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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

Tristan hat die Hauptrolle in diesem biographischen Roman, Isolde tritterst später, bei der Werbung, in die Handlung ein und scheidet nach derTrennung von Tristan, zeitweilig ganz aus. Des herrlichsten Mannes silezeamie, das Wunder von Irland, die Sonne, diu liehte magettsöt, die wonnig-liche, die alle Reiche erleuchtet 8256 ff. 10889 ff., ist das weibliche Gegen-stück zu Tristan. Auch in ihr sind vereint Treue und Trug, sie erlebt dasgleiche Geschick der selig unseligen Minne. Verletzt Tristan die Treue gegenseinen König und Wohltäter, so Isolde die gegen ihren erschlagenen OheimMorold. Eine schwer lastende Gewissenspflicht wird der Leidenschaft leicht-hin geopfert, der Haß gegen den Todfeind verkehrt sich in Liebe. Und imWeibe lebt mehr elementare Naturkraft als im Mann, sie ist nicht so senti-mental wie Tristan, sie ist unbedenklicher in der Wahl zweckdienlicher Mittel.

Es ist leicht, wie in der Ethik so in der Psychologie der Charaktere zahl-reiche Widersprüche bloßzulegen. Sie sind großenteils eine Folge der histo-rischen Entstehung des hochkultivierten Romans aus der Grundfabel, derrohen Spielmannstradition.

§ 51. Hervortreten der Persönlichkeit

Gotfrid ist zurückhaltend mit Erörterung seiner persönlichen Verhältnisse.Doch einmal eröffnet er sein Herz und gewährt einen tiefen Blick in seinLiebesleben: Auch er ist einmal in der Höhle der Minne gewesen, 1 auch erhat ihre vieldeutige Herrlichkeit geschaut und den Blick erhoben zu denTugenden, die das Gewölbe des Wunderbaus zieren, und die sonndurch-leuchteten Fenster haben ihm ihren Glanz in sein Herz gestrahlt; seit seinemelften Jahr hat er die Liebe gekannt, aber das Liebesglück von Kurnewalhat er nie gefunden, vgl. 12191 ff. 1710442. Das ist ein Zeugnis eigenenErlebnisses, die Liebe ist ihm nicht bloß romanhafte Erdichtung.

Die leichte Grazie, die G. zur Verfügung stand, äußert sich in zuweilenfallenden humoristischen und ironischen Bemerkungen. Die Angst undRenommisterei des feigen Truchsessen ist zu einer lächerlichen Groteske ent-wickelt. 2

Einen persönlichen Einschlag gewinnt das geistige Kolorit des Gedichtesdurch G.s Klassizismus. 3 Damit steht er auf dem Boden der antikisieren-den Renaissance von der Wende des 12./13. Jh.s, des Alanus und der Va-ganten, wenn auch seine positiven Kenntnisse der Mythologie, die er zu-meist Ovid und Virgil entnahm (auch Veldekes Eneide), nur verworren sind.Aber er fand in ihr etwas für die Poesie und Schönheit Symbolisches undaus diesem Gefühl heraus hat er einigen inhaltlich auserlesenen Punkten

1 Ranke, Allegorie aaO.; Stökle S. 98 ff.u. H. Fischer aaO. S. 5 halten die Stelle nichtfür ein Selbstbekenntnis, sondern als eineFrucht der Schullektiire.

2 Piquet S. 347 f.; Roetteken S. 104.

3 Heinzel, Kl. Sehr. S. 27 ff.; Golther,Tristanb. S. 178 f.; Hertz, Reg. zu d. Anm.;Behaghel, En. S. CCXXI; Schröder, Ritter-

msren 1 S.XIVi, ZfdA. 43, 257 ff.; Singer,Aufs. u. Vortr. S. 166 ff; Preuss S. 66 ff.;Bahnsch S. 4ff.; Leistner S 9-14. 2123;Stökle S. 5054; Hoffa, ZfdA. 52, 339

50; SCHWIETERING,ZfdA.61,71. Borinski,

Die Antike in Poetik usw. S. 42; Meissner,Festschr. f. Walzel 1924 S. 33f.