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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere

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psychologisch begründet (s. oben S. 308). Der Wille der Liebenden istnicht ausgeschaltet, sondern der Verantwortung unterzogen, damit ist einethischer Konflikt eröffnet und durch den Sieg der Minne, des Triebes,ist die Kausalkette geschlossen mit der Schuld der Liebenden? das wäredas Urteil des normalen sittlichen Empfindens. Aber in dem höfischenMinnespiel der edeln Herzen entscheidet das Forum der Minne, dieMinnedoktrin; die aber lautet:ezn ist niht ein biderbe wip, diu ir lipdurch ir ere lät" 1800103, die ihre weibliche Natur (ihre sinnliche Natur,ihre Minne) unterdrückt der bloß äußerlichen Sittlichkeit wegen: ein wirk-lich braves Weib gibt sich dem Manne, den sie wahrhaft und von Herzenliebt. Die erste Liebesregel des Caplan Andreas lautet: Causa conjugii abamore non est excusatio recta. 1 Das Minnerecht geht vor dem moralischenRecht. Die Schuld für die ganzen Liebeswirrungen trägt der betrogene Gatte:Wem mac man nu die schulde geben umbe daz erlöse leben daz er susmit ir hcete'i 17757. Weder Tristan noch Isolde haben betrogen, er sah esja mit eigenen Augen, daß sie ihn nicht liebte, nur Gelüst und Begierdehat ihn an sie gefesselt, er wollte sich ihrer nur ze übe, nicht z'eren er-freuen 17731, sein Herz begehrte Liebeslust von ihr, aber keine wahre Liebeund keine innerlich-sittlichen Beziehungen. 2 Auf diese Weise wird der Ehe-bruch, der vor dem Minnegericht in diesem Fall kein Fehltritt ist, auchmoralisch zu rechtfertigen gesucht. Und eine tiefe, sittliche Wahrheit liegtdoch in der Beschuldigung Markes: Ehe soll nur auf Herzensgemeinschaftgegründet sein.

Trug und Treue leiten die Handlungen der Liebenden: die Technik dertrügerischen Abenteuer stammt aus dem spielmännischen Boden unddadurch behält das Charakterbild Tristans einen spielmännischen, unritter-lichen Nebenzug. Auch an der Heldin haftet der sittliche Makel des Trugs,und der Dichter macht selbst kein Hehl daraus. 3 Brangänes Treue bestehtin ihrer Trughilfe 1245156. 1260418. 1267078,man soll den Mantelnach dem Winde drehen" ist ihre Moral 10430f. Die Gegenpartei, Marjodo,der Zwerg Melot, arbeitet mit lüge und väre (Hinderlist) 14266f., vgl. 13641;Gandin ist der betrogene Betrüger 13206. 416. ff. Jntrige ist also das Ge-triebe dieser Hofgesellschaft und ihr moralischer Horizont reicht nur bis zumäußern Schein. Der Dichter spricht darüber das vernichtende Wort: diu

1 Trojel S.310; vgl. auch das VIII. Liebes-urteil : Nova superveniens foederatio maritalisnon recte priorem excludit amorem S. 280;das IX.: Maritalis affectus et coamantiumvera dilectio penitus judicantur esse di-versa.

2 In dem später wieder aufgenommenen Ge-gensatz bedeutet lip u. ere (bes. 1800105;vgl. auch 1251416) die großen ethischenAntithesen von Sinnlichkeit und Sittlichkeit,Natur u. Geist; die Synthese wird hergestelltdurch die mäze 1801218. Mäze= Harmonie

von Sinnlichkeit u. Sittlichkeit, bei SchillerSchönheit", bei Gotfr. daz lebendeparadis,also ebenfalls die Schönheit. Aber in demStoff der Tristandichtung ist kein Raum fürdas sittliche Ideal der Mäze u. darum ist esauch von G. nicht zu einem Problem gemacht.3 Verstellungskunst, valsdi und trägeheitTristans: 2690ff. 2771 ff. 3079ff.7563ff. 8193ff.8709 ff. 8760. 8800 ff. 9521 ff. 10129. 1342123. 19401-08; Isoldes: 12700f. 15746. 51;die krassen Fälle sind der Mordanschlag aufBrangäne u. dervergiftete" Eid.