§ 54. Stil und Technik der Darstellung 327
Die einfache Wort- und Satzantithese ist zur antithetischen Periode erweitert,' wenn dieSeelenkämpfe ausgemalt werden, in den so beliebten psychologischen Auseinandersetzungen.Das verworrene Nachgrübeln über den ungewohnten Liebeszwang wirft Riwalin hin undher zwischen trdst u. zwlvel, bis der tröst den sige gewan 869—912. Zorn u. wipheitstreiten miteinander in Is., als sie in Tantris den Tristan, den Mörder ihres Oheims, ent-deckt, bis in diesem zwlvel diu süeze wipheit an dem zorne sige erstreit 10261—84.Nach dem Minnetrank kämpfen in Tr. Minne und Triuwe und Ere, in Is. herze und ougen11745—844. Diese Antithesen sind nach ein und demselben Schema gebaut: es wird einregelrechter Kampf zwischen den beiden Leidenschaften geführt, die wie in einer Allegoriepersönliche Gestalt angenommen haben, der mit dem Sieg des einen der Streitenden endet.
G.s Gedicht bricht mit der größten Antithese in Tristans Leben ab, mit der Entschei-dungswahl zwischen den beiden Isolden 18969—19552. Damit wird, durch Suggestion in-folge der Namengleichheit, aus dem treuen Tristan ein ungetreuer. Das Thema dieser ganzenletzten Szenen ist der Streit um die beiden Isolden in dem sinnelosen, verirreten man19167 t. Innerhalb dieses leitenden Gegensatzes bewegen sich die drei ReflexionsmonologeTr.s zwischen zwlvel u. stcete 18997—19044. 19145—70. 19258—65. Der letzte, unvollendeteEntschlußmonolog 19428—552 bringt mit sophistischer Rechtfertigung die Entscheidung zurTrennung des alten Treubundes.
Markes Gemütszustand ist durch das verbotene Liebesverhältnis zu einer dauernden Anti-these geworden, zum zwlvel über Schuld oder Unschuld des Neffen und des Weibes, bissich schließlich das wcenen zum wizzen klärt 13753—846. 15241—83. 18219—34.
Diese antithetischen Distinktionen 2 sind oft nach einem bestimmten Schema ge-baut (das natürlich nicht überall durchsichtig ist): eine Person (A) erlebt äußerlich oderinnerlich ein Doppeltes (B, Objekt + Objekt = a + b), davon werden das eine und das anderejedes einzeln besprochen (zuerst a, dann b), und schließlich werden die beiden getrenntenObjekte in eine Einheit (C) zusammengefaßt. Diese logische Denkform der Antithese istder gleichartige Ausdruck einer dreistufigen psychologischen Auffassung: die Einheit desBewußtseins (A) spaltet sich in zwei (oder mehrere) intellektuelle Momente (B) und diesevereinigen sich wieder zu einer Harmonie des Seeleninnern (C). Kurvenal quälte die Sorgeum Tristan und um sich selbst, die Spannung löst sich im Gebet (Synthese) 2349—72;ähnlich wendet sich Is. wegen ihrer zwei Kümmernisse an den gnädigen Krist 15538—53;höchst schmerzlich ist das Scheiden der beiden Liebenden 18422—604: Tr. floh Markeund den Tod und suchte die tödliche Not (die Trennung von Is.), Synthese: nur durchRitterschaft kann er von dieser Not genesen 18445f.; Is. kann ohne ihn nicht lebenund nicht sterben, sie beide sind allezeit ein Leib und ein Leben, Tod und Leben tragensie zusammen, Synthese: die Liebe ist es, durch die Tod und Leben zu einer unauflös-lichen Einheit zusammengeschmiedet werden; Tr. grübelt, daß er zwei Väter verloren habe,er wird daraus befreit durch den gütigen Zuspruch Ruals 4360—95. Ähnliche Distinktionen1329—42. 4504—44. 4824—905. 5647—84. 5685—716. (Zwei Menschen haben die gleicheStimmung, aber aus verschiedenen Gründen 14937—45, ähnl. 15320—28.) Drei erlebteObjekte sind die drei todbringenden Nöte der Blanscheflur 1461—1508, die Möglichkeitder Lösung liegt in der Aussicht auf die Hilfe Riwalins und Gottes 1506—08; über drei-fache Not klagt das Volk nach Riw.s Tod, der Abschluß wird hier durch eine weitere Stei-gerung, diu meiste not, gemacht 1827—45, bald darauf aber spricht der Dichter in ver-söhnungsvollen Worten (Synthese) den Sinn des Lebens aus 1863—66.
Eine andere Art der Unterscheidung (Distinktion) ist die zwiefache Körperlichkeit: einePerson (bzw. daz herze) ist bald hier, bald dort (bei dem Geliebten), Is.: nu bin ich hieu. bin oudi da u. enbin doch weder da nodi hie 18538 ff.; Tr.: mir ist Is. verre u. ist mir
1 Die ausgedehnten Diskurse sind mit ihrenArgumentationen schon förmliche Disputa-tionen (Disputatio s. Grabmann 2, Reg. S.578)
u. nähern sich der prov. Tenzone, dem Streit-gedicht.2 Vogt, LG. P, 252. 351 f.