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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 319

und vernunftlos schaltet. Zwei edle junge Menschen sind rettungslos demUntergang verfallen, weil sie sich lieben müssen, müssen nach dem Gesetzder Natur. Es ist der Triumph der Notwendigkeit über die Freiheit, der Naturüber den Geist. Eine Pflicht der Entsagung ist ihnen auferlegt, der sie nichtgewachsen sind. Aber der Dichter bleibt nicht bei diesem hoffnungslosen,naturalistischen Determinismus stehen, seine moralische Tendenz erhebt dasnatürliche Sinnenleben in eine ethische Höhe: da die beiden der LeidenschaftVerfallenen der Gemeinschaft der edeln Herzen angehören, bleiben sie vor demAufgehen in nackten Sinnengenuß, vor amoralischem Hedonismus bewahrt.

Tragik ist die Grundstimmung dieses lebensseligen Gedichtes, tragischist die Gestalt des Helden. Liep äne leit mac niht gesin: das ist das Schick-sal der edeln Herzen. Von weicher Sentimentalität zu heißer Leidenschaftwogen die Gefühle. Zart und leidvoll verhallt zuweilen die Melodie unend-lichen, ungestillten Sehnens, aber dazwischen dringen angstvolle Klageschreieaus den gequälten Herzen.

Mit der Aufrollung der ethischen Gesichtspunkte sind auch die Charaktere 1der die Handlung führenden Personen bestimmt. Ihre Psychologie ist voneinem Zentrum aus bedingt, das ist die unerlaubte Liebe. Marke, ein edel-mütiger Charakter, das Bild eines Königs und vornehm höfischen Herrn 418522. 1051118 u. ö., wohlwollend und gütig, aufrichtig, arglos und leicht-gläubig, dergetriuweste unde der beste, der elnvalte (arglose) Marke 13656 f.,wird durch die Täuschungen und Enttäuschungen ein verstörter, verirrter,wegloser Mann (verdäht 15145, verirret 15271, wegelos 17537) und gerät inein ehrloses Leben 17727 ff.

Tristan ist eine gespaltene Natur. Er führt ein Doppelleben, zugleich eintapferer Ritter und ein listiger Spielmann,ein Meister der Waffe und derHarfe". Angeboren ist ihm die Tapferkeit, denn sein Vater Riwalin war einkriegerischer Held; im Keim gegeben ist ihm aber auch die Verdeckungs-kunst: er ist in Heimlichkeit gezeugt und ohne sein Wissen von fremdenEltern auferzogen. Vererbt ist ihm von Vater und Mutter die Treue. So ister sowohl leicht geneigt zur Verstellung als wahr und treu in der Liebe.Zwei schwere Treuverletzungen lasten auf ihm: er verletzt die Pflicht derDankbarkeit gegen seinen Wohltäter und macht ihm dazu noch sein Weibabspenstig. Von der Minnescholastik, die das Sittengesetz durchquert, ist erdafür entschuldigt. Die Lebensstimmung Tristans ist ein Erbteil seinerMutter, in Trauer hat sie ihn empfangen und geboren, darum gaben ihmauch seine Pflegeeltern den Namen Tristan, von triste, und dieser blieb sym-bolisch für sein Geschick, denn: er was reht alse er hiez, ein man undhiez reht, alse er was, Tristan 19892020. 506796. 1576916406. 2

1 Epitheta für die einzelnen Personen beiPope S.3843; Nolte, ZfdA.52, 61 ff. (imVerlauf der Erzählung, etwa von V. 6000 an,nimmt der Gebrauch von tugent, hövesch,guot, wert, edele bedeutend ab).

* Der trürcere Tr. 14502. 917. 15790. 854.18649; Nolte aaO. 52, 81 Anm. 1. Tristanals Personenname: Panzer, Festgabe f. Sie-vers S. 205 ff.