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Die erzählende Dichtung
eine weitberühmte Bildungsstätte für feinste hovesite 448—61.482—521. Ab-geschlossen ist die Lehrzeit durch die Schwertleite, die Überreichung derritterlichen Waffen 4545—5066. Dann tritt Tristan als selbständiger Mann han-delnd ins Leben. Seine erste Tat ist die Erfüllung einer Sohnespflicht: dieVaterrache; die zweite ist die Pflicht gegen König und Vaterland: die Be-freiung von dem Bedränger Morold, die dritte die Pflicht gegen sich selbst:seine Heilung. Dann wirft ihn der Minnetrank aus den normalen Bahnen. —Sein pädagogisches Interesse zeigt G. auch bei der Erziehung der Isolde.Zuerst wird sie von einem Geistlichen in Büchern und Saitenspiel unterrichtet7700—31, von ihrem zweiten Lehrer aber, dem Spielmann Tantris, empfängtsie mehr: die Lehre von der Moraliteit.
Das höfische Moralsystem. 1 Die Welt der edeln Herzen ist der Schau-platz für diese ethisch-psychologische Spannung. Ein Beispiel für diese Formder sittlichen Welt entfaltet der Dichter, sein Werk gibt innerhalb der Moraliteit,eine Lehre der Höfischheit, eine höfische Tugendlehre, und zwar in ersterLinie eine Minnelehre, denn die Minne ist in diesem System die Grund-lage der Sittlichkeit. So läßt sich aus G.s Tristan das höfische Moralsystemableiten, in klaren Umrissen und in einer Vollständigkeit, wie sie sonst nurdie lehrhaften Minnedichtungen gewähren, die jedoch nur das System geben,nicht das lebendige Leben, und nur Regeln bleiben und nicht Tatsachen derWirklichkeit offenbaren.
Minne ist der Lebensnerv des Gedichtes, von dieser Urkraft aus pulsiertalle Bewegung, sie lenkt die Geschicke der Menschen und bestimmt ihreethischen Bezüge. Aber sie ist eine Leidenschaft, Amor est passio, 2 instürmischem Angriff raubt sie mit Gewalt dem Menschen die Besonnenheit959—63, sie macht ihn zu ihrem Sklaven, denn ihr kann nichts widerstehen;er hat keinen freien Willen, es ergeht ihm wie dem Vogel, der sich auf dieLeimrute setzt und mit den Füßen daran festklebt und je mehr er flattertund davon will, um so fester haftet, bis er am Ende ermattet und liegenbleibt 11793 ff. Die Minne ist Trieb, Begehren, der Wille beherrscht dieVernunft. 3
Zweimal schildert G. die Entstehung und dabei das Wesen der Minne,in dem Verhältnis von Riwalin zu Blanscheflur und in dem von Tristan undIsolde. Der psychologische Prozeß ist in den Grundzügen beidemal nahe-zu der gleiche. Es ist wie ein Schauspiel oder Trauerspiel in 5 Akten.Das Stück Riw. u. Bl. (679—1116) verläuft folgendermaßen: 1. Einleitung,das erregende Moment: der Anblick des schönen Ritters erweckt in Bl. die
7517—46. 7645—50. 7700—31. 7813-36.7991-8005. 8068 135. 13202 f. 13310-29.13350—68. 19200—25 (Tr. dichtet u. vertontden edelen leidi Tristanden, er besitzt dieKunst des Minnesangs). Vgl. Burdach, Reinm.S. 178-80; Bergemann S.42-46; Wacker-nagel LG. I 2 , 138 A.
1 Siehe Petersen, Joh. Rothe S. 155 ff.
2 Ein Gemeinplatz der höf. Minnetheorie,stammt aus der geistl. Morallehre, der Ur-sprung liegt in der Affektenlehre der Stoiker;s. d. folgenden Band dieser LG.
3 Siehe bes. Wechssler S. 314. 374ff., Reg.unter amor, Liebe, Minne, charitas.