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282 Die erzählende Dichtung
Willehalm die Tugenden des gefangenen Heidenkönigs 461, 23 ff. und läßtihn frei mit dem Segen Gottes: dem der der sterne zal wetz unt der unsgap des mänen schtn, dem müezet ir bevolhen sin 466, 30. Aber freilich,die harte Wirklichkeit lautet anders: daß man die Heiden zusammenschlugwie das Vieh, als große Sünde muß ich das ansehen: ez ist gar gotes hant-getät 450, 15—19 (vgl. 81, 12 ff.). So klagt Wolfram.
Ein Vergleich von Wolframs Willehalm mit dem Rolandslied des PfaffenKonrad (s. Bd. II, 1, 273 ff.) zeigt die Kulturwandlungen im Rittertum vom12. auf das 13. Jh. in der Verfeinerung der Sitten und der Veredlung mensch-licher Gesinnung. Sie entsprechen der Entwicklung vom wilden Fanatismusdes ersten Kreuzzugs zu den humaneren Formen des internationalen Rittertumsder späteren Züge. Der Gegensatz zwischen Christen und Heiden ist indessenauch im Rolandslied 1 nicht ausschließlich, denn auch da sind jene nicht absolutschlecht, sondern ebenfalls nur moralisch minderwertiger als die Christen.
Der Grundgedanke des Gedichtes, der Glaubenskampf um das Christen-tum, ist verkörpert in den Charakteren. Der Typus des christlichen Ritterserreicht in dem Helden, dem heiligen Wilhelm, eine erhabene Größe. Erentspricht der Idee des höchsten Rittertums, das ist die Vereinigung vonNatur und Gnade. Wolfram entwirft sein Bild in der Einleitung 2, 26—4,18. Auch er war ein sündhafter Mensch, aber Gottes Gnade verlieh ihmdie Kraft, durch sittlichen Charakter zu sühnen. Kiusche und diemuot hater mit des Höchsten Hilfe erstritten. Aber mit dem Gottesstreben hat er dieweltlichen Ideale von Heldentum und Minne vereinigt, er hat die Herzensnotder Minne gekostet, ritterlicher Kampf war seine Freude und er stand inhohen Ehren bei der Welt. Darum ist er ein Gottesbote, der Schutzpatron(helfaere) der Ritter. Das ganze Gedicht ist eine Beleuchtung seines Charakters,der seine schönste, göttlich-menschliche Höhe in der Duldsamkeit entfaltet.
Gyburc ist die weibliche Ergänzung zu Willehalm, erfüllt wie er vonchristlicher Frömmigkeit und dabei von reiner Minne. Sie ist Heroine undliebendes Weib, heldenmütig zugleich und voll Güte (bes. 95, 3. 99, 15—103, 21. 226, 29 ff. 272, 1. 290, 1 ff.) und sie, die einstige Heidin, ermahntdie Christen zum christlichen Gebot der Barmherzigkeit. Darum verehrt sieder Dichter wie eine himmlisches Glück verleihende Heilige 403, 1—10.
Im Willehalm wie im Parzival hat Wolfram das ihn bewegende Gedanken-problem durchdrungen: die Stellung des Menschen zu Gott, die irdischeZeitspanne und die jenseitige Erfüllung, wobei naturgemäß der religiöseGrundton in der Legende viel stärker ausgeschöpft ist als in dem Ritter-roman. In den beiden Helden stellt er zwei Typen des religiösen Menschendar: Parzival ist der aus dem Irrtum zum Glauben gereinigte Zweifler, Wille-halm der von Anfang an in sich gefestigte Gläubige; jener strebt zum Be-sitz des Heils, dieser trägt es in sich. Darum muß Parzival eine Läuterung
1 Singer S. 11; Naumann, Festschr. Ehrismann S. 80 ff.; GOnth. Müller, Dt. Viertel-jahrsschr. 2, 703.