§51. Hervortreten der Persönlichkeit 321
seiner Darstellung durch klassische Bezüge einen besonderen Schmuck ver-liehen. Darin liegt doch ein Ansatz zum Humanismus, nicht bloß in der Form,sondern auch im Geist, eine Ahnung von der bildenden Macht der klas-sischen Dichtung. Den Abschweif auf die Poesie seiner Zeit (Schwertleite)stattet er aus mit Blumen aus der Mythologie: Apollo und die Camenen unddie neun Sirenen 4869 f. (Sirenen auch 8089—115) vom Elikön 4860—905;üz Pegases urspringe 4728—30; Orpheus 4788—90; die Melodie von Zithe-röne 4805—09 (der Musenberg Cithaeron verwechselt mit Cithaera, der Inselder Venus); 1 Vulkan als kunstreicher Schmied 4930—47 und Cassander,diu wise Tröjerinne als Verfertigerin von Tristans Gewand 4948—72. — DieSchönheit der Isolde weiß der gelehrte Tristan in seiner Verzückung den er-staunten Höflingen nicht leuchtender auszumalen, als daß er sie noch überdie Sonne von Mycene stellt, über Auroren tohter Tintarides (Helena) 8267—80 (nach Virg. An. II, 569 ff.), vgl. auch 10889 ff. Über sentimentale Liebes-tragödien aus Ovid und Virgils Äneis unterhalten sich Tristan und Isoldein ihrer waldeinsamen Minneseligkeit 17186—203, vgl. auch 13351. Auchmit der lat. Sprichwortdidaktik war G. vertraut und manche seiner Sentenzenhat er aus ihr bezogen, besonders alis Publilius Syrus.
Mehr aber als jeder andere mhd. Autor tritt er in seiner Eigenschaft alsDichter vor sein Publikum. Sein ganzes Gedicht ist eine Kundgebung fürseine Anschauung vom Sinn und Wert der Kunst. An zwei hervor-ragenden Stellen spricht er sich besonders eingehend darüber aus: im Pro-log und bei Tristans Schwertleite 2 4587—818. Den letzteren Vorgang 3 be-nützt er zu einer kritischen Poetik der Zeitdichtung. Den Lorbeerkranz reichter Hartmann wegen seiner zugleich schönen und sinnvollen Darstellung,seines kristallklaren, schmiegsamen, anmutigen Stils. Dann aber fährt er aufeinen andern los, den er nicht nennt, einen Rivalen in der Kunst. Wolframist gemeint. Er übt eine vernichtende Kritik an dem ,Erfinder wilder Meeren'und vergleicht ihn Gauklern, Taschenspielern, Gaunern, die den Kindernihre Tanzkünste vormachen. Seine Sprache ist nicht so beschaffen, daß einedles Herz Freude daran haben kann, ohne Erklärer sind seine dunkeln Ge-schichten unverständlich. Dann gleich wieder eine Kontrastfigur: Bliggerv. Steinach, der Wortkünstler, bei dem wort und sin, Sprache und Inhalt,zusammenklingen wie Harfentöne, dessen reine Laute Feen gesponnen undin ihrem Brunnen geläutert haben. Zuletzt unter den epischen Dichtern bringter, etwas kühler, Heinrich v. Veldeke 4 seine Huldigung dar, dem Begrün-
1 Schröder, ZfdA. 61, 178.
2 Burdach, D.Rundschau 1902 H. 2 S. 253u. Preuß. Ak. 1906 S. 409; RiEGER, ZfdA. 46,178; John Meyer, Basler Philol.-Vers. 1907S. 507 ff.; Singer, Aufs. u. Vortr. S. 166 ff.;Schwietering S. 56; Plenio, Beitr. 42,445ff.
3 AusAutorenbescheidenheif (Schwietering,Demutsformel S. 36 ff.; Ehrismann, Stud.S. 30 f.) traut er sich die Kraft nicht zu, die
Deutsche Literaturgeschichte III 21
Bedeutung dieses Festes angemessen darzu-stellen, wie es von andern, Würdigeren, hättegeschehen können.4 V. 4929 u. 4948 ff. enthalten nach BahnschS. 5, R. M. Meyer, ZfdA. 39,325, Schröder,Rittermasren 1 S.XV, vgl. ZfdA. 43,260, eineleise Ironie; anders Singer, Aufs. u. Vortr.S. 168 f. Sie sind wohl nur Ausdruck derAutorenbescheidenheit.