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Die erzählende Dichtung
deuten die sehr zahlreichen Beteuerungsausdrücke wie weiz got, zewäre, entriawen, be-namen, auf schulmeisterliches Erklärungsbedürfnis das häufige ich meine.
In seiner lehrhaften Art benutzt G. gern einen Punkt der Erzählung, um daran eine all-gemeine Betrachtung zu knüpfen oder ihn unter eine Sentenz zu bringen, z. B. dö wartdiu wärheit wol sdiin des Sprichwortes, daz da giht 5460—62. Viele dieser Sprich-wörter hat er aus dem Volksmunde, andere aus der Klosterschule, aber schon Thomas,der gern Sentenzen einflicht, hat ihm in dieser Richtung viel Anregung gegeben. Häufigstellt er einen einzelnen Fall als allgemein üblich hin, oft mit als — sol, wie es sichgehört, als Reimformel auf wol. 1
In der Fülle der Redeblumen, die G. über sein Gedicht ausstreut, um ihm Eleganz undSüßigkeit zu verleihen, treten auch einzelne Worte 2 durch ihre Bildung oder ihrenKlang hervor. Er besitzt eine hervorragende sprachschöpferische Kraft, er hat viele eigen-artige, ja unerhörte Worte neu geschaffen. Wir können auch die Entstehung solcher neuen,poetischen Wortgebilde in seinen Gedankengängen verfolgen: oft ruft ihm ein Subst. dieErfindung eines stammverwandten Verbs hervor, indem ihm die ihm so wohlgefälligeWiederholung von Wörtern gleichen Stammes vorschwebte: werlt — gewerldet = die Be-schaffenheit dieser Welt habend 65, vgl. 44; herze — geherzet wirt, mit einem Herzen ver-sehenll7f.; vgl. 6152. 9228; herze — herzet sich, das Herz eines Mannes annehmen 17984 f.;daz elliu herze entherzet 11892; not— ernwten 12896f.; mare — bemaren 123—25; dazentsorget sorgehaften muot 79; ganz künstlich die Verba wegen u. Stegen zu den Subst.wege u. Stege 37 ff. Kühn sind rein okkasionelle Wortschöpfungen wie sus sint sie alleEven kint, diu nach der Even gevet sint 17965; gisötet = dem Bann der Isolde verfallen19010; gefranzet ein Rock nach franz. Mode zugeschnitten (Franze 10906) 10909; deutlichbloß des Reimspiels wegen gebildet ist gebeidet gedoppelt, und zwivelte si oudi beide, mitgebeidetem leide 13769 f. — Verbalantithese veranlaßt das Verb widerpflegent gegen pflegent32, äberüeben gegen Heben 12824 f., widerladien in der Worthäufung lachen 560—72. AndereNeuheiten ergaben sich aus dem Zusammenhang: die Schilderung der Frühlingswonne ruftin ihm das Verb meien (gemeiet) 18094 hervor; zu dem ihm vorschwebenden Bild von derglimmenden Glut der neuen Minne ersinnt er das Verb fiuwerniuwen, mit neuem Feuerentzünden 19049. Das Verb, kampfrehten 11299 ergab sich aus dem Zusammenhang, in demes sich um einen Rechtskampf handelt, gleich darauf folgt das sonst nicht belegte unrehtenc. Acc. 11307; zu den Verben unsinnen 19149, unmceren 14073 werden die Komposita ge-unsinnen 10396 ge-unmceren 14099 gebildet, weil sie im verallgemeinernden Satz mit iemerstehen. — Selbstgebildete oder wenigstens seltene Substantivkomposita 3 oder substantivischeNeubildungen, mit senen: sened&re, senedosrln, senegenöz, senefiuwer, senemare, sene-rich u.a.; mit herze: herzeger, herzegalle, herzeric u.a.; erbeminne, erbevater, erbevogetin,erbepfluoc; minnemuot, muoigedcene; vaterwän, wänbruoder; zorngalle, zormcere; wort-läge, bickelwort, zabelwörtelin; schädiblic; spilgevelle; lobebrunne; lörschapelekin; wit-weide. Er liebt Wortbildungen auf -wre, -arinne, -sam, -bare, -rieh, Verkleinerungen auf-lin, -el, Verba auf -ieren, Partizipia präs.
Die Epitheta wirken in G.s Stilmalerei nur wenig. Am zahlreichsten sind die allge-meinen Attributa guot, scheene, liep, sileze, scelec. Immerhin spiegelt auch der Gebrauchder Beiwörter die Gedankenrichtung G.s wider. Besonders viele sind dem Bereich der Ge-mütsbewegungen entnommen, und zwar mehr der Trauer als der Freude. Solche, die Eigen-
1 F. C. Lorenz, Ueb. das lehrhafte Elementin d. mhd. Kunstepen, Rost. Diss. 1880 S.41 ff.
2 Außergewöhnliche, neugebildete u. über-tragene Worte sind die drei Arten des ein-fachen Wortes, die der Rede Glanz u. Schmuckverleihen: Cicero, De oratore III Cap. 38. Da-selbstgibt Cicero das Beispiel ,entherzef, dasGotfr. 11892 ebenfalls eigens gebildet hat; in
der m.alterl. Rhetorik „Novitates nominum"genannt, s. Vogt, LG. S. 361 Anm. 1 u. dessenHinweis auf Kuno Francke, Lat. SchulpoesieS.20.
3 Die Stellen s. im Wortregister von Bech-steins Ausg. Bd. II. Zu gefranzet: Suolahti,Mem. de la Soc. neophll. de Helsingf. VI, 1917,109 ff.