundzügen beidemal nahezu der gleiche. Es ist wie ein Schauspiel oder Trauerspiel in 5 Akten. Das Stück Riw. u. Bl. (679—1116) verläuft folgendermaßen: 1. Einleitung, das erregende Moment: der Anblick des schönen Ritters erweckt in Bl. die 7517—46. 7645—50. 7700—31. 7813-36. 7991-8005. 8068 135. 13202 f. 13310-29. 13350—68. 19200—25 (Tr. dichtet u. vertont den edelen leidi Tristanden, er besitzt die Kunst des Minnesangs). Vgl. Burdach, Reinm. S. 178-80; Bergemann S.42-46; Wackernagel LG. I 2 , 138 A. 1 Siehe Petersen, Joh. Rothe S. 155 ff. 2 Ein Gemeinplatz der höf. Minnetheorie, stammt aus der geistl. Morallehre, der Ursprung liegt in der Affektenlehre der Stoiker; s. d. folgenden Band dieser LG. 3 Siehe bes. Wechssler S. 314. 374ff., Reg. unter amor, Liebe, Minne, charitas. §50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 313 Liebe 679—730; 2. Steigerung: die Unterhaltung, seine Minne wird durch die ihrige entzündet; 3. Wirkung der Minne in Riw.: Verwirrung der Sinne 826—954; 4. Wirkung in Bl.: auch sie wird bezwungen von der gewalt- cerinne Minne 955—1074; 5. Schluß: Besiegelung der gegenseitigen Liebe. In dem Verhältnis von Tristan zu Isolde ist die Leidenschaft von vornherein da. 1. Das erregende Moment ist eine Verhexung des Liebestrankes 11711—44, es handelt sich nur darum, wie die Minne zu ihrem Ziel, der Vereinigung der Liebenden gelangt, das ist der Faden der Weiterentwicklung dieses Minneproblems; 2. Zunächst müssen die beiden ihre Gewissensbedenken niederkämpfen, in Tr. wogt Widerstreit zwischen Treue und Ehre, in Is. zwischen der Minne und der Scham. Das Resultat ist siegloses Ergeben 11745—878; 3. Die Liebenden nähern sich 11879—12054; 4. In diesen Liebeswirren spielt eine dritte Person mit, Brangäne 12055—160; 5. Das Endziel ist erreicht, die Vereinigung der Liebenden: die Ärztin Minne führt die beiden Kranken zusammen; diese durch Gift eingegebene Minne hat ganz den Charakter einer Liebeskrankheit 12161—90. In einem Nachwort stellt G. pessimistische Betrachtungen über die gegenwärtige Erniedrigung der Minne an 12191—395. — G.s Minnetheorie kommt außerdem noch besonders zur Aussprache in Tristans Zweifelminne zwischen den beiden Isolden 18953 bis zum Ende des Gedichtes: Linderung der Liebesqual durch Abkehr zu einer neuen Liebe, Belehrung über die Berechtigung des Minnezwistes 13021—77. Aus den beiden Liebesszenen, dazu aus andern Stellen des Gedichtes, besonders aus dem Prolog, läßt sich die höfische Liebesdoktrin zusammenstellen: Wie entsteht die Minne? Auf natürlichem Wege durch Anblick der schönen Gestalt und ihrer Tugenden wird das Herz entzündet (die Liebe dringt durch die Augen in das Herz), oder ganz durch das magische Mittel des Zaubers. Sie ergreift zuerst die Frau. — Was ist Minne? Einheit zweier Herzen 128—30. 1354 ff. 11720—44. 12040 ff. 12181 f. 18334—62.18506—35, ein Herzenstausch 804—18. 1356 ff. 11720 ff. 12180—86. 18507—21. — Wie wirkt sie? Gewaltsam wie ein Feuer, als eine senelichiu. arbeit. — Was wirkt sie: innere Kämpfe, Freud' und Leid; meist aber not, swcere, herzeswcere, herze- sorge, nahe gendiu leit. — Was sind ihre Anzeichen? ein freundlicher Gruß, freundliche Rede, Seufzen, Trauer, Nachsinnen, Wechsel der Farbe, bald weiß, bald rot, keine Essenslust; überhaupt: die äußere Gebärde. — Wer ist der feinen (echten, wahren, reinen) Minne fähig? das edle Herz. Die wahre Minne der edeln Herzen ist aber nicht bloß eine schwächende Leidenschaft, ein Trieb der zur Aufgabe des persönlichen Willens führt, sondern dabei im Gegenteil, eine Stärkung der sittlichen Persönlichkeit, die stärkste Kraft zum Guten, zur Tugend. Wo der bloße Sinnestrieb überwunden ist, da wird die Liebe zum Prinzip der Ethik, zum sittlichen Willen. Der Übergang ist gemacht von der Natur zur Vernunft, vom appetitus naturalis zum appetitus rationalis, vom Unbewußten zum Bewußten. Somit ist die 314 Die erzählende Dichtung Minne die Quelle aller Tugenden 1 der Höfischheit, wie in der Scholastik und Mystik die Charitas. 2 Lieb' ist ein also scelec dinc, ein also sceleclich gerinc (Ringen), daz niemen äne ir lere noch tilgende hat noch ere 187—90. — Also hat die Minne eine doppelte Natur: als passio treibt sie den Menschen in sittliche Abgründe, als virtus erhebt sie ihn über das Irdische zur Gottesnähe. Eine Beschreibung der Eigenschaften der Minne und der von ihr ausgehenden Tugenden gibt G. in der Allegorie von der Minnegrotte 3 16927— 17103. Form und Bau des Gehäuses werden ausgedeutet auf diese Bestimmtheiten der Minne. Unter ihnen sind wesentliche Tugenden der höhe tnuot, der aufstrebt in die Wolkenhöhe zu der Summe aller Tugenden; die Güte, die Demut, die zuht, und aller Leuchten glänzendste, die Ehre. Was aber hinführt zu dem Märchenhaus, wo die Minne wohnt, das ist arbeit: 4 - nur durch Ausharren und opfervolle Anstrengung können wir zu der Minne Herrlichkeit gelangen. Die erste und bedeutsamste Frucht der Minne ist die Treue, 6 sie ist der sittliche Grundwert des Gedichtes. Von reinen triuwen erzählt es, und wer es liest, dem wird die Treue noch fester und lieber 167—86, vgl. noch bes. 11745—92. 12511—30. Die Liebe von Tristan und Isolde ist ein Beispiel für Liebestreue 220. 226. 231. Die Treue ist die Kraft, welche sie siegreich den Kampf gegen eine Welt von Gefahren bestehen läßt. Wer mit solcher Treue gewappnet ist, kann sittlich nicht ganz untergehen, wie schwer auch seine Schuld sein mag. Ist doch die Hingebung für ein anderes, ein geliebtes Wesen ein sühnendes Selbstopfer. Die Treue zwischen Herrn und Dienstmann ist die Grundlage des Feudalwesens . Diese heroische Form der Treue bildet in dem Liebesgedicht nicht die ethische Substanz wie im Volksepos, sondern sie tritt nur in durch den Erzählungsstoff gegebenen Fällen auf: Tr. ist sich seiner Treupflicht gegen seinen König bewußt, aber die Minne ist in seinem Seelenkampfe mächtiger als triuw'e und ere 11745—92 (doch dazu 12511—30), und eben in dem Konflikt zwischen Minne und Mannentreue besteht die ethische Tragik des Helden. Ein Bild echter Mannentreue ist dagegen der Marschall Rual li foitenant, der Treue wahrende, bes. 463—67. 1789—1815. 2028—40. 2187f. 5109—11. 18649ff. und überhaupt die Abschnitte 1789—2146. 3755—4544. 1 StökleS.56— 61; Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 2,708. 2 Wechssler S. 315. 3 Ganzenmüller, Naturgefühl S. 288 f. Kuno Meyer, Eine Episode in Tr. u. Is. u das keltische Haus, ZfromPhil. 26,716f.; Jos Janko, Die Allegorie der Minnegrotte bei G v. Straßb., SB. d. k. böhm. Ges. d. Wissensch., hist. Kl. 1906 Nr.9; Schoepperle S.391 ff.; bes. Fr. Ranke, Die Allegorie der Minnegrotte in G.s Trist., Schriften der Königsbg. gel. Ges. 2. Jahr H. 2, 1925, 21—39 (die allegor. Auslegung ist aus der kirchl. Literatur entnommen, wo Form u. Teile des Kirchengebäudes, des Hauses Gottes, mystisch als ein Bild der menschl. Seele u. ihrer Tugenden gedeutet sind, z. B. bei Hugo v. S. Victor). 4 Minne als .Arbeit': Wilmanns, Leben 1 S. 181, ed. Michels S. 280 u. Anm.; Mor. v. Craon 295—306 (s. oben S. 131); Hartm. Büchlein 613ff. 635f. 791 f. 8981 1215L; bei Ovid: Schrötter S. 97; Capl. Andreas (Trojel S. 35): Absque labore gravi non possunt magna parari; Ainune (s. Pfeiffer, Freie Forsch. S. 82): Amor, amor, amor, amor dulcis labor (Ovid zugeschrieben); Meleranz 691—94; Bartsch, Albr. v. Halberst. S. XIV. 6 Stökle S. 94—98. §50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 315 Der Inbegriff aller sittlichen und auch der gesellschaftlichen Vortrefflichkeit ist tugent.i Die ere* geht über alles, selbst über das Wunschleben im Liebeshause 17686—18118. Eine besondere Stellung innerhalb der höfischen Sittenlehren nehmen die ritterlichen Standesvorschriften ein. Ein solcher Ritterspiegel eröffnet die Geschichte Riwalins mit der Aufzeichnung seiner ritterlichen Eigenschaften, überhaupt sein ganzes Leben ist das eines vollendeten Edelmanns. Eine ritterliche Pfichtenlehre, die sich gründet auf das Bewußtsein der Selbstverantwortung der sittlichen Persönlichkeit, gibt Marke seinem Neffen bei der Schwertleite 5020—43, wobei die Treue gegen den Herrn und gegen die Mannen sowie die Freigebigkeit als Hauptgebote genannt werden, mit der zusammenfassenden Schlußmahnung: sei immer höfisch, immer freudig (vgl. 3739). Eine andere Reihe ritterlicher Eigenschaften ist in der Kleiderallegorie der Schwertleite 4553—86 verbildlicht: hoher Mut (hochsinniges Streben), un- geschränktes Gut (Vermögen), verständiges Urteil [bescheidenheit) und höfischer Geist. Aus dem ritterlichen Tugendsystem stammt die Zweiteilung des Leibes in lip und guot 5685—716: 3 es sind die Güter des Körpers und die Glücksgüter, als Bedingung edler Gesinnung und weltlicher Ehren. Außer diesen und einigen andern didaktischen Partien ist durch das ganze Gedicht hindurch eine Fülle von sittlichen Beobachtungen und von Lebensweisheit verbreitet, teils in einzelnen kürzeren Sentenzen oder sprichwortartigen Sätzen, teils in längeren Erörterungen. G. zeigt viel theologische Kenntnisse. In all dem weltlichen Treiben begegnen auffallend viele Wendungen, Bilder und Vergleiche aus dem geistlichen Gebiete. Zwar sind es meist nur Einzelheiten, Formeln oder wenige leicht angedeutete Striche, aber diese Beimischung läßt doch erkennen, daß er stark religiös interessiert war und eine theologisch gelehrte Bildung besaß. 4 Aber auch zwei ganze Szenen sind unter geistlichem Gesichtswinkel aufgefaßt, der Zweikampf mit Morold und das Gottesurteil Isoldes. Der Holmgang mit Morold ist ein Kampf für got und reht. h Is.s trügerische Rechtfertigung bei ihrer Verurteilung zur Tragung des glühenden Eisens benutzt G. zu einer Kundgebung gegen die Sitte derartiger Gottesgerichte zu einer zornigen Anklage gegen die, die mit dem Heiligen und den kirchlichen Gebräuchen Spott treiben. Auf solchem Wege tut Gott die Wahrheit nicht kund. G. hat von den Geheimnissen und Willensoffenbarungen Gottes eine geistigere Vorstellung. 6 — Insgesamt ist das religiöse Element des Ge- Kreuzzugsreden häufiges Motiv. Tr. ist gottes- fürchtig u. demütig, Mor. vertraut auf seine eigene Kraft: es ist der Sieg der Demut über die Hoffart wie im Kampf des Christentums gegen das Heidentum, s. Bd. II, 1,255 f. 6 Die Gottesurteile wurden von namhaften kirchlichen Autoritäten verworfen: H. Kurz, Germ 15, 223 ff. 322 ff.; Hertz S. 597 ff.; H. Fischer S. 6 ff.; Stökle S. 80-89; J. J. Meyer, Is.s Gottesurteil aaO. Das Motiv vom zweideutigen Eid ist weit verbreitet, seine 1 tugent: Nolte, ZfdA. 52, 61 ff.; Stökle S.56—61. 2 ere: Heinzel, Kl. Sehr. S. 45 ff. — Des Weibes Schande ist Unehre des Mannes, Thomasin, W. Gast 4609 ff.: nach dieser Ansicht schändet Isoldes Ehebruch auch ihren Gatten Marke. 3 Glücksgüter: DasUtileindermoralisPhilo- sophia, bona corporis et fortunae, ZfdA.56,143. 4 Siehe die Diss. von Stökle. 5 Stökle S. 69—75. — 6098—106 ist ein in 316 Die erzählende Dichtung dichtes die religio 1 der Moralphilosophie, der Moraliteit, d. h. eine für die in der Welt Lebenden vorgeschriebene Frömmigkeit. Und Gotfrid dichtet ausdrücklich für die Welt und in ausgesprochen weltlichem Geiste. So bewegt sich denn die Tendenz dieses Gedichtes von der Weltminne naturgemäß auch nur in dem einen Teil des ritterlichen Sittenprinzips: der Welt gefallen, nicht auch: Gott gefallen: ihm, Tristan, truoc diu werlt holden muot 3746, ferner 4415.18028.57. Das Idealleben ist diewerltwunne Riwalins 312, Riw.s und Blanscheflurs 1367, das wunschleben Tr.s u. Is.s im Waldidyll 16850. Aber es wäre falsch, G.s Anschauung für eine „Philosophie des Lebens" zu halten. Beides, Leben und Tod, umfaßt die ethische Perspektive seines Gedichtes. Beide sind unzertrennlich, Welt- und Lebensgeschehen ist polaristisch, Leben fordert als Gegenpol den Tod 62f., vgl. 233—42. In der Minne, in den edeln Herzen, ist dieses zusammengekettete Gegenspiel zur Einheit geworden: „es bringe Tod nun oder Leben, mir ward mit sanftem Gift vergeben. Weiß nicht, wie jenes werden soll, doch dieser Tod ist freudenvoll. Ja brächte immer, solchen Tod mir die wonnige Isot, so wollt ich wahrlich gerne werben um ein ewigliches Sterben" 12499—506. Das ist die Todeserotik, die Richard Wagner zum Grundgedanken seines unsterblichen metaphysischen Kunstwerks gemacht hat. Der mittelalterliche Dichter vermochte nur intuitiv den einzelnen Fall zu schauen, der Meister der Gegenwart hat ihn in die Gedankenwelt Arthur Schopenhauers erhoben. Der ethische Schwerpunkt liegt in der Liebe von Tristan und Isolde, im Vordergrund steht die Schuldfrage. 2 Im alten Gedicht waren die Liebenden durch die Zauberei des Tranks ihres Willens beraubt und trugen darum keine Verantwortung, für Thomas aber, den Rationalisten, der das Dämonische und Wunderbare zurückzudrängen sucht, ist die Minne die unwiderstehliche Gewaltherrscherin der Herzen. Er, dem G. folgt, hat aus dem Märchenspiel ein Seelendrama geschaffen, aus dem Schicksalsstück eine Charaktertragödie. Der Minnetrank ist nun eigentlich überflüssig, ja störend, die zauberische Vergiftung kann höchstens noch als Symbol für eine solche plötzlich ausbrechende Liebeskrankheit, für das Gift der Leidenschaft oder als dichterisches Motiv für die Handlung, als erregendes Moment für die Liebestragödie gelten, hat aber keinen Einfluß auf die ethische Begründung. Es handelt sich nicht mehr um einen magischen, den Menschen von außen angetanen Zauberbann, sondern um die verheerende Leidenschaft der Liebe in der menschlichen Seele. Der Vorgang ist also nicht mehr physiologisch bedingt, sondern älteste Form ist in Indien, 3. Jh. v. Chr., nachgewiesen: Windisch S. 220; Singer Aufs. u. Vortr. S. 166; Günther Müller, Dt. Viertel- jahrsschr.2,697f. — Die Worte 15734-48, die wie Blasphemie klingen, müssen innerhalb des religiösen Zusammenhangs als Ironie betrachtet werden. 1 ZfdA.56, 142. 152 ff. 2 Heinzel, Kl.Sehr.S.77ff.; GoLTHER,Sage S. 110 f., Tristanb. S. 149 f. 177. 428 ff., Z. dt. Sage u.Dicht., Ges.Aufs.S.l 14ff; Roetteken, ZfdA. 34, 81 — 114, bes. S. 102ff.; Bedier II, 163 ff.; Schoepperle II, 446ff.; Minor, Wahrheit u. Lüge auf dem Theater u. in der Lit., Euphorion3(1896), 265ff.; Hertz-v.d. Leyen S. 473 f.; WechsslerS.383; Volkelt S 437 u. ö.; D. B. Shumway, Publ med. lang, assoc. of Amerika 18. App. I S. 27 ff.; Ders., Mod. Philol. IH.3; Günther Müller, Dt.Viertel- jahrsschr.2,691; Ranke S. ] 76ff. § 50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 317 psychologisch begründet (s. oben S. 308). Der Wille der Liebenden ist nicht ausgeschaltet, sondern der Verantwortung unterzogen, damit ist ein ethischer Konflikt eröffnet und durch den Sieg der Minne, des Triebes, ist die Kausalkette geschlossen — mit der Schuld der Liebenden? das wäre das Urteil des normalen sittlichen Empfindens. Aber in dem höfischen Minnespiel der edeln Herzen entscheidet das Forum der Minne, die Minnedoktrin; die aber lautet: „ezn ist niht ein biderbe wip, diu ir lip durch ir ere lät" 18001—03, die ihre weibliche Natur (ihre sinnliche Natur, ihre Minne) unterdrückt der bloß äußerlichen Sittlichkeit wegen: ein wirklich braves Weib gibt sich dem Manne, den sie wahrhaft und von Herzen liebt. Die erste Liebesregel des Caplan Andreas lautet: Causa conjugii ab amore non est excusatio recta. 1 Das Minnerecht geht vor dem moralischen Recht. Die Schuld für die ganzen Liebeswirrungen trägt der betrogene Gatte: Wem mac man nu die schulde geben umbe daz erlöse leben daz er sus mit ir hcete'i 17757. Weder Tristan noch Isolde haben betrogen, er sah es ja mit eigenen Augen, daß sie ihn nicht liebte, nur Gelüst und Begierde hat ihn an sie gefesselt, er wollte sich ihrer nur ze übe, nicht z'eren erfreuen 17731, sein Herz begehrte Liebeslust von ihr, aber keine wahre Liebe und keine innerlich-sittlichen Beziehungen. 2 Auf diese Weise wird der Ehebruch, der vor dem Minnegericht in diesem Fall kein Fehltritt ist, auch moralisch zu rechtfertigen gesucht. Und eine tiefe, sittliche Wahrheit liegt doch in der Beschuldigung Markes: Ehe soll nur auf Herzensgemeinschaft gegründet sein. Trug und Treue leiten die Handlungen der Liebenden: die Technik der trügerischen Abenteuer stammt aus dem spielmännischen Boden und dadurch behält das Charakterbild Tristans einen spielmännischen, unritterlichen Nebenzug. Auch an der Heldin haftet der sittliche Makel des Trugs, und der Dichter macht selbst kein Hehl daraus. 3 Brangänes Treue besteht in ihrer Trughilfe 12451—56. 12604—18. 12670—78, „man soll den Mantel nach dem Winde drehen" ist ihre Moral 10430f. Die Gegenpartei, Marjodo, der Zwerg Melot, arbeitet mit lüge und väre (Hinderlist) 14266f., vgl. 13641; Gandin ist der betrogene Betrüger 13206. 416. ff. Jntrige ist also das Getriebe dieser Hofgesellschaft und ihr moralischer Horizont reicht nur bis zum äußern Schein. Der Dichter spricht darüber das vernichtende Wort: diu 1 Trojel S.310; vgl. auch das VIII. Liebesurteil : Nova superveniens foederatio maritalis non recte priorem excludit amorem S. 280; das IX.: Maritalis affectus et coamantium vera dilectio penitus judicantur esse di- versa. 2 In dem später wieder aufgenommenen Gegensatz bedeutet lip u. ere (bes. 18001—05; vgl. auch 12514—16) die großen ethischen Antithesen von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, Natur u. Geist; die Synthese wird hergestellt durch die mäze 18012—18. Mäze= Harmonie von Sinnlichkeit u. Sittlichkeit, bei Schiller „Schönheit", bei Gotfr. daz lebendeparadis, also ebenfalls die Schönheit. Aber in dem Stoff der Tristandichtung ist kein Raum für das sittliche Ideal der Mäze u. darum ist es auch von G. nicht zu einem Problem gemacht. 3 Verstellungskunst, valsdi und trägeheit Tristans: 2690ff. 2771 ff. 3079ff.7563ff. 8193ff. 8709 ff. 8760. 8800 ff. 9521 ff. 10129. 13421— 23. 19401-08; Isoldes: 12700f. 15746. 51; die krassen Fälle sind der Mordanschlag auf Brangäne u. der „vergiftete" Eid. 318 Die erzählende Dichtung sorchafte kiinigin diu tete an dlsen dingen schin, daz man laster unde spot mere fürhtet danne got 12713—16, vgl. 15751 ff. l Um ihre ere sorgte Isolde, um das Ansehen bei den Leuten. Hier also sind Weltehre und Gott in Konflikt und die Welt trägt den Sieg davon. Mit den Vorwürfen der trügeheit hat G. vorübergehend sein eigenes Urteil über die Liebenden gefällt, aber sie finden sich nur bei vereinzelten Fällen und beeinflussen nicht seine ihnen gehörende Sympathie. Ihm und seinem Autor Thomas war es nicht darum zu tun, den Widerspruch zwischen Minnedoktrin und Sittengesetz 2 aufzurollen, sie haben sich dieses Problem überhaupt nicht gestellt. Die Liebenden sind sich selbst keiner Schuld bewußt. Sie verstehen ihre Abwegigkeit ganz wohl mit der Religion zu vereinigen. Sie sind fromm (s. bes. 12101—07.12841—52.14641—60.14710—13.14904—07.15548—56. 15651—768. 18634—73). 3 Aber diese Frömmigkeit ist der Minne dienstbar und ihre Wünsche und Handlungen sind unfromm, sie haben nur Gemeinschaft mit der Welt, nicht mit Gott, die Ritterethik, die Moraliteit ist verletzt. Das Minnerecht, dem sie folgen, steht in Widerspruch nicht nur mit dem göttlichen und dem Sittengesetz, sondern auch mit dem ethischen Ideal des Rittertums. Die Ethik des Gedichtes läßt sich unter keine einheitliche Formel bringen. Der Dichter nimmt keine klare, ausgesprochene Stellung zu den ethischen Bezügen, er hat eben keine Morallehre, sondern ein Epos geschrieben, er hat die Verworrenheit menschlicher Seelenerlebnisse dargestellt, ohne Rücksicht auf ein folgerichtiges System; vor allem aber: er hat sich nicht losgemacht von der Tradition der Fabel und des volkstümlichen Spielmannsgedichtes, die unter ganz anderen ethischen und kulturellen Bedingungen standen. Von vornherein liegt in der Tristandichtung kein bewußter moralischer Plan: in der Spielmannsdichtung war das Übernatürliche des Trankes nicht in Ausgleich zu bringen mit den realen, sittlichen Forderungen, im höfischen Roman besteht der Widerspruch zwischen diesen und der laxen Standesmoral eines fiktiven Minnekults. Beurteilt man den moralischen Gehalt des Romans von dem allgemeinen sittlichen Empfinden aus, dann eröffnet sich der Blick in grauenhaft tragische Tiefen des menschlichen Seelenlebens; dann sehen wir das erschütternde Schauspiel, wie der elementare Sinnentrieb den sittlichen Willen untergräbt und die dunkle Lebensgier allein 1 Vgl. Günther Müller, Deutsche Viertel- jahrsschr. 1,72 f. 2 An diesem Widerspruch krankt überhaupt die höf. Frauenverehrung. Sie ist nur eine Fiktion. So wie sie aus der dichterischen Phantasie u. der Spielerei der vornehmen Gesellschaft in das wirkliche Leben übertragen werden sollte, mußte sie sich an den Sachen der Raum welt stoßen. Im Minnelied kam dieser dichterisch-sachliche Widerspruch weniger zur Geltung, da es hier bei dem Ausdruck der Empfindung blieb, als im Roman, der ein in Realitäten sich abspielendes Lebensbild gibt. Daß Minnedoktrin u. wirkliche Moral auch in der Tat als zwei verschiedene Dinge angesehen wurden, zeigt das Liebesbuch des Capl. Andreas, der seinen Minneregeln eine Widerlegung „De reprobatione amoris" (Trojel S.313) folgen läßt, in dem die ganze Ars amoris verworfen wird u. wo es heißt (S.314): Odit namque Deus et utroque jussit testa- mento puniri, quos extra nuptiales actus ag- noscitVenerisoperibusobligarivelquocunque voluptatis genere detineri. 3 Stökle S. 5 ff.; Leistner S. 23 f.; H. Fischer aaO. §50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 319 und vernunftlos schaltet. Zwei edle junge Menschen sind rettungslos dem Untergang verfallen, weil sie sich lieben müssen, müssen nach dem Gesetz der Natur. Es ist der Triumph der Notwendigkeit über die Freiheit, der Natur über den Geist. Eine Pflicht der Entsagung ist ihnen auferlegt, der sie nicht gewachsen sind. Aber der Dichter bleibt nicht bei diesem hoffnungslosen, naturalistischen Determinismus stehen, seine moralische Tendenz erhebt das natürliche Sinnenleben in eine ethische Höhe: da die beiden der Leidenschaft Verfallenen der Gemeinschaft der edeln Herzen angehören, bleiben sie vor dem Aufgehen in nackten Sinnengenuß, vor amoralischem Hedonismus bewahrt. Tragik ist die Grundstimmung dieses lebensseligen Gedichtes, tragisch ist die Gestalt des Helden. Liep äne leit mac niht gesin: das ist das Schicksal der edeln Herzen. Von weicher Sentimentalität zu heißer Leidenschaft wogen die Gefühle. Zart und leidvoll verhallt zuweilen die Melodie unendlichen, ungestillten Sehnens, aber dazwischen dringen angstvolle Klageschreie aus den gequälten Herzen. Mit der Aufrollung der ethischen Gesichtspunkte sind auch die Charaktere 1 der die Handlung führenden Personen bestimmt. Ihre Psychologie ist von einem Zentrum aus bedingt, das ist die unerlaubte Liebe. Marke, ein edelmütiger Charakter, das Bild eines Königs und vornehm höfischen Herrn 418 —522. 10511—18 u. ö., wohlwollend und gütig, aufrichtig, arglos und leichtgläubig, dergetriuweste unde der beste, der elnvalte (arglose) Marke 13656 f., wird durch die Täuschungen und Enttäuschungen ein verstörter, verirrter, wegloser Mann (verdäht 15145, verirret 15271, wegelos 17537) und gerät in ein ehrloses Leben 17727 ff. Tristan ist eine gespaltene Natur. Er führt ein Doppelleben, zugleich ein tapferer Ritter und ein listiger Spielmann, „ein Meister der Waffe und der Harfe". Angeboren ist ihm die Tapferkeit, denn sein Vater Riwalin war ein kriegerischer Held; im Keim gegeben ist ihm aber auch die Verdeckungskunst: er ist in Heimlichkeit gezeugt und ohne sein Wissen von fremden Eltern auferzogen. Vererbt ist ihm von Vater und Mutter die Treue. So ist er sowohl leicht geneigt zur Verstellung als wahr und treu in der Liebe. Zwei schwere Treuverletzungen lasten auf ihm: er verletzt die Pflicht der Dankbarkeit gegen seinen Wohltäter und macht ihm dazu noch sein Weib abspenstig. Von der Minnescholastik, die das Sittengesetz durchquert, ist er dafür entschuldigt. — Die Lebensstimmung Tristans ist ein Erbteil seiner Mutter, in Trauer hat sie ihn empfangen und geboren, darum gaben ihm auch seine Pflegeeltern den Namen Tristan, von triste, und dieser blieb symbolisch für sein Geschick, denn: er was reht alse er hiez, ein man und hiez reht, alse er was, Tristan 1989—2020. 5067—96. 15769—16406. 2 1 Epitheta für die einzelnen Personen bei Pope S.38—43; Nolte, ZfdA.52, 61 ff. (im Verlauf der Erzählung, etwa von V. 6000 an, nimmt der Gebrauch von tugent, hövesch, guot, wert, edele bedeutend ab). * Der trürcere Tr. 14502. 917. 15790. 854. 18649; Nolte aaO. 52, 81 Anm. 1. — Tristan als Personenname: Panzer, Festgabe f. Sievers S. 205 ff. 320 Die erzählende Dichtung Tristan hat die Hauptrolle in diesem biographischen Roman, Isolde tritt erst später, bei der Werbung, in die Handlung ein und scheidet nach der Trennung von Tristan, zeitweilig ganz aus. Des herrlichsten Mannes sileze amie, das Wunder von Irland, die Sonne, diu liehte magettsöt, die wonnigliche, die alle Reiche erleuchtet 8256 ff. 10889 ff., ist das weibliche Gegenstück zu Tristan. Auch in ihr sind vereint Treue und Trug, sie erlebt das gleiche Geschick der selig unseligen Minne. Verletzt Tristan die Treue gegen seinen König und Wohltäter, so Isolde die gegen ihren erschlagenen Oheim Morold. Eine schwer lastende Gewissenspflicht wird der Leidenschaft leichthin geopfert, der Haß gegen den Todfeind verkehrt sich in Liebe. Und im Weibe lebt mehr elementare Naturkraft als im Mann, sie ist nicht so sentimental wie Tristan, sie ist unbedenklicher in der Wahl zweckdienlicher Mittel. Es ist leicht, wie in der Ethik so in der Psychologie der Charaktere zahlreiche Widersprüche bloßzulegen. Sie sind großenteils eine Folge der historischen Entstehung des hochkultivierten Romans aus der Grundfabel, der rohen Spielmannstradition. § 51. Hervortreten der Persönlichkeit Gotfrid ist zurückhaltend mit Erörterung seiner persönlichen Verhältnisse. Doch einmal eröffnet er sein Herz und gewährt einen tiefen Blick in sein Liebesleben: Auch er ist einmal in der Höhle der Minne gewesen, 1 auch er hat ihre vieldeutige Herrlichkeit geschaut und den Blick erhoben zu den Tugenden, die das Gewölbe des Wunderbaus zieren, und die sonndurchleuchteten Fenster haben ihm ihren Glanz in sein Herz gestrahlt; seit seinem elften Jahr hat er die Liebe gekannt, aber das Liebesglück von Kurnewal hat er nie gefunden, vgl. 12191 ff. 17104—42. Das ist ein Zeugnis eigenen Erlebnisses, die Liebe ist ihm nicht bloß romanhafte Erdichtung. Die leichte Grazie, die G. zur Verfügung stand, äußert sich in zuweilen fallenden humoristischen und ironischen Bemerkungen. Die Angst und Renommisterei des feigen Truchsessen ist zu einer lächerlichen Groteske entwickelt. 2 Einen persönlichen Einschlag gewinnt das geistige Kolorit des Gedichtes durch G.s Klassizismus. 3 Damit steht er auf dem Boden der antikisierenden Renaissance von der Wende des 12./13. Jh.s, des Alanus und der Vaganten, wenn auch seine positiven Kenntnisse der Mythologie, die er zumeist Ovid und Virgil entnahm (auch Veldekes Eneide), nur verworren sind. Aber er fand in ihr etwas für die Poesie und Schönheit Symbolisches und aus diesem Gefühl heraus hat er einigen inhaltlich auserlesenen Punkten 1 Ranke, Allegorie aaO.; Stökle S. 98 ff. u. H. Fischer aaO. S. 5 halten die Stelle nicht für ein Selbstbekenntnis, sondern als eine Frucht der Schullektiire. 2 Piquet S. 347 f.; Roetteken S. 104. 3 Heinzel, Kl. Sehr. S. 27 ff.; Golther, Tristanb. S. 178 f.; Hertz, Reg. zu d. Anm.; Behaghel, En. S. CCXXI; Schröder, Ritter- msren 1 S.XIVi, ZfdA. 43, 257 ff.; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 166 ff; Preuss S. 66 ff.; Bahnsch S. 4ff.; Leistner S 9-14. 21—23; Stökle S. 50—54; Hoffa, ZfdA. 52, 339 — 50; SCHWIETERING,ZfdA.61,71. — Borinski, Die Antike in Poetik usw. S. 42; Meissner, Festschr. f. Walzel 1924 S. 33f. §51. Hervortreten der Persönlichkeit 321 seiner Darstellung durch klassische Bezüge einen besonderen Schmuck verliehen. Darin liegt doch ein Ansatz zum Humanismus, nicht bloß in der Form, sondern auch im Geist, eine Ahnung von der bildenden Macht der klassischen Dichtung. Den Abschweif auf die Poesie seiner Zeit (Schwertleite) stattet er aus mit Blumen aus der Mythologie: Apollo und die Camenen und die neun Sirenen 4869 f. (Sirenen auch 8089—115) vom Elikön 4860—905; üz Pegases urspringe 4728—30; Orpheus 4788—90; die Melodie von Zithe- röne 4805—09 (der Musenberg Cithaeron verwechselt mit Cithaera, der Insel der Venus); 1 Vulkan als kunstreicher Schmied 4930—47 und Cassander, diu wise Tröjerinne als Verfertigerin von Tristans Gewand 4948—72. — Die Schönheit der Isolde weiß der gelehrte Tristan in seiner Verzückung den erstaunten Höflingen nicht leuchtender auszumalen, als daß er sie noch über die Sonne von Mycene stellt, über Auroren tohter Tintarides (Helena) 8267 —80 (nach Virg. An. II, 569 ff.), vgl. auch 10889 ff. Über sentimentale Liebestragödien aus Ovid und Virgils Äneis unterhalten sich Tristan und Isolde in ihrer waldeinsamen Minneseligkeit 17186—203, vgl. auch 13351. Auch mit der lat. Sprichwortdidaktik war G. vertraut und manche seiner Sentenzen hat er aus ihr bezogen, besonders alis Publilius Syrus. Mehr aber als jeder andere mhd. Autor tritt er in seiner Eigenschaft als Dichter vor sein Publikum. Sein ganzes Gedicht ist eine Kundgebung für seine Anschauung vom Sinn und Wert der Kunst. An zwei hervorragenden Stellen spricht er sich besonders eingehend darüber aus: im Prolog und bei Tristans Schwertleite 2 4587—818. Den letzteren Vorgang 3 benützt er zu einer kritischen Poetik der Zeitdichtung. Den Lorbeerkranz reicht er Hartmann wegen seiner zugleich schönen und sinnvollen Darstellung, seines kristallklaren, schmiegsamen, anmutigen Stils. Dann aber fährt er auf einen andern los, den er nicht nennt, einen Rivalen in der Kunst. Wolfram ist gemeint. Er übt eine vernichtende Kritik an dem ,Erfinder wilder Meeren' und vergleicht ihn Gauklern, Taschenspielern, Gaunern, die den Kindern ihre Tanzkünste vormachen. Seine Sprache ist nicht so beschaffen, daß ein edles Herz Freude daran haben kann, ohne Erklärer sind seine dunkeln Geschichten unverständlich. Dann gleich wieder eine Kontrastfigur: Bligger v. Steinach, der Wortkünstler, bei dem wort und sin, Sprache und Inhalt, zusammenklingen wie Harfentöne, dessen reine Laute Feen gesponnen und in ihrem Brunnen geläutert haben. Zuletzt unter den epischen Dichtern bringt er, etwas kühler, Heinrich v. Veldeke 4 seine Huldigung dar, dem Begrün- 1 Schröder, ZfdA. 61, 178. 2 Burdach, D.Rundschau 1902 H. 2 S. 253 u. Preuß. Ak. 1906 S. 409; RiEGER, ZfdA. 46, 178; John Meyer, Basler Philol.-Vers. 1907 S. 507 ff.; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 166 ff.; Schwietering S. 56; Plenio, Beitr. 42,445ff. 3 AusAutorenbescheidenheif (Schwietering, Demutsformel S. 36 ff.; Ehrismann, Stud. S. 30 f.) traut er sich die Kraft nicht zu, die Deutsche Literaturgeschichte III 21 Bedeutung dieses Festes angemessen darzustellen, wie es von andern, Würdigeren, hätte geschehen können. 4 V. 4929 u. 4948 ff. enthalten nach Bahnsch S. 5, R. M. Meyer, ZfdA. 39,325, Schröder, Rittermasren 1 S.XV, vgl. ZfdA. 43,260, eine leise Ironie; anders Singer, Aufs. u. Vortr. S. 168 f. Sie sind wohl nur Ausdruck der Autorenbescheidenheit. 322 Die erzählende Dichtung der des höfischen Epos, der das erste Reis in deutscher Zunge impfte. 1 Dann, nach den Epikern, den verwceren* (4689, vgl. 4623), den coloratores, die die Redeblumen in den Kranz der Poesie weben, wendet er sich zu den lyrischen Dichtern, den „Nachtigallen," die der Welt höhen muot geben und dem Herzen wohltun. Ihr Banner führt, seitdem Rein mar, ,ir aller lelte- vrowwe' 4777 ff., verstummt ist, Walther v. d. Vogelweide. 3 § 52. Gotfrid und Wolfram * In der organischen Entwicklung der mh'd. Literaturgeschichte ist mit dem Gegensatz der beiden führenden Geister Wolfram und Gotfrid ein Höhepunkt dramatischer Spannung erreicht. Darin liegt die geistesgeschichtliche Bedeutung von Gotfrids Kritik. Er hat erkannt, daß in ihm und dem andern zwei verschiedene Kunstanschauungen verkörpert sind. In seiner Kritik wendet er sich sowohl gegen den Sinn als gegen die Form von Wolframs Dichtung: W. schafft aus eigener Phantasie 3 oder Phantastik, während G. im Gegenteil strengen Anschluß an die Überlieferung als Übersetzungsprinzip befolgt. Ebenso ist W.s Stil unklar, uneben, diese Formlosigkeit aber mußte dem Formgenie G. ein Greuel sein. Die Abneigung G.s gegen W. aber ist instinktiv und liegt in einer tiefen Wesensverschiedenheit begründet. G., der Mann aus dem Bürgerstand, versteht nicht W.s Hochschätzung des Rittertums, in welcher dieser nicht nur eine höhere Kaste, sondern seine sittliche Idee erblickt. G.s Bildungselement ist höfisch, frauenhaft, 5 das W.s männlich, ritterlich. G. ist überhaupt ästhetisch gerichtet, der Künstler, der die Schönheit zum Leitstern hat, W. ist ethisch formiert, 6 der Wahrheitssucher, der die Dinge unter dem Gesichtswinkel ihres sittlichen Wertes betrachtet. Eins sind sie in dem Grundgesetz der aristokratischen Laientugend, „Gott und der Welt gefallen", aber G. bleibt stehen bei der Moraliteit, W. strebt zur Ergründung des Summum bonum, des höchsten Gutes. Der Schwerpunkt in diesem Ausgleich liegt für G. in dieser Welt, im Diesseits, sein geistiges Blickbild ist immanent, es beschränkt sich auf das Leben, die ideale Formel für diese Lebenswertung ist die Einheit von Freude und Leid, die sich im Liebesdrang, im einzelnen Menschenherzen ablösen, W. dagegen 7 geht über die bloße Lebensphilosophie hinaus zur Metaphysik, er dringt zu den Ideen empor; nicht Lebensanschauung, sondern Weltanschauung ist das umfassende Gebiet seines Geistesflugs, Versöhnung des abgefallenen Menschen mit Gott, die weltgeschichtliche Heilsidee ist die Einheit dieses transzendenten Unendlichkeitssystems. Der Parzival beginnt mit der sele, dem unsterblichen Teil des Menschen, Tristan mit dem herzen, dem vergänglichen Sitz der Leidenschaften. Parzivals kosmisches Gefühl hat von Kindheit an sein Zentrum im Gotteserlebnis, Tristans Lebensgefühl ruht in dem Minneerlebnis. 1 Siehe oben Veldeke. 2 Thomasin, W. Gast 9037f.; vgl. colorare, colores der lat. Rhetorik. 3 Burdach, Reinm. S. 78. 178ff.; Plenio, Beitr. 41, 64; Ranke, Minnegrotte S. 36. 4 Siehe oben Wolfram S. 220 f. 5 Wechssler S. IV. 6 Ehrismann, Neuphilol. Mitteil. 25,186- 7 Scherer, Kl. Schriften 2, 670 f. 88. § 52. GOTFRID UND WOLFRAM. § 53. GOTFRID UND HARTMANN 323 Die Treue ist die schicksalbestimmende Kraft sowohl in Tristans Liebeswirren als in Parzivals Seelenkampf, aber Parzival erhebt die Treue des Charakters hinauf zu der höchsten Form der triwwe, zur Nächstenliebe, Tristan verstrickt die erotische Treue in ein Truggewirre. § 53. Gotfrid und Hartmann * Gotfrid spielt Hartmann gegen Wolfram aus, gewiß mit Überzeugung, denn sein künstlerisches Formideal geht in der Richtung von Hartmanns späteren Dichtungen, besonders dem Iwein. Er hat direkt Züge aus H. übernommen: die Charakteristik Riwalins 2 (auch der einzige Makel Riwalins, der Übermut, und der jähe Umschlag des Glücks hier wie im A. Heinr.) Tr. 243—63 = A.Heinr.50ff. (s. oben S.201L); auch die sonst öfter nachgeahmte Spielszene im Iwein 63—72 = Tr.614—20; die Ritterlehre Markes bei der Schwertleite 5020 — 43 = Gregor. 243—58 (auch formal: anaphorisches wis). Dialektische Gedankenerörterungen liebt H. im Iwein; unmittelbar an Iw. 5273 ff. erinnert die Allegorie im Zweikampf mit Morold Trist. 6870 ff.; Aufzählungen wie daz eine, daz ander Trist. 4561 ff. vgl. Gregor. 323 ff. 805 ff. 1487 ff. Das Formprinzip verbindet G. mit H., sie vertreten den Stil der Deutlichkeit gegenüber W.s Schwer- und Unverständlichkeit, den Klassizismus gegen den Asianismus. Aber G. bringt noch ein weit Mehreres über die Klarheit hinzu: die Schönheit. Er hat H.s mittlere Schreibart zur höheren, sublimen, gesteigert. Die Sprachbehandlung H.s ist korrekt, die G.s genial, H. behandelt die Sprache als ein Werkzeug, G. als freies Spiel. 3 §54. Stil und Technik der Darstellung* Auch G.s Stil spiegelt die Persönlichkeit durchsichtig wider. Die beiden Gebiete seines geistigen Lebens, Kunst und Wissenschaft, sind abgeprägt in der äußeren Form, der Künstler und der Gelehrte offenbart sich im sprachlichen Ausdruck. Vom Künstler hat der Stil seine ästhetische Schönheit, vom Gelehrten die logische Klarheit. Gotfrids Schönheitsstil. G.s ästhetische Lebensanschauung forderte eine ideale Sprache der Schönheit. Sein sprachliches Schönheitsideal hat er entworfen in dem überschwenglichen Preise Bliggers. Was er von diesem rühmt, gilt von ihm selbst: er hat den wünsch von worten 4696, G. selbst 1 Max Heidingsfeld, G. v. Str. als Schüler H.s v. Aue, Rost. Diss. 1886. — G. ist ein selbständiges Formgenie u. nicht ein „Schüler" Hartmanns (Piquet, pass.). Daß er viele Stilist. Mittel mit ihm gemein hat, liegt einmal in der allgemeinen höfischen Sprache u. dann auch in dem unmittelbaren Einfluß, den H. überhaupt auf seine Zeit ausübte. 2 Siehe oben S. 307 f. Hartmann seinerseits schon von Veldeke En. 12613ff. beeinflußt: s. oben S. 80. 143. 3 Die 3 Stilarten s. ob. S. 32. — Bligger hat die zierliche u. glänzende Rhetorik, ihm fühlt sich Gotfr. am nächsten verwandt. 4 Stil. Golther, Tristanb. 176 ff; Piquet S. 332 ff.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 91 —93; Erich 21* Schmidt, Lessing l 3 (1909), 540f.; Firmery S. 108—29; Schönbach, Wien. SB. 140, IV, 90 f.; Ilg, Beitr.z. Gesch. d.Kunst S. 134ff.; Roetteken aaO.; R. M. Meyer, ZfdA. 39, 305 ff.; NOLTE, ebda 52, 61—83 (Epitheta); Singer, Vortr. S. 271; Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. Ems S. 67 ff.; Schölte, Symmetrie in G.s Trist., Festschr. f. Ehrism. S. 66—79; Ders., Neophilol. 9,172—78. — Dissertationen u. Programme: C. Lüth, D. Ausdruck dichterischer Individualität in G.sTr., Progr. Parchim 1881; K. Jauker, Ueb. d. chronolog. Behandlung usw., Progr. Graz 1882; R. Preuss, Stilist. Untersuchungen üb. G. v. Str., Straßbg. Stud. 1 (1882), 1—75; Fr. Bahnsch, Trist-Studien, 324 Die erzählende Dichtung ist der wortwlse, seine eigene Sprache besitzt die zwei ganzen Vollkommenheiten, den Zusammenklang von Wort und Sinn. Er ist einer der größten Wortkünstler der deutschen Sprache. Er hat die zierliche Schreibart durch die Süßigkeit, Fülle, Farbenpracht und durch den berückenden Wohllaut seiner Wortmelodik zur höchsten Ausdrucksfähigkeit gebracht. Seine Sprache ist voll sinnlicher Reize, ein passendes Gewand für die Sinnenfreudigkeit seines Liebesgedichts. Sie ist Musik, rhythmisch in der Harmonie der Maßverhältnisse, melodisch in dem wohltönend fließenden Klang der Laute. Durch die Süßigkeit der Rhetorik besonders ausgeschmückt sind der Prolog 1—242, das Frühlingsfest 534—84, Riwalins und Blancheflurs Minnereflexion 783 — 1074, der Blick auf Tristans trüriclichez leben 1989—2020, die Dichtercharakterisierung in der Schwertleite 4619—4818, der Ausbruch der Minnekrankheit in Tristan und Isolde 11711—12438. In dem Liebesidyll der Minnegrotte 16683 ff. hat G.s Kunst den höchsten Glanz erreicht. In einer Sprache ohnegleichen singt er den hohen Sang von Natur und Liebe. Ein seliges Menschentum der l goldenen Zeit leben die Liebenden in dem feenhaften Minnehaus der Waldwildnis, am lindenumschirmten Quell beim süßen Vogelsang, ringsum lichte Blumen, grünes Gras, Weid und Wonne in Schatten und Sonne, umspielt von sanften linden Winden. Und auch hier neben der reinen Poesie die Gelehrsamkeit: der reich gezierte Minnetempel hat einen tieferen, allegorischen Sinn, der mit grübelnder Scholastik gedeutet wird. 1 Aber in dieser außerordentlichen Sprachbegabung lag für G. die Gefahr des Virtuosentums. Er hat die Sprachmittel des süßen und schönen Stils oft über das geziemende Maß hinausgetrieben, sie werden zu einem Brillantfeuerwerk. Der Inhalt wird Progr. Danzig 1885; Berth. Schulze, Berl. Diss. 1892; M. Heidingsfeld, G. v. Str. als Schüler Hartmanns v. Aue, s. oben; Fr. Krüger, Stilist. Untersuchungen üb. Rud. v. Ems als Nachahmer G.s v. Str., Progr. Lübeck 1896; Gust.Myska, Die Wortspiele in G.s v.Str.Tr., Progr. Tilsit 1898; P. R. Pope, Die Anwendung der Epitheta im Tr. G.s v. Str., Leipz. Diss. 1903; Riemer, Adjektiv bei Wolfr.; K.Stie- beling, Stilist. Untersuchungen üb. G. v. Str. u. seine beiden Fortsetzer, Leipz. Diss. 1905; R. Leistner, Ueb. die Vergleiche in G.s Tr., Leipz. Diss. 1907; L.Hansen, Die Ausdrucksformen der Affekte im Tr. G.s v. Str., Kieler Diss. 1908; Joh. Lorenz, Die Kunst der Einführung der direkten Rede bei den Epikern H. v. Aue u. G. v. Str., 1912; G. Täuber, Die Bedeutung der Doppelfoimel für Sprache u. StilG.s v. Str., Greifsw. Diss. 1912; W. L,eppelt, Der Titulierungsgebrauch in den Redeszenen der Werke G.s v. Str. u. Konrads v. Würzburg, Greifsw. Diss. 1913; Br. Dittrich, Die Darstellung der Gestalten in G.sTr., Greifsw. Diss. 1914; Else Dietrich, Die Sinneswahrnehmungen G.s v. Str. nach dem Tristan, Frankf. Diss. 1919 (Maschinendruck); Wilhelmine Kurtze, Die Natur in G.s v. Str. Tr., Greifsw. Diss. 1921 (Auszug u. Maschinendr.). — Ehrismann, Duzen u. Ihrzen, ZfdWortforsch. 5, 153 ff. u. Bernhardt, ZfdPh. 33, 368 ff.; Schwartzkopff, Rede, Pal. 74 (1909), Reg. S. 146; Wahnschaffe, Enjambement, Pal. 132 (1919); Wiessner, Ruhe- u. Richtungskonstr., Beitr. 26 u. 27; Minna Jacobsohn, Farben, Teutonia 22 (1915); Biese, Naturgefühl S. 106f f.; Ganzenmüller, Naturgefühl, Reg. S. 300. — Grammatik u. Sprachformen: Kraus, Festg.f. Heinzel S. 111 ff.; Zwierzina, Mhd. Stud., ZfdA.44 u. 45, s. Reg.Anz. 26u.27 S.354 u. 350; Paul Rothe, Die Konditionalsätze in G.s v. Str. Tr. u. Is., Hall. Diss. 1895, dazu H. Reis, Lbl. 1896, 75f.; Hub. Badstüber, Die Nomina agentis auf cere, Innsbr. Diss. 1897; H. Zell, D. Adj. bei Wolfr., Hartm. u. G. v. Str., Straßbg. Diss. 1909; Jos. Lesenar, Ueb. d. Einfluß d. Hauptsatzes auf d. Modus d. Nebensatzes in G.s Tr., SB. d. k. böhm. Ges. d. Wis- sensch. 1910 Nr. 3; H. W. Church, The Compound past tenses by H. v. Veld., G. v. Str. and Wolfr. v. E., Journal of Engl, and Germ. Phil. 15(1916), 1—22; NoLTE.ZfdA. 51, 138 —42; v. Kraus ebda S. 301 ff.; Schröder, ZfdA. 53,99 f.; Ders., Gott. Nachr. 1918,411; Schirokauer, Beitr. 47, Reg. S. 124. 1 Siehe oben S. 314,3. § 54. Stil und Technik der Darstellung 325 dann von der Form überwuchert. G. verkünstelt dann die Kunst, er wird spielerisch. Auch im Satzbau offenbart sich der Geist der Schönheit, des feinen, dem Eckigen und Knorrigen abholden Geschmacks. Wohlgefügt und eben fließen die Sätze dahin in gemessenem, nicht überhasteten Vortrag. Die Grundform ist darum die Hypotaxe. Am Abschluß einer Gedankenreihe, oder auch im Beginn, tritt dann leicht ein markierender, kurzer Hauptsatz ein. Besonders beliebt ist die Weiterführung der Erzählung durch Partikeln wie nü, nü. daz, dö, hie mite. Gotfrids Gedankenstil. Durch seine hohe Gedankenkultur wird leicht die schöpferische Unmittelbarkeit beeinträchtigt. „Die intuitive Gestaltungskraft ist nicht energisch in ihm entwickelt", „er besitzt keine starke künstlerische Sinnlichkeit", „eristkeineanschauungsbegabteNatur". SeineBeobach- tung ist mehr auf das Allgemeine gerichtet als auf das Einzelne, er sieht in den Personen die typischen, weniger die individuellen Züge, 1 die Umrisse verschwimmen, die figurenbegrenzenden Linien sind nicht scharf geprägt, die Technik ist malerisch, nicht linear. Ein Überwiegen des Gedankenhaften über die gegenständliche Anschauung liegt auch in der Vorliebe für Reflexionen und Allegorien und in dem Eindringen in die Bewegungen der Seele. Bei der Darstellung von Handlungen ist seine Phantasie oft kräftig und konzentriert, so daß ihm viele Szenen bildhaft und lebensvoll gelungen sind, wie z. B. der Kampf mit Morold, mit dem Truchseß, Tristan bei den Kaufleuten, bei den Jägern u.a. Die Schilderungen und Beschreibungen von Gegenständen (Kleider, Waffen, Kostbarkeiten, höfisches Gepränge), die verhältnismäßig wenig Raum in Anspruch nehmen, ermangeln einer gewissen Sachlichkeit. Doch finden sich zuweilen feine Detailbeobachtungen, und solche dekorative Bestandteile sind oft recht wirksam eingestreut. Meister ist G. in seinen Naturgemälden (Frühlingsfest, Minnegrotte). In ihnen lebt und webt ein unnachahmlicher Zauber von süßer Freude an der Schönheit der Welt. Aber während in Wolframs Parzival die Natur gleichsam in alle Poren des dichterischen Organismus eindringt und die, oft nur gefühlte, Atmosphäre bildet, in der die Menschen atmen, eröffnet G. seinen Natursinn mehr in einzelnen weiter ausgeführten Bildern, während die sonst gelegentlichen Erwähnungen der Natur mehr nur stilistische Motive sind, die zur ästhetischen Staffage dienen. Ein auf Stilistik gegründetes psychologisches Urteil wird dahin lauten, daß die intuitive künstlerische Begabung bei G. starken Einfluß durch seine gelehrte Schulung fand. Schon Thomas 2 hat durch gewisse Stilmittel seiner Sprache einen gehobenen Ausdruck verliehen, aber immerhin steht sie mehr noch auf der Stufe der mittleren oder ge- 1 G. hat so wenig wie sonst ein mhd. Dichter die Kunst scharfer, individualisierender Durchdringung der EinzeTpersönlichkeit besessen (vgl. Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschrift 1,69, s. unt. Nachlr. zu S. 140). aber doch sind seine Personen nicht bloß allgemeine Typen, sie haben ihre Eigenprägung, die ihnen ein bestimmtes Ausmaß verleiht. 1 HEiNZEL,ZfdA.14,362f.370f.; Golther, Sage S. 109 f., Tristanb. S. 178 ff.; Piquet S. 332ff.; PREUSSS.16L 32f. 326 Die erzählende Dichtung <&s mäßigten Schreibart. Parallelismus und Antithese, Wortwiederholung und Gedankenvariation, Anapher, Alliteration, Wortspiele, Sentenzen u. a. hat Gotfrid schon bei ihm vorgefunden, aber er hat diese Stilformen ungemein erweitert und in reichster Ausstattung verwendet. Oft hat er einzelne gehäuft oder mehrere zusammen in einer Gedankenreihe ausgewertet. Dann entsteht ein Spiel mit Worten und Wortspiele oder Wortspielereien sind eine ganz besonders kunstvolle Art der Kolorierung. Die Kenntnisse dieser Redeblumen und die Kunst, sie anzuwenden, hat G. aus seiner gelehrten Bildung, aus der Schulrhetorik, der Ars rhetorica, der zweiten der Septem artes. In der Schulmethode, im Studium der Logik und Dialektik, auch im Predigtstil, hat er das geordnete, systematische Denken gelernt und das technische Schema der scholastischen Beweisführung. 1 Daraus stammt auch das für seine Wortkunst charakteristische antithetische Verfahren. Und damit ist auch die Art von G.s Denken in der Form seiner Sprache abgeprägt. Logisch gemessen bewegt sich G.s Denkweise im dreigliedrigen Rhythmus, zwei Gegensätze werden zu einer Einheit verbunden, aus These und Antithese wird die Synthese, der Polarismus wird in ein Zentrum zusammengefaßt. "• Die Antithese entspricht der polaren Organisation des Gedichtes und ist geradezu ein Ausdruck für die Struktur des Lebensbildes, das G. in sich trägt. Bestimmt ist sie einmal von dem Gegensatz der Lebensgefühle Freude und Leid, die zur Harmonie gelangen im edeln Herzen; und dann von dem Polarismus des Lebensablaufs, das ist Leben und Tod, zur Versöhnung gebracht in der Liebesvereinigung im Tode. Die Gegensätze folgen sich entweder rasch aufeinander wie Stoß und Gegenstoß, von Wort zu Wort oder von Vers zu Vers, oder sie sind weiter ausgeführt in längeren Gedankenvariationen. Die programmgebende Einleitung 45—242 ist großenteils aus einzelnen Antithesen aufgebaut, die den gedankenhaltigen Polarismus des Gedichtes bestimmen: die zwei sittlichen Welten: die Welt, in die min herze siht — ich meine ir aller werlde niht 49—66. Damit ist zugleich der Stimmungsgegensatz liep u. leit angeschlagen, der seine Synthese findet im edeln Herzen: ir sileze sür, ir liebez leit usw. 60ff.; swcere — in fröuden 53 f.; daz entsorget sorgehaften muot79; diz leit ist liebes alse vol 115; daz übel daz tuot sd herzewol 116, ferner 185f. 202f. 204—07. 212f. 221. 232.240. 1294. 1407. 1522. 13079L 13844f. 15232— 235.18008.18327.18991—93. 19484f., besonders stark rhetorisch 11885ff.; fröude — klage 7094—111. 11181; trürec u.frd 13021—34; triure - fröude 11448. 16380; senfte — swoere 11568, ferner 1865f., 18982—84 u. ö.; leitu.linge 2 5071—96. Der Seins-Polarismus leben — tot 3 234f. 237—40. 1505. 1845. 11447.12121.12154f. 18234. 18471 f.; minne—haz 829. 878. 887. 13604f. 18031 f.; übelu. guot 1522. 4524. 7321.9675f. 10272ff. 14342.15344.15699. Anderes: 131-34. 3377—779. 4425 f. 4429f. 11919ff. 12036 f. 17534 f. Gegensatzpaar mit Kreuzstellung: 11826—29. 11919f., auch 30 f. 18001—03. V 1 Vgl. Martin Grabmann, Die Gesch. der scholast. Methode Bd. 2, Reg. unter Dialektik, Logik. 2 Ein Meister der lat. Rhetorik der Zeit war Alanus; bei ihm finden sich die schmückenden Stilmittel der sublimen Rhetorik in Fülle (Ehrismann, Stud. S. 73 ff.). Zum Teil wörtl. Anklänge enthält die preziöse Definition der Liebe in des Alanus Liber de Planctu Naturae, Migne 210, 455: tristities laeta, gaudia plena malis, dul'ce malum, mala dulcedo, sibi dulcor amarus ... suave malum. Diese ganze „Expli- catio der unerklärbaren Natur der Minne" stellt das Wesen der Minne als eine Antithese dar. Ja, der sittlich-unsittliche Grundgegensatz der Minne, Treue u. Trug, der ethische Kern des Tristanromans, ist hier ausgesprochen: estque fides non habuisse fidem 456 A, u. gleich im ersten Verse: Liebe ist fides fraudi juncta. Zu Trist. 11885 ff. vgl. Alan. Sp. 455 C: Miracula multa Cupido efficiens; 456 A: Dulcia pro- ponens assumit amara, venenum Infert. Die ganze Abhandlung über die Liebe, Cupido, von Sp. 454C—461 C ist eine Kritik des höfischen Minnekultus. Jene poetische Darstellung der Liebe mit den Antithesen usw. sei den rednerischen Ausschweifungen der weltl. Dichter (gemeint sind wohl die mittelalterl. lat. Lyriker, die Vaganten, und die Lehrbücher der Schulrhetorik) entnommen: Praevia igitur theatralis oratio joculatoriis evagata lasciviis 456 D. Die Sexta quaestio Alani und die Quaestionis solutio Sp. 454 C—455A haben Berührung mit der Praefatio des Capl. Andreas (Trojel S. 1 f.). 8 Alanus Sp. 455 B mors vivens, moriens vita. § 54. Stil und Technik der Darstellung 327 Die einfache Wort- und Satzantithese ist zur antithetischen Periode erweitert,' wenn die Seelenkämpfe ausgemalt werden, in den so beliebten psychologischen Auseinandersetzungen. Das verworrene Nachgrübeln über den ungewohnten Liebeszwang wirft Riwalin hin und her zwischen trdst u. zwlvel, bis der tröst den sige gewan 869—912. Zorn u. wipheit streiten miteinander in Is., als sie in Tantris den Tristan, den Mörder ihres Oheims, entdeckt, bis in diesem zwlvel diu süeze wipheit an dem zorne sige erstreit 10261—84. Nach dem Minnetrank kämpfen in Tr. Minne und Triuwe und Ere, in Is. herze und ougen 11745—844. Diese Antithesen sind nach ein und demselben Schema gebaut: es wird ein regelrechter Kampf zwischen den beiden Leidenschaften geführt, die wie in einer Allegorie persönliche Gestalt angenommen haben, der mit dem Sieg des einen der Streitenden endet. G.s Gedicht bricht mit der größten Antithese in Tristans Leben ab, mit der Entscheidungswahl zwischen den beiden Isolden 18969—19552. Damit wird, durch Suggestion infolge der Namengleichheit, aus dem treuen Tristan ein ungetreuer. Das Thema dieser ganzen letzten Szenen ist der Streit um die beiden Isolden in dem sinnelosen, verirreten man 19167 t. Innerhalb dieses leitenden Gegensatzes bewegen sich die drei Reflexionsmonologe Tr.s zwischen zwlvel u. stcete 18997—19044. 19145—70. 19258—65. Der letzte, unvollendete Entschlußmonolog 19428—552 bringt mit sophistischer Rechtfertigung die Entscheidung zur Trennung des alten Treubundes. Markes Gemütszustand ist durch das verbotene Liebesverhältnis zu einer dauernden Antithese geworden, zum zwlvel über Schuld oder Unschuld des Neffen und des Weibes, bis sich schließlich das wcenen zum wizzen klärt 13753—846. 15241—83. 18219—34. Diese antithetischen Distinktionen 2 sind oft nach einem bestimmten Schema gebaut (das natürlich nicht überall durchsichtig ist): eine Person (A) erlebt äußerlich oder innerlich ein Doppeltes (B, Objekt + Objekt = a + b), davon werden das eine und das andere jedes einzeln besprochen (zuerst a, dann b), und schließlich werden die beiden getrennten Objekte in eine Einheit (C) zusammengefaßt. Diese logische Denkform der Antithese ist der gleichartige Ausdruck einer dreistufigen psychologischen Auffassung: die Einheit des Bewußtseins (A) spaltet sich in zwei (oder mehrere) intellektuelle Momente (B) und diese vereinigen sich wieder zu einer Harmonie des Seeleninnern (C). Kurvenal quälte die Sorge um Tristan und um sich selbst, die Spannung löst sich im Gebet (Synthese) 2349—72; ähnlich wendet sich Is. wegen ihrer zwei Kümmernisse an den gnädigen Krist 15538—53; höchst schmerzlich ist das Scheiden der beiden Liebenden 18422—604: Tr. floh Marke und den Tod und suchte die tödliche Not (die Trennung von Is.), Synthese: nur durch Ritterschaft kann er von dieser Not genesen 18445f.; Is. kann ohne ihn nicht leben und nicht sterben, sie beide sind allezeit ein Leib und ein Leben, Tod und Leben tragen sie zusammen, Synthese: die Liebe ist es, durch die Tod und Leben zu einer unauflöslichen Einheit zusammengeschmiedet werden; Tr. grübelt, daß er zwei Väter verloren habe, er wird daraus befreit durch den gütigen Zuspruch Ruals 4360—95. Ähnliche Distinktionen 1329—42. 4504—44. 4824—905. 5647—84. 5685—716. (Zwei Menschen haben die gleiche Stimmung, aber aus verschiedenen Gründen 14937—45, ähnl. 15320—28.) Drei erlebte Objekte sind die drei todbringenden Nöte der Blanscheflur 1461—1508, die Möglichkeit der Lösung liegt in der Aussicht auf die Hilfe Riwalins und Gottes 1506—08; über dreifache Not klagt das Volk nach Riw.s Tod, der Abschluß wird hier durch eine weitere Steigerung, diu meiste not, gemacht 1827—45, bald darauf aber spricht der Dichter in versöhnungsvollen Worten (Synthese) den Sinn des Lebens aus 1863—66. Eine andere Art der Unterscheidung (Distinktion) ist die zwiefache Körperlichkeit: eine Person (bzw. daz herze) ist bald hier, bald dort (bei dem Geliebten), Is.: nu bin ich hie u. bin oudi da u. enbin doch weder da nodi hie 18538 ff.; Tr.: mir ist Is. verre u. ist mir 1 Die ausgedehnten Diskurse sind mit ihren Argumentationen schon förmliche Disputationen (Disputatio s. Grabmann 2, Reg. S.578) u. nähern sich der prov. Tenzone, dem Streitgedicht. 2 Vogt, LG. P, 252. 351 f. 328 Die erzählende Dichtung bi 19009. Die Spaltung der Persönlichkeit hat als Gegenstück die durch die Minne geschaffene Einheit zweier Personen; zwei Dinge machen einen Mann 11102—05, vgl. auch 4699 ff. Eine Spaltung einer Person in eine Mehrheit enthält auch die spitzfindige Alle- gorisierung, durch die der einwic zwischen Tr. u. Morold zu einem Kampf zweier Rotten wird, wodurch diese zwei Männer sich verachtfachen 6870—96; vgl. auch 4553—86. 5685 —716. Weniger inhaltliches Pathos hat der bloße Parallelismus 1 ohne Antithese, er wirkt mehr formal. Der Satzparallelismus kann einen, zwei oder mehrere Verse umfassen, die gleichlaufenden Glieder sind oft auch inhaltsähnlich bzw. synonym. In G.s Spracharchitektur tritt er nicht besonders hervor, zum Redeschmuck trägt er nicht wesentlich bei und die Wucht des alttestamentlichen Parallelismus kannte die klassisch-m.alterl. Rhetorik nicht. Beisp.: in einem Vers: sus bäten si'n, er harphet' in 7669, diz wart getan und diz geschärft 7771; in zwei Versen: daz iuwern ören missehage u. iuwerm herzen widerste 7952. Die meisten Vierzeiler der Einleitung 1—44 zerfallen in zwei parallele Paare. Parallele Gliederung des sprachlichen Stoffes gibt auch die Anapher. Sie eignet G.s zugleich überlegend ordnendem und rhetorisch erregendem Sprachgeist, wird aber nicht übermäßig von ihm gebraucht; innerhalb eines Verses: swaz er getete, swaz er gespradi 3744, wis iemer hövesdi, wis iemer fro 5043, auch 5027f.; meist am Anfang mehrerer Verse, mit Formwörtern nü, so, da, dö, Relativum und andern Fürwörtern, Interjektion wie; selten sind Sinnwörter anaphorisch verwendet: ir munt 1315f., klage 1830—33, Minne 17597 f., besonders ausdrucksvoll lameir 11990—92, l'ameir 11998 f. Wie Antithese, Parallelismus, Anapher beruht auch die Doppelformel auf dem Prinzip der symmetrischen Linienführung. Zweigliedrige Ausdrücke gehören zu den wesentlichen Mitteln von G.s idealem Stil. Dem Sinn nach können sie synonym oder antithetisch sein. Sie können zweierlei Wirkung haben, eine intellektuelle zur Betonung des Inhalts, oder eine bloß formal ästhetische zum Schmuck. Sie haben ihren Platz bes. in Reden, Monolog oder Dialog, wo sie leicht die Grundstimmung angeben, und in Schilderungen und Beschreibungen, weniger in der fortschreitenden Erzählung. Eine bes. ausgezeichnete Gruppe sind die alliterierenden Zwillingsformeln wie Hute unde lant. Stammverwandte Synonyma: trüric u. truresam 13429, freislich u. freissam. 13519; franz. u. deutsch s. unten. Wiederholung der beiden Glieder: ouge u. ouge 1083, leit u. leit 14314, bluot u. bluot 15215, daz wunder u. daz -wunder 12214, des wundert u. wundert mich 9233, \va u. wä 10075. 977. 11114. 15201. 16101; Häufung: wan lebete u. lebete u. lebte et dar 2,02. Häufung von Worten artet bei G. fast nie in trockene Aufzählung aus. Die Beziehungen solcher asyndetisch oder dutch unde aneinander gereihten Wörter können verschiedener Art sein: sie verhalten sich wie Einzelheiten zu einem umfassenden Begriff, fallen also unter die Kategorie der Quantität, z. B. als Riw. an Bl. allez (das ganze Gesicht) in Betracht zieht, ir här, ir stirne, ir tinne, ir wange, ir munt, ir kinne 923 f., oder 240 (= die ganze Liebesgeschichte), 795 f. 1737 f. 19354; die Größe des Verlustes wird durch die Häufung klargemacht 1759—62. 7162—64. In den vorhergehenden Fällen wirken die aufgezählten Wörter nur als Teile in Beziehung auf ein Ganzes, es kann aber auch jeder Begriff an und für sich eine Geltung haben, z.B. küßte Riw. die Geliebte tatsächlich gerade auf ir wange, ir ougen unde ir munt 1444. Zur musikalischen Wirkung tragen bes. auch die äußerst zahlreichen Alliterationen bei. Meist werden Zwillingsformeln dadurch klanghaft zusammengebunden, seltener sind sie bei syntaktischen Verhältnissen wie diu senfte süeze sumerzit 544, in dirre wäesten wilde 17077. 17471, der werlde ein wunne 254, tröst ze slner triure 18421. Antithese und Wortwiederholung 2 sind die für G.s Rhetorik hervorragend charakteristischen Ausdrucksmittel. Ergab sich jene aus dem Gedankenbau des Gedichtes, so ist diese nicht eine organische Erscheinungsform der Gesamtidee, sondern eine künstlerische 1 Siehe bes. Schölte aaO. 2 Behaghel, Beitr. 30, 431 ff.; Ehrismann, Stud. S. 59ff. § 54. Stil und Technik der Darstellung 329 Verstärkung einzelner Stoffteile. Diese Blümungsform der Schulrhetorik kann den Inhalt intellektuell (Vorstellung, Anschauung) oder gefühlserregend (Pathos) stärker auftragen. Einmalige Wiederholung (in Doppelformeln), in einem Verse: von spcehem werke spcehen schtn 11135, na dar kom Marke u. kom Isot 15320; in zwei Versen: Ich hän in miner frien hant da her gejäert zwei frliu lant 6969; in drei Versen: (herze) 16382—84, usw.; aus Thomas: lameir — Vameir 11990 ff.; chiastisch g estellt: rieh u. rot des käneges golt, des boten solt röt u. rieh 8896; Wiederholung nicht gleicher, aber stammverwandter Wörter: so haste er doch besunder ein sunderllchez wunder 629, diz tete der lobebare sä lobelidien u. also 2136, scelic—scelde — satlekeit 1218—22. Der Reim wirkt klangverstärkend mit, wenn eines der Reimwörter auf eins der wiederholten Wörter gebunden ist, wodurch Innenreim entstellt: Isöt diu wol gesinnt', diu gesinne küniginne 15473, auch 12593. 16075. Besonders künstlich sind Wiederholungen mehrerer gleicher Wörter in den Eingangsstrophen des Prologs, z.B. guot — werlt — niht — gesdüht 1—4 usw. Oft ziehen sich die gleichen Wörter oder durchschlungenen Wiederholungen wie Leitmotive durch längere Versreihen hin und lassen die durchflutende Stimmung anklingen oder heben die herrschende Idee hervor. Es ist ein Spiel von Lauten und Gedanken, und an solchen Stellen entfaltet G. am reichsten seine Kunst. In solchen Wortspielen ist der Gipfel von G.s blühendem Stil erreicht, zudem diese manchmal noch durch andere formale Schmuckmittel verstärkt sind. Der größte Teil des Prologs 45—242 ist mit Wiederholungen geziert; die Sentenz 276—90 wird unter achtmaliger Wiederholung von schade auseinandergesetzt; in der Festesfreude 585—649 kehrt frö, fröude achtmal wieder, dann viermal sdicene, sdiönheit; der wortlose Jammer der Untertanen beim Tod Riw.s wird durch das fünfmalige Schlagwort leben negativ gekennzeichnet 1729—32; rät, kint, minne durchschlingen sich in zusammen zehnmaligem Auftreten 12431 —38; das Wort sagen wird durch fünfmaliges Wiederholen hervorgehoben, weil es auf die genaue Aussage der bestellten Mörder ankommt 12876—84; triure, trüric, frö, froüde, herze und stammverwandte Wörter durchziehen die ganze Stelle 16361—406; ferner 18041 —54. 18300—70. 19367—84; etymologisierende Wortspiele 1994—2027. 11989-12014. G.s Bildersprache ist nicht banal, Metaphern, Bilder, Vergleiche sind zuweilen eigenartig und klug ersonnen, aber sie entspringen nicht aus einer eigentlich originellen Vorstellungsgabe. Sie tragen am meisten zum Glanz und der Schönheit der Darstellung bei. Entnommen sind die bildlichen Vorstellungen den verschiedensten Gebieten des Menschenlebens und der Natur, viele haben ihren Ursprung in der theologischen Literatur. Die Schönheit ruft in G. den Eindruck des Lichten, Glänzenden hervor: die junge Is. ist die Sonne, ihre Mutter das Morgenrot 8283 ff. 9460 ff., ferner 7295 f. 8283. 8576 f. 9460 ff. 10165. 10889ff. 11010. 11511 ff. 12569L Die Sonne ist das Bild der Freude 253, vgl. 311; sinkende Sonne und Abend bedeuten Schmerz und Tod 313 ff. Schönheit, Freude, Jugend gleichen der Blume und ihrem Blühen 293. 298. 2072. 8309 ff. 11529. 13455 f. 16423. 17568 ff. 17809. 18962. Die Liebe ist ein Feuer (der minne fiur), das entzündet; sie fesselt den Menschen mit Stricken; wer die Liebe eines edeln Weibes besitzt, der hat daz lebende paradis in sinem herzen begraben 18070 f. Die Affekte bekriegen sich gegenseitig im menschlichen Herzen. Leidenschaftsäußerungen sind sehr zahlreich, die des Schmerzes überwiegen die der Freude. Sie bestehen zuweilen in krankhaften körperlichen Zuständen wie Ohnmacht, Mattwerden. Bei den vorwaltenden höfischen Lebensformen ist keine Gelegenheit zu Zornesausbrüchen gegeben. Die Hyperbel begegnet bei den leidenschaftlichen Stimmungen der Personen häufig. Das Formelwesen gehört zur epischen Sprache, wenn es auch im höfischen Stil mehr eingeschränkt ist. G. hat Übergangsformeln, Quellenberufungen, Beziehungen auf vorher Gesagtes u. dgl. mit Maß angewendet, manchmal des bequemen Reimens wegen. Doch liebt er rhetorische Fragen, fingierte Fragen und Einwände der Hörer; Anreden stellen einen lebendigen Verkehr zwischen Dichter und Publikum her. Auf lebhafte Sprechgewohnheit 330 Die erzählende Dichtung deuten die sehr zahlreichen Beteuerungsausdrücke wie weiz got, zewäre, entriawen, be- namen, auf schulmeisterliches Erklärungsbedürfnis das häufige ich meine. In seiner lehrhaften Art benutzt G. gern einen Punkt der Erzählung, um daran eine allgemeine Betrachtung zu knüpfen oder ihn unter eine Sentenz zu bringen, z. B. dö wart diu wärheit wol sdiin des Sprichwortes, daz da giht 5460—62. Viele dieser Sprichwörter hat er aus dem Volksmunde, andere aus der Klosterschule, aber schon Thomas, der gern Sentenzen einflicht, hat ihm in dieser Richtung viel Anregung gegeben. Häufig stellt er einen einzelnen Fall als allgemein üblich hin, oft mit als — sol, wie es sich gehört, als Reimformel auf wol. 1 In der Fülle der Redeblumen, die G. über sein Gedicht ausstreut, um ihm Eleganz und Süßigkeit zu verleihen, treten auch einzelne Worte 2 durch ihre Bildung oder ihren Klang hervor. Er besitzt eine hervorragende sprachschöpferische Kraft, er hat viele eigenartige, ja unerhörte Worte neu geschaffen. Wir können auch die Entstehung solcher neuen, poetischen Wortgebilde in seinen Gedankengängen verfolgen: oft ruft ihm ein Subst. die Erfindung eines stammverwandten Verbs hervor, indem ihm die ihm so wohlgefällige Wiederholung von Wörtern gleichen Stammes vorschwebte: werlt — gewerldet = die Beschaffenheit dieser Welt habend 65, vgl. 44; herze — geherzet wirt, mit einem Herzen ver- sehenll7f.; vgl. 6152. 9228; herze — herzet sich, das Herz eines Mannes annehmen 17984 f.; daz elliu herze entherzet 11892; not— ernwten 12896f.; mare — bemaren 123—25; daz entsorget sorgehaften muot 79; ganz künstlich die Verba wegen u. Stegen zu den Subst. wege u. Stege 37 ff. Kühn sind rein okkasionelle Wortschöpfungen wie sus sint sie alle Even kint, diu nach der Even gevet sint 17965; gisötet = dem Bann der Isolde verfallen 19010; gefranzet ein Rock nach franz. Mode zugeschnitten (Franze 10906) 10909; deutlich bloß des Reimspiels wegen gebildet ist gebeidet gedoppelt, und zwivelte si oudi beide, mit gebeidetem leide 13769 f. — Verbalantithese veranlaßt das Verb widerpflegent gegen pflegent 32, äberüeben gegen Heben 12824 f., widerladien in der Worthäufung lachen 560—72. Andere Neuheiten ergaben sich aus dem Zusammenhang: die Schilderung der Frühlingswonne ruft in ihm das Verb meien (gemeiet) 18094 hervor; zu dem ihm vorschwebenden Bild von der glimmenden Glut der neuen Minne ersinnt er das Verb fiuwerniuwen, mit neuem Feuer entzünden 19049. Das Verb, kampfrehten 11299 ergab sich aus dem Zusammenhang, in dem es sich um einen Rechtskampf handelt, gleich darauf folgt das sonst nicht belegte unrehten c. Acc. 11307; zu den Verben unsinnen 19149, unmceren 14073 werden die Komposita ge- unsinnen 10396 ge-unmceren 14099 gebildet, weil sie im verallgemeinernden Satz mit iemer stehen. — Selbstgebildete oder wenigstens seltene Substantivkomposita 3 oder substantivische Neubildungen, mit senen: sened&re, senedosrln, senegenöz, senefiuwer, senemare, sene- rich u.a.; mit herze: herzeger, herzegalle, herzeric u.a.; erbeminne, erbevater, erbevogetin, erbepfluoc; minnemuot, muoigedcene; vaterwän, wänbruoder; zorngalle, zormcere; wortläge, bickelwort, zabelwörtelin; schädiblic; spilgevelle; lobebrunne; lörschapelekin; wit- weide. Er liebt Wortbildungen auf -wre, -arinne, -sam, -bare, -rieh, Verkleinerungen auf -lin, -el, Verba auf -ieren, Partizipia präs. Die Epitheta wirken in G.s Stilmalerei nur wenig. Am zahlreichsten sind die allgemeinen Attributa guot, scheene, liep, sileze, scelec. Immerhin spiegelt auch der Gebrauch der Beiwörter die Gedankenrichtung G.s wider. Besonders viele sind dem Bereich der Gemütsbewegungen entnommen, und zwar mehr der Trauer als der Freude. Solche, die Eigen- 1 F. C. Lorenz, Ueb. das lehrhafte Element in d. mhd. Kunstepen, Rost. Diss. 1880 S.41 ff. 2 Außergewöhnliche, neugebildete u. übertragene Worte sind die drei Arten des einfachen Wortes, die der Rede Glanz u. Schmuck verleihen: Cicero, De oratore III Cap. 38. Daselbstgibt Cicero das Beispiel ,entherzef, das Gotfr. 11892 ebenfalls eigens gebildet hat; in der m.alterl. Rhetorik „Novitates nominum" genannt, s. Vogt, LG. S. 361 Anm. 1 u. dessen Hinweis auf Kuno Francke, Lat. Schulpoesie S.20. 3 Die Stellen s. im Wortregister von Bech- steins Ausg. Bd. II. Zu gefranzet: Suolahti, Mem. de la Soc. neophll. de Helsingf. VI, 1917, 109 ff. § 54. Stil und Technik der Darstellung 331 schaffen des Intellekts, des schönen höfischen Lebens bezeichnen, überwiegen weit die nur seltenen, formelhaften Heldenepitheta. Nicht stark ist der Anschauungsgehalt der Beiwörter G.s. Einen unmittelbaren Abglanz der neuen, aus Frankreich bezogenen Courtoisie mögen die franz. Fremdwörter 1 darstellen. Sie verstärken das höfische Kolorit des Gedichtes und die Eleganz der Sprache. Viele sind nur einmal gebraucht, andere treten zwar mehrfach auf, aber nur bei bestimmter Gelegenheit, wie l'ameir in dem Wortspiel mit lameir, s. oben S. 328f., fossiure bei der Minnegrotte, die Jagdausdrücke furkie und curte 2924ff.; wieder andere ziehen durch das ganze Gedicht durch, gehören also dem Gesamtwortschatz an. Fremdwortgebiete sind bes. das Minnewesen (amür, l'ameir, amis, amie u.a.); Kampf und Turnier, kriegerische Spiele (bühurt, banekte, baniere, pavelün, leisieren, panieren u.a.); Standes- und Gesellschaftswörter (barün, cumpanjän, cumpanie, massenie) kommen fast nur im Reime vor, verdanken also ihren starken Gebrauch diesem technischen Grunde. Wie geläufig G. diese franz. Courtoisiesprache war, erhellt daraus, daß er zuweilen Worte aus ihr auch vollständig ohne Vorgang seiner Quelle einsetzt. Auch deutsch-franz. Zusammensetzungen hat er gebildet: lantbanier, lantbarun, lantmassenic, minnefossiure, trutamls; franz. Wörter deutsch flektiert: ameiren u. amüren 12069, gebenedlet: gemerztet 3357; synonyme Formeln: bataljen u. striten 385, saldieren u. grüezen 5204, lois u. lantreht 5999. Sehr „curtois" klingt es, wenn ganze Redensarten und Verse eingestreut sind: Tristan, Tr. li Parmenois cum est beäs et cum curtois 3361 f.; .de üs sal, messire Gandin," sprach diu gefilege künigin. „Merzt," spradi Gandin, „bele Isolt" 13137. Besonders sind dies Anreden, Grußformeln, Ausrufe: sire, sire, deu sal 4025, a de, a de 3856. Wohl zum Verständnis für das deutsche Publikum sind solche franz. Phrasen zuweilen übersetzt: „a boneure", sprach daz kint, „mit guote", daz lät also sin 3200; Isöt, fsöt la blande marveil de tu le munde: „Isöt diu ist besunder über al die werlt ein wunder" 12563 ff. Metrik. 2 Schönheit und Ebenmaß ist auch das Grundgesetz für G.s Versästhetik. Im Rhythmus besteht die Tendenz des regelmäßigen Wechsels zwischen Hebung und Senkung (alternierender Typus). Doch ist sie nicht zum Zwang erhoben, vielmehr macht der Dichter von der alten Freiheit der beschwerten Hebung (Fehlen der Senkung, einsilbiger Takt) maßvollen Gebrauch. Die rhythmischen Akzente sind in glückliche Harmonie gebracht mit dem normalen Satzakzent. Die Reime sind ganz rein, kein einziger ungenauer hat sich eingeschlichen. Die stumpfen überwiegen bei weitem die klingenden (etwa zwei Drittel zu ein Drittel); rührende Reime sind verhältnismäßig häufig. G.s feines rhythmisches Gefühl offenbart sich in der Anwendung der klingenden Reime. 3 Die Viertakter haben gegenüber den Drei- taktern eine vollere Form, die einsilbige Kadenz (männlich, stumpf) macht den Versabschluß kräftiger, die zweisilbige (weiblich, klingend) macht ihn 1 Steiner, Bartschs Germ. Studien 2,250— 54; Lobedanz, Das frz. Element in G.s v. Str. Tr., Rost. Diss. 1878; R F. Kaindl, Die frz. Wörter bei G. V. Str., ZfromPhil. 17, 355—68; Ders., Ueb. d. Gebrauch der Fremdwörter bei G.v.Str., Germ. 37,272-80; StiebelingS.63 —70. — Zwierzina, ZfdA.45, 262; Abel, Veraltende Bestandteile (s. ob. S. 268 Anm. 2), ferner oben S 29f. J W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 331; Kraus, Festg. f. Heinzel S. 111 ff.; Ders., Metr. Untersuch, zu Reinbot S. 167—222; v. Kraus, ZfdA. 50, 220ff. 51,301 -78.56,20 ff.; Zwierzina, ebda 45, 298 f.; Schröder, Rittermaeren 1 S. X f.; Nolte, ZfdA. 51, 113—42; Pfannmüller, Beitr. 40, 373—81; Schirokauer, ebda 47, 1 ff. ; Lüth S. 30-33; Täuber S. 51—72. Schallanalyse: Nordmeyer, Journ. of Engl, and Germ. Philol. 13,508—13. Reimbrechung: Glöde, Germ. 33, 357—70; Wahnschaffe aaO. — DieVersbehandl. Hartmanns, Wolframs, Gotfrids: Saran, Verslehre S. 261. 267 f.; Sievers, Rhythm.-melod. Studien, -1912; Kraus, Metr. Untersuch, z. Reinb. S. 221 f.; Pfannmüller aaO. 3 Schröder, Rittermasren aaO.; Nolte, ZfdA. 51, 122—24. 332 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG weicher. Der einsilbige, kräftige Versschluß in seinem überwiegenden Gebrauch eignet mehr dem weiterschreitenden erzählenden oder leidenschaftlichen Vortrag, der zweisilbige, also weichere Ausklang wird mehr zu lyrischem Gehalte passen. So ist es bei G. Verhältnismäßig reich an klingenden Reimen sind 534—84: Maifest (Schönheit der Natur); 17143-264. 17351 —397: Minnegrotte (Natur, Musik); 10889—989 (Schönheit der Frau, dabei Musik); 3561—643 (Musik); 7966—8145 (Musik, schöne Sitte); 4619—850, darauf 4851—905 die Dichterschau (Poesie). Zumeist werden innerhalb einer längeren Reihe von stumpfen Reimen diese von einem oder zwei klingenden Paaren abgelöst. Man fühlt hier die verschiedenen Energien, man empfindet den klingenden Ausgang als weicheren Abschluß gegenüber dem kräftigeren stumpfen. 1 Bloße Reimkünsteleien hat G. nicht, nur in Verbindung mit dem Wortspiel wird der Reim zum akustischen Spiel. Einige Male begegnen vier gleiche oder nahezu gleiche Reime, z. B. 1071—74. 3267—70. 13081—84. Ausgezeichnet durch die Form ist der Prolog mit den elf ein Akrostichon bildenden vierzeiligen, einreimigen Strophen, 2 wobei die Reimworte der beiden ersten Zeilen in der zweiten Hälfte wiederkehren (abab od. baba). Noch viermal begegnen in der Einleitung Strophen: 131—34 (a bab). 233—36. 237—40 (a b b a). 241—44 (zwei Reimpaare). Sie ziehen sich, später ausbleibend, durch einen großen Teil des Gedichtes. Sie sind gedanklichen Inhalts, zusammenfassende Reflexionen über das vorher Erzählte, allgemeine Sentenzen: 1749 —52. 1789—92. 1863—66. 5067—70. 11875—78. 12187—90. 12435—38. 12507—10. § 55. Andere Dichtungen Gotfrids v. Straßburg Rudolf v. Ems schreibt in seinem Alexander 3 Gotfrid einen Spruch vom gläsernen Glück zu. In der großen Heidelberger Liederhs. C steht er unter den Liedern Ulrichs v. Lichtenstein. Nun enthält C direkt vorher, ebenfalls unter Lichtenstein, noch einen anderen Spruch mit dem gleichen Versbau, über Mein und Dein (gegen die Habsucht). Der hier erstgenannte Spruch ist durch Rud. v. Ems als Gotfrids Eigentum bezeugt, und so ist ihm gewiß auch der andere, gleichgebaute Spruch zuzuschreiben. Grammatisch und metrisch stimmen die Sprüche mit G.s Gebrauch überein, stilistisch auch in den im ersten häufigen und zum Teil eigenartigen Doppelformeln. Der Spruch Daz glesin glücke entspricht G.s Lebensanschauung. Das ,edle Herz' jagt nicht dem flüchtigen Glück nach; wie im Tristan liep äne 1 Es handelt sich in diesen Fällen um rein formale Wirkungen, unabhängig vom Gedankeninhalt der betr. Verse, also um einen äußeren, ledigl. melodisch rhythmischen Eindruck, nicht um einen gedanklich symbolischen, wie bei den vorhin aufgezählten, an weichen Kadenzen reicheren Stellen. Diese Unterbrechung stumpfer Reihen durch ein klingendes Paar ist mehr ein stilarchitektonisches Mittel: Einförmigkeit wird vermieden, ein psychologisches Grundgesetz der Aesthe- tik ist beobachtet. 2 Schölte aaO.; Singer, Literis 3,124 f. (G.s Vierzeiler stammen aus d. Lais). 3 MSH. 2, 277. 4, 623; Pfaff, Heidelbg. Liederhs. Sp. 822; vgl. Junk, Beitr. 29, 436. 455f.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 58—63; Preuss S. 25. 71; Plenio, Beitr. 41, 63—65; J. L. Campion, Fortuna vitrea, Mod. Lang. Notes 32 (1921), 438 f. § 55. Andere Dichtungen Gotfrids von Strassburg 333 leit mac niht gesin, so steht im Spruch: vwu.de git den smerzen. Eher als daß wir an Leib und Herz von Leid frei sind, eher findet man das gläserne Glück. Unter G.s Namen (Meister Gotfritvon Straf bürg) stehen in C ohne Absatz aufeinander folgend noch drei Lieder: a) ein Minnelied von 6 Strophen, 1 das auch die alte Heidelbg. Liederhs. A enthält. Aber Stil und Metrik haben nichts von der Kunst G.s, es ist kein Werk von ihm. b) In C folgt darauf ein Loblied auf Maria und Christus, 63 Strophen, das auch, aber ohne Namensüberschrift, in der Weingartner Liederhs. B mit 36, in K (Karlsruher Hs. aus S. Georgen, Perg. 14. Jh.) mit 11 Strophen vertreten ist (jede der drei Hs. enthält Strophen, die sich in den beiden andern nicht finden). Es wurde früher ohne Widerspruch für ein Werk G.s gehalten (Gotfrids Lobgesang), 2 aber ungenaue Reime, wie sie in G.s Tristan unerhört sind und das nicht so ganz sorgfältige Versmaß sprechen gegen G.s Urheberschaft. Es ist die Arbeit eines Nachahmers, der im Stil und besonders im Wortgebrauch stark unter G.s Einfluß steht. Es hat außerdem Anklänge an Konrads v. Würzburg Goldene Schmiede und an Hugos v. Langenstein Martina, ist also am Ende des 13. Jh.s verfaßt, und zwar, worauf mundartliche Merkmale deuten (vgl. auch Str. 7, 5 f.), im alemannischen' Sprachgebiet, wohl in der Nähe des Bodensees. Das Gedicht zerfällt in drei Teile: I Str. 1—8 Von der Gottesminne und Klage des Dichters, daß er in seinen Tagen so wenig der Minne hatte (Sündenklage). Str. 9—11 Übergang zum zweiten Teil: Ankündigung des Marienpreises und Empfehlung des folgenden „Minnesangs". II Str. 12—53 Preis der Mutter Gottes, großenteils in blühenden Mariensymbolen. III Str. 54—94 Preis des Sohnes, des süßen Christ und Gottes (die beiden Personen sind nicht geschieden), der ausläuft in ein brünstiges, mystisch gefärbtes Liebeslied auf den süßen Seelenfreund (reiner sele süeze ämis 85) mit endlos sich wiederholender Anapher „ach". Der Zweck des Gedichtes ist ausgesprochen in Str. 10 und 11: wer sich der Minne ergeben will und lernen will, der Sünde zu widerstehen, der lerne disen minnesanc und vernehme den Preis der Gottesmutter. Str. 1—8 bilden die Einleitung, deren vier letzte Strophen der Dichter selbst eine klage* nennt (5,3. 8, 2. 9,1): sie ist ein Sündenbekenntnis und schließt mit der Bitte um Fürbitte an die tagentridien herzen 8, l. 4 Str. 9—11 leiten zum 1 Heinzel S. 52—58; Plenio aaO. 2 Hgb. von Haupt, ZfdA. 4, 513—55, in 94 Strophen; Abdruck von K: Holder, Germ.21, 416ff.—J.M. Watterich, G.v.Str. ein Sänger der Gottesminne, 1858, dagegen Pfeiffer, Germ. 3, 59—80 u. Freie Forsch. S. 111—48; H. Fischer S. 16—23 (vielleicht Jugend werk G.s); Schröder, Gott. Nachr. 1909, 75. 1917 * 114 f.; Plenio, Beitr. 42, 485; Golther, Tristanb. S. 166; neue Ausg. mit inhaltreichen „Untersuchungen" von Ludw. Wolff, Jen. Germ. Forsch. 4, 1924, wo weitere Lit., dazu Hübner, Anz. 44,75 f.; Sparnaay, Neophilol. 10, 225—27. — Eine Bestätigung für G.s Verfasserschaft sah man in einer Stelle der Gold. Schmiede, 94ff.; aber es ist nur eine Bezeugung der Autorendemut (Gotfr. hätte die Jungfrau besser gepriesen [als ich] ohne jedes Bedenken haben zu brauchen; hete ist Konj., vgl. Rud. v. Ems Willen. 2191). 3 Siehe oben S. 155. * Bezeugnis der Sündhaftigkeit u. Fürbitte ein häufig. Schema in Einleitungen, s. Schwie- tering, Demutsformel S. 1 ff. 70 ff. 334 Die erzählende Dichtung eigentlichen Lobgesang über, zum lop (lop 9,2. 11,5. 12,2.10. 13,1. 14,5 16,8.17,14. 18,9.20,8.10.24,4, dann Str. 38.39. 40. 41. 46. 47), mit Str. 54 wird betont, daß nun der Preis (lop) Christi beginnt (loben Str. 54. 55. 56. 57. 66). Der durchgehende Grundgedanke des Gedichtes ist Minne, mit dem Verhältnis des Menschen zur Gottesliebe wird begonnen, der „Minnesang" ist ein Liebeshymnus auf die Gottesmutter und auf Gott vater herre Krist. 1 Das dritte in C unter Meister G. v. Str. stehende Gedicht ist eine Lehre an die Jugend über die Armut 2 in 12 Strophen, 3 die alle mit der Anrede kint beginnen. Es ist ein Lob der freiwilligen Armut (die willeclichen armen Str. 2. 5), die zu Gott und dem Himmelreich führt, während das Gut von Gott abhält und den Weg zur Hölle bereitet. Gott ist nichts lieber als Demut und nichts beschwert ihn mehr als die Hoffart. — Es spricht nichts dafür, daß das mönchisch asketische Gedicht ein Werk G.s sei. § 56. Deutsche Tristandichtungen nach Gotfrid Der niederfränk. Tristan. 4 1 Perg.bl. vom Anfang des 14. Jh.s in Prag, ca. 159 Verse, entspricht den 236 franz. Versen des Thomas 2194—2430 (fehlt bei Eilh.). Es fällt also nach dem Schluß von G.s Tristan und behandelt dessen letztes Abenteuer, die Begegnung Tristans mit Tristan dem Zwerg, einem jungen mit Tristan gleichnamigen Helden, dem Tristan in einem Kampf gegen einen Riesen und dessen Brüder beisteht, wobei er die tödliche Wunde erhält und worauf er Kaerdin bittet, die arzneikundige Isolde zur Heilung zu rufen. Das Gedicht, gegen Ende des 13. Jh.s verfaßt, war, soviel das Fragment schließen läßt, eine freie Übertragung aus Thomas mit eigen erfundenen Erweiterungen, andrerseits gekürzt, z. T. aber auch wörtlich wiedergegeben. Ob die Übersetzung ein vollständiges ndfrk. Tristanepos war, oder, wie Ulrichs v. Türheim und Heinrichs v. Freiberg Fortsetzungen, nur eine Zuendeführung von G.s abgebrochenem Werk, ist nicht zu entscheiden. Die Darstellung ist trocken und kunstlos und stilistisch nicht von G. beeinflußt. Tristan als Mönch. 6 Ein selbständiges Tristanabenteuer von 2705 Versen, 1 Die Hs. K hat nur 11 Strophen des Marienlobs, B das ganze Marienlob, C alle drei Teile. — Die hohe Stilart des Marienhymnus hebt sich stimmungsvoll ab von den betrachtenden Strophen über die Gottesminne und dem Klaggebet. Der Hymnus setzt ein mit Str. 12, Anrufung der Himmel (vgl. das bibl. audite coeli) und Jesu und damit verbundener Inhaltsangabe: das Lob der süßen Mutter Jesu. Das Lob Christi ist eine Nachbildung des Marienlobs, das in seiner Symbolik auf alter Ueberlieferung beruht (s. LG. II, 1, 209 f.). Wechselt auch somit, der Stimmung entsprechend, der Empfindungston des Ausdrucks, so ist doch der Sprachgebrauch des ganzen Gedichtes einheitlich und läßt keine verschiedenen Verfasser erkennen (L. Wolff nimmt drei Dichter an, oder zwei, deren zweiter zu verschiedenen Zeiten tätig war). Möglich ist, daß der Dichter das Marienlob oder einen Teil davon zuerst verfaßte bzw. allein herausgab (ähnlich wie in K, wo jedoch die vier Anfangsstrophen 12—15 fehlen), und dann erst die übrigen Teile, II und 111, und vielleicht auch das ursprünglich kürzere Marienlob erweiterte. Er mag sich dieses (kürzere) Marienlob (etwa von dem Umfang von K) als erlernbar gedacht haben, wenn man die Worte der lerne disen minnesanc 10,9 buchstäblich auffassen darf. 1 Pfaff Sp. 1208 ff. — Vgl. Pfeiffer, Freie Forsch. S. 146f.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 63. 3 Die letzte, die 13. Str. der Hs., ist unecht. 4 Hgb. von Lambel, Germ. 26, 356—64; Tietz, ZfdA. 25, 248—51, vgl. Bedier II, 60 Anm. 1; Golther, Tristanb. S. 181 f. 6 Hgb. von Paul, Münch. SB. 1895, 317— 427, dazu textkrit. Nachträge 1897, 687 ff. Schoepperle S. 234ff.; Kurt Seick, Metri-> sehe Untersuchungen über d. mhd. Ged. „Tr. als Mönch", Greifsw. Diss. 1911. § 56. Deutsche Tristandichtungen nach Gotfrid 335 steht als Fortsetzung von G.s Tristan in den Hss. R und S, und ist wohl in der 2. Hälfte des 13. Jh.s von einem Elsässer abgefaßt. Quelle war wahrscheinlich ein verlorener franz. Tristanlai, doch erwähnt auch Thomas, daß Isolde befürchtete, Tristan, nachdem er sich von ihr getrennt hatte, könne der Welt entsagen und Mönch werden (Th. 2371 ff.). Die Episode gehört in die Reihe von Tristans Verkleidungen {eine trüge niuwe 930). Tristan, der mit Isolde Weißhand an Artus' Hof gekommen, will die Liebe der blonden Isolde auf die Probe stellen. Er findet im Walde einen toten Ritter und bittet, ohne seinen Namen zu nennen, in einem benachbarten Kloster um Aufnahme, weil er einen Ritter namens Tristan erschlagen habe. Kurvenal bringt den Leichnam des vermeintlichen Tristan zu den Mönchen. Die Leiche wird ins Münster getragen, um beerdigt zu werden. Isolde, durch Kurvenal benachrichtigt, trifft mit ihm im Garten zusammen. Sie stellt sich krank, der Mönch, Tristan, bleibt als ihr Arzt bei ihr bis zu ihrer Genesung. Ins Kloster kehrt er nie wieder zurück. Die Darstellung ist, unbeholfen in Sprache und Metrik, breit sowohl durch Schilderungen als durch Gefühlsergüsse, besonders Totenklagen. In der Auffassung, roh und sentimental zugleich, ist es ein echtes Spielmannsstück. Von G. hat der Verfasser nichts gelernt, auch kaum versucht, ihn nachzuahmen, außer in einigen langen, leeren Wortspielen. Der Prosaroman von Tristrant und Isalde, 1 aus einer Bilderhs. Eil- harts in Prosa übertragen, ebenfalls mit (ca. 70) Bildern geschmückt, war, wie die vielen Drucke zeigen, sehr beliebt. Die beiden ältesten Drucke sind die Augsburger von 1484 und 1498; das 16. Jh. brachte sieben Drucke, dazu den Druck im Buch der Liebe bei Sigism. Feyerabend, Frankf. 1578; das 17. Jh. noch zwei Drucke. Erste Neuausgabe im Buch der Liebe von Büsching und v. d. Hagen 1809, dann in Marbachs und Simrocks Volksbüchern 1839. 1846. — Die alten Ausgaben berichten am Schluß, der Meister von Brytania (d. i. Thomas) habe die Hystori zuerst geschrieben, Filhart von Oberet (d. i. Eilhart v. Oberg) habe sie in Reime gebracht. Die Prosa ist eine ziemlich genaue Umsetzung ihrer poetischen Vorlage, sogar oft unter Beibehaltung von Reimwörtern, mit vielen Erweiterungen, zum Teil zwischengestreuten persönlichen Betrachtungen. Der deutsche Prosaroman wurde ins Dänische übersetzt 2 aus Marbachs Volksbüchern (1839), Kopenhagen 1857. Eine ältere dänische Prosa von Tristrand und Indiana, zuerst 1792 nachgewiesen, dann oft gedruckt, sehr abweichend von der Sage, ist wohl nach einem verlorenen deutschen geschichtlich-galanten Roman des 17./18. Jh.s abgefaßt. 1 Siehe oben Eilhart S. 68 u. Nachtr. — Text- krit. Ausg.: Fr.Pfaff, Lit.Ver. Nr. 152 (1882). — J. Grimm, Leipz. Lit.-Zeitg. 1912 u. Kl.Sehr. 6, 84 ff.; MSH. 4, 587f.; Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tr. u. Is., 1887 (s. auch ZfdA. 26, 18), dazu Strobl, Anz. 5, 227 ff.; Bartsch, Germ. 23,345ff.; Pfaff, Germ.30, 19—55; Gierach S. 3 Anm ; Golther, Tri- stanb. S.23ff.; Ranke S. 253f. 275 — Bober- tag. Gesch. d. Romans II, Reg. S. 209. 2 Golther, Tristanb. S. 247—54. 336 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG Aus dem Wormser Druck lernte Hans Sachs den Prosaroman kennen und dichtete nach ihm fünf Meisterlieder 1551, dann eine Tragedia 1553.* Als der Romantik sich die Wunder der mittelalterl. Welt erschlossen, da feierte G.s unsterbliches Liebeslied seine Auferstehung. Es waren wohl nicht allein „die zauberlichen Wunder und Gesichte", die A.W.Schlegel zu G.s Werk hinzogen, es war ein geheimes Band zwischen den beiden, das war die Macht der schönen Formen. 2 Seine eigene zwiespältige Individualität hat Immermann auch in seinen Tristan hineingetragen, er, der Romantiker und zugleich moderne Zeitmensch, schwerfällig im dichterischen Ausdruck und genial in der Idee. Darum ist Ironie die innere Form eines großen Teils seines Tristan; wie Ariost erhebt er sich launig über die mittelalterliche Romantik, um dann wieder das seelische Leid und die ewige Tragik der vom Schicksal dem Untergang Geweihten in grandios schönen Versen zu besingen. Der Idee der Tristandichtung hat Richard Wagner die vollendete Gestalt gegeben. Er hat die von G. als leitendes Stimmungsmotiv sich durchziehende Todeserotik, das in der Vereinigung des Todes gestillte Liebessehnen, zu einem Ewigkeitssymbol erhoben, zum Aufgehen der erlösten Menschheit in der versöhnten All-Einheit, zum beseligenden Glücksgefühl des göttlich ewigen Urvergessens. 1 Golther S. 254—58; Ranke S. 255—62. 275. — Die Tristandichtungen der Neuzeit: R. Bechstein, Tr. u. Is. in deutschen Dichtungen der Neuzeit, 1876; Golther, Bühne u. Welt 1 (1899), 921-29, Lit. Echo 4 (1901), 162—67, Ges. Aufs. S. 111 ff. 143 ff., u. bes. Tristanb. S. 259-407; Block, Die neueren Sprachen 16 (1908), 65 ff. usw. » Nur der I. Gesang von Schlegels Umdich- tung, 91 Stanzen, wurde vollendet, a. 1800, gedruckt zuerst 1811. ZEITTAFEL 1152—1190 Friedrich I. Barbarossa um 1170 Trierer Floyris „ „ Veidekes Servatius ca. 1170—1173 Graf Rudolf zw. 1170 u. 1180 Herzog Ernst A 1174 Hochzeit zu Cleve um 1180 Eilharts Tristrant 1184 Pfingsten Hoffest zu Mainz zw. 1184 u. 1188 Veidekes Eneide veröffentlicht 1187 Saladin erobert Jerusalem 1189 Kreuzfahrt Barbarossas 1190—1197 Heinrich VI. 1190—1217 Hermann Landgraf v. Thüringen (1182—1190 Pfalzgraf) zw. 1190 u. 1205 Hartmanns Dichtungen um 1190 Hartmanns Lieder, Büchlein nach 1190 Erec 1193 Saladin f um 1195 Tod von Hartmanns Dienstherrn nach 1195 Hartmanns Qregorius, Armer Heinrich 1196/1197 Kreuzzug Heinrichs VI. zw. 1197 u. 1220 Wolframs Dichtungen ca. 1197—1210 Parzival verfaßt 1198-1208 Philipp v. Schwaben um 1200 Morant u. Galie nach 1200 Iwein 1203 Philipp in Erfurt von Landgraf Hermann belagert 1204 Eroberung Konstantinopels 1204/5 Buch VII des Parzival zw. 1205 u. 1210 Ottes Eraclius 1206 Odos v. Magdeburg Ernestus 1208 (119g)—1215 Otto IV. 1209 Krönung Ottos IV. in Rom um 1210 Gotfrids Tristan 1210 Albrecht v. Halberstadt, Ovids Metamorphosen begonnen zw. 1210 u. 1217 Herbort v. Fritzlar, Lied von Troja . 1210 u. 1220 Herzog Ernst B , „ „ „ Moriz v. Craon , 1212 u. 1218 Wolframs Willehalm, später Titurel 1215—1250 Friedrich IL 1215 Krönung Friedrichs II. in Aachen um 1215 Athis u. Prophilias 1217 Landgraf Hermann f um 1220 Heinrichs v. d. Türlin Krone ORTSTAFEL I. ALEMANNIEN-SCHWABEN Schwaben: Hartmann v. Aue; der Gotfrid zugeschriebene Lobgesang (Bodensee); Herzog Ernst F (Prosaroman, Augsburg), Prosaroman von Tristrant (Augsburg). Elsaß: Gotfrid v. Straßburg. H. OSTFRANKEN Wolfram v. Eschenbach (bzw. Baiern): m. RHEINFRANKEN Südl. Rheinfranken: Moriz v. Craon; westl. od. nördl.: Herzog Ernst B; Hessen: Herbort v. Fritzlar, Athis und Prophilias; Wetterau od. westl. Thüringen: Otte; Rheinfranken?: Gothaer Herzog Ernst (D). IV. MITTELFRANKEN Herzog Ernst A, Eilharts Tristrant (Dichter nd.), Veidekes Servatius und Eneide (Dichter niederld.), Morant und Galie. V. NIEDERRHEIN Trierer Floyris, niederfränk. Tristan. VI. THÜRINGEN Graf Rudolf. — Mitteid. im allg.: Albrecht v. Halberstadt (Dichter nd.). Deutsche Literaturgeschichte III 22 338 Nachträge NACHTRÄGE (Die hinter dem Komma stehenden Ziffern beziehen sich auf die Anmerkungen) S. 3,1 Maurice de Wulf, Gesch. d. m.alterl. Philosophie, übersetzt von Eisler 1913; H. Gelzer, Nature. Zum Einfluß d. Scholastik auf den afrz. Roman, 1917. S. 4,2 Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 1, 61 ff. S. 11,1 Burdach, Vorspiel, dazu Max J.Wolff, Archiv 150 (1926) H.3/4, Piquet, Revue germ. 17 (1926), 469—72, Suolahti, Neuphilol. Mitteil. 27 (1926), 207—20. S. 14,1 Knowlton, Journ. of Engl, and Germ. Philol. XIX, 224 ff. XX, 186 ff., Mod. Philol. XX, 309 ff., Mod. Lang. Notes XXXVI, 329 ff. Hans Schulz, Die Landschaft im mhd. Epos, Freiburg. Diss. 1924, Maschinendr. E. Fehrle, Garten, Rose u. Rosengarten im dt. MA., Heidelbg. Diss. 1924, Maschinendr. S. 14, 2 Henrici, Z. Gesch. d. mhd. Lyrik, Jen. Diss. 1876, 35 ff. S. 17,2 K. Breysig, Zukunft 1903 Nr. 27. S. 19,1 Schröder, ZfdA. 63, 128. S. 19, 3 Jessie Crosland, The conception of 'Mesure' in some medieval poets, Mod. Lang. Rev. XXI (1926) Nr. 4. S. 22,1 Zum relig. Element in d. mhd. Lit.: Hedw. Müller, Das Gebet in d. mhd. erzählenden Dichtg., Marbg. Diss. 1924, Maschinendr. S. 24,1 Scherer, LG. 16. Aufl. 1927; Vogt, LG 3 u. Schneider, Heldendicht., dazu Golther, Teuthonista2 (1926) H. 1, Ehrismann, Lbl. 1926, 145 ff., Schwietering, Anz. 46 H. 1; Bibliographie: Stammler, ZfDtschkde. 41, 80 ff. 157 ff. S.27,2 Scherer, Die dt. Spracheinheit, Vortr. u.Aufs., Berl. 1874, 45—70; H. Naumann, Literatursprache,^ Merker-Stammlers Reallex. 2, 264—80. S. 30, 2 Stil: E. Hoffmann-Krayer, Gesch. d. dt. Stils in Einzelbildern, Leipz. o. J. (1926), dazu Günther Müller, DLz. 1926, 2386—88; Behaghel, Zur Technik d. mhd. Dichtung, Beitr. 30, 431—564; E. Wiessner, Ueber Ruhe- und Richtungsconstructionen mhd. Verba, untersucht in d. Werken d. drei großen höf. Epiker, im Nib.lied u. in d. Gudrun, Beitr. 26,367 ff. 27,1 ff.; Fr. Karg, Die Construction änd xowov im Mhd., Beitr. 49, 1—63; Edm. Faral, Les arts poetiques du Xlle et duXIIIe siecle, Paris 1923; Ders., Rom. 49,246 ff. S. 33,1 Fred Bresig, Illustrierte dt. Epen d. 13. Jh.s: Eneit, Parz., Tristan, Münchn. Diss. 1924, Maschinendr.; Mittelalterl. Handschriften, Festgabe f. Herrn. Degering, Leipz. 1926; Bebermeyer, Merker-Stammlers Reallex. 2,158—69. S. 36,1 Th. W. Werner, Lied, ebda 2, 225 f. R. Ficker, Formprobleme d. m.alterl. Musik, ZfMusikw. 7 (1924), 195—213; Ew. Jammers, Unters, üb. d. Rhythmik u. Melodik d. Melodien d. Jenaer Liederhs., ebd. S. 265— 304; Friedr. Gennrich, D. dt. Minnesang in s. Verhältn. zur Troubadour- u. Trouvere-Kunst, ZfdBild. 2 (1926); Fritz Volbach, Handb. d. Musikwissenschaften I, Münster 1926, dazu H. J. Moser, DLz. 1926, 2437—41; Burdach, Reinm. S. 174—82. S. 41,2 Schneider, Festschr. f. Ehrismann S. 117 f. S. 57,1 Die jüngst gefundene lat. Fassung des H. Ernst aus d. 1. Hälfte d. 13. Jh.s (Lehmann, Münchn. Ak. 1926) macht eine Neuordnung des Stammbaums notwendig. S. 66 Z. 2 von ob.: H. E. Müller, Münchn. Mus. 4,122ff. (Lesung). S. 66 Z. 12 von ob.: Ranke, Trist, u. Is., dazu Golther, Lbl. 1926, 344—46, Hübner, DLz. 1927, 14ff., Ehrismann, Anz. 45, 179—81. S. 68,3 Neuere Ansichten üb. d. Abfassungsgeschichte d. Tristandichtg. s. b. Golther, Lbl. 1925, 149 ff. 1926, 344 ff. S. 70,1 Kelemina, Gesch. d. Tristansage, dazu Piquet, Revue germ. 1924, 53—55, E. Faral, Rom. 1925 Okt. S.79 zu van Dam: Fr. R. Schröder, GRM. 12, 316, Jantzen, Literatur 1924, 627f. S. 93, 2 Cecilie Eckler, Der Monolog im älteren mhd. Epos, Gieß. Diss. 1926, Auszug. S. 98,4 Alfred Koppitz, D. Göttweiger Troj.krieg, Dt. Texte d. MA.s Bd. 29, Berl. 1926. S. 133,1 zu Bruce: R. S. Loomis, Journ. of Engl, and Germ. Philol. XXIII (1924), 582—91; K. Malone, The histori- city of Arthur, ebda 463—91. S. 138,1 Foerster, Yvain, Textausg., neueste Aufl. v. Hilka 1926. S. 140 f. Artusroman, Charakterisierungskunst: Panzer, Das ad. Volksepos, Halle 1903; Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 1,70 ff.; H. Brinkmann, ebda 2,735ff.; Fr. R. Schröder, Festschr. Ehrism. S. 105ff.; Werner Kayser, Untypisches i. d. Epik des Mhd., Gieß. Beitr. 1926. S. 141,1 Friedr. Sachse, Ueb. d. Ritter Kei, Berl. 1860, dazu Pfeiffer, Germ. 6, 116 f. S. 147,1 Fritz Kübler, Ulr. Füetrers Yban u. Hartm. v. Aues Iwein, Tüb. Diss. 1924, Maschinendr. S. 150,2 H. Schneider, Merker-Stammlers Reallex. 2, 137—41. S. 152, 1 Jantzen, Streitged., dazu Michels, Anz. 25,155—60. S. 159, 2 Sievers, Sprach- melod. Studien, Leipz. 1901. S. 180,1 A. G. Brodeur, The grateful lion, Publ. of the Mod. Lang. Assoc. 39 (1924), 485—524. S. 190,4 Rank, Inzest-Motiv, 2. Aufl., Wien 1926. S. 199,1 zu Howie: Schröder, Anz. 43, 97 f. S. 205,1 Wiessner, Ruhe- u. Richtungsconstr. aaO. S. 213 Lachm., Wolfr. 6. Ausg. 1926; zu Golther, Parz. u. d. Gral: Rosenhagen, DLz. 1927, 151—57, Blöte, Anz. 45,174—79. S. 222, 2 Leitzmann, ZfdA. 61,49—56. S.223 Nachträge. Berichtigungen 339 Wolfr. u. M. Helmbr.: Pfannmüller, Beitr. 43, 252 ff., Panzer, ebda 49, 150; Nachahmung von Wolframs Stil im Gothaer H. Ernst s. ob. S. 52. S. 225 f. H. F. Rosenfeld, Die Berliner Parzivalfragmente, Festg. f. Degering 1926, 192—202. S. 226 Neues Doppelbl. von Hs. G^: Dollmayr, ZfdA. 58, 222—24. S. 231, 1 Rob. Schäfer, D. Ausdruck d. Empfindungen im 'Parzival' W.s v. E., Gieß. Diss. 1926, Ausz. S. 235, 3: E. K. Heller, Wolfram's relationship to the Crestien Mss., Mod. Lang. Notes 41 (1926) Nr. 8. S. 247,1 zu Cl. H. Bell: Ranke, Anz. 44, 193f.; zu Palgen (S. 248): Blöte, Anz. 42,105—10; M. Selbach, D. Gral im Lichte d. Liturgie, Rost. Diss. 1924, Maschinendr. S. 256,1 Irmq. BOchel, D. Bezeichng. f. psychol. Begriffe in W.s. Parz., Gieß. Beitr. 1925. S. 259 Melitta Gerhard, D. dt. Entwicklungsroman bis zu Goethes 'W.Meister', Heidelberg 1926. S. 263 Stimmung: Burdach, Reinm. S. 126. S. 264,1, Wiessner, Ruhe- u. Richtungsconstr. aaO., Karg, Construction and xoirov aaO. S. 281 Schenkheld, Die Religionsgespräche in d. malterl. dt. erzählenden Dichtung, Marbg. Diss. (Erscheinen angekündigt). S. 298 Emil Schlageter, Reimwörterb.z. G.s Trist., Münchn.Texte, Erg.-Reihe H. 6, 1926. S.299L Gotfr. u. d. Rolandsl.: Schröder, ZfdA. 61, 39f. S. 308,1 Mor. Schittenhelm, Verwendung d. Wortes Cuer im Afr., Tüb. Diss. 1907; zu W. Müller, Seelenschönheit: Günther Müller, Anz. 44, 76 f. S. 332, 3 A. Doren, Fortuna im MA. u. in d. Renaissance, Vortr. d. Bibl. Warburg. 2, 71—144. — Zu S. 133—41 u. 256—64. Nach Abschluß der Nachträge erschien der sehr inhaltreiche Vortrag von Friedr. Neumann, Wolfr. v. Eschenbachs Ritterideal, Dt. Vierteljahrsschr. 5, 9—21, auf den hier noch besonders aufmersam gemacht werden soll. BERICHTIGUNGEN S. 7 Mitte: Trudperter statt Trutperter. | S.50, 3 Reitzenstein : ZfdA. 62. | S. 68 Z. 3 von oben: 15—17. Jh.s, s.S. 335. | S. 71 Z. 1 oben: Namen statt Narren. | S. 82 Anm. 3 am Schluß: Literatursprachen (statt____e). | S. 112 Mitte: Ritterfahrt statt Ritterschaft. | S. 119 letzte Z.: Kehr. | S. 125 Z. 3 von unten: 495 statt 475. | S. 154,4 Soliloquium. | S. 189,5: 119 statt 118. | S. 194,2 hinter Petersen ergänze Joh. Rothe. | S. 199,1 statt 1420 1. 1120; Cantimpratensis. | S. 301,1 Benoit. | S. 302,3 Preuss. REGISTER (Die hinler dem Komma stehenden Ziffern beziehen sich auf die Anmerkungen. Verzeichnet sind diese nur dann, wenn das Registerwort sich nicht schon unmittelbar aus dem laufenden Text ergibt) Aachen 215. 271. 277 f. Abälard 153,4 Abderrhaman, König d. Araber 274 Abenberg 215 Ackermann aus Böhmen 6,3. 11,1.12,3.26,1.33,1.110,1. 152.1. 155,3. 240,2.308,1. 309,2 Acta Sanctorum 274 Adelard v. Bath 3,1. 155, 5 Adelheid, heil. 54 Adelheid, Gemahlin Ottos d. Gr. 41 ff. Admet u. Alkestis 198, 1 Adonis 249,2 Aegypten 113. 198 u. unter Orient Aeschylus, gef. Prometheus 45 Aesopll3. 152; s. Steinhöwel Aethicus, Kosmographie 38. 100 Ainune, mhd. Ged. 314,4 Akrostichon 53.187. 299.307. 332 Alanus, Philosophie 3, 1. 155, 5; Klassizismus 320; Anticlaudianus 13; Deplanctu Naturae 13. 326, 2 u. 3; Di- stinctiones 9,1. 10; Summa de arte praed. 16,1. 207,2 Albanus, Leg. 188,3. 189 ff. Alberich v. Trois-Fontaines, Chronik 124. 274 Albertus Magnus 3,1.8. 19,3; De anima 10 Albertus v. Stade, Troilus 98 Albrecht v. Eyb, Ehebüchlein 188. 189,5 Albrecht v. Halberstadt 13,4. 18. 79,1.80,4.82.93,2. 95. 105.2. 106-112.129,3.206. 277. 314,4 Albrecht v. Magdeburg, Erzbischof 53 Albrecht v. Scharfenberg 224; s. jung. Titurel, Seifrid de Ardemont Alcuin 3,1. 10. 308,1 Alexander: Alexanderlied 24. 49. 78, 1. 80,5. 105. 112,4. 277;Straßb.A1.20.20,3.46,l. 60. 63.67. 80. 80,1. 243,4; Basler AI. 98,4; Iter ad Para- disum 249, 2; AI.-Sage 13. 16. 111,5; Heldentypus 41. 56. 57; AI. in der Dichtung des Hellenismus 106; s. Bi- terolf, Gualterus de Castil- lione, Ulrich v. Eschenbach Alexander v. Haies 8. 10 Alfred v. Sareshel 3,1 Alixandre, Athis u. Prophilias 113. 129,2 Altercatio Carnis et spiritus 153,1 Altfranzösisch: Amis u. Ami- les 113. 198; Bataille, d'Ali- scans s.Wolframs Willeh. u. 235, 1; Bestiaire d'Amour 82, 3; Boeve de Hanstone 58,3.59 f.; Chansons degeste 123. 126. 275; Charroi de Nimes 276. 276,1; Debat s. Streitgedicht; Esclarmonde 58; Fableau 128ff.; La Folie Tristan 69; Garin de Mon- glane 275; Gralromane 240. 247—249.250,1.255; Guill. d'Orange 270, 1. 275; afrz. Heldenepik 60, 1; Huon de Bordeaux 58; Karlssage 123,4. 124; Lais s. unter L; Lancelot 178. 222.249.255; Lieder 235, 2; Mort Artur 249; PapeGregoire 186.188; Prise d'Orange 276; Richars li Biaus 191; Roman d'Eneas 87 ff. 106. 137; Rom.de la Rose 22,1. 152, 1; Rom. de Thebes 111,5. 113. 177, 3. 179, 1. 190,2. 243; Salut 154 ff.; Saune de Nausay 244,4; Tristan, Prosaroman 68; Violier 188; Visio Ful- berti 153; Wilhelmsage 270ff. Die benannten Dichter s. an ihrer alphabetischen Stelle Ambraser Handschrift 127,2. 151. 159. 161. 173 Ambraser Heldenbuch 287 f. Amicus und Amelius 198 Amorbach 216 Anastasius, heil. 122 Andechs, Graf v. 57 Andreas, Priester in Regensburg, Chronicon 54 Andreaslegende 189 Androklos u. der Löwe 180 Anjou, Chronik 235; Fürstenhaus 244 f. Annolied 23, 2.45, 5.67. 80,5 Ansbach 214 Antike, Klassisch 11—14. 44f. 53—55. 82. 127. 129. 132. 136,4.139,2.187.195. 219 f. 309,2. 312,2. 320; s.Vel- deke 86ff.; Herbort 95 ff.; Albr. v. Halberst. 106 ff.; Athis 112ff.; Gotfr. v. Straßburg 320 f. 328 Apollo u. Marsyas 152 Apollonius v. Tyrus 13 ArabischeWissenschaft.Kunst, Literatur 5. 16. 17. 21,1. 33. 44. 64. 70,1. 72. 235. 246; Kaaba 252, 2; s. Abderrhaman, Orient Aravatius, Bischof v. Tongern 84 arbeit 23. 151. 157. 168. 171. 176. 293. 313. 314 Ardo gen. Smaragdus 274 Argonauten 45 Arigo 113 Ariost 336 Aristeas 45 Aristoteles 3,1. 4, 2. 5. 9. 12 Arles 275 Armut, Lehrged. 334 Arnold v. Lübeck, Uebersetz. von Hartmanns Gregorius 187 ff. 286 Artistenfakultät 7, 1 Artussage u. -roman 27. 68. 71.133—141 u.bei Hartmann, Wolfram, Gotfrid Arzt 70. 101. 197. 201. 204. 335;Arzneibücherl98.311,l; Aerzteschulen 203 Ascalon 59. 59, 2. 61 Aschenbrödel 284 Asianismus s. dunkler Stil Athenais, byzantin. Kaiserin 119, 1 Athis u. Prophilias 95. 112— 117. 198; s. Alixandre Aue bei Freiburg 142 Augsburg 215; Druckersprache, Drucke 29. 188,1. 335 Augustinus 3 ff.; De Civ. Dei 9,1. 44,4. 45. 153,4; De doctr. Christ. 207,2; Solilo- quia 153, 1 Augustus, Friedenskaiser 110 f. Aussatz, Sage 197 ff. Äventiure, personifiz. 245, 3 Bänkelsängerlied 50. 56 Bagdad 226; s. Baldac 289 Balder 135,1 Register 341 Balduin IV., Graf v. Hennegau 120 halt 30,1 Bamberg, Dom 45, 7. 52, 2 Bamberger Beichte 130, 1; Glaube u. Beichte 192, 2; Beichtbücher 192, 2 Barbour, Trojanerkrieg 98 Barcelona 274 Basel, Druckersprache 29 Baukunst 33 ff. Beauvais 251 Beginen, Begharden 8 Benedikt v. Aniane, heil. 274 Benediktinerregel 23,4 Benoitv. SainteMore98—106. 129,4 u. 6. 137.302,1 Beratzhausen 215. 277 Bernerweise 56 Bernhard v. Clairvaux (S. Bernhard): Christusmystik 7, De Consid. 10; Pseudo-Bernh. De amore Dei 154, De in- teriori domo 155, 3, über ad Sororem 309,2 Bernhard v. Ventadorn 69, 1 Bernhardus Floriacensis, Trojanerkrieg 99, 1 Berol 68—74 ßerthold v. Andechs, Graf 49 f. 57 Berthold v. Holle 58, 5. 63. 67, 1. 223 Berthold v. Regensburg 211,1 Berthold V.v. Zähringen 142,2 Bettelorden 7 Biblia pauperum 35, 2 Bildende Kunst 33—36; bildliche Darstellungen 78,4. 106. 117,5. 136,4. 225,1 Bilderhandschriften 33 ff. 67. 80, 2. 86. 225. 226. 270.298. 299,5. 335; s. Buchmalerei u. Nachtr. Biterolf, Alexander 82. 111,5 Bligger v. Steinach, Um- behanc 33,1. 132,4. 321. 323 323 3 Bliocadraris 233. 237 f. 244 Boccaccio 99. 113. 167,1 Bodensee 215. 277 f. Bodmer 213. 224 bcese 28, 2. 76. 309 Böse Frau, mhd. Ged. 224 Boethius 308, 1 Boeve de Hanstone, Chans, de geste 58,3. 59 Bologna, Univ. 7,1 Bonaventura 3,1. 8; Solilo- quium 10. 153, 4 Boppo v. Werlheim, Graf 215 Bozen 215. 277 f. Brabant, Ritterschaft 18. 81,1; s. 194,1 Brandan 41,1. 132 Braunschweig, Hof 66; Sage 56, 5 der Bremberger 128; s. Rein- mar v. Brennenberg Brentano, Loreley 135 Breri 302 Bretagne 72f. 138. 302; Ma- tieredeBret. 66. 136 f.; bretonische Spielleute 73. 136; breton. Erzählung 178—180. 249,2; s. Kelten Brief 48 f. 57. 122; s. Liebesbrief Bristol 248 Britannien 133 f. 136; oft bei Gotfr. v. Straßburg; s.Kelten, Thomas Brüder vom gemeinsamen Leben 8 Buch der Liebe 335 Büchlein 155; Hartmanns Büchlein 151—159; daszweite Büchlein 159—161 Buchmalerei 33—36. 228,1. 270.335; s. Bilderhandschriften u. Nachtr. Buckowina 198,1 Bulgarisch: Legende von Paul v. Cäsarea 188 Bußpsalm 61 Byzantinisch: Geschichte 117 ff.; Messe 249,2. 250,1; Liturgie 253; Roman 60 Caesarius v. Heisterbach 134,1. 146,2. 190,5. 199,1 Caplan Andreas 17. 101,3. 137,2. 152.181,2.308,1.309. 311,2. 314,4. 317. 326,2 Carmina Burana 99,1. 101,3. 166,2 Cassiodor, De Anima 10 Catalanisch:VisioFulberti 153 Cato, mhd. Lehrgedicht 130,1 Cham 215 Chaucer, Troilus 99 Chrestien v. Troyes: Leben u. Werke 137f.; außerdem: Cli- ges 129.222; Conte del Graal (Perceval) 233 ff.; Erec 143,3. 161 ff. 220, 4; Ivain 108, 3. 173 ff. 212.310,2; Lancelot 137,2. 178,2; Tristan 69; in Wolframs Willeh.: 277,1; s. Hartmann, Wolfram Christlicher Ritter 16, 1. 53. 170. 196. 254. 279. 282; s. Wolframs Parz. u. Willen. Christusmystik 7 Cicero im MA. 11, 1. 12; De off. 308, 1; De oratore 330 2 Claus Wisse 224. 253,3. 287 Clemens v. Alexandrien 3,1. 19 3 Cleve 81; Gräfin v. 81 f. Clugny 4 f. 17 Cola di Rienzo 11,1 Coluccio Salutati 3,1 Conchobar, irischer König 251,2 Conflictus Aquae et vini 152; Veris et Hiemis 152; Ovis et lini 152 Conrad Gruenenberg 214 Conradus Hirsaugiensis 6, 2. 12,1. 100,5. 111,1. 190,2 Cormac, irischer König 251, 2 Cornelius Nepos, Pseudo- Uebersetzer des Dares 97 Cosdroas, König von Persien 117 ff. Crescentia, Sage 124. 198, 3 Cuchulinn, irischer Nationalheld 136,3. 178,3. 179.249, 2. 251, 2 Cymrisch: Erzählungen 134. 233, 2; Prosa-Parzival 249; s. Keltisch Dänisch: Iwein 173, 2; Trist- rant 335; Trojanerkrieg 98 Dagobert, fränk. König 122 Dante 3, 1. 4, 2. 256,1. 258, 1. 274, 4 David Förster, Uebersetzung des Guido de Columna 98, 4 Demutsformel 18, 6. 23, 2. 79,1.83,2.96,5.104,2.122, 4.127,4. 128,1. 132,3.144, 2. 146,1. 192,3. 197.218,3. 221,1. 299, 5. 321, 2 u. 3 u. 4.333, 2 u. 4; vgl. 210. 218,2 Desire s. Lais Dichtersprache 17. 27—33. 187,2 Dictys u. Dares 95 ff. diemuot, Demut 7. 170 u. oft; ötmütidieit 63 Dienstmannen 15 Diepold Lauber 35. 226. 298 Dietrich v. Bern 55, 3. 56. 77,3 Dipodischer Versbau 91 Disputatio inter Cor et Ocu- lum 154; Mundi et Religio- nis 152 Disputation 281 (Religion); 151. 327,1 (scholast.) Distinctio 95. 99, 2. 266. 327 dörper 17 f. 19.26,1.62.178. 309 Dollnstein 215 S. Dominicus, Dominikaner 7 Dominicus Gundissalinus, De anima 10; De divisione 6,1 Donatus 12 342 Register Drachensage 71 Dribock 271 Druckereisprache 29 Dümmlingsmärchen 119, 1. 238. 239, 2. 246. 250 f. 284; s. Märchen Dunkler Stil 219. 264 ff. 286. 295. 295,1. 323; s. Asianis- mus Durne, Herren v. 216; s. Reinbot Ebernand v. Erfurt 51, 10 Eckart, der getreue 136 edele 308,1; daz edele herze 264. 300. 304. 307 ff. 326. 332; diu edele sele 308, 1 Edgarsage 70,1. 71,7 Egen v. Bamberg 115, 2. 264, 2. 2155, 2 Eglisau 142 Ehe: Rechtshindernis 203; Eheproblem s. Erec, Iwein Eichstätt 215 Eilhart v.Oberg (Tristrant) 18. 18,4. 27,2. 33,1. 39. 40. 63.64.65—78.79,1.81.131, 3. 146, 2. 221. 245. 302. 335 Ekkehard s. Waltharius Ekkehard, Casus S.Galli 41,3 Elemente, vier 280 Eleonore v. Poitou 17. 66. 68, 5. 120. 136, 5 Elfenbeinschnitzereien 78, 4 Eliduc s. Lais Elisabeth v. Vohburg, Markgräfin 215 Empörersage s. Herzog Ernst, Graf Rudolf England.Englisch: Logres 253; Einführung des Christentums 248; Wappen 245, 1; Sagenkunde 70, 1. 284, 1; Euphuismus 265, 2; Disci- plina cler. übersetzt 113,5; Gregorius 186,1. 188; Guy of Warwick 113, 2; mengl. Iwein 173, 2; Sir Perceval 234ff.237f.; SirTristrem 69. 304; Trojanerkrieg 98; ags. Visio Fulberti 153 Enikel, Weltchronik 45, 5. 98, 4. 120, 2. 124,1. 129, 5 Entführungsgeschichte 60 Episches Lied und Epos 275 ere 20. 23,1 u. 2. 47. 62. 63. 76.84. 127. 130. 130,2. 147. 168 f. 171. 177. 194. 201 f. 314 f. 317 u. ö. u. Ehre oft als Rittertugend (75 f. 102. 133—141. 311,1) Erfurt, Belagerung 216; Teppich 78, 4 Ermenrich 222; Sage 70, 1. 71,7 Ermoldus Nigellus 243, 4. 274 Ernst, Herzog v. Schwaben 41 ff. Erziehung, Unterricht 25. 63. 76 f. 117,6. 290. 295. 311 f. 322; Erziehungsroman 259; s. Klosterschule, Schulwesen, Universitäten Eschenbach, Stadt 214 ff.; s. Wolfram Ethnographie 41. 44^58 Etzel 222 Evangelium Nicodemi 248 Exempla 199. 200,1 Fabulistische Quellenangaben 45, 7. 57. 97, 2. 200,1. 235. 277,1 Feen, Feenmärchen 70 f. 73. 75, 1. 135. 138. 168. 179 f. 255 Fescamp, Legende 248, 3 Feudalwesen 15. 17. 193. 314 fidelitas 15 Flandern, bei Mor. v. Craon 132; Ritterschaft 17. 18; s. 194,1 Flore u. Blanscheflur 13. 60. 284; Trierer Floyris 64 f. Florentia, Volksbuch 124,1 S. Franciscus, Franziskaner 7 Franken, Abstammung von Troja 97, 7 Frau Holle 135 Frauenmonologe 148 f. Frauentreue, mhd. Erzählung 128,6 Frauenverehrung, Frauendienst 17. 20.21,1. 22,1.48. 62. 76. 109. 145. 147 f. 162. 171. 203. 256. 261. 278 ff. 297; s. Minnedienst Fraurombach, Wandgemälde 117,5 Freiburg, Münster 33,1 Freidank 4,1. 130, 1. 159, 2. 309 2 Fremdwörter 29 f. 63,3. 64, 2. 78. 82, 3. 132. 268. 295. 331 Freud u. Leid, liep u. leit 64. 160. 194. 208. 260 f. 263 f. 267,2. 285 f. 293. 308 ff. 319. 322. 326. 329. 330. 332 f. Freundschaftssage 112 ff. 198 Friedrich I. Barbarossa 14. 82. 82,2.161,1 Friedrich IL, Kaiser 29. 271 Friedrich L, Herz. v. Oester- reich 18, 5 Friedrich IL, der Streitbare, v. Oesterreich 18, 5 Friedrich v. Hausen 94 Friedrich v. Thüringen, Graf 82 Friesisch 81, 2 fröude, vrö 22. 259 Fürstenlehre, der gute Regent 47. 48. 60 f. 60,1.122,3.134. 193 f. 224. 241. 257 f. 293 Fulco v. Anjou 59, 2 Galfrid v.Monmouth, Historia 68. 71,1. 133 f. Galfrid v. Vinesauf, Poetik 13 Gallicanus cothurnus 264 Ganymed u. Helena 153 Gautier v. Arras, Eracles 119 ff. 221; Ille et Galeron 73,4 Gautier v. Montbeliard, Graf 248 Gebärdensprache 33,1. 35 Geblümte Rede 114 Geistliche Ritterorden 16; s. Wolframs Willeh. Gellone, Kloster 274 üenovefa, Sage 71. 124 genta euer 308, 1 Geographie 45 ff. 100,1 Georg Wickram 82, 2. 107 ff. Gerbert de Montreuil, Perceval 233 S. Gerdraut 188,1 Gerhart Hauptmann, A.Heinrich 205; Versunkene Glocke 135 Gervasius v. Tilbury, Otia imp. 134,1. 275,1 Gesellschaftsdichtung 21 Gespenstergeschichtel67.210; s. Moritz v. Craon Gesta Pilati 248 Gesta Romanorum 113.113,1. 124,1. 188. 189,4. 199,1 Gibichenstein 42 Gildas, Liber de excidio usw. 133 Gisela, Herzogin 41 ff. Giselbrecht v. Lothringen, Herzog 81, 2 Glastonbury, Chronik 248 der von Gliers 150 Gnostisches 247,1 Goethe, Faust 212. 256,1 u.2; Fischer, Erlkönig 135; Geheimnisse 224 f.; Klassische Walpurgisnacht 45, 4; Iphi- genie 205; G. u. d. A. Heinrich 204 f.; Polarismus 310,1 Der goldene Vogel, Märchen 251 Goldhaarige Jungfrau, Märchen 70,1 Goslar, Dom 84 Gotfrid v. Straßburg 297-336; Tristan 300—332; Spruch vom gläsernen Glück 299. 332 f.; s. Loblied auf Maria Register 343 und Christus, Lehrgedicht über die Armut, Minnelied S. 333. — Außerhalb von S. 132-141 und 297—336: Bescheidenheitsbezeugung 144,2; Chronologie 96. 127. 141 f.; Fürstenlehre 193, 2; Menschentribut 180, 2; Sage von Tristan 135. 235, 1; Schwertleite 16,1; Stil 111, 3. 114. 118,1.206. 265 ff.— Q. u. Bligger 321. 323. 323, 3; der Dichter des II. Büchleins kennt G. 159. 161; G. u. Athis 114; G. u. Eilhart 68 ff.; G. u. Hartmann 141 f. 147. 179,1. 180,2. 206. 300. 307 f. 321. 323. 323, 4; G. bei Heinr. v. Freiberg 112,4; G. preist Heinr. v. Veldeke 79. 321 f.; Herbort kennt G. 96.105; der Dichter des Mor. v. Craon kennt G. 132; G. preist Reinmar u. Walther 322; G. u. Wolfram 220 f. 223.236. 265. 267 f. 269. 270. 291. 300. 321. 322 f. 325. — Siehe Die drei großen Meister, Nachtr. Gotisch, Stil, Baukunst 17. 33 f. 136,4 Gottesurteil 70, 1. 124. 184. 301. 307. 315 Gradualismus 4. 23, 3. 283 Graalant (Graelent) s. Lais Graf Rudolf 39. 40. 58—64. 67, 2. 77. 78,1 u. 4. 80, 5 Gral 135,1. 139. 179. 246 ff. u. Wolframs Parzival Gregor d. Gr. 191,1; Dialogi 199,1 Gregor VII 4 Gregor v. Tours 84 Gregorius (Hartmann) 184— 196 Gregorius Peccator s. Arnold v. Lübeck Griechisch: Literatur 152; Roman 13. 106 (spätgriech.); Wundererzählungen 13; eth- nograph. Märchendichtung 44 f.; Philosophie 308, 1; Ritterwesen u. Wissensch. 129; vulgärgriech. Eraclius- sage 119, 1; griech. Kaiser 216; s.Antike Grimmeishausen 179 Griseldis, Sage 124,1. 167 Gualterus de Castillione, Alexandreis 53 Gudrun 94,3. 128,7. 222 f. 245,4. 284. 294. 295,1 u. 2; s. Heldensage Guibert v. Nogent, Abt 134,1 Guido de Columna, Hist. destr. Trojae 98 Guillem v. Cabestaing, Truba- dur 128 Guingamor s. Lais Guiot v. Provins 14. 234ff.; s. Wolfram: Kyot Guitburga = Gyburc 274 Gute Frau, mhd. Ged. 78, 4 Gutleuthaus 198 Guy v. Warwick 113,2 Gydo u.Thyrus.Freundschafts- sage 113, 2 Hansel u. Gretel 136 Hätzlerin, Liederbuch 155, 2 Haidstein bei Cham 215 Haigerloch, Ritter v., (Aussatzsage) 142,1. 200; s. Kunz Kisten er Hakon, Königv.Norwegen68. Diu halbe bir, mhd. Ged. 241,3 Halberstadt 106 ff. Handschriften, Schreiber 18 f. 28. 271, 3; s. Bilderhandschriften Hans v. Bühel, Dyocletianus 198,5; Königstochter 124,1 Hans Heiling 135 Hans Mairv. Nördlingen, Trojanerkrieg 98 Hans Ried, Schreiber 127,2 Hans Sachs, Meisterlieder 68,7. 336; Schauspiele 99. 113. 336 Hans Thoma, Gralsburg 225 Harfenspiel 76,2. 136. 311 f. Hartmann v. Aue 141—212; Lieder 147—150; Büchlein 150—161; Erec 161—172; Iwein 172—184; Gregorius 184—196; Armer Heinrich 196—205. — Außerhalb von S. 132—141 u. 141—212: die neue Kunstform 50. 94; Metrik 30,2; Namen 245; rit- terl. Weltanschauung 23, 2; Stand 25.214,1; Stil 114,6. 223.265.268; Uebersetzungs- fehler 300. — Albr. v. Hal- berst. kennt Iwein 108; Eilhart u. H. 78,4; H. u. Heinr. v. Veldeke 80. 93. 143. 146 f. 163. 206. 323,2; Herbort kennt H. 96; der Dichter des Mor. v. Craon kennt H. 132; H.u.Otte 118; H.u.Wolfram 147. 206. 218. 219. 220. 223. 232. 237. 239,2. 240. 241. 269. — Zitate v. H.s Werken außerhalb v. S. 141—212: Büchlein 114,6.314,4; Erec 109,3. 114,4. 220.232.240. 246. 255.255,1. 263.264,1. 277. 297,2; Iwein 28,2.82,2. 96. 108. 114,3. 130,1. 218. 220. 232. 240. 241. 255. 255, lu. 2. 277. 297,2. 323. Gregorius 286.323; A. Heinrich 96.21 8.323.- Siehe Got- frid, Die3 großen Meister, Nachtr. Hartmann Schedel 54 Heide, der edle 20,1. 262 Heidengötter 279 Heilbringer 139,2 Der Heiligen Leben 188 Heimkehrsage 128 Heine, Loreley 135 Heinrich I., Kaiser 14. 83 Heinrich III., Kaiser 14. 83. 84 Heinrich v. Baiern, Herzog 41 ff. Heinrich v. Braunschweig,Tro- janerkrieg 98 Heinrich I. v. Champagne 137 Heinrich II. v. England 17. 98.2. 136,5 Heinrich v. Freiberg 52,7; Ritterfahrt 112; Tristan 69. 299. 334 Heinrich v. Krolewitz, Vaterunser 57 f. Heinrich d.Löwe56.66.180,1. 187 Heinrich v. Melk 26,1. 80,5. 153,1 Heinrich v. Morungen 22,1. 35.3. 108. 128. 309,2 Heinrich v. München, Welt- chron. 117. 120,2 Heinrich v. Rispach 216 Heinrich v. Sachsen, Herzog 81,2 Heinrich v. Thüringen, Graf 81 f. Heinrich v. dem Türlin, Krone 142. 143. 147. 166,1. 223. 254 2 Heinrich v. Veldeke 79-95; S. Servatius 83-86; Eneide 86—95; Lieder 69,1. 94.— Außerhalb von S. 79—95: Veld. Begründer der neuen Dichtart 18. 39. 50. 126. 206; Begründer der antiken Richtung in Thüringen 111; über Dichtersprache 27,2; Fürstenlehre 193,2; Klage über Entartung des Minnesangs 26; Namen 245; Stil 304; Uebersetzungsart 163; Veld. u. Albr. v. Halberst.110. 110,1. Ulf.; Athis 114,4; Eilhart 67. 67,2. 68,2.69,1. 78,1; Gr. Rudolf 63,4; Heinr. v. Freiberg 112,4; Herbort 344 Register 96. 105. 111; Herz. Ernst 52,6; Mor. v. Craon 129,6. 132; Otte 118. 121; Wolfram v. Eschenbach 79 f. 219 f. 243. 244,4. 246. 275,2. 291. — Siehe Gotfrid, Hartmann, Die drei großen Meister, Nachtr. Heldensage, Heldenepos 32. 77,3. 222. 245 (Namen). 277 f. 284. 294. 295,1; s. Gudrun, Nibelungen, Wolfdietrich Helena, Kaiserin, Wiederfindung des Kreuzes 122 Helena, die geduldige, Sage 124,1 Heliand 18,6 Helinandus, Chron. 251 f. Helmold, Chron. 187,1 Helmschmuck 171,1. 230,3 Hennegau 81,1 Henricus Septimellensis 76, 1 her, Herr, Titel 16. 80. 81. 214. 299,5 Herakleios, byzantin. Kaiser 119,2. (Eraclius 117 ff.) Herbort v. Fritzlar 18. 51,6. 58,5. 79,1. 82. 95—106. 108—112. 114,4.129,6.132. 277. 287,3 Herbortsage 71,7 Heriger v. Lobbes, Gesch. d. Lütticher Bistums 84 Herkules am Scheideweg 152 Herman Damen 107,3 Hermann, Landgraf v. Thüringen 18,5. 81 f. 95 f. 104,1. 107. 216. 221. 271. 271,4. 272. 277 Hermann v. Sachsenheim, Möhrin 58 Hermann v. Zähringen, Markgraf 142,2 Hermannus Contractus, Con- flictus Ovis et lini 152 Herodot 45 Heroldsdichtung 116 vom gegessenen Herzen, Sage 128 Herzenstausch 147,5. 154,3. 194. 208. 209. 310, 2. 313 Herzog Ernst 18. 39—58. 60. 60,2. 67. 277 Hildebert V. Tours, De Con- flictu Carnis et Animae 153,4; Liber mathematicus 190,2. 194,3; Moralis Phi- losophia 13. 308,1 Hildesheim, Urkunden 67,1 Hiob 198,2. 199,4. 201. 212 Hirlanda, Volksbuch 124,1 Höfischheit, Hofsitte, cour- toisie 16 ff. 19 ff. 62. 76. 89 f. 121. 129. 138 f. 181. 280. 290,3. 297. 304. 308. 309. 311.314. 331; s. ritterliches Bildungsideal höher muot 22. 201. 311. 314 Hohes Lied 7 Homer 45. 97. 97,2. 106 Honestum 23,1. 157. 201. 257. 309,1; s. Moralis Philo- sophia Honorius Augustodunensis, Gemma animae 35,2. 250,1; Imago mundi 45. 46. 108,5 Horaz 11,1. 12 Hrabanus Maurus, De anima 10; Declericoruminst.207,2; De Universo 3,1. 45 Hrotsvitha, Gesta Oddonis 43,1 Huchowne, Trojanerkrieg 98 Hugo v. Langenstein, Martina 333 Hugo v. Puiset 59,2 Hugo v. S. Victor 3,1. 155,5. 308.1. 314,3; De sacr. 9,1. 10.309,2; Deunione 154,1; Eruditio did. 6,2; Summa sent. 17, 2 Hugo v. Trimberg, Registrum 12,1; Renner 26,1. 99,2. 140.287,2; Solsequium 199,1 Humanismus des Rittertums 13. 23. 259. 261. 280. 321; s. ritterl. Weltanschauung huote 120. 160 Jacob van Maerlant, Trojanerkrieg 98 Jacobus de Vitriaco, Sermones vulg. 199,1 Jacobus aVoragine, Leg. aurea 199,1 Jagd, Jagdkunde 76. 311. 331; vgl. 89 Jaques Milet, Mystere 98 Jaufre Rudel, Trubadur 22,1 Jean Malkaraume, Trojanerkrieg 98 Jechaburg 107 Jenseitsvisionen 153,1 Jerusalem, Königreich 16. 60. 62. 244 Ilias 45 Immermann, Merlin 225; Tristan 336 Indisch: Märchen 44 Joannes Malalas, Trojanerkrieg 99 Jocundus, Servat.-Leg. 84 Johannes Herolt, Sermones 113 Johannes Rothe 14,2. 26,1. 194.2. 279,2. 299,5. 307,2. 311.3. 312,1 Johannes v. Garlandia 13 Johannes v. Salisbury 3,1; Metalog. 10; Polycrat. 13; Psychologie 3,1 Johanniterorden 16 John Lydgate, Trojanerkrieg 98 joi 309 Jongleur, joculalor 14. 21,2. 73. 275 Joseph v. Arimathia, Leg.248ff. Josephus Iscanus, De bello Troj. 98 Irisch: Sagen u. Märchen 65 — 78. 131,3. 134. 178—180. 249,2. 251,2. 255; Fluchtsagen 71; Prosa-Parzival 249; s. Gotfrids Tristan, Keltisch, Cuchulinn irriu wip 130,1 Isaac de Stella, De anima 10 Isidor, Etymol. 3,1. 10. 45. 46. 54. 97. 246,3 Isländisch: Aeventyri 113,5; Tristanballade 68,7; Trojanerkrieg 98; s. Nordisch Italienisch: Carduino 234; Disciplina cler. übers. 113,5; Marinismus 265,2; Tavola ritonda 69; Trojanerkrieg 98; Visio Fulberti 153 Juan de Matos Fragoso, Drama 189 JuanTimoneda, Gregoriusleg. 188 f. Judaslegende 188,4. 189 Jüngerer Titurel 70,1. 115,2. 212. 224. 267,2.268,6.288. 290,1. 292,2. 294,1. 295,1 Julius Caesar = Julius Honorius 100,1 Der Junker u. der treue Heinrich, mhd. Ged. 188,1 Juvenal 12. 308,1 Kaiserchronik 20. 20,3. 23,2. 45,5. 48,1. 60. 63. 80. 80,5. 117. 118. 119,2. 120. 122. 123,4. 129,5. 245. 277 Kalypso 135. 135,1 u. 2 Kanzleisprache 28 f. Karl d. Große 4. 12. 14. 15. 63. 63,4. 83.95. 123 ff. 127. 274 Karlssage 123 ff. 247,1 Karl d. Kahle 12 Karl Martell 15. 123,4. 274 Karl IV. 29 Karlingen 81,2. 127; Kär- lingischer Kräuterzauber 151. 157 f. 209 Karlmeinet 123 ff. Kaspar von der Ron 56 Kastellan v. Coucy 128 Keltisch: Sage, Märchen, Dich- Register 345 tung 13,3. 21,1. 65—78. 133 ff. 178,3. 181.249 f. 253. 255. 314,3; Diarmaid u. Grainne 71,5. 72; s. Bretagne, Britannien, Irisch, Kornwall, Kymrisch, Wales Kinderliebe 64 f. 284. 289— 295 Kissingen 216. 277 Kitzingen 216. 277; Kitzinger Bruchst. 287 kiusdie 157. 256,1. 259. 282 u. ö. Klage, Die, mhd. Qed. 45,7. 57.147,1; 222; = Hartmanns Büchlein (complainte) 155. 158, l.u.4. 159f.; Wolframs Willen. 116. 285; Loblied auf Maria u. Christus 333; Klagen üb. d. Niedergang der Sitten u. der Kunst 26,1; Klage der Verlassenen 131; s. Totenklagen Klagehelfer 109, 3; Klagetröster 242. 285 Knabenstreitformel 191,3 knappe 15; garzün 171 kneht 15. 161. 177 Köln, Druckersprache 29; Maler 215; bei Mor. v. Craon 132 Königshofen, Chron. 120,2 Konrad IL, Kaiser, s. Herzog Ernst 39 ff. Konrad IV., Kaiser 29 Konrad Flecke 65. Konrad v. Megenberg 10. Konrad v. Würzburg: Metrik 31; Engelhard 113. 141,1. 198; Gold. Schmiede 299. 333.333,2; Herzmaere 299; Klage der Kunst 26,1; Metrik 31; Otto mit d. Barte 48. 141,1; Silvester 198,3; Trojanerkrieg 98f.; Titulierung 323,4 Konstantinopel, Eroberung 216 Konstanz 214 Koptischer Gregorius 189 Kornwall 72 f.; Kumewal bei Eilhart, Gotfrid; s. Keltisch Kosmologie 4,2.12.98.100,1. 280—282 Kress, Nürnberger Patrizier 214 Kreuzlegende 118 ff. Kreuzlied 142. 149 f. Kreuzreden51.118. 280. 315,5 Kreuzzüge 5. 16. 17. 41. 51. 54.119. 119,2. 142.144. 146. 149 f. 161,1. 187. 192. 271. 278,1; s.Graf Rudolf, Wolframs Willeh. Kulturbild 165.171.184.193f. 203. 284 f. 295 Kunegund Hergotin 56, 3 Kunz Kistener, Jakobsbrüder 113. 142, 1. 161,3. 167,4. 198. 200. 298 Kupplerin 118. 120. 121. 181. 183 Laetitia coelestis 259 Laienbeichte 242,3. 258,2 Lais 71-73. 136. 178. 191; Chevrefeuil 73,3; Desire 135; Eliduc73,4. 135,1; Graalant (Graelent) 72 f. 135. 135,1; Guingamor (Guigemar) 73. 135; Lanval 71—73. 135. 135,1; Tristanlai335; s. Marie de France Lamprecht, Tobias, Stargarder Hs. 67,4 Landfrid u. Cobbo 113 Lanval s. Lais Lanzelet s. Ulrich v. Zazik- hoven Laurin 135 Lechfeld 215 ' Legenden s. bes.Veldekes Ser- vatius, Hartmanns Gregorius 184 ff., A. Heinrich 196 ff.; Gral, Wolfr. 247ff., heil. Wil- helm.Wolfr. 274. 293; Joseph von Arimathia 248; Kreuz- findung (Ottes Eraclius) 117 ff.; Fescamp 248,3 Lehenswesen 15 Leib u. Herz, Streit 151 ff. Leib u. Seele 8 f.; Streit 153 f. Leiningen, Graf v. 95 Leopold V. v. Oesterreich 18,5 Leopold VI. v. Oesterreich, der Glorreiche 18, 5. 149 Liebesbrief 52,3. 93,1. 154 ff. 220.268; s. Brief, Büchlein, Wernher v. Tegernsee Liebesconcil 152 Liebeszauber 151 Lied 19. 21; Heinrich v. Vel- deke85.94; Hartmann 147— 151; Wolfram 269, 1. 289. 295—297; Gotfrid 322. 333; s. Minnesang Liederhandschriften 94; Ma- nessesche 33, 1. 35. 80,2. 214. 299.299,5. 332 f.; Hs. A333; Liederbücher 147,6; Liederbuch s. Hätzlerin Limburg, Provinz 80 ff. Liudolf v. Schwaben 41 ff. Loblied auf Maria u. Christus (sog. Gotfrids Lobgesang) 333 Loen (Loz), Gräfin v. 80 Löwe als hilfreiches Tier 180 Lohengrin 135. 224. 255. 295, 1 Lohenstein, Schwulst 265,2 Longinus 247, 1; Longinus- segen 253, 2 Lothringen 17. 81 Lucanus 12. 53. 143 Lucidarius, deutsch 66. 243. 277 Lucius Septimius, lat. Dictys 97, 10. 98 Lucrez 198 Ludwig d. Baier 29 Ludwig VII., V.Frankreich 17. 18, 5. 120 Ludwig d. Fromme 83. 272. 274 Ludwig d. Heilige V.Thüringen 18,5 Ludwig I., Herz. v. Landshut 117,7 Ludwig IL, Landgraf v. Thüringen 81 f.; Ludwig III. 82 Luther 29 Maas, bei Mor. v. Craon 132 Maastricht 80—86. 215 Mabinogion 134.137,1.161,3. 162, 1. 175,1. 233. 246 Macarius, heil. 153 Märchen 69 ff. 134—138. 167. 179. 200.230. 234,1. 239,2. 242. 250 f. 253. 253,4. 254 f. 283 f. 303. 316; s. Dümmlingsmärchen, Gral Magdeburg, Gründung 44 Mai u. Beaflor 117. 124,1. Mainz, Druckersprache 29; Hoffest 14.81 f; Landfriedensgesetz 29 Malerei 34 ff. 215 man = vassallus 15; vgl. 170 Mannentreue 75. 138. 314 f. Manessier, Perceval 233 Marbod, Liber de gemmis 246 Marcus Tatius, dt. Ueber- setzung von Dares u. Dictys 97,8 Marie v. Champagne 120. 137 Marie de France 73,3. 135,1. 136,5. 191; s. Lais Marienlob, frühmhd. Ged. 334 Marner 26, 1 Marokko 132 Martin Montanus, Schauspiel 113 Matfre Ermengau, Breviari d'amor 21,3 Mathilde, Gemahlin Heinrichs d. Löwen 66 Mathilde, Mutter Ottos d. Gr. 43 Matrone v. Ephesus 179 Maximilian I., Kaiser29.127,2 346 Register mäze 19. 90. 105. 133. 144. 147. 164. 168 f. 171. 206. 317,2. Diu Mäze, mhd. Ged. 19,3 Meier Helmbrecht 26,1. 30,2. 57. 92,1. 177, 2 Meister 80. 96. 103. 147; Meister, Titel 80. 107, 4. 299.—Die drei großen Meister 19,2. 23,2. 26.27.29,1. 30. 31.32,3. 92. 114. 132-141. 147. 206. 219. 223. 265. 268. 269. 269,4. 322 f. 331,2 Meister Altswert 58 Meister Hesse 299 Meister Ingold 35, 1 Meistersinger 224 Melusine 135 Menschentribut, kelt.Sage 180 Merlin 135, 1. 248 f.; Immermanns Merlin 225 Meßliturgie 250 Meteorstein 249, 2 Metrik 30—32 und bei jedem Denkmal S. Michael 132 Michael Wyssenherre 56,5 milde, mute 63. 131. 157 u. ö. Minne 20 und in jedem einzelnen Denkmal Minnebote (Doc. Mise.) 309,1. Minnedienst 20,3.130 f. 141 ff. 151. 157. 170 f. 194. 218. 239.2. 261 f. 279. 279,1. 289-295.296.309; s. Frauenverehrung Minnelehre 12. 89. 130. 152. 243. 292 f. 312 Minnesang, Minnelied 13.14,2. 17,1. 18. 20—22. 32. 35. 36, 1. 77, 2. 79,1. 85. 94. 102.3. 147-151. 154,3. 158,4.194.218. 264,1.295— 297. 308,1. 309,2. 311,4. 322. 333 f.; s. Lied, Liederhandschrift Minnetheorie, Minnedoktrin 21—23. 131. 137,2. 279,1. 313. 317—319 Mirakel 84. 85. 199 Mittelfränkische Literatursprache 66 f. 82 f. Mönch Felix, mhd. Ged. 197,1. 206 Mönchsgelübde 16. 24 Monpellier 197. 274 Moralis Philosophia 12.13,1. 23, 1. 157. 308,1. 311,1. 315,3. 316; Moralis Theo- logia 23, 1. 193. 312,2; s. Hildebert v. Tours, Honestum Moraliteit 311 ff. 316.318.322 Morant u. Galie 18. 95. 123— 127 Moäaen s. Niederländisch Der edle Moringer 128 Moritz v. Craon 94. 95. 96, 7. 127—132. 309,1. 314,4 Mummelsee 179 Musik 19. 36.311.332; s. Harfenspiel, Nachtr. Mystik 27. Narbonne, Schlacht 272 ff. Natur, Landschaft 14. 85. 89. 91. 100.102 109 148. 152,4. 161. 172. 179. 210. 230. 267. 311. 323,4. 324. 325. 329. 330. 332 Necrologium S. Galli 43 Neidhart 222. 277 Nennius 133 Neuplatonismus 9. 12.308,1; s. Plotin Die neutralen Engel 253, 1. 257 2 Nibelungen 30.45, 7.60.78,3. 131,3.135.135,1.140.177,2. 191,3. 222.243.243,5. 244. 277. 294 f. 309, 2; s. Heldensage, Volksepös Niederdeutsch 24, 1. 27, 1. 28. 66. 81,2. 187,2; Prosa- Trojanerkrieg 98 Niederfränk. Tristan 68. 334. Niederländisch: 81, 2; Mo- riaen 237. 244; Prosa-Parzi- val 249; Seghelijn van Jheru- salem 122,2.190,2; Trojanerkrieg 98; Volksbuch von der unschuldig verleumdeten Königin 124 nigromanzl 234, 3; s. 103 Nördlingen 215. 277 Nordisch: Erex Saga 161,3. 162, 1. 166,4; Iwein 173,2; Parcivalssaga 233; Tröjuman- na-Saga 98; s. Dänisch, Isländisch, Norwegisch,Schwedisch Norwegisch: Tristramsaga 68. 304. 305. 307; Visio Fulberti 153 Novaleser Chronik 274,3. Nürnberg, Druckersprache 29; s. Kuneg. Hergotin, Sand Oberg, Dorf 66 Obernau 142 Octavianus, Volksbuch 124,1 Odenwald 216 Odilo v. Clugny, heil. Adelheid 54, 3 Odo v. Ciringtonia, Streitged. 152,4 Odo v. Magdeburg, lat. Er- nestus 53 Odysseus 45. 53: 135 Oedipus 188—190 Orange 272 ff. Orbieu, Schlacht 274 Ordericus Vitalis, Kirchen- gesch. 274 Orendel 18.60. 120,2. 190,2. 270,1 Orient, Sarazenen usw. 5.16. 44 ff. 64. 219. 222,1. 226. 228. 246. 250. 262; Fabuli- stik, Sage 16.41.44.69.113. 119. 120. 198. 247,1. 284; s. Araber, Athis u. Proph., Graf Rudolf, Herz. Ernst, Trierer Floyris, Wolframs Parz. u. Willeh. Orleans 272 ff. Oswald, mhd. Ged. 18. 49,1. 50, 4. 60 Otfrid 18,6. 23,2. 31,1 Otte, Eraclius 27,2. 51,6. 95. 96,1.117—123.129,3.147,1. 221 Otto d. Große 41 ff. 83 Otto IL, Kaiser 83 Otto IV, Kaiser 271. 277 Otto v. Freising, Chronik 118. 120. 122 Otto mit d. Barte, Sage 43,1; s. Konrad v. Würzburg Ottokar, Reimchronik 50,3 Ovid 11,1. 12. 13. 22. 53. 80. 93. 96. 98. 99. 100,2. 101,3 u. 4. 143. 187. 306,1. 307.308,1. 309, l.u. 2.314,4. 320. 321; s. Albr. v. Halberstadt 106—112 v. Ow., Freiherren 142 Paris, Universität 7,1. 96 Parodie im MA. 152,1 u. 6 Passional, mhd. Ged. 120,2 Perronik, breton. Sage 249,2 Persisch: Sage 60,2; Roman v. Wis u. Ramin 70,1. 71,5 Persius 12 Petrus Alfonsi, Disciplina cler. 113. 199,1. 308,1 Petrus Blesensis 76,1 Petrus Lombardus 3,1. 155,5; Sentenzen 10 Philipp Colin 224. 253,3. 287 Philipp v. Flandern, Graf 137. 233 Philipp v. Schwaben, König 216 Phokas, byzantin. Kaiser 118 ff. De Phyllide et Flora 152 Physiologus 106. 243. 246 Pikten 72. 133 Pilatus, mhd. Leg. 114,6 Pindarus Thebanus 97. 99 Planeten 280 f.; Planetennamen 246 Register 347 Plantagenet 244 Plastik 34 ff. Plato 9. 12.308,1 Pleier 223. 314,4 Pleinfeld 214 Plinius 45. 198 Plotin 9,1 Pönitenzgedichte 155,3 Poitiers, Schlacht 274 Polnisch: Gregor 188 Portugiesisch: Prosa-Parzival 249 Predigtmärlein 199 Preziösentum, franz. 265,2 Prosachronik der Päpste und Kaiser 120,2 Prosaroman: Herz. Ernst 55; Tristrant u. Isalde 68 f. 335 u. Nachtr.; nd. Prosadruck des Trojanerkriegs 98,4 Provenzalisch: Literatur 17. 21, 1. 22,1. 245; der Pro- venzäl (Kyot) 234f.; trobar clus 265; s. Tenzone, Tru- badur Psychologie 8 ff. u. sehr oft Publilius Syrus 321 Püterich v. Reicherzhausen 58. 85 f. 214. 299 Quadrivium 6. 7, 1. 194,3; s. Trivium Quedlinburg, Stiftung 83 Raoul le Fevre, Trojanerkrieg 98 Rechtlosigkeit zur Ritterschaft 194,3 Rechtsgeschichte, deutsche 14,2 Regensburg 42. 46. 54. 215; Wandteppiche 33,1. 78,4 Reimprosa 54 Reinbot v. Durne, heil. Georg 30,2. 223. 270 Reinfried v. Braunschweig 44, 4. 57. 223 Reinmar v. Brennenberg 128; s. Bremberger Reinmar v. Hagenau 18. 22,1. 57,2.67,2.77,2.93,2.108,4. 143.149f. 150,4. 221 f. 230,3. 265,1.268,4.309,lu.2.322 Reinmar v. Zweter 57. 265,1. 308,1 Religionsgespräch 152. 242. 272. 277 Remiremont, Kloster 153 Renaissance, mittelalterl. 53 Repgauische Chronik 98, 4. 120,2 Reuner Relationen 199, 1 Rhein, bei Mor. v. Craon 132; bei Wolfram 215. 277 Rheinische Artusdichtung 146, 2 Rhone 215. 275. 277 Rhythmischer Satzschluß 30,2 Rhythmisch - Melodisches 232,4. 270. 331,3 Richard Wagner, Parsifal 225. 247,1; Tristan 316. 336 Riesischer Helfer 284 riter, ritter 14. 17 f. Ritter v. Staufenberg 135 Ritterliches Lebensideal.Ritter- lehre 16,1. 24. 27. 62. 73 f. 89—91. 130. 139. 145. 146. 168 f. 171. 177. 181. 192. 194,1. 201. 227. 258. 259.' 262. 279 f. 293. 315. 323; s. Fürstenlehre, Höfischheit, Honestum Ritterliches Tugendsystem312. 315 Ritterliche Weltanschauung (Einheit von Welt u. Gott), Humanismus des Rittertums 9 f. 19—24. 76. 144. 148. 150. 157 f. 161. 171. 172. 181. 193. 200. 201. 202. 202,3. 204. 256. 259 f. 261. 279.280—282.309.311.316. 322 Ritterorden 16 Ritterschaft, ihre Geschichte 127 ff. Ritterschlag 16,1; vgl. 15 f. Ritterstand 14 Rittertum, internationales 16; Rittertum — Mönchtum 16. 195 Ritterweihe 15; s. Schwertleite Ritterwürde 194,2; s. Johannes Rothe Robert, norweg. Mönch 68 Robert v. Boron 248 ff. Robert d. Teufel 270,1 Robert v. Torigny, Artusromane 137,1 Robertus Pullus, Sentenzen 10. 190,2 Rolandslied 18,6. 20.24. 49. 60. 61. 63. 63,4. 80. 105. 125. 139. 254. 275, 2. 277. 280, 2. 282 Romanischer Stil 33 ff. Rosengarten, mhd. Ged. 135 Roßstall in Franken 42 Rother, rheinischer Spielmannsstil 18. 39. 47 f. 49 f. 64. 67. 127. 284 Rudolf v. Burgund, König 42 Rudolf v. Ems 12, 2. 13,2. 23,2.25,1.79,1.99,2.218,3. 264, lu. 2. 268,5. 280,1. 308,1. 321,3. 323,4; Alexander 45, 5. 80.144, 2. 147. 265. 267. 299. 332; Barlaam 23,2; guter Gerhard 44. 48. 310,2; Weltchronik 97,2. 98,4.246,3; Willehalm 23,2. 26,1.79,1.144,2.147.161,3. 299.309,1. 323,2; Stil 114,6. 223. 267 Rudolf v. Habsburg 26. 29 Rudolf v. Schlüsselberg, lat. Novelle 198,1. 200. 200,1 Rümoldes rät 222 Runkelstein, Wandgemälde 78,4 Ruodlieb 20,3 Ruprecht v. Tegernsee, Abt 49 Russisch: Andreaslegende 189; Eracliussage 119, 1; Gregorlegende 188 Sachsenspiegel 27, 2. 30, 2. 33,1.58,5.67,1.82,3.99,3. 107,5 scelde, saslec 22. 139.157. 171. 194. 209. 292 f. 329 u. ö.; Scelde u. Sre 139. 181; scele- keit 169. 209. 329 Sagen s. Artussage, Aussatz, Boeve, Braunschweig, Cres- centia, Dietrich v. Bern, Drachensage.Edgarsage, Empörersage, Ermenrich, Flore, Freundschaftssage, Genove- fa, Gral, Griseldis, Gydo u. Thyrus, Heimkehrsage, Heldensage, Helena (die geduldige), Herbortsage, vom gegessenen Herzen, Herzog Ernst, Longinus, Oedipus, Otto mit d. Barte, Parzival, Schwanritter, Tristan, Troja, die unschuldig verleumdete Königin,Vassallensage,Volks- sage,Werbungssagen,Wieder- gänger.Wilhelmsage; s.Irisch, Keltisch Saladin 150 Salerno, Schule 7,1. 197; s. Armer Heinrich SallustiusCrispus (Pseudo-)97 Salman u. Morolf 18. 60. 64. 73 Salomo et Marculfus 152, 1 Salomo u. die Minne 94; Sa- lomos Bett 132; Salomos Weisheit 132 Samarkand 284 Sand, Stadtteil in Nürnberg 215. 277 Sant Gerdraut, Prosalegende 188,1 Schachspiel 311 Schicksalstragödie 117. 195. 316 348 Register Schiff, das auf dem Lande fährt 127 ff. Schiller, Begriff der Schönheit 317,2 Schlegel, A. W., Tristan 336 Schmalkalden 172 f. Schönheitsideal 35 f. 141.170. 230 3 Scholastik 5. 12. 17. 23,1. 314; Methode 152,2. 153. 155,5. 156. 160.211,1.281. 319. 324. 326; s. Disputatio, Distinctio Schondoch, Königin v. Frankreich 124,1 Schopenhauer 316 Schriftsprache,Dichtersprache, mhd. 27—30 Schule, Kloster-, Dom-, Stiftsschule 6 f. 25. 96. 143 f. 154,2.185. 190,2. 193 ff. 300 Schulunterricht, Schulerziehung 6. 117,6. 152. 218. 311; Schulmethode 207. 320,1. 326.329; Schulpoesie 11,1. 100,1. 330,2 Schwaben 39 ff. 143.203. 215 Schwanke 27. 131 Schwanritter, Sage 244,5; s. Lohengrin Schwarzenberg, Teppich 78,4 Schwarzwald 215. 277. 290 Schwedisch: Gregorius 188; Iwein 173,2; Skokloster 95; Trojanerkrieg 98; s.Nordisch Schweiz, älteste dt. Urkunden 29 Schwertleite 14. 15f. 16,1. 76. 122. 301. 307. 312. 315. 321. 323 Schwertsegen 279. 281 Scolaris 96 Scotten 133 Sedulius Scottus, Streitged. 152,4 Seege of Troye, mengl. Ged. 98 Der Seelen Trost 113. 198. 199,1 Segher, holländ. Trojanerkrieg 98 Seifrid de Ardemont 224; s. Albrecht v. Scharfenberg Seifrid Helbling 26,1 Seneca im MA. 11; Episteln 308,1 Serbische Volkslieder (Findling Simeon) 188 S. Servatius (Veldeke) 83—86 Shakespeare, Troilus u. Cres- sida 99 Sibeche 222 Die sieben freien Künste 6. 12. 96. 326. Die sieben weisen Meister 198 Siegfried 60 (Siglind). 251,2 Sigismund Feyerabend 335 Silvesterlegende 23,2 (Trierer Silv.). 198. 277 (Kaiserchr.) Simon v. Capra aurea, Trojanerkrieg 99,1 Sindbad 44. 46 Solinus 45. 246 Spalbeke, Dorf 80 Spanisch: Disciplina cler. übersetzt 113,5; Prosa-Parzi- val 249; Trojanerkrieg 98; Prosaroman v. d. unschuldigen Königin 124; Gongo- rismus 265,2 Spanische Mark 274 Spessart 216. 277 Spielleute, Fahrende, Spielmannsdichtung 18. 24. 27. 30. 39. 49. 56. 60. 64. 65— 78. 105. 126. 127. 131. 136. 266. 275 f. 283. 302 ff. 317— 320. 335; s. Rother Spruchdichtung 27; Vom gläsernen Glück, Mein u. Dein (Gotfrid) 332 f. Statius, Achilleis 96; Thebais 111,5. 190,2 Stauten, Partei 217 Steiermark (Stire) 215. 217. 243. 277 Steinhöwel, Aesop 113 stalte, unstcete 22,1. 103. 130 f. 148. 151. 157. 177. 257 u. ö. Stichomythie (rasche Wechsel- rede) 93,2. 94. 115. 123. 132. 132,5. 151. 158. 209. 265,4 Stil 32 f. und bei jedem einzelnen Denkmal Stil, der süße neue, 308,1 Stilarten, die drei, 32. 223. 265. 323,3; s. Asianismus, dunkler Stil Stoizismus 93 Straßburg, Druck 188,1; Druckersprache 29 Streitgedicht 146. 151 ff. Stricker 26,1. 123,4. 309,1 Südslavischer Trojanerkrieg 99 Sulpicius Severus, Hist. sacra 84 Tänze 216 Tageliedl02,3.295-297 (Wolfram) Taillefer 284 Tannhäuser 128. 135 Tausend u. eine Nacht 44 Templerorden 16. 254 Tengen, Herren v. 142 Tenzone, prov. 152,1. 327,1 Thebenroman, Roman de Thebes, s. Altfranzösisch, Statius Theodosius II., byzantin. Kaiser 119,1 Theokrit 152 Theseus u. Oenone 71 ThibautV., Graf v. Blois 120 Thomas v. Aquino 3,1. 6. 8. 308,1 Thomas Cantimpratensis 10. 199,1; s. Berichtigungen Thomas (von Britanje) s. Eilhart 68ff.; Gotfrid 300 ff. 335 Thomasin, Wälscher Gast 33,1. 35,2. 76. 124,3. 140. 181,3. 192,4. 256. 299,2. 308,1. 309,1. 315,2. 322,2 Thüringen, Hof 18. 40. 81. 111. 216. 221. 242. 264,1; Tänze 216; Wappen 104; s. Hermann, Landgraf v. Thür. Tiraden, franz. 275. 287 Tirol, Lehrged. 224 Tischleindeckdich 251 f. Titurel, s. Wolfram 287—295; s. Jüngerer Titurel; Titurel- strophe auch 224 Toledo 234 f. Toleranz 20. 61; s. Wolframs Willeh., bes. 272. 276. 281 f. Tongern 83 f. Totenklagen 60. 77. 87. 94. 100. 105. 106. 116. 147. 149 f. 166. 277. 285. 292. 335 tougen minne 20,3 Treue, triuwe, fast in jedem Denkmal Treueid 15. 158 Trierer Floyris 18. 39. 40. 64 f. 67. 77 Trierer Silvester 23,2 Trinität 280 f. 310,2; Trini- tätsformel 10 Tristitia coelestis 261 Tristan: Eilhart 65—78; Gotfrid 299—332; niederfränk. Tristan 334; Tristan als Mönch 334f.; Tristanlai 335; Prosaroman 335; Tristan u. Isolde als typisches Liebespaar 64. 65; Tristan u. Rennewart 284 Trivium 6. 7,1. 194,3; s. Quadrivium Trojanischer Krieg: Herbort v. Fritzlar 95—106; Göttweiher Hs. 222,2; Epenstoff 111,5; bei Mor.v. Craon 127. 129. 129,4 u. 6; Sage 13. 97 ff. Trost in Verzweiflung, früh- mhd. Ged. 154 Trouvere 14. 36,1. 308,1 Trubadur 17. 21. 21,1 u. 2. 22,1. 36,1. 128,3. 308,1. 309,1 u. 2 S. Trudperter Hohes Lied 7 Tschechisch: Tristram 68. 69; Trojanerkrieg 98; Visio Ful- berti 153 Tübingen 215. 277 Türkisch: Eracliussage 119,1; Prinz Karisme 44 tugent 19. 314f.; Tugenden: s. die einzelnen Denkmäler, außerdem einige in diesem Register verzeichneten Tugend wie ere, State, zuht u. a. Tundalus 153,1 Uliland, Ernst, Herzog v. Schwaben 55 Ulrich Füetrer 58. 173,2. 224. 299; s. Nachtr. Ulrich v. Eschenbach, Alexander 52,7. 58 Ulrich v. Gutenburg, Leich 65. 114,6 Ulrich v. Lichtenstein 155,3 u. 4; Frauenbuch 26,1.309,1. 332; Frauendienst 131,2. 140,1 Ulrich von dem Türlin, Willehalm 224. 271,3. 275,2. 286. 287 Ulrich v. Türheim, Rennewart 224. 271,3. 286.287; Tristan 69. 131,3. 177,2. 299. 334 Ulrich v.Zazikhoven, Lanzelet 45,7. 51.79,1.112,4.136,3. 138.141.147,1.179,1.180,2. 221, 251,2 Undine 135 Wnhöfische Wörter 132. 206. 268; s. veraltete Wörter Universitäten 7 Die unschuldig verleumdete Königin, Sage 124 Die untergeschobene Braut 71. 77 Uote 222 Urkunden 29 Vaganten 50.152.320.326,2; Vagantenstrophe 152. 153. 158,5 Vassall 15. 62. 186. 262 Vassallensage 273 Vaterrache 234,1. 251 Venusberg 136 Veraltete Wörter 30. 132. 206. 268; s. unhöfische Wörter Register Der verbauerte Edelmann 171. 177 Vererbung, angeborene Natur 196. 219. 258. 319 Vermählung als rechtlicher Akt 203 Verwandtenzwist 273 Vespasian, Kaiser 248 Vincenz v.Beauvais, Speculum hist. 199,1; Spec. nat. 10 Vindicta Salvatoris 248 Vintler, Geschlecht 78,4 Virgil 11,1. 12.53.143.320; Aeneis 13,3. 80. 86—95. 99,2. 106. 111,5. 321; Ek- logen 110,1. 152 Virginal 222,2 Virgunt, Wald 215. 277 Visio Fulberti (Philiberti) 153. 155 Visio S.Pauli 153,1 Visio Tnugdali 251,2 Vita S. Pauli Aureliani 72 Vitae patrum 199,1 vlwmen 18 Volksbücher 124,1; H. Ernst 55; Gregorius 188; heil. Wilhelm 286; Tristrantu. Isal- de 335 Volksepos 22,1. 30. 183,1. 191. 243. 264,1 Volkslied 77. 109,3. 178,2. 294 Volkssage 110 Von der Zukunft nach dem Tode, frühmhd. Ged. 153,1 Die Vorauer Novelle 192,1 Vortragsweise 32 u. ö. vuoge 19. 311 Wace, Brut 133. 134 Wächter, Wächterlied 102. 295-297 (Wolfram) Der Waise (Edelstein) 44.45,7. 57 Wales 72; Waleis 226.292,1; s. Kelten Walhall 135,1 Walldürn 216 Waltharius 13,3. 60. 274,3 Walther v. Griven 157,1 Walther v. d. Vogel weide 18. 22,1. 23. 23,2.25.26.63,2. 82,1. 85,2. 146,1. 147. 150,3. 216. 221 f. 277.300,1. 309,1 u. 2. 310,2. 322 Wandgemälde, Wandteppiche 78,4. 109,4. 117,5. 298; Teppich 225,1; s. bildende Kunst wäpen 17 f. Wartburgkrieg 224. 252,2. 295,1 Wasser des Lebens 251 349 Wassertrüdingen 215 Wauchier de Denain, Perce- val 233. 247,1 Weif, Herzog 277 Weifen, Geschlecht 218. 244. 271,1 Weltalter 110 Wenzel, König 270 Werbungsbrief 48 Werbungssage 20. 71 werdekeit 20 u. ö. Werinher (Wetzel) v. Kiburg 42 ff. Werner v. Elmendorf 23,2. 308,1 Wernigerode 225,1 Wernher v. Tegernsee, Liebesbriefsteller 13,2 Wertheim 215 ff. 232 Wespersbühl, Herren v. 142 Widukind, Sachsenchronik 41,2. 43 Wiedergänger 128,8. 167,5 Wien, Hof 18 Wienhausen, Teppich 78,4 Wilde Reime 159 Wildenberc(Wildenburg) 216 f. 232. 246 heil. Wilhelm s. Wolframs Willehalm 57,2. 61. 270—287; Wilhelmsage 270,1. 273 ff. Wilhelm von Auvergne 3,1. 10 Wilhelm v. Conches 3,1. 10. 13,1 Wilhelm v. Kirweiler, Deutschordensritter 95 Wilhelm, Herz. v. Lüneburg 187 Wilhelm IX. v. Poitou 17 Wilhelm, Graf v. Toulouse 274 ff. Winsbeke 224 Wipo, Leben Konrads II. 41,5. 42,1. 43 Wirnt v. Grafenberg, Wigalois 112,4. 141. 147,1. 173. 181, 3. 193, 2. 223. 232. 251,2 Witege 222 Wfzsant 215. 277 Wladislaw II. v. Böhmen 59 Wolfdietrich 173,2. 190,2. 222,2 Wolfhart 222 Wolfram v. Eschenbach 212— 297; Parzival 225 — 270; Willehalm 270—287; Titurel 287—295; Lieder 295—297. — Außerdem: Parz.79 f. 114,3. 133. 138 ff. 179.179,1.193,2. 309,2; Willeh. 33,1. 57,2. 60.60,1.61.80. 127. 133.— Allgem.: 18. 25. 33,1.68,6. 350 Register 123,2. 124,3. 133,4. 136,3; Chronologie 127. 173. 300; fabulist. Quellenangaben 45, 7; Stil 30,1. 114. 323,4.— W.u.AthislH; W.u.Eilhart 78, lu. 4. 221; Graf Rudolf 60. 60,1; Gudrun 222f.; Heinr. v. Freiberg 112,4; Heldensage 222; Herbort 102,3; Herz. Ernst 51. 52; Klage 222; Mor. v. Craon 127; Neidhart 222; Nibelungen 222; Orte 118; Rein- mar 221 f.; Wirnt 223; Ulr. v. Zazikhoven 221; W. u. Epigonen 223 f. — PseudoWolfram, Trojanerkrieg98,4; der „falsche Wolfram" des Wolfdietrich D 222,2. — Siehe Gotfrid, Hartmann, Heinrich v. Veldeke, Die drei großen Meister, Nachtr. Worms, Druck 336 Zähringer, Geschlecht 142. 142,1 u.2. 187,2 Zigeuner 70,1 Zimmern,.Graf v. 86,4 3MW19.63.76.77.90.157.164. 176. 262 f. 279. 311,1. 314. äv 60 städl bucheu ;: lila : I Wm ; »11 IM MM J^HmSSttWi ÜÜS