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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 315

Der Inbegriff aller sittlichen und auch der gesellschaftlichen Vortrefflich-keit ist tugent.i Die ere* geht über alles, selbst über das Wunschleben imLiebeshause 1768618118. Eine besondere Stellung innerhalb der höfischenSittenlehren nehmen die ritterlichen Standesvorschriften ein. Ein solcherRitterspiegel eröffnet die Geschichte Riwalins mit der Aufzeichnung seinerritterlichen Eigenschaften, überhaupt sein ganzes Leben ist das eines vollen-deten Edelmanns. Eine ritterliche Pfichtenlehre, die sich gründet auf das Bewußt-sein der Selbstverantwortung der sittlichen Persönlichkeit, gibt Marke seinemNeffen bei der Schwertleite 502043, wobei die Treue gegen den Herrn undgegen die Mannen sowie die Freigebigkeit als Hauptgebote genannt werden,mit der zusammenfassenden Schlußmahnung: sei immer höfisch, immer freudig(vgl. 3739). Eine andere Reihe ritterlicher Eigenschaften ist in der Kleiderallegorieder Schwertleite 455386 verbildlicht: hoher Mut (hochsinniges Streben), un-geschränktes Gut (Vermögen), verständiges Urteil [bescheidenheit) und höfischerGeist. Aus dem ritterlichen Tugendsystem stammt die Zweiteilung des Leibesin lip und guot 5685716: 3 es sind die Güter des Körpers und die Glücks-güter, als Bedingung edler Gesinnung und weltlicher Ehren.

Außer diesen und einigen andern didaktischen Partien ist durch das ganzeGedicht hindurch eine Fülle von sittlichen Beobachtungen und von Lebens-weisheit verbreitet, teils in einzelnen kürzeren Sentenzen oder sprichwort-artigen Sätzen, teils in längeren Erörterungen.

G. zeigt viel theologische Kenntnisse. In all dem weltlichen Treibenbegegnen auffallend viele Wendungen, Bilder und Vergleiche aus dem geistlichenGebiete. Zwar sind es meist nur Einzelheiten, Formeln oder wenige leichtangedeutete Striche, aber diese Beimischung läßt doch erkennen, daß erstark religiös interessiert war und eine theologisch gelehrte Bildung besaß. 4Aber auch zwei ganze Szenen sind unter geistlichem Gesichtswinkel auf-gefaßt, der Zweikampf mit Morold und das Gottesurteil Isoldes. Der Holm-gang mit Morold ist ein Kampf für got und reht. h Is.s trügerische Recht-fertigung bei ihrer Verurteilung zur Tragung des glühenden Eisens benutztG. zu einer Kundgebung gegen die Sitte derartiger Gottesgerichte zu einerzornigen Anklage gegen die, die mit dem Heiligen und den kirchlichenGebräuchen Spott treiben. Auf solchem Wege tut Gott die Wahrheit nichtkund. G. hat von den Geheimnissen und Willensoffenbarungen Gotteseine geistigere Vorstellung. 6 Insgesamt ist das religiöse Element des Ge-

Kreuzzugsreden häufiges Motiv. Tr. ist gottes-fürchtig u. demütig, Mor. vertraut auf seineeigene Kraft: es ist der Sieg der Demut überdie Hoffart wie im Kampf des Christentumsgegen das Heidentum, s. Bd. II, 1,255 f.6 Die Gottesurteile wurden von namhaftenkirchlichen Autoritäten verworfen: H. Kurz,Germ 15, 223 ff. 322 ff.; Hertz S. 597 ff.; H.Fischer S. 6 ff.; Stökle S. 80-89; J. J.Meyer, Is.s Gottesurteil aaO. Das Motiv vomzweideutigen Eid ist weit verbreitet, seine

1 tugent: Nolte, ZfdA. 52, 61 ff.; StökleS.5661.

2 ere: Heinzel, Kl. Sehr. S. 45 ff. DesWeibes Schande ist Unehre des Mannes, Tho-masin, W. Gast 4609 ff.: nach dieser Ansichtschändet Isoldes Ehebruch auch ihren GattenMarke.

3 Glücksgüter: DasUtileindermoralisPhilo-sophia, bona corporis et fortunae, ZfdA.56,143.

4 Siehe die Diss. von Stökle.

5 Stökle S. 6975. 6098106 ist ein in