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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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284 Die erzählende Dichtung

Charakterfiguren ein starker und lebendig wirksamer Kontrast zwischen derersten, unglücklichen und der zweiten, siegreichen Schlacht hervorgerufen.Der Markgraf hat den ursprünglich heidnischen Küchenjungen zu einemfür die Christen kämpfenden Ritter erzogen 191, 22. Aus dem gewalttätigenKnecht wird allmählich ein manierlicher Edelknabe und schließlich wächster sich zu einem Befreier der Gottesstreiter aus. Dieses Wunder ist voll-bracht durch Menschengüte. Die angeborene, durch Bosheit und Unverstandseiner Umgebung unterdrückte edle Natur des zum Küchenjungen erniedrigtenFürstenkindes erblüht unter der Freundlichkeit seines neuen Herrn 194, 2.213, 5 u.ö. und unter Gyburgs Güte, und das wundersamste der Wunder,die Liebe, löst das zurückgehaltene Gemüt zu höherer innerer Schönheit auf.

Die Geschichte Rennewarts ist, aus dem Gesamtplan des Gedichtes los-getrennt (190, 25191, 18. 272, 130. 282, 19285, 22. 291, 11-29312), eine Märchennovelle, die aus bekannten Erzählungsmotiven zusammen-gesetzt ist. Zugrunde liegt das Dümmlingsmärchen: ein junger Menschvon hoher Geburt wächst in niedriger Stellung auf, kommt in die Welt underringt durch seine Tüchtigkeit ein Weib und hohes Ansehen. LebensvolleAusgestaltung erhält das allgemeine Schema durch einzelne Sonderzüge:der Knabe wird durch Kaufleute entführt, an einen fremden Hof gebrachtin niedere Dienste wird er Gespiel einer Prinzessin (Kinderliebe); ein Be-freier erhebt ihn aus seiner Schmach, diesem leistet er tapfere Hilfe (Renne-wart der riesische Helfer), befreit sein Land und erringt die Königstochter.Bekannte Typen sind zusammengeflossen: der von Kaufleuten geraubte Tri-stan; Taillefer Aschenbrödel; Kinderliebe und Trennung in der Flore-Sage,auch bei Sigune und Schionatulander; Wate in der Gudrun als riesischerHelfer, ebenso Asprian und Widolt im König Rother. 1 Wolfram selbst schwebtebei der Zeichnung des Rennewart sein Parzival vor: Rennew. besaß eben-solche Schönheit und Kraft wie der junge Parzival und ebenso war ihmtumpheit zugesellt; keiner von beiden war seiner Herkunft gemäß erzogen,darum waren sie beide um ihre Edelkeit betrogen Wh. 271, 1526.

Der Willehalm hat einen ausgeprägt kulturgeschichtlichen Hinter-grund und viel realistischen Einschlag. Historisch gegeben ist das Eingreifendes Orients in das Abendland. Durch die Masse der Heidenschaft ist dasMorgenland (Asien, Afrika) vertreten und Wolfram zeigt auch hier sein Inter-esse an fremdländischem Wissen: merkwürdige Völkerschaft 35,336,4;Rüstung aus Samargön (Samarkand) 125, 819; Speisen aus Samarkand,Indien usw. 447, 1229; Verwünschen in ferne, fremde Länder 141, 1123; heidnische Sprache 192, 6193, 5; heidn. Verfassung 434, 15. Dashistorische Kolorit wird verstärkt durch realistische Einzelheiten: Mahl-zeiten 103, 2325. 133, 11134, 19. 447, 12448, 17; medizinische Heil-

1 Zu den Motiven vgl. Bolte-Poüvka 1,183.3,110 f.; Deutschbein, Stud. zur engl. Sagen-gesch. S. 103-20,149 f.; Panzer, Hilde-Gud-run bes. S. 126 ff. 286 ff.; Ders., Italien. Nor-

mannen in deutscher Heldensage 1925 S.76f.;Arendt, D. Riese im mhd. Epos, Rost. Diss.1923 S. 14 ff.