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Die erzählende Dichtung
Aus der Empfindungssphäre des Minnesangs stammt der innere Gehaltdieser höheren Welt, das Leid der Liebe ebenso als notwendigen Teil desDaseins hinzunehmen wie die Freude. Die Liebe Tristans und Isoldes ist einSymbol für den ethischen Leitsatz von G.s Minnepsychologie: Swem nievon liebe leit geschach, dem geschach ouch liep von liebe nie 204. Damitist sein Gedicht unter den sittlichen Gesichtspunkt einer Wertlehre des mensch-lichen Gefühlslebens gestellt.
Der Polarismus von Freud' und Leid 1 durchzieht als stimmendes Motivdas ganze Gedicht. Er ist im Stoff begründet: es ist das Schicksal der beidenLiebenden, Vereintsein und Trennung; immer wiederholt es sich in den Aben-teuern, das Minnegeheimnis und seine Entdeckung. Die Tragik liegt in dergewaltsamen äußeren Spaltung der beiden seelisch Zusammengehörenden. 2Die Lösung des tragischen Geschicks bringt der Tod, die ewige, die tren-nungslose Vereinigung, mit dem Sinnbild von Rose und Rebe, die aus ihrenGräbern sprießen (Eilh. 9510—19, s. oben S. 71 Anm. 2).
Die Quelle dieses weichen Empfindungslebens ist der Frauenkult unddie Frauenkultur der höfischen Zeit. Mit der Frauenverehrung des Minne-sangs hat G.s Gedicht seine Stimmung gemein. Es ist ein lyrisches, senti-mentales Erlebnis, nicht ein heroisches wie Erec und Iwein, und nicht einreligiös-heroisches wie Wolframs Parzival. Liebe und schöne Höfischheit,nicht Rittertum und Mannestat, sind die Lebenswerte dieser Welt der edelnHerzen.
Wie nun das edle Herz beschaffen ist und die Höfischheit, die in jenemfeinen Wesen ihre Heimstätte hat, darüber gibt G. an verschiedenen Orten
lieh gewesene u. gebliebene, u. sie bildet z.B.die tragische Grundstimmung im Nib.lied (vgl.Nib. 2315,4, während 17,3 ebensowohl auchLiebesfreude u. -leid bedeuten kann) u. ist vonWolfram im Parz. u.Willeh. als Gedankengehaltdes Gedichtes ausgesprochen, s. oben u. vgl.Burdach, Reinm.S.126); 2. Büchlein 429 ff.;Thomasin 2821 ff.; am ergreifendsten imAcker-mann von Böhmen Kap. 12, 15 ff. Die Ein-schränkung des Gegensatzes auf»Liebesfreudeu. -leid" gehört dem Empfindungskreis desMinnesangs u. denJVUnnereflexionen des höf.Epos an. Die Erfahrung, daß das Leben ausFreud u. Leid gemischt ist u. daß die Freudemit Leid endet, entspricht germ. Lebensauf-fassung. Auch das klass. Altertum hat dieseAntithese gebildet, im Alten Test, ist sie aus-gesprochen Prov. 14, 13, zum Gemeinplatzdes Minnesangs ist sie durch die provenzal.Trubadur geworden, die von Ovid beeinflußtwaren. Auch hier trifft die Minnepoesie mitder Mystik zusammen: laetitia und tristitiaspiritualis bona est, darum sollst du zugleichgeistige Freude u. geistige Trauer im Herzentragen, Pseudo-Bemhard, Liber ad SororemCap.XI; Hugo v. S. Victor, Migne 176, 619(amor Dei et amor mundi) bes. am Schluß;vgl. Burdach, Ackermann S. 220f. 303; Carl
Schulze, Die bibl. Sprichwörter der deutschenSprache S. 53 f.; J.V. ZiNGERLE, Die deutschenSprichwörter im MA. S. 88ff.; Seiler, Dasdeutsche Lehnssprichwort I (1921), 193; Fr.Rolf Schröder, GRM. 10 (1922), 375; LG.II, 1, 221.
1 Vgl. Ewald A. Boucke, Goethes Welt-anschauung auf historischer Grundlage, 1907, ;S. 378. 424.
2 Siehe 18339—62.18495—557. Wirzweisiniemer beide ein ding an undersdieide 18357:Tr. u. Is. eine Einheit, ein Itp, ein leben18348 (129 f.). Sie tauschen ihr Leben 18510 f.Dadurch tritt bei örtlicher Trennung derbeiden die Spaltung der einen Person ein:Is. ist hier auf dem Lande bei Marke u. dortauf dem Meer bei Tr. 18542—45. Hier klingtdas Motiv vom Herzenstausch an, Iw. 2981—3028 [2990—94], (Chrestien 2639—60); Rud.v. Ems, Gut. Gerh. 4346—48; bei den Minne-sängern: Wechssler S. 227—29; Burdach,Preuß. Ak. 1918 S. 1076 ff.; Lüderitz S. 100.— Die Mehrheit in der Einheit lag demmittelalterl. Denken nahe durch die wichtigenDogmen von der Trinität u. von der doppel-ten Natur des Gottmenschen; vgl.WiLMANNS,Walther Anm. zu 19,9.