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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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292 Die erzählende Dichtung

über Sig. und Schion. erzählt wurden, war ihm schon der Aufbau gegeben.Demgemäß führte er zunächst das erste Bruchstück aus, wofür ihm dieGrundlinien im Parz. vorlagen. Ferner war ihm im Parz. vorgezeichnet derdurch das Brackenseil bedingte Tod Schionatulanders: die Geschichte desverhängnisvollen Halsbandes arbeitete er dann im zweiten Fragment aus.Fragm. I ist ein in sich fertiger Abschnitt, die letzte Strophe, 131, enthälteinen deutlichen Schluß; auch der jüngere Tit. 781 macht hier einen Ab-satz. Wie I ist auch II mit dem zusammenfassenden Eingang (Sus) und dervorausdeutenden Betrachtung in der letzten Strophe, 170, scharf begrenzt.Zwischen I und II aber fehlt die vermittelnde Situation: die erste Strophevon II, 132, setzt einen bestimmten Vorgang voraus (Sus). Dieses Zwischen-stück hat Wolfram zunächst offen gelassen, er fand dafür im Parz. keineWinke. Auch für die fehlende Schlußepisode, Schionatulanders Kampf mitOrilus und seinen Tod, war im Parz. nichts vorgearbeitet als diese nackteTatsache. Geplant war also ein Liebesroman, dessen Held Schion. war, Str. 39.Fertig wurden nur die zwei Bruchstücke. Es fehlten wohl nur noch zweiEpisoden, das Mittelstück zwischen I und II und der Schlußabschnitt. DerUmfang des ganzen Romans würde nicht beträchtlich gewesen sein, denndie zwei ausstehenden Episoden hätten doch in dem Umfangverhältnis zuden beiden fertigen Teilen stehen müssen. Das fehlende Zwischenstück brauchtenur kurz die Rückkehr Schionatulanders vom Baruc zu enthalten, 1 nachdemGahmuret im Kampf gefallen war, Parz. 14, 3 ff. 101, 20 ff. 106, 7 ff., sowiedas Wiederzusammentreffen mit Sigune und die Waldreise, 2 vielleicht auchdie Erwähnung von der Verteidigung von Gahmurets Erbland, nach P. 141,27. Dagegen hätte der Schlußteil Gelegenheit zu ausgedehnter Kampf-schilderung und reichlicher Totenklage gegeben.

Minne 3 ist der Leitgedanke des Gedichtes. Der Dichter stellt selbst seinThema fest: Ich seit in von ir kintlicher minne vil Wunders 52, ich wilkünden in von magtuomlicher minne 37, von der Minne zweier Kinder willer erzählen, von jungfräulicher Minne. Aber wie unsere stärkeren mittelhoch-deutschen Epiker nicht nur unterhalten, sondern auch sittlich wirken wollten,so ist auch hier das Lebensschicksal Symbol einer ethischen Idee: Owe minne,waz tone din kraft ander kinder? 49, Owe des, si sint noch ze tump zesolher angest 48, vgl. 46,3. 47,2 ff. 71, 2. 102. 127. Diese hier erzählte Aven-tiure ist nur eines der unzählbaren Beispiele für die Macht der Minne. Sobirgt der Roman eine Minnelehre in sich und die Gespräche der Liebendensind gehalten in der konventionellen Auffassung der höfischen Minnetheorie.Es ist die hohe Minne, die Sicherheit und scelde verleiht 3, äne wanc und

1 Str.40 wird gesagt, Gahm. habeSchion. vomBaruc wieder nach Waleis zurückgebracht. Dasist ein Widerspruch mit Str. 73 f., eine Ver-mischung der zwei Fahrten Gahmurets nachder Heidenschaft. Nach Waleis konnte jaGahm. von der ersten Fahrt nie zurückgekehrtsein, da er dieses Land erst durch die Heirat

mit Herzel. erhielt und auf der zweiten Fahrtin der Heidenschaft umkam.

2 Der Verfasser des jung. Tit. bringt die Aus-füllung in Str. 7801139.

3 Burdach, Reinm. S. 126; Schwietering,Festschr. Ehrism. S. 42 ff.