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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

der des höfischen Epos, der das erste Reis in deutscher Zunge impfte. 1 Dann,nach den Epikern, den verwceren* (4689, vgl. 4623), den coloratores, diedie Redeblumen in den Kranz der Poesie weben, wendet er sich zu denlyrischen Dichtern, denNachtigallen," die der Welt höhen muot geben unddem Herzen wohltun. Ihr Banner führt, seitdem Rein mar, ,ir aller lelte-vrowwe' 4777 ff., verstummt ist, Walther v. d. Vogelweide. 3

§ 52. Gotfrid und Wolfram *

In der organischen Entwicklung der mh'd. Literaturgeschichte ist mit demGegensatz der beiden führenden Geister Wolfram und Gotfrid ein Höhepunktdramatischer Spannung erreicht. Darin liegt die geistesgeschichtliche Bedeu-tung von Gotfrids Kritik. Er hat erkannt, daß in ihm und dem andern zweiverschiedene Kunstanschauungen verkörpert sind. In seiner Kritik wendeter sich sowohl gegen den Sinn als gegen die Form von Wolframs Dichtung:W. schafft aus eigener Phantasie 3 oder Phantastik, während G. im Gegen-teil strengen Anschluß an die Überlieferung als Übersetzungsprinzip befolgt.Ebenso ist W.s Stil unklar, uneben, diese Formlosigkeit aber mußte demFormgenie G. ein Greuel sein. Die Abneigung G.s gegen W. aber ist in-stinktiv und liegt in einer tiefen Wesensverschiedenheit begründet. G., derMann aus dem Bürgerstand, versteht nicht W.s Hochschätzung des Ritter-tums, in welcher dieser nicht nur eine höhere Kaste, sondern seine sittlicheIdee erblickt. G.s Bildungselement ist höfisch, frauenhaft, 5 das W.s männ-lich, ritterlich. G. ist überhaupt ästhetisch gerichtet, der Künstler, der dieSchönheit zum Leitstern hat, W. ist ethisch formiert, 6 der Wahrheitssucher,der die Dinge unter dem Gesichtswinkel ihres sittlichen Wertes betrachtet.Eins sind sie in dem Grundgesetz der aristokratischen Laientugend,Gottund der Welt gefallen", aber G. bleibt stehen bei der Moraliteit, W. strebtzur Ergründung des Summum bonum, des höchsten Gutes. Der Schwerpunktin diesem Ausgleich liegt für G. in dieser Welt, im Diesseits, sein geistigesBlickbild ist immanent, es beschränkt sich auf das Leben, die ideale Formelfür diese Lebenswertung ist die Einheit von Freude und Leid, die sich imLiebesdrang, im einzelnen Menschenherzen ablösen, W. dagegen 7 geht überdie bloße Lebensphilosophie hinaus zur Metaphysik, er dringt zu den Ideenempor; nicht Lebensanschauung, sondern Weltanschauung ist das umfassendeGebiet seines Geistesflugs, Versöhnung des abgefallenen Menschen mit Gott,die weltgeschichtliche Heilsidee ist die Einheit dieses transzendenten Un-endlichkeitssystems. Der Parzival beginnt mit der sele, dem unsterblichenTeil des Menschen, Tristan mit dem herzen, dem vergänglichen Sitz derLeidenschaften. Parzivals kosmisches Gefühl hat von Kindheit an sein Zen-trum im Gotteserlebnis, Tristans Lebensgefühl ruht in dem Minneerlebnis.

1 Siehe oben Veldeke.

2 Thomasin, W. Gast 9037f.; vgl. colorare,colores der lat. Rhetorik.

3 Burdach, Reinm. S. 78. 178ff.; Plenio,Beitr. 41, 64; Ranke, Minnegrotte S. 36.

4 Siehe oben Wolfram S. 220 f.

5 Wechssler S. IV.

6 Ehrismann, Neuphilol. Mitteil. 25,186-

7 Scherer, Kl. Schriften 2, 670 f.

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