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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

dauernde Lebensglück, die Kinderliebe im Titurel ist ein süßes, rasch dahin-schwindendes Geheimnis. Sie fällt einem Standeswahn zum Opfer. Durchdas unglückliche Ende wird das Unsinnige der übertrieben höfischen Gesell-schaftsformen dargetan. Dem gesunden Sinn Wolframs widerstrebt das imGrunde nur spielerische Dienen um Minne. Aber Sigune sühnt ihre Betörungdurch eine höhere sittliche Kraft, die Treue.

Uns liegt ein solches Empfinden fern, es ist ja auch nur Auswuchs einesbestimmten Kulturgeistes, der nur unter diesen einmaligen Bedingungen, derhöfischen Formbildung, geworden ist. Um es zu begreifen, daß der Dichteran eine Nichtigkeit wie den Kinderminnedienst ein so hohes Pathos ver-schwendet, müssen wir uns in die Denkweise der Zeit versetzen. Aber auchunmittelbar, ohne dieses Medium des Verstandes, werden wir doch von dieserSchöpfung Wolframs einen tiefen Eindruck erhalten. Überall empfinden wirdie Wärme dichterischen Gemütes, mit Rührung ergreift uns das Sehnen zweierjugendlicher Herzen und das Leiden vieler treuer Menschen. Und zu denschönsten Blüten unserer mittelhochdeutschen Literatur gehört die an Tönedes Volksliedes erinnernde Liebesklage Sigunes 11720: Umsonst nach liebemFreunde geht abends all mein Schauen, Aus Fenstern über die Heide, aufdie Straße und nach den lichten Auen ... So geh' ich aus dem Fensterwieder an die Zinnen: da schau' ich ostwärts, westwärts, ob ich sein würdeinnen, der mein Herz so lang schon hat bezwungen.

Metrik. Auch durch die Wahl der künstlerischen Form hat Wolfram seinemTiturel einen eigenartigen Ausdruck verliehen und seinen persönlichen Cha-rakter aufgeprägt. Ein höfisches Epos in Strophen. Er, der Freund der volks-tümlichen Literatur, hat auch diese selbstgeschaffene höfische Erzählung indas Gewand des nationalen Heldenepos gekleidet. 1 Die Strophe ist eineWeiterbildung von der des Nibelungenliedes, V. 1 und 2 sind gleich V. 3und 4 der Gudrunstrophe. Das Charakteristische der strophischen Architekturliegt in folgenden metrischen Formteilen: alle vier Verse, auch die Halb-zeilen, gehen klingend aus (zuweilen nur die ersten Halbzeilen); die dreimaligeWiederholung der gedehnten Verse 2. 3. 4 von fünf Hebungen klingend;die Verkürzung des 3. Verses auf eine Halbzeile, wodurch die Länge dervierten Langzeile um so stärker ins Gehör und in die innere Auffassungfällt, so daß damit die ganze Strophe mit Zeile vier einen gewichtigen Ab-schluß gewinnt. Die Rhythmik der Verse ist insofern ziemlich frei, alsregelmäßiger Wechsel von Hebung und Senkung nicht als Gesetz gilt. Häufigfehlen die Senkungen (Zusammenziehung, einsilbige Takte), seltener begeg-net die umgekehrte Freiheit, zweisilbige Senkung (Auflösung, dreisilbige

1 Lachmann S. XXVIII; Müllenhoff, Z.Gesch. d. Nib.not S. 15; Pfeiffer aaO.;Bartsch, Germ. 13,1 ff.; E. jANDER.Ueb. Metriku. Stil in W.sTit., Rost. Diss. 1883; Stosch,ZfdA. 25,189ff.; Borchling S. 110ff.; Leitz-mann S. 128ff.; P. Rogozinski, D.Stil inW.s

v. E. Tit., Jen. Diss. 1903, 42 ff.; Franz S. 49 ff.;Pohnert S. 2380, dazu Martin, Anz. 34,112 f.; Leitzmann, ZfdPh. 41, 5351; Roethe,Anz. 39,174f.; Saran, Verslehre S. 262. 269.295f.; Plenio, Beitr. 41, 58. Martin IIS. LXXXIIILXXXV.