302 Die erzählende Dichtung
§ 49. Die Quelle des Tristan
Quelle. 1 Im Prolog 131—166 nennt G. seinen Gewährsmann: Viele habendie Geschichte von Tristan erzählt, aber nur wenige haben sie richtig erzählt,in der Weise wie Thomas v. Britanje, der sie in britischen Chroniken gelesenhat. Thomas dichtete seinen Tristanroman zwischen 1155 und 1170 in Englandin anglo-normannischem Dialekt. Ob er selbst englischer Normanne war, istnicht sicher (in den Fragmenten seines Gedichts begegnet sein Name zweimal,2134 und 3125, bloß als „Thomas". Er folgt, wie er selbst 2120 (Bedier I,377) angibt, dem Breri. 2 Von diesem wissen wir nichts, vermutlich war er einwelscher Chronist aus der Bretagne oder aus dem britischen England. DieQuellenberufung, die G. hier in seinem Prolog bringt, hat er dem Thomas2107—23 nachgeahmt, was er also 150—54 überThom. sagt, das gilt eigent-lich von Breri. Ein zweites Mal nennt G. den Thomas 322—32, und zwarwiederum als den glaubwürdigen Autor gegenüber den Meinungen anderer.—Auch Eilharts Tristrant 3 hat G. gekannt, wie aus einigen wörtlichen An-klängen (etwa 16) hervorgeht. In fünf, meistens nebensächlichen Punktenbekämpft er dessen Ansicht: an der eben angeführten Stelle 322 ff. = Eilh.75ff.; 5967ff. = Eilh. 431 ff.; 8605ff. = Eilh. 1381 ff.; 8621 ff. = Eilh. 1473ff.;10875—78 = Eilh. 2053ff. 2106ff. 2115ff. Aber es handelt sich hier nicht umeine unmittelbare Polemik G.s gegen Eilh., da er wenigstens die vier erstenFälle aus Thomas entlehnt hat.
Von Thomas' Gedicht sind nur Bruchstücke von 5 Hss., im ganzen 3144 Verseauf uns gekommen. 4 Der größte Teil der von Th.s' Gedicht erhaltenen Verse(von 143 an, Bed. I, 266) fällt aber in die von Gotfrid nicht mehr bearbeiteteSchlußpartie, so daß beide, G. und Th., nur die V. 18199—313 (114 Verse) =Thom. 1—52 (Bed. I, 248—50) und 19424—552 (Schluß von G.sTr., 128 Verse)= Th.53—142 (= 78 Verse, Bed. S. 261—66) gemeinsam haben.
Durch Th. hat die franz. Tristandichtung die Wandlung von einer Spielmanns-geschichte~(3ie Estoire) zu einem höfischen Roman, von der alten Starrheit zumneuen poetischen Geist durchgemacht. Diese besteht sowohl in der Verfeinerungder rauheren Sitten und Erhöhung des inneren Gehalts als in der form-vollendeteren Darstellung. Es ist ein ganz neues Werk entstanden, schonim Umfang bedeutend erweitert (Th.s' Tristan umfaßte etwa 18000 V gegen7000 V. des Urtristan) durch neue Szenen und durch eine ausführlichere,
1 Ueb. Thomas: Bedier I u. II (bes. II, 37—55.95—103); HEiNZELaaO.; Novati, Studjdi filologia romanza 2,369 ff.; Golther, Sagev.Tr. u. Is. S. 101 ff., Tristanb. S. 138—165;Schoepperle pass. — Singer, Thomas' Tr. u.Benoit de Ste. Maure, ZfroraPhil. 33, 729 ff. u.Aufs. u. Vortr. S. 162—65, s. auch Singer,Wolframs Stil S. 22 ff.
2 Windisch, Das kelt. Britannien, Reg. unt.Bledhericus S. 292 u. Breri S. 293; Bedier II,95; Weston, Legend of Sir Perceval I, Reg.S.340. II, Reg. S. 349; R. S. Loomis, Mod.Lang. Notes 39,319 ff.; Singer, Abh. d. preuß.
Ak. 1918, 13 S. 10 u. Wolframs Stil S. 101;Zenker, Ivainstud., Reg. S. 349;. Brugger,ZffrzSpr.47,162-85; SchüRR, GRM.9,103f.;Bruce, Evolution 2, 285 f. 294; Ranke, Tr.u.Is. S. 273; Singer, Literis 3,128 f.
3 Burdach, Reinm. S. 74; Lichtenst., Eilh.S. CXCV- CXCVI1I u. Anz. 10,11; Bedier II,81—86; Piquet S. 143—45. 151. 162. 164.174. 177. 188. 226-28. 237. 282. 287. 296.306—10; Rreuss (s. unten), Anm. S. 8—10;Golther, Tristanb. S. 171 f.
4 Bedier II, 1—9; Piquet S. lff.