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Die erzählende Dichtung
Auch in seinen Minneliedern tritt uns Wolfram als einzigartige Persönlich-keit entgegen. Es ist wohl nicht bloßer Zufall, daß unter den acht Liedern,die wir von ihm besitzen, fünf Tagelieder sind gegen drei Werbelieder. Er,der große Erzähler, ist auch Meister des Tagelieds, jener lyrischen Gattung,in der die Empfindung in einem episch anschaulichen Momentbild verkörpertist und die so reich ist an poetischem Gehalt. Er faßt die Minne in lebens-kräftiger Sinnlichkeit, sie ist episch erlebt. Der Liebesbesitz fesselt seinLiebesleben, nicht der Erwerb, wie auch in seinen Epen seine Phantasiegern bei der ganzen Hingabe der beiden zueinander strebenden Seelenverweilt. Wie in seinen Romanen scheut er auch hier nicht vor der Ent-hüllung der innigsten Liebesnähe zurück; in seiner Zeit durfte man solcheswohl vor keuschen Ohren nennen. Die epische Situation wird durch denWächter, den erst Wolfram in das deutsche Tagelied eingeführt hat, dramatischverstärkt. — Die verbotene Liebesnacht naht dem Ende, am Horizont tauchtder fahle Schein des Morgens auf, der Wächter auf der Zinne verkündetden Tag und mahnt die Liebenden an ein Scheiden: durch wölken dringetein tagender glast, hiiet din, wache, süezer gast. Dann folgt die schmerz-liche Trennungsklage und eine letzte Umarmung. Dieses typische Schemades Tages- bzw. Wächterliedes wird variiert in 4, 8. 6, 10, in 3, 1 wird derWächter nur erzählend erwähnt, in 7, 41 bemerkt die Liebende selbst dennahenden Tag; auch sonst, z. B. im Zwiegespräch, herrscht Abwechslung.Das fünfte Tagelied aber, 5,34, ist eine „Absage an das Wächterlied": jetzt lehntWolfram diese erdichtete Vorstellung höfischer Minneschwärmerei ab. Seinemecht ritterlichen Geradsinn sagte solches Heimlichtun nicht zu und gegenüberder falschen Sentimentalität verborgener und unerlaubter Liebe gedenkt erseines eigenen Familienglücks und spricht im Geiste seines Parzival und Wille-halm von der wahren Minne, die doch nur ein eigen süßes Weib gewährt.
In den drei andern Liedern wirbt der Dichter bei einer spröden Dameum Erhörung. Es sind minnesingerische Huldigungen mit Anbietung desDienstes. Aber die Eigenart Wolframs spricht sich auch hier aus in derPhantasie der Sprache und Bildkraft. 1
Bringt man die Lieder in den Zusammenhang mit Wolframs Leben undDichtung, so lautet die Frage, wieviel biographische und psychologischeRealität liegt ihnen zugrunde? Das Ergebnis ist gering. Sie gehören zurkonventionellen Gesellschaftspoesie des Minnesangs, sind Dichtungen zur
Scherer, Dt. Stud. II, 50 ff. (106 ff.); Be-HAüHEL, Germ. 34, 488 ff. 36, 257; SCHÖN-bach, Anfänge des Minnesangs S. 20; Rich.Müller, ZfdA. 25, 50—57; Kück, Beitr. 22,94—114; Ludw. Grimm, Zeitgenossen S. 21—26; Domanig, Die Kultur S. 285 ff. Tage-lieder: Burdach, Reinm. S. 82 Anm.; Ders.,Ursprung des Minnesangs, Berl. Ak. 1918S. 1077; Roethe, Anz. 16,75 ff. (Besprechungvon de Gruyter, D. dt. Tagelied S. 75—97);
Ders., Rede S. 6. 8; Plenio, Zu W.s Liedstil,Beitr. 41, 47-128; L. Wolff, ZfdA. 61, 184;v. Kraus, D. Lieder Reinmars III, 1919, S. 15.1 Die drei letzten Strophen von 9, 3 habennichts von Wolframs ausgeprägtem Stil undsind ihm abzusprechen, während die drei erstenseine Ausdrucksweise tragen: Paul, Beitr. 1,203f.; Behaghel, Germ. 24, 288 90; Kück,Beitr. 22, 94ff.; Roethe, Anz. 16, 95; PlenioS.99f.