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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

Minne die Quelle aller Tugenden 1 der Höfischheit, wie in der Scholastikund Mystik die Charitas. 2 Lieb' ist ein also scelec dinc, ein also sceleclichgerinc (Ringen), daz niemen äne ir lere noch tilgende hat noch ere 18790. Also hat die Minne eine doppelte Natur: als passio treibt sie den Menschenin sittliche Abgründe, als virtus erhebt sie ihn über das Irdische zur Gottesnähe.

Eine Beschreibung der Eigenschaften der Minne und der von ihr aus-gehenden Tugenden gibt G. in der Allegorie von der Minnegrotte 3 1692717103. Form und Bau des Gehäuses werden ausgedeutet auf diese Bestimmt-heiten der Minne. Unter ihnen sind wesentliche Tugenden der höhe tnuot,der aufstrebt in die Wolkenhöhe zu der Summe aller Tugenden; die Güte,die Demut, die zuht, und aller Leuchten glänzendste, die Ehre. Was aberhinführt zu dem Märchenhaus, wo die Minne wohnt, das ist arbeit: 4 - nurdurch Ausharren und opfervolle Anstrengung können wir zu der MinneHerrlichkeit gelangen.

Die erste und bedeutsamste Frucht der Minne ist die Treue, 6 sie ist dersittliche Grundwert des Gedichtes. Von reinen triuwen erzählt es, und weres liest, dem wird die Treue noch fester und lieber 16786, vgl. noch bes.1174592. 1251130. Die Liebe von Tristan und Isolde ist ein Beispielfür Liebestreue 220. 226. 231. Die Treue ist die Kraft, welche sie siegreichden Kampf gegen eine Welt von Gefahren bestehen läßt. Wer mit solcherTreue gewappnet ist, kann sittlich nicht ganz untergehen, wie schwer auchseine Schuld sein mag. Ist doch die Hingebung für ein anderes, ein ge-liebtes Wesen ein sühnendes Selbstopfer.

Die Treue zwischen Herrn und Dienstmann ist die Grundlage des Feudal-wesens . Diese heroische Form der Treue bildet in dem Liebesgedicht nichtdie ethische Substanz wie im Volksepos, sondern sie tritt nur in durch denErzählungsstoff gegebenen Fällen auf: Tr. ist sich seiner Treupflicht gegenseinen König bewußt, aber die Minne ist in seinem Seelenkampfe mächtigerals triuw'e und ere 1174592 (doch dazu 1251130), und eben in demKonflikt zwischen Minne und Mannentreue besteht die ethische Tragik desHelden. Ein Bild echter Mannentreue ist dagegen der Marschall Rual lifoitenant, der Treue wahrende, bes. 46367. 17891815. 202840. 2187f.510911. 18649ff. und überhaupt die Abschnitte 17892146. 37554544.

1 StökleS.56 61; Günther Müller, Dt.Vierteljahrsschr. 2,708.

2 Wechssler S. 315.

3 Ganzenmüller, Naturgefühl S. 288 f.Kuno Meyer, Eine Episode in Tr. u. Is. udas keltische Haus, ZfromPhil. 26,716f.; JosJanko, Die Allegorie der Minnegrotte bei Gv. Straßb., SB. d. k. böhm. Ges. d. Wissensch.,hist. Kl. 1906 Nr.9; Schoepperle S.391 ff.;bes. Fr. Ranke, Die Allegorie der Minnegrottein G.s Trist., Schriften der Königsbg. gel. Ges.2. Jahr H. 2, 1925, 2139 (die allegor. Aus-legung ist aus der kirchl. Literatur entnommen,wo Form u. Teile des Kirchengebäudes, des

Hauses Gottes, mystisch als ein Bild dermenschl. Seele u. ihrer Tugenden gedeutetsind, z. B. bei Hugo v. S. Victor).

4 Minne als .Arbeit': Wilmanns, Leben 1S. 181, ed. Michels S. 280 u. Anm.; Mor.v. Craon 295306 (s. oben S. 131); Hartm.Büchlein 613ff. 635f. 791 f. 8981 1215L; beiOvid: Schrötter S. 97; Capl. Andreas(Trojel S. 35): Absque labore gravi nonpossunt magna parari; Ainune (s. Pfeiffer,Freie Forsch. S. 82): Amor, amor, amor, amordulcis labor (Ovid zugeschrieben); Meleranz69194; Bartsch, Albr. v. Halberst. S. XIV.

6 Stökle S. 9498.