§50. Tristan. Der ethische Gehalt. Die Charaktere 313
Liebe 679—730; 2. Steigerung: die Unterhaltung, seine Minne wird durchdie ihrige entzündet; 3. Wirkung der Minne in Riw.: Verwirrung der Sinne826—954; 4. Wirkung in Bl.: auch sie wird bezwungen von der gewalt-cerinne Minne 955—1074; 5. Schluß: Besiegelung der gegenseitigen Liebe.
In dem Verhältnis von Tristan zu Isolde ist die Leidenschaft von vorn-herein da. 1. Das erregende Moment ist eine Verhexung des Liebestrankes11711—44, es handelt sich nur darum, wie die Minne zu ihrem Ziel, derVereinigung der Liebenden gelangt, das ist der Faden der Weiterentwicklungdieses Minneproblems; 2. Zunächst müssen die beiden ihre Gewissens-bedenken niederkämpfen, in Tr. wogt Widerstreit zwischen Treue und Ehre,in Is. zwischen der Minne und der Scham. Das Resultat ist siegloses Er-geben 11745—878; 3. Die Liebenden nähern sich 11879—12054; 4. Indiesen Liebeswirren spielt eine dritte Person mit, Brangäne 12055—160;5. Das Endziel ist erreicht, die Vereinigung der Liebenden: die Ärztin Minneführt die beiden Kranken zusammen; diese durch Gift eingegebene Minnehat ganz den Charakter einer Liebeskrankheit 12161—90. In einem Nachwortstellt G. pessimistische Betrachtungen über die gegenwärtige Erniedrigung derMinne an 12191—395. — G.s Minnetheorie kommt außerdem noch besonderszur Aussprache in Tristans Zweifelminne zwischen den beiden Isolden 18953bis zum Ende des Gedichtes: Linderung der Liebesqual durch Abkehr zueiner neuen Liebe, Belehrung über die Berechtigung des Minnezwistes13021—77.
Aus den beiden Liebesszenen, dazu aus andern Stellen des Gedichtes,besonders aus dem Prolog, läßt sich die höfische Liebesdoktrin zusammen-stellen: Wie entsteht die Minne? Auf natürlichem Wege durch Anblick derschönen Gestalt und ihrer Tugenden wird das Herz entzündet (die Liebedringt durch die Augen in das Herz), oder ganz durch das magische Mitteldes Zaubers. Sie ergreift zuerst die Frau. — Was ist Minne? Einheit zweierHerzen 128—30. 1354 ff. 11720—44. 12040 ff. 12181 f. 18334—62.18506—35,ein Herzenstausch 804—18. 1356 ff. 11720 ff. 12180—86. 18507—21. — Wiewirkt sie? Gewaltsam wie ein Feuer, als eine senelichiu. arbeit. — Was wirkt sie:innere Kämpfe, Freud' und Leid; meist aber not, swcere, herzeswcere, herze-sorge, nahe gendiu leit. — Was sind ihre Anzeichen? ein freundlicher Gruß,freundliche Rede, Seufzen, Trauer, Nachsinnen, Wechsel der Farbe, bald weiß,bald rot, keine Essenslust; überhaupt: die äußere Gebärde. — Wer ist derfeinen (echten, wahren, reinen) Minne fähig? das edle Herz.
Die wahre Minne der edeln Herzen ist aber nicht bloß eine schwächendeLeidenschaft, ein Trieb der zur Aufgabe des persönlichen Willens führt,sondern dabei im Gegenteil, eine Stärkung der sittlichen Persönlichkeit, diestärkste Kraft zum Guten, zur Tugend. Wo der bloße Sinnestrieb über-wunden ist, da wird die Liebe zum Prinzip der Ethik, zum sittlichen Willen.Der Übergang ist gemacht von der Natur zur Vernunft, vom appetitus naturaliszum appetitus rationalis, vom Unbewußten zum Bewußten. Somit ist die