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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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316 Die erzählende Dichtung

dichtes die religio 1 der Moralphilosophie, der Moraliteit, d. h. eine für diein der Welt Lebenden vorgeschriebene Frömmigkeit. Und Gotfrid dichtetausdrücklich für die Welt und in ausgesprochen weltlichem Geiste.

So bewegt sich denn die Tendenz dieses Gedichtes von der Weltminnenaturgemäß auch nur in dem einen Teil des ritterlichen Sittenprinzips: derWelt gefallen, nicht auch: Gott gefallen: ihm, Tristan, truoc diu werlt holdenmuot 3746, ferner 4415.18028.57. Das Idealleben ist diewerltwunne Riwalins312, Riw.s und Blanscheflurs 1367, das wunschleben Tr.s u. Is.s im Wald-idyll 16850. Aber es wäre falsch, G.s Anschauung für einePhilosophie desLebens" zu halten. Beides, Leben und Tod, umfaßt die ethische Perspektiveseines Gedichtes. Beide sind unzertrennlich, Welt- und Lebensgeschehenist polaristisch, Leben fordert als Gegenpol den Tod 62f., vgl. 23342. Inder Minne, in den edeln Herzen, ist dieses zusammengekettete Gegenspielzur Einheit geworden:es bringe Tod nun oder Leben, mir ward mit sanftemGift vergeben. Weiß nicht, wie jenes werden soll, doch dieser Tod istfreudenvoll. Ja brächte immer, solchen Tod mir die wonnige Isot, so wolltich wahrlich gerne werben um ein ewigliches Sterben" 12499506. Dasist die Todeserotik, die Richard Wagner zum Grundgedanken seines unsterb-lichen metaphysischen Kunstwerks gemacht hat. Der mittelalterliche Dichtervermochte nur intuitiv den einzelnen Fall zu schauen, der Meister der Gegen-wart hat ihn in die Gedankenwelt Arthur Schopenhauers erhoben.

Der ethische Schwerpunkt liegt in der Liebe von Tristan und Isolde, imVordergrund steht die Schuldfrage. 2 Im alten Gedicht waren die Liebendendurch die Zauberei des Tranks ihres Willens beraubt und trugen darum keineVerantwortung, für Thomas aber, den Rationalisten, der das Dämonische undWunderbare zurückzudrängen sucht, ist die Minne die unwiderstehliche Ge-waltherrscherin der Herzen. Er, dem G. folgt, hat aus dem Märchenspielein Seelendrama geschaffen, aus dem Schicksalsstück eine Charaktertragödie.Der Minnetrank ist nun eigentlich überflüssig, ja störend, die zauberischeVergiftung kann höchstens noch als Symbol für eine solche plötzlich aus-brechende Liebeskrankheit, für das Gift der Leidenschaft oder als dichterischesMotiv für die Handlung, als erregendes Moment für die Liebestragödie gelten,hat aber keinen Einfluß auf die ethische Begründung. Es handelt sich nichtmehr um einen magischen, den Menschen von außen angetanen Zauberbann,sondern um die verheerende Leidenschaft der Liebe in der menschlichenSeele. Der Vorgang ist also nicht mehr physiologisch bedingt, sondern

älteste Form ist in Indien, 3. Jh. v. Chr., nach-gewiesen: Windisch S. 220; Singer Aufs. u.Vortr. S. 166; Günther Müller, Dt. Viertel-jahrsschr.2,697f. Die Worte 15734-48, diewie Blasphemie klingen, müssen innerhalbdes religiösen Zusammenhangs als Ironie be-trachtet werden.

1 ZfdA.56, 142. 152 ff.

2 Heinzel, Kl.Sehr.S.77ff.; GoLTHER,SageS. 110 f., Tristanb. S. 149 f. 177. 428 ff., Z. dt.

Sage u.Dicht., Ges.Aufs.S.l 14ff; Roetteken,ZfdA. 34, 81 114, bes. S. 102ff.; Bedier II,163 ff.; Schoepperle II, 446ff.; Minor, Wahr-heit u. Lüge auf dem Theater u. in der Lit.,Euphorion3(1896), 265ff.; Hertz-v.d. LeyenS. 473 f.; WechsslerS.383; Volkelt S 437u. ö.; D. B. Shumway, Publ med. lang, assoc.of Amerika 18. App. I S. 27 ff.; Ders., Mod.Philol. IH.3; Günther Müller, Dt.Viertel-jahrsschr.2,691; Ranke S. ] 76ff.