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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 52. GOTFRID UND WOLFRAM. § 53. GOTFRID UND HARTMANN 323

Die Treue ist die schicksalbestimmende Kraft sowohl in Tristans Liebeswirrenals in Parzivals Seelenkampf, aber Parzival erhebt die Treue des Charaktershinauf zu der höchsten Form der triwwe, zur Nächstenliebe, Tristan ver-strickt die erotische Treue in ein Truggewirre.

§ 53. Gotfrid und Hartmann *

Gotfrid spielt Hartmann gegen Wolfram aus, gewiß mit Überzeugung, dennsein künstlerisches Formideal geht in der Richtung von Hartmanns späterenDichtungen, besonders dem Iwein. Er hat direkt Züge aus H. übernommen:die Charakteristik Riwalins 2 (auch der einzige Makel Riwalins, der Übermut,und der jähe Umschlag des Glücks hier wie im A. Heinr.) Tr. 24363 =A.Heinr.50ff. (s. oben S.201L); auch die sonst öfter nachgeahmte Spielszeneim Iwein 6372 = Tr.61420; die Ritterlehre Markes bei der Schwertleite5020 43 = Gregor. 24358 (auch formal: anaphorisches wis). DialektischeGedankenerörterungen liebt H. im Iwein; unmittelbar an Iw. 5273 ff. erinnertdie Allegorie im Zweikampf mit Morold Trist. 6870 ff.; Aufzählungen wiedaz eine, daz ander Trist. 4561 ff. vgl. Gregor. 323 ff. 805 ff. 1487 ff.

Das Formprinzip verbindet G. mit H., sie vertreten den Stil der Deutlich-keit gegenüber W.s Schwer- und Unverständlichkeit, den Klassizismus gegenden Asianismus. Aber G. bringt noch ein weit Mehreres über die Klarheithinzu: die Schönheit. Er hat H.s mittlere Schreibart zur höheren, sublimen,gesteigert. Die Sprachbehandlung H.s ist korrekt, die G.s genial, H. behan-delt die Sprache als ein Werkzeug, G. als freies Spiel. 3

§54. Stil und Technik der Darstellung*

Auch G.s Stil spiegelt die Persönlichkeit durchsichtig wider. Die beidenGebiete seines geistigen Lebens, Kunst und Wissenschaft, sind abgeprägtin der äußeren Form, der Künstler und der Gelehrte offenbart sich im sprach-lichen Ausdruck. Vom Künstler hat der Stil seine ästhetische Schönheit,vom Gelehrten die logische Klarheit.

Gotfrids Schönheitsstil. G.s ästhetische Lebensanschauung forderteeine ideale Sprache der Schönheit. Sein sprachliches Schönheitsideal hater entworfen in dem überschwenglichen Preise Bliggers. Was er von diesemrühmt, gilt von ihm selbst: er hat den wünsch von worten 4696, G. selbst

1 Max Heidingsfeld, G. v. Str. als SchülerH.s v. Aue, Rost. Diss. 1886. G. ist ein selb-ständiges Formgenie u. nicht einSchüler"Hartmanns (Piquet, pass.). Daß er viele Stilist.Mittel mit ihm gemein hat, liegt einmal in derallgemeinen höfischen Sprache u. dann auchin dem unmittelbaren Einfluß, den H. über-haupt auf seine Zeit ausübte.

2 Siehe oben S. 307 f. Hartmann seinerseitsschon von Veldeke En. 12613ff. beeinflußt:s. oben S. 80. 143.

3 Die 3 Stilarten s. ob. S. 32. Bligger hatdie zierliche u. glänzende Rhetorik, ihm fühltsich Gotfr. am nächsten verwandt.

4 Stil. Golther, Tristanb. 176 ff; PiquetS. 332 ff.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 9193; Erich

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Schmidt, Lessing l 3 (1909), 540f.; FirmeryS. 10829; Schönbach, Wien. SB. 140, IV,90 f.; Ilg, Beitr.z. Gesch. d.Kunst S. 134ff.;Roetteken aaO.; R. M. Meyer, ZfdA. 39,305 ff.; NOLTE, ebda 52, 6183 (Epitheta);Singer, Vortr. S. 271; Ehrismann, Stud. üb.Rud. v. Ems S. 67 ff.; Schölte, Symmetrie inG.s Trist., Festschr. f. Ehrism. S. 6679; Ders.,Neophilol. 9,17278. Dissertationen u. Pro-gramme: C. Lüth, D. Ausdruck dichterischerIndividualität in G.sTr., Progr. Parchim 1881;K. Jauker, Ueb. d. chronolog. Behandlungusw., Progr. Graz 1882; R. Preuss, Stilist.Untersuchungen üb. G. v. Str., Straßbg. Stud.1 (1882), 175; Fr. Bahnsch, Trist-Studien,