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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 43. Wolframs Willehalm 285

mittel 99, 2228; Willehalm, der zollfrei reisende Ritter und seine Händel mitden anrückenden Bürgern in Orlens 112, 3117, 26; die rohen Auftritte amKönigshof, bes. 147, 11148, 2.

Die Bedeutung dieses ritterlich-religiösen Gedichtes ist in dem einmaligenhistorischen Ereignis nicht erschöpft, es erhebt sich zum Symbol einer Welt-anschauung, deren Grundstimmung tragisch ist. Wolfram selbst nenntsein Werkeine Klage" 1 4, 25-29, die er und viele (Christen), Mann undWeib, in mitfühlendem Herzen bewahrt haben seit Jesus die Taufe empfing(d. i. seit Entstehung des Christentums). Nur durch Kämpfe und Leiden kanndie Gottesidee auf Erden durchgesetzt werden. Von Klagen und Sorgen istdas ganze Gedicht, bes. aber der erste Teil, erfüllt, Willehalm ist durch-drungen von der Tragik seines Geschicks, mitten in seinem Herzen lag derUrgrund der Sorge, der Schmerz um den Verlust seiner Verwandten und umGyburgs Not 162,10163,10 u. ö. In langgedehnten und oft wiederholtenTotenklagen strömt das Pathos des Schmerzes, sie vor allem, besondersdie sentimentalen Klagen um das frühe Ende des jungen Helden Vivianz,sind die stimmungstragenden Stoffteile 60, 2164, 30. 67, 930. 101, 27102, 30. 152, 127. 164, 10165, 13. 167, 1168, 30. 452, 15456, 24(Klage um den vermeintlichen Tod Rennewarts) 459, 21460, 26; zuweilenbeschwichtigen Klagetröster die Erregung. Aber auch die Heiden mußtengroße Verluste beklagen 7, 238, 23.106,6107,12 u.ö. Bei allem Kampfes-mut und begeisternder Hingabe der Helden an ihre Gottesidee wird dochdieser Krieg mit seinen unsagbaren Opfern als ein großes Leiden empfundenund die in dieses verketteten Personen sind leidende, tragische Gestalten,die Christen sowohl als die Heiden; aber der Siegesjubel der himmlischenHeerscharen überjauchzt alles irdische Leid. Die tragische Schuld lastetauf Gyburg, und sie ist sich dessen wohl bewußt, daß aller Jammer vonihr kommt, aber die Huld Gottes und auch zum Teil die Liebe zum Mark-grafen war ihr Schicksal 7, 238, 1. 306, 1. 1217. 310, 830. 350, 5 f.,und der Dichter spricht sie frei von Schuld, denn sie hat sichdes Wortes"wegen taufen lassen, das uns erlöste 30, 2131, 20.

Es herrscht das große Lebensgesetz vom Wechsel von Glück und Leid.Wolfram weiß es über der Welt walten, es ist die Erfahrung seiner undaller Zeiten (280, 7281, 16): Nach trürn solfreu.de etswenne komn, damithat die Freude eine an ihr wohlbekannte Eigenart angenommen: denn jämerist unser urhap (Anfang), mit jämer kom wir in daz grap, ine weiz (ich

1 Klage als Dichtgattung s. oben S. 155.Klage ist hier die Trauer über die Tragik dervon den Feinden und Ungläubigen bedrohtenChristenheit das eben ist der Inhalt des Ge-dichtes- , nicht allgemein.Trauer über den Welt-lauf überhaupt. Die vielen Klagen im Gedichtebetreffen immer die schweren Kämpfe u.Ver-luste der Christen oder zuweilen auch derHeiden. Die Zeitangabe der Taufe Jesu be-

deutet den Anfang des Christentums, nicht dender Welt. Der weltgeschichtliche Moment, vondem das Gedicht ausgeht, liegt in der TaufeJesu. Auch im Eingang des Parz. sprichtWolfr. nur von fröud? und angest dirre även-tiure, d.h. von der nun folgenden Erzählung;s. ZfdA. 49, 462; Palgen, Beitr. 44, 239 f.;Wallner,' ebda 47, 22125.