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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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295
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§ 44. Wolframs Titurel. § 45. Wolframs Lieder 295

Takte). Dadurch entfernt sich der Rhythmus von dem des gesungenen Liedesund kennzeichnet sich als gehobener Sprechvortrag. Allerdings steht derFormenrhythmus des gesamten Strophengebildes in harmonischem Zusammen-hang mit dem stark hervortretenden Stimmungsgehalt: das Übergewicht derklingenden Reime gibt der Abtönung einen weichen, verweilenden Ausklangund die lang hingezogenen Fünfhebungsverse rauschen dahin in getragenemPathos. 1 In langsam feierlichem Vortrag sind die erhabenen wie die kind-lichen Geschicke ausgesprochen. Aber episch geeignet zu fortschreitendemFluß der Erzählung ist diese Reihe lang ausholender Verse nicht. Am sinn-fälligsten tritt die seelische Wirkung der Titurelstrophe ins Gehör, wenn mansie mit der Nibelungenstrophe vergleicht. Dort in dem Heldengedicht derkraftvolle Versabschluß der stumpfen Reime, hier in dem höfischen Minne-roman die geringere Energie der klingenden Ausgänge. 2

Die dunkle Manier des Stils erhöht den feierlichen Eindruck der Vortrags-weise. Die Stilmittel sind die gleichen wie im Parzival und Willehalm: Be-ziehungen zu seinem Ich (Ich-Sätze), Anrede an die Hörer, Berufungen aufdie Quelle (Stellen bei Rogozinski S. 10 ff.), sprichwörtliche Erfahrungssätze(17, 4. 86, 4. 87,4), franz. Wörter mit deutscher Übersetzung (143,4. 151,1 u.152,4), eigene Wortbildungen (Rog. S. 36 f.). Aus dem Stil des Volksepos,den Nibelungen, stammen die Hindeutungen auf die Zukunft (LeitzmannS. 142 f.; Rog. S.25f. 54). Frisch und erdkräftig heben sich in dieser Ideal-welt kleine Bilder aus dem unmittelbaren Leben, Genrebilder, ab, wie diekindliche Bitte der kleinen Sigune 30, der angelnde Liebhaber 154. 159.Seinem eigenen Lebensempfinden gewährt der Dichter auch hier Spielraum:sein Familien- und Kindersinn 18.30.54.86, das unbefangene Enthüllen weib-licher Reize 36. 81. Und so ist die romantische Geschichte doch stark inkulturgeschichtlicher Wirklichkeit begründet: die Regierungsübergabe, dieLebensgeschichte der Schoysiane (Werbung, Hochzeit, Geburt des Kindes,Tod der Mutter, ihr Begräbnis, Vater und Oheim entsagen dem ritterlichenBeruf), Kindererziehung 25 ff. usw.

§ 45. Wolframs Lieder 3

H s s.: Lachmann S. XIXIV: Die Liederhandschriften A (ein Lied); B (drei Lieder); C (sechsLieder); zwei Lieder in d. Münchn. Parz.hs. G, abgedr. bei Piper, Nachtr. S.366, s. PetzetS. 33-35.

1 Der Grund, weshalb Wolfr. seinem Titurel-roman Strophenform gab, lag wohl nicht indem lyrischen Einschlag (Franz S. 49 ff.). Esist fraglich, ob für ihn und seine Zeitgenossenstrophischer Bau als besonders lyrisch, lied-haft galt. Den Epigonen jedenfalls nicht, vgl.Wartburgkrieg, Lohengrin, Jung. Tit. Nibe-lungenlied und Gudrun haben ja den gleichenstrophischen Typus, andere Heldenepen sindebenfalls in Strophen gegliedert. Vielmehrdürfte W. diese für ein höfisches Epos eigen-artige Form statt der gewöhnlichen Reimpaaredeshalb gewählt haben, weil es in seiner Natur

lag, etwas Besonderes zu bringen, etwas Eigen-artiges, also aus psychologischen Gründen, wiesein dunkler Stil und die Erfindung seltsamerGeschichten, wilder tncere.

* Man lese z.B. nacheinander die beiden in-haltkräftigen Strophen Tit. 2 und Nib.lied 186(Bartsch). Eine Mittelstellung zwischen derNibelungenstrophe u. der Titurelstr. nimmtdie der Gudrun ein, wie auch das Gudrun-lied in seinem seelischen Gehalt milder ist alsdas Nib.lied.

3 Lit.: Panzer S. 68; Ausg. s. oben S. 213;Martin II S. XIVXVI. Paul, Beitr. 1,202 ff.,