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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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306 Die erzählende Dichtung

so sehr, wie jener, ihren Trennungsschmerz hervor, sondern das Gefühl derTreue und des unlöslichen Zusammengehörens, Th. sieht also mehr den natür-lich menschlichen und subjektiven Trieb, G. die sittliche Persönlichkeit. Aufdiesem höheren, ausgesprochen ethischen Standpunkt veredelt er auch dieGesinnung des liebenden Mannes: der Tristan des Th. ist ein Egoist, er denktzunächst an sich:Ich will fortgehen, schöne Freundin, ihr braucht keineSorge um das Leben zu haben, denn ihr werdet nicht überführt werdenkönnen, ich werde Freude fliehen und aufgeben, ich werde Verbannungund Gefahren zu erdulden haben, ich wage nicht länger zu bleiben; dagegenbei G.: Tristan kann sich und die Geliebte nur als eine Einheit denken:ich werde sterben müssen, er betreibt unseren Tod, herzefrouwe, schceneIsöt, nu mileze wir uns scheiden, wir werden nie mehr Freude haben wieehedem, wir haben in reiner Minne uns angehört bis auf diesen Tag. Innigersind auch die aus Leid geborenen Liebkosungsworte Tristans bei G.: isöt wachet,armez wip, wachet, herzekünigin! 18258 f., herzefrouwe, schcene Isöt 18270,herzefriundin 18284, dazu das franz. duze amie, bele Isöt 18288, bei Th.dagegen konventionell: AmieYseut 18, Ma doce dame 31. Zurückhaltendist Isolde mit Koseworten, sie redet Tristan nur an mit gesellschaftlichemherr' 18292. 302, Th.: Amis 45. 52, Amis, bei sire 40.

Die zweite bei G. und Th. zusammenfallende Partie, 19424552 = 53142, bei G. ebenfalls erweitert, unterscheidet sich von der ersten dadurch,,daß sie keine Erzählung enthält, sondern nur einen Entschlußmonolog Tristans:die Notwendigkeit der Trennung von Isolde. Auch hier istTh. ursprünglichtriebhafter, G. kultivierter. Mit nacktem Egoismus beruhigt sich der Th.scheTristan: was nützt es, eine Liebe aufrecht zu erhalten, wenn daraus kein Guterwächst? 93 f. 98, während der G.s sich humaner ausdrückt: meine Treueund Liebe vermag mir nicht zu helfen. Dem Tristan des Th. kommen dieErwägungen impulsiv aus dem Gefühl, er schwankt hin und her zwischenVorwürfen und Entschuldigungen: die Geliebte lebt in Freuden, ich verbringemein Leben in großem Schmerz, von ihr bin ich ganz vergessen, doch nein,durch einen magischen Rapport unserer Herzen fühle ich, daß sie mir Treuegehalten hat. Bei G. ist Tristans Monolog die dialektische Entwicklung einesMinneproblems mit dem Thema: leidvolle Liebe, die zu keinem befriedigen-den Ziele führt, kann man durch eine neue Liebe vergessen (1942835).Dieses wird theoretisch begründet durch eine Autorität: 1 ich hän doch dickedazgelesen 1943668; dann praktisch wie bei Th. durch die momentanenLebensbedingungen der beiden Personen. Doch geht hier G. weiter als Th.:er hat nur Anklagen gegenüber Isolde, nicht auch Entschuldigungen, undzwar, unter Voraussetzung des obigen Themas der Minnetheorie, logisch ganzmit Recht, denn je unentschuldbarer das Benehmen der Isolde ist, je größerder Abstand zwischen ihrem Freudenleben und Tristans Verlassenheit, zwi-schen seiner Sehnsucht und ihrer Gleichgültigkeit, um so gerechtfertigter ist

1 Ovid, Remedia Amoris 441 ff., vgl. 2. Büchlein 507 ff. (oben bei Hartmann).