VORWORT
Die hier dargebotene Literaturgeschichte soll das ganze deutsche Schrift-tum der althochdeutschen und mittelhochdeutschen Zeit umfassen (s. Vorwortzum zweiten Teil Bd. I). Da sie nicht nur die Denkmäler der Dichtkunstberücksichtigt, sondern alle in deutscher Sprache abgefaßten Schriftwerkedes Zeitraums, also auch solche aus dem Gebiete der Theologie, der Ge-schichte, des Rechts, der Naturwissenschaft, der Medizin, so erhält der Be-griff Literaturgeschichte eine kulturgeschichtliche Erweiterung. Es ist nichtzu leugnen, daß dadurch die Einheit des Grundgehaltes zersprengt ist, inso-fern das eigentliche Kerngebiet der Literatur, die Dichtkunst, überschrittenwird. Aber zusammengehalten werden die so verschiedenartigen Denkmälerdurch den kulturellen Gemeingeist der Zeit, und auch eine Chronik odereine Urkunde oder ein Arzneibuch ist ein individueller Ausdruck des geistigenLebens der zeitweiligen Volksgemeinschaft, dargestellt durch das Mittel derdeutschen Sprache und charakterisiert durch den deutschen Stil.
Für den hier ausgegebenen Band kommen nur dichterische Erzeugnissein Betracht. Die zusammenhängende Darstellung des höfischen Epos mußteleider wegen der Fülle des Materials unterbrochen werden, der folgendeund letzte Band ist der Fortsetzung der Literatur der Blütezeit und derspätmittelhochdeutschen Periode vorbehalten.
Die altdeutsche Literatur entwickelte sich mit historischer Bedingt-heit aus der seelischen Verfassung des Volkes und aus den gegebenenpolitischen und sozialen Faktoren. Das Ziel der geistigen Arbeit ist dieAnpassung des eigenen Volkscharakters an die führende lateinisch-christ-liche und romanische Bildung, gemäß dem notwendigen Kulturprozeß, wo-nach die jünger-geschichtlichen Nationen von den älteren, kulturkräftigerendie Richtung empfangen. So liegen die Grundzüge der geschichtlichen Ent-faltung klar: die althochdeutsche Literatur ist kulturnotwendig das Ar-beitsfeld der Geistlichkeit, die durch die cluniacensische Reform erweckte neueReligiosität und die in den Kreuzzügen eröffnete Weltweite mit dem Aufstiegder ritterlichen Kaste spiegeln sich in der frühmittelhochdeutschenLiteratur wieder; die französische Ritterkultur findet ihre unmittelbare Nach-ahmung in der romantisch-ritterlichen Dichtung der mittelhochdeutschenBlütezeit. Wieder verschieben sich dann die sozialen Kräfte und derbürgerliche Realismus durchsetzt die Literatur; dieser bedeutet ein Ver-sagen der künstlerischen Energie, der Phantasie und des Geschmacks. Siezehrt noch von dem durch die Geistlichen und Ritter geschaffenen Reichtum,aber es gelangen nun auch neue Stofferlebnisse zu literarischer Formung,erfüllt mit nationalem Gemütsgehalt, die mystische Frömmigkeit, das Volks-lied, das geistliche Schauspiel. — Dabei ist zu erkennen, daß die Geschichte