Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
328
Einzelbild herunterladen
 

328 Die erzählende Dichtung

bi 19009. Die Spaltung der Persönlichkeit hat als Gegenstück die durch die Minne ge-schaffene Einheit zweier Personen; zwei Dinge machen einen Mann 1110205, vgl. auch4699 ff. Eine Spaltung einer Person in eine Mehrheit enthält auch die spitzfindige Alle-gorisierung, durch die der einwic zwischen Tr. u. Morold zu einem Kampf zweier Rottenwird, wodurch diese zwei Männer sich verachtfachen 687096; vgl. auch 455386. 5685716.

Weniger inhaltliches Pathos hat der bloße Parallelismus 1 ohne Antithese, er wirktmehr formal. Der Satzparallelismus kann einen, zwei oder mehrere Verse umfassen, diegleichlaufenden Glieder sind oft auch inhaltsähnlich bzw. synonym. In G.s Spracharchitekturtritt er nicht besonders hervor, zum Redeschmuck trägt er nicht wesentlich bei und dieWucht des alttestamentlichen Parallelismus kannte die klassisch-m.alterl. Rhetorik nicht.Beisp.: in einem Vers: sus bäten si'n, er harphet' in 7669, diz wart getan und diz ge-schärft 7771; in zwei Versen: daz iuwern ören missehage u. iuwerm herzen widerste 7952.Die meisten Vierzeiler der Einleitung 144 zerfallen in zwei parallele Paare.

Parallele Gliederung des sprachlichen Stoffes gibt auch die Anapher. Sie eignet G.szugleich überlegend ordnendem und rhetorisch erregendem Sprachgeist, wird aber nichtübermäßig von ihm gebraucht; innerhalb eines Verses: swaz er getete, swaz er gespradi3744, wis iemer hövesdi, wis iemer fro 5043, auch 5027f.; meist am Anfang mehrererVerse, mit Formwörtern, so, da,, Relativum und andern Fürwörtern, Interjektion wie;selten sind Sinnwörter anaphorisch verwendet: ir munt 1315f., klage 183033, Minne17597 f., besonders ausdrucksvoll lameir 1199092, l'ameir 11998 f.

Wie Antithese, Parallelismus, Anapher beruht auch die Doppelformel auf dem Prinzipder symmetrischen Linienführung. Zweigliedrige Ausdrücke gehören zu den wesentlichenMitteln von G.s idealem Stil. Dem Sinn nach können sie synonym oder antithetisch sein.Sie können zweierlei Wirkung haben, eine intellektuelle zur Betonung des Inhalts, odereine bloß formal ästhetische zum Schmuck. Sie haben ihren Platz bes. in Reden, Monologoder Dialog, wo sie leicht die Grundstimmung angeben, und in Schilderungen und Be-schreibungen, weniger in der fortschreitenden Erzählung. Eine bes. ausgezeichnete Gruppesind die alliterierenden Zwillingsformeln wie Hute unde lant. StammverwandteSynonyma: trüric u. truresam 13429, freislich u. freissam. 13519; franz. u. deutsch s. unten.Wiederholung der beiden Glieder: ouge u. ouge 1083, leit u. leit 14314, bluot u. bluot 15215,daz wunder u. daz -wunder 12214, des wundert u. wundert mich 9233, \va u. 10075. 977.11114. 15201. 16101; Häufung: wan lebete u. lebete u. lebte et dar 2,02.

Häufung von Worten artet bei G. fast nie in trockene Aufzählung aus. Die Be-ziehungen solcher asyndetisch oder dutch unde aneinander gereihten Wörter können ver-schiedener Art sein: sie verhalten sich wie Einzelheiten zu einem umfassenden Begriff,fallen also unter die Kategorie der Quantität, z. B. als Riw. an Bl. allez (das ganze Gesicht)in Betracht zieht, ir här, ir stirne, ir tinne, ir wange, ir munt, ir kinne 923 f., oder 240(= die ganze Liebesgeschichte), 795 f. 1737 f. 19354; die Größe des Verlustes wird durchdie Häufung klargemacht 175962. 716264. In den vorhergehenden Fällen wirken dieaufgezählten Wörter nur als Teile in Beziehung auf ein Ganzes, es kann aber auchjeder Begriff an und für sich eine Geltung haben, z.B. küßte Riw. die Geliebte tatsächlichgerade auf ir wange, ir ougen unde ir munt 1444.

Zur musikalischen Wirkung tragen bes. auch die äußerst zahlreichen Alliterationenbei. Meist werden Zwillingsformeln dadurch klanghaft zusammengebunden, seltener sindsie bei syntaktischen Verhältnissen wie diu senfte süeze sumerzit 544, in dirre wäestenwilde 17077. 17471, der werlde ein wunne 254, tröst ze slner triure 18421.

Antithese und Wortwiederholung 2 sind die für G.s Rhetorik hervorragend charakte-ristischen Ausdrucksmittel. Ergab sich jene aus dem Gedankenbau des Gedichtes, so istdiese nicht eine organische Erscheinungsform der Gesamtidee, sondern eine künstlerische

1 Siehe bes. Schölte aaO. 2 Behaghel, Beitr. 30, 431 ff.; Ehrismann, Stud. S. 59ff.