§ 49. Die Quelle des Tristan 303
leicht ins Breite gehende Erzählungsweise. Die einzelnen Episoden stehennicht mehr so unvermittelt nebeneinander, sondern sind mehr ineinanderverknüpft. Von dem Inhalt der Spielmannsfassung, zu der auch Eilh.s Gedichtgehört, weicht Th. (und ihm folgend Gotfr.) stark ab, besonders in folgendenPartien (vgl. oben die Inhaltsangabe zu Eilh.s Tristan): zugesetzt hat Th.die ganze Jugendgeschichte, den Liebesroman von Riwalin und Blanscheflur,den treuen Rual, die Entführung durch die Kaufleute, so daß die großeStrecke bei G. 243—5870 den wenigen Versen Eilh. 54—350 entspricht. Neuhinzugetan hat Th. ferner die lose eingefügten Episoden von Gandin undvon Petitcriu; das Gericht über Isolde und ihre Bestrafung hatTh. als Er-zeugnisse einer roheren Kultur und dem höfischen Geschmack anstößig /ausgeschaltet und durch das sinnreichere Gottesurteil mit dem zweideutigenEid ersetzt; übergangen hat er das Eingreifen Artus' und die Wolfsfalle, undauch weiterhin wieder, nach dem Abbruch von G.s Gedicht, bis zu TristansTod bringt er eine Reihe ganz anderer Szenen.
Der Spielmann und sein Publikum, Ritter oder Volk, Leute derberen Schlags,haben ihre Lust an dem, was sie begreifen, am empirischen Geschehen, anden ergötzenden oder betrübenden Vorfällen, am bloßen Spiel der Dinge,am Stoff; die höfische Gesellschaft dagegen verlangt mehr, sie hat eine tiefereGeistesbildung. Th. hat sich aufs Gedankenhafte und Seelische eingestellt,er erkennt den Kausalzusammenhang zwischen den Ereignissen und denpsychologischen Bedingungen. So ist aus dem schadenfrohen Schelmenstückder Urfabel mit dem betrogenen Herrn Gemahl eine Tragödie seelischer Qualenund vernichteten Lebensglücks geworden. Auch durch Seelenmalerei also undReflexion hat Th. sein Gedicht weiter angefüllt, er läßt lange Gespräche führen,bringt Gelehrsamkeit herein, er ist Rationalist, er hat kein Verständnis fürsMärchenhafte (vgl. den Ausfall gegen die Erzählung vom Schwalbenhaar beiG. 8605 ff.). Aber seine höhere Kunst ist nicht immer die bessere: in seinereinfachen Schlichtheit und Natürlichkeit vermag oft der naive Spielmann stär-kere Wirkung auszuüben als der in die Schranken seiner höfischen Grund-sätze gewiesene, sentimentalisch gerichtete Dichter der adligen Gesellschaft.
Th. hat den Stoff nicht völlig beherrscht. Durch seine Änderungen hat eroft Widersprüche, Unklarheiten, Wiederholungen, Zusammenhangsstörungenhervorgerufen. Reden und Selbstgespräche, spitzfindige moralische Erwä-gungen mit fortwährend gleichen Gedanken überwuchern zuweilen die Hand-lung und werden manchmal geradezu langweilig, so z.B. in dem Gewissens-zwist bei der Hinneigung Tristans zu der zweiten Isolde mit den weitläufigenBetrachtungen des Dichters 53—420. 447—640. 641—74, ferner auch 991—1123. 1265—616. 1617—748. 2395—571. 2887—966.
Gotfrid und Thomas. Die unmittelbare Vergleichung 1 zwischen G. und
1 HEiNZELaaO.; A.BosSERT.Tristanetlseult, Germ. 11,493—97; Ders., La legende chevale-poemedeG.de Str. compareäd'autrespoemes i resque de Tr. et Is., Paris 1902, vgl. Golther,sur le meme sujet, Paris 1865, vgl. Lambel, | ZffrzSpr. 24, 143 f., Piquet, Kev. crit. 36,