§ 43. Wolframs Willehalm 283
durchmachen durch äußere Schicksale und innere Leiden, eine Selbsterhöhungin der Einzelseele, Willehalm hat von jeher seine feste Aufgabe in demallgemeinen Ziel, der Stärkung des Gottesreiches auf Erden. Vier Schichtenin der Hinordnung zu Gott stuft das religiöse Weltbild ab, das Wolfram inden beiden Bekenntnisdichtungen aufbaut: auf der untersten stehen dieUngetauften im Willehalm, zwischen ihnen und dem weltlichen Ritter Gawanliegt die tiefe Kluft des Glaubens, Parzival ringt sich zu der höheren Stufedes christlichen Ritters auf, Willehalm, der Gottesstreiter, hat die höchste welt-liche Stufe des Seelenweges erreicht; durch sein weltentsagendes Mönchtum,das aber jenseits von Wolframs Gedicht liegt, erhebt er sich über die welt-liche Schicht zur reinen, geistigen Frömmigkeit, wie Trevrizent, der Ein-siedler. Parzival und Willehalm vereinigen in sich die Eigenschaften desidealen Rittertums, wie es Wolfram vorschwebt, jeder in anderer Menschheits-form: Tapferkeit und eheliche Liebe, getragen von der Arbeit um dashöchste Gut, die Gottesnähe.
Die Heiden sind nur typisch geschaut als tapfere Welt- und Frauenritter,sie sind nicht individuell abgestuft, sondern etwa nur nach äußerer Macht-und Prachtentfaltung. Hervor treten die Führer, an ihrer Spitze Terramerund Tybalt, die durch den Verlust der Tochter und Gattin am meisten inMitleidenschaft gezogen sind. Auf die Masse kommt es an und auf denGlanz vieler fremder Namen.
Das seelische Leben kommt bei den Christen zur Entfaltung. Um Wille-halm sind die Getreuen geschart, und hier bestimmt der Stoff die Per-sonenverteilung. Im Mittelpunkt der ersten Schlacht steht die Aristie desVivianz. Dieser jugendliche Held und Glaubensmärtyrer ist die Lieblings-gestalt und das poetische Idealbild des ganzen Gedichtes, und die Rührungüber sein frühvollendetes Geschick zieht als Unterströmung durch die Ge-samtstimmung. Sein Ende ist von dem Glänze der Engelspoesie verklärt,Kerubin selbst erscheint ihm als Bote Gottes, da ihm die Sinne schwinden,und noch hat er die Kraft, vor seinem Oheim die letzte Beichte abzulegen,in der er als seine schwerste Sorge ausspricht, ob er auch seine Treupflichtrecht erfüllt habe.
In der zweiten Schlacht zeichnet sich Heim rieh, der Vater Willehalms,mit seinen vier (fünf) Söhnen, Willehalms Brüdern, besonders aus. Aber auchim Rate hat er die erste Stimme 300, 1 ff. und die höfischen Obliegenheitenbei Empfang und Festmahl leitet der alte, wohlwollende Herr als voll-endeter Kavalier. In dieser zweiten Hälfte des Gedichtes tritt nun aber eineneue, der ersten fremde und fremdartige Persönlichkeit auf, die dem äußernVerlauf und dem innern Empfindungsgehalt eine ganz andere Wendunggibt: die Märchenfigur des Rennewart. Vivianz, der ernste Held einesTrauerspiels, wird abgelöst durch den frischfröhlichen Draufgänger einesSpielmannsstücks. Wieviel auch Wolfram die brutale Posse des französischenSpielmannsepos ins Ritterliche veredelt hat, so ist doch durch diese beiden