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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 54. Stil und Technik der Darstellung 325

dann von der Form überwuchert. G. verkünstelt dann die Kunst, er wirdspielerisch. Auch im Satzbau offenbart sich der Geist der Schönheit, desfeinen, dem Eckigen und Knorrigen abholden Geschmacks. Wohlgefügt undeben fließen die Sätze dahin in gemessenem, nicht überhasteten Vortrag. DieGrundform ist darum die Hypotaxe. Am Abschluß einer Gedankenreihe, oderauch im Beginn, tritt dann leicht ein markierender, kurzer Hauptsatz ein.Besonders beliebt ist die Weiterführung der Erzählung durch Partikeln wie,. daz,, hie mite.

Gotfrids Gedankenstil. Durch seine hohe Gedankenkultur wird leichtdie schöpferische Unmittelbarkeit beeinträchtigt.Die intuitive Gestaltungs-kraft ist nicht energisch in ihm entwickelt",er besitzt keine starke künst-lerische Sinnlichkeit",eristkeineanschauungsbegabteNatur". SeineBeobach-tung ist mehr auf das Allgemeine gerichtet als auf das Einzelne, er siehtin den Personen die typischen, weniger die individuellen Züge, 1 die Um-risse verschwimmen, die figurenbegrenzenden Linien sind nicht scharf ge-prägt, die Technik ist malerisch, nicht linear. Ein Überwiegen des Gedanken-haften über die gegenständliche Anschauung liegt auch in der Vorliebe fürReflexionen und Allegorien und in dem Eindringen in die Bewegungen derSeele. Bei der Darstellung von Handlungen ist seine Phantasie oft kräftigund konzentriert, so daß ihm viele Szenen bildhaft und lebensvoll gelungensind, wie z. B. der Kampf mit Morold, mit dem Truchseß, Tristan bei denKaufleuten, bei den Jägern u.a. Die Schilderungen und Beschreibungenvon Gegenständen (Kleider, Waffen, Kostbarkeiten, höfisches Gepränge), dieverhältnismäßig wenig Raum in Anspruch nehmen, ermangeln einer gewissenSachlichkeit. Doch finden sich zuweilen feine Detailbeobachtungen, und solchedekorative Bestandteile sind oft recht wirksam eingestreut.

Meister ist G. in seinen Naturgemälden (Frühlingsfest, Minnegrotte). Inihnen lebt und webt ein unnachahmlicher Zauber von süßer Freude an derSchönheit der Welt. Aber während in Wolframs Parzival die Natur gleich-sam in alle Poren des dichterischen Organismus eindringt und die, oft nurgefühlte, Atmosphäre bildet, in der die Menschen atmen, eröffnet G. seinenNatursinn mehr in einzelnen weiter ausgeführten Bildern, während die sonstgelegentlichen Erwähnungen der Natur mehr nur stilistische Motive sind,die zur ästhetischen Staffage dienen.

Ein auf Stilistik gegründetes psychologisches Urteil wird dahin lauten, daßdie intuitive künstlerische Begabung bei G. starken Einfluß durch seine ge-lehrte Schulung fand.

Schon Thomas 2 hat durch gewisse Stilmittel seiner Sprache einen gehobenen Aus-druck verliehen, aber immerhin steht sie mehr noch auf der Stufe der mittleren oder ge-

1 G. hat so wenig wie sonst ein mhd. Dichterdie Kunst scharfer, individualisierender Durch-dringung der EinzeTpersönlichkeit besessen(vgl. Günther Müller, Dt. Vierteljahrsschrift1,69, s. unt. Nachlr. zu S. 140). aber doch sindseine Personen nicht bloß allgemeine Typen,

sie haben ihre Eigenprägung, die ihnen einbestimmtes Ausmaß verleiht.1 HEiNZEL,ZfdA.14,362f.370f.; Golther,Sage S. 109 f., Tristanb. S. 178 ff.; PiquetS. 332ff.; PREUSSS.16L 32f.