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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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304 Die erzählende Dichtung

Th. muß sich auf die erhaltenen Verse beschränken, für alles übrige habendie norwegische Saga und der englische Sir Tristrem (s. oben Eilh.), die ausTh. geflossen sind, einzutreten. 1 Die Saga übersetzt wörtlich, aber sie läßtnach bestimmten Grundsätzen gewisse Teile aus: sie kürzt Monologe, unter-drückt psychologische und moralische Erwägungen sowie nordischem Inter-esse Fernliegendes, selten auch ganze Episoden. Ihr kommt es auf den fabu-listischen Inhalt an. Wenig für die Beziehungen G.s zu Th. läßt sich ausdem englischen Sir Tristrem gewinnen, weil hier das Thomasgedicht gekürztund ganz frei wiedergegeben ist.

Wie eine Vergleichung des deutschen Gedichtes mit den Thomasbruch-stücken und der nordischen Saga ergibt, hat G. die Motive des Inhalts desfranz. Gedichtes nicht geändert, wohl aber die äußere Form und den Gehaltsehr frei behandelt. So ist er kein bloßer Übersetzer, sondern ein selbstän-diger Bearbeiter, der den Gesetzen seiner eigenen Kunst folgt. Mängel desfranz. Gedichtes hat er zu glätten gesucht: er tilgt Widersprüche, unnötigeWiederholungen oder Züge, die seiner künstlerischen Auffassung nicht zu-sagen und schafft bessere Ordnung in das Gefüge der Disposition, in denReden, Monologen und Reflexionen entwickelt er die Gedanken in logischererAbfolge. Seine Erweiterungen sind nicht, wie oft bei Veldeke, breite, um-ständliche Dehnungen, sondern dienen zur Bereicherung des Inhalts, zurtieferen Begründung des Erzählten, zur Charakterisierung einzelner Momente.Die ausführenden Schilderungen von Vorgängen und Gegenständen rundensich oft zu kleinen poetischen Bildern ab.

Nicht nur die äußere, auch die innere Form ist in eine höhere, geistigereSphäre gehoben. Gestützt auf eine vornehme Bildung hat G. die Tristan-dichtung zu einem Muster feinster Höfischheit geläutert, er hat die manch-mal noch rauheren Sitten seiner Quelle gemildert, Ausbrüche der Leiden-schaft gemäßigt, Schimpfwörter unterdrückt, Altertümliches modernisiert, Per-sonen edlere Gesinnung und Gesittung verliehen besonders Marke undBrangäne, Auffassungen seines Vorgängers idealisiert. Das innere Lebenhat er noch reicher ausgestaltet, er hat Gefühlstöne zarter Menschlichkeithinein verwoben oder die leidenschaftliche Erregung in dem Ablauf des un-vermeidlichen Geschickes verstärkt. Dazu ist seine Darstellung lebendigerund wärmer, die stilistischen Mittel des Th. hat er zu höchstem Glänze aus-gebildet, und musikalisch wie der süße Wohllaut der Sprache ist die ganzeStimmung in diesem Liebeslied deredlen Herzen". So ist Gotfrids Tristaneine der vollendetsten Schöpfungen des mittelalterlich-ritterlichen Geistes, wo-gegen das Thomasgedicht, am Anfang der höfischen Epik stehend, nocheine ältere Stufe darstellt. Stilhistorisch betrachtet bilden EilhartThomasGotfrid drei Typen einer aufsteigenden künstlerischen Reihe, Thomas hat

47f.; Firmery aaO.; Bedier, Bd. I u. II (hierbes. S. 76-81); Piquet aaO.; Golther,Tristanb S. 165 - 80; Ranke S. 176 ff. G.su. Th.s' Stil s. unten.

1 Heinzel, ZfdA. 14 aaO.; Bedier II, 6488; Piquet aaO.; Glöde, Germ. 33,1727,dazu Kölbing, ebda 34, 18794.