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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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318 Die erzählende Dichtung

sorchafte kiinigin diu tete an dlsen dingen schin, daz man laster undespot mere fürhtet danne got 1271316, vgl. 15751 ff. l Um ihre ere sorgteIsolde, um das Ansehen bei den Leuten. Hier also sind Weltehre und Gottin Konflikt und die Welt trägt den Sieg davon.

Mit den Vorwürfen der trügeheit hat G. vorübergehend sein eigenes Urteilüber die Liebenden gefällt, aber sie finden sich nur bei vereinzelten Fällenund beeinflussen nicht seine ihnen gehörende Sympathie. Ihm und seinem AutorThomas war es nicht darum zu tun, den Widerspruch zwischen Minnedoktrinund Sittengesetz 2 aufzurollen, sie haben sich dieses Problem überhaupt nichtgestellt. Die Liebenden sind sich selbst keiner Schuld bewußt. Sie verstehenihre Abwegigkeit ganz wohl mit der Religion zu vereinigen. Sie sind fromm(s. bes. 1210107.1284152.1464160.1471013.1490407.1554856.15651768. 1863473). 3 Aber diese Frömmigkeit ist der Minne dienstbarund ihre Wünsche und Handlungen sind unfromm, sie haben nur Gemein-schaft mit der Welt, nicht mit Gott, die Ritterethik, die Moraliteit ist verletzt.Das Minnerecht, dem sie folgen, steht in Widerspruch nicht nur mit demgöttlichen und dem Sittengesetz, sondern auch mit dem ethischen Ideal desRittertums.

Die Ethik des Gedichtes läßt sich unter keine einheitliche Formel bringen.Der Dichter nimmt keine klare, ausgesprochene Stellung zu den ethischenBezügen, er hat eben keine Morallehre, sondern ein Epos geschrieben, erhat die Verworrenheit menschlicher Seelenerlebnisse dargestellt, ohne Rück-sicht auf ein folgerichtiges System; vor allem aber: er hat sich nicht los-gemacht von der Tradition der Fabel und des volkstümlichen Spielmanns-gedichtes, die unter ganz anderen ethischen und kulturellen Bedingungenstanden. Von vornherein liegt in der Tristandichtung kein bewußter morali-scher Plan: in der Spielmannsdichtung war das Übernatürliche des Trankesnicht in Ausgleich zu bringen mit den realen, sittlichen Forderungen, imhöfischen Roman besteht der Widerspruch zwischen diesen und der laxenStandesmoral eines fiktiven Minnekults. Beurteilt man den moralischen Ge-halt des Romans von dem allgemeinen sittlichen Empfinden aus, dann er-öffnet sich der Blick in grauenhaft tragische Tiefen des menschlichen Seelen-lebens; dann sehen wir das erschütternde Schauspiel, wie der elementareSinnentrieb den sittlichen Willen untergräbt und die dunkle Lebensgier allein

1 Vgl. Günther Müller, Deutsche Viertel-jahrsschr. 1,72 f.

2 An diesem Widerspruch krankt überhauptdie höf. Frauenverehrung. Sie ist nur eineFiktion. So wie sie aus der dichterischenPhantasie u. der Spielerei der vornehmen Ge-sellschaft in das wirkliche Leben übertragenwerden sollte, mußte sie sich an den Sachender Raum welt stoßen. Im Minnelied kam dieserdichterisch-sachliche Widerspruch weniger zurGeltung, da es hier bei dem Ausdruck derEmpfindung blieb, als im Roman, der ein inRealitäten sich abspielendes Lebensbild gibt.

Daß Minnedoktrin u. wirkliche Moral auch inder Tat als zwei verschiedene Dinge angesehenwurden, zeigt das Liebesbuch des Capl. An-dreas, der seinen Minneregeln eine Wider-legungDe reprobatione amoris" (TrojelS.313) folgen läßt, in dem die ganze Arsamoris verworfen wird u. wo es heißt (S.314):Odit namque Deus et utroque jussit testa-mento puniri, quos extra nuptiales actus ag-noscitVenerisoperibusobligarivelquocunquevoluptatis genere detineri.

3 Stökle S. 5 ff.; Leistner S. 23 f.; H.Fischer aaO.